Interhaltmgsblatt des Horwärts Nr. 170. Sonntag, den 1. September. 1901 (Nachdruck oervotcn.) 107] A v b v i k. Rom«» in drei Vücheni von Emile Zola. 8l»8 dein Französischen übersetzt von Leopold Nosenzweig. Von ihrer ganzen Generation, von all denen, die an der Gründung und Schaffung des glorreichen Beauclair mitgewirkt hatten, blieben nur noch Lucas und Jordan übrig, von allen geliebt, von der zärtlichen Sorgfalt Josincns, Soeurettens und Suzannens umgeben. Die drei Frauen, außerordentlich frisch und rüstig für ihr Alter, fanden ihre einzige Freude, ihren einzigen Stolz dann, die Selfcriuuen und Pflegerinnen der beiden Greise zu fem. eitdem Lucas nur noch schwer gehen konnte und fast voll- ständig au seinen Ruhesessel gebannt war, wohnte Suzaune in seinem Hause und teilte sich mit Josine in das schöne Vorrecht, ihn liebevoll zu betreuen. Ueber achtzig Jahre alt, hatte er sich die ungetrübte Heiterkeit der Seele, die vollen Kräfte seines Geistes bewahrt, war noch imnier ganz jung, wie er lachend sagte, wären nur die verwünschten Beine nicht gewesen, die schwer wie Blei wurden. Ebenso wich Soeurette ihrem Bruder Jordan nicht von der Seite, der nach wie vor in seinem Laboratorium arbeitete, welches er nun gar nicht mehr verließ, und in welchem er auch schlief. Er war um zehn Jahre älter als Lucas, aber der Neunzigjährige arbeitete noch nmner in der langsamen, beharrlichen und methodischen Weise, mit dem unbeugsamen Willen und der sinnvollen Verwendung seiner Kräfte, der er, der zeitlebens kranke und scheinbar stets dem Verlöschen nahe Mann, es dankte, daß er noch immer thätig sein konnte, während die kräftigsten Arbeiter seiner Generation schon seit langem unter der Erde ruhten. Er sagte oft mit seiner schwachen Stimme: „Die, die sterben, die wollen es; man stirbt nicht, so lange man noch etwas zu thun chat: Ich bin sehr krank, aber ich werde dennoch sehr alt werden, ich werde erst sterben, wenn mein Werk vollendet ist. Ihr werdet sehen, ich werde es inl voraus wissen, und ich werde es Euch ankündigen, in- dem ich Euch sage: Gute Nacht, liebe Freunde, mein Tage- werk ist vollbracht, ich gehe schlafen." Jordan arbeitete also noch immer, weil er sein Werk für noch nicht vollendet hielt. Er war stets in warme Decken gewickelt, er trank nur laue Flüssigkeiten, nni sich nicht zu erkälten, er lag auf einem Ruhebett ausgestreckt in den langen Erholungspausen zwischen den ivenigen Stunde», die er seinen Forschungen widmen konnte. Aber zwei oder drei Stunden täglich, die er sich solchermaßen abgewann, ge- nügtcn ihm. um eine gewaltige Leistung zu vollbringen, mit so viel Methode, mit so weiser, uimnttelbar zum Ziele strebender Verwendung seiner Mittel füllte er seine Zeit ans. Und mit unvergleichlicher Aufmerksamkeit und Selbstverleugnung stand ihm Soeurette zur Seite wie sein zweites Selbst, war ihm zugleich Krankeuwarterin, Sekretär und Laboratoriumsgehilfe und ließ niemand sonst in die Nähe ihres Bruders. Wenn manchmal seine Händeso schwach waren, daß sie ihm den Dienst versagten, führten die ihrigen seine Gedanken aus; sie verlängerte sein Leben, indem sie ihre Kräfte den scinigen hinzufügte. Nach der Ucberzengung Jordans konnte er sein Werk erst an dem Tage vollendet nennen, an welchem er der neuen Stadt die»vohlthätigc Elettricität in ungemessenen Mengen>vürde geben können, zur beliebigen Benutzung für jedermann, wie das Wasser, dessen unerschöpfliche Flnt der Fluß hinabträgt, wie die Luft, die jede Brust frei einatmet. Seit sechzig Jahren hatte er viel zur Erreichung dieses Zieles gethan, hatte er eines nach dem andern der Probleme gelöst, die aus dem Wege lagen. Zuerst hatte er es zuwege gebracht, die Transportkosten zn ersparen, indem er die Kohle gleich am Grubenschacht verbrannte und die ge- wonnene elektrische Kraft ohne lvescntlichcn Stromverlust in die Fabriken leitete. Dann hatte er den ihm so lange vor- schwebenden Apparat konstruiert, der es ermöglichte, die in der Kohle gebundene Wärmc-Energie unmittelbar in elektrische Energie zu verwandeln, ohne den Umweg über die mechanische Energie. Damit war der Dampfkessel überflüssig gelvordeu und eine Ersparnis von fünfzig Prozent erzielt. Und nachdem er so das Mittel gefunden hatte, die Dynamos durch das bloße Verbrennen der Kohle dirett mit Elektricität zu ver- sorgen, hatte er seine elektrischen Schmelzöfen praktisch zur Eisengewinnung verwertet, hatte er die Metallurgie revolutioniert, konnte er schon jetzt die ganze Stadt für alle gemeinsamen und Einzelverrichtungen reichlich mit Elektricität versehen. Aber diese kostete noch immer