Jinierhaltungsvlatl des'Vorwärts Nr. 158. Donnerstag, den 15. August. 1901 (Nachdruck verboten.» 95] A r v e i k: Ronicin in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Nosenzlveig. Die Maschine>var endlich zur Freundin des Menschen geworden, nicht mehr die anfängliche Maschine, die Konkurrentin, die das Elend der Arbeiter vermehrte, indem sie die Löhne herabdriickte, sondern die Befreierin, die zum Universallverkzeug geworden war, und die sich für den Menschen niühte, während er sich ausruhte. Es gab neben diesen starken Arbeiterinnen nur noch Leuker und Ausseher, deren einzige Aufgabe darin bestand, die Schalthebel zu stellen und über die ordentliche Thätigkeit des Mechanismus zu wachen. Die Arbeitszeit überstieg nicht vier Stunden, und kein Arbeiter blieb länger als zwei Stunden bei derselben Verrichtung: nach dieser Zeit wurde er abgelöst und ging zu einer andren Thätigkeit über, sei es im Kunsthandwerk, im Vodenbau oder in einer öffentlichen Funktion. Da die all- gemeine Verwendung der Elektiicität den tosenden Lärm, der früher die Werkstätten erfüllte, fast ganz beseitigt hatte, wiederhallten diese nur noch von dem Gesang der Arbeiter, der singenden Fröhlichkeit, die sie aus der Schule mitnahmen tvie einen tönenden Schmuck, der ihr ganzes Leben verschönerte. Und diese Menschen, die da neben den blanken, glänzenden Maschinen, welche so leicht und doch so mächtig ihre Arbeit verrichteten, laut und lustig sangen, zeugten von der Freude der gerecht verteilten, der siegreichen und rettenden Arbeit. Lucas blieb, als er in die Halle der Puddelöfen trat, einen Augenblick stehen, um einem kräftigen jungen Manne von zwanzig Iahren, der einen der Puddelöfen leitete, ein paar freundschaftliche Worte zu sagen. „Nun, Adolphe, geht es gut, sind Sie zufrieden?" „O ja, gewiß, Herr Lucas. Meine ziveistündige Arbeits- zeit ist bald um, und die Luppe ist auch schon zum Heraus- nehmen fertig, wie ich sehe." Adolphe war der Sohn von Auguste Laboque und Marthe Bourron. Aber ungleich seinem Großvater mütterlicherseits, dem Pnddlcr Bourron, der jetzt im Ruhestand lebte, mußte er nicht mehr die schreckliche Arbeit des Umrührens besorgen, bei welcher die Kugel des schmelzenden Metalls zwanzig Minuten lang mit Hilfe einer Eisenstange auf dem Boden des Herdes hin und her gewendet wurde. Das Umrühren geschah jetzt auf inechanischem Wege, und ebenso wurde die glühende Kngel ausgeworfen und fiel auf einen Karren, der sie dem Ouetschhammer zurollte, alles ohne daß der Arbeiter hätte selbst Hand anlegen müssen. „Wie Sie sehen werden, ist die Qualität ausgezeichnet," fuhr Adolphe in heiterem Tone fort.„Und das alles ist so einfach, eine so angenehme Arbeit I" Er hatte einen Schalthebel gesenkt; eine Thür fiel auf und ließ die 5lugel ans den Karren rollen, die gleich einem Gestirn ein blendendes Licht ausstrahlte. Der Arbeiter lächelte nur. sein Gesicht war frisch. er vergoß keinen Tropfen Schiveißes, seine Glieder waren schlank und geschmeidig. von keiner schiveren Plage verkrümmt. Schon hatte der Karren seine Last dem Quetschhammer neuesten Modells überant- wortet, der von Elektricität in Belvegung gesetzt wurde, und der ebenfalls die ganze Arbeit selbstthätig verrichtete, ohne daß der Schmied, der ihn lenkte, hätte wie einst gewaltige Anstrengung aufwenden müssen, um die Luppe nach allen Seiten zu drehen und zu wenden. Und sein Hämmern war so leicht und hell, daß es einer Musik glich, die den Frohsinn der Arbeiter begleitete. „Ich muß mich beeilen", sagte Adolphe noch, nachdem er sich die Hände gewaschen hatte.„Ich habe einen Tisch fertig zu niachen, an dem ich sehr viel Freude habe, und ich will noch zwei Stunden in der Tischlerwerkstatt arbeiten." Er war nämlich Tischler ebenso wie Puddler, er hatte gleich allen jungen Leuten seines Alters zlvei Handiverke erlernt, um sich nicht in den engen Grenzen einer einzigen Ver- richtung abzustumpfen. Indem die Arbeit so immer ab- wechselte, sich immer erneuerte, war sie eine Freude, eine Erholung geworden. „Viel Vergnügen I" rief ihm Lucas zu. sich seiner Freude freuend. „Danke, Herr Lucas, danke! Ja, so ist's, gute Arbeit, viel Vergnügen I" Lucas wandte sich der Halle der Tiegelgußöfen zu.»vo er bei jedem seiner Morgenbesuche einige angenehme Minuten verbrachte. Welch ein Abstand gegen die entsetzliche Hölle, die diese Ocfen in den alten Werken darstellten, wo auf dem buckligen, kotigen Boden sich die lodernden Vulkane der Gruben öffneten und die armen Arbeiter, mitten in der furchtbaren Glutausstrahlung stehend, mit der Kraft ihrer Arme die hundertpfündigen Tiegel mit dem geschmolzenen Metall herausheben mußten! An Stelle der schwarzen, staubigen, widerwärtig schmutzigen Halle von damals dehnte sich ein weiter, luftiger Saal, durch dessen mächtige Fenster- scheiden das helle Sonnenlicht eindrang, und dessen Boden mit glattem, reinlichem Ccment belegt