Unterhallungsblatl des vorwärts Nr. 173. Donnerstag, den 5. September. 1901 (Nachdruck verboten.» iioi! A-vbeik. Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Aber vor allem hatte Lucas den Triumph der erlösenden, schaffenden und ordnenden Arbeit erleben dürfen. Vom ersten Tage ab war sein Ziel das Verschwinden, der Tod des um gerechten Lohnsklaventums gewesen, der Quelle des Elends und der Leiden, der verrotteten Unterlage des alten socialen Baues, der in allen Fugen krachte. Und an dessen Stelle wollte er das andre setzen, die Neuordnung der Arbeit, die die gerechte Verteilung der Güter im Gefolge haben sollte. Aber welchen langen Weg hatte er zurücklegen müssen, ehe der hochfliegende Wunsch zur Wirklichkeit ward, ehe diese von ihm gegründete glückliche Stadt erstand! Auch hier hatte die Reform an Fouriers Gedanken angeknüpft: A"ociation der Arbeiter, wechselnde, kurz dauernde, angenehme Verrichtung, natürlich sich bildende Gruppen, die sich voneinander sonderten, um sich zu vereinigen, die sich in einem unablässigen Spiel freier Kräfte gegenseitig durchdrangen, welches das Leben selber ist. Die ganze anarchistische Kommune liegt als Embryo in Fourier, denn er, der die gewalt- same Revolution verwarf, der damit begann, die Räder der vorhandenen Gesellschaft zu benutzen, hatte kein andres Ziel, kein andres Ideal, als die Zerstörung dieser Gesellschaft. Lange Zeit hatte also in den Werkstätten der Crecherie der Lohnarbeiter noch leiden und dulden müssen, während er die Uebergangsstadien der Association durchmachte, die Teilung der Gewinne, den vorbestimmten kleinen Anteil am gemein- samen Ertrag. Dann hatte er allmählich den Zustand erreicht, der auch die Kollektiviften befriedigte, als ihre Theorie durch ein geregeltes System von Arbeitsgutscheinen in die Wirklichkeit übersetzt worden war. Allein dies war immer nur noch ein verwässertes, verkleidetes Lohnarbeitertum, das unter dieser Maske beharrlich weiterlebte. Und erst die anarchistische Kommune hatte es in einem letzten Schritt vorwärts ganz zerstört, als das Reich der vollkommenen Freiheit und Gerechtigkeit, der allgemeinen Eintracht und Liebe endlich errichtet war. Keinerlei Autorität bestand mehr, die neue Gesellschaftsordnung gründete sich einzig auf die Arbeit, die allen zur Notwendigkeit, die zum Gesetz und zum Kultus geworden war. Sie wurde in einer unendlichen Zahl von Gruppen ausgeübt, die von den alten Gruppen der Bau- Handwerker, der Bekleidungsindustrie. der Metallindustrie, der Fabrikarbeiter einerseits, der Bodenbebauer andrer- feits ausgegangen waren, die sich aber unaufhörlich teilten, vermehrten, neuordneten und einander durchwirkten, so daß sie sich allen individuellen Wünschen und allen Bedürfnissen der Allgemeinheit anpatzten. Keinerlei Hemmnis schränkte die Entfaltung des Einzelnen ein, jeder Bürger vervollkommnete sich nach seinem Gefallen in seiner pflichtgemäßen Arbeit, schloß sich so vielen Gruppen an als er wollte, ging von der Bebauung der Erde zur Fabrikarbcit über, widmete seine Stunden der Beschäftigung, zu der ihn seine Fähigkeit und sein Geschniack hinzog. Es gab keinen Klassenkampf mehr, da eS nur noch eine einzige Klasse gab, ein einziges Volk von Arbeitern, die alle gleich reich und gleich glücklich waren, die denselben Unterricht und dieselbe Erziehung ge- nassen hatten, die sich in ihrer Kleidung, in ihrer Häuslich- lichkeit, in ihren Lebensgewohnhciten durch nichts von einander unterschieden. Und die Arbeit war ihre Königin, ihr Führer, ihr einziger Herr und einziger Gott; denn sie hatte die Menschheit erlöst, als sie nahe daran war, an der Lüge, an der Ungerechtigkeit zu sterben, und hatte sie der Lebenskraft und der Lebensfreude, der Liebe und der Schönheit wieder- gegeben. Wie innig freute sich Lucas, wenn der Morgenwind ihm das Lachen und Singen zutrug, deren frohe Töne ohne Unter- laß seiner Stadt entstiegen! Wie angenehm war jetzt die Arbeit, wie leicht und köstlich I Sie dauerte bloß einige Stunden tätlich und bestand nur noch in der Ueberwachung der mächtigen, wunderbar konstruierten Maschinen, die Hände und Füße hatten wie einst die Arbeitssklaven. Sie versetzten Berge, und sie formten die kleinsten Gegenstände mit un- endlicher Sorgfalt. Sie bewegten sich dahin und dorthin, dem kleinsten Wink gehorchend, gleich vernunftbegabten Wesen, die aber weder Ermüdung noch Schmerzen kannten. Dank ihnen hatte der Mensch die Natur besiegt, sie zu seinem Nutz- objekt, seinem Paradies gemacht. Und mit welchen Reich- tümern überhäuften sie ihn, mit immer wachsendem Ueber- fluß von Blumen und Bodenfrüchten, mit immer größerem Luxus an Gebrauchs- und Kunstgegenständen, so daß jeder Arbeiter viel mehr als er bedurfte von allen Gütern der Welt zur Verfügung hatte, und wie ein Fürst von seiner leichten, wenige Stunden währenden Arbeit lebte— er, den einst der Hunger gewürgt hatte, nachdem er in zehnstündiger entsetzlicher Mühsal an seine Galeere geschmiedet gewesen war! Und welch' wunderbaren Aufschwung hatte diese ver- ringerte, leicht gewordene Arbeit den Wissenschaften, den