zu viel, während er sie umsonst wollte, zu jedermanns schrankenloser Verfügung, wie die Luft, die uns nmgiebt. Außer- dem aber verfolgte ihn eine Schreckensvorstellung; die mögliche, ja unausweichliche Erschöpfung des Kohlenvorrats der Erde. In kurzer Zeit, vielleicht ehe ein Jahrhundert um war, mochte die Kohle anfmigen zu rnangeln, und das wäre dann der Tod der jetzigen Welt, die Industrie würde zum Stillstand kommen, die Fortbelvcgungsmittel würden nutzlos und hilflos werden, die ganze Menschheit würde in Todesstarre verfallen, gleich einem großen Körper, dessen Bluttrmlaus aufgehört hat. Bei jeder Tonne dieser kostbaren, unersetzlichen Kohle, die er verbrennen sah, sagte er sich rnit angstvoller Beklemmung, daß wieder eine Tonne weniger vorhanden sei. Und schwächlich, kränklich, ficberisch, wie er lvar, mit einem Fuß im Grabe stehend, dachte er mit schwerer Sorge an die kunstigen Gene- rationen und schwor sich zn, nicht eher zu sterben, als bis er ihnen den Kraftstrom, den Strom unerschöpflichen Lebens zum Geschenke gemacht hatte, der der Träger ihrer Civilisatton und ibres Glückes sein sollte. So hatte er sich denn»vieder an die Arbeit gemacht und arbeitete seit bereits mehr als zehn Jahren an dieser Ausgabe. NattrrlicheNveise dachte Jordan zuerst an das fallende Wasser. Dies war die primittve Triebkraft, und man' ver- wendete sie mit Erfolg in Gebirgsgegenden, trotz der Launen der Bäche uiid Flüsse, trotz der höchst störenden Unter- brechuugen durch trockene Perioden. Aber die wenigen Bäche der Monis Bleuses. die obendrein durch die Ableitung der Quellen fast versiegt waren, besaßen leider nicht die nötige Kraft. Außerdem konnte das Wasser ihm nicht die regä- mäßige, konstante und vor alleur nicht den reichen Ueberfluß an Triebkraft liefern, deren er für seine Weitgreisenden Pläne bedurfte. Hierauf ivendcte er seine Gedanken dem Meere zu, dem Wechsel der Ebbe und Flut, dem gewaltigen, nie rastenden Wellenschlage gegen die Misten. Viele Gelehrte hatten sich schon mit dem Problem befaßt, diese ungeheure Energie nutzbar zn machen, und er setzte ihre Studien fort, konstruierte sogar einige Vcrsnchsapparate. Die Entfernung Beauclairs vom Meere war kein Hindernis, denn die Elektricität konnte nun auf beträchtliche Distanzen ohne Verluste weitergeleitet werden. Aber eine andre Idee verfolgte ihn imd bemächtigte sich schließlich seiner ganz und gar, ein Zukurlftstraum von so gewalttger, Herr- licher Größe, daß er in ihm den letzten, einzigen Zweck seines Lebenswerkes sah. Hatte er diesen Zweck erreicht, dann hatte er der Menschheit das Glück erobert. Immer hatte Jordan, mit seinem blntannen, frierenden Körper, die Sonne geliebt, sich sehnsüchtig zu ihr hin- gezogen gefühlt. Er verfolgte ihren Lauf über die Himmels- Wölbung, jeden Abend, wenn er sie untergehen sah, durch- bebten ihn furchtsame Schauer vor der Kühle der Nacht, und des Morgens erhob er sich oft zu früher Stunde, um die Freude zir genießen, sie wieder aufgehen zu sehen. Wenn sie ins Meer gesnrrken wäre, wenn sie nie toicder erschiene, welche endlose, eisige, tödliche Nacht für die urr- glückliche Menschheit l So halte sich bei ihm ein förmlicher Kultus der Sonne herausgebildet, der mächtigen Mutter rmsrer Welt, der Schöpferin und Beivegerin, die die Wesen aus dem Urschlainrn hervorgerufen, sie gewärmt, entwickelt und ver- mehrt, sie mit den Früchten der Erde genährt hat. seit einer nubercchenbaren Reihe von Jahrtausenden. Sie war die ewige Quelle des Lebens, weil sie die Quelle des Lichtes, der Wärme und der Bewegung war. Auf ihrem Strahlen- throne herrschte sie als gewaltige, gute und gerechte Königin, als göttliche Urkrafr, ohne die nichts Lebendes sein könnte, deren Verschwinden den llutergairg aller Dinge herbeiführen würde. Warum also sollte die Sonne nicht sein Werk fortsetzen und volleirdcn? Sie hatte Taujende. von Jahren hindurch in der tropischen Vegitaticui die Wohl- thätige Wärme aüfgehänft, die wir nun der Kohle wieder cntnehnien. Tauscnde von Jahren hindurch hatte sich die Kohle ini Schotze der Erde destilliert, hatte ihren ungeheueren Wärmeschatz sür uns bewahrt und behütet, um ihn uns dann als ein unschätzbares Geschenk zu überantworten, das der Civilisation zu neuem, glänzendem Fortschritt verhalf. An die hilfreiche Sonne also mußten sich die Menschen wieder wenden, sie war sicherlich/ bereit, ihrer Schöpfung, den Menschen Und der Welt, immer mehr Leben, immer mehr Wahrheit und Gerechtig- keit, alles erdenkbare Glück zu teil werden zu lassen. Wenn sie jeden Abend verschwand, wenn sie im Winter nnt ihren Strahlen