Zwterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 171. Dienstag, den 3. Septenider. 1901 (Nachdruck verboten.! wsz N v b v i t: Roinan in drei Büchern von Emile Zola. Aus dein Französischen übersetzt von Leopold N o s e n z w e i g. Jordan war glücklich, sein Werk vollendet und lebensfähig gesehen zu haben, seine Seele war erfüllt von der Heiterkeit des Arbeiters, der seine Arbeit gethan hat und endlich aus- ruhen darf. Da das Wetter schön war, gab seine Schwester den beide» Männern den Auftrag, einen kleinen Umweg zu machen; und unversehens befanden sie sich vor dein Hause, das Lucas bewohnte, und das er mm nicht mehr verließ, seitdem seine Beine ihn: vollciids den Dienst versagten. Seit einigen Monaten hatten sich die Freunde nicht mehr sehen können und hatteil nur brieflich und durch ihre liebenden Pflegerinnen, ihre guten Engel, niiteinander verkehrt, die fortwährend von dem einen zum andern eilten. Da erfaßte noch ein Wunsch, der letzte, das Herz des Sterbenden, dem bereits der erquickende Schlummer sich nahte. „Liebe Soeurctte, laß hier unter diesem Baume halten, geh hinauf zu Lucas und sage ihm, daß ich an seiner Thürs warte und ihn bitte, herunterzukonimen." Ueberrafcht und von Sorge erfüllt wegen der mit einem solchen Wiedersehen verbundenen Aufregung, zögerte Soeurctte. „Aber, lieber Martial, Lucas geht ebensowenig mehr aus wie Du, wie könnte er herabkoinmen? Wieder erhellten sich Jordans Augen unter einem schwachen Lächeln. „Er wird sich eben herunter tragen lassen, Schivesterchen, Da ich in meinem Tragsessel zu ihm gekonunen bin, so kann er wohl in den» seinigen zu mir kommen." Und in weichein Tone setzte er hinzu: „Es ist so schön hier, wir werden ein letztes Mal niit einander sprechen und von einander Abschied nehmen. Wie könnten wir uns für immer verlassen, ohne uns noch einmal umarmt zu haben?" Soeurctte konnte sich nicht länger weigern und ging zu Lucas hinauf. Ruhig wartete Jordan in der linden Wanne der langsam sinkenden Sonne. Bald kehrte seine Schivester zurück und kündigte ihm das Kommen des Freundes an. Und alle Anwesenden ergriff eine tiefe Bewegung, als Lucas erschien, ebenfalls in seinem Sessel von zwei Männern getragen.- Langsam bewegte er sich vorwärts, gefolgt von Josine und Soeurctte. Dann setzten ihn die Träger neben Jordan nieder, die Sessel berührten sich, und die Freunde konnten einander die Hände fassen und drü cken. „Ach, mein lieber Jordan, wie gut von Ihnen, wie danke ich Ihnen, daß Sie hierhergekommen sind, um uns noch ein- mal zu sehen und Abschied von uns zu nehmen!" „Sonst wären Sie zu mir gekommen, inein lieber Lucas. Da ich eben vorbeikam und Sie zu Hause waren, so war es doch nur natürlich, daß wir uns hier im Grünen ein letztes Mal träfen, unter einem dieser unsrer geliebten Bäuine, unter denen wir so oft geruht haben." Sie saßen unter einer herrlichen, breitästigen Linde, die bereits der Hälfte ihrer Blätter beraubt war. Aber die Sonne vergoldete sie mit wundervollem Glänze, und ein warmer Strahlenrcgen rieselte durch ihre Aeste herab. Der Abend war köstlich mild, und über dem Lande lag ein weiter, zauberischer, stiller Friede hingebreitet. Ein breiter Sonnen- strahl unifloß die beiden Greife niit einem Glorienschein, und hinter ihren Sesseln standen die drei Frauen, mit liebenden Blicken über sie wachend. „Seit so langen Jahren," fuhr Jordan fort,„sind unsre Leben mit einander verflochten, geht unser beider Tagewerk in naher Doppellinie dahin, mein teurer Freund. Wir sind jeder durch den andern das geworden, was wir geworden sind. Und ich hätte einen Selbstvorwurf mit mir geuomnien, wenn ich mich nicht noch einmal bei Ihnen entschuldigt hätte, daß ich anfangs so wenig Vertrauen zu Ihrem Werke hatte, als Sie zu mir kamen und meine Mithilfe verlangten, um die Zukunftsstadt der Gerechtigkeit zu erbauen. Ich erivartete mit Sicherheit einen Mißerfolg.", . Lucas lachte leise. „Ja, ja, lieber Freund, Sie sagten stets, daß die poli- tischen, ökonomischen und socialen Kämpfe Ihnen bcdcutungs- los schienen. Freilich erregen sich die Menschen um so virler Nichtigkeit willen! Aber sollte man deswegen nicht in die Geschehnisse eingreifen, die Entwicklung sich von selber voll- ziehen lassen, es nicht der Mühe wert finden, die Stunde der Erlösmtg zu beschleunigen? Alle die leider nötigen- Kompromisse, alle die widrigen Geschäfte, welche die Lenker der Menschen besorgen müssen, finden ihre Entschuldigung darin, daß sie oft dazu helfen, die Menschheit um einen doppelt großen Schritt vorwärts zu bringen." „Sie hatten vollkommen recht, lieber Freund," fiel Jordan rasch ein,„und Sie haben es mir in herrlicher Weise be- wiesen. Ihr Wirken hier hat einen gewaltigen Fortschritt gezeitigt, hat eine ganze neue Welt geschaffen. Sie haben dem menschlichen Elend, dem menschlichen Leiden vielleicht hundert Jahre abgewonnen, und diese neue Stadt, dieses verjüngte Beauclair, ivo mehr Gerechtigkeit und mehr Glück