war. Symmetrisch an- geordnet waren hier die Oefcn versenkt, die dank der An- Wendung der Elektricität geräuschlos und ohne fühlbare Hitze ihren Dienst verrichteten. Auch hier besorgten Maschinen die ganze Arbeit, ließen die Tiegel hinab, zogen sie glühend heraus und leerten sie in die Formen, während die Arbeiter bloß den Mechanismus zu lenken und zu bewachen hatten. Auch Frauen waren hier beschäftigt, denen die Regelung der elek- irischen Kraft oblag, denn man hatte gefunden, daß sie den Männern an Sorgfalt und Genauigkeit in der Handhabung feiner Apparate überlegen waren. Lucas trat auf ein großes, hübsches Mädchen von zwanzig Jahren zu, Laure Fauchard, Tochter von Louis Fauchard und Julienne Dacheux, die, aufmerksam vor einem Apparat stehend. die Stromzufuhr zu einem der Oefen regelte, nach den An- Weisungen, die ihr der den Schnielzprozcß überwachende junge Arbeiter gab. „Nun, Laure," fragte Lucas,„sind Sic nicht müde?"' „O nein, Herr Lucas, das macht mir Freude. Wie sollte ich müde werden, wenn ich nichts zu thun habe als diese leichte Steuerschraube hin und her zu drehen?" Der junge Arbeiter, Hippolyte Mitaine, dreiundzwanzig Jahre alt, hatte sich genähert. Er war der Sohn von Evariste Mitaine und Olympe Lenfant, und es hieß, er sei verlobt mit Laure Fauchard. „Herr Lucas," sagte er.„wenn Sie den Guß mit an- sehen wollen, wir sind fertig." Er setzte die Maschine in Gang, die mit ruhiger Lcichtig- keit die leuchtenden Tiegel heraushob, sie in die Formen leerte und diese dann der Reihe nach forffchaffte. In fünf Minuten war, während die Arbeiter bloß zusahen, die ganze Prozedur erledigt und der Ofen für eine neue Ladung bereit. „Schon fertig!" sagte Laure. fröhlich lachend.„Wenn ich an die schrecklichen Geschichten denke, die mein armer Groß- Vater Fauchard mir erzählt hat, wie ich noch ein kleines Kind war! Es war bei ihm nicht mehr ganz richtig im Kopfe, und er erzählte schauderhafte Dinge von seiner Arbeit als Auszicher, daß er hätte mitten in der Glut arbeiten müssen, die ihm Rumpf und Glieder verbrannte. Ja, alle die alten Arbeiter sagen, daß wir jetzt sehr zu beneiden sind." Lucas war ernst geivorden, seine Augen feuchteten sich vor innerer Bewegung. „Ja, ja, die armen Großväter haben sehr gelitten. Darum ist das Leben besser für ihre Enkel. Arbeitet, liebet euch, und das Leben wird für eure Söhne und Töchter noch besser sein I" Lucas setzte seinen Rundgang fort, und überall, wohin er gelangte, in den Hallen der großen Gußstücke, der großen Schmiedc-Objektc, der kleinen und großen Drehbänke. überall fand er dieselbe gesunde Reinlichkeit, dieselbe singende Fröhlichkeit, dieselbe durch den Wechsel der Verrichtung und die machtvolle Hilfe der Maschinen leicht und anziehend ge- inachte Arbeit. Der Arbeiter, der nicht mehr das überbürdete. verachtete Lasttier von emst war, hatte sein Selbstbewußtsein, den Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten wieder erlangt, war ein freier und stolzer Mensch geivorden. llnd als Lucas zum Schluß die Halle der Walzwerke betrat, die sich neben der der Puddelöfen befand, verweilte er wieder ein ivcnig, um einige freundschaftliche Worte an einen sechLundzwaiizig- jcihvgen jungen Mann, Alexandre Fenillat, zu richten, der eben eingetreten war. „Ich komme von Conibcttcs, Hm Lucas, wo ich meinem Vater helfe. Wir sind nnt der Aussaat beschäftigt, und ich habe dort zwei Stunden mitgethan. Nun will ich noch hier zwei Stunden arbeiten, denn wir haben eine dringende Schienenbestelliing." Er war der Sohn von Leon Fcnillat und Eugenie JDvonnot. Und mit lebhafter Phantasie begabt, vergnügte er sich nach seinen ordnungsmäßigen vier Arbeitsstunden nnt Oramentzcichnen für das Atelier des Töpfers Lange. Er hatte sich bereits an die Arbeit gemacht und über- Ivachte eine große Walzenstraße, die Schienen auswalzte. Lucas sah mit innigem Vergnügen zii. Seitdem auch hier die elektrische Kraft verwendet wurde, hatte das schreckliche Ge- töse der Walzwerke aufgehört; sie arbeiteten nun mit öliger Leichtigkeit und ohne andres Geräusch als das leichte Klingen der herausquellenden Schienen, die sich den in Abkühlung begriffenen anschlössen. Das war die segensreiche Produktion einer friedlichen Zeit, Schienen und wieder Schienen ohne Ende, damit alle Grenzen verschwinden und die Völker ein- ander genähert und zu einem einzigen Volke verbunden werden auf der von unzähligen Eisenstraßen durchstirchten Erde. Große Stahlschiffe wurden gebaut, nicht mehr die furchtbaren Panzerriescn, die Tod und Verwüstung aus hundert Schlünden spieen, sondern Fahrzeuge der Brüderlichkeit und Solidarität, die die Erzeugnisse der Kontinente gegeneinander austauschten uud.den Familienreichtunr der Menschheit ins Uncirdliche vermehrten, so. daß ungemesseuer Ueberfluß' überall herrschte. Und eiserne Brücken spannten sich über, die Flüsse, auf eisernen Trägern und Pfeilern