kargte, so mußte man von ihr begehren, daß sie uns einen Teil ihres Feuers hier lasse, damit wir ruhig ihre Rückkehr am Morgen abwarten und, ohne zu leiden. die kalte Zeit des Jahres überdauern können. Solchermaßen stellte sich nun das Problem als ein ebenso einfaches wie gewaltiges dar, es handelte sich darum, sich unmittelbar an die Sonne zu wenden, die Sonnenwärme einzufangcn und sie vermittelst eigner Apparate in Elcktricität zu verwandeln, von der sodann ungeheure Vorräte in undurchlässigen Reservoirs aufgespeichert werden mußten. In diesen hätte man dann eine unerschöpfliche Quelle unermeßlicher Kraft, die man nach Belieben verbrauchen könnte. Während der glühend heißen Sommertage würde man die Sonnenstrahlen einernten und sie in ungeheuerem Ueberflusse in Speichern aufhäufen: wenn dann die Nächte lang würden, wenn der düstere, kalte Winter känle, wäre genug Licht, Wanne und Bcwegungskraft vorhanden, unr die Freude und das Behagen der Menschen zu sichern. Endlich wäre diese der Allmutter Sonne abgewonnene, vom Menschen dienstbar geinachte elektrische Kraft seine willige und stets bereite Sklavin, die seine Mühe verringern und es vollends bewirken würde, daß die' Arbeit zur genußvollen und gesunden Lebcnsthätigkeit werde, daß sie die gerechte Verteilung der Güter herbeiführe, daß sie das Gesetz und der Kultus des Lebens sei. Das, was Jordan als höchstes Ziel vorschwebte, hatte schon viele Köpfe beschäftigt, und diesem oder jenem Forscher war es gelungen, einen Apparaten konstruieren, der die Sonnenwärme ausfing und in Elektricität verwandelte, aber in so unendlich keinen Mengen, daß diese Apparate nichts mehr waren als Laboratoriumsexperimente. Die Umwandlung mußte im großen geschehen, die Elektricität mußte in ungeheuren Behältern gesammelt werden, um den Bedürfnissen eines ganzen Volkes genügen zu können. Und Jahre hindurch ließ Jordan im ehemahligen Park �der Chröcherie seltsame, tunnartige Bauten aufführen, deren Bestimmung niemand erraten konnte. Er selbst verweigerte jede Auskunft, er vertraute niemand das Geheimnis seiner Forschungen. An schönen Tagen, wenn er sich kräftig genug fühlte, kam er nnt kleinen, schlurfenden Greisenschritten zu seinen neuen Bauten, schloß sich darin mit seinen Leuten ein, arbeitete, känipfte beharrlich trotz aller Mißerfolge und besiegte schließlich das königliche Gestirn. er. die winzige Ameise, die ein etwas zu starker Strahl getötet hätte. Es gelang ihm, das Problem zu lösen, die gute, gcwalttge Sonne ließ sich ein wenig von ihrer unermeßlichen Flammenglut wegnehmen, womit sie seit so vielen Tausenden von Jahren die Erde erwärmt, ohne sich abznkühlcn. Nachdem die letzten, entscheidenden Versuche ge- lungen waren, wurde ein großes Werk erbaut und in Thätig- keit gesetzt, und es versorgte nun Beauclair mit Elcktricität zur freien Verfügung der Bewohner, sowie die Quellen der Monis Bleuses sie mit Wasser versorgten. Aber es war noch immer ein ungemein störender Fehler vorhanden: die riesigen Behälter verloren sehr viel Elektricität. Das galt es noch zu überwinden, die Behälter vollständig undurchlässig zu machen, in ihnen für den Winter so viel Sonnenwärme sicher einzuschließen, daß es möglich wurde, in den langen Dezembernächten eine andre Sonne über der Stadt zu ent- zünden. Wieder machte sich Jordan an die Arbeit. Er suchte, er kämpfte weiter, entschlossen, weiter zu leben, so lange sein Werk nicht volleudet war. Seine Kräfte schwanden immer mehr, er konnte nicht mehr gehen, er mußte vom Hause aus seine Weisungen, welche die so lange und mühselig gesuchte Verbesserung herbeiführen sollten, an das Elektricitätswert gc- langen lassen. In sein Laboratorium eingeschlossen arbeitete er an der Vollendung seiner Aufgabe, und dort»vollte er auch sterben au dem Tage, wo sie vollendet war. Und der Tag kam, er hatte Pas Mittel gefunden, unr jeden Verlust zu ver- rneiden, um die Reservoirs undurchlässig zu machen, so daß nian die Elektricitäb auf laiige Zeit hinaus in ihnen auf- sammeln konnte. Nun hielt ihn nichts mehr auf dieser Welt zurück' und er schickte sich an, von seinem Werke Abschied zu nehmen, seine Lieben zn umarmen und znm Urquell des ewigen Lebens zurückzukehren. Es war danmls Oktober und die Sonne vergoldete noch mit warmen, weichen Strahleir die letzten Blätter der Bäume. Jordan verlangte von Soeurette, daß sie ihn ein letztes Mal in das Elektticitätswerk tragen laffe, wo er die neuen Re» servoirs eben hatte fertigstellen lassen. Er wollte mit eignen Augen die glorreiche Vollendung seines Werkes sehen, die Behälter, in denen so viel