herrscht, zeugt unwiderleglich für die sittliche Größe Ihrer Mission, für die wohlthätige Kraft Ihres Schaffens. Ich stehe mit voller Ueberzeugung, mit ganzem Herzen an Ihrer Seite, und ich kann nicht von Ihnen scheiden, ohne Ihnen nochmals auszusprechen, wie auch ich mich Ihnen ver- bunden fühle und niit welch' tiefsinnigenl Anteil ich allem gefolgt bin, was Sie Großes und Edles vollendet haben. Oft sind Sie mein Vorbild gewesen." Da prötestiertc Lucas. „O, lieber Freund, sprechen wir nicht von Vorbild I Sie haben immer als solches vor mir gestanden, und als das größte und bewiuideriiswürdigste! Erinnern Sie sich, wie ich zuweilen schwach wurde, manchmal ganz zusammenbrach, und immer fand ich Sie voll unerschütterlicher Kraft und Zuversicht in Ihr Werk, auch an den Tagen, wo alles niühevoll Eroberte in nichts zu zerfallen schien. Ihre unüberwindliche Stärke lag darin, daß Sie keinen andern Gedanken kannten als den an die Arbeit, daß Sie in ihr die erste Bedingung körperlichen und geistigen Gleichgewichts, den einzigen Zweck alles Lebens und alles Thnlis sahen. So ist denn Ihr Werk Ihr Herz und Ihr Hirn geworden, das Blut, das in Ihren Adern rollte, der Gedanke, der Ihren Geist beherrschte. Nichts andres gab es für Sie auf der Welt, jede Stinide Ihres Lebens war allein dem Aufbau dieses Werkes gewidmet. Welch unver- gängliches Denkmal, welche unschätzbare, beglückende Gabe hinterlassen Sie aber auch den Menschen! Mein eignes Lebens- werk als Städte-Erbauer und Führer des Volks hätte nie vollendet werden können, wäre nichts, ohne das Ihrige." Es folgte ein Schweigen. Ein Zug Vögel strich am Himmel hin, und durch die halbentlaubten Aeste rieselte der Sonnen- regen schwächer und linder herab, jemchr das Gestirn sich znul Untergang neigte. Soeurettc zog in mütterlicher Fürsorge Jordans Decke höher über seine Kniee hinauf, während Josine und Snzanne sich zu. Lucas neigten, um zu sehen, ob er nicht erschöpft sei. Und Lucas fuhr fort: „Die Wissenschaft führt die größten Revolutionen herbei, das haben Sie mir von Anfang an gesagt, und jeder neue Tag unsrcs langen Lebens hat inir bewiesen, wie sehr Sie recht hatten. Könnte das brüderliche und glückliche Beauclair heute schon Thatsache sein, wenn Sie es nicht so überreich mit der elektrischen Kraft beschenkt hätten, die für jede Arbeit, für das ganze Leben der Gemeinschaft unentbehrlich geivorden ist? Nur die Wissenschaft, die Wahrheit wird den Menschen immer mehr befreien, ihn zuin Herrn seines Schicksals machen, ihm die Herrschaft über die Welt in die Hand geben, indem sie die natürlichen Kräfte seinem leisesten Winke dienstbar macht. Während ich meinen Bau errichtete, haben Sie, lieber Freund, mir den Atem geschaffen, womit ich den Steinen lind dein Mörtel Leben einhauchen konnte." „Es ist wahr," sagte Jordan mit seiner schwachen, ruhigen Stinime,„die Wisseiisifyfft wird den Menschen befreien, denn die Wahrheit ist im Grunde die mächtigste, die einzige Schafferin der Brüderlichkeit und der Gerechtigkeit.— Ich scheide zufrieden. Ich habe unsrem Elektricitätswcrke einen letzten Besuch gemacht und habe gesehen, daß es fortan meinen Absichten gemäß fuiiktionieren wird für die Wohlfahrt und die Behaglichkeit Aller."- Er gab dann noch ausführliche Erläuterungen und?ln- ordnungcn in Bezug auf die Behandlung seiner neuen Appa- rate und die Verwendung der darin aufzuspeichernden un- crschöpflichcn Kraftmengcn. Er diktierte seinen Freunden gleich- sam seinen letzten Willen, indem er bestimmte, wie das, was er in lebenslanger wissenschaftlicher Arbeit geschaffen, zum all- gemeinen Frieden, zum allgemeinen Genus; verwendet werden sollte. Die Elcktricität kostete fortan nichts mehr und war in solchem Uebersiuff vorhanden, daß sie den Bewohnern der Stadt zum beliebigen Gebrauch zu Gebote stand wie das Wasser der nie versiegenden Quellen, wie die freie Luft des Windes. Nur so förderte sie, bereicherte sie das Leben. In allen öffentlichen Gebäuden, in allen, selbst den be- scheidensten Privathäusern, wurde Licht, Wärme und Bewe- gungskraft ungemessen zugeleitet. Man brauchte nur diesen oder jenen Knopf zu drehen, und das Haus wurde erleuchtet, wurde geheizt, das Essen wurde gekocht, die verschiedenen Arbeits- oder häuslichen Hilssmaschincn setzten sich in Gang. Jeden Tag wurden neue, kleine, wohlerdachte Apparate konstruiert, welche den Frauen die häuslichen Ver- richtungen besorgten, die Handarbeit durch Maschinen- kraft ersetzten. Von der Hausfrau bis zum Fabrik- arbeiter war das menschliche Lasttier endlich von der uralten körperlichen Mühsal, von unnötiger, schwerer Anstrengung befreit, nun, da eine bezähmte, gehorsame Naturkraft, die bloß einer leichten Ueberwachling bedurfte, alle Ver- richtungen reinlich und geräuschlos besorgte. Und diese körperliche Befreiung führte zugleich eine wunderbare geistige Befreiung herbei, das moralische und intellektuelle Niveau der Menschen hob sich mächtig, seitdem die schwere Last