Unterhaltungsblati des Jorwürts Nr. 163. Donnerstag, den 22. August. 1901 (Nachdruil verboten.» 100) K V b e i k: Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Ehe Ragu schlafen ging, zündete er seine Pfeife an und gab in großen Umrissen ein Bild seiner Irrfahrten als wandern der Arbeiter, der sich, träge und genußsüchtig, gegen die Arbeit empörte. Er war eine der verdorbenen Früchte des Lohn sklaventums, der Sklave, dessen höchster Traum es ist, den Herrn von seinem beneideten Platze herunterzustoßen, bloß um diesen Platz selber einzunehmen und seinerseits die Kameraden auszusaugen. Für ihn gab es kein andres Glück, als ein großes Vermögen zu besitzen und in Genuß und Wohlleben zu schwelgen auf Kosten des Elends Tausender von armen Menschen. Und aufbrausend von Natur, dabei feige dem Herrn gegen über, ein gewissenloser Arbeiter, ein Trunkenbold, der zu keiner ausdauernden Thätigkeit fähig war, war er von Werk- statt, von Land zu Land gewandert, überall bald davon gejagt, manchmal selber in plötzlicher sinnloser Aufwallung davongehend. Niemals hatte er einen Pfennig beiseite legen können, überall war er beim Elend zu Gaste gewesen, jedes > neue Jahr hatte ihn tiefer sinken gesehen. Und als das Alter kam, war es wirklich ein Wunder, daß er nicht vor Hunger und Erschöpfung irgendwo im Straßengraben verendete. Bis an sein sechzigstes Jahr arbeitete er', konnte er, sich noch da und dort leichtere Beschäftigungen verschaffen. Dann kam er in ein Spital, mußte es nach einiger Zeit verlassen und wurde bald darauf in ein andres gebracht. Fünfzehn Jahre lebte er nun schon so zähe weiter, ohne recht zu wissen wie, sein Dasein vom Zufall des Tages fristend. Jetzt bettelte er, fand da und dort in einem Hause ein Stück Brot zum Essen, ein Bund Stroh zum Schlafen. Bei alledem hatte sich nichts in ihm geändert, weder die verbissene Wut gegen alle, die es besser hatten, noch die gierige Sehnsucht, ein Herr zu sein und im Genuß zu leben. „Aber," sagte Bonnäire, die zahllosen Fragen unter- drückend, die sich zu seinen Lippen drängten,„alle diese Länder müssen ja in Aufruhr sein. Hier ist es freilich sehr schnell gegangen, und wir haben einen Vorsprung vor den andren, wie ich weiß. Gleichwohl ist die ganze Welt in Vor- wärtsbewcgung begriffen, nicht wahr?" „O ja," erwiderte Ragu in seiner geringschätzigen Weise, „sie schlagen sich herum, und bauen überall die Gesellschaft neu auf, was aber doch nicht hinderte, daß ich nichts zu essen hatte." In Deutschland, in England, und besonders in Amerika hatte er große Streiks, furchtbare Empörungen mitgemacht. In allen Ländern, in die ihn seine Trägheit und Unbeständig- keit verschlagen hatten. war er Zeuge gewaltsamer Ereignisse gewesen. Die letzten Königreiche stürzten, Republiken entstanden an ihrer Statt, Bündnisse zwischen benachbarten Völkern begannen die Grenzen verschwinden zu lassen. Es war wie die Umwälzung im Frühling, wenn das Eis zer- bricht und unter den warmen Strahlen der Sonne in wenigen Tagen alles sprießt und aufblüht. Unverkennbar be- fand sich die ganze Menschheit im Zustande der Evolution, war endlich am Werke, das Reich des Glücks zu be- gründen. Aber er. der schleckte Arbeiter, der stets unzufriedene, genußgierige Mensch, hatte nur gelitten unter diesen Katastrophen, die ihm. wie er mit verbissenem Grimm sagte, bloß Hiebe und Wunden eingetragen hatten, ohne daß er je auch nur Gelegenheit gefunden hätte, den Keller eines Reichen zu plündern, um sich einmal nach Herzenslust volltnnken zu können. Heute, wo er ein alter Landstreicher, ein alter Bettler war, gab er keinen Pfifferling für ihr Reich des Friedens und der Gerechtigkeit I Damit bekam er seine zwanzig Jahre nicht wieder, damit konnte er nicht in einem Palast wohnen, mit Sklaven zu seinen Befehlen, und dort in Jubel und Freuden bis ans Ende seiner Tage leben, wie die Könige, von denen die Bücher erzählen. Und er sprach mit grimmigem Spott von all der dummen Mensch- heit, die sich's so sauer werden ließ, ihren Urenkeln, den Bürgern des nächsten Jahrhunderts, ein schöneres Haus zu bauen, dessen sich die heute Lebenden nur in ihren Träumen erfreuen können. „Diese Träume haben lange Zeit das Glück der Menschen ausgemacht," erwiderte Bonnaire ruhig.