Nnterhaltungsblatt des 172. Mittwoch, den 4. September. 1901 (Nachdruck verboten.) A v b e i k: IMZ Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Nosenzwe ig. „Wie wird es erst sein", fuhr Fordan fort,„wenn man freundschaftlich von Hauptstadt zu Hauptstadt sprechen wird, wenn dieselben Interessen in derselben Minute in allen Kontinenten dieselben Gedanken wecken werden, wenn die Luftfahrzeuge durch den freien, unendlichen Raum segeln werden, dem gemeinsamen Gebiete aller, wo es keine Zoll- grenzen giebt? Die Luft, die wir alle atmen, die Weite, die asten gehört, wird das Gebiet ungehemmter Eintracht werden, wo sich die Menschheit der Zukunft versöhnen wird. Daher, lieber Freund, haben Sie mich auch stets so getrost gesehen, so sicher, daß einmal die Erlösung kommen muß. Mochten auch die Menschen sich in blindem, thörichtem Haß zerfleischen, die Wissenschaft schritt darum nicht ininder jeden Tag um ein Stück vor und schuf mehr Licht, mehr Brüder- lichkeit, mehr Glück. Und durch sich selbst, kraft der ihr inne- wohnenden unwiderstehlichen Macht der Wahrheit, wird sie die Vergangenheit voll Finsternis und Haß hinwcgdrängen und vertreiben, wird die Geister befreien und die Herzen ein- ander nähern, hier unter der wohlthätigen Sonne, die unser aller lebeusspendende Mutter ist." Er war erschöpft vom langen Sprechen, seine Stimme war kaum noch vernehmbar. Gleichivohl setzte er noch scherz- Haft hinzu: „Sic sehen, lieber Freund, ich bin ebenso sehr Revolu- tionär wie Sic." „Ich weiß es, lieber Freund ," erwiderte Lucas bewegt. „Sie waren mein Meister in allen Dingen, und ich kann Ihnen nie genug danken für alles das, was von Ihnen an Thatkraft, an unerschütterlicher Zuversicht in die Arbeit und in das Werk auf mich übergegangen ist." Die Sonne sank zum Horizont, ein leichter Abcndwind rauschte in der Krone der mächtigen Linde, durch deren Blätter der goldne Lichtregen nun in bläfsercn Tönen herabrieselte. Die Nacht nahte, eine köstliche Ruhe breitete sich langsam über die Natur. Die drei Frauen, die stuinm und ehrfurchts- voll dieseni letzten Gespräch der beiden Freunde zuhörten, wurden ängstlich ob des schädlichen Einflusses der Nachtluft auf die ihrer Obhut anvertrauten Greise. Sie mahnten sanft, ohne ein Wort, mit mütterlichen Gebärden. Wieder zog Soeurctte ihrem Bruder die Decke höher. Und als Josine und Snzanne auch über Lucas' Knie eine Decke breiteten, sagte dieser: „Mir ist nicht kalt, der Abend ist so schön!" Soeurette hatte sich umgedreht, um der verschwindenden Sonne nachzusehen, und Jordan folgte ihrem Blick. „Ja, die Nacht naht," sagte er.„Die Sonne mag nun untergehen, sie läßt uns in unsren Speichern einen Teil ihrer Güte und ihrer Kraft. Und diesmal bedeutet ihr Unter- gehen, daß inein Tag zu Ende ist. Ich will schlafen gehen. Fahren Sic wohl, lieber Freund 1" „Fahren Sie wohl, lieber Freund I" sagte Lucas. Auch ich gehe bald schlafen." So nahmen sie Abschied mit ergreifender Innigkeit, in einfacher, erhabener Größe. Sie wußten beide, daß sie sich nicht wiedersehen würden, sie gaben einander den letzten Blick, sie sagten einander die letzten Worte. Nach sechzig- jährigem gemeinschaftlichen Leben und gemeinschaftlichem Ar- beiten schieden sie von einander, um nur noch in dem Strom der Generationen vereinigt zu bleiben, in den Menschen des nächsten TagcS, deren Wohlfahrt sie beschleunigt hatten. „Fahren Sie wohl, lieber Freund!" sagte Jordan wieder. „Seien Sie ohne Trauer, der Tod ist gut und notwendig. Wir leben in den andern weiter, wir sind unsterblich. Wir haben uns ganz ihnen gewidmet, wir haben nur für sie ge- arbeitet, und wir werden mit ihnen immer neu geboren und genießen so unsren Teil von unsrem Werke. Fahren Sie wohl, lieber Freund!" Und Lucas sagte wieder: „Fahren Sie wohl, lieber Freund! Alles, was von uns da bleibt, wird bezeugen, wie wir geliebt und wie wir gehofft haben. Ein jeder wird geboren, um sein Werk zu thun, das Leben hat keinen andren Zweck, die Natur setzt ein neues Wesen in die Welt, so oft sie eines neuen Arbeiters bedarf. Und wenn sein Tageiverk vollbracht ist, kann der Arbeiter schlafen gehen, die Erde nimmt ihn wieder auf in andrer Verwendung. Fahren Sie wohl, lieber Freund! Er neigte sich vor, um ihn zu küssen. Aber er konnte es nicht, und die drei liebenden Frauen mußten ihnen bei dieser letzten Umarmung helfen und sie stützen. Sie lachten beide voll kindlicher Heiterkeit, ihre Seelen waren ruhig, kein Be- dauern, kein Selbstvorwurf kam ihnen an in dieser Stunde des Abschieds, denn sie hatten ihre volle Menschenpflicht, ihre volle Arbeit geleistet. Noch weniger empfanden sie Furcht; der Zustand nach dem Tode hatte keinen Schrecken für sie, sie sahen freudig der tiefen Ruhe entgegen, in der die guten Arbeiter schlafen. Und sie umarmten sich lang und innig, legten ihre letzte Kraft in diesen Abschiedskuß. „Fahren Sie wohl, mein guter Jordan!" „Fahren Sie