der qualvollen, schlechtverteilten Arbeit von ihnen genommen war, die mit fühlloser Grausamkeit die ungeheure Menge der Enterbten in Unwissenheit gehalten und sie in Niedrigkeit und Verbrechen hineingestoßen hatte. Und nicht träges Nichtsthun hatte die tyrannische Arbeit abgelöst, son- dein die bewußt und frei gewählte Arbeit, die den Menschen zum Herrn seiner selbst machte, die es ihm gestattete, sich der Thätigkeit zu widmen, die ihm angenehm war, und ihm reichlich Zeit für die Beschäftigung mit der Wahrheit und Schönheit ließ, nachdem er sein Teil zur gemeinsamen Arbeitssumme beigetragen hatte. Ja, auch die bedauerns- werten Haustiere, die gemarterten Pferde, alle Zug- und Lasttiere waren endlich erlöst, brauchten keine Karren mehr zu ziehen, keinen Göpel mehr zu drehen, keine Lasten mehr zu tragen, waren der Freiheit der Wälder und Steppen wiedergegeben. Zahllos warett' die Anwendungen der wohlthätigen Kraft, und täglich ergaben sich deren neue. Jordan hatte Lampen von solcher Lichtstärke erfunden, daß zwei oder drei genügten, um eine ganze Straße zu erleuchten. Die Verwirklichung des Gedankens, über Beauclair eines Tages eine andre Sonne zu entzünden, war nur noch eine Frage der Zeit. Man hatte gewaltige Warmhäuser gebaut, wo dank einem vollendeten Heiz- fystem Blumen, Obst und Gemüse zu jeder Jahrezeit wuchsen. Es war ein solcher Ucbcrfluß davon vorhanden, daß nian sie mit vollen Händen verteilte. Es gab keinen Winter mehr, so wie es keine Nacht mehr gab. Und die Menschen- und Güterbeförderung, der Verkehr in den volkreichen Straßen wurde immer mehr und mehr beschleunigt und erleichtert, dank der jederzeit und überall kostenlos zur Verfügung stehenden Kraft, die für eine Unzahl von Fahrzeugen, von Wagen. Karren, Fahrrädern, kleinen Wägelchen und ganzen Zügen verwendet wurde. „Ich scheide zufrieden ," wiederholte Jordan in mild heiterem Tone.„Ich habe meine Aufgabe vollendet, und mein Werk ist weit genug vorgeschritten, daß ich ruhig ein- schlafen kann. Ehe viel Zeit vergeht, wird das lenkbare Luft- schiff erfunden sein, und der Mensch wird sich den Lustraum dienstbar machen, so wie er sich das Meer dienstbar gemacht hat. Ehe viel Zeit vergeht, wird man von einem Ende der Welt zum andern ohne Leitungsdraht telegraphieren können. Das menschliche Wort, die menschliche Gebärde werden mit Blitzesschnelligkeit um die Erde kreisen. So»vird sich die Befreiung der Menschen durch die Wissenschaft vollziehen, durch die unwiderstehliche revolutionäre Kraft, die ihnen immer mehr Wahrheit und Frieden bringen wird. Schon lange haben sie die Ländergrenzen fast verwischt mit ihren eisernen Bahnen, die sich immerzu verlängern, üper die Flüsse setzen. Berge durchbohren und die Nationen mit den immer enger werdenden Maschen ihres Niesennetzes immer fester und brüderlicher umschließen. lFortsetzung folgt.) Vas Tlze�kev fccnUmt— sFamilie Walvroch.) Die„Familie Waivroch" des Herrn AdamnS, die Sonntag im Lessing-Theatcr durchfiel, bietet der Kritik kann, irgend einen Anlaß zn ernsthafte» Betrachtungen, und so mag der Blick noch einmal rücklvärts schweifen, bevor wir lins dem Theatcrstrudel anHeim geben. An der Küste des nördlichen Schleswigs begann die Ostsee in den letzten Tagen des Augusts bereits etwas unwirsch gestimmt zu werden. Dann und wann erschienen am Strande noch Leute, die baden wollten, aber wenn sie eine Zeitlaug die rollenden kalten Wogen und den drohenden Himmel betrachtet hatten, kehrten sie philosophisch um und entschädigten sich in irgend einer Schenke durch einen wannen Grog, was auch entschieden besser zn der herbstlich durchwehten Witterung stimmte. Der Wind, der im Sommer so weich und warm gewesen war, wurde gelegentlich grob und fuhr dann heftig durch die Gassen der kleinen' Stadt, eine frühe In- trodultion zn den Stürmen des Novembers nnd den Sommergästen ein deutliches Anfbruchssignal— sie verschwanden denn auch bis auf einige wenige Nachzügler. Uns war die Wandlung in der Witterung fast willkommen; sie erleichterte das Scheiden und wir freuten»nS, daß Theater nnd Natur einmal im Einklang waren,— sie sind es so selten. Die Tage des Sommers, deren Andenken der Herbst bereits zu zerstören beginnt, werden nun durch die Theaterabende vollends zurückgedrängt und sind bald fern wie eine Sage. Wieder sitzt man vor dem Vorhang und lebt wieder in der bunten Welt der Bühne, in jener eigenartigen Welt, die zugleich phantastisch und von nüchterner Berechnung beherrscht ist, zugleich groß nnd nichtig, graziös nnd korrupt, liebenswürdig und ver-� ivorfen, nnd die eben, weil sie soviel Fremdartiges nnnchlingt, eine so große Anziehungskraft hat und den nur schwer losläßt, der ihr einmal verfiel. Es ist wohlthncnd, diese Welt einmal zu vergessen, wie eS der Sommer wenigstens zum Teil ermöglicht. Wer seinen Sommer recht verbracht, d. h. wer viel vergessen hat, wird am ersten Theater- abend fast mit Stannen merken, wie empfindlich er gegen Unnatur, gegen