Nnterhastlmgsblatt des vorwärts - Nr. 157. Mittwoch, den 14. August. 1S01 (Nachdruck verboten.) 041 N v b e i k: Nonian in dre! Büchern von Emile Zola. Aus dein Fralizvsischcn übersetzt von Leopold R o s c n z w e i g. LcnitcS, sorgloses Lachen erscholl von allen Seiten Nnr ein Spiel war ganz in Vergessenheit geraten: das voil Mann und Frau, denn die Kinder fühlten sich alle nur als unterschiedslose Kameraden. Da sie miteinander aufivlichsen und nicht mehr von einander getrennt ivurdcn, hatten sie Zeit genug, einander besser kennen und lieben zu lernen, wenn sie erst ins wirkliche Leben hinauskamen. Ein schöner, kräftiger Iuuge von neun Jahren warf sich Lucas iil die Arme und rief: „Guten Morgen, Großvater I" Es ivar Maurice, der Sohn von Therese Fromcnt, die einen Morfain geheiratet hatte, Raymond, den Sohn des gutmütigen Riesen Dada und der Houorine Caffiaux. „Ah", sagte Suzanne,„da ist meine Nachtigall I Nun, Kinder, wollen wir nnsern schönen Chor hier auf dem Rasen unter den großen Kastauicnbnumen wiederholen?" Schon war sie von einer kleinen Schar umringt. Nuter den etwa zwanzig Kindern befanden sich zwei Knaben und ein Mädchen, die Lucas küßte. Ludovic Boisgelin, elf Jahre alt, war der Sohn von Paul Boisgelin und Antoinette Bounaire, die Frucht jener von der siegreichen Liebe ge- schlosseucn Verbindung, die das erste Zeichen der nahen Verschmelzung der Klassen gewesen war. Felicien Bonnaire, vierzehn Jahre alt, war der Sohn Severin Boluiaircs und Leonies, der Tochter von Achille Gourier und von Vlauchcn, dem Paare, das die freie Liebe auf den rauhen und duftenden Hängeil der Monts Bleuscs vereinigt hatte. Germaine Hvoiinot endlich, scchszehn Jahre alt, ivar die Enkelin Ivonnots, des stellvertretenden Vorstands von Combettes, die Tochter semes Sohnes Nicolas und Zoe Bon- naires, ein schönes, fröhliches Kind, in welchem sich das briiderliche, so lange verfeindet gewesene Blut des Arbeiters und deS Bauern dennischt und versöhnt hatte. Lucas machte cS Vergnügen, die verwickelten Strähne dieser Verbindungeil, dieser fortwährenden Kreuzungen zu entwirren, er kannte genau die Abstamniung aller dieser jungen Menschenkinder und freute sich innig au dem unaufhörlichen Wachstum, an dein reichen Sprießen der Mcnschheitssaat, die seine Stadt iinnier mehr bevölkerte. „Jetzt sollen Sic das Lied hören," sagte Suzanne.„Es ist ein Lied an die aufgehende Sonne, ein Gruß der Jugend ail das Gestirn, das die Ernten zum Reifen briilgt." Auf dem von großen Kastanienbäumcn umgcbeiien Rasenplatz hatten sich mittlerweile etwa fünfzig Kinder versammelt, und ans etil Zeichen Suzannens erhoben sie ihre frischen, hellen, fröhlichen Stimmen. Es war ein kunstloses Lied, ein Wechselgesang zivischen einem Knaben und einem Mädchen, mit Begleitung des Chors. Tie Kinder sangen so fröhlich. so voll naiver Begeisterung für das segensreiche, er- leuchtende Gestirn, daß ihre dünnen, etwas herben Stimmen eine erquickende Wirkung hervorbrachten. Der Knabe, Maurice Morfain. der mit Gcrmaine Ivounot im Sologesang abwechselte, hatte in der That eine süße, glockenreine Stimme, deren Flötentönc leicht und mühelos aus seiner Kehle drangen. Und im Chor vereinigten sich dann alle Stimmen schmetternd wie die einer Schar lustiger Singvögel im Walde, so daß es prächtig zu hören war. Lucas lachte voll inniger Großvatcrfreudc. und Manricc warf sich ihm nach Beendigung des Liedes stolz und glücklich wieder in die Arme. „Es ist wirklich wahr, mein Junge, Du singst wie eine Nachtigall. Darüber freu' ich mich sehr, denn siehst Du, im Leben wirst Du dann auch singen, wenn einmal sorgenvolle Stunden kommen, und das wird Dir Mnt geben. Man muß niemals traurig sein, Kind, nnr immerzn singen!" „DaS sag' ich ihnen auch immer!" rief Suzanne.„Alle Menschen sollten singen, und darum lehre ich sie es, dännt sie hier in der Schule singen, und später in den Werkstätten, und dann ihr ganzes Leben lang. Ein Volk, das singt, ist ein gesundes und fröhliches Volk." Sie lehrte ohne jede Selbstgefälligkeit und ohne Strenge, am liebsten mitten im Grün des Gartens, bloß von dem Verlangen geleitet, die jungen Seelen für die Schönheit der Kunst zu erschließen, sie am süßen Wohlklang der Harmonie zu erquicken. Wenn erst der Tag der Gerechtigkeit und des Friedens gekommen war, sagte sie, so würde die ganze Stadt singen unter der hellen Sonne. „Also, Kinder, noch einmal und hübsch im Takt! Beeilt Euch nicht, wir haben Zeit." Der Gesang begann anfs neue. Aber gegen Ende des Stücks entstand eine Störung. Hinter den Kastanienbäumen war inmitten eines dichten Gebüsches die Gestalt eines Mannes aufgetaucht, der scheu und verstohlen daherkam. Lucas hatte Boisgelin erkannt und sah init Erstaunen, wie jener vor- gebeugt, die Augen auf den Boden geheftet, dahinschlich, als ob er nach irgend einem Versteck, einem verborgenen Loch inmitten