Sonnenwänne aufgespeichert und festgehalten wurde, daß Beauclair damit bis zum nächsten Frühjahr reichlich versorgt war. Und eines Nachmittags wurde er denn in seinem Sessel in das Werk getragen und verbrachte da zwei Stunden, um alles zu besichtigen und sich von dem richtigen Funktionieren der Apparate zn überzeugen. Das Werk war am Fuße der Bergwand der Monis Bleuses errichtet, in dem ehemaligen Park der Cröcherie. der gegen Süden lag, nnd aus welchem die warme Sonne von jeher ein blühendes Paradies gemacht hatte. Hohe Türme überragten die weitläufigen Gebäude, riesige Dächer aus Stahl und Glas verbanden sie miteinander; sonst war von außen nichts zn sehen, die Leitungskabel waren alle unterirdisch geführt. Als Jordan mit seinem Rundgang zu Ende war, ließ er noch einmal im großen Mittelhof halten nnd warf von hier aus einen langen, letzten Blick ringsum auf diese neue Welt, diese neue Quelle ewigen Lebens, seine Schöpfung, der er sein ganzes Leben mit leidenschaftlicher Hingabe gewidmet hatte. Dann wandte er sich zu Soeurette, die nicht von der Seite des Sessels gewichen war, in welchem er von zwei Männern getragen wurde. „So wäre das vollbracht", sagte er lächelnd,„und es ist gut geworden. Jetzt kairn ich scheiden. Komm, Schivester, gehen wir nach Hause." (Fortsetzung folgt.) kNackdruck verboten.) Tebenvo Chronologie. Von Anton Tschechow. Im Salon deS Staatsrats Scharamykin herrscht ei» angeiichmcs Halbdunkel. Die große Vroiizelainpe mit dem viereckigen grünen Schirm giebt den Wänden, de» Möbeln und den Gesichtern einen grünlichen Schimmer. Bei einiger Phantasie könnte man an eine Nacht im Süden denken. Dann und tvann flammt in dem er-- löschenden Kamin ei» glimmendes Holzscheit auf. nnd für einen Augenblick iverden die Gesichter in feuerrote Glut getaucht; aber das stört die Harmonie der Farben nicht: im allgemeine» ist die Stimmung durchgeführt,>vic die Maler zu sagen pflegen. Vor deni Kann» in einem bequemen Sessel, in der Haltung eines Menschen, der soeben gut diniert hat, sitzt Scharamykin selbst, ein bejahrter Herr mit grauem Bureaukrateubart und mildblickenden. blaue» Augen. Ueber sein Gesicht ist eine gcivisse Sanftmut ans- gegossen, ein schlvermütigcS, nachsichtiges, verzeihendes Lächeln um-- spielt seine schmalen Lippen. Neben ihm, die Füße gegen den Nost des Kamins gestemmt, eine Cigarre von riesenhafter Dimension im Munde, sitzt auf einem niedrigen Sessel der Vicegouvcrnenr Lopnelv und räkelt sich wäge. Er ist ctivas jünger als Scharamykin. vielleicht fniifnndvierzig Jahre alt, groß, ein wenig korpulent, mit kühner, herausfordernder Physiognomie. Neben dem Pianino tollen die Kinder Scharamykins herum: Nina, Kolja, Nadja nnd Wanja. Aus der angelehnten Thür, welche ins Kabinett der Frau Scharamykin führt, dringt ein schwacher Lichtschein. Dort hinter der Thür sitzt an ihrem Schreibtisch die Frau des Hauses Anna Pawlowna, die Vorsitzende des örtlichen Dameickomitees. ei» beiveg- licheö, pikantes Dämchen von dreißig oder mehr Jahren. Ihre schwarzen lebhaften Aeuglein laufen durch das Pince-nez über die Seiten eines neuen französischen Romans. Unter dem Roman liegt ein abgegriffener Komiteebericht vom vergangenen Jahr. „Ja,- ja, früher Ivar es um unsre Stadt in dieser Beziehung besser bestellt," sagt Scharaniykin, mit seinen sanfte», schwcrmiitigeu Augen in die glimmenden Kohlen blickend.„Es verging kein Winter, ohne daß nicht irgend ein Stern erster Größe hier war. Es kamen berühmte Schauspieler, berühmte Sänger: aber heutzutage.,. Der Teufel weiß, wer heute noch kommt! Außer Taschenspielern und Orgeldrehern läßt sich keine Seele niehr hiersehe». Nicht ein einziger, ästhetischer Genuß.,. Ein Leben wie in der Wildnis... jawohl... Erinnern Sie sich noch des italienischen Tragöden, Excellenz... wie hiesz er doch gleich?...'s war solch ein Grober. Brünetter... Gott, erbarm' Dich. so ein Gedächtnis... Ach ja! Luigi Ernesto de Rngiero... Ein lvnnderbares Talent, eine Kraft I... Wen» er>i»r ei» Wort sprach, zitterte das ganze Theater. Meine Annette inter- essierte sich lebhast für sein Talent. Sie setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um sein Austrete» im Theater zu ermöglichen, ja sie brachte ganz allein Billette für zehn Vorstellungen unter.,. Dafür gab er ihr Unterricht in Deklamation und Mimik. Eine Seele von einem Menschen! Er tvar hier... ich will keine Lüge sagen... vor ztvölf Jahren... Nein I Das stimmt nicht... Weniger, vor zehn Jahren... Liebe Annette, wie alt ist doch unsre Nina?" „Nenn Jahre!" ruft Anna Pawlowna aus dem Kabinett. »Warum?" »Nichts, Liebchen. Ich