Schminken, Pose, falsches Palhos nnd falschen ÄuSstattungS« schwindel geworden ist. Auch der Beste gewöhnt sich ein wenig da an das Schlechte, wenn es ihm immer wieder entgegentritt. Auch der Beste läßt gelegentlich fünf gerade sein, da er müde wird, immer wieder und immer wieder zu wiederholen, daß fünf ungerade ist. Jedes Milien zwingt bis zu einem gewissen Grad unser Wesen. Auch das Theatermilieu. Aber nicht nur zum Vergessen, auch zur Ueberlegnng bietet der Sommer Raum. Man wird den Dingen entrückt, die Erregung schwindet, lliuhe kehrt mählich ein und so kann man selbst kritisch seine Arbeit überschauen. Daß in den Nervenanstrengungen des Winters, mitten im Kampf, mitten im Trubel der öffentlichen Meinungen, manches Wort schärfer ansfällt, als einem in sommerlicher Ruhe angenehm ist,— das ist selbstverständlich nnd bedarf keiner Rechtfertigung, nicht vor sich selbst, geschweige denn vor andern. Im Kampf wird man getroffen nnd da schlägt man einfach wieder, sofern man kein Hundsfott ist. Wer den Kampf ohne die Leidenschaft des Kampfes will, soll sich begraben lassen oder Professor werden oder ans eine andre ehrliche Weise ans der Welt verschwinden. Wichtiger als diese formale Frage ist die Frage nach den Chancen des Kampfes, sind die Vermutungen über den endlichen Ausgang. Ich muß gestehen, daß ich cm eine Herrschaft des Guten nicht mehr glaube, lvenigstens am Theater nicht, daS in seiner heutigen Form von der Menge abhängt und der Menge diene» muß. Jffland hat über Schiller und Goethe triumphiert, und Hebbel, Anzengruber, Ibsen, Björnsou, Hauptmann werden niemals den Erfolg des.weißen Rößl" erreichen. Wen diese Erkenntnis vom Kampfplatz treibt, der war von Haus ans zum Schlafen geneigt und man soll ihn ruhig ver- schwinden lassen. Immerhin mag aus jener Erkenntnis eine gewiffe Resignation folgen, aber doch keine andre, als ohnehin jeden« besser begabten Menschen zu eigen ist. Diese Resignation aber ist von Thatenlosigkeit weit entfernt, sonst müßte der Philosoph da? Denken einstellen, da er vor den letzten Dinge» doch resignieren muß. Resignation ist glücklicherweise ganz ctwaS andres als Schwäche. Wer' hatte mehr Kraft als Shakespeare? Und doch huscht auch über seine sonnigsten, auch über seine tollsten Dramen die Resignation mit ernste» Schatten. Wer unter den Lebenden war stärker als Ibsen? Und doch war sein letztes Wort ein Wort der dunkelsten Resignation. Sollen wir resignieren, so laßt uns versuchen mit Hebbel zu resignieren, dein die Resignation die stolze Unabhängkßkeit vom Erfolg gab, den sie tiefer, ernster, unerschrockener machte, nicht aber mit jenen müden Seelen, die ihrer Schwäche fgelegentlich auch ihre» kleinen Mogeleien) einen edlen Namen geben. Unsre Position ist gefahrvoll, nur von Wenigen verteidigt, rings von Feinden umgeben— also werden wir um so energischer kämpfen müssen, wenn wir anders keine Memmen sind. Mehr noch als die Matten nnd Verzweifelten, schadet die h ö f- l i ch e H a l b h e i t der Kunst. Ich meine jenen Teil der Kritik, der von einem schalen Spaß sagt, er sei nicht eben tief, aber wir könnten ja nicht alle geniale Dichter sein— und der dann den schalen Spaß mit einem Wohlwollen lobt, das er für geniale Dichter im allgemeinen nicht übrig hat, ich erinnere beispielsweise an die Anfnnhme, die Hebbels.Herodes und Mariamne" im Schauspiel- haus fand. Man iiuch sehr jung sein, um an eine Belehrung oder Bekehrung dieser Kritik zu glaube» und ich ineincs Teils habe diese Jugend hinter mir. Wer nicht uon irgend einer E i n ficht, sondern nur von A b sichten, von Jnteressen geleitet wird, ist nicht zu belehren und jene Kritik wird eben von A b sichten, von Interessen bestimmt. Auch hier könnte nun der Feige ein willkommenes Hinder- ms sehen, den Kampf überhaupt aufzunehnicn. Aber nichts ist klarer, als dasj man den Jnteressen der litterarischen Halbivelt das Interesse der Kunst mit aller Härte entgegensetzen muh. Alles andre wäre, als wenn beispielslveise die Gegner des Zolltarifs den Kampf auf- geben würden, weil die Junker doch nicht zu überzeugen sind. Jede Position, die der Kunst gewonnen ivird, bedroht die Jnteressen der Halbwelt. Werden' viele Positionen gewonnen— und seit Anfang der 80er sind viele und starke geivoimen worden— so stimmt man die Kritik der Halblvelt um einige Töne herab und zwingt sie, die echte Kunst bis zu einem gewissen Grad zu dulden, so hart es ihr auch ankommen mag. Befleihigen wir uns also vor alleni selbst, jede hösliche Halbheit abzulegen, nennen wir einen schalen Späh nihig bei seinem richtigen Namen, setzen wir uns selber tapfer und rücksichtslos ei», dann wird die Besserung, die in uusrem Theaterwesen schließlich doch eingetreten ist, auch stand- halten und sich vennutlich noch steigern. Wenn ivir dann auch nicht den künstlerischen Himmel ans Erden erreiche», so erreichen wir am Ende doch, daß sich in Deutschland leben und atmen läßt, was immerhin des Kampfes wert iväre. Um schliehlich noch mit wenigen Worten ans die„Familie Wawroch" zu kommen, sei gesagt, daß ivir es mit einem matten Erzeugnis des naturalistischen Dilettantismus zu thnn haben. Es verhält sich zum wirklichen Naturalismus wie etwa die Janiben- dranien der Oberlehrer zum Klassicismus— es ist eine naturalistische Schulmeisterstnmperei, langweilig zum Verzweifeln, zusammengesucht, zusammengelesen und elend zusammengelleislert. Im Vordergrund der Darstellung stand V a l l e n t i n, der einen buckligen, hämischen Agitator mit viel Farbe und großer Energie verkörperte. Uebcrhaupt war die Ausführung im L e s s i n g- T b e a t e r ausgezeichnet— schade, daß sie einem so kläglichen Stück zu teil wurde.