Mnterhaltungsblatt des Horwüris Nr. 180. Sonntag, dm 15. September. 1S01 (Nachdruck verboten.) q Dvttuf los! Roman von Jonas Lie. Es war nichts auszurichten gegen all diesen Spott; darum lagen sie aber doch so hilflos wie vorher draußen im Hafen. Da ließ sich nur eines versuchen: das Boot niit aller Kraft wieder an die gleiche Stelle des Strandes zu rudern. Die Fischansweiderin kam neugierig bei der Thür heraus, um zu sehen, wie das ablaufen werde. Die Aafjordinge ruderten drauf los, torkelten jedoch an einen Strick, der mittlerweile zwischen der Laudungsbrücke und den Fischerbooten ausgespannt worden war. Der Angriff wurde also von neuem abgeschlagen— Jauchzen und Hohn I Nejer hörte wieder das Lachen des Mädchens. Mager und zart wie zum Wegblasen... den ganzen Wind in dem geflickten grünen Nock, hielt sie sich, um sich weit hinauslehnen zn können, am Auflsißtau fest und trat zu- gleich mit ihren schweren, plumpen Schuhen auf den Strick. Unter der Mütze hing etwas verfilztes schwarzes Haar hervor, das sie mit dem freien Arm aus dem beschmutzten, schmalen Gesicht zu streichen suchte; die Augen funkelten und der Mund stand weit offen, bereit, seine ganze Beredsamkeit hernieder- zusenden. „He, Ihr da. habt Ihr Butter zu verkaufen?— Oder Käslaibe unter den Garnen?— Merkt Ihr denn nicht, daß der Platz da dem Kaufmann selbst gehört?— Du, langer Jnnerfjording mit Deiner langen Nase, Du I— Wenn Ihr mit den Nudern Euch zu den grauen Hütten hinter dem Holm dort hinüber häkeln könnt, eh' jenes große Fischerboot von draußen kommt, so sindet Ihr Ankerplatz genug!— Nun, Nasenfjording Du, steh' doch nicht da auf Deiner Ruder- dank und gaff' I— Deinen Gruß schenk' ich Dir!— Ja, ja, schaut, daß Ihr weiter kommt I No— jet!* Die Aafjordinge hatten schon gewendet. Sie stemmten die Füße an und ruderten mit aller Macht quer über die Bucht, so daß sie fast an das Vordersteven des schweren Wat- netzbootes stießen, welches mit fallenden Segeln langsam einlief. Daß Rejer ein wenig gestanden und gegafft hatte, kam davon, daß die dünne, blasse Fischmagd mit dem geflickten Kittel so nierkwürdig zum Ansehen war; das war ganz etwas andres als die schwerfälligen, trägen Bauerndirnen im Aafjord drinnen. Ankerplatz fanden sie und zugleich Raum in einem Logier- hause droben auf dem Land. Und nun lagen sie im Gewimmel draußen an der Herings- küste, die mit Booten zu Hunderten vollgestopft war, mit Jachten, Schaluppen, Galeassen und Briggs, die mit Salz und der Hoffnung gekonimcn waren, frischen Hering zu kaufen— alles in der Feuchtigkeit und der unruhigen grauen See durcheinander klatschend und plätschernd und schaukelnd, so dicht Seite an Seite gedrängt, daß man an vielen Stellen des Hafens über Boote und Fahrzeuge wie über eine Brücke ging. So oft es in den Südivestnebeln sich ein wenig lichtete, waren alle Holme voll von Leuten, welche hinauslugten— bleigraucs Meer, regengrauer Himmel, schneelose, steingraue Schären l Einzelne Seevögel schwangen sich in die brandenden Wellen und stießen vorwärts, als gedächten sie den Meer- ncbel, welcher den Horizont vermauerte, entzwei zu spalten. um nach dem Hering auszuspähen. Seit Einbruch der Dämmerung hörte Nejer hier und da Musik, deren Töne der Wind vom Packhaus herübertrug, und als es dunkel ward, lag eine neblig graue Helligkeit auf dem Gewimmel von Köpfen vor der Bude bis hinaus zur Platt- form vor derselben. Denn in der Sulzerei gab es Lustbarkeit und Saufgelage und Raufereien und Tanz