Künsten verliehen, indem sie das Gebiet der geistigen Thätig- keit allen öffnete, indem sie so viele Stunden von niedrigen, groben Verrichtungen befreite! In den Laboratorien, die jedermann für Experimente offen standen, verging fast keine Woche, ohne daß eine wertvolle Entdeckung gemacht worden wäre. Das geistige Niveau des ganzen Volkes hob sich mächtig, seitdem jeder Einzelne zur Erkennung und Feststellung der Wahrheit angeleitet wurde; die hohen Intelligenzen hörten auf. die Ausnahme zu sein, und die schöpferischen Genies erwuchsen in Menge. Schon hatte die Chemie die Ernährungsart umgestaltet. Die Erde hätte weder Getreide, noch Oliven, noch Wein- trauben hervorbringen brauchen, die Laboratorien hätten doch genug Brot, Oel und Wein herstellen können, um die ganze Stadt damit zu versorgen. In der Physik und besonders auf dem Gebiete der Elektricität fuhren die Erfindungen fort, die Grenzen des Möglichen hinauszuschieben, verliehen den Menschen die Allmacht von Göttern, die alles wissen, alles sehen, alles können. Und ebenso reich entwickelten sich die Künste, die Schönheit war ins Unendliche vermehrt und erweitert, war ein unermeßlicher Blumengarten geworden, in welchem sich alle Menschen blühenden Schmuck und herrliche Düfte holen konnten. Es gab keinen noch so einfachen Gegenstand, kein Stück des Hausrats oder des gewöhnlichen Gebrauches, das die Kunst nicht iu anmutigen Linien und erquickenden Farben hergestellt hätte. Lange hatte mit seinen Fayencen, seinen glasierten Ziegeln und polychromen Friesen als erster das tägliche Leben der Menge verschönert, und nun erhoben sich Legionen von Künstlern, jeder Arbeiter wurde zum Mnstler, die Hervorbringungen eines jeden Handwerks waren durchlebt von ursprünglicher Schönheit, von der großen, einfachen Schönheit des bewußt von innen heraus geschaffenen, seiner Bestimnmng angeformten Werkes. Und nicht minder reich als die bildenden blühten die andren Künste auf, denn die Volksseele lebte in allen Seelen, alle Seiten des Lebens konnten sich frei entfalten, die Leidenschaften waren aller Fesseln entledigt, alle Liebe wurde gegeben und empfangen. Von dieser schrankenlosen Liebe durchdrungen und befeuert, wurde die Musik zum eigensten Ausdrucksmittel der Empfindungen des Volkes, die Musiker schufen für das Volk aus dem Volke geschöpfte herrliche Gesänge und Melodien, die mit reinem Wohlklang die Theater, die Werkstätten, die Häuser, die Straßen erfüllten. Die Architekten bauten für das Volk weite, prächtige Paläste, die nach seinem Vorbilde geschaffen waren, in ihrer Mächtigkeit und Majestät einheitlich und doch vielgestaltig wie die Menge, mit all den köstlichen Phantasielauuen der Tausende von Individualitäten, die sie umfaßte. Die Bildhauer bevölkerten mit lebenatmenden Bronze- und Marmorskulptnren die Gärten und Museen, die Maler schmückten mit Sceuen aus der täglichen Wirklich- keit die öffentlichen Gebäude, die Bahnhöfe, die Arbeits- hallen, die Bibliotheken, die Theater, die Räume der Wissen- schaft und der allgemeinen Belustigungen. Und vor allem gaben die Schriftsteller diesem unzählbaren Volke, der ganzen Nation, die ihren Leserkreis bildete, starke, machtvolle, große Werke, aus der Gesamtheit entstammt und für sie geschrieben. Das Genie, der höchste Ausdruck der geistigen Potenz einer Generation, verbreiterte sich in dem Maße, als die Generation durch Freiheit und Wahrheit immer mehr Geisteskräfte ge- wann. Nie hatte sich das Genie in solcher Herrlichkeit ent- wickelt. Nicht mehr wurde in Treibhaus atmosphäre die tropische Pflanze einer engbegrenzten, aristokratischen SUferahrt gezüchtet; ans dem freien gesunden Boden der ganzen Mensch- heit erblühten Poesien, in denen das Leben aller erhöhte»/ verschönten Ausdruck fand, die alle hatten mit ihrem Blute schaffen geholfen, und die wieder zy den Herzen aller drangen. Mit freudig heiterer Seele, ohne Sorge firr die Zukunft, sah Lucas seine Stadt immer noch wachsen, wie ein schönes, kraftvolles, ewig junges Wesen. Bon der Schlucht von Brias. zwischen den Hängen der Monis Bleuses hatte fie ihren Ausgang genommen und erstreckte sich nun imnrcr weiter i» die Ebene der Roumagne hinein. An schönen Tagen schimmerten ihre weißen Häuser durch die Bäume, ohne daß der geringste Rauch die Reinheit der Lust trübte: es gab keme Schornsteine mehr, die Elektricität hatte überall das Heizen mit Kohle oder Holz überflüssig gemacht. Der weite blaue Hinimel wölbte sich glatt und in makellosem, seidigem Glänze über der Stadt, die immer neu und in glänzender Frische dalag, von Winden durchweht, die kein Rußstäubchen mit sich führten. Und überall, in den Häusern, den öffent- lichcn Gebäuden, auf den Straßen und Plätzen rauschte das Wasser, das krystallklare Quellwasser, dessen Frische und Rein- heit die Menschen gesund und ftöhlich machte. Die Bevölkerung vermehrte sich immerzu, neue Häuser wurden gebaut, neue Gärten entstanden. Ein glückliches, freies, brüderliches Volk übt eine mächtige Anziehung aus, so daß alle nachbarlichen Völker widerstandslos zu ihm hingetragen werden. Die kleüien