der Gräser suchte. Dann begriff er, daß der arme Irre offenbar nach einem kleinen Winkel Umschau hielt, wo er seine ungeheuren Reichtümer verbergen konnte, damit man sie ihm nicht stehle. Oft sah man ihn so ängstlich, vor Furcht zitternd, umherirren, sich verzweifelt abmühend, einen Aufbewahrungsort für seinen Ueberfluß an Schätzen zu finden, der ihn erdrückte. Lucas ward von schauderndem Mitleid bewegt, besonders als er sah, daß die Kinder ob der seit- sanien Erscheinung erschraken,>vie eine Schar lustiger Finken, die das taunrelnde Flattern eitles Nachtvogels in die Flucht jagt. Suzanne, ein wenig blaß geworden, rief laut: „Takt halten. Takt halten, Kinder! Noch einmal den Schlnßrcfrain und recht aus voller Brust!" Die scheue Gestalt Boisgelins tvar gleich einem Schatten hinter den blühenden Gebüschen verschwunden. Und nachdem die wieder beruhigten Kinder den Gruß an die Königin Sonne zum letztenmal fröhlich hinansgeschmettert hatten, belobten Lucas und Suzanne die junge Sängerschar und entließen sie zu ihren Spielen. Dann begaben sich die beiden zu den Lehr- tvcrkstätten auf der andern Seite des Gartens. �Sie haben ihn gesehen," sagte Suzanne leise, nach einem Schweigen.„Ach, der Unglückliche, welche Angst stehe ich um ihn ans!" Und als Lucas bedauerte, daß er nicht hatte zu Boisgelin hingehen können, um ihn nach Hause zu führen, rief sie: „Er wäre ja nicht mit Ihnen gegangen, Sie hätten ihn denn gewaltsam mitgeschleppt. Ach Gott, ich sage. Ihnen ja, meine einzige Furcht ist, daß man ihn eines Tages irgendwo zerschmettert in einem Abgrund findet I" Sie schiviegen wieder und erreichten bald die Lehrwerk- statten. Viele Kinder verbrachten hier einen Teil der Er- holungsstunde mit Hobeln oder Feilen, mit Nähen oder Sticken, während andre auf einem Stück Gartengrund den Spaten oder das Jätmesser handhabten. Sie fanden Josine in einem großen Räume, wo Nähmaschinen, Strickmaschinen und Web- stähle nebeneinander in Gang waren und von Knaben oder Mädchen gelenkt wurden; denn auch außerhalb der Schule blieben die Geschlechter vermischt, fuhren sie fort, ein gemein- sames Leben zu führen, teilten sie ihre Arbeiten und ihre Vergnügungen, ihre Pflichten und ihre Rechte, so wie sie ihren Unterricht geteilt hatten. Heller Gesang erscholl, ein fröhlicher Wetteifer belebte die Werkstätte. Hören Sic, sie singen!" sagte Suzanne, wieder heiter geworden.„Sic werden immer singen, meine Singvögel." Jvsine zeigte einem großen, sechzehnjährigen Mädchen, Clementine Burron, wie sie es anstellen müsse, um ein ge- wisses Stickmuster auf der Maschine herauszubringen. Und ein neunjähriges Mädchen, Aline Boisgelin, wartete, bis sie fertig sei, nnr sich zeigen zir lassen, wie man eine Naht aus- bügelt. Clvincutiue, die Tochter von Sebastian Bourron und Agathe Fanchard war väterlicherseits die Enkelin des Puddlers Bourron und mütterlicherseits die Enkelin des Ausziehers Fauchard. Aline, die jüngere Schwester Ludovics, Tochter von Paul Boisgelin und Antoinette Bonnaire, lächelte ihrer Groß- mutier Suzanne fröhlich zu, deren Liebling sie war. „Weißt Du, Großmutter, das Ausbügeln kann ich noch nicht, aber ich mache schon ganz gerade Nähte. Nicht wahr, Tante Josine?" Suzanne küßte sie und sah dann zu, wie Josine ihr eine 'Naht zum Muster ausbügelte. Auch Lucas interessierte sich sehr für diese kleineu Arbeiten, denn er wußte, daß es nichts Unbedeutendes giebt, daß das Glück des Lebens auf der richtigen Anwendung der einzelneu Stunden, auf der vollen und harmonischen Verwertung aller geistigen und körperlichen Kräfte beruht. Und da Soeurette eben hinzukam, als er sich von Josine und Suzanne verabschiedete, um sich in die Fabrik zu begeben, befand er sich eine kleine Weile in dem blühenden Garten in Gemeinschaft mit den drei Frauen, den drei liebenden und ergebenen Herzen, die ihm so kräftig beistanden in der Verivirklichung seines Ideals der Gerechtigkeit und der Güte. Sie verweilten ein wenig im Gespräch, verteilten ihre Aufgaben, besprachen die zu ergreifenden Maßregeln. Wenn ihre kleine Welt sich so kräftig entwickelte, ohne allzuviel Reibungen und Widerwärtigkeiten, und eine so schöne und reiche Ernte lieferte, so war dies dem Grundsatz der Er- zieher und Lehrer zu danken: es giebt keine bösen Leidenschaften im Menschen, es giebt nur Triebkräfte, tenn die Leidenschaften sind nichts andres als machtvolle Deweger, die man nur bemüht sein muß zum Besten der einzelnen und der Gesamtheit wirken zu lassen. Die Begierde, die von den Religionen verdammt wird, die Be- gierde, die Jahrhunderte des Asketismus auszurotten ver- sucht haben wie ein schädliches Tier, die verfolgte, im Mann und im Weibe unterdrückte und doch immer wieder siegreiche Begierde, ist nichts andres als die lodernde Flamme des Weltalls, der Hebel, der die Gestirne in Bewegung setzt, die treibende Lebenskraft, deren