„Aber was Du sagst, ist nicht mehr wahr, heute steht das neue Haus fast vollständig fertig, und es ist sehr schön, sehr hell und fröhlich; ich werde es Dir morgen zeigen, und Du sollst sehen, ob es nicht ein Vergnügen ist, darin zu wohnen." Er erklärte ihm sodann, daß er ihn morgen an einem der vier großen Arbeitsfeste teilnehmen lassen werde, die am ersten Tage einer jeden Jahreszeit Beauclair mit Freude und Jubel erfirllten. Jedes dieser Feste hatte seine eignen, der Jahres- zeit angemessenen Belusttgungen. Und das von morgen, das Fest des Sommers, schmückte sich mit allen Blumen und Früchten der Erde, mit dem überquellenden Reichtum der Natur, mit der Pracht des tiefblauen, weitgespannten Himmels, an welchem die machtvolle Junisonne strahlte. Ragn war in seine düstere Unruhe zurückversunken, in die geheime Furcht, in Beauclair den alten Traum vom socialen Glück verwirklicht zu sehen. Sollte er wirklich, nachdem er unter qualvollen Kämpfen so viele Länder durchstreift hatte, die in den Wehen derGeburt der künstigen Gesellschaftsordnung lagen, sollte er wirklich diese Gesellschaftsordnung hier fast vollständig auf- gerichtet sehn, in dieser Stadt, in seiner Heimat, die er infolge einer wahnsinnigen Mordthat hatte fliehen müffen? Dieses so gierig überall gesuchte Glück, es war hier, bei ihm zu Hause, während seiner Abwesenheit geschaffen worden, und er war nur zurückgekehrt, um zu sehen, wie glücklich die andren waren, während es für ihn keine Freude mehr in diesem Leben geben konnte. Der Gedanke, daß er so durch eigene Schuld sein ganzes Dasein hoffnungslos verwüstet hatte, drückte ihn vollends nieder, und er trank schweigend, in finsteres Brüten verloren, die Flasche Wein aus, die sein Wirt vor ihn hingestellt hatte. Als dann Bonnaire sich er- hob, um ihn in sein Schlafzimmer zu führen, folgte er ihm schweren, müden Schrittes. Das Zimmer war sauber und freundlich, das Bett weiß und duftend, und der armselige Bettler fühlte diese brüderliche, freigebige, reichliche Gastfreundschaft wie eine schwere Last auf sich ruhen. „Also schlaf wohl, Alter. Auf morgen früh I" „Ja, auf morgen früh, wenn diese ganze verrückte Welt nicht während der Nacht zusammengestürzt ist." Bonnaire konnte jedoch, nachdem er sich ebenfalls zu Bett begeben hatte, nicht gleich einschlafen. Der Gedanke, mit welchen Absichten Ragu zurückgekehrt sein mochte, ließ ihm keine Ruhe und machte sein Herz beklommen. Zehnmal war er auf dem Sprunge gewesen, ihn direkt zu befragen, und hatte es wieder unterlassen, aus Furcht, einen gefährlichen Ausbruch herbeizuführen. Es war doch wohl das beste, abzuwarten und dann nach den Umständen zu handeln. Er fürchtete irgend eine gewaltsame Scene, fürchtete, daß dieser herab- gekommene Landstreicher, von Elend und Entbehrung toll ge- macht, seine Heimat nur wieder aufgesucht hatte, um einen schrecklichen Skandal hervorzurufen, um Lucas und Josine zu beschimpfen, um vielleicht gar sein Verbrechen zu wiederholen! Er nahm sich daher fest vor. ihm morgen nicht einen Augen- blick von der Seite zu»veichen, ihn überall selber hinzu- führen, damit er niemals allein sei. Indem er übrigens be- schloß, ihm alles zu zeigen, verfolgte er zugleich eine kluge Taktik; er hoffte, ihn durch den Anblick so großen Reichtums, so gewaltiger Macht zu lähmen, ihm das Bewußt- sein einzuflößen, wie wirkungslos und nutzlos dagegen die wütende Auflehnung eines Einzelnen sei. Und mit dem Ent- schluß zu diesem letzten Kampfe für die Harmonie, den Frieden und das Glück aller schlief Bonnaire endlich ein. Am nächsten Morgen um sechs Uhr ertönten Trompeten- fanfaren und sandten ihren lauten, fröhlichen Ruf über die Dächer von Beauclair, um das Fest der Arbeit an- zukündigen. Die Sonne stand schon, ein strahlendes, kraft- volles Gestirn, hoch an der herrlich blauen, unernießlich weiten Wölbung des Junihimmels. Fenster öffneten sich, Grüße flogen über die Bäume hinweg von Haus zu Haus, die Volksseele der neuen Stadt erwachte fröhlich zum festlichen Tage. Und die Trompeten schmetterten immerzu und erweckten von Gatten zu Gatten lustiges Gelächter und helle Kinderstimmen. Bonnaire fand, als er bei Ragu eintrat, diesen schon bereit. Er hatte im anstoßenden Badezimmer ein Bad ge- nonrmen und hatte anständige Kleider angezogen, die auf einem Stuhl für ihn bereitgelegt worden waren. Und der ausgeruhte, erfrischte, wohlgckleidete Ragu hatte seine alte Spottsucht wiedergefunden, war offenbar entschlossen, sich über alles lristig zu machen und keinen Fortschritt anzuerkennen. Als er seinen Wirt eintreten sah, zeigte er sein häßliches, beleidigendes und herabwürdigendes Lächeln.. „Hör' einmal, Alter, die schlagen ja einen schrecklichen Lärm mit ihren Trompeten, die Kerle! Das muß nicht sehr angenehm sein für Leute, die sich nicht gern Plötzlich aufwecken lassen. Spielt mau Euch jeden Morgen diese Musik auf in Eurer Kaserne?" Der ehemalige Puddelmeister sah ihn lieber in dieser Laune. Er lächelte gemütlich: „O nein, diese lustige Reveille wird nur an den Fest- tagen geblasen. An gewöhnlichen Tagen kann man lange schlafen, wenn man will, während überall tiefste Ruhe herrscht. Aber wenn das Leben schön ist, steht man zeitig auf, und nur die Kranken müssen zu ihrem Bedauern im Bett bleiben." Dann sagte er in seiner rücksichtsvollen Güte: „Hast Du gut geschlafen? Hat es Dir an nichts ge- fehlt?" Ragu bemühte sich wieder, unangenehm zu sein. „O, ich schlafe überall gut. Seit Jahren schlafe ich nur äoch in Heuschobern, und die sind besser wie das beste Bett. Ebenso ist