wohl, mein guter Lucas!" Dann sprachen Sie nicht niehr. Ein tiefes, heiliges Schweigen herrschte. Die Sonne verschwand von der mächtigen reinen Himmelswölbung und tauchte unter die ferne Linie des Horizonts. Ein Vogel verstummte in den Zweigen der großen Linde, in denen die Schatten sich verdichteten, während über den Park mit seinen Bäumen, seinen Alleen und Rasenplätzen die köstliche Ruhe des Abends herabsank. Da hoben auf ein Zeichen Soeurettens die beiden Männer den Sessel Jordans auf und trugen ihn langsamen, leichten Schrittes hinweg. Lucas verlangte mit stummer Gebärde, daß man ihn noch eine kleine Weile unter dem Baume lasse. Er sah seinem Freunde nach, wie er sich langsam durch die gerade Allee entfernte. Die Allee war lang,- und der Tragsessel mit der Gestalt des Freundes wurde allmählich immer kleiner. Einmal drehte sich Jordan um, und sie tauschten einen letzten Blick, ein letztes, kaum noch sichtbares Lächeln. Dann war's vorbei, der Tragsessel entschwand seinem Blicke, während der Park sich mit dem Mantel der Nacht bedeckte, und einschlief. In sein Laboratorium zurückgekehrt, begab sich Jordan zu Bette. Sein schwächlicher Körper war im hohen Alter zur Größe eines Kindes zusammengeschrumpft. Und wie er es gesagt hatte, so ließ er sich nun, wo sein Werk gethan, sein Tag vollendet war, endlich vom Tode wegnehmen; am nächsten Tage starb er friedlich und lächelnd in den Armen Soeurettens. Lucas sollte noch fünf Jahre leben, in dem Sessel sitzend, den er fast nie verließ, und der am Fenster seines Zinnners stand, von wo er seine Stadt sich täglich vergrößern und verschönern sah. Eine Woche nach dem Tode Jordans stellte sich Soeurctte seinen Pflegerinnen Josine und Suzanne. an die Seite, und sie waren nun drei, um ihn mit ihrer Liebe und zärtlichen Sorgfalt zu umgeben. Da heimste er denn die köstliche Ernte ein von der Saat der Liebe, die er Zeit seines Lebens mit vollen Händen ausgestreut hatte, wohin er den Fuß setzte, und die heute rings um ihn mit überquellendem Reichtum in die Halme schoß. Während der langen Stunden. die Lucas angesichts seiner blühenden Stadt in glücklichem Sinnen verbrachte, tauchte oft die Vergangenheit vor seinem Geiste auf. Er sah zurück auf den Punkt, von dem er ausgegangen war, auf die nun schon so fernliegende Lektüre des kleinen Buches, in welchem die Lehre Fouriers zusammengefaßt war. Er erinnerte sich der schlaflosen Nacht, da er fieberhaft durchschauert von seiner ihn: noch unklaren Mission, Kopf und Herz zur Aufnahme des guten Samens vorbereitet, in dem Buche zu lesen an- gefangen hatte, um den Schlaf zu finden. Und da waren die genialen Gedanken Fouriers: die menschlichen Leiden- schaften wieder in ihre Würde einzusetzen, sie frei walten zu lassen und als treibende Kräfte des Lebens zu verwenden; die Arbeit aus ihren Sklavenfesscln zu befreien, zn erhöhen, zu veredeln, genußreich zu gestalten und sie zum Grundgesetz des socialen Lebens zumachen; durch die Association von Kapital, Arbeit und Geist allmählich und in friedlicher Weise die volle Herrschaft der Freiheit und Gerechtigkeit anzubahnen— diese genialen Gedanken Fouriers waren in feine im höchsten Grads erregte Seele, in seinen fieberhaft suchenden Geist gefallen, hatten ihn blitzartig erleuchtet, ihn mit Begeisterung erfüllt und ihn am nächsten Tage zur That getrieben. Fourier dankte er es. daß er den Plan zu den« reformatorischen Unternehmen der Crecherie gefaßt und ihn zur Ausführung gebracht hatte. Das erste Gemeinhaus mit seiner Schule, die ersten hellen und reinlichen Werkstätten mit ihrer Arbeitseinteilung, die erste Arbciterstadt mit ihren zwischen Grün hervorlachenden weißen Häuschen, waren erwachsen aus der Fourierschcn Idee, die gleich gutem Samen in winterlicher Erde schlummernd gelegen hatte, immer bereit zu keimen und zu blühen. Die Religion der Menschlichkeit brauchte vielleicht gleich dem Katholizismus Jahrhunderte, um sich dauernd zu begründen. Aber dann auch, welche reiche Entwicklung, welche machtvolle Verbreiterung, je mehr die Liebe und die Brüder- lichkeit ihr Reich ausdehnte! Fourier, der Evolutionist, der Theoretiker und Praktiker, hatte, indem er die Ver- cinigung von Kapital, Arbeit und Geist als ersten Schritt erdachte und enipfahl, die Bahn eröffnet, die zur Gesellschafts- Ordnung der Kollektivisten und von da weiter zum schrankenlosen Freihcitsideal der Anarchisten führte. In der Association wurde das Kapital immer mehr zcrstückt und verschwand schließlich ganz, Arbeit und Geist wurden die einzigen Be- Herrscher, die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft. Not- wendigerweise folgte daraus das Absterben des Handels, das allmähliche Verschwinden des Geldes, jener ein störendes und krastverbrauchendes Rad, dieses ein eingebildeter, nutzloser Wert in einer Gemeinschaft, wo die Arbeit allen strotzenden Reichtum hervorbrachte, der in unaufhörlichem Gütertausche