— Erich Schlaitjer. Mleines Feuillekon. — Ein originelles GcbirgSdorf. Als Beigabe zum soeben erschienenen Jahrbuch des„Schweizer Alpenklnbs" hat Dr. Stübler in Zürich eine Monographie über das Dorf Vispert erminen in Wallis geliefert. In dieser Arbeit werden kultnrhistorische Merk- Würdigkeiten zu Tage gefördert, die bisher auch den Kennern des schweizerischen Alpenlandcs unbekannt waren. Das Dorf Vispcr- termine» liegt etwa 1�/s Stunde» von Visp anfeinem Verghang, und man wird es zur linken Hand sehen, wenn mau nach Zermatt hinein- fährt. Unter dem Dorf dehnt sich am Hang ein großer Nebberg ans, die„Hcidenreben"; das wird wohl der höchstgclegcne Nebberg der Schweiz sein, denn seine oberste Grenze liegt 1200 Meter über Meer. Visverterminen selbst liegt 1340 Meter hoch, 680 Nieter über dem Bahnhof von Visp. Die Häuser stecken eng in einander in malerischem Gewinkel' sie sind zumeist aus Holz gebaut und haben fast alle ein respektables Alter. So stammt das Gemeindehaus aus dein Jahre 15S7; eines, das„Heidenhans", wird wohl 500 Jahre alt sein; für die Jahrzahlen ist fast überall die alte Mönchsschrift angewendet worden. Jede Familie besitzt ihr eigenes Hauszeichcn, die eine ein Hufeisen, die andre einen Anker, die dritte eine Zange, die vierte ein Winkelmaß usw. Dieses Hanszeichen dient der Familie zum markieren der Werkzeuge, des Holzes im Walde, des Viehes und der schriftlichen Urkunden. Es leben gegenwärtig 122 Familien in Visperterminen und jede hat ihr' besonderes altes Hauszeichen, das sich seit Jahr- Hunderten vom Vater auf den ältesten Sohn vererbt hat. Disper- termine» besitzt auch eine jener uralten Wasserleitungen, die in I. C. Hecr's Roman„An heilige» Wassern" geschildert worden sind. Im Verkehr unter sich gebrauchen die Leute in Visperterminen kein Papier, sondern durchwegs sogenannte„Teßlen", flache Hölzchen, auf welche die ganze landwirtschaftlilhe Buchführung eingeschnitten wird; so giebt es„Milchteßlen" mit dem gelieferten Milchqiinntum einer Familie,„Alpteßlen", Wassertcßlen, ja sogar Kapitalteßlen, Hypothekarbriefe auf Holz eingeschnitten! Die ifünf Alpen von Visperterminen sind Genosscnschaftsalpen, gehören also einer ge- slblossenen Gesellschaft von Personen.„Getcilschaft" genannt. Jede Alp hat eine bestimmte Anzahl Teilrechte oder„Kuhrechte"; diese können veräußert werden, wie man eine Aktie oder eine Obligation verkaufen kann, sie haben einen bestimniten Kurs, dessen Höhe sich nach der Qualität der Alp richtet. Viele besitzen solche„Kuh- rechte", ohne daß sie die Alp selbst benützen. Die Zahl der„Kuh- rechte' ist für jeden Besitzer auch wieder auf einer„Tcßle" eingeschnitten. Abends beim Znnachten, wenn sich die Sennen, Hirten und das Vieh zur Ruhe begeben, rufen die Sennen das Abendgebet laut durch den Milchtrichter in das Thal hinaus, so daß man eS weithin hören kann, ähnlich wie anderwärts den Alpsegen. Die Verzinsung ge- schieht auf Martini und wird nach Kornprciscn berechnet. Die Be- wohner des Dorfes sind kräftig und groß; sie heiraten nicht außer der Gemeinde; Wolle, Hanf, Flachs und Leder produzieren die Leute selbst. Die Feste sind alle kirchlicher Natur; zu Weihnachten und am FronleichnaniStag giebt es einen Gemcindetrank, an welchem alle„trinkbaren" Männer und Knaben von über zwölf Jahren teilnehnien; jeder erhält bei diesem Anlasse ein halbes Brot, Pfund Käse und Wein ack libitum. Zu Fastnacht wird in Visperterminen auf dem Gemeindehaus drei Tage und drei Nächte lang getanzt. Die Gemeinde besitzt ein eignes Theaterchen, wo meistens religiöse Stücke aufgeführt werden. Der Verfasser schließt seine Studie mit de» Worten:„Keine andre Gemeinde der Schweiz kann sich in Bezug ans Vielseitigkeit des Betriebes und Bedeutung der einzelnen Höhenstufen mit der Gemeinde ob de» Heidenreben niessen. Ausgedehnter Wein- und Obstbau, hohe Be- dentnng der Vieh- und Wiesenwirtschast, mit großartigen Bewässe» rnngseinrichtnngen, bedeutender Ackerbau, enormes Wnldgcbiet und noch ausgedehntere Alpen und ein entwickeltes Nomadenleben. Alles dies, zusammengenommen mit den charakteristischen öffentlichen Ein- richtnngen, die aus graner Vorzeit datieren und sich rein bis in unsre Tage erhalten haben, und das alles und die prachtvolle Lage machen Visperterminen zu der interessantesten Gemeinde nnsreS Vaterlandes."