es mit all den neuen Erfindungen, den Bade- wannen mit kaltem und warmem Wasser, den elektrischen Heizungen, wo man nur einen Knopf zu drehen braucht, um warm zu haben— das ist ja alles recht angenehm, wenn man Eile hat. Sonst aber ist es viel gesinrder, sich am Fluß zu waschen und sich an einem guten alten Ofen zu wärmen." Und als Bonnaire schwieg, setzte er hinzu: „Ihr habt zu viel Wasser in Euren Häusern. Sie müssen feucht sein, glaube ich." O, welche unwürdige Schmähung des wohlthätigen, des unablässig rein und frisch quellenden Wassers, das die Ge- sundheit, die Freude und die Kraft Beauclairs war, dessen Straßen und Gärten es in ewiger Jugend badete l „Unser Wasser ist unser bester Freund, der gute Schutz- geist unsrer Stadt," sagte Bonnaire gelassen.„Du wirst es überall hervorsprudeln und alles berieseln und befruchten sehen. Komm, wir wollen jetzt frühstücken, und dann machen wir uns gleich auf den Weg." (Zortsetzuiiq solgt.) Vonr„THeskevMck". <„D er böse Blick' von N a n i.) In der vorliegende» Arbeit, die durch gefällige Vermittlung eines Herren Wüst ans Italien eingeführt ist, findet man alle Eigen- schastcn des sogenannten Theaterstücks wie in einem Bouquet ver- einigt. Sie behandelt einen dunklen Aberglauben, der in Neapel weite Kreise beherrscht— den Glanben au den bösen Blick. Der Blick gewisser Personen bringt Unheil, vor dem man sich am besten schützt, indem man de» Zeigefinger und den kleinen Finger ab- wehrend vorstreckt. Der italienische Theatermann behauptet nun, daß dieser Aberglaube moderner Menschen unwürdig sei und hat damit ziveifelSohne recht. Er behmcptct ferner, daß ein solches Vorurteil zu den schlmnnsten Ungerechtigkeiten gegen harmlose Mensche» führen kann und spricht damit wiederum eine niiantastbare Wahrheit ans. Man könnte nun wünschen, daß seine Behauptungen weniger miansechlbar und dafür auch etlvas weinger trivial wären. Offenbar aber will er uns um leinen Borzug' bringe», de» die Theatraliker zu vergeben haben und so beschenkt er uns mit der trivialen These. Im Jahre 1901 den Glauben an den„bösen Blick" als einen finsteren Aberglauben zu bezeichnen, da? ist eine auf- klärende Geiftcsthat. die eines Theatermannes durchaus univürdig ist. So lange ein Gedanke einsam ist, hat er vor den Bühnenhand- Werfen« Ruhe. Sie brauchen für ihre Produkte ein volles Hans und ein solches läßt sich mit einsamen Gedanken nur schwer er- zielen, ganz abgesehen davon, daß sie nie Biih»eiihnn.d- werker geworden tvären, Wenn sie die Fähigkeit hätte», einen einsamen Gedanken zn lieben. Erst, wenn ein Gedanke durchgedrungen ist. ja, eigentlich erst, wenn er schon wiederum im Sterben liegt, d. h. Iveim er selbstverständlich geworden ist, be- ginnt er die Bühnenlieferanten zu intcressicren. Die Leute speknliereii ans die Menge und die Menge ist allerdings insofern be- scheiden, als sie sich mit Dingen begnügt, die für die'befferen Köpfe jedes Interesse verloren haben. Wenn' i» den« kleinsten freisinnigen Winkell'iältchen wehmütige Artikel über die böse Bnreaukratie gc- standen haben, kann„FlachSniann als Erzieher" eine» Massenerfolg haben— wohlgemerkt mir, wenn er sich in keinem Punkt an der Banalität der Winkelblättchen versündigt, und das hat Otto Ernst ja— nicht ohne Geschmack, vermieden. Sobald man die Frage auch mir eine Schattierung ernster stellt, sobald man die Bureänkratie ans ihre Herkunft(sie ist hochgeboren) untersucht, stellen sich Bedenken ein und der breite Erfolg ist zum Teufel. Der Sinn von„Flachs- mann als Erzieher" ist etwa: die Bnreaukratie ist ein Uebel und dieser Satz ringt mit dem mutigen Bekenntnis, daß der Glaube an „den bösen Blick" ein Aberglaube sei, allerdings um die Palme der Selbstverständlichkeit. Die These muß selbstverständlich sein— erste Bedingung des erfolgreichen Theaterstücks! Reicht der Witz, um den an sich selbstverständlichen Gedanken an einem überraschend er- sonnenen Einzelfall zu zeigen, gehört der Mann bereits zn den besseren seines Genres und läuft leicht Gefahr, bei einem Teil seiner Stamnigäste in Mißkredit zu geraten. Die meisten Theatermänner kennen diese Gefahr sehr gut und suchen sie zu Venneiden, was ihnen ohne sonderlichen Fleiß gelingt. Ohne Zweifel ist das Hand- werk einer gewissen Feinheit fähig. Es sind nicht alle so banal wie Otto Ernst und der Verfasser des„bösen Blicks". Bon Skribe beispielsweise, bei dem man mitunter wirklich nicht weiß, wo das Handwerk aufhört und die Kunst anfängt, wollen wir in diesem Znsammenhang ganz schweigen. Im allgemeinen aber— und wir reden ja vom Genre, also von der Allgemeinheit— gehört die Trivialität zum Theaterstück, wie die Dntzend-Photographien zur„Woche". Ohne Zweifel läßt sich ein Gesichtspunkt denken, unter dem der Glaube an den„bösen Blick" meiischlich und künstlerisch zu inter- essieren vermöchte. Wird er uns so ohne weiteres vor die Augen gestellt, sozusagen als ein