durch alle Adern cirkulicrte. Von der Formel Fouriers aus- gehend. sollte die neue Stadt von Schritt zu Schritt sich verwandeln und vervollkommnen, zu immer mehr reiheit und Gerechtigkeit fortschreiten, auf ihrem Wege die ollcktivisten und selbst die Anarchisten in ihre Anziehuugs- sphäre bringen und überwinden und sie schließlich alle zu einem einzigen brüderlichen Volke vereinigen, das, glücklich und versöhnt durch das verwirklichte gcmeinsaine Ideal, in dem endlich auf der Erde errichteten Himmelreiche leben sollte. An seinem Fenster sitzend, hatte Lucas immerfort das herrliche, glorreiche Schauspiel der Stadt der Wohlfahrt vor Augen, deren unter Bäumen hervorschimmernde bunte Dächer sich weithin erstreckten. Die Vorwärtsbewegung, welche die erste Generation, von uralten Irrtümern durchtränkt, durch Gewöhnung an den ungerechten Zustand verdorben, unter so viel schmerzlichen Kämpfen, unter so viel Hindernissen, in- mitten so wütenden Haffes begonnen hatte, die wurde von der aufgeklärten, durch die Schulen und Werkstätten um- gebildeten jungen Generation fröhlichen, elastischen Schrittes fortgesetzt, und mit so leichter Raschheit, daß sie bereits Fernen erreicht hatte, die einst für phantastisch gehalten worden waren. Dank dem unaufhörlichen neuen Werden schienen die Kinder, die Kinder der Kinder andre Herzen und andre Hirne zu haben, und die brüder- liche Liebe wurde ihnen leicht in einer Gemeinschaft, wo das Glück jedes Einzelnen thatsächlich nur im Glück aller bestand. Mit dem Handel war auch der Diebstahl ver- fchwunden. Mit dem Gelde waren alle verbrecherischen Triebe erstorben. Es gab keine Erbschaften mehr, es wurden keine privilegierten Nichtsthuer mehr geboren, die Menschen er- würgten sich nicht mehr um eines reichen Nachlasses willen. Warum sollten die Menschen einander hassen, einander beneiden, sich des Besitzes andrer durch List oder Gewalt bemächtigen wollen, da das öffentliche Gut allen gemeinsani gehörte, da jeder ebenso reich wie sein Nachbar geboren wurde, lebte und starb? Das Verbrechen verlor allen Sinn und Verstand, der ganze grausame Apparat der Unterdrückung und Bestrafung, der nur aufgerichtet worden war, um den Raub einiger Reichen gegen die Empörung der ungeheuren Menge der Elenden zu sichern, fiel leer und nutzlos in sich zusammen, mit allen seinen Gendarmen. Polizisten, Gerichtshöfen und Gefängnissen. Man mußte inmitten dieses Volkes leben, das die Scheußlich- keit des Krieges nicht kannte, das nur dem Gesetz der Arbeit unterthan war, das durch eine auf Vernunft und wohl- verstandenes eignes Interesse begründete Solidarität miteinander verbunden war— um zu begreifen, wie sehr die vermeintliche Utopie des allgemeinen Glückes möglich war bei einem Volke, das, hellen Geistes, von den ungeheuerlichen Lügen befreit, die Wahrheit kannte und die Gerechtigkeit wollte. Seitdem die Leidenschaften, anstatt bekämpft und erstickt zu werden, im Gegenteil als die treibenden Kräfte des Lebens gefördert und gepflegt wurden, hatten sie ihre giftigen Eigen- schaften verloren und waren zu socialen Tugenden, zur Blüte der individuellen Energie geworden. Das erstrebenswerte Glück lag in der Entwicklung, in der Stärkung aller Sinne. und nicht«linder des Sinnes der Liebe, denn der ganze Mensch sollte genießen und befriedigt werden, ohne Heuchelet, im hellen Licht des Tages. Der langwährende schwere Kamps der Menschheit führte endlich zur ungehcmnitm Entfaltung des Individuums, zu einer Gesellschaftsordnung, die jedem volle Befriedigung seiner Wünsche gewährte, in der der Mensch ein ganzer Mensch war und sein ganzes Leben aus- lebte. So war denn die glückliche Stadt zur Wahrheit ge- worden auf Grund der Religion des Lebens, der endlich von den Dogmen befreiten Menschheit, die in sich selbst ihren Daseinszweck, ihr Endziel, ihren Stolz und ihre Selig- keit fand. �Fortsetzung folgt.) lNaKdruck verboten.) Die �evbpkzriklofe. � In Blumenhandliingen steht man augenblicklich ansehnliche Zwiebelknollcu, oftmals bis 300 Gramm schwer, zum Verkauf aus- geboten. Aus ihnen entivickelt sich die Herbstzeitlose, eine gar prächtig blühende Form der bekaniuen Pflanze, die bei uns auf den Wiesen treibt und bläht. Diese Knolleu werden besonders in Holland, der alten Heimat der Blumenzucht, kultiviert; sie gelangen beim ersten Nahen der kalten Jahreszeit in großen Masten zu uns und in den Handel. In der That verdient die Herbstzeitlose schon, dcß man ihr einige Nnfmerksninkeit schenkt, denn sie ist eine der interrstantesten Pflanzen, die uns die heimische Flora bietet. In der Knolle sind gewißermaßen von der Natur all die Stoffe aufgespeichert lvorde», deren die im Keime schlummernde Blüte zu ihrer weiteren Entwicklmig bedarf. Man pflanzl sie entweder wie jede andre Blume in Töpfe, die nuiu mit der geeigneten Erde ver- sehen, oder mau setzt sie in Schalen, die man mit an- gefeuchtetem Sand gefüllt hat, oder