Städte der Umgebung. Saint-Cron, Formeries, Magnolles, hatten dem Beispiel Beauclairs folgen müssen, hatten sich allmählich gruppiert, aflociiert, und waren schließlich eine Erweiterung der Musterstadt geworden. Der Erfolg der auf einem kleinen Gebiete durchgestihrten Reform reichte hin, um Schritt für Schritt den Bezirk, die Provinz, das ganze Land zu gewinnen. Die verwirklichte allgemeine Wohlfahrt hat un- widerstehliche Kraft, nichts kann ihren Fortschritt aufhalten, wenn die Menschen sie erst erkannt haben und den Weg zu ihr offen sehen. Alle menschlichen Kämpfe sind nichts andres als ein Kampf ums Glück, die Sehnsucht danach bildet den Unter- grund jeder Religion, jeder Staatsforin. Der Egoismus ist die Bemühung des Einzelnen, so viel Glück als möglich an sich zu ziehen. Warum sollte nun nicht der Egoisnius des Einzelnen ihn dazu treiben, alle seine Mitmenschen als Brüder zu behandeln, sobald er überzeugt ist, daß das Glück eines jeden im Glück aller beruht? Wenn die Interessen früher so wütend gegeneinander ankämpften, so war es nur, weil die alte Gesellschaftsordnung sie verschiedenartig gestaltete, sie einander gegenüberstellte, und den Krieg zur Notwendigkeit, zum Lebensprincip der einzelnen Menschengruppcn machte. Aber sobald der entgegengesetzte Zustand verwirklicht ist, sobald die neugeordnete Arbeit die Güter gerecht verteilt und die befreiten, wohlthätig wirkenden Leidenschaften die Menschen zur Gemeinsamkeit und Eintracht führen, so ist so- fort der Frieden hergestellt, und das Glück aller erblüht aus der allgemeinen brüderlichen Liebe. Warum sollten die Menschen kämpfen, wenn ihre Interessen nicht mehr gegen- einander stehen? Wenn die Menschheit im Laufe der Jahr- hunderte die ungeheure Summe von Kraft. Blut und Thränen, die schwere Mühsal zahlloser Gcncrattonen, die sie aufgewendet hat, um sich selbst zu zerfleischen, darauf gerichtet hätte, die Welt zu erobern.� sich die Naturkräste zu unterwerfen, so wäre sie seit langem die unbestrittene, herrlich thronende Königin der Wesen und Dinge. An dem Tage, wo sie ihres tollen Wahnwitzes inne wurde, wo der Mensch aufhörte, ein reißender Wolf für den Menschen zu sein, wo alle sich im gc- mcinsamcn Wirken für das gemeinsame Glück vereinigten, wo sie auf die Bezwingung der Elemente die Körperanstrengung und die Geisteskräfte vertvendeten, die sie früher damit ver- geudet hatten, sich von Individuum zu Individuum, von Klasse zu Klasse, von Nation zu Natton zu ver- derben—. an dem Tage hatte die Menschheit den Weg zum Reich des Glückes angetreten. Es ist nicht wahr, daß ein Volk, dessen Bedürfnisse alle befriedigt wären, das nicht mehr den Kampf ums Dasein zu führen brauchte, all- mählich die Lebenskraft verlieren und in Schlafsucht und Stumpfsinn versinken würde. Die Sehnsucht, das Ideal wird immer grenzenlos bleiben, es wird immer noch Unbe- kanntes zu erobern geben. Aus jedem erfüllten Wunsch wird immer eine neue Begierde entstehen, und das Sweben, ihr zu genügen, wird die Menschen immer wieder befeuern und sie zu Helden der Wissenschaft und Kunst machen. lFortsetzmig folgt.) G? 3? 1 I 1 1 �' a"» S 1 S- � Q � WM») Gesrhvitevk. Bon Robert Hiller. ES ist sehr heih heute. Ich fitze wie au jedem der letzten Abende auf einer Bant im Tiergarten. ES ist fast immer dieselbe. Ich habe mich so an sie gewöhnt; fie ist mir ordentlich lieb ge- worden. Es kommt mir vor, als ob ich auf ihr ein andrer würde, viel glücklicher, freier, zufriedener, vor allem sorgenloser; in dem Augenblick, wo ich mich setze, da schwinden die schweren nnd finsteren Gedanken, djx mich sonst plagen; ich begüme zu träumen. Ich fragte mich schon in diesen Tagen ganz ernstlich, ob dies wohl immer so sein würde, ob etwa dieser Bank eine geheimnisvolle Kraft innewohnte, oder ob di«S bloß die Folge meines jetzigen ZustandcS sei, der mir neu ist, den ich noch nie Gelegenheit hatle zu be« obachten, denn ich hungere zum erstenmal. Wie das klingt, wenn mau so etwas ausspricht! Kann sich ein Mensch mehr anklagen oder sich ein schlechteres Zeugnis ausstellen, als mit diesen Worten? Wer braucht zu hungern heutzutage? Ein Faulenzer, ein bodenlos Leichtsnmigcr, ein Taugenichts, kurz ein unmoralischer, ein schlechter Mensch; denn wer arbeiten will und Lebensernst hat— Hahahahaha I Daß ich noch so viel Kraft habe zum Lachen, das hätte ich nicht gedacht; es sist doch nicht so schlimm mit mir. Diese Betrachtungen will ich aber lieber abbrechen, denn da könnte ich leicht ungcreckt werden. Das hebe ich mir auf bis auf später, bis ich auch die Bank untersuchen werde auf ihre geheimnisvollen Kräfte hin, die heute merkwürdigerweise nicht ganz wie sonst stmktioniere», bis ich ruhiger und leideiischastsloser sein«verde, bis eS mir besser geht. Eigentlich thue ich unrecht, wenn ich sage, ich sei nicht leidenschaftslos, sonderbarerweise bin ich es ganz und gar. Nur in Ruhe lassen mutz mau mich, nur nicht Vorwürfe machen darf man mir, ich sei schuld an meiner Lage oder dergleichen. Wie nlir vorhin die Gedanken kamen, das reizt mich ungeheuer I Im übrigen wundere ich mich