ehrwürdiger Brauch der neapolitanischen Gesellschaft, berührt er am ehesten wie eine Kuriosität, und Kuriositäten haben mit der Kunst sehr wenig zu thni»—, wenn nnsre Symbolisten es auch nie begreifen werden. Etwas andres wäre es, wenn wir den sumpfige» Untergrund keimen lernte», der so angenehme Giftpflanzen treibt. Hätte uns der Italiener den gesellschaftliche» Hintergrund gezeigt, er hätte bereits etwas gethan. Hätte er dazu noch den Zusammenhang zwischen jenen« allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und der besonderen Erscheinung des Aberglaubens gezeigt, dann hätte er viel geihan. Und wir ivollten uns für den„bösen Blick" interesfieren, wie nur immer für das modernste Problem. Der Umstand, daß es sich um einen Aber- glauben handelt, hätte dann der Dichtung nnheimliche trübe, flackernde Farben leihen können. Und gerade die Kuriosität der Erscheinung hätte den historischen Hintergrund mit einer Art phantastischer Ge- Walt zum Bewußtsein bringen lönnei«. Es versieht sich am Rande, daß unser Theatermann den Weg nicht gegangen ist. Das einzige, was an seinem Stoff künstlerisches Interesse gehabt hätte, unierschlägt er— und er weiß wahrhaftig warn in! Den allgemeinen Hintergrund, der dein Ganzen erst das Leben leiht, spart sich die Sorte immer. Dafür erzählt sie uns einen„Fall", wie auch Herr Rani es thnt, einen losgerissenen, sinnlosen vereinzelten Fall, der am liebsten so ausgehen mutz, daß der Edelmut des Publikums ans seine Kosten kommtt In unserem Fall handelt es sich»m einen Arzt, der nicht nur tiichttg ist, sondern sogar so tüchtig, daß er ein unfehlbares Mittel gegen Diphrheritis gefunden hat. Daneben ist er opserrnütig wie ein Heiliger und scheint während einer bösartigen Epidemie schließlich noch der einzige zu sein, der Widerstand leistet. Trotz alledem schreibt man ihm ernen„bösen Blick" zu, und es hat einen Augen- blick de» Anschein, als ob er sein kostbares Leben durch Selbst- mord beschließen würde. Er thnt das schließlich aber doch nicht, rettet vielmehr durch seil« Diphtheritismittel ei» Kind, das von allen Aerzten aufgegeben war, überzeugt seine Umgebung von der Ungerechtigkeit des Aberglaubens und führt so' nach mannigfachen Qualen die Braut heim. Wer da- nach also nach Neapel geht und in den Verdacht des„bösen Blicks" kommt, Hann sich den unangenehmen Folgen auf die leichteste Weise entziehen. Er erfinde, einfach ein Mittel gegen Diphtheritis. nehme ein Kind, das hoffnungslos erkrankt ist und rette es. Ist er zu- fällig kein Mediziner, kann er ja das lenkbare Luftschiff suchen oder den Stein der Weisen oder ein Mittel. Dichter wie Herr Rani auf gesetzlich erlaubte und schmerzlose Art zu beseitige»— in allen Fällen würde er die Bewunderung seiner Mitbürger erringen und von der Last des Aberglaubens befreit sein. Herr Rani sieht natür- lich nicht, daß er sein Probien« genau da verläßt, wo er es an- gefangen hat. Es gehört auch das zu den berechtigte» Eigentümlich- leiten des Theaterstücks. Die Gedanken, die eS vertritt, besagen nichts, und den willkürlich erfundenen Einzelfall, an dein sie demonstriert werden, besagt schließlich auch nichts. Arn Ende darf man daraus die Folge ziehen, daß es nichts gicbt, das so iiberfliissig wäre wie ein Theaterstück. Wenn uns jetzt ein Peisimist fragte, ivarum es denn so viele giebt, wüßten wir keine andre Antwort, als seinen Pessimismus zu teilen. So ganz von nichts kommt nun schließlich aber auch nichts, nicht einmal ein Theatererfolg beim Pöbel. Es ist zwar Bedingung, daß die Sache leer anfängt und leer ausgeht, aber unterivegs müssen doch einige Sensationen geschaffen werden. Wie die Dinge liegen, kann das auf ehrliche Weise nicht geschehen und so geschieht es eben auf unehrliche. Es hat im Sternberg-Prozetz kein Mensch vor den Schranken gestanden, der so im Tiefsten unehrlich gewesen wäre wie ein richtiger Theatraliker. Das Wesen des Theaterstücks ist die Lüge, die blanke Lüge. daß etlvas geschähe, während doch nichts geschieht und somit ist das Wesen des Theatralikers die Verlogenheit, welche Eigenschaft es ihm sehr erleichtert, die Form der Kunst zu bmutzen und dabei die Kunst in jedem Atemzuge zu verraten. Er stiehlt seine Wirkungen einfach und fragt nicht viel danach, was seine„wirkungsvollen" Scenen in, Zusammenhange des Ganzen bedeute». Herr Rani beispielsweise beschenkt uns mit einer Scene, in der bei Mondschein die kleine Tochter des Hauses stirbt, während man im Nebenzimmer versucht die große Tochter des Hauses zu vergewaltigen. Natürlich versucht man es nur.— Herr Rani keimt sein Publikum und weiß, ivarum er es beim Versuch bewenden läßt. Er reizt zwar die Phantasie der Zuschauer, aber er sorgt doch auch dafür, daß die Jungfernschaft erhalten bleibt. Man legt in der gegenwärtigen Welt so unendlich viel Gewicht auf die Jungfernschaft— zumal im Theater. Und ein Theaterstück wollte der Italiener ja schreiben— es wäre vergeblich, mit ihn» über die Boraussetzungen seines Thuns zu rechten. Erich S ch l a i k j e r. Kleines Feuilleton. — Der Schularzt. Ein Fachmann plaudert in der in Berlin erscheinenden Wochenschrift für sociale Medizin„Medizinische Reform": „Was machen Sie denn eigentlich in der Schule?" oder„Hat man denn als Schularzt viel zu thun?"