frage mir so... Auch gute Sänger pflegte» zu komme»... Erinner» Sie sich vielleicht des tsnors di grazia Trilyschin? Was für ein Mensch I Welch ein bestrickendes Acugeres I Blond... ausdnicksvolle Züge, Pariser Manieren... Und was für eine Stimme, Excellcnz! Das hohe C freilich hatte er nicht, das niufzte er mit Fistelstimme fingen, manchmal tvnrde er auch im schönsten Gesang heiser, aber im übrigen... ausgezeichnet! Er ist von Tainberlik ausgebildet, erzählte er... Annette und ich,>vir besorgten ihm den Knsinosanl zu einem Konzert, und aus Dankbar- keit dafür pflegte er uns ganze Tage und Nächte vorzusingen... Er gab meiner Frau auch Gesangstunden... Er kam. ich erinnere mich genau, zu den hohen Festen' vor... vor zwölf Jahre». Nein, mehr... Das ist ein Gedächtnis, verzeih mir Gott! Liebe Annette, wie alt ist doch unsre Nadja?" »Zivölf I" .»Ztvölf... Wenn man zehn Monate hinzurechnet... Na natürlich... dreizehn!... Früher Ivar auch überhaupt mehr Lebe» in unsrer Stadt I Nehme» wir z. B. nur die Wohlthätigkeits- Vor- Stellungen. Was für schöne Abende! Man sang, man spielte, man las... Nach dem Kriege, erinnere ich mich, als hier die gefangenen Türken lagcn.'arrangicrte meine Anmette eine Vorstellung zum Besten der Verwundeten. Es wurden 1100 Rubel eingenommen... Die türkische» Offiziere, ich weist es noch ganz genau, waren vollständig hin von Annettes Stimme und küstten ihr un- ausgesetzt die Hände. Hehche.:. Wenn auch halbe Barbaren, sie waren doch eine dankbare Nation. Die Vorstellung war so gelungen, dast ich— werden Sie'S glanben?— eine Notiz in nieinem Tagebuch gemacht habe. Das war, wie ich mick genau erinnere, im Jahre'... 1876... iici» I Im Jahre 1877... nein! Erlauben Sie, wann waren die Türken bei uns?... Sie wissen's nicht? Aber das können ivir ja viel leichter habe» I Liebe Annette, wie alt ist doch unser Kolja?" „Ich bin sieben Jahre alt, Papa I" antwortet statt der Mutter Kölsa, ein brünettes Bürschchen mit dunklem Gesicht und kohl- schwarzen Haaren. »Ja, man ist alt geworden und hat keine Energie mehr I"... stimmt Lopnew seufzend bei.»Das ist der wahre Grund... Das Alter, Verehrtester!... Neue Arrangeure gicbt's nicht, und die alte» sind alt geworden...'s ist kein Feuer da! Als ich noch jünger war, da durfte es niemals vorkommen, dast man sich in einer Gesellschaft langweilte... bei Gott nicht!... Ich war der erste Gehilfe, die rechte Hand Ihrer Fran Gemahlin Überall, Ivo'tvas los tvar.,. Wenn es galt einen Abend zn ivohlthätigen Zwecke» zn arrangieren oder eine Lotterie z» veranstalten oder irgend eine durchreisende Berühmtheit zn unterstützen— ich liest alles stehe» und liegen und stürzte mich mit einet» wahren FenerciserZ auf die Sache... In einem Winter, erinnere ich mich, hatte ich so viel ver- anstaltet, mich so sehr angestrengt, dast ich krank wurde... jaivohl... In meinem ganzen Lebe» iverde ich dcnWinter nicht vergesse»!... Erinnern Sie sich noch an die Vorstellung, welche Anna Pawlowna und ich zum Besten der Abgebrannten arrangierten?" „Ja. in welchem Jahre tvar doch das gleich?" »Das ist»och gar nicht so lange her... Im Jahre 1870... Nein, im Jahre 1880, glaube ich I Erlaliben Sic, tvie alt ist Ihr Wanja?" «Fünf Jahre!" ruft Anna Pawlowna ans ihren» Kabinett. »Na also, dann war das vor sechs Jahren.... Jawohl, mein Lieber, das waren noch schöne Zeiten I Jetzt giebt's so was nicht mehr! Kein Feuer!" Lopnew und Scharamhkin versinken in Nachdenken. Ein glimmendes Holzscheit flammt zum letztemnale auf, dann versinkt es in die Asche. Anna Pawlowna lehnt sich in ihren Sessel zurück und blickt mit großen, verträumten Augen vor sich hin.— Kleines Feuilleton- dg. Ein Unfall. Um vier Uhr hatte der Dampfer abfahren sollen, jetzt ivar es ejuviertel auf fünf, und er lag noch immer fest. Die Passagiere tvurden unruhig.„Worauf warten wir denn eigentlich?" fragte ein Herr. »Ja»ver lveist Ivoranf." »Na, jetzt geht's los. Da kommt der Steuermann." Es ging aber doch nicht los.. Der Steuermann trat nicht ans Rad. Er blieb an dsr Maschine stehen und sprach mit dem Vor- sitzenden. Eine Bewegung ging über daS Schiff:»Was sagi er? Aussteigen?" „Ja, wir müssen alle wieder aussteigen." „Es ist was an der Schraube," erklärte ein Herr. „Dann können wir wohl nicht»ach Hause fahre»?" „Dann müssen wir wohl Bahn fahren?" Die Damen wurden bestürzt. „Jawohl Bahn fahren I Dann sollen sie uns anch's Fahrgeld wiedergeben." Der kleine dicke Herr mit dem Cylindcr setzte sich in Positur wie ein Kampfhahn:„Immer diese Sprcedampfer, immer passiert was mit den Sprecdampfer», rein gar nichts verstehen sie hier.". „Na ja von lvejen nischt verstehen!"