aber schließlich man stellt sie, ohne sie in Verbindung mit der Nährmutter Erde zu bringen, direkt an das Fenster oder sonst eine lichtreiche Stelle des ZimmerS. Hier entwickelt sich die Zwiebel gar bald»iid zeigt schnell nach einander Blüten von zartester rosa Farbe. Die Kultur selber ist überaus dankbar für den, der sie in Pflege ge- nommen i oftmals zeigen sich hintereinander bis zn dreißig solcher zarten Blüten. Die Herbstzeitlose gehört also, wie man sieht, zu jene» Pflanzen, die auch gedeihen, treiben und blühen, ohne daß sie i» Erde gesetzt werden. Ist der Vlütcnslor beendet, so schrumpft die Knolle allmählich ein und zeigt sich augenfällig entkräftet. Im all- gemeinen ist das Erdendasein einer solchen Herbstzeitlose denn auch recht knapp bemessen. Meistens spendet sie dem Pfleger nur ein einziges Mal ihre Blüten. Hat man jedoch eine Ztvicbel zeitig ein« gepflanzt, so kann man sie freilich wohl nochmals im darauf folgenden Jahre zum Blühen zivingen. Doch ist zu diesem Zivecke nötig, daß sie stets feucht gehalten und an kühler Stelle aufbewahrt werde. Nicht jedem steht jedoch diese kultivierte Form unsrer Herbst- zeitlose zur Verfügung; der deutsche Landbewohner kennt sie nämlich meist nur in der Art und Gestalt, wie sie auf dem Anger ivächst und hier entsteht und vergeht. Allein selbst diese Wiesenherbstzeitlose verdient, daß man ihr ein größeres Interesse widmet, als ihr augenblicklich zu teil wird. Wenn im Frühjahr in unsrem Blumen- garten die Rasenflächen abgeharkt oder neu angelegt werden, sollte man daran denken, gerade hier der Herbstzeitlose eine Stätte zu bieten. Die Uebcrsiedelung geschieht leicht; man braucht nur die Knolle herzuschaffen; nötig ist freilich, daß der Rasenplatz niedrig gelegen sei und möglichst feucht gehalten werde. Aber dann lohnt unsre Herbstzeitlose mit sichtlichem Danke die Pflege, die man ihr angedcihen läßt, Bald beben sich dann von den Grasarten die fleischigen Blätter in ihrem saftig grünen Ton wirkungsvoll ab. Charakteristisch bei dieser Pflanze ist noch, daß, ivährend sie die Blüten erst im Herbst entfaltet, die Ent- Wicklungszeit der Blätter selber bereits i» den Frühling fällt. Hier im Garten vermag sie auch nicht den Schaden anzurichten, den sie oft bei freiem Wüchse auf Wiese und Anger wirtschaftlich dem Be- sitzer zufügt. Denn die Herbstzeitlose ist giftig, wie kaum eine andre Pflanze innerhalb der heimatlichen Flora, und es bedarf eines starken Gegenmittels, bestehend aus Pflanzensäuren und öligen, schleimigen Gerränken, um die verhängnisvolle Wirkung, die sie hervorruft, auf- zuheben. Dieses Gift, das in der Herbstzeitlose schlummert, hat denn auch zu stände gebracht, daß sie von dem Besitzer ihres Standortes meistens mit bangem Ange betrachtet wird. Der Landmann sucht sie destvegen zu vernichten, wo er sie auch findet. Schon bei Beginn des Lenzes erhebt sich ein Vernichtungskrieg gegen diese Blume. Giftig ist sie nämlich in all ihren Teilen, besonders in den, Samen, der eingekapselt zwischen den lanzettenförmigen Blättern ruht. Diese Kapseln führen übrigens in manchen Gegenden die noch nicht ans- gehellte Bezeichnung„Storchenbrot". Am wenigsten gifthaltig sind wohl die Blätter rn getrocknetem Zustande, doch reichen die schäd- liche» Stoffe, die in ihnen entfaltet sind, noch immer hin, Tiere. die davon fressen, zum Verenden zu bringen. Um die Herbst- zeitlose zn vertilgen, hält man nun freilich anf dem Lande die Rinder an, dag sie die Blüten im Herbst absammeln und vernichten. Dadurch wird zwar die Pflanze in ihrem Wachstum gestört, aber nicht ausgerottet. Dieses VcrtilgungSverfahren»mg sich viel- niehr gegen den Sitz der Keimkraft der gesamten Herbstzeillose richten, also gegen die Knollen. Diese aber ruhen ziemlich tief in dem moorigen Boden und können nur dadurch herausgehoben werden, dag man ihn mit dem Pfluge auflockert und dann die Zivicbeln Heranssuchen lägt. Zinveilen hilft auch, dag man den Grasbestand durch eine besondere Kultur hebt. Dann wird nämlich die Herbstzeitlose von den ringsum wachsenden Gräsern gcivisser- magrn erdrückt; sie räumt das Feld; stärkere Gewalten machen ihr den Garaus. Wenn der Altiveibersommer über die Felder streicht und, ge- schickt von der Hand des Knaben, der Drache hoch hinauf in die Lüfte steigt: das ist die Zeit, in der die Herbst- zeitlose ihren vollen Blütenflor entfaltet. Und schön ist sie ohne Zweifel, nicht allein durch die Form, sondern auch durch den Farbenton, in den sie gekleidet wurde. Ist es doch gerade, als wollte diese die nuheilvollen Säfte, die durch chie Pflanzenzellen pulsieren, dem Auge des Menschen vergessen machen. Der ganzen Natur nach ähnelt untre Blninc dem bekannten Huflattich, nur mit dein Unterschiede, dag die Herbstzeitlose ihre Blüten bereits im Herbst zeigt, die Laubblätter dagegen erst im nächsten Lenze ins Dasein treten lägt. Botanisch betrachtet, ist die Pflanze deshalb