— Diese und ähnliche Fragen werden von Kollegen und Laien oft an mich gerichtet. Um diese Frage beantworten zu können, müßte ich einen dieser Frage- steller bitten, mich einnml bei meinem gewöhnlichen Schulbesuch, vormittags 11 Uhr, zu begleiten. ES ist die x. Gemeindeschule in der K.-Straße, ein stolzer Bau mit schön gegliederter, kostspieliger Front, großem, rings mit Bäume». Raien, wildem Wein bepflanzten Hofe. Wir treten durch den breiten Thorweg ei», da steht rechts au der Wand:„Eingang für Knaben", links:„Eingang für Mädchen". Wir benutzen' den ersteren, der uns bald zu einein bequemen Treppenaufgang und da- mit nach dem ersten, zweite» und dritten Stock— das ist die übliche Höhe der Berliner Schulhäuser— hinausführt. Auf jedem Stock sehe» wir einen langen Korridor und in diesem an der einen Seite eine Anzahl Thülen neben einander zu den nach der Straße zu ge- legenen Klaffe», au der Wand gegenüber noch ein paar Thüren, zu den nach dem Hofe zu, in Vorbauten angebrachten Klassen. Eine stüchtige Berechnung ergiebt uns für die Knabenabteilung «tiva' 18 Klassen, die Klasse zu 50 Schülern angenommen, also etwa 900 Knaben, und Mädchen sind es ebensoviel, das macht also ohne Lehrer ctiva 1800 Menschen, d. i. die Zahl der gesamten Bewohner einer mittleren Kreisstadt, welche in diesem einen Hause zusammen sind. Nach dieser Bc- rechnung erscheinen uns nun allerdings Treppenaufgang und Korridore, welche die in einem Privathause wohl um'/s Meter in Breite übertreffen, nicht mehr so besonders großartig; und wenn wir erst das Geschiebe und Gedränge sehen, wenn fich diese Menschen- maffen in der großen Pause nach dem Hofe zu bewegen, so denkt mau unwillkürlich, was wohl geschähe, wenn einmal durch Feuer, Gasexplosion k. eine allgemeine Panik entstände. Den ganze» Korridor entlang find nun an beiden Seiten dicht aneinander Kleiderhaken angebracht, die mit Ueberkleidcrn dicht bc- hangen sind, daneben ein paar Schirmständer, in der Mitte ist ein Wasseranslaß mit Trinkbechern, Seife, Handtuch, alle» Bequemlich- ketten, die wir in der kleinen Stadt entbehren mußtest, nicht zu vergessen auch»och die auf Anordnung hoher Regierung auf Treppen- absützen, Korridoren— auch in den Schulzimmern— aufgestellten Spncknäpfe, in welche die Kinder hineinspucken sollen, und auch hineinspucken, wenn es ihnen einmal zu langwellig wird. Die Kleider auf den Korridoren hatten sich uns schon von weitem an deni Menschengeruch, den sie verbreiteten, bemerkbar gemacht, aber wir dachten dabei: Besser diese Ausdünstungen und Gerüche hier, als in den Klassenzimmern, wo sie in einzelne» Schule» noch unter» gebracht sind. Einem Arzt, der auf dem Lande oder in einer kleine» Stadt groß geworden ist, Ivo nian solche Neberkleider bei Kindern im all- gemeinen eben so wenig kennt, wie Unterkleider, muß sich beim Anblick aller dieser dicken, gefütterten Mäntel, Halstücher, dicken wollenen Mützen, Handschuhe, ohne welche hier auch das ärmste Kind im Winter in der- Regel nicht ausgeht, noch mehr aber, wenn er bei den Untersuchungen nicht selten vier bis sieben Ivollcne Kleidungsstücke über einander bei einem Kinde findet, noch ein andrer Gedanke aufdrängen, nämlich der, was für ein jammervolles, widerstandsloses Geschlecht wohl ans so verweichlichten Großstadtkindern hervorgehen niag, und er wird vielleicht die nächste Gelegenheit benutzen, um in einer Lehrer- oder Eltern- Versammlnngj einen Vortrag über Hautpflege und deren Gegenteil, Hautreiz und Reaktion, Haarausfall durch unnatürliche Kopf- Erwärnmng:c. zu halten. Sinn melden wir uns beim Rektor in dessen Sprechzimmer. Wir wünschen eine Klasse zu besuchen, in die der Rektor unS bereitwilligst hineinführt, Sie liegt im Parterre-Geschoß nach der Straße zu. Es ist inzwischen UVa Uhr geworden; die Kinder sind also nach der„Großen", d. i. �/«stündigen Pause wieder seit kurzem in der Klasse. Die Kinder sitzen in drei Reihen Bänken zu je 3 und 4 in einer Bank. Zwischen den einzelnen Bankreihen ist je ein schmaler Gang. Zwischen dem Klassenlehrer und uns entspinnt sich nun folgendes Zwiegespräch: Arzt:„Sie haben aber eine ganz schlechte Luft hier im Zimmer, Herr Lehrer, es ivar doch soeben große Pause." Lehrer:„Während der großen Pause sind alle Fenster offen. Gleich nach derselben ist dann die Lust besser, sind aber die Fenster nur kurze Zeit geschlossen, so wird die Luft sofort schlecht." Arzt:»Das machen wohl die vielen Kinder, wieviel sind eS denn?" Lehrer:„Ich habe 62." Arzt:„Dann haben Sie wohl die größte Klasse?" Lehrer:„Herr E. hat auch 