— Der Steuermann muckte auf:„Was tvollcn Se denn? Die Schraube hat'ne Kette aufgegriffen,'ne Kette von'nein Aalkorb. Weiter is janischt." „Jawohl Kette I" Der Kleine lachte höhnisch. „Na cS is doch aber auch wirklich nichts lveiter!" sagte eine andre Stimme. Die Fran von dem Schiffsführcr kam aus der Kajüte herauf, sie besorgte da den Bierausschank. Sie sah blast aus und zitterte, aber sie zivang sich, fest zn bleiben:»Nein und es ist bestimmt nichts weiter, nur dast die fremde Kette in der Schranbesitzt. Das kann schon passiere», Ivo jetzt's Wasser so flach ist." Bittend sah sie von einem zum andern: „Wenn Sie nur bloß aussteigen möchten, damit's Schiff nicht so tief geht, die Leute können nicht arbeiten im Wasser." »Aber dann steigen wir doch aus!" Ein Teil des Publikums ging nach der Brücke, die andern folgten:»Ja ivoll, trinken wir »och'n Töppkcn Bier dertveile." Man fing an, die Sache hämo- rislisch zn nehmen. »Jn'ner halben Stimde fahren wir," versicherte noch einmal die Schifferfrau. „Jaivohl in de» Grund!" höhnte der kleine Dicke. Er machte keine Miene, das Schiff zu verlaffen. Er stellte sich vor die Kapitäns- fran und stampfte mit dem Stock auf den Boden:„Hören Sie, und ich fahre nicht mit zurück. Geben Sie mir mein Fahrgeld tvicder I Fällt mir gar nicht ein, zurückzufahren I Ich stelle mein Leben nicht aufs Spiel. Wenn Ihr Schiff kaput ist, fahre ich nicht." Er schrie. Er war kirschrot vor Zorn. „Aber mein Herr, mein Herr!" Die Fran stammelte:„Aber nein! DaS Schiff kaput? Es ist doch nichts, gar nichts, nur die Kette." »Mein Fahrgeld will ich wieder haben I" Er wurde immer aufgeregter, seine Stimme klang bis ans Ufer, tvo die andern standen. Die steckten die Köpfe zusammen:„Eigentlich hat er recht", meinte ein Herr.„Mit dem Schiff fahren? Wer weist den», tvas da wirklich passiert ist?" „Ja, die Geschichte mit der Kette, ob daS wahr ist. Sie wollen einS» blost beruhigen." »Nachher gehen>vir unter." „Ach nein, um Himmelstvillen nicht." Die Damen wurde» nn- ruhig.„Nein, ich fahre auch nicht mit zurück I Ans keinen Fall! Ich fahre mit der Bäh», nachher passiert ivaS." „Ja sie sollen uns das Fahrgeld wiedergeben I" „Das Fahrgeld, das Fahrgeld." Jnnncr mehr Stimmen riefen danach. Man drängte auf die Landmigsbrücke. „Alte Totenkisten kaufen Se sich und denn mache» Se Dampfer- fahrten und liefern die Menschen dem Wasser aus I" Schrie auf dem Deck der kleine Dicke. „Totenlifteii," Die Damen schrien.„Nh! Totenkiste sagt er, ich tvill auch nicht mit in die Totenkiste!" „Ne in I»ein I Das Fahrgeld, wir fahren mit der Bahn." Die Stiinmung wurde ungemütlich.' „Da arbeiten sie ja im Wasser," sagte ein junges Mädchen. „Ach ja, seht doch: im Wasser." Die Aufmerksamkeit wurde ab« gelenkt.„Der Kapitän ist auch drin," rief ein Knabe. „Jaja seht, bis zn den Ohren stehen sie drin." „Jetzt tauchen sie ganz unter— Herrgott, müssen die sich quäle»." „Und von der Heists» Maschine weg ins kalte Wasser!" „Da kommt ja die Kette."„Ja, da haben sie die Kette." „Nein, eS ist blost ein Ende; sie fällt tvicder rein." „Jetzt arbeiten sie schon eine Stunde." „Nee, schon anderthalb; es ist gleich halb sechs." „Wir komme» doch auch vorläufig noch nicht fort. Wer weiß, tvie lange das»och dauert." „Na, ich ivarte geivist nicht länger, ich last mir das Fahrgeld wieder geben!" „Ich auch l Ich auch I DaS Fahrgeld, das Fahrgeld l" Die drohenden Stimmen erklangen von neuem. Man stieg ans das Schiff und drängte um die Frau:»Das Fahrgeld I Geben Sie das Fahrgeld wieder." „Ja I Ja doch I" Die Fran wich zurück. Mit zitternden Hände» nahm sie das Geld heraus. „Die Kette! Sie haben die Kette I" rief jemand vom Vorderdeck. »Ja. jetzt. kann's losgehen!" klang die Stimme des Kapitäns, »jetzt haben wir sie." Er kam aus dem Wasser, seine Kleider trieften; er keuchte am ganzen Körper. Die Frag eilte ans ihn zu nnd.lvarf ihm ein Tuch um. Jänimemd stieg sie neben ihm in den Maschinenrnum hinab: „Wenn Du Dir bloß nichts' geholt hast." „Na. man trocknet hier bald." er suchte?n trösten; dann um« wölkte sich seine Stirn:„Haste viel retourjeben müssen?" Sie schluchzte auf:„Beinah' die Hälfte. Und zu denken mi so rein um jar nischt! Aber blos; der kleine Dicke is schuld, der hat se alle ftörrig jeniacht.'S janze Geschäft hat der verdorben. Und mit nnsenj Dampfer fährt doch keiner mehr. Neine tot hat der uns doch gemacht siir'n Sommer. Da schimpft er immer noch." Drausien auf der LaiidimgSbriicke lärmte der kleine Dicke:„So ist's ganz recht! Aufmucken miisj man. Geivissenlos find se ja auf der Spree, init Menschenleben spielen se hier rein jnn'n paar Groschen I So gewissenlos sind se blosi auf der Spree I"— — Das Bvhjjcnverbot der Pythagoracer und die indo- germanische Religioussorschung. Enies der eigentümlichsten Gesetze, welches die Pythagoracer ihren Schülern anferlegten, war, sich der Bohncnspeife zu enthalten. Wie es zu erklären sei, haben schon die Alten nicht recht gewicht, und schließlich wurde zur land- läufigcn Meinnng, daß die Bohne wegen ihrer sinnenreizeuden Wirkung verboten worden sei. Das Rätsel ist nun durch die ver- gleichende SieligionSwisienschaft gelöst. Schon im Jahre 1884 wies L.