— Theater. Schiller-Theater: Die Kronprätendenten von Henrik Ibsen.— Von den regulären Bühnen hat das Schiller- Theater am würdigsten und tapfersten die neue Spielzeit eröffnet. Am würdigsten, weil es mit dem großen Drama eines großen Mannes einsetzte, und am tapfersten, weil es sich an eine Aufgabe heranwagte, die nicht leicht zu bewältigen war. Mm« greift sich an den Kopf, wenn man bedenkt, daß dic Anffiihrnng der„Kronprätendenten" die erste in Berlin ist, die„überhaupt erste" wie es in einer Redewendung heißt, dessen Urheber den Galgen vcr- diente. Seit Jahren ist mm Ibsen eine europäische Berühmtheit, seit Jahren lechzen die Bühnen nach seinen Stücken, seit Jahren werden Vereine gegründet, um de» verwegensten Blödsinn mit dem Mut der Verwegenheit zu inscenieren— und dieser große Wurf Ibsens existiert für die Direktoren nicht. Wahrhaftig, wenn die Welt im allgemeinen mit wenig Verstand regiert wird, so scheint es mitunter fast, als ob für die Theaterwelt nichts übrig geblieben wäre. Löwenfeld ist wieder einmal(wie so oft) vorangegangen und dafür gebührt ihm zunächst bedingungslos Dank. Es ist schade, daß der deutsche Titel des Dramas so wenig dem Inhalt entspricht. Es handelt sich gar nicht um einen Kampf von Männern, die legitime Ansprüche an die Krone zu haben vermeinen, nicht um„Prätendenten" im herkömmlichen Sprachgebrauch. Im norwegischen Titel steht ein Wort, das Kraft oder Fähig- keit oder besser beides zugleich bedeutet. Um Königs- naturen handelt es sich' und„Köniysnatnre'n" wäre auch schon ein besserer deutscher Titel. Dem inngen Hakonson, der naiv an seine Sendung glaubte, steht der Jarl von Skule gegen- über, der viel stärker ist, aber immer wieder vom Zweifel befallen und gelähmt wird— ein rechtes Thema für den alten Zweifler Ibsen. Es steckt viel Größe, viel Tiefe, viel Kraft in dem Drama, allerdings auch manche Scene, die noch Abhängigkeit verrät. Die Darstellung, die sehr, sehr große Aufgaben stellt, war im allgemeinen tüchtig, mitunter nichr, mitunter freilich auch weniger. Zu dem neuen jugendlichen Helden, der als Hakonson debütierte, darf man der Bühne wahrscheinlich gratulieren. Es ist jedenfalls ein routinierter Schanspieler, der Verstand und Mittel besitzt. Einen nicht ganz so günstigen Eindruck bekam man von dem neuen ersten Helden. Er versagte dem mächtigen Jarl gegenüber, aber vielleicht ist er weniger großen Aufgaben gewachsen. Pategg war als Bischof NiNas ein bißchen allzu sichtbar Jntriguant. Sein guter, etwas derber schauspielerischer Instinkt fand aber doch sehr wirknngS- volle Momente, so daß er den ganzen Abend die Aufmerksamkeit rege hielt. In der Rolle der jungen Königin konnte man mit dem anmutigen Frl. Wulf sehr wohl zufrieden sein.— E. S. Freie Volksbühne: Othello von Shakespeare.— Wir haben bereits in der verflossenen Saison der„Freien Volks- bühne" zu ihrem neuen Bund mit dem„Berliner Theater" gratuliert— wir freuen uns, den Glückwunsch wiederholen zu können. Die Darstellung war durchaus fleißig und tüchtig und solid. Wenn es sich um eine Galavorstellung gehandelt hätte, die Leitung hätte auch nicht mehr Sorgfalt verwenden können. Ueber das große Drama möchte ich im Rahmen einer kleinen Rezension nicht schreiben und so begnüge ich mich mit einigen Anmerkungen über die Darstellung. An der Spitze stand Waiden, der als Cassio von prachtvoller Einfachheit war. Die Ranschscene spielte er einfach meisterhaft. Ich wollte, daß Herr P i t t s ch a u, der den Othello spielte, etwas von ihm lernen könnte. Er war so laut und äußerlich, wie Walde» decent und echt, so gewaltsam und robust, wie Waiden bescheiden und fein. Vor allem litt seine Darstellung, die natürlich auch Gutes bot, unter der verrückten Betonung des geilen, ungezügelten Negers in Othello. Diese Auffassung sieht schlechthin mit dem ganzen Geist der Gestalt, sowie mit allem, was im Stück über sie gesagt wird, im schroffsten Widerspruch. Herr Pittschau sollte sie reisenden italienischen Virtuosen überlassen, denen Shakespeare gerade gut genug ist, zu einigen blutrünstigen Effekten benutzt zu werden. Frau v. S ey ffertitz sah als Desdemona sehr gut aus, spielte be- scheiden»ud naiürlich und fand auch den Ton der Hingabe, die die Rolle erfordert. Bei der Landung auf Cypern bewunderte ich, daß sie ihr prächtiges Kostüm so unversehrt aus Sturm und Gefahr ge- rettet halte. Ich gratuliere ihr zu der Schneiderin, die so haltbar orbcitet, hntte nl'cv doch qern gesehen, dos; hier der Regisseur der Schneiderin etwas i»S Hondwerk geredet hätte.—' E. 8. str. Buntes Brettl.