erhoben sich die zahllosen Bauten, deren die versöhnten Menschen für das öffentliche Leben bedurften, die Gemeinhäuser, die Bibliotheken, die Museen, die Asyle für. die Schwachen und die Kranken, die gewaltigen Speicher, und Magazine, die den vereinigten Völkern. die Lebensmittel lieferten. Und. endlich entstanden Maschinen'ohne Zahl, die allerorten und.für alle Ver- richtungen die menschlichen Arnie ersetzten, solche, die den Boden, bearbeiteten, solche, die in den Werkstätten tausenderlei Dienste leisteten, solche, die auf der Erde, auf dem Wasser, in der. Luft Menschen und Güter mit sich hintrugen. Und Lucas freute sich innig des friedlich gewordenen Eisens, des erobernden Metalls, aus dem die Menschheit so lange Zeit nur Schwerter für ihre blutigen Kämpfe geschmiedet hatte, aus.deni sie später Kanonen und Geschosse zu furchtbaren Gemetzeln goß, und aus dem sie den Bau der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und des Glückes errichtete, nun, da der allgemeine Frieden errungen war. Ehe er die Werke verließ, wollte Lucas noch einen Blick auf die Batterie elektrischer Oefen werfen, die den Hochofen Morfains abgelöst hatten. In dem weiten Schuppen, durch dessen große Glasfenster die hellen Sonnenstrahlen hineindrängen, war die Batterie eben in Thätigkcit. Alle fünf Minuten wurden die Oefen aus mechanischem Wege neu beschickt, nach- dem die Rollbahn die zehn Gutzmulden hinausbefördert hatte, deren glühende Ausstrahlung unter dem hellen Sonnenlichte verblaßte. Auch hier»vachten zwei junge, kaum zwanzig- jährige Mädchen über die elektrischen Apparate, die eine, Claudine, eine reizende Blondine, Tochter von Lucien Bonnaire und Luise Mazelle, die andre, eine üppige Brünette, Coline, Tochter von Arsene Lenfant und Eulalie Laboque. Da ihre ganze Aufmerksamkeit durch das Ein- und Ausschalten des Stronies in Anspruch geuomnien war, konnten sie Lucas nicht begrüßen. Tann trat aber eine Pause ein, und als sie eine Gruppe Kinder sahen, die neugierig am Eingang des Schuppens stehen geblieben waren, gingen sie zu ihnen hin. „Guten Morgen, Maurice, guten Morgen, Ludovic, guten Morgen, Aline! Die Schule ist wohl zu Ende, da ihr kommt, uns zu besuchen?" Man erlaubte den Schülern, in den Erholnngsstuuden frei durch die Werkstätten zu streifen, damit sie sich mit der Arbeit befreundeten und sich zugleich einige Anfangsbegriffe aneignen. Erfreut, seinen Enkel Maurice wiederzusehen, ließ Lucas die ganze kleine Schar hereinkonimen. Er antwortete auf ihre vielen Fragen, erklärte ihnen den Mechanismus der Oefen, setzte sogar die Apparate in Thütigkeit, um den Kindern zu zeigen, wie es genügte, daß Claudine oder Celine einen kleinen Hebel drehte, nm das Metall flüssig z» machen und es in einen: blendenden Strahle herauslaufen zu lassen. „O. ich weiß, ich habe das schon gesehen," sagte Maurice, mit der Wichtigkeit eines großen Jungen von neun Jahren, der schon viel versteht.„Großvater Morfain hat mir einmal alles gezeigt. Aber sage mir, Großvater Froment, ist es wahr, daß es früher Oefen gegeben hat so hoch wie ein Berg, und daß man sich hat Tag und Nacht das Gesicht ver- brennen lassen müssen, um sie zn bedienen?" sFortsetzniig folgt.) (Nachdruck verdolen.) Svinttrvttng nn die Veiiegung Denksiizknnds**. Anfnierksain hatte Quint» s Servilius dem Bericht des Transport- fiihrers zugehört, der zwar seine» schwerfälligen Zug von Packwagen und Ersatzmannschasten trotz des tiefen Schnees und der bittere» Januarkälte des beginnenden Jahres 84«. Chr. wohlbehalten auf die waldigen Höhen des Taunus hinaufgeführt hatte, aber gleichzeitig die unerfreuliche ivlcldnng machen»inßte, daß seine Späher auf halbein Wege zwischen Mainz und der Saalburg eine» größeren Trupp bewaffneter germanischer Reiter bemerkt hätten.„Also diese ruhelosen Barbaren treiben sich wieder in uuircni Rücke» uniher", sagte der Befehlshaber des wichtigsten römischen Kastells an der Chattcngrcnze. nlS er sich wieder allein befand in seinem Arbeitszimmer und sich niederließ, unr die von dein Transportsührc'r überbrachten Briefe und Befehle von Rom und Mainz zn stiidiercu. Dabei hellten sich seine bisher ziemlich bc- sorgten Züge ctivas auf, und schließlich nieiute er unter herzlichem Lachen:..Zur Erinnerung au die Besicgung Deutschlands", weil» mich nicht alles täuscht, so ist das, bei den unsterblichen Göttern, ein nener Beweis kaiserlichen Witzes, wie selbst ich ihn trotz aller Erfahrungen meines hohen Alters nicht für möglich gehalten hätte. Slber. wie sagte Solo»?„Ich werde alt n»d lerne muncr noch vieles." Der Sache muß ich auf den Grund gehen....