«.Schröder ein ähnliches Bohnenverbot in den ältesten Ritnaltexten der Inder, dem Vajnrvede, nach. Hier heißt eS, daß der Inder, wenn er sich auf das Opfer vorbereite, sich der Bohnen enthalten solle. Indessen fehlte damals dem vstreichische» Forscher noch jeder Anfschlnß über den Zusammenhang zwischen Indern und Griechen. Den haben ihm weitere Nntersnchnngen in- zwischen erbracht. Bei den Esten im Dorpterlande(um Dorpat) tvird um die Weihnachtszeit ein Topf mit Bohne» im Hanse auf- gestellt, jmd jeder nimmt sich eine Bohne daraus, in Skandinavien steht beim Jnlfest ein Bohnentopf im Kreise der Feiernden, bei den alten Römern endlich ivnrde den Leinuren. den Totengeistern, ein Bohnengcricht vorgesetzt. Das führt zum Schlüsse, daß die Bohne eine Totenspende gewesen ist. wo- durch eS sich dann erklärt, daß de» Lebenden die Speise untersagt wurde. Die Bohnenart aber ist nicht die Stangenbohne, sondern die Puff- oder dicke Bohne. Mit dieser Nntersuchnng ist ein weiteres Glied der Kultur der indogermanischen Urloelt erschlossen und wenn auch heute über den Ort dieser Urwelt immer noch keine Einigung erzielt ist, so sind doch schon so viele Beobachtnnge» durch die Ver- gleichnng von Sprache und Sitte der indogermanischen Völker gemacht ivorden, daß man schon eine ziemlich deutliche Vorstellung von dein Leben und dein Knlunznstaud jenes verschollenen Menschengeschlechts erhält.— Aus dem Tierreiche. — Die gemeine Tei ch sch l«i e ist der klelnschuppige Karpfen. Ihr Verbreitungsgebiet ist das größte Jinter den Über tausend Arten zählenden Karpfen. Sie bewohnt den größten Teil Europas, von Süditalieu bis Mittelschweden. I» Rußland zählt sie neben de» Karauschen zu den geivöhnlichsten Fischen und kommt da auch neben der prächtig gefärbten Goldschleie in den größten� Exemplaren vor. Obwohl sie im Gebirge bis zu 1000 Meter Seehöhe aussteigt, ist sie doch vorherrschend ein Fisch der Ebene. Auf die Fischmärkte gelangt sie als, mit großem Unrechte, nicht sonderlich geachteter Speiscfisch, in zumeist kleineren Exemplare», kommt aber bei ihr zusagendem Wasser, lebendem Jnsektcusutter und Raubfisch« beisatz dem Teichkarpfen an Größe gleich, ihn an FleischeSgütc über- treffend. Seen, Teiche. Tümpel, Sümpfe, Moore, Lehm-»nd Mergel- gruben, mit recht schlaminigejn Grund und dicht mit Röhricht be« wachsen, zieht sie allen Gewässern vor. Ihre Trägheit und ihr sehr geringes Atmimgsbednrsiiis rechtfertigen ihre Bescheidenheit betreffs des Änfenthaltswasscrs, als de» Umstand, daß sie neben dem Winter- auch Ivähreud der heißesten Zeit einen Sommerschlaf, im Schlamm vergraben, hält. Deshalb, und als Schlammfisch, gleich dem Aal, kommt sie nur selten an schönen, warmen Tage» und zur Laichzeit an die Wasseroberfläche. Die letztere fällt, je nach Oerllichkeit, zwischen März und Juli, zumeist zur Zeit der Wcizencrute. Ei» 2 bis 8 Kilogramm schwerer Rogener erzengt ca. 300000 Eier. Die Jungen Jvachseu ziemlich rasch und erreichen im ersten ca. 200 Granu», im zweite» ca. 700 Gramm jmd im dritte» Jahre 1— IVe Kilogramm Gewicht, werden aber erst im vierten Jahre sortpflanznngsreif. Da die Schleie alle die de» Karpfen beliebt machende» Eigenschaften in erhöhtercm Maße besitze», so verdienten sie wohl mit Recht, daß ihnen der heutige Teichwirischnftsbetricb im Große», noch mehr aber im Kleinen mindestens die Anfmcrksnmkcit widmet, die ihnen der vormärzliche Teichbctricb unter große» Vorteilen tvidmete; zumal sie unter de» Satzungen deS modernen Fischknltmbetriebes leicht, billig jmd mühelos unter denselben Beziehlichkeiten,>vie die Karpfen, binnen drei bis sechs Monaten auf 2 bis 3 Kilogramm aufgezogen werden können.