— Es gilt nochgerode als abgemachte Sache, dnjj Wolzogens Schöpfung, das„U e b e r b r e t t l", nls kul- turelle That nicht tuif�ufasseit ist. Uns fehlen die Dichter für dies spezifisch französische Genre, dagegen besitzen wir die Censnr. die alle keckeren, ivuchtigercn Prodnltioncn unbarmherzig vom Programm streichen und nur das Flach-Witzige und Pikant-Erotischc dulden würde. Diese Gattung, die sich von dem im getvöhnlichen Tingeltangel Gebotenen nur graduell unterscheidet, dominiert denn auch ans den Ucbcrbrettln, auch ans dein jetzt von Lilie ucron geleiteten. Liliencrous unbestrittene dichterische Bedeutung kann daran nichts ändern. Seine Lyrik, die sich durch gesunde Ursprüng- lichkcit und tiefe Natnrempfindung auszeichnet, nimmt sich im„Künstler- Cabaret" aus>vie ein Fetdblumenstraitfi im parfnnigeschivängertcn Boudoir einer Dcmimondaine. Und dafi bedeutende Dichter sich auch durch eilten besonders zuverlässigen, kritischen Geschmack auszeichnen müszten, ist Hoch keinesivcgs erwiesen. Von besonders raffinierter Findigkeit zeugte tvenigstcns das Lilien- crousche. Repertoire nicht. Durch eigne Sacheit war der berühmte Lyriker weder reichlich noch gleichivertig vertreten. Die vom Dichter selbst— nichts weniger als meisterhaft— vorgelesene„Kriegsnoveüe" war ein kleines Stimmungsbild, das selbst bei der Lektüre nicht überwältigend wirken dürfte, um wie viel weniger in mittelmäßigem Vortrag. Und so hatte das ganze Programm eigentlich weder littcrarisch noch musikalisch ctivas Hervorragendes ans- zuiveiscn. Betrachtet man dagegen das Bunte Brettl als cineSthtte leichter, prickelnder, mitunter sogar anregender Unterhaltung, so braucht mau über die Erstauffühning keineswegs mit so kritisch hochgezogenen Brauen abzusprechen. Unter der Unzahl der gebotenen Nummern befand sich einiges ganz Passable. Die freilich mehr scherz- als boshaften Satiren Arthur PserhofcrS zum Beispiel hatten tcillvcise ganz lustige Pointen. Und ein Duett, LicbcSlocken, komponiert von James Rothstein, einem der beiden Hanskapellmcister, mußte seiner eiiischmeichclndcn Melodie wegen wiederholt werden. Von den Dar- stellern sind Marccll Salzers und Frau Gisela Schneiders Qualitäten hinlänglich bekannt. Als Baryton von guter Schulung und lebhaftem Temperament stellte sich Auröle Borris vor. während Liane Leischner sowohl nach der dämonischen als besonders auch nach der pikaitten und lascivcn Seite hin bedeutende Begabmig verriet.— Kunst. — M e u n i e r s„Denkmal der Arbeit". Ein Mit- arbeiter der«Frkf. Ztg." traf dieser Tage Konstantin Meunicr in Brüssel auf der Straße und gab seiner Verwunderung Ausdruck, de» Meister zu dieser Hochsommerzeit in der Stadt zu finden. Er stände im Begriff, nach Berlin, München und Dresden zu reisen, erwiderte Meunier. Zinn Arbeiten fehle es ihm ebenso an Ruhe Ivie zum Nichtsthun. Die Unterhandlungen ivegen der Bestellung des „Monument du Tavail"feicn mit der Regierung in gutem Gange, doch stehe der Abschluß noch innner aus. und inzivischen sehne er sich nach Zerstreunug. Auf meine(des Korrespondenten) Frage, ob ich die Skizze zn seinem großen Werke sehen dürfe, lud er mich ei», ihm in sein nahes Atelier zu folgen. Da hatte ich nun die Schöpfung vor mir, die bestimmt sein wird, künftigen Generationen den Geist unsrer heutigen Zeit als Symbol zu verkörpern I Welche Entivickelung hat der Plan doch durchgemacht, seit ich ihn vor zwei Jahren in seiner frühesten Phase in dem alten Atelier des Künstlers sah! Das bildhauerischc Detail war damals freilich nahezu gleich großartig ivie heute gedacht, aber die architektonische Gliederung war noch gänzlich nnentwickclt und von einem Gesamteindruck konnte damals noch keine Rede sein. Gerade dieser ist es, der bei dem jetzigen, tvohl als endgiltig anzu- sehenden Entwurf den Beschauer zuerst und mit zlvingender Not- wendigkeit erobert. Die Architektur ist auch jetzt noch die denkbar einfachste; der pyramidenförmige Aufbau ist mit einer Basis von 1ö Metern und einer Höhe von Ivcuigstens S Metern gedacht. Unter dem Sockel befinden sich die vier bereits vom Künstler vollendeten und teilweise auch schon ausgestellten Reliefs: die„Ernte", die„Fabrikarbeit", die„Grubenarbeit" und die„Hafenarbeit". An den vier Ecken entsprechen ihnen die Gestalten des Bergarbeiters, des Eisenarbeits, des Glasarbeiters und des Hafenarbeiters, Ganz vorn unten sitzt die Gestalt der„Eecondits", eine Frau mit Kindern; gegenüber auf der Rückseite wird der Künstler wahrscheinlich das„Ende" oder das„Alter" symbolisch darstellen. Gekrönt Ivird das gewaltige Werk durch die oben die anstrebende Pyramide vollendende und beherrschende Gestalt des Säemanns, «ine veredelte Wiederholung der prachtvollen Bronze im hiesigen Botauistbeu Garten. Mit Ausnahme der in Bronze aiisznführcnden sieben Figuren ist das ganze Werk von dein Bildhauer für die Voll- endung in Stein bestimmt. Er wird sich ivahrscheinlich für einen besonders harten und unzerstörbaren Granit der Bretagne entscheiden. Er glatibt, daß man sogar die Reliefs in diesem Stoffe lvcrde aus- führen können. Für die Aufstellung will Konstantin Meunicr den Rond Point du Avenue de Tervuereu draußen hinter dein Psre du Cin- quantenaire in Vorschlag bringen. Dort, von keinen Hänsermassen eilt- geengt, müsse es gewaltig wirken. Wie prachtvoll werde sich dort der Säemann von dein blauen Himmel abheben!