Verschwinden die Sonne erlöschen ließe und die Erde in die eisige Finsternis des Nichts stürzen würde. Es giebt keine auf- brausenden, keine geizigen, keine lügnerischen�, gefräßigen, faulen, neidischen, hochmütigen Menschen, es giebt nur Menschen, deren innere Triebe, deren regellose Kräfte, Ideren Bedürfnis nach Thätigkeit, nach Kampf und Sieg nicht in die richtigen Bahnen gelenkt wurden. Aus einent Geizigen hätte ein vor- fichtiger, ein sorgfältig rechnender Mensch werden können. Aus einem aufbrausenden, einem neidischen, einem hochmütigen Menschen wäre ein Held geworden, der sich um des Ruhmes willen ganz hingiebt. Einen Menschen einer Leidenschaft berauben, heißt ihn verstümmeln; er ist nicht mehr ganz, er ist ein Krüppel, man hat ihm etwas von seinem Blut, von seiner besten Kraft geraubt. Wahrlich, es ist ein Wunder zu nennen, das; die Menschheit ihre Lebenskraft behalten hat unter der Herrschaft der lebensverneinenden Religionen, die seit so langer Zeit mit aller Macht beflissen sind, den Menschen im Menschen zu töten und ihn einem grausamen Gotte zu unterwerfen, dessen Reich nur auf dem Grabe. alles natürlichen Lebens bestehen könnte. In den Schulen, in den Lehrwerkstätten und selbst in den Krippen, von den ersten Spielen der Kinder an, wurden daher die Leidenschaften der Kinder nutzbar gemacht, anstatt daß man sie unterdrückt hätte. Während die Trägen gleich Kranken gepflegt wurden, während man bestrebt war, ihre Willenskrast und ihren Ehrgeiz zu wecken, indem man sie frei die Lehr- gegenstände wählen ließ, für die sie Interesse und Verständnis besaßen, nützte man den Kräfte-Ueberschuß der Heftigen zu �schwereren Arbeiten aus, verwertete den Trieb der.Geizigen zur Genauigkeit und Nüchternheit, erzielte man von den Neidischen und Stolzen, daß ihre gesteigerten Geisteskräfte die schwierigsten Aufgaben bewältigten. Was die Moral einer heuchlerischen Unterdrückungssucht die niedrigsten Instinkte des Menschen genannt hat, wurde so zum glühenden Herde, aus dem das Leben sein unauslöschliches Feuer holte. Alle lebendigen Kräfte wurden an die richtige Stelle gebracht, die Schöpfung kehrte in ihre natürliche Ordnung zurück, wälzte den breiten, vollen Strom der Lebewesen mächtig vorwärts und führte die Menschheit dem Reiche des Glückes zu. An Stelle der widersinnigen Vorstellung von der Erbsünde, von einem bösen Menschen, den ein launenhafter Gott bei jedcnr Schritt bestrafen oder retten muß, dem einerseits die Drohung einer Hölle, andrerseits die Verheißung eines Paradieses vorgehalten wurde, gab es nur noch die natürliche Entwicklung von Wesen höherer Ordnung, die sich lediglich im Kanipfe mit den Kräften der Natur befinden, und die diese Kräfte besiegen, sie ihrem Glück dienstbar werden an dem Tage, wo sie den brudermörderischen Kampf ein- stellen und als Brüder allmächtig miteinander leben werden, nachden? sie unter schweren Leiden die Wahrheit, die Gerech- tigkeit und den Frieden sich errungen haben. »So ist's also recht," sagte Lucas, als er im Verein mit Josine, Soeurette und Suzanne die Anordnungen für den Tag getroffen hatte.„Geht nun. liebe Freundinnen, und Eure Herzen werden das übrige thun." Sie umgaben ihn alle drei, wie die Verkörperung der brüderlichen Gemeinsamkeit, der allgemeinen Liebe, die unter den Menschen zu verbreiten der Traum seiner Seele war. Sie hatten sich an den Händen gefaßt und lächelten ihm liebevoll zu, alle drei noch schöir, trotz ihres Alters und ihrer weißen Haare in der unvergänglichen Schönheit der Sanftmut und Seelengüte. Und als er sie verließ, um sich in die Werk-- stätten zu begeben, folgten ihm noch lange ihre zärtlichen Blicke. Die Werkstätten und Hallen hatten sich noch vergrößert und waren von Sonnenlicht und frischer Luft durchflutet. lleberall rieselte das klare Wasser, wusch die Cementböden rein und schwemmte allen Staub fort, so daß die Stätte der Ar- beit, früher so schwarz und schmutzig, nun von erquickender Sauberkeit erglänzte. Wenn man die glasgedeckten Hallen betrat, so glaubte man in eine Stadt der Ordnung, der Freude und des Reichtums einzutreten. Die Maschinen be- sorgten hier bereits fast alle Verrichtungen. Von der Elektri- cität in Bewegung gesetzt, reihten sie sich in langen Zeilen auf wie eine Armee gehorsamer, unermüdlicher, stets be- reiter Arbeiter. Wenn ihre metallenen Arme abgenützt waren, ersetzte man sie einfach durch neue, sie kannten keine Pein, und sie hatten zum Teil die menschliche Pein aus der Welt geschafft. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Ättv Geftfzichko vev Mhven. Schon in de» ersten Epochen der Civilisation fühlten die Menschen das Bedürfnis, durch mehr oder weniger genaue Mittel die verschiedenen Zeitpunkte des Tages und der Nacht zn erkennen, sei es, n>n sich der Arbeit oder der Ruhe zu widmen oder ihre Mahl» zeiten einznnehincn. Die Sterne, Sonne und Mond waren ohne Zlvcifel ihre ersten Uhren, und Jahrhunderte hindurch kannten sie keine andre», um alle Akte des Lebens zu ordnen. Die ältesten Denk- mälcr der Zeitmessiiiig sind die Gnoinone: die Länge des Schattens eines Baunies, einer Pyramide, eines Berges zeigte das Voran- schreiten des Tages an; so komme» bei alten �Schriftstellern Zeitbestimmungen nicht»ach Stunden, solidem nach Schattenlängen des Soiincnzeigers vor: z. B.„cS wird bei 0 Fuß Soiuienlnnge gegessen". Dann kamen die Sonnenuhren, die im Grunde nichts andres sind als verbesserte Gnomonc».- Die erste Sonnenuhr, deren die Geschichte Elwähuung thut, ist die des Königs von Inda, Achas, 737 vor Christi; wahrscheinlich aber gab es solche schon vor diesem Zeitpmikt. Der berühmte griechische Geschichtsschreiber Herodot schreibt ihre Elfindung ebenso wie die Einteilung des Tages in Stunden den Chaldäcrn zn. Sie waren unter den Röniern sehr verbreitet; so läßt Plantus in einem Lustspiel die dar- stellende Person sagen:«Daß die Götter doch den verderben möchten, der zuerst diese Uhr hergebracht hat! Sonst war der Hunger für mich die beste und richtigste Uhr, die mich immer benachrichtigte; aber jetzt darf ich nur essen, wenn es der Sonne gefällt ihren Lauf muß man dabei zu Rate ziehen. Die ganze Stadt ist voller Uhren I" Aber trotz ihres unleugbaren Nutzens konnten die Sonnenuhren nur die Stunden während des Tags angeben; dabei war es Be- dingung, daß die Sonne sichtbar war. Man mußte also nach Mitteln suchen, diesem Uebelstand abzuhelfen. Das geschah zunächst durch die Wasseruhren; sie waren anfänglich sehr einfach und bestanden aus einem thönerncn Gefäß, das die Gestalt eine« umgekehrten, mit der Spitze nach unten zn gerichteten Kegels hatte; in dieser Spitze ivar ein Loch, ans dem das Wasser in ein andres graduiertes Gefäß floß und durch den Höhesland, den cS in diesem einnahm. die Stunden an- zeigte. Sie erfuhren aber eine wesentliche Vervollkommnung nach KtesibiuS von Alexandrien, der St v. Chr. Geb. durch Verbindung mit einem Räderivcrk eine Wasseruhr herstellte, die die Monate, Tage und Stunden und die Zeichen des Tierkreises zeigte. Nebenbei wurden durch die Uhr eine Trompete geblasen. Steine geworfen und noch andre Spielereien ausgeführt. Cicero erwähnt, daß sich die Griechen und später auch die Römer in ihren Gerichtshöfen der Wasseruhren bedienten. Ein Drittel der Zeit, die sie angaben, Ivard dem Kläger, das ziveite Drittel dem Beklagte» und das letzte dem Richter zugebilligt. Während des Zengenverhörs, der Lesung einer Verordnung u. dergl. hielt man die Wasseruhr an, und das hieß mit dem Knnstausdruck«das Wasser aufhalten". Der Benediktinermönch Gcrbcrt, der spätere Papst Sylvester II., der in der Kunst erfahren war, Wasseruhren, Sanduhren, Wasserorgeln und dergleichen künstliche Werke zn bauen, soll auch zuerst (etwa um SSO n. Chr.) ein Gelvicht als Triebkraft an Uhren an- gebracht und denjenigen Teil derselben erfunden haben, den man Hemmung nennt; ohne diese Erfindung wäre es unmöglich gelvesen, je einen auch nur sehr gen'ngen Knfordernnge» entsprechenden Zeitmesser herzustellen. Sicher ist jedenfalls, dast schon zu Anfang des 12. Jahrhunderts Schlagwerke in Gebrauch waren, und dast diese später als die Gewichtuhren erfunden worden find, steht über alle» Zweifel fest. So wird in den im Jahre 1120 verfaßten Ordensregeln der Cisterienser dem Sakristan vorgeschriebe», dafür zu sorge», daß die Uhr vor der Frühmesse schlage und wecke. Vom 14. Jahrhundert an wurden nun sehr viele komplizierte Uhriverke gebaut, die größtenteils neben der Zeit auch noch die Himmelserscheinungen zeigten. Ihre Verfertiger waren meist Mönche, englische, französische, deutsche, italienische. Diese Uhren bildeten den Gegenstand der Bewunderung der damaligen Zeit; sie wurden als Wunderwerke aiigestaunt uud'zogen viele Neu- und Wißbegierige nach den Städten, in denen sie aufgestellt waren. Gleichzeitige Chroniken ergehen sich i» nubegrenzte» Lobeserhebungen derselben und stellen sie den sieben Wundern der alten Welt an die Seite. Noch beutigen Tags sieht man in vielen Städten, Kunstkammeru und Privatsammlungen solche Kunstwerke, die zugleich ein vollständiger Kalender sind und alle Haupt- erscheinungen am Himmel sehen lassen. Mehrere Jahrhunderte hindurch erfuhren die durch Gewichte regulierten und mit Schlagwerken versehenen Uhren keinerlei Ver- vollkommnung des Mechanismus; erst von dem Tage a», da bei ihnen das Pendel als Regulator zur Verwendung kam, erhielten sie eine bis dahin unbekannte Präzision, die ihnen gestattete, die Minuten und selbst die Sekunden anzuzeigen. Diese große Verbesserung de- wirkte erst das völlige Verschwinden der Wasser- und Sanduhren. Die wichtigen isochronen Eigenschaften dieses Regulators verdanken wir dem berühmten Galilei. Man weiß, unter welchen Umständen ihre Entdeckimg