überaus interessant. Untersucht man nämlich die verdickte unter- irdische Achse, also die Knolle, zur Zeil, ivo die Blume ihren Bliitenflor entivickelt, recht genau, so findet man, dag dieser in der Erde ruhende Teil doppelt gestaltet ist. Er besteht erstens aus einer grogcn starken Hauptzwicbel, die sozusagen als Grundlage des im verflossenen Herbst blühende» Triebes anzusehen, und ferner aus etwas ivie einem Rcservestossbehälter für eine viel kleinere Ziviebel, die aus ihrer Basis entsprungen ist. Zur Blütezeit ist diese noch ganz dünn, trägt einige Nebenblätter von schuppiger Form, ferner etliche ganz kurze, noch nicht über die Erde hervor- ragende Lanbblätter und i» deren Achse die Blüten in ihrem rosa- roten Farbenton. Die weitere Phase der Pflanze zeigt sich alsdann in der bereits zuvor angedeuteten Metamorphose im Früh- ling. Die junge Knolle schwillt dann an. ihre Laub- blälter und der unterste Teil des Blntenstiels, der jetzt die Giftkapscl trägt, strecken sich, so dag die Laubblätter sowohl als auch die Kapsel selber über die Erde hinweg gelangen. Man -meint geradezu, die Frucht komnie vor der Blüte. All das hat der Herbstzeitlose ein so vielfaches Interesse auf dem Gebiete der sich mit ihr befassenden Wissenschaft zugesichert, und darum verdient diese hochinteressante Pflanze auch, dag man ihr in Laienkreisen eine grögere Beachtung zolle. Ganz abgesehen davon, dag sie doch auch durch ihren Blumenschmuck das Auge erfreut und deshalb immer mehr von ihren» eigentlichen Standplatze ans. dem Anger, näher zn den Meifichea gelangt: auf den Grasplatz feines Gartens, in den Scherben und sogar, wie wir dargethan haben, ohne auf diesen oder überhaupt einige Körnchen Erde angewiesen zu sein, zwischen die übrigen Kinder Floras, die unser Fenster schmücken.— _ E. Hertenbach. Kleines Feuillekon. Ihr lc�tcr Arbeitstag.(Nachdruck verboten.) Kaffee ist Lieschens„Höchstes". Mit sichtlichem Wohlbehagen taucht sie ihre Schrippe in das laue, bräunlich gefärbte Wasser, lvelches ihrer Ansicht nach diese Bezeichnung verdient. Sie gcniegt gemächlich die Vcsperstunde, während es drangen unaufhörlich klopft und ab- gearbeitete Gestalten den Fabriksaal betreten. Trotz augenscheinlicher Mattigkeit lägt man sie stehend mit ihren» schweren Pack Mäntel warten, bis die Reihe„abzuliefern" an sie komint. Kinder dräirgen mit herein und iverden ängstlich von den Müttern beschwichtigt. Arbeit ist alles,»vas sich diese Frauen noch wünschen. Lieschen kennt einzelne der hohläugigen Schatten seit zivei Jahren; so lange ist sie selbst bei Schneider Hellmer angestellt. Sie erkeirnt Frau Müllers trockenen Husten so gut von weiten», ivie Frau Hoffinanns schlürfenden Schritt; sie beobachtet der langen Line rotgeränderte Augen, die das viele Sticheln nicht mehr veriragen, und die blauen Flecke der kleinen Dicken, die deutlich den tobenden Trunkenbold zu Hause verraten. Lieschen weitz, dag sie alle erleichtert aufseufzen, wenn sie init einem schwere» Pack tvieder von bannen gehn, neuen, arbeitsreichen, schlaflosen Nächten entgegen, und sie weig ebeirso genau, dag ihre eigne Zrikunst ungefähr ebenso aussieht. Noch ist Lieschen ein junges Blut, daS sich nicht viel Gedanken macht, aber so tagauS, tagein arbeiten, arbeiten, immer auf den- selben Fleck gebannt, über Mäntel gebückt, manchmal seufzt sie un- bewugt aufl Wenn sie daheim ihr Kostgeld abliefert, hat sie den Ihren gegen- über die Schuldigkeit gethan; was schert es die abgemagerten Alten, woher sie es nimmt? Seit einigen Monaten ist Lieschen bleichsüchtig. Der Kassenarzt berordnete Wein, gute Luft, Spazierengehen. DaS Mädchen hatte Mühe, ihm>»icht ins Gesicht zu lachen. Ihre Stellung war doch wohl wichtiger, als die Gesundheit, die man nebenbei aus- zuflicken hat, wie die eigenen Kleider, ivem» sie allinählich in die Brüche gingen.„Arbeite und ig", lautete der Spruch, der auf einen» bunten Bilderbogen über Lieschens Bett hing, ein Abschieds- geschenk einer Kameradin aus der Schulzeit.— Das Mädchen und sein Meister teilen sich nachmittags in eine besondere Thätigkeit. Jedes für den Export angefertigte Jackett »vird in Gegenwart der Arbeiterin einer Holzpuppe angcpagt»md gründlich geprüft. Wehe derjenige»?, die ettvaS verfehlt hat l Sie bekommt keine neue Arbeit und schleicht beschäint, fast»veinend hinaus. Deshalb hängt jeder Blick bangend an der Puppe, die von Lieschen hin-»nid bergedrcht und-geschoben»vird und so ganz all diese» gleicht, die stille halten, während das Schicksal sie schiebt. Herrt hat Lieschen den ganzen Morgen an einem wundervollen Abcndnrantel genäht: hellblau mi» Goldstickerei. Die künftige Eigen- tüincrin»vird um Veö Uhr zur Anprobe ettvartet. Während die schlanken Finger in fieberhafter Hast die Fertigstellnng förderten, schivirrten die Gedanken des Mädchens un» die vornehme, unbekannte, beneidenswerte Trägerin. Eine ganz netie Abivechselung in, feststehenden