62, Ar. hat 63, Lr. 68 und Frl. T. sogar 76; vier Klassen zählen zwischen 55 und 60, die 6 übrigen haben weniger, nämlich nur 33 bis 49 Schüler; ähnlich ist's auch in den andren Schulen." Arzt:„Es ist erlviesen, daß schon 50 Kinder in einer Klasse stündlich dreimal soviel Luft verbrauchen, als das ganze Zimmer faßt. Welche Ventilations-Eiurichtungen haben Sie denn, um die Luft im Verhältnis zum Verbrauch zu erneuern?" Lehrer:„Besondere Ventilationseinrichtungen haben Ivir so wenig wie die andren Schulen; wenn wir Lust haben wollen, müssen wir die Fenster öffnen." Arzt:„Dann müßten aber, weil doch dauernd und bei so vielen Menschen sehr schnell die Luft verbraucht wird, doch dauernd ein oder zwei Fensterflügel zur Luftenieuerung offen bleiben." Lehrer:„Das ist unmöglich, iveil man alsdann wegen des Straßenlärms kein Wort hier verstehen würde. Sie hören, daß das Wagengcrassel, das Surren und Klingeln der Straßenbahn schon bei geschlossenen Fenstern so stört, daß man oft schreien muß, um fich verständlich zu machen." Arzt:„Wie oft und wie lange öffnen Sie denn das Fenster?" Lehrer:„Etivas gelüstet mutz alle Augenblicke werden, weil es sonst nicht auszuhalten wäre; da aber nur die unteren Fenster- flügel geöffnet lverden könne», beschweren sich im Winter die Kinder sofort über die kalte Luft, die sie dann überströmt." Arzt:„Kann denn nicht tvenigstens in den Pansen gründlich gelüstet werden?" Lehrer:„Außer zwei großen Pansen von 1/i Stunde haben wir nur Pausen von fünf Minuten zwischen den einzelnen Stunden. Da in denselben die Kinder in der Klasse bleiben, können wegen der vielen schtvüchlichen Kinder die Fenster, wenigstens bei rauhem, kalten Wetter, nicht offen bleiben." Arzt:„Und im Sommer?" Lehrer:„Auch an den schwülsten Somniertagen können die Fenster wegen des Straßeulänns nicht offen bleiben, zudem ist die Straßenluft dann selbst oft mit Gerüchen und Staub überfüllt." Arzt:„Man sollte doch glauben, daß der stündige Aufenthalt in so schlechter Luft die Gesundheit der Kinder und Ihre eigene schlver schädigen müßte?" Lehrer:„Die Gesundheitsscheine der Kinder liegen hier. Sie ersehen ans denselben, daß unter den 62 Kindern 18 als hochgradig blutarm, meist auch gleichzeitig als schwächlich und zum Teil als skrophulös bezeichnet und für die Ferienkolonie vorgemerkt sind. Die leichteren und niittelstarcken Fälle sind nicht berücksichtigt, wie Sie ein Blick auf die Klaffe lehrt, weil sonst nur ein paar blieben, die nicht als blutarm zu bezeichnen wären. Weitere 12 Kinder haben stärkere Wucherungen im Nasenrachenraum, die der Arzt auch hauptsächlich auf die schlechte Lust zurückführte. Diese sind meist auch schlverhörig. Nicht erwähnt ist, daß in den späteren Schul- stunden sehr oft Kinder wegen Schwindel, Kopfschmerz, Uebelkeit, Ohnmacht nach Hause geschickt lverden müssen" usw.— — Lei beigeneup reise in Nnßlaud. Vor kurzem, am 40, Jahres» tage der Veröffentlichung des Manifestes über die Bauerncmancipation, wurden in der„Zeitschr. f. Socialwisseusch." Daten über die Preise von Leibeigenen im 18. und am Beginn deö 19. Jahrhunderts mit- geteilt. Aus den Akten des Archäologischen Museums in Ssmolensk war unter andrem zu ersehen, daß im Jahre 1751 eine Witwe nebst Tochter für drei Rubel verkauft worden waren, 1771 wurde ein Mädchen für 5 Rubel verkauft, 1785 kostete ein Mädchen 7 Rubel, 1791 10 Rubel; zwei Mädchen wurden gleichzeitig für 25 Rubel los- geschlagen. 1803 erzielte ein Mädchen beim Verkauf 33 Rubel und 1821 350 Rubel. Die Preise für lebende Ware gingen also all- mählich in die Höhe. 1732 wurden ein Bauer mit Frau und drei Kindern für 7 Rubel abgetreten. 1741 wurde ein Bauer mit Frau, Kindern und aller Habe für 10 Rubel verkauft; es handelte sich um einen entlaufenen Leibeigenen; solche Bauern wurden überhaupt billiger verkauft. 1754 Ivnrde ein solcher Bauer nebst Familie usw. für 25 Rubel abgegeben. Auch Land konnte man damals sehr wohl- feil kaufen. 1795 wurde im Ssmoleuskische» Kreise eine Deßjatme Land für 5 Rubel verkauft.— Physiologisches. — Die physiologische» Wirkringen des Mar» s ch i e r e n s sürd unlängst von N. Z u n tz und S ch u m b u r g ein- gehend untersucht worden. Die„Köln. Ztg." berichtet über dre Er- gebnisse dieser Untersuchungen: Die einzelnen Versuche wurde» mit fünf Studierenden des Friedrich Wilhelm-Jnstituts angestellt, die mit feldmarschmäßiger Ausrüstung versehen worden waren. Es wurden bei diesen Versuchen gesunde, junge, aber im Marschieren ungeübte Leute ausgelvählt. Was zunächst die Emchstknng des Marschiercns iiif das Herz anbetrifft, so ergab sich, dasi bei längeren Märschen eine Zunahme der Belastung bon 27 auf 32 Kilogramm deutlich schädigend wirlt: bei 31 Kilogramm Belastung entstand häufig Doppelschlägigkeit des Pulses; in 87 Prozent aller Fälle trat bei schwerer Belastung Verstärkung der Herz- und Lebcrdämpfung ein. Anstrengende Märsche