„Die Fertigstellung wird reichlich drei Jahre dauern", meinte der Meister.„Wer weiß, .Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. ob ich sie erlebe. Wenigstens aber habe ich der Nachivcit diese Skizze hinterlassen, die sie ausführen kann, falls es ihr guidünkt I" Während er dies sagte, leuchteten seine Augen so jugendlich frisch, Ivie ich sie fast noch niemals gesehen hatte.' Ueberhanpt war der Meister in srischer Stimninng, und die wundervollen Acußcrungen über Kunst und Künstle rtnm, in denen er sich lange erging, übertönten in meiner Phantasie deshalb auch die immer wieder aus seine,» Munde hervorbrechende Klage, daß er nicht mehr im Besitze der Kraft seiner „ersten vierzig Jahre" seil— Medizinisches. ss. Die Heilung der Melancholie nimmt em lebhaftes Interesse der Aerzte in Anspruch, seitdem man gelernt hat. diese Erscheinung als wirkliche Krankheit zu behandeln. Die Aerzte Dr. de Maine Alexander und Dr. Bruce ans Perth veröffentlichen jetzt im„Lancel" ihre seit mehreren Jahren über die Melancholie und deren zweckmäßigste Behandlung gesammelten Beobachtungen. Nach ihren Erfahnmgen nimmt die Krankheit, bevor sie cnt- weder verschwindet" oder chronisch wird, in den meisten Fällen einen bestimmten Vcrtauf, innerhalb dessen ein akuter und ein subakuter Zustand zu unterscheiden ist. Die akute Melancholie äußert sich in starker geistiger Niedergeschlagen- hcit, Nnhelosigkeit, Sinnestänschuugen, Schlaflosigkeit, schnellem und oftmals unregelmäßigem Puls, hohem Blutdruck, zu fieberhafter Höhe neigender Temperatur, gefurchter Zunge, Appetitlosigkeit, gc- störter Verdauung und trockener Haut. Bei dem subakuten Znstande sind diese Erscheinungen durchweg gemildert. Es kommt zunächst darauf an, die Ausscheidungen aus dem Körper anzuregen und aus das normale Maß zu bringen. Das Wesen der Krankheit besteht nämlich Ivahrscheinlich darin, daß die genossenen Speisen und Flüssig- leiten nicht in genügendem Grade vom Körper ausgeschieden werden, sondern sich unter gewisser Zersetzung im Gewebe aufspeichern und eine Art von Vergiftung infolge des mangelhaften Stoffwechsels hervorrnfen. Ans Grund dieser Erkenntnis haben die beiden ge- nannten Aerzte die frühere Art der Behandlung gegenüber der Melancholie aufgegeben und sie versuchsweise durch eine neue ersetzt. Diese besteht hauptsächlich in der Vorschrift, daß nur flüssige Nahrungsmittel aufgenommen lvcrde» dürfen, mid zwar Milch und schwacher gesüßter Thee. Der Thee muß schwach sein, damit er den ohnehin schon gesteigerten Blutdruck nicht verstärkt. Da die an akuter Melancholie leidenden Kranken ohnedies vom Durst geplagt werden, ist ihnen eine derartige Behandlung in der Regel angenehm. Feste Nahrung soll nicht gereicht werden, bis der Kranke selbst danach verlangt oder über Hunger klagt. DaS Er- gebuis einer solchen Behandlung ist in 8 Fällen von akuter Melancholie höchst zufriedenstellend gewesen, indem der Blutdruck rasch zu Normaler Höhe fiel, der Schlaf wiederkehrte, die Haut ihre natürliche Feuchtigkeit erhielt und die Ausscheidungen des Körpers be- fördert ivurden. Frühe Behandlung ist bei dieser Krankheit im- bedingt geboten, da sonst die Heilung zum mindesten bedcuiend ver- zögert wird. Ernste Rückfälle haben sich während der beschriebene» Behandlung in jenen Fällen nicht gezeigt.— Hnuiorittisches. — Maßstab. Rentier Habinger:„Wenn ma mit so an saudumma Baucrnlnada dischlriert, na mirkt mä's erst, was für a Bildung daß ma besitzt!"— — Attacke.„Halt I Das Ganze halt I Das Manöver wird abgebrochen, die Photographen haben die Platten verbraucht."— („Simpl.") Notizen. — Der unlängst verstorbene Berliner Acsthetikcr Her in a n n G r i in m hatte von neuerer Lyrik überhaupt nichts gelesen. Zu Karl Busse sagte er einmal, gleichsam sich entschuldigend:„Ich lese nur die„Deutsche Rundschau" iiud die„National-Zeilung"; was da nicht drin steht, weiß ich nicht."— —„Der Weg des Thomas T r n ck", ein Zeitroman in zwei Bänden von Felix Holländer, erscheint dieser Tage bei S. Fischer in Berlin.— — Von den Gebrüdern C a s s i r e r hat der eine, Bruno Ca ssir er, den B u ch v e r l a g der Firma(Derffliugerstraße lö) übernommen, der andre, Paul Cassirer, wird die K u» st- Handlung(Victoriastraße 3») weiterführen.— — Max Halbes„Haus Rosen Hägen" wurde in Frankfurt a. M. und in Breslau(Lobc-Theater) mit Erfolg auf- geführt.— —.„ M e s s i d o r ," ein lyrisches Drama von Emile Zola, mit der Musik von Alfrede B r u» e a u, wird Mitte Oktober im Opcrnhause zu Frankfurt a. M. zum erstenmal in deutscher Sprache aufgeführt werden.— — Siegfried Wagner arbeitet an einer neuen Oper, die im Berliner Opernhaus ihre Erstaufführung erleben soll.— — Ha ii s P f i tz n e r s neue Oper„Die Rose vom LieveS« garten" wird im November am Elberfelder Stadt« t h e a t e r zum erstenmal in Scene gehen.— Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.