aber selbst, ihnen, meine Herrschafteu, die sie noch nicht gehungert haben, sagen zu können, daß das Hinigcrir in Wirklichkeit eigentlich gar nicht so schlinun sei, wie man es sich sonst vor vollen Schüsseln vorstellen mag. Vielleicht ist cS nicht an- gebracht, dies heute schon zu sagen, vielleicht denke ich morgen schon anders, denn heute ist erst der vierte Tag, daß ich nichts gegessen, vielleicht ist es auch die Hoffnung, daß dies nur«in vorübergehender Zustand sei. daß es mir endlich doch besser gehen müsse. Denn das hoffe ich zuversichtlich, daß dies der Fall sein lvirdp ich meine nicht bloß, daß ich nicht mehr wieder zu hungern brauche, sondern daß sich meine Berhältnisse ganz und gar ändern, und daher kommt eS vielleicht, daß ich so gelassen darüber denke. Aber wer hätte sich nicht schon mit den größten Hoffnungen getragen in cineni lünst- lcrischen Berufe? Und bei wie wenigen hat sich auch nur der hundertste Teil davon erfüllt! Aber bei mir ist es doch etwas anderes, ich habe doch die Berechtigung, das Höchste zu hoffen, denn... Oh ich merke, die Bank fängt an zu wirken, wir fliegen ins glückliche Reich der Lnftichlöffcr l' Nur zu I Nur bin ich heute so schwer und verniag nicht zu folgen. Ich erinnere mich eben an einen Bekaimteii, der Mediziner ist und die häßliche Gcivohnheit hat. mit dem Seeiermeffer dem Ursprung der Gedanken und Stimmungen nachzuforslbcn, um eventuell die glücklichsten Einfälle' auf ein gutes Mittageffen zurückzuführen. Der würde nun meine Illusion betreffs der Bank folgendermaßen zerstören: Wenn Du gehst, lieber Freund, fällt dies deinen aus- gchungertcn Gliedern schwer, da wirst Du verdrießlich, nnd da kommen Dir die finsterni Gedanken; wenn Du Dich aber nach dieser Anstrengung setzest, da befreist Du dein Gehirn von dieser nnaagenehmen Empfindung und es treibt aus Freude Schabernack mit Dir. Er lvürde sich nur ein bißchen gelehrter ausdrücken. Ob ich ihm wohl sage, wie es mir jetzt geht, ihn um Hilfe bitte? Es ist ja bloß für kurze Zeit und er ist nicht uiivcnnögend. Was er da für Augen machen würde I Ich kann nnr lebhaft sein verlegenes Gesicht vorstellen, die ungeschickten Gesten, die planlosen Bewegungen seiner Hände, von denen sich die rechte in voller Hilflosigleit in die Hosentasche verlieren würde,«m lange nach dem Portemonnaie zu suchen, es unter abgerissenen Sätzen wie»sehr gerne, wirklich sehr gerne, bin nur momentan selbst etivas knapp, hatte in der letzten Zeit so viele Auslagen, aber sonst sehr gerne" usw. herauszuziehen und mir schließlich etivas anzubieten. Und die Stimmung dieser Situation I O nein, das wäre schlimmer als das bißchen Hungern. DaS geht ja doch vorüber, so oder so. Das Echliinmste wäre verhungern, aber davon bin ich doch»och sehr weit entfernt; das Häßliche, Widerliche dieser Situation aber würde mir inein Leben lang anhaften, die Erinnerung daran würde mich stets ausS tiefste verstimmen. Und er ist nicht der schlechteste meiner Belannten. Ich kenne einige, die sich nicht so gut aus der Affaire ziehen würden. Aber ich denke gar nicht daran, sie in eine derartige Verlegenheit zu bringen._ Ob cö Leichtsinn ist, der mich so denken läßt? Ich sitze hier in der größten Not. aller Mittel bar. seit drei Tagen hungernd nnd thue eigentlich nichts, diesem Zustand ein Ende zu machen. Aber was sollte ich thnu? Soll ich betteln? Das will ich nicht. Und arl>eitc ich nicht? Arbeitete ick nicht die ganze Zeit hindurch? Kann ich dafür, daß mir meine Arbeit so wenig oder nichts trägt? Daß man fie noch nicht für reif geimg hält, um mir auch mir das Notdürftigste einzubringen?„So ist'S halt einmal mit der Kunst, sagen sie, von denen ich mit meinen Leistungen adhänge. Es ist schwer emporzukommen, ober ist man erst eininal oben, dann 1" Ja dann! Und ich warte und arbeite weiter. Nur wenn mich manchmal die Verzweiflung parkt über so viel Mißglücktes, über so viel unnütz verbrauchte Zeit, über so viel zerschmetterte Hoffnungen, da nehme ich mir vor, einem Beruf den Rücken zu kehren, i» dem ich etwas zu leisten nicht im stände zu sein scheine. Aber reuig komme ich von meinem Vorhaben ab. Ich sollte das aufgeben, auf daS ich die besten Jahre meines Lebens verwendet, mir dem ich aufs innigste verwachsen bin, in dem ich trotz aller Enttäuschungen ettvas erreichen werde, erreichen muß? Wie dielen, die nicht an meine Begabung heranreichen, ist es geglückt? Warum sollte es mir nicht glücken? Ich mußte mir alles in der Welt schwer erringen, ich bin eben kein Sonntagskind, aber schließlich wird doch noch alles gut; ich weiß es. Es ist dunkel geworden; ich werde mich auf den Heimweg machen. Ich habe ja noch eine Wohnung, ich bin doch noch nicht so übel dran wie viele andre. Wenn ich mich schon einige Zeit die Miete nicht bezahlen konnte, blieben die Leute, so arm sie find, doch zuvorkommend und freundlich. Sie vertrauen mir, aber es ist mir doch nicht migenehm, ihnen zu begegnen. Hoffentlich schlafen sie schon.