— Meteorologisches. — H ö h e n b c st i»> m n n g d e S Nordlichts. Ein am 9. September 1898 in einem großen Teile von Norddeutschland ge« sehenes Polarlicht, das gewaltige rote Strahlcnbändcr entwickelte, ist bezüglich seiner AnSdehimiig und Höhe über dem Erdboden von W. Schapcr untersucht worden. Die„Köln. Ztg." schreibt über das Ergebnis dieser Untersuchnngen: Der scheinbare Nordlichtbogen wurde an 0 verschiedene» Orten zwischen Göttingen. Hamburg und Warnemünde Verantwortlicher Redacteur: Eart Leid in Berlin. beobachtet und daraus ergab sich ans dem Wege der Rechnung, daß der- selbe in Wirklichkeit mindestens 70 Kilonieter hoch über dem Erd- boden schwebte und sich von Liverpool bis nach Lieban in Kurland ausgedehnt haben muß. Ein langes rotes Strahlenöand, das gleich- zeitig in Lübeck und in Hirschbcrg in Schlesien gesehen ivnrde, er- streckte sich in der Atmosphäre öder über dieselbe hinaus bis zu 800 Kilometer voni Erdboden. Ein andrer roter Strahl stieg bis zu 670 Kilometer Höhe. DaS Licht war nicht ruhig, sondern stark flackernd und die Beobachtungen dejiten au. daß ein Punkt dieser Strahlen sich mit einer Geschwindigkeit von 70 Meter in der Sekunde bewegte. Diese Ergebnisse stehen in völliger Uebereinstinimimg mit denjenigen, die schon vor drei Jahrzehnten Flöge! in Kiel durch Nntersuchnng mehrerer Nordlichter erhielt. Derselbe fand, daß der Raum, von dem die Strahlen großer in Norddeutschland sichtbarer Nordlichter ausgeben, etiva 100 Kilometer hoch über dem Erdboden anzunehmen ist und diese Strahlen oft über 750 Kilometer hoch aufsteigen, Jvobei ihre Spitzen in rotem Lichte leuchten. Nach Flöge! ist das Nordlicht eine Erscheinung in Regionen, die entweder ganz außerhalb nnsrer Atmosphäre oder doch so liegen, daß nur der jmterste Teil in die Schichten der Luft hineinragt. Andrer- seits ist durch sichere Beobachtungen in Skandinavien erwiesen, daß Nordlichlstrahlen bisweilen fast auf den Erdboden herabsteigen.— Humoristisches. — Des Schneiders 91«che.„Wie kommt es denn, Herr Fips, daß Jhna der Schcnkkcllncr imma d' Maß g' hörig voll s ch ä n k t?" „Ja, schauen S', Herr Nachbar, i Hab' eahm a' Zeitlang d' H o s e n a a' st e t s u in a' Q ti a r t l z u kurz g' m a ch t, und dös hat a'holfcii!"— — Leistungsfähig. Herr(zum Schmierendirektor, der Theaterkarten hausiert):„Ich gehe überhaupt nicht in Ihr Theater, Ihre Leistnngssähigteit kann ich mir schon vorstellen l" Direktor:„Bitte, mein Herr, wir leisten mehr, als irgend ein andres Theater in der Großstadt; ivir führen„Das weiße Rößl",„Lohengrin" und„Die Räuber" an einem Abend auf!"— — Höchstes Vergnüge n.„War die Radtour interessant, Fräulein Laura?" „Und wie! Ich habe meine T o d f ei n d i n in ihrer n e n e st e n S o m m e r t o i I e t t e Aberradelt l'—(„Flieg. Öl.") Notizen. — Für einen M ü n ch e n e r Roman setzen die„Münch. N e u e st. Nachr." Preise von 7500 M.. 3000 M. und 1500 M. ans. Nmfang: 12000 bis 15 000 Druckzeilen. EinlicferungSschlnß: 1. Mai 1002.— — Die. W e i t e W e I t', die jetzt im Verlag von R. Scherl erscheint, hat in P a u l b. S z c e p a n s k i einen neuen Redactenr erhalten.— — S n d e r in a n n s neues Schauspiel„Glück" Ivird seine Erstaufführung im Berliner Lessing-Theater und M n» ch e n e r Hof-Thcater an demselben Abend er- leben.— — Die S a n d r o ck tritt am 1. Februar in den Verband des Deutschen Volks-TheaterS in Wien.— —„Im Stöckelschuh", ein Frühlingsspiel in Versen von Gustav K l i t s ch e r. wird demnächst am H o f tstj e a t e r in Schwerin zur Erstaufführung gelangen.— — S n d e r in a n n S„Ehr e" ist unter dem Titel„Vorder- bans und Hinterhaus" in« Isländische übersetzt und in 9t e y k i a v i k mit Erfolg aufgeführt worden.— — O f f e n b a ch s Oper„Hoffmaii n S Erzählungen" wird demnächst an der Wiener Hofoper aufgeführt werden. Das Stück ist zwanzig Jahre lang nicht in Wien aufgeführt worden; bei seiner letzten Anffnhrnng im 9tiiig-Thealer ereignete sich die bekainite Brandkatastrophe.— — Ein internationales Opernhaus wird in Paris in der Avenue Cbainps Elysöes errichtet werden; als Begründer dieses Theaters wird der Bruder des Koinpomsten Leoucavallo genannt.— — Angebot n nd Nachfrage. Ans die bon der Stadt Bantz e» ausgeschriebene M u s i k d i r c I t o rst e l l e haben sich mehr als 100 Bewerber gemeldet.— — Knut Hansens Zeichnung:„Aus dem Metropol» Theater", die in der Großen Berliner Kimstmisstcllmig ausgestellt ist, wurde für die 9t a t i o n a l g a I e r i e angekauft.— — N a ch g r a b n ii g e u in T a r e n t habe» ausgedehnte Friedhofsanlagen griechischer Zeit freigelegt; eine genaue Nnter- snchnng der Küste zeigte, daß die Griechenstadt auf einem uralten, »och der vorgeschichtlichen Zeit nngehörigen AnsicdelungSplatzc erbaut worden war. so daß damit Tarcnt z» einem der ältesten Orle Italiens wurde.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.