„Ich lasse meinen Neffen bitte», sobald es ihm gefällig ist, bei mir eiuznlrelcn," befahl der Legat gleich darauf einem auf seinen Ruf herbeigeeilten Sklave» und sah sich lvenige Augenblicke später eincui jungen Manne von vielleicht 25 Jahren gegenüber, den seine militärische Tracht als eine» Haupt--. mann charakterisierte, während man ihn nach seinen nachdenklichen Gesichtszügen eher für einen Gelehrte» hätte halten mögen. „Hatte eben nicht viel Zeit übrig, um Dich zn begrüßen, mein Junge. Also nochmals willkomnicn im unwirtlichen Waldgebirge des BarbarcnlnndcS, obwohl ich, beim Herkules, nicht einzusehen vermag. was den ernsten Philosophen und Altertumsforscher veranlassen könnte, der goldenen Roma den Rücken zu kehren und als.Ceutnrio an die germanische Militärgrenze zn gehen. Wcnn's noch eine Forschungsreise nach der äußersten Thüle wäre, aber ein endloser Krieg gegen die wilde» Chatten...." Hier siel dem Alten der junge Casus ins Wort:„Deine letzten Worte ver- setzen mich in Erstaune» und Verwirrung, lieber Onkel. Denn, um gleich die Wahrheit zu gestehen, ich bin eigentlich gar nicht berge- fommeri, um mich in der edlen Kriegskunst praktisch auszubilden. In Rom war mir der Boden zn heiß geworden. Meinen Freund, den trefflichen Geschichtsschreiber Junius RnsticuS, hat der Kaiser, der neuerdings argwöhnischer als je ist und überall Majestätsbeleidiguugey und Verschtvörungcn wittert und verfolgt, wegen ein paar harmloser Stellen seines letzten Buches hinrichten lassen, und sämtliche gcivcrbsuiäßigcn Philosophen sind gleichzeitig aus Italien ausgewiesen worden. Damit»u» nicht irgend ein Denunziant auf den gefährlichen Gedanken kommt, mich bei Domitian als an- schlägigen Kopf und verkappten Republikaner anzuschwärzen, habe ich's vorgezogen, so eine Art freiwilliger Verbannung auf mich zn nehtnen. Da ntein Vater innncr noch meinen Ehrgeiz auf die höhere Bcamtenlaufbahn lenken möchte, habe ich mir durch seinen Einfluß eine Stellung als Hauptmann bei Deinen Besatzungstrnppe» ver- schaffen können, und hier dachte ich mich unter Deiner väterlichen Fürsorge im wesentlichen meinen Studien widmen zn können. Viel Dienst kann hier doch nicht sein, seitdem das kaiserliche Herr erst vor 4 Monaten die Barbaren vollständig geschlagen hat. Ich hoffte sogar, mir diese blauäugigen Chatten und ihr Land persönlich anzu- sehen, um als Augenzeuge die vielen nnglaitblichen Angaben von den Tugenden dieser Barbaren in den„Germanenkriegen" des unsterblichen Pliiiius richligstellcn zu können. Wenn' Du mir Entpfehlungsschreiben an einige ihrer Häuptlinge gäbest, könnte ich doch sicher eine kleine Expedition in ihr Land unternehmen; seit die Chatten den» letzten Vertrag zufolge in einigem Frieden und ewiger Freundschaft mit uns leben und sogar Trilnit zahlen, kann doch...." Hier konnte sich der alte Soldat, der bisher halbwegs geduldig zugehört hatte, nicht mehr länger halten:„Beim gütigen Jupiter Z Bist Dit toll geworden. Junge, oder bin ich es? Wir haben über die Chatten gesiegt? I Da müßte ich ja auch dabei gewesen sein I Wir leben in' Frieden und Freundschaft mit den Barbaren und er- halten sogar Tribut von ihnen? I Aber nun fängt'S bei mir an zu dämmern, ivas diese famose Münze auf sich hat," dabei wirbelte der Legat mit den Fingern eine silberne Medaille herum, die auf der Vorderseite das iorbcergeschmückte Haupt Kaiser Doniitiaus zeigte mit der llmschrift„Titus Flavins Dontitianus GcrnianicuS Imperator Atigustns", auf der Niickfeite ein Bild der Siegesgöttin mit der Unterschrift„Zur Erinnennig an die Besiegmig Deutsch- lcinds". „Aber, Onkel, D» erschreckst mich," erwiderte der Centurio. „Du hast doch all die ruhmreichen Waffenthaten mit erlebt, von denen wir andren blos in der Zeitung gelesen haben."„Und was für tvundersanie Fabeln haben Euch denn diese Zeitungen gekündet? Wir waren hier so eingeschneit, dag ich keine ans den letzten vier Monaten zn sehen bekommen habe, und als ich eben jene merk- würdige Münze mit dem Begleitschreiben vor Augen bekam, wurde ich, um mit Vergil zu spreche», ganz starr, die Haare standen mir zn Berge, die Stiunne blieli mir im Halse kleben, und ich lies; Dich sogleich herrufen, um aus bester Quelle zu erfahren, tvas man Euch in Rom denn eigentlich für ein Theater vorgemacht hat. Also heraus damit I"„Das' ist bald erzählt. Also der Kaiser ist danach in» vorigen Spätsonnncr von Mainz aus mit 12 Legionen in 3 Kolonnen aufgebrochen und über dies Gebirge hier ins Chattenland eingedrungen. Von dein göttlichen Glanz seines erhabenen Namens und dem unwiderstehlichen Ansturm der sieg- gewohnten Legionen erschreckt, wagte» die Barbaren gar nicht, sich zur allgemeinen Schlackt zu sieben i aber bei ihrer jähen Flucht wurden' doch Teile ihres Heeres ereilt und aufgerrebcn. Mitte Setz- teniber zog der Kaiser siegreich in die Chattenhauptstadt Mattiam ein und diktierte ihrem König jenen Frieden, der vorhin schon Deine Heiterkeit erregte. Ilm dies herrliche Ergebnis gebührend zu feiern, hielt der Kaiser an den Kalendcn des November in Rom einen glänzenden Triumphzng, bei dem mehrere Tausend gefangene Chatten- lriegcr aufgeführt wurden. Der Senat trug Domitian den Bei- namcn Germauicus(Deutschcnsiegcr) an, den er anch annahm. Räuschende und kostspielige Feste,>vie der Kaiser sie liebt, drängten eniander. Der Janustempel wurde geschlossen. Schließlich wurde noch zum ewigen Andenken jener Rnhmesthatcn diese Medaille hier geprägt. Und das soll nü» alles Schwindel sein! Man munkelte freilich allerlei in Rom; aber, obwohl ich kein Freund des Tyrannen bin, habe ich das dock für böswilliges Gerede gehalten: das übersteigt ja alle Begriffe!" „Und doch hat das Gerücht recht gehabt," erwiderte der greise Qnintus.