geschah. Eines Tages bemerkte er, daß eine in der Kathedrale zu Pisa noch heute gezeigte Lampe, die im Geivölbe des Domes herabhing, in bestimmten gleichen Zerträumen ihre Schluinguugen vollendete; zugleich machte er die Beobachtung, daß diese Zeiträume bei den lange» Lampen länger als bei den kurzen waren. Dies brachte ihn auf die Gesetze des Pendels. Seine Landsleute und einige Verfasser von Schriften über die Uhren nehmen für Galilei das Verdienst in Anspruch, das Pendel zuerst als Regulator bei den Uhren in Anwendung gebracht zu haben, und behaupten, daß sein Sohn Vineent im Jahre 1649 diese Idee zur Ausführung gebracht habe. Diese Behauptung findet anscheinend Unterstützimg in dem der Akademie von Florenz vorgelegten»Buche der Erfahrungen", in dem es Seite 21 heißt:„Man fand. daß Vineent Galilei ganz vorzüglich das Pendel an den Uhren nach Vorschrift desjenigen anwandte, der es guerst ersonnen hatte, nämlich Galileis, und daß er, Vineent Galilei', es in Venedig im Jahre 1649 in die Praxis umsetzte." Aber der Holländer Christian Huygheus, der im Jahre 1624 im Haag geboren ist. protestierte energisch, und zwar mit Recht, gegen diese Behauptung; denn Galilei der Aeltere hatte wohl die Absicht, seine Idee behufs Erzielung größerer Präzision zu verwerten, aber er verwirklichte sie nicht. Er verwendete die Schwingungen des Pendels nur bei seinen astronomischen Beobachtniigen und um die Bruchteile sehr kurzer Zeiträume zu messen. Sein Sohn Vineent brachte es nur zu un- genügenden Versuchen, denen er selbst kein Gewicht beilegte, so daß wir Huygheus wohl mit Recht als den ersten Hersteller einer Uhr mit Pendel ansprechen können. Die Krone setzt der Hnyghens- scheu Erfindung erst die„ankersörmige Hemmung" auf, die etwa 1689 von dem Londoner Dr. Robert Hook erfunden wurde. Vis etiva 1520 hatten alle Uhren einen festen Platz, meistens waren es Turmuhren, entweder für Kirchen oder sonstige öffentliche Gebäude. Auch wurden kleinere Uhren angefertigt, die transportabel ivaren und a» Mauern oder an einen mit Haken versehenen Stand- fuß angehängt wurden. Uhren, die man bei sich tragen konnte, bildeten eine spätere Erfindung; erst zu Anfang des 16. Jahr» Hunderts konstruierte der Schlosser Peter Henlein zu Nürnberg eine tragbare Taschenuhr, die er ganz au« Eisen baute. Peter Henlein, im Jahre 1480 geboren, hatte schon in seiner frühesten Jugend subtile Maschinen konstruiert, zum Erstaunen der Mathematiker und Astronomen jener Zeit. Henry Horstmaun berichtet in seiner Schrift„Taschenuhren früherer Jahrhunderte aus der Sammlung Marsels"(Berlin, 1897), daß er eine solche eiserne TaschennhirHe«- leius in gangbarem Zustande gesehen habe, die wahrscheinlich gegen 1520 gefertigt ist. Das Werk besteht, wie gesagt, ganz aus Eisen. Die gravierte Rückioand des Gehäuses und der Deckel, die aus Bronze bestehen, sowie das Zifferblatt, sind mit Arabesken schön verziert. Das Zifferblatt ist in zwölf Stunden geteilt, besitzt jedoch keine Minutenteilung. Uebcr der Ziffer 12 ist ein kleiner Tor» und über de» übrigen je ein kleiner Knopf augebracht zu dem Zwecke, die Zeit auch bei Nacht durch das Gefühl feststellen zu können. Die ersten Taschenuhren hatten nur eine» Zeiger, den Stunden- zeiger. Die Zugfeder, aus gehärtetem Eisen, hat kein Gehäuse, sondern ist nur durch vier Pfeiler begrenzt, Ivelche zugleich die hintere Platine tragen. Der äußere Durchmesser des Gehäuses beträgt 6Vz Centimeter in der Breite und 2>/e Centinieter in der Dicke. ES muß bemerkt werden, daß bei allen Taschenuhren der erste» Zeit die Dicke im Verhältnis zum Durchmesser viel größer war als bei den späteren Uhren, llebrigens waren die ersten trag- baren Taschenuhren bestimmt, in der Satteltasche getragen zu»verde»; als sie allmählich eine kleinere Form und ein weniger plumpes Aenßere erlangten, wurden sie in der Nhrtasche getragen oder um den Hals gehängt. Früher, im 15. Jahrhundert, trugen, so wird berichtet, die Stutzer jener Tage kleine Sanduhren, die an der Wade angebracht wurden; dieser Brauch war jedoch nur ein ausuahms- Iveiser und dauerte nur kurze Zeit. Nachdem Huygheus in den gleichmäßigen Schwingungen des Pendels das Milte! gefunden hatte, den' stehenden Uhren einen gleichförmigen Gang zu verschaffen, kam sowohl ihm als auch mehreren seiner Zeitgenossen der Wunsch, einen ähnlichen Regulator für Taschenuhren zu erfinden. So hat der französische Mechaniker Abb« Hauteville schon nach der Mitte des 17. Jahrhunderts zu dem Ende den Versuch mit einer Schweinsborste gemacht, deren eineS Ende er an der Platine— Platinen heißen die beiden Metallplatten, zwischen denen die Räder stehen— befestigte, während er das andre gegen einen an der Unruhe befestigten Stift drücken ließ. Als das nicht genügte, versuchte er es mit einer geraden und später mit einer schlangenförmig gewundenen Stahlfeder, jedoch alles ohne den ge« wünschten Erfolg. Da ward die mit der Unruhe verbnndene Spiralfeder, eine dünne, schneckenförmig gewundene, in einer Fläche liegende Stahl- feder erfunden, wie ivir sie jetzt noch in unsren Taschenuhren sehen, aber der Erfinder ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln gewesen. 