Tagesprogramm bietet daS Erscheinen von Privatkunden, die natürlich ganz ander« behandelt tverden, als die»Velken Arbeiterinnen. Man bittet sofort „Platz zn nehmen", und respektvoll hängen aller Augen an de»- lebenden Figuren, die mit extra angefertigten, elegairten Paletot- von dannen rauschen. Die Arbeiterinnen, die zu Hause nötig sind »nüssei» heute eben»varten. Sie stehen flüsternd in eiiiem Winkel, »vagen aber nicht, laut murrend ihre Ungeduld zu äufceri». Man hört einen Wagen halten und eilige Tritte nahen. Schnell springt der Geselle in die Höhe, die Lanipe anzuzllnden. Es klopft. Die Weiber recken die Hälse. Der Meister stürzt devot herbei. Lieschen reicht den Mantel herüber, aber ihr Atem stockt. Ist das Mariha, ihre Martha,»nit der sie alle Schulklnffcu zusainmen durch- laufen, die so gut, so lieb und so arm gelvesen? Martha, mit der sie die Schrippen geteilt und der sie ewige Freundschaft geschlvoren? Lieschen fliegt so stark an» ganzen Körper, dast sie sich der Un- geschicklichkeit schuldig macht, das kostbare Toilettenstück fallen zu lassen. Rasch bückt sie sich, und»nährend sie es aufhebt, flüftern ihre erblabten Lippen angstoll fragend:„Martha?" Eine Sekunde stieren sich beide an, dann bohren sich die Augen zn Boden.— Wein und gute Luft und Spazierengehen hat der Doktor Lieschen verordnet! Ihr schlvindell. Die Gestalten dort im Schatten scheinen ihr, als einer der Ihren, zu»vinken, sie aber sieht Not und Elend und Krankheit plötzlich in unermesilich. vergrößerter Weise auf sich zuschreiten, eine unerklärliche Angst prefsi ihr die Kehle zusammen, ihr ekelt vor der Arbeit, vor den Stichen, den mühseligen, unzählbaren Stichen, die ihr Leben bedeuten werden. Wie im Nebel verschivimmt das Zimmer und das Bild der„vor- nehmen" Dame, deren Züge so lieblich, deren Blondhaar so kunstvoll aufgetürmt ist, deren Ainvesenheit ein bedeutender Jasminduft vcr- rät. Das Rauschen und Knistern der Seide bei der leisesten Be- »veglnig trifft Lieschens Ohr, dann glaubt sie sich»vieder von einem Heer ausgemergelter Mäntelnäherinnen umringt; tausend Nadelstiche scheinen ihr ins Herz zu dringen: das bleichsüchtige Lieschen ist ohn- »»ächtig gelvorden. Ein junges Ding erholt sich schnell. Das Mädchen räumt ihre Siebensachen zusammen und macht Feierabend. Auf der Treppe verlangsaint es den Gang, die Anprobe muß gleich fertig sein, die Dame heruiiterkommen. Wieder geht Lieschen weiter,»vieder stockt ihr Fuß I Martha ii» Sammt und Seide I Das Bild verfolgt sie. Ob die Rappen, die herrlichen Rappen und der kostbare Wagen ihr Eigentum? Bei dem Rahen eines leichten Schritts, der die Treppen hinuntcrfliegt, saust und braust es so stark in Lieschens Kopf, dab sie sich an die Blauer lehnen muß, um nicht nochinals uni- znsinkcn. Der Bilderbogen über ihrem Bett, das haltende Gespann, die Straße, die Häuser, alles dreht sich ihr in»vildem Wirbel vor den »veit anfgerisienen Augen. Die welken Frauen oben»vinken nicht mehr, sie»veichen in» Schatten langsam rücklvärts. Die Versuchung unchrandet sie wie ein wild tobendes Meer, kein langsames Gift, welches alllnählich in die Adern dringt, nei»?, ein Tosen und Wüten in der Lust, wie»venu die alte Welt ihr in Scherben bräche,»n»d die neue in tausendfachen Wehen geboren werde.— Suchend flattert jetzt Marthas Blick umher,— ein Lächeln,— ein Finden,— ein Händedruck:„Komm l"— Franziska Mann. Theater. oe. Das Carl Weiß-Theater hat sich nnnmehr für den Winter eingerichtet, und zivar mit einem Stück, das schon deshalb einschlagen mußte,»veil sein Vortvurf sich schon etliche Menschenalter hindurch belvährt hat. In der aus sieben Bildern bestehenden Posse „Berliner Rangen" zeigt der»vilde Onkel aris der Provinz, daß er, man mag anstelle»»,»vas man»vill, bei uns nun eimnal nicht totzukriegen ist. Der Unverivüstliche stainnrt zwar dies- mal mir aus Potsdam, geht aber»iichtsdestoive>»iger frisch darauf loS und geberdet sich, gai»z ivie es das Herkommen vor- fchreibt, als ob Berlin ihn» ein böhmisches Dorf»väre. Aber nicht minder froh ist das Publikum im Anblick der krausen Abenteuer. Es klatscht Beifall, wenn der Konditor Böhme Jft Potsdam sich»nit der Gattin oder dem Lehrjungen zankt,»venu der flotte Liclchaver der Konditorstochtcr in der kente so scdr beliebten Morine-tlniform cnif die Bühne kommt lind qnnz nnvcrmntet ein furchtbar rührendes Lied zum besten giedt, und es nimmt frohen Anteil an den„dollen Sachen", die sodann im Wiener Cafs, im Zoologischen Garten und in der Hascnheide vor sich gehen. Ebenfalls ivird es sehr schön gefunden, wenn in eincrHvtclscene die aus dem Schlafe gestörten Gäste so dekolletiert, wie es die Polizei zuläßt, über die Bühne schreiten. Doch es iväre bei aller Anerkennung zu viel, wen» man den Dichter G» st a V Albert alle Nnhnieskränze einstreilbcn lassen ivollto. Herr Direktor Karl Weiß hat eine, ivie es scheint, vollständige Ncnovation seines Bühnenpersonals vorgenommen und Leute eingestellt, die für ihr Teil wissen, wie man es dem Publikum mundgerecht machen musj. Vor allem zeichneten sich nuter der großen Zahl der Mitlvirkenden die Damen Snldcrn, Lissy und Herold, sowie die Herren T y r k o iv s k, E r u e st i, Wolf und B r a ck in a n n ans. Ani schönsten aber war es, daß der Direktor selber auftrat, und zwar in der trotz des Habitus ihm wohl au- stehenden Nolle eines Konditorjungen.