„Der Kaiser und seine Helfershelfer versuchen der Welt einen ganz ungeheuerlichen Bären aufzubinden. Die Chatten haben sich allerdings vor unsren überwältigenden Streitkräften in die im- Ivegsamen Urwälder ihrer Berge zurückgezogen, aber nicht auS bleichem Entsetzen, sondern aus klug überlegter Taktik, die den großen Angriff des Kaisers. in einen völlig ergebnislosen Luftstoß vertvaudelte. Gefangene wurde» nicht gemacht, weil wir gar keine Germane» zu sehen bekamen.. Was das für Chatten im Triumph- zng waren, ist mir ein, Rätsel,"„Man erzählte sich in Rom," tvarf hier der Centurio ein,„der Kaiser habe etliche Tausend Sllavcn auf- kaufen und als Germanen verkleiden, ihnen sogar die Haare färben lassen,"„So wird's auch tvohl sein. Nachher waren wir anch in Mattium, einem gänzlich verlassenen und von den Chatten niedergebrannten Schm.utzncst, niußteu uns aber bald.Hals über Kopf zurück- ziehen, weil die germanische Reiterei in nnsrem Nucken erschien und unS die Zufuhren abschnitt. Einen König haben die Chatten so wenig, wie wir die Freiheit, lind Verträge schließen die Barbaren mit uns grundsätzlich nicht mehr ab, da sie aus. alter Erfahrung wissen, daß tvir Abmachungen nur so lange halten, als es in nnsrem Interesse liegt. Sie hassen uns und unsre ganze verfaulte Kultur. So unrecht kann ich ihnen nicht gebe»: gegen dies widerwärtige Gemisch von großen und kleineren Tyrannen, mit ihren Schergen, ihren Speichelleckern und ihren Sklaven empört sich die Menschen- würde freier Männer. Was sie von unsrcr Kultur brauchen können, eignen sie sich doch allmählich an, vor allem unsre Kriegskunst, Und wenn die Dinge in Rom so weiter gehen wie bisher, wenn unsre Kaiser weiter lolche Siege über Deutschland erfechten, so mag ivohl noch der Tag kommen, da die Barbaren unser ganzes Welt- reich zusammenschlagen. Schon jetzt ist es dahin ge- dichen, daß ich eben Befehl erhalten habe, mich mit den Kommandanten der benachbarten Kastelle ins Einvernehmen zu setzen behufs Anlegung einer 120 Meilen langen ununterbrochenen Verteidigungslinie mit Wall und Graben längs der ganzen Chatteugrenze: jedenfalls anch„zur Erinnernng an die Be- siegung Deutschlands". „O Zeiten, o Sitten," murmelte betrübt der cicerokundige Gc- lehrte,„Laß Dir keine grauen Haare darum wachsen," meinte der Alte,„das unerbittliche Schicksal nimmt doch seinen Lauf. Weg mit der tragischen Miene, wenn anch Deine Forschungspläne zn Wasser geworden sind. Gleich muß ich mich in einer komischen Rolle ver- suchen, wenn ich meinen Kerls nachher laut Befehl die Denkmünzen austeilen lasse: vielleicht erheitert eS Dich, zu sehen, daß Dein grau- haariger Onkel Talent zum Schauspieler hat." Zwei Stunden später waren sämtliche abkömmlichen Mann- schaften der Saalburggarnison auf ihrem Exerzierplatz ordnungsmäßig aufgestellt. Qnintus ServiliuS erschien zn Pferde vor der Front und hielt nach Erledigung der üblichen Formalitäten folgende Ansprache:„Kameraden! Der erhabene Kaiser Domitian, dem die Götter Gesundheit und langes Leben verleihen mögen, hat an den jtalenden des November seinen siegreichen Fcldzug gegen die Chatten, an dem teilzunehmen wir die Ehre hatten, durch einen glänzenden Triumphzug und die Annahme des Titels Germauicus gekrönt. Seiue Freude tväre vollständig gewesen, wenn es angegangen wäre, sämtliche Mitkänipfer an der Feier teilnehmen zu lassen. Das Ivar leider nicht möglich. Um Euch zu entschädigen, hat er eine Denkmünze mit der Aufschrift„Zur Erinnerung an die Besiegung Dentschlands" schlagen lassen und bestimmt, daß jeder Teilnehmer an dem ewig denkwürdigen Chattcnfeldzug ein Exemplar davon bekomme. Haltet es in Ehren als eine dauernde Erinnerung an Eure eigene Tapferkeit und au die göttergleiche Güte des er- habenen Monarchen, Heil dem Kaiser!" Der Wiederhnll, den dieses Hoch fand, war nicht eben stark. Die schtver- fälligen Soldaten waren augenscheinlich über die un- erivartete Offenbarung so verdutzt, daß sie sich nicht gleich soweit erholen konnten, um pflichtmäßig in das Hoch einzustimmen. Und als dann die Denkmünzen ausgeteilt ivnrdeii. erhob sich un- verkennbar beträchtliches Zischeln und Kichern unter den Leuten. Aber der Legat hatte noch eine Neberraschung in petto, die den üblen Eindruck der ersten tvieder verwischte:„Kameraden!" begann er anfs neue,„der Kaiser hat Euch noch einen zweiten Beweis seiner Gnade und Erkenntlichkeit gegeben. Während der erste sich an Euer soldatisches Ehrgefühl und biirgerlichcs Selbstbewußtsein wandte, ist der andre ans Eure materielle'Besserstellung bedacht, ein rührender Ausfluß kaiserlicher Freigebigkeit. Kameraden! Vom 1. Januar ab ist laut kaiserlichem Dekret Eure Löhnung um ein Drittel in die Höhe gesetzt. Ich weiß, daß Ihr diesem er- habenen Willcusakt des Kaisers die verdiente Anerkennung nicht versagen werdet:" Diesmal erhoben sich die Beifallsrufe der Soldateir„Heil dem Kaiser I" alsbald ohne besondere Einladung und waren noch nicht vcrstnmint. als Ouintns Servilius nnt seinem Neffen zusammen fortritt.