— Ich hätte nicht geglaubt, daß ich so gut schlafen würde. Die vorige Nacht hatte ich kaum zwei Stunden die Augen geschlossen. Aber die Erfrischung, die ich heute morgen von diesem Schlaf für inein Arbeiten erhoffte, blieb aus— ich war nach einer Stunde der Anstrengung nickt mehr imstande, länger auszuhalten, so brumnite mir der Hinter- topf und schmerzten meine Augen. So fitz ich denn schon seit 11 Uhr vormittags auf meiner Bank, den langen Tag vor mir. Auch der Weg hierher ist mir schwer geivorden: ich ging wie ein Betrunkener. Das macht mich unruhig, ich fühle, daß etwas geschehen muß, sonst bin ich überhaupt unfähig, mich aus eigner Kraft ans diesem Zustand herauszureißen. Aber was soll geschehen? Hab ich nicht bereits alles gethan, bin ich nicht tagelang henimgerannt und gerade mit meinen letzten Sachen überall abgewiesen ivorden? Und meine neueste Arbeit ist noch nicht vollendet I Soll ich körperlich arbeiten? Dazu bin ich jetzt zu schwach. das hätte ich früher müsse». Und wo sollte ich das? Würde man mich nicht aus- lachen, wenn ich mit meinem guten schwarzen Anzug, dein einzigen, den ich habe, den gelben Stiefeln und meiner der körperlichen Än- strengung ungewohnte», schlvachen Gestalt mich zur Arbeit melden würde? Es werde, ivie es wolle. Ich habe alles gethan, um nicht so weit herunterzukommen. Nun bin ich aber ins Unglück gekommen, nicht durch mein Verschulden. Der prachtvolle Tag heute! Es siegt etwas ungemein Weiches in der Luft; das Grün der Blätter erscheint mir viel sanstcr und lieblicher, ich versenke meine Blicke in die dichten Baumkronen und atme tief die ivürzige Luft ein. Ich habe selten die Natur mit einer solchen andachtsvollen Lust genossen. Ja, es ist schön, zu leben und ich bin glücklich, daß ich lebe. Von Hunger keine Spur: ein leiser Druck oder Schmerz in der Magengegcnd und ein anhaltendes Dnrstgcfübl. Auch der Kopfschmerz hat zienilick nachgelassen. Eine Webiiiiitnj wohlige Stimmung hat sich meiner bemächtigt, die mir vielleicht meine Umgebung ebenso erscheinen läßt, oder die umgekehrt die Wirkung dieses wunderbaren, weichen Naturzanbers ist. Es sind jetzt»och wenig Menschen im Tiergarten, meist Kindermächen mit Kindern. Zwei Knabe» fragten mich, wie spät es sei. Ich hörte kurz vorher die Uhr eins schlagen und sagte es ihnen. Dabei erschrak ich über die völlige Klanglosigkcit meiner Stimme. Ich mußte zweimal ansetzen, um mich verständlich zn machen. Ich versuchte auch meine Arme, die von der einseitigen Haltung steif geworden, in die Höhe zu strecken, aber es ging nur mit der größten Anstrengung. ES ist doch ctwaS Entsetzliches, den Körper so verfallen zu sehen. Mit der geistigen Frische allein ist es doch nicht gethan, und bei vollem Verstand nach und nach die Fähigkeit zn verlieren, seine Glied- maßen zu gebrauchen, das ist furchtbar. Ich fühle, das Sichbeschäftigen mit diesen Gedanken wäre im stände, mich verrückt zu machen. Ein Angstgefühl packt mich und ich habe das Bedürfnis, nm Hilfe zu rufen.— Aver das wäre ja lächerlich; warum auch? Wer thut mir ivas? Ist es nicht Heller Tag und bin ich nickt mitten unter Menschen? Und sollte ich hier vor ihren Augen wirklich verkomme»? Wäre das möglich? Fröhlich gehen sie an mir vorüber, als sei ich in eben der vergnügten Stimmung wie sie, und der junge Mann, der zu seiner laut auflachenden Begleiterin soeben eine Bemerkung über mein.duseliges' Geficht machte, ahnt nicht, welche Brutalität er in diesem Moment begangen. Und diese Menschen soll ich um Hilfe annifen, deren Mitgefühl fiir andre so weit reicht, als eS ihren: Dünkel schmeichelt oder ihre Laune nicht stört! Diese Menschen, die sich wahrscheinlich höchlichst darüber entrüsten Ivürdcn, daß ein so verkomnienes Individuum, das es bis zum Hungern gebracht hat, einen Ort anffucht, der zu ihrem Vergnügen da ist; der gehört ins Arbeits- oder Armenhaus und nicht unter anständige Leute. Nun, das war übertrieben. Ich konstatiere, daß zu den Symptomen des Hungerns«in auftretender Pessimismus gehört. Das heißt, man muß da die verschiedcnen Kategorien des Hungerns berück- fichtigeu. Denn es wird Ivohl ein großer Unterschied sein zlvischcn dem zwangsweisen Hungern und dem künstlerischen Hungern; ich meine, dem Hungern als Kunst betrieben, oder z. B. dem beabsichtigten Hungern, um durch dessen Drohung irgend etwas zn erlange»: die sogenannten Hungerrevolten, Ivie sie in russischen Ge- fängnissen nicht selten sind. Diese Arten freiwilligen Hmigerns haben bestimmte Zwecke und machen es dadurch erträglich, vielleicht sogar zu einer Tugend oder großen That, aber hungern müssen— aus Mangel I O Mutter, als ich vor siebe» Jahren mit den kühnsten Hoff- nnugen und voll ernstem Streben von Hause wegzog, um zu werden, was ich mir und Ihr Euch alle von nur verspracht, hättest Du da- mals geahnt, was Deinem Kinde an Euitäuschuugen und Eni- behruiigcn bevorsteht. Du lebtest heute nicht mehr, wie der Vater. Dein weiches Herz hätte das nicht ertragen und helfen hättest Du mir nicht gekonnt. Nun, Du weißt eben nichts von alledem und sollst es auch nie erfahren; Du hoffst noch inimer; und ich sitze hier. unfähig etwas zu thun, und draußen harren sie, die so viel von mir erwarten, die so an mir hängen, die alles fiir mich gethan; und ich soll hier elend verkommen, verhungern, ihnen für immer ihr Leben vergiften mit diesem Schlag, der sie auf das fürchterlichste treffen Ivird. Nein, nein, das darf nicht sein, es muh etwas geschehen.