— Astronomisches. — Das Tierkreislicht. Bei ivolkenlosem und Mondschein- freiem Himmel hat man in den Hcrbstmonaten vor Beginn der Morgcndännncriuig Gelegenheit, am östlichen Himmel einen schwachen Lichtschimmer zu bemerken, der die Gestalt eines schief auf dem Horizont stehenden Kegels zeigt, dessen Spitze nach Süden neigt. Die Grund- fläche dieses Kegels liegt ungefähr da, wo die Sonne aufgehe» wird, und die Richtung desselben fällt ziemlich mit der Ekliptik zusammen, daher der Name Tierkreis- oder Zodiakallicht. Dieser Lichtschimmer ist, wie bemerkt, sehr schwach, ja, viel weniger deutlich, als die Milchstraße, und man kann ihn daher nur fern von Städten mit ihrer nächtlichen Beleuchtung des Himmels erfolgreich aussuchen. Da das Tierkreislicht sich in der Richtung der Ekliptik zeigt, so ist es am deutlichsten wahr- nchmbar, wenn diese am steilsten aufgerichtet erscheint, und das ist für nnsre Erdhälfte der Fall, wenn der Frühlingspunkt im westlichen und der Herbstpunkt ini östlichen Horizont steht, also abends im Frühjahr und morgens im Herbst. Gegen den Acqnntor hin wird der Winkel der Ekliptik mit dem Horizont immer größer, das Tier- kreislicht scheint deshalb zwischen den Wendekreisen steil vom Horizont emporzusteigen, guch ist dort der Himmel meist klarer als in höheren Äreitcn; deshalb kann die Erscheinung daselbst zu allen Jahreszeiten gesehen werden, und Humboldt bezeichnete sie als de» beständigen Schmuck der Tropennächte. Während nun aber durch den Fortschritt der Wissenschaft zahlreiche Er- fcheinungen des Himmels ihre richtige Erklärung gefunden haben, ist das Wesen des Tierkreislichtes heute noch so dunkel wie vor drei Jahrhunderten, als Thcho diese Erscheinung zuerst er- wähnte. Auch das Spcctroskop hat über dieses Licht keine wescnt- lichen Aufschliisie gegeben, denn es zeigt in demselben eine helle Linie, die auch im Spectrinn des Nordlichts erscheint. Im vergangenen Jahre ist es Professor Wolf in Heidelberg gelungen, mittels eines eigentümlichen Apparats den Schimmer des Zodinkallichtcs zu photographieren, wodurch sich ergab, daß die Hauptmasse dieser Lichtmasse nicht genau in der Ekliptik liegt,' sondern höchst ivahr- scheinlich in der verlängerten Ebene des Sonncnäquators. Das ist eine höchst wichtige Thatsache, denn sie spricht zu Gunsten der schon früh aufgestellten Hypothese, daß das Zodiakallicht ein flacher um die Sonne cirkulierender Ring von nebeliger Materie sei» könnte, der sich bis über die Erdbahn hinaus erstreckt. Letzteres muß der Fall sein, weil einzelne Beobachter, unter ihnen Schiaparelli, das Zodiakallicht bisweilen in Gestalt einer leuchtenden Brücke die ganze Halbkugel des Himmels überziehen sahen. Ferner zeigt sich bisweilen auf der Seite des Himmels, die der Sonne grade gegenüber steht,, ei» heller Lichtschimmer, der den Namen Gegenschein des Zodiakallichtes erhalten hat und zuerst im Jahre 1780. wahrgenommen worden ist. Der bis jetzt besprochene Kegel des Zodiakallichts wird nach den Beobachtungen von Lewis in Germantown(Nordamerika) noch von einer sehr schwachen Lichtzone umgeben, die etwas breiter als die Milchstraße erscheint und längs des Tierkreises gner über den ganzen Himmel, von Horizont zu Horizont reicht. Man sieht diese höchst blasse Lichtzone nur bei klarstem Himmel in südlichen Breiten, wenn das Auge lange im Dunkel ausgeruht hat, und am besten dann, tvcnn der Zodiakalkegel großenteils unter den Horizont hcrabgcsunle» ist. Um Mitternacht zeigt sich au der höchsten Stelle dieses matten Lichtstreifens ein hellerer Fleck von größerer Ausdehnung, und dieser ist nichts andres als der oben erwähnte„Gegenschein". Auch Barnard hat auf der Lick- Sternwarte diese Erscheinungen ivahrgenommen, und an ihrer Wirklichkeit ist. daher nicht zu zweifeln. Das Wesen des Zodiakallichts wird damit aber nickt klarer, ja, die Den- tüng desselben liegt zur Zeit noch so völlig im Dunkeln, daß sogar ein näherer Zusammenhang dieses Lichtschimmers mit der Erde angenommen ivorden ist. So meinte Hcis aus seine» vieljährigen Beobachtungen folgern zu müssen,' das Zodiakallicht sei ein Nebelring, der innerhalb der Mondbahn um die Erde kreise, und ein andrer anfmerksaister Beobachter, Jones, der die Erscheimiiig in den Tropen genau beobachtet hat, kam. zu demselben Ergebnisse. Andrerseits glaubte der. Astronom Houzean, der das Zodiakallicht häufig in Mitlelamerika beobachtet hat, es könne) möglicherioeise durch einen der Erde anhängenden, in der Ebene ihrer Bahn gelegenen, nach der Sonne hin gerichtete».federbuschförmig gestalteten Scctor l Verantwortlicher Redacteur: Earl Leid in Berlin. einer nebelige» Materie erklärt werden. Die photographische Ans- nähme von Wolf deutet dagegen entschieden auf einen Zusammen- hang des Tierkreislichtes mit' dem Sonnenkörper.