„Siehst Du, mein Junge," meinte der Legat,„durch die Solderhöhung hat der Kaiser sich für den Augen- blick das Stillschtveigen der feilen Söldlinge über seinen riesigen Schwindel erkauft. Aber die Welt erfährt die Wahrheit über seine Besiegung Deutschlands doch. Man sagt, die Welt will getänsckt werden, also»verde sie getäuscht; aber der Täuschnngsvcrsnch darf nicht gar zu plump sein, sonst wird man dabei ertappt, und es ge« sellen sich zn dem Haß und der Furcht, bei denen ein Tyrann ge- dcihcn kann, die Verachtung und Lächerlichkeit, die ihn trotz aller schützenden Legionen tötet. So geht's auch mit diesem famosen Germauicus.— a. c. Kleines Zettillekon» — Adolf Ii. Nordcuskjöld, der, wie. wir gestern meldeten, auf seinem bei Stockholm gelegenen Gute im Alter von 69 Jahren ge- storbcn ist, war einer der eifrigsten und erfolgreichsten Polarforscher. Sein Hauptverdienst war die Ausfiudung der nordöstlichen Durch- fahrt durch das sibirische Meer. Die geographische. Wissenschaft hat dem Dahingeschiedenen eine mächtige Ei Weiterung ihrer Kenntnisse der arktischen Gebiete ans der nördlichen Halbkugel zn danken. Nordenskjöl'd wurde am 18. November 1832 in Helsingfors geboren, widmete, sich geologischen Studien, und wandte sich, ganz tvie Nansen, schon früh der Polarforschung zn. Schon im Jahre 1858 begleitete er Toeril nach Spitzbergen und leitete später selber zwei -Expeditionen dahin. Im Jahre 187S suchte er die Westküste Grön- lands geographisch zu bestimmen. 1875 durchfuhr er das Karische Meer bis zur Jenisscimündnng; im Jahre 1876 gelangte er dann sogar bis zum 71, nördlichen Breitegrad. Den Höhepunkt seiner Forscherthätigkeit bildete die Beivältigung der nordöstlichen Durch- fahrt durch daS Sibirische Meer nach der Beriugstraße, Am 4. Juli 1878 fuhr Nordenskjöld von Gothenburg ab, durchfuhr das Karische Meer und gelangte um- die Nordspitze Asiens an die Deltamündnug der Lena,- Von hieraus setzte Nordenskjöld die Fahrt längs der sibirischen Küste fort, fror aber, ehe er die Beriugstraße erreicht hatte, ans der Höhe der Kolintschinbay ein, mußte daselbst überwintern und erreichte erst im nächsten Sommer die Beriugstraße. In den letzten Jähren beschäftigte sich Nordenskjöld, der nur 1833 noch einmal eine Reise nach Grönland unternommen hatte, besonders mit historisch-kartographischen Studien und der Förderung von Polar- Unternehmungen andrer.— ck. Der Eiuflnsj der Verdauung auf die Arbeit. ES ist bekannt, daß eine starke körperliche Thäligkeit kurz nach einer Mahl- zeit die Verdauung stört und selbst aufheben kann. Unter dieser Bedingung werden in der That die Mageuabsvndernngcn mehr oder weniger vermindert. Die geistige Arbeit kann dieselbe Wirkung hervorbringen. Umgekehrt vermindert aber auch die Arbeit der Ver- dau»»g die seelische Thätigkcit in allen Formen, Der französische Forscher Fere hat interessante Experimente angestellt, um zn er- mittel», in welchem Verhältnis die Verdaunn�sarbeit die Muskel- thätigkeit herabsetzen kann. Er hat gefunden, daß diese Herabsetzung viel beträchtlicher ivar als man es ahnen konnte. Im Verlauf der ersten Stunde, die dem Einnehmen einer Mahlzeit folgt, erreicht die ohne Ermüdung ausgeführte Arbeit kaum die Hälfte der in nüchternem Zustande vollbrachten Arbeit; aber die Verminderung wird vom Beginn bis zum Ende dieser ersten Stunde ständig größer. Von ungefähr 75 Prozent in den ersten zehn Minuten fällt die Arbeitsleistung von der 45. bis zur 60, Minute bis auf 10 Prozent. Der Einfluß der Würze und der Reizmittel wie Tabak und Alkohol macht sich in einer sehr deutlichen Art bemerkbar, indem er die Ermüdnng beseitigt, aber nur für eine sehr kurze Zeit, die niemals zehn Minuten überschreitet; nachdem erscheint die Müdigkeit wieder, und zwar stärker, als sie eS ohne diese vorübergehende Erregung gelvesen tväre.