—> Wie sonderbar! Es ist vielleicht eine Stunde vergangen, seit- dem ich den Bleistift lveggelegt. Ich sitze immer noch hier auf der- selben Baick und in demselben Zustande wie vorhin und doch ist mir ein großes Glück widerfahren oder, was dasselbe ist. es ist ein großes Unglück von mir gewendet worden. Ich weiß nicht, welchem Zufall oder welcher plötzliche» intensiven Jdeenverbindung ich es zu danken habe, daß ich nicht das bin, was ich vor einer Stunde um ein Haar geworden wäre: ein Zuchthauskandidat. Als sich mir vor- hin die Gedanken verwirrend im Kopf herumwälzten, und ich voll Verzweiflung mir sagen mußte, daß es ein paar elende Geldstücke seien, die mich vom Hungertode retten und meine Angehörigen da» durch vor einem furchtbaren Schicksalsschlag bewahrt bleiben könnten, ein paar elende Geldstücke, wie sie wohi die Dame da an der Seite des Offiziers in ihrer Geldtasche hatte, die sie in der Hand trug, die sie vielleicht heute noch verschleuderte mid die eine ganze Familie, meine Fauiilie, vor dem Untergang retten könnten, die ich wahr- scheinlich tausendmal mehr verdiente, als sie und ihr Begleiter, die mir beide so unsympathisch und abstoßend vorkamen, da packte mich eine entsetzliche Wut, ich richtete mich auf, um ihr die Börse zu entreißen. Ich wiederhole, ich weiß nicht, was mich zurückhielt, Straßenräuber zu werde». Ich bezweifle, daß es mein Ehrgefühl gewesen ist. Dieser Zwischenfall hat sehr heilsame Folgen für mich, er läßt mich einen neuen Plan und mit diesem neuen Lebensmut fassen. Ich sehe ein, daß ich niit dem, wie ich mich jetzt zu meiner Lage stelle, nichts ändere oder bessere. Meine körperlichen Kräfte und meine geistige Schaffenskraft nehmen zusehends ob. Morgen ist es lvahr» scheinlich schlimmer als heute, ich werde noch weniger oder garnichts arbeiten können. Die Hilfe fremder Menschen will ich unter keinen Be- dingungen in Anspruch nehmen und dadurch, daß ich täglich im Tier- garten als philosophierender Hungernder oder hungernder Philosoph sitze, wird es nicht besser. Ich muß die Sache anders und euer» gischer anpacke». Ich fühle, wie mir der neue Plan neuen Mut giebt, meine Kräfte scheinen zuzunehmen. Ich wage dassLetzte. Warum ist es mir auch nicht früher eingefallen? Ich hatte nur früher immer von meinen Wirtslcuteu zum Frühstück einen halben Liter Milch und zwei kleine weiße Brote besorgen lassen, die ich stets am Ende des Monats bezahlte. Bor mehreren Wochen hatte ich mit dieser Ge- pflogenheit gebrochen, aber jetzt kann ich sie ja wieder aufnehmen. Das ist unauffällig, und die Leute werden gewiß auch keinen Anstoß daran nehme», daß ich ihnen seit einigen Tagen die Miete, die sie sonst immer bekamen, schuldig hin. Mein ganzer Körper zittert vor Aufregimg bei dem Gedanken und mein trockener Gaumen und meine heiße Zunge werden feucht. Ich schließe die Augen und ziehe mit offenem Munde Luft ein, als wäre es die kostbare Flüssigkeit. Ich bin nicht im stände, noch länger sitzen zu bleiben, ick muß nach Hause, um den ersten Schritt zu thun zu meinem iicucn Plan. Ja. das kann mich retten. Es ist nicht viel, aber ich gewinne Zeit, und wenn ich auch höchst ungenügend damit ernährt bin. so bin ich doch vor dem Hnngertode geschützt und kami auch meine Arbeit weiterführen. Und in einer Woche vielleicht Hab' ich sie vollendet und dann ist alles gut. O welches Glück, daß ich auf den Gedanken kam! Ja! es wird gehen, nur Mut, nur Diut l-- (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. ce. Ncber den Menschenaffen von Java macht Professor Ernst Haeckel in der September- Nummer der„Deutschen Rundschau" verschiedene Mitteilungen, denen wir folgendes ent- nehmen: Das interessante Exenipiar eines Menschenaffen war ein junger Gibbon, den Haeckel in Buitenzorg auf Java mehrere Monate hindurch lebend in seiner Wohnung beobachten konnte,.Ich erhielt denselben von dem Sohn meines verstorbene» Freundes Wilhelm Prcyer als Geschenk," schreibt der berühmte Gelehrte.„Die Art der Gattung Gibbon, zn der mein kleiner Freund und Primaten-Vetter gehörte, findet sich ausschließlich auf Java und führt den wissen- schaftliche» Namen Hylobales leuciseus." In der Naturgeschichte wird er als„Moloch" oder„aschgrauer Gibbon" ausgeführt. Die Eingeborenen nennen ihn„Oa" nach den charalte» riftischen Lauten, die er gewöhnlich mehrmals hintereinander ausstößt. Das kleine Tier ist in aufrechter Stellung kaum 1 Meter hoch und hat im ganzen die Statur eine? zarten sechsjährigen Kindes, jedoch ist der Kopf im Verhältnis viel kleiner, die Taille schlanker, die Beine sind kürzer, die Arme viel länger, Die Gesichtsbildung des Oa ist viel menschenähnlicher als die des Orang, Mich erinnerte seine Physiognomie an einen bankrotten, von schweren Sorgen geplagten Bankdirekior, der init gerunzelter Stirn über die Folgen des großen Krachs nachdenkt. Sehr