— („Köln. Ztg.") Humoristisches. — I e n a ch d e m. T h e a t e r d i e n e r(im Gespräch mit dem Diener eines berühmten Dramatikers):„Und lvie weit ist Ihr Herr mit seinem neuen Stück/ Friedrich?" Friedrich:„Zwei Akte sind fertig." T h e a t e r d i c n c r:„So! Was wird es denn?" Friedrich:„Das kommt noch darauf au! Bleibt die gnädige Frau zu Hanse, dann wird's ivohl ein S ch a n sp i e l, reist sie bald ins Bad. dann Ivird's ein L u st s p i c l; kommt aber, was Gott verhüten möge, die Schwiegermutter auf Besuch, dann wird es sicher ein Trauerspiel!"— — Praktisch. Freundin: Ihr Mann ist wohl den ganzen Tag zugegen, wenn Sie malen?" Malerin:„Natürlich; sobald ich'» Stück von meinem Still- leben fertig habe, ißt er's auf!"— — Passende Bezeichnung. Lehrerin:„Wie können wir für Standesaint noch sagen?" Thekla:„ N e r b a n d st a t i o n!"— („Meggend. Hnm. 931,") Notizen. —„Wilhelm R a a b e" betitelt sich Heft 10 der„Modernen Essays zur Kunst und Litteratur"(Herausgeber: Dr. Hans Lands- berg). Die mit einem Porträt Wilhelm Raabcs ausgestattete Broschüre ist von Wilhelm Jensen geschrieben.— — Ein Federflinker hat den G u m b i n n e r M o r d p r o z e ß zu einem V o l k S st ii ck verarbeitet; das Ding soll nächstens in R o st o ck zur Aufführung gelangen.— — Max Brauns Schauspiel„ P n p p e n g r ä f i n". das Dienstag am Deutschen Volkstheatcr in Wien aufgeführt werden sollte, wurde nach der Generalprobe am Vormittag ab- gesetzt, weil die Theatcrleitung das Stück für„zu gewagt" hielt.— — Da? Wiener Burgtheater wird als erste Novität der neuen Saison Marie dclle Grazias Schauspiel„Der Schatten" bringen. Auch Björns ons„Lavorcmus" ist zur Aufführung erworben worden.— — Aus dem Schaufenster einer Kunsthandlnng in Hannover Ivnrde Franz Stasscns Bildercyklus, welcher unter dem Titel „G ö t t c r" in dem Sammelwerke„Teuerd a n k" bei Fischer n. Franke, Berlin, erschienen ist, durch die Polizei konfisziert. Die Originalzeichnnngcu zu diesem Cyklus waren im Frühjahr im Hause des Vereins Berliner Künstler ausgestellt.— — Ein internationaler Archäologe nkongreß wird im April 1903 in Athen abgehalten werde». Der Kongreß soll fünfzehn Tage dauern, wovon fünf Tage den Verhandlungen, zehn Tage archäologischen Ausflügen gewidmet werden sollen.— — Eine A n S st e l l u n g für Landkarten. Völker- k n n de n ud-Schiffahrt wird im nächsten Jahre in An.t» Werpe» von der dortigen Geographischen Gesell- s ch a f t anläßlich ihres Löjährigen Stifmmzsfestes veranstaltet werden; die Eröffnung der Ansstellinlg. soll im Mgi stattfinden.— — Ein Preisausschreiben des Vereins zur Beförderung des Gcwerbefleißcs wünscht die ll n t e r s u ch u n g von Ex- p I o s i o n e n n n d Z e r s e tz n n g e n, die b e i A c e t y l e n ohne nachweisbare äußere Eiiiivirliuig auftreten. Die Ursachen davon sollen durch Versuche festgestellt werden, insbesondere inwieweit die Gegenwart von Verbindinigcn des Phosphors, des Schwefels, des Siliciums und des Stickstoffs in den Karbiden und im Acethlengas und namentlich die Bildung von Mctallacethlcn dabei mitwirkt. Lösungen müssen bis 15. November 1903 eingeliefert werden. Als Preis für die beste Arbeit sind 3000 M. und eine silberne Denkmünze ausgesetzt.— — S tadtschnlkinder u n d die Natur. Eine interessante Ilmfrage hat ein Hamburger Lehrer kürzlich bei seinen Stadt- schulkindern gehalten und dabei folgende merkwürdigen Entdeckungeu gemacht. Von 120 zehn- bis sechzehnjährigen Kindern hatten 49 nie pflügen gesehen, 53 niemals eine Schasherdc erblickt. 70 nie ein Veilchen in der Natur gesehen, 90 nie eine Nachtigall gehört, 89 keinen Soiincnaiifgang, 33 keinen Sonnennntergang beobachtet. Der Lehrer kommt'daher zu dem Schlüsse': Die Schul- linder kennen Theater und Konzert, Ausstellung und Museen, Bazare und Warenhäuser. kurzum die Dinge der Kultur und lleberkiiltiir, aber die Grundlage aller Kultur, die Anschauungen von den Dingen, von deiki Leben in der Natur sind ihnen fremd. Eine Kochalisstellung haben sie gesehen, aber fragt sie einmal, wie das allergewöhnlichste unsrer Nahrungsmittel, das Brot, einsteht: Wer von ihnen könnte ein klares, ans Anschaunng begründetes Bild geben? Eine Raiibtierfütterung ist ihnen ein Hochgenuß, aber laßt sie einmal erzählen, wie eine Schwalbe sich die Nahrung sucht, wie ein Spätzlein trinkt, und sie werden euch mit großen fragenden Augen ansehen. Für hunderte und aber- hunderte der gewöhnlichsten Dinge und Vorgänge haben sie nur Worte, aber keine Anschaunng, also auch keiiicn rechten Begriff.— Druck und Verlag von ivtnx Bading in Berlin.