— Psychologisches. — Den Wortschatz der Kinder hat der amerikanische Psychologe Harlow Gate an drei Kindern ein und derselben Familie einer genauen Veobachtung unterzogen. Wie die«Zeitschrift für Psycho!, u. Physiol. d. Sinnesorgane' berichtet, fand er am Ende des zweiten Lebensjahres bei dem Erstgeborene» einen Wortschatz von etwa 400, bei de» späteren von über 700 Worten. Bei allen dreien fand bis zum?lltcr von 2'/» Jahren ungefähre Verdoppelung statt. Das; die»leisten andren Kinderpsychologen auch ungefähr die Zahl 400 fanden, erklärt Gale daraus, dafe solche Nntersuchungen mit Vor» liebe bei den«lvnnderbareil" Erstgeborenen geniacht werden. An einem Tage gebrauchten die Kinder S— 10 000 Worte, darunter 50 bis 65 Proz. ihres gesamten Wortschatzes, dabei freilich auch wohl angeregt durch das Gebnhren ihrer Eltern, die ihnen von Zeit zn Zeit einen ganzen Tag mit dem Notizblei folgten, an den andern Tagen aber immer nur die neuen Worte anmerkten. Sehr inter» essant waren die individuellen Verschiedenheiten im Wortschatze der drei Kinder. Trotz der groben Vehnlichkeit der Luderen Bedingungen hatten die drei Kinder weniger als die Hälfte der Worte gemeiiisain, und jedes über ein Viertel ganz für sich.— Kulturgeschichtliches. — U e b e r das„ A a h n e n s ch w i n g e n' der Egerer Metzger schreibt die«Köln. Ztg.": In der alten Reichsstadt Eger steht ein alle fünf Jahre lviederkehrendeS Fest bevor, das geschicht- lichen Ursprung hat und nach de» Ermittelungen des Stadtarchivars Dr. Siegel an Ereignisse des Jahres 1412 anknüpft: das Fahnen- schwingen der Egerer Metzgerzunft. Die mangelhafte Rechtspflege des Mittelalters führte zu Fehden der uuuvohnenden Ritterschaft mit der Stadt Eger. die in endlose Raubzüge und Wege- lagereien ausliefen. Auf Grund des 1386 zu Eger aufgerichteten «Landfriedeus* und der von vielen Groden des Reiches am 13. April 1412 zn Eger geschlossenen.Eimiiig", in der man sich gegen- seitige Hilfe zusagte, haben die Egerer unter den umwohnenden raub- lustige» Rittern wacker aufgeräumt. Bei der Einnahme der den adeligen Gebrüder Forster gehörigen Burg Neuhaus im jetzt bayrischen Grenz- gebiet thaten sich die Metzger- und Tuchknappen ganz besonders hervor, erstiegen unter Trompetenschall zuerst die feindlichen Zinnen und brachten als Trophäe die jetzt noch im Museum zn Eger aufbewahrte «Sonne von Neuhaus" uiit»ach Eger, welche die Turmspitze der Burg geziert hatte. Zunr Dank dafür verlieh der Egerer Rat den Metzgern und Tuchmachern das Ehrcnrecht, alljährlich einmal die Zunstfahne mit dem roten Feldzeichen geziert vor das HanS des Zunftmeisters zu hängen, sie sodann»uter Tronipetenschall neunmal zn schwingen und ein Fest mit Schmauserei und Trinkgelage zu begehen, zu dem der Senat die Mittel gewährte. Jenes Fahnenschwingen er- fordert eine ganz besondere Kunst des Fahnenträgers, da er die große fast quadratische Fahne während des SchreitenS so um das Haupt schwingen muß, daß sich das Fahnentuch nicht rollt, sondern mögllchst in einer gerade» Ebene die Lust durchschneidet. Um die Feier uicht zu einer gewöhnlichen sich gestalten zu lassen, ivird sie seit langer Zeit nur alle fünf Jahre begangen. Das letzte.Fahneiischwingen' fand 1396 statt; das diesjährige soll im Septcnibcr mit allen, Glanz gefeiert und dabei die„Sonne von Nenhaus" auf einem der Fest- ivagen. der die Burg Neuhaus darstellt, zum erstenmale im Zuge znitgeführt lverde».— Aus dem Tierleben. — Der Nordamerika nische Forelle»barsch, der neuerdings mit Erfolg auch in Deutschland eingeführt ist, ist im dritten Sommer, unter günstigen Ilmständen auch schon im zweiten, laichfähig. Er schreitet zun, Ablaichen, wenn die Wasscrtemperatnr des Teichs ungefähr-+- 15 Grad Rcaumur beträgt. In der Aus- tvahl der Laichstellen ist er, schreibt ei» Mitarbeiter der„Leipz. Ztg.", nicht besonders wählerisch, nur laicht er nicht in solchen Teichen, deren Boden so schlammig ist, dad sie keine Stelle ausiveisen. an der er durch Fächeln mit dem Schivanze und den Flossen den Schlamin entfernen kau», um hier ein schüsseiförmiges Nest zn baue». Das letztere Ivird in einer Wassertiefe von 50— 100 Centimetcr hergerichtet und in dieses der Laich abgesetzt. Das Laichgeschäft selbst dauert 2 bis 3 Tage und die Eier kleben im Neste fest; Männchen und Weibchen bewachen abwechselnd den Laich. Sie stehen über dem Neste, halten durch Fächeln uiit dem Schwänze und den Flossen das Wasser in Bewegung, führen hierdurch den Eiern stets sauerstoffhaltiges Wasser zu und verhüten gleichzeitig, daß sich Schlamni auf denselben absetzt. Nach Verlauf von£—14 Tagen, je nach der Witterung, schlüpfen die jungen FischchcV aus. Die Vennehrung ist eine gute, oft sogar eine vedcutende. Das Fleisch des Forellenbarsches ist zart und wohlschmeckend, es hält die Mitte zwischen dem der Forelle und dem des Zanders. Die Nahrung des Forellen- barsches besteht aus Crnstaceen, Würmern, Schnecken. Insekten, Kaulquappe», Fröschen und kleinen Fischen. Mit Vorliebe wurden die Frösche und deren Larven verzehrt. Aus diesem Grunde ist die Einsetzung deS Forellenbarsches besonders in solchen Teichen einpfchlenswcrt. wo dieses letztere Ungeziefer im Teiche unliebsam austritt. Entsprechend der Voliebe des Forellenbarsches für wärmeres Wasser kann er