ans- fallend war das Mißtrauen, daß unser Oa gegenüber allen Weißen Europäern behielt; sowohl Prof. Treub als mich betrachtete er stets mit Argwohn, dagegen schloß er bald intime Freundschaft niit den braunen Malayen unsrcs Hauses und besonders mit den kleinen Kindern. Ganz besonders liebte er einen kleinen häßlichen sechsjährigen Jungen, den wir wegen seines dicken Kopses und seines breiten Mundes scherzweise Frosch oder Rana nannten. Die beide» Freunde konnten stundenlang zusammen ans dem Nasen sitzen und sich eng umfaßt halten. Oa schlug seinen langen Arm um den Hals des Rana, während dieser den Leib des Affen umarmte. Auf der Erde ging Oa stets aufrecht auf den Hinterbeinen, während die Arme, seitlich horizontal ausgestreckt, als Balancier- gelvicht benutzt wurden. Niemals berührte er bei seinem behenden Lauf den Boden mit den Händen, wie der Orang und der Schimpanse, niemals kroch er auf allen Vieren. Mit besonderem Behagen streckte sich Oa, wenn er sich müde geturnt hatte, auf dem Rasen aus und ließ sich die Tropensonne auf den Leib scheinen. Dabei legte er gewöhnlich einen Arm unter den Kopf und nahm genau dieselbe Lage an, wie ein müder Wanderer, der sich unter dem Schatten des Baumes auf den Rücken legt. In großen Zorn geriet er, ivenn ich ihm besondere Leckerbissen hinhielt, ohne daß er sie ergreifen konnte; er schrie dann wie ein unartiges Kind so lange, bis ich ihm das Gewünschte gab. Die Laute, die er in solchen Affelten des Zornes und Aergers von sich gab. bestanden in einem gellende» oft wiederholte» „Huih— Huih— Hnih"; sie ivaren ganz verschieden von dein gewöhnlichen„Oa— Oa— Oa". das er in verschiedener Betonung zum Ausdruck verschiedener Gemütsbewegungen verwendete. Einen dritten Laut, einen gellenden Schrei, stieß er ans, wenn er plötzlich in Schrecken versetzt wurde, so einmal als ich Miene machte, ihn in einen Bach zu iverfen. Die Sprache der Menschenaffen ist zwar nicht reich an verschiedenen Lauten, diese werden aber so ansdrncks- voll moduliert, so verschieden in Bezug auf Tonhöhe, Stärke und Fall der Silbenwiederholungen angeivcndet, dazu noch durch mannig- faltige Gesten, Handbcwegungen und Mienenspiel so sinnfällig erläutert, daß der länger' mit ihnen vertraute Beobachter daraus ganz bestimmte Schlüsse auf Wünsche und Empfindungen ziehen kann. So gebrauchte niein sanfter Hausgenosse seinen gewöhnlichen Laut„Oa"'so verschieden, daß ich eine ganze Anzahl verschiedener Vorstellungen und Gemütsstimmungen daraus erraten konnte. Wenn er sich besonders wohl fühlte, klang das erste Oa fast wie das behagliche Schnurren einer Katze; ivenn er zum Vergnüge» turnte, hatte das helle Oa einen jauchzenden Klang; ivenn er nach Futter verlangte, klang es fordernd; wenn er fremde Besucher sah. miß- trauisch fragend. Ja, er hielt sogar i» stillen Stunden, auf seiner Kiste sitzend, mit leiser Stimme Selbstgespräche, indem er von Zeit zu Zeit bald nur einmal, bald langsam zivei- oder dreimal hinter einander ein seufzendes Oa ertönen ließ. Außer Milch und Kakao trank er auch gern süßen Wein«nd war dann ebenso angeheitert, wie es seit Noahs Beispiel bei uns Menschenkindern der Fall ist. Becher und Tassen umfaßte er geschickt mit beide» Händen und trank daraus wie ein Kind. Pisang und Orangen schälte er genau so. wie wir es gewohnt sind; ivährend er die Fnicht mit der linken Hand festhielt, entfernte er mit der rechten geschickt die Schale und biß ein Stück nach dem andern ab.— Völkerkunde. — Die Ceremonie des Feuerganges ist ein poly- n e s i s ch e s Magierstückchen, das auch von Europäern vielfach als ein Mirakel angestaunt worden ist. Der amerikanische Physiker S. P. Langt e y hat nun in einer Zuschrift an die„Natnre" die wahre Beschaffenheit dieses Kunststücks aufgedeckt. Die„Voss. Ztg." berichtet hierüber: Bei einem Besuche auf Tahiti hörte Langley, daß ein Priester, Papa- Jta, dort im Jahre 1397 den Feuergang ausgeführt habe. Zu dem Zwecke sei eine Grube gegraben ivorden, in der man Steine bis zur Slot- glut erhitzt habe. Dann sei Papa- Jta mit nackten Füßen darüber hingegangen, und auch andre, sowohl Eingeborene wie Europäer, hätte» ohne Schaden seinem Beispiel folgen könne», wenn sie nur genau nach seinen Weisungen handelten; wenn sich aber zum Beispiel jemand umgesehen hätte, ehe er am andern Ende an- gekommen wäre, so würde er sich sofort verbrannt haben. Das glaubten nicht nur Eingeborene, sondern auch Europäer, die die Ceremonie mit angesehen hatten. Am 17. Juli dieses Jahres hat nun Papa-Jta in Gegenivart LaNgleys den Fenergang von neuem ausgeführt. Langley nennt diesen Mann den schönsten Eingeborenen, den er gesehen habe; er ist groß und schlank, hat ein würdevolles Benehmen und ungewöhnlich intelligente Gesichtszüge. Für die Cercnionie wurde ein Graben von 21 Fuß Länge, 9 Fuß Breite und 2 Fuß Tiefe gegraben. Darin wurde ein starkes Holzfener angezündet, und darüber eine große Zahl je 40—80 Pfund schwerer Steine aufgeschichtet. Nach vier Stunden begann die Cerenionie unter großer Erregung der Zuschauer. Wie Veraunvortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Langley