unter Miteinwirlung'bon Gepückbelastnng und Ermüdung erzeugen Verflachung jedes einzelnen Atemzuges,� Ver- grösterung der Leber und der Dilatation des Herzens. Bei gesunden jungen Leuten sind diese Einwirkungen aber nicht bon langer Daner und die Dilatation schon abends oder am nächsten Morgen ber- schwunden. Durcb Märsche, besonders bei kühlein und windigem Wetter, wird die Thätigkeit der Stieren angeregt; bei übermäßig an- strengenden, wenn auch nicht lauge dauernden Märschen stellt sich Albuminurie ein. Was die geistigen Fäbigkciten anbelangt, so ergab sich, dast leichte Märsche erfrischend und anregend wirken, während nach sehr anstrengendem Marsche auch am nächsten Morgen noch eine psychische Reaktion deutlich nach- zuweisen war. Die Untersuchung des Energieverbrauchs bei Belastung mit Gepäck ergab, dah derselbe durchschnittlich beim Gehen proportional der bewegten Masse zunimmt, dag jedoch die Art und Weise, wie die Last am Körper berteilt ist, einen große» Einfluß ausübt, so daß unter günstigen Umständen die Last mit merklich geringerem Kraftaufwand bewegt wird, als der eigene Körper im unbelasteten Zustand. Dieses Ergebnis ist von Wichtigkeit; die beiden Forscher haben Verfahren angegeben, nach denen man die Art und Weise der Anbringung der Last am Körper ermitteln kann, bei der der Marschierende das Minimum bon Kraft aufzuwenden braucht. Was die Wärmeerzeugung anbelangt, so ist sie je nach der Belastung und der Marschgeschwindigkeit vier- bis fünfmal so groß als im S�rbezustand. Sie steht nicht in einer einfachen Beziehung zur Luft- temperatur.in derUmgebung des Marschierenden; dieGröße dieserWärme- erzeugung bestimmt hauptsächlich die Grüße der Schiveißabsonderung. Aus allen Ergebnissen läßt sich schließen, daß eine leichte, poröse Kleidung die Marschfähigkeit in beträchtlichem Grade erhöht. Als interessante Thatsnche ergab sich, daß Umstände, welche die Fortbewegung des Körpers hindern, wie z. B. Wundlaufen der Füße, ahnlich wie Ermüdung wirken und eine gewaltige Steigerung des Kraftberbraucks hervorrufen. Dies steht in völliger Ueber- einstimmung mit den Erfahrungen bei Pferden mit Sehnen- und Hufleiden. Durch fortschreitende Uebung wird nicht allein die durch Er- müdung bedingte Steigerung des Verbrauchs betmindert, sonder» es kann sogar die Wirkung ivachsenderBelastung aufgehoben werden. Was die bei Marschen auf festen Wegen, in der Ebene und mit der Geschwindig- keit von 91 Meter in der Minute geleistete Arbeit anbelangt, so er- giebt sich für deren Berechnung in Meterkilogrammen folgende ein- fache Regel: Man multipliciere das Gewicht des Marschierenden samt der von ihm getragenen Last mit der in Meter ausgedrückten Wegelänge und dividiere das Produkt durch 12. Multipliciert man diese Zahl mit 7,5, so erhält man den Mehrverbrauch an Energie bezw. Nährstoffen in Gramknkalorien während des Marsches im Ver- gleich zu einer gleich langen Zeit absoluter Ruhe. Diese auS den Beobachtungen abgeleiteten Zahlen stehen in guter Uebereinstiinmung Mit deu theoretischen Berechnungen.— Aus dem Tierreiche. — Musizierende K ä f e r l a r v e n. In den„Transactions of the Entomological Society of London" berichtet C. I. G a h a n mancherlei Ne-nes über musikalische Käfer und Käferlarven. Seine Untersuchungen bestätigten, wie der»Prometheus" schreibt. Darwins Bemerkung, daß diese Tonapparate von wunderbarer Verschiedenheit in ihrer Lage am Körper sind, während ihr Bau gewöhnlich sehr einfach ist und in einer Folge erhabener Streifen sRiefen) besteht, auf welchen ein feilenariiges Feld oder ein raspelartiger Rand irgend eines benachbarten Teiles des Anßenskclettes geigt oder spielt. In manche» Fällen ist das gestreifte Feld in gröbere und feinere Teile geschiede», so daß es scheint, als könnten dadurch höhere und tiefere Töne mit demselben Strich hervorgerufen werden. Die bestbekannlen musikalischen Käfer sind ivahrscheinlich die Bockkäfer, bei denen die bewegliche Vorderbrust mit ihrer scharfen inneren Randkante über die Reibleiste des»»ter ihr liegenden Fort- satzes der Mittelbrust reibt, wobei kleinere Arten dieser Käfer Töne hervorzubringen scheinen, die das menschliche Ohr nicht mehr ver- nimmt. Man sieht, sie»insizieren, ohne einen Ton zu hören. Aber stridulierende Organe kommen auch am Kopfe, an den Beinen, Flügeldecken und am Hinterleibe der Käfer vor, wobei ein ähnliches Organ und in derselben Lage am Körper oft in weit von einander getrennten Familien auftritt. Obwohl solche Organe oft bei beiden Geschlechtern gleichmäßig entwickelt sind, neigt Gahan dazu, die ge- schlechtliche Zuchtwahllehre als die Ivahrscheinlichste Erklärung für ihre Entstehung gelten zu lassen. Die Bockkäser musizieren aber äugen- scheinlich auch aus Angst, ivenn man sie in die Hand nimmt. Be- fremdlich ist für diese Theorie anch das Vorhandensein musikalischer Instrumente am Körper der Käferlarven, und noch