1720 erkolgte dann durch Graham die Erfindung der Cylinder- und viel später die der jetzt am meisten beliebten Ankeruhre», sowie der Chronometer oder Zeitmeffer für den Gebranch der Schiffahrt, die bei aller Einfachheit durch wunderbare Präzision die genaue Stunde des Meridians oder die Läuge des Einschiffnngshafeus oder eines Observatoriums angeben.— Dr. Joseph Wiese. Kleines Fenillekon. -- Ans dem Achtbnch der Stadt Eger, einem der ältesten deutschen Rechtsdenkmälerh ans den Jahren 1610 bis 1390, das sich im böhmischen Museum zu Prag befindet, teilt die„Voss. Ztg." mit: Die Rechtspflege entwickelte sich in Eger von Alters her ganz selbständig, sie war Sache des Rats und der Gemeinde, unabhängig von Kaiser und Reich. Vis zum Ende des 14. Jahrhunderts war in Eger die allein gebräuchliche Strafe für schwere Verbrechen: Mord, Totschlag, Brandstiftung, Raub, Diebstahl und Körper- Verletzung, die Acht; sie bestand in der Ausschließung vom gemeinen Recht und Frieden. Aufgehoben konnte die Acht- erklärnng werden durch Zahlung einer Buße oder eines Wergeids an den Geschädigten oder dessen Sippe. Erst im 15. und 16. Jahr- hundert traten a» die Stelle der Acht und Buße: Todes- und Leibes- strafen. Verhängt wurde die Acht durch das Acht- und Pflegegericht. Dieses bestand in Eger aus dem anfangs vom Kaiser bestimmten Landrichter, später dem Bürgermeister als Vorsitzenden und aus sechs Gerichtsherren oder Schöffen, welche alljährlich aus den adeligen Ratsherren der Stadt und dem Landadel gewählt wurden. Die Wirksamkeit dieses Gerichts, das seinen Sitz' auf der Burg hatte, erstreckte sich auch über das Gebiet von Asch, Redwitz und Wunsiedel. Dem nächsten Angehörigen des Getöteten oder Geschädigten stand eS zu, die Hilfe des Achtgerichts anzurufen; einer der Schöffen übernahm die Rolle des öffentlichen Anklägers; nach gepflogener Umfrage wurde vom Pfleger das Urteil gesprochen. Die Achterklärung wurde öffentlich verlautbart und in das Achtbnch eingetragen. Kam eine Achterklärung zur Aufhebung, so wurde sie im Ächtbuche durchgestrichen oder ausradiert. Das Buch, das vom Archivar der Stadt Eger, Dr. Siegk, auf- gefunden ist, ist in hölzerne Bretter gebunden; auf 42 Pergament- blättern enthält es in verschiedener Handschrift 281 Achterklärringen; von diesen sind die 115 ersten bis zum Jahre 1357 nicht datiert.— Völkerkunde. — Der Stamm der kalifornis che» Seri« Indianer, der zwischen 1530 und 1540 zuerst mit den Weißen in Berührung kam, ivurde erst 1894 und 1895 durch zlvei vom „Bureau of American Elhnology" ausgesaudte Expeditionen genauer studiert, a» deren Spitze Mc. Gee stand. Mc. Gee hat nun eine eingehende Monographie über dieses Volk veröffentlicht, aus der der „Globus" folgende Mitteilungen macht:„Seri" ist ein Wort der Opatasprache und bedeutet„flink", während der Stamm selber sich K.m käak, d. h.„Unser großes Muttervolk hier" nennt. Er be- wohnt die Insel Tiburon im kalifornischen Meerbusen und ein be- schräuktes Gebiet auf dem Festlande im mexikanischen Staate Sonora. Vor zweihundert Jahren soll er noch mehrere tausend Seelen gezählt haben, hente ist er auf 350 Individuen zusammengeschmolzen, von denen nur 75 erwachsene Männer sind; die Frauen überwieget» der Zahl nach bedeutend. Der Stamm hat sich immer in völliger Isoliertheit, gehalten, ist mit seinen Nachbarn nie in Verkehr getreten und darinn auf einer sehr primitiven Stufe stehen geblieben. Me. Gee rühmt den edlen Wuchs und die aufrechte, doch ungezwungene Haltung der Seri; die Brust ist breit, die Glieder sind dünn, die Extremitäten, besonders die Füße, im- verhältnismäßig groß, das Haar ist lang und üppig; Verschieden- heilen in Wuchs und Farbe kommen in viel geringerem Grade vor als bei den benachbarten Stämmen. Alle sind überaus gewandt zu Fuß. Eine Eigenart ist ferner der Gebrauch von Händen und Zähnen an Stelle von Werkzeugen. wie sie selbst die auf — G jiiebvifrttci' Stufe stehenden Stämme kennen. Zähne nnd Nägel sind »eben Boge» nnd vergifteten Pfeilen die Weissen der Ärieger. Ander der Vemeilimg der Gesichter, die auf die Frauen beschränkt ist und deren Ornamentik an Tiergestalten erinnert, ist Schmuck oder deut- licher Symbolismus nicht erkennbar. Hervorzuheben ist die hohe Bedeutung der Frau; sie spielt beim Hausbau, bei der Arbeit, im Schamanismus, als Gesetzgeber und Nichter die erste Rolle. Die soeiale Einheit scheint die Sippe der Mütter zu sein. Vielweiberei ist üblich, dürfte aber neueren Datums sein. Die besondere Wertschätzung der Frau ändert sich auch in den Begräbnisgebräuche». Spuren eines Glaubens an ein künftiges Leben niid eine lebhafte Berehrnng(oder Furcht) der Geister der Verstorbenen, besonders älterer Frauen, sind er- kennbar, treten auch in den Begräbnisgebräuchen zu Tage. Die Sprache ist eine selbständige, kein Dumadialekt. Nahrnngsgnellen sind Fischfang und Jagd ans Schildkröten, nnd es wird dabei eine rrstanuliche Gelvandtheit entwickelt. Mit dem Wasser sind die Seri wohlvertraut; sie benutzen sogenannte Bnlsns(Flöbe). Als Bc- hanfungeu dienen rohe Hütte», die die Frauen unter Gesang auf- bauen und beim Weiterziehen abbreche».