mir in solchen Teiche» gezogen und gehalten werde», die auch für die Karpfenzucht geeignet sind. Hier zieht sich der Fisch sehr leicht und läßt auch seine Vermehrung nichts zu wünschen übrig. Werden etwa IVe Dutzend laichfähige Fische in einen Karpfen- Abwachsteich oder Karpfenstreckteich gesetzt, so erhält man im Herbst eine bedeutende Anzahl einsömmeriger Forellenbarsche. Steht zur Zucht ein Teich zur Verfügung, der flache, sandige Ufer oder feinen Kiesboden besitzt und dessen Größe etwa 10 Ar beträgt, so werden in einen solchen etwa ein Dutzend laichfähige Forellenbarsche gesetzt. Zeigt sich hier die Brut, so wird sie mit einem feinen Kctscher herausgefangen und in Karpfenbrutteiche überführt; hier können dann die einsömmerigc» Fische über 10 Centinieter lang werden. Diese Fische konimen im zweiten Sommer in Karpfenstreckteiche, werden hier etwa 20 Centinieter lang, erreichen ei» Gewicht von 1,2 Kilogramm und find dann schon marktfähig. Als Nebenbesatz- fisch in Knrpfenleichen rechnet man an Forellenbarschen 20 Proz. der Karpfen. Bei der Abfischung zeigt sich der Forellenbarsch lange nicht so empfindlich als die Forelle und der Zander, stirbt daher auch nicht so leicht ab als diese beiden und kann auch gefangen längere Zeit im Fischkasten gehalten werden.— Technisches. — Unechter Silberdraht. Die Herstellung de? sogenannten levnischcn SilberdrahteS beschreibt, nach der„Tech». Rdsch.", Ingenieur Friedrich in der„ANg. Jng.-Ztg." Um einen reinweißen, fast filberähnlichen Draht herzustellen, mischt nian 60 Teile Kupfer, 20 Teile Zink und 25 Teile Nickel. Die mechanische Bearbeitung dieser Legierung ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden, indem die Platten, die mau zum Zwecke der Darstellung von Blech immer zuerst durch Gießen herstellen ninß, stark lrystallinisch sind und unter dem Hamnicr leicht springen oder kantenrissig werden. Gewöhnlich stellt man kleine Platten durch den Guß her,' die 20 bis 30 orn lang, 12 bis 18 ein breit und beiläufig 1 cm dick sind, diese Platten werden schwach gewalzt oder gehämmert und nach jeder mechanischen Arbeit ausgeglüht; sie veriieren hierdurch allmählich die Irystallinische Strukttir und lassen sich, ivenn diese einmal verschwunden ist, mit Leichtigkeit weiter bearbeiten. Man ist dann im stände, diese Platten so wie Kupfer und Messing durch Walzen oder Prägen in beliebige Form zu bringen, und es werden die meisten Gegenstände, die man aus dem Neusilber verfertigt, z. B. Löffel. Gabeln ec.. durch Prägen hergestellt. Ebenso kann man das auf diese Weise vor- bereitete Neusilber durch Walzen oder durch Grob«, Mittel- und Mehrfachdrahtzüge gehen lasien. Bon 0,55 mm abwärts auf noch feinere Webdrähte haben sich nur die loniscken Stufenscheiben der Bergmannschen Mehrfachziehmaschienen bewährt, indem dieselben nicht einschneiden und durch ihr automatisches Selbstcinstellen das Zerreißen dieser feinen, äußerst zarten Drähte verhindern. Geglüht werden diese feinen Drähte im vierten Keffel, d. h. nur in vierfacher Schutznmhüllnng, indem man in den äußere» Kessel«inen zweiten, in diesen einen dritten und hier erst den vierten Kessel mit den feinen Drähten einsetzt, alle Seiten dieser drei innere» Kessel müsien mit einer Schutzhülle von ca. 4 bis 5 cm Feilspänen umgeben werden, wobei man den groben Draht mit einem Ucberzug von echtem Silber versieht.— Humoristisches. — DaS Jubiläum. Festredner: Wir feiern eigentlich ein doppeltes Jubiläum, verehrte Sangesbrüder. Zehn Jahre gehört unser Freund dem Verein an und gerade fünf Jahre ist er heute seine Beiträge schuldig.— — Kontrast. A.: Ihre Braut gefällt mir; daS dunkle Haar, der dunlle Teint und die dunklen Augen verleihe» ihr etwas Pikantes. B.: Ja und so dunkel wie sie ist, so helle ist sie auch.— s.Lust. Bl.") Notizen. —„Miß H o b b s". ein englisches Lustspiel von I. K. Jeron, e, ist in der deutschen Bearbeitung von Wilhelm Wolters vom Dresdner Schauspielhaus zur Anfsührnng angenommen worden.— — Philharmonische Konzerte unter Arthur N i k i s ch' s Leitung finden in diesem Winter statt am 14. und 23. Ok- tober, am 11. und 25. November, am 9. Dezember, am 20. Januar, am 3. und 17. Februar und am 3. und 17. März.— — Julius Lieban wird nach Ablauf seines Kontraktes, im Jahre 1903, das Opernhaus verlassen.— — Domenico M o r e 1 1 i, einer der größten italienischen Historiemnaler, ist in Neapel g e st o r b e n.— t. Ein neuer veränderlicher Stern ist im Sternbild« des Schlangenträgers von Dr. Anderson in Edinbnrg entdeckt und schon seit de», Oktober vorigen Jahres unter Beobachtung gehalten worden, trotzdem hat er die Periode seiner Helligkeitsschwanknngen noch nicht ermitteln können. An, 29. Oktober war er von der Größe 9,6 und gewann in zehn Tagen um eine halbe Helligkeitsklasse au Lichtstärke.— Lerautwortlichcr Redacteur: Carl Leid u, Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.