feststellt, ivaren die unteren Steinschichten rotglühend, die oberen aber nicht, wenn sie auch heiß sein mußten und die Flammen des unten brennenden Holzes zuweilen zwischen ihnen emporleckten. Nach einigem Hokuspokus, mit dem der festlich geschmückte Papa-Jta das Feuer zu beschlvören schien, betrat er den Steinhaufen und ging mit stetigem, wenn auch hastigem Schritte, mitten über ihn hinlveg. Zwei ähnlich gekleidete Jünger folgten ihm, hielten sich aber zwischen dem Rande und der sehr heißen Mitte. Dann kehrte Papa-Jta um und ging den Weg zurück, diesmal mit entschiedener Zuversicht: einige neue Jünger folgten ihm, aber die meisten traten nicht genau in seine Fußtapfen, sondern suchten sich etwas kühlere Stellen aus. Noch drei- oder viermal wiederholte Papa-Jta den Gang mit immer größerem Gefolge, und schließlich gingen auch viele der anwesenden Europäer über die Steine, ohne sich an des Priesters Weisungen zu kehren. Doch wagte keiner von ihnen den Gang ohne Schuhe zu machen, während die Eingeborenen meist barfuß waren. Man muß dabei berücksickjsigen, daß ein Ein- gcborenenfuß ganz andre Temperawren aushalten kann, als der Fuß eines Weißen. Der Schiffsingenieur Richardson, der mit Langley der Cerenionie zusah, teilte diesem mit, daß er Ein- geborene mit bloßen Füßen auf der Verschalung von Röhren, die Dampf von etwa 190 Grad Celsius leiteten, völlig. unbefangen habe stehen sehen, während kein Enropäerfuß es auch nur kurze Zeit darauf ansgehalten hätte. Die Schuhsohlen derjenigen, die über die Steine gegangen waren, zeigten sich nicht im geringsten ver- braniit, ein Beweis, daß deren Hitze nicht so groß sein konnte, wie die Leute glaubten. Immerhin berechnete Langich für einen der heißesten Steine, den er in eilt Gefäß mit Wasser ivarf, eine mittlere Temperatur von etlva 650 Grad Celsius. Aber an der Oberfläche dieses Steins muß die Wärme bedeutend geringer gewesen sein. Die Steine bestanden aus einem porösen Basalt, der, wie sich bei spätere» Versuchen herausstellte, eine so geringe Leitnngs- fähigkeit für Wärme besaß, daß man ein kleines Stückchen ruhig an dem einen Ende in der Hand halten konnte, während man das andre in die Flamme eines Gebläses hielt. Auch wußte der bei der Ceremonie gleichfalls gegenwärtige Konsul der Vereinigten Staaten, Mr. Diicorran, dem Professor Langley zu berichten, daß Papa- Jta auf einer benachbarten Insel, Ivo inan Steine von marmorartiger Beschaffenheit verwandte, einen Mißerfolg gehabt habe. Mr. Ducorran stellte sich selbst auf die heißeste Stelle des Basaltsteinhaufens und vermochte es dort 8—10 Sekunden auszuhalten, bevor die durch die dünnen Sohlen seiner Stiefel dringende Wärme ungemütlich wurde. Nach allem ist der Fenergang ein schlaues und interessantes Stück wilder Zauberkunst, aber durchaus kein Wunder.— ÄumoriMsches. — Gute Aufnahme.„Na, Herr Müller, hält Ihre Frau noch innner solche fürchterliche Gardinenpredigten, wenn Sie nach Hause kommen?" „Nee, jetzt— macht sie nur noch Momentaufnahmen von mir!"— — PraktischerKursus. Junge Dame:.Nun. Herr Doktor, sieht man Sie auch auf den, Balle?" Junger Arzt:„Ja, gnädiges Fräulein, möchte anatomische Kenntnisse auffrischen."—(„Lust. Bl.") Notizen. — Ludwig Anzengruber's Roman„Der Stern- st e i n h o f' ist von K a r l P a n l i für die Bühne bearbeitet worden. — Die nächste Novität des L e s s i n g- T h e a t e r s wird Max Halbes Drama„Hans Rosen Hägen" sein; das Stück wird am 21. September zum erstenmal in Scene gehen.— — Wolzogens. U e b er b r c t t l" wird voraussichtlich am 15. Oktober in seinein neuen Heim, Köpnickcrstraße, eröffnet werden.— — Ein neues Theater, das das moderne und klassische Lustspiel pflegen soll, wird im H a n s a- V i e r t e l geplant. Das Gebäude, das im norwegischen Stil gehalten sein soll, ist für 1600 bis 1700 Personen berechnet. Die künstlerische Leitung soll einem hiesigen Hofschauspieler übertragen werde», während sich' eine Anzahl von Künstlern nach Art der Gründung des Hamburger Schauspiel- Hauses und der vomsckiö kTrancaiso als Aktionäre an dem Unternehmen beteiligen will.— — Bei B r e i t k o p f n. Härtel erscheint demnächst eine ncnrcvidierte, vollständige TextauSgabe von„Lohengrin" und „ T r i st a n und Isolde" zu billigem Preise.— — Felix W e ingnrtner hat seine Operntrilogie„Orestes" beendet; die erste Aufführung des Mnsikdramas wird am Stadt- Theater in Leipzig erfolgen.— — Der Verein BerlinerKünstler will die Ausstellnngs- räume im Künstlerhanse fortan an Organisationen, Künstler- grnppen usw. verpachten. Diese werden dort von Monat zu Monat ihre eignen Ausstellungen einrichten und anordnen. Seine Weihnachtsausstellnngen und sonstige gelegentliche Ausstellungen wird der Verein aber beibehalten.— — Die Pariser Akademie der Wissenschaften wird im Jahre 1903 zum crstenmalc den 100 000 Fr. betragenden Daniel Ofiris-Preis zur Verteilung bringen. Der Osiris- Preis wird alle drei Jahre für die bedeutendste Entdeckung oder die hervorragendste Geistesarbeit verliehen.— Druck und Verlag von ivtax Bading in Berlin.