— Aus dem Tierreiche. dt. Die p s y ch i s ch e n E i g c n s ch a f t c n der Ameisen und andrer Insekten lautete das Thema, über tvelches Prof. F o r e l in der Dienstagsitzung des Internationalen Zoologen- Kongresses sprach. Er tvandte sich gegen die Anschauungen mehrerer neuer Forscher, vor allem Bethc und UexkiiN, welche die Ameisen, tvie überhaupt alle wirbellosen Tier? für bloste Reflexmaschineu ohne jedes Bewußtsein, ja ohne jede psychische Funktion erklären und die Seele erst bei den Wirbeltiere» entstehen lassen. Cartesins und seine Schüler behmipttten seiner Zeit, kein Tier besitze eine Seele, sondern jedes, auch das höchst organisierte Tier stelle einen Automaten dar, nur der Mensch allein besitze Bewußtsein nnd Seele. Aehnlich wollen nun diese Forscher den Insekten beioußteS Seelenleben absprechen. Nach des Vortragenden Meinung sehr mit Unrecht. Belhe beruft sich darauf, daß bei Bienen nnd Ameisen keine modifizierte, den Ver- hältnissen angepaßte Thätigkeit zu beobachten ist, daß vielmehr diese In- selten von Anfang ihres Lebens an sich immer ganz gleich verhalten, auf die gleichen Reize stets in derselben Weise reagieren. Forel betont demgegenüber, daß die ererbten Instinkte geradezu ans eine Gehirn- thätigkeit deuten, von der Beivußlsein überhaupt nicht zu trennen ist. Gerade die Ausbildung einer Thätigkeit zu einer Geivohnheit, so daß sie schließlich automatisch ausgeübt ivird, setzt vorhergehende bewußte Thätigkeit voraus. Im übrige» stimme aber die Be- Häuptling BetheS mich nicht; gewiß wiegen bei allen Thätigkeite» der Insekten die ererbten Gewohiiheiten vor. Aber deshalb lasse sich doch mich ein Verhalten beobachten, das je»ach den Umständen abgeändert werde nnd also nnzwcifelhaft auf ein bewußtes Denken schließen lasse. Auch die Fähigkeiten der einzelnen Individuen nnd Geschlechter sind durchanS verschieden. Von den Ameisen zeigen sich stets am intelligentesten die Arbeiter, etwas weiiiger intelligent sind die Weibchen, Ivährend die Männchen geradezu als du»»» bezeichnet Iverden müssen. Oft vermögen sie Feind und Freund nicht zu nnter- scheiden, ja. häufig sind sie nicht einmal im stände, den Weg zum eigne» Nest zurückzufinden. Trotzdem kann man auch ihnen Be- ivnßtsein nicht absprechen, und auch sie sind zuweilen im stände, ihr Verhalten den Umständen entsprechend einzurichten. Der verschiedenen geistigen Befähigung von Arbeitern, Weibchen »ind Männchen entspricht auch der durchaus Verschiedeue Befund ihrer Gehirne. Das Großhirn, das als der eigentliche Sitz jeder Denkthätigkeit anzusehen ist. ist bei de» Arbeitern gctvaltig cutivickelt nnd zeigt deutliche Furchungen; bei den Weibchen giebt die Enttvicklnng des Großhirns der bei de» Arbeitern nur Iveiiig nach; bei de» Männchen dagegen ist das Großhirn geradezu verkümmert. Das verschiedene Aussehen dieses Denkorgans bei den drei Geschlechtern, ivenn man so sagen darf, Ivar in»nkroskopischen Präparaten deutlich zu erkennen. Die Sinne, tvelche die Insekten sicher besitzen, sind Gesicht, Ge- rnch, Geschmack und Tastsinn. Letzterer ist durch Tasthärchen ver- treten, die besonders gut auch gegen Erschütterungen der Luft reagieren; ein eigentlicher Gehörsinn aber läßt sich nickt nachweisen. Die Angen knnktioiiieren als Gesichtssinn, und die Bienen z. B. orientieren sich beim Fluge nicht durch den Geruch, sonder» durch das Gesicht. Aus vielen Beispiele» glaubt Forel schließen zu müssen, daß die Farbe der Blumen eS ist, welcke für die Biciien das Anziehende ist, wobei sie wahrscheinlich auch ultraviolettes Licht»vahrnehinen,. für das unser Auge blind ist. Die Ameisen dagegen, die auf der Erde krieche», orientieren sich hanpt- sächlich durch den Geruch, dessen Sitz in den Antennen(Fühlern) sich befindet; die Ilmgebniig ihres Nestes kennen sie so gut, daß sie nicht in Venvirrung gerate», Ivenn die oberflächliche Schicht der Erde fortgeschaufelt wird. Auch im Gebiete des Willens nnd dem des Gefühls zeigen sich bei den Aineisen deutlich individuelle Verschiedenheiten, die unuientlich bei den Kämpfen feindlicher Völker zu Tage treten. Forel schloß daher daniit, daß er die These, die er in jungen Jahren aufgestellt hat:„Sämtliche Eigenschaften der menschlichen Seele könne» aus Eigenschaften der Seele der höheren Tiere abgeleitet