mehr, daß sie bei unterirdisch lebenden Larven von Skarabäiden und bei Larven, die im Holze leben, wie diejenigen der Hirschkäfer(Lukaniden) und der nahe verwandten Passaliden, vorkommen. Bei diesen Larven liegen die rauhen Felder auf den Mittelbeinen und die Fiedelbögen an den Hinter« beinen, bei den Passalidenlarven, die ü. a. ini Zuckerrohr leben, sind die Hinterbeine so reduziert, daß sie für alle anderen Dienste als die musikalischen nutzlos sind. Man hat den ZVrtl birf« Musik darin gesucht, daß, wenn eine Anzahl von Larven neben ein« ander in einein Stück Holz leben, es für jede von ihnen von Vorteil sein muß, im ungestörten Besitz seines Ganges zu bleiben. Eine Stridulation, die dahin zielt, die Eigentumsrechte jeder einzelnen dieser Larven an seinem Gange zu sichern, würde hier die allgemeine Harmonie befördern. Auch von den Schmetterlingen erivähnt Landois in seinem Buche über Tierstimme» mehrere musikalische Raupen, zum Beispiel die des Totenkopfes und verschiedener anderer Schwärmer, namentlich Smerinthus- Arten, aber auch von Spinnen(Saturnia-Arten), wobei die Töne hervorgebracht werden, wenn die Raupe beunruhigt wird.— Aus dem Gebiete der Chemie. — Säurefeste Gefäße. Ein Verfahren zur Herstellung von säurefesten Gefäßen und andern Körpern, ivelches in ihrer Tränkung mit Schwefel besteht, hat Dr. B. Finkelstein kürzlich er- fundcn. Um eine möglichst weitgehende Durchtränkung des Steines und Ausfüllung seiner Poren mitSchwefel zu erreichen, trocknet mandiefertig geformten Gegenstände, lvie Gefäße, Platten, Bausteine usiv., durch Er- wärmen gut vor und bringt sie dann»och warm in ein Bad von ge- schmolzenem Schwefel, dessen Temperatur man allmählich annähernd bis zu seinem Siedepunkt steigert. Die Gegenstände werden in dem Bade gelassen, bis der Schwefel genügend tief eingedrungen ist. Räch dem Erkalten der Gegenstände sind die Poren des getränkten Materials infolge der Ausdehnung des erstarrenden Schwefels mit fester, erst über 100 Grad Celsius schmelzender, säurebeständiger Masse vollständig ausgefüllt, und die Härte und Festigkeit der so behandelten Gegenstände ist außerordentlich erhöht. Die mit Schwefel getränkten. Gefäße sollen sich weit besser zur Aufnahme von Säuren eignen, als gethcerte Sandsteinbehälter. Einzelne mit Schwefel behandelte Platten lassen sich mittels eines ebenfalls hoch erhitzten Gemisches von Schivefel und Sand leicht zu großen Behältern zusammenfügen, besonders ivenn man die einzelnen Teile durch Falze und Nuten passend dafür herrichtet. Die mit Schivefel imprägnierten Cement- oder Sandsteinplatien lvie auch Ziegelsteine können nach dem Erfinder wegen ihrer vollständigen Wafferdichtheit anch zu Isolierungen von Fundamenten und andrem Mauerwerk gegen Grundivasser verwandt iverden.— s.Techn. Rdsch.") Humoristttlbes. — Gerettet. Frau:»Ich möchte mich gern erkundigen, Herr Sanitätsrat, was fehlt meinem Manne eigentlich?" Arzt:»Ja, liebe Frau, da muß ich Sie auf das schlimmste vorbereiten. Bei Ihrem Manne sind Symptome aufgetreten, die auf ein sehr bösartiges Leiden schließen lafsen." Frau:»O Gott, Symptome hat er schon?!— was sind denn das, Symptome?" Arzt:»Ich meine die sichtbareil Anzeichen, an denen wir Aerzte das Leiden erkennen. Bei Ihrem Manne zeigen sich rote, grüne, gelbe Flecken an den Hände», das ist außerordentlich be- ünruhigcnd." Frau:»Aber die Flecken hat er doch immer gehabt, er ist doch ein Färberl' Arzt:»So?— ein Färber ist er?— Na da kann er von Glück sagen l'— — Weiblich.„Was willst Du eigentlich bei der Wahrsagerin? Du hast doch bereits Deinen Bräutigam?" Braut:»Weißt Du, ich tvill ihn mir zur Sicherheit auch noch prophezeien lassen."— l.Lust. Bl.') Notizen. — Schauspielhaus und Oper»Halls eröffnen am Sonnabend die neue Saison.„Agnes B e r n a u e r" wird an diesem Abend vom Schauspielhaus lind die„Fledermaus" vom Opernhans gebracht werde».— —»Im Coupä", ein Einakter von Benno Jakobson, ist für das R e s i d e n z- T h e a t e r zur Aufführung erworben worden.— — Der Sänger Eckhardt ist als Hcldentenor auf fünf Jahre für das Opernhaus verpflichtet worden.— — Ein explodierendes Meteor ivurde am 17. August in B o r g h o r st(Westfalen) beobachtet. Es erschien gegen IVV« Uhr abends im Stenibildc des Adler und nahm seinen Weg in der Richtung auf das Sternbild der Schlange hin. Das Licht des Meteors ivar weiß und so stark, daß man kleinere Gegenstände wie bei Tage erkennen konnte. Zuletzt platzte das Meteor mit merk- sichern Knall.— t. D i e Seltenheit des Platin. Das Platin ist so außerordentlich knapp geworden, daß man in Rußland die Be- stimmung getroffen hat, abgenutzte Münzen im Werte von 4V« Mill. Rubel, die aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stammen und einen nicht unerheblichen Gehalt an Platin besitzen, zur Ge- winnung dieses Edelmetalls einzuschmelzen.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.