werden", auch Verantwortlicher Reducteur: Enrl Leid in Berlin. !8— heute nicht mir aufrecht hält, sondern'noch hinzu fügt:„Und sämtliche Sceleneigcnschaften der höheren Tiere lassen sich aus denjenigen der niederen Tiere ableiten." Das heißt also, sagt er, daß die Eni- ivickliiiigslehre auf dein psychischen Gebiet gerade so gut gilt, Ivie auf allen andren Gebieten des organischen Lebens. Einer so formulierten Behauptung ivird allerdings kein ernst- haftcr Forscher widersprechen, auch der von Forel angegrisfene Bethe nicht. Nur, wenn Forel lvciter sagt:„Bei allen Verschiedenheiten der tierischen Organismen nnd ihrer Lebensbedingnngen icheinen die psychischen Funktion«» der Nervenelenicnte doch geivissen Gmadgesetze» überall zu folgen, selbst da, Ivo die Unterschiede so groß sind, daß»inn es nin wenigsten erivarten würde", dürften andere Forscher widersprechen, welche trotz des centralen Nerven- shslems, das Bienen und Ameisen habe», eine bewußte Denkthätigkeit bei diesen niedrig stehenden Tieren nicht annehmen, sondern die Eutwicklung derselben erst bei höheren Tierarten voraussetzen.— Bergbau. — lieber die Erzlager in Lappland schreibt Dr. B e ch h o l d in der„Ilmschan": Vor einigen Jahre» besuchte ich die berühmten Lager von Gellivara, wo das vorzüglichste Eisen- erz(Magnetit) fast an der Erdoberfläche liegt. Der Bergmann braucht nur mit seinem Jnstrnnient herniiizngeheii:»vo die Magnetnadel abgelenkt ivird. setzt er seinen Spaten ein und findet unter einer gaiiz dünnen Humusschicht mächtige Eisenerzlinsen; man denkt untvillkürlich an die Wii»schelr»>te des Schatzgräbers. Jnzivischen sind»och mächtige Lager in Kirnnavaara, Svappavaara»ndKoskull Kulle aufgedeckt worden, die von einheimischen Gesellschaften aus- gebeutet»Verden. Wie der Korrespondent der„Zeitschr. f. angeiv. Chemie" mitteilt, beginnen aber die Engländer in der Nahe schon ihre Ankanfsoperationen; neulich»vurde ihnen indessen die»vert- volle Najafjällsgrnbe von Franzosen iveggescknappt. Infolge Vekanntmachung deS Landeshauptmanns in Lnlea sollen alle bisher in Lappland auf schlvedischen» fiskalische» Gelände gemachten und angemeldeten Erzfnnde zur Bearbeitung Ivährend neunzehn Jahren versteigert»verde». � Lappland ist eins der erzreichsten Länder der Welt, Ivenn nicht das erzreichste. Nicht nur Eise» findet sich dort, sonder» auch Gold, Silber, Kupfer, Blei, Graphit ec. Dock bietet die Gelvinnung große Schivierigkeiten. Zwar braucht das Erz nicht mehr»vie vor l»och nicht zu langer Zeit Hunderte von Kilonietern auf dem Rücken von. Nenntieren nach dem Bottnische»» Meerbusen transportiert zu»Verden: eine Eisenbahn führt bis zu den Erzgruben und ivird»vohl in nicht zu langer Zeit bis nach Victoria- Hafen in der Nähe von Tromsoe durckgesührt sein, sie verbindet dann den Bottnische» Meerbusen mit den» Atlantischen Oceai» Vorderhand muß noch alles Erz nach Lnlea am Bottnische» Mecr- bnscn gebracht werden, der die größere Hälfte des Jahres zugefroren ist. Das gesamte ivährend des Jahrcs geförderte Erz muß somit aufgestapelt und in»venigen Monaten verschifft»verde». Huuioristisikies. — F a t a l e r Z»v a» g.„Weshalb lassen Sie Ihren Rheuma- tiSnntS nicht einmal kurieren?" Meteorologe:„Weil ich ihn zur Wetterprophezeiung' not- »vendig brauche!"— — Kann st i m»»» e n. Käufer:„Ich bin hierher empfohlen »vorden; Ihre Schirme»Verden ja allseits so sehr gepriesen." Verkäufer:„Bitte, nnd das mit Recht;»nsre Sonnenschirme stellen auch alles bisher Dagetveseiic in de» Schatten."— („Meggend. Hitnt. Bl.") Notizen. — Der arktische Forscher v. N o r d c n s k j L l d ist am Dienstag im Alter von LS Jahren auf seinen» Gute bei Stockholm g e- st o r b e».— — Otto Julius B i e r l> a u in Ivill die ciiisaine„Insel" verlassen nnd sick in den Strudel des JournalisnniS stürze»;»vie ver- lautet, steht Bicrbaum mit einer Berliner Zeitung behufs llebernahine eines RedaktionSressortS in Verhandlung.— —„Der ll n v e r s ch ä u» t e", ein Einalter von Raonl A n e r n h c i»» e r, ivird seine Erstanfführung demnächst in W o l- z o g e» s„Bunte m Theater" erleben.— „HeroS Hochzeit" heißt eine Oper deS Dresdener Dirigenten A l b e r t Kluge, zu der Bodo W i l d b e r g den Text geschrieben hat.— — Das SeegraS, eine bekannte, als Polstermaterial ver- »vandte Pflanze, ivclche überall an den Küsten des Meeres vor- koinint, aber im Binnenlande fehlt,»vurde kürzlich von» Kapitän Deary in den» Kuen Lim- Gebirge(Tibet) in einer Höhe von. löoOOFnß über dem Meere aufgefunden. Der Standort, an welchem dieses bekanntlich nicht zu den Gräsern, sondern zu den Najadaceen gehörige Gewächs im Sande vertrocknet angetroffen»vurde, ivar offenbar der Boden eines eingetrockneten Salzsees. DaS Vorkommen ist insofern merkwürdig, als die Pflanze bisher niemals an Salzseen des Binnenlandes gefunden»vurde.— Druck und Verlag von Max Badiiig in Berlin.