mtt den Fischmägden. Alle wollten ins Lagerhaus. Rejcrs hohe, jugendliche Gestalt stand schon in der Thür. Er drängte sich durch die Menge, das scharfgeschnittcne Antlitz immer voran, als wollte es Bahn brechen, und mit so einer gewiß angeboren hoch- wütigen Miene, die für den Augenblick ihm auch wirklick Platz schaffte. Indes dauerte es nicht lange, so hackte eine starke,- knochige Fanst sich in den Kragen seiner Jacke ein und zog ihn wieder zurück. Rejers Entrüstung über diesen höchst unverschämten Angriff auf einen Juhl war unaussprechlich. Doch hier gab es keine Zeit, die Kränkung hinabzuwürgen; hier setzte es neue Knüffe, Stöße, Schübe, Püffe von allen Seiten... Nun ging gar die Joppentasche in Fetzen! Er rächte es durch einen Stoß, bei welchem sein Gegner die eisenbeschlageneu Fersen seiner Schuhe zu kosten bekam; die Folge davon war aber ein Griff an den Nacken und ein paar tüchtige Fußtritte, welche ihn weit nach vorwärts beförderten, so daß er an einen schwarzhaarigen jüngeren Seemann anflog, der drinnen im Bereich des Laternenlichtes stand und ihn mit den Worte» empfing: „?ta, na... laßt ihn doch in Ruh! Seht ihr denn nicht, daß es nur ein Bub' ist?— Was sollst Du hier, junge Brut?" Dieser Ausruf traf ihn tiefer als die schmachvolle Be- Handlung draußen im Gang. Gab es irgend etwas, das Rejer nicht sein wollte, etwas, dem Nejer nicht gleichen wollte, so war es wohl„ein Bub"— er, der über achtzehn Jahre zählte und kraft feiner Stellung daheiin eine ganze Boots» Mannschaft führte! Er schlich so schnell von dem hilfreichen Seemann weg, als ob er sich an ihm versengt habe, und glitt inöglichst un» beinerkt längs der Wand hinter die dunkle Reihe von Personen, welche dastanden und einander aus ihren Flasche» traktierten. Mitten im Packhaus nahm der Tanz seinen Fortgang. Polnisch, die Hände einander um die Seite gelegt. Walzer und Hamburger Schottisch! Die Geigen»vetteiferten mit dein Stainpfen der Wafferstiesel. Die Thranlampen an den Pfosten flackerten und rauchten im Lustzug und vom Dachgebälke hingen Hornlaternen an Bindfaden in den analniigen Dunst herab und leuchteten in die roten Gesichter, über welche unter den Mützen hervor der Schiveiß rieselte... Fuselgcist und Tabaksdampf, die Ausdünstung von nassen Kleidern und der Geruch alter Heringe, die Feuchtigkeit des Salzes, das sie in einer Lake wässerigen Schmutzes nitter ihren Füßen zertraten,— dies versetzte alles in einen heißen, schweren Branntweinncbel, durch welchen man die Dinge mir matt unterscheiden konnte. Das Sprechen und Lärmen schwirrte rund um die Ohren. Im Dunkel drinnen sah man nur Salz» listen und leere Tonne»». Einige Vertreter von Handelshäusern und Fischmeister") saßen bei ihren Punschflaschen und spielten auf einem Faß» decke! um die Heringe. die noch»veit draußen im Meer standen. Hie»»»»d da erfrischten sie sich, indem sie einen Tanz mitmachten. Rejer hatte einen harten Kampf nrit seiner Schüchtern» hcit, als es galt, an den feinen, eleganten Commis, welche hier saßen, ganz dicht vorbei zu passieren. Er litt an einer leicht verwundbaren Empfindlichkeit, hatte noch an seiner un» gclenkcn Gestalt, seiner unfertigen Stimme zu tragen und fühlte sich überall zu groß und zn ausfallend. Daher bückte er sich, so gut er es ver»nochte, und hielt seine Miene so uiv erschütterlich ernst und fest wie ein Zollinspektor. Vielleicht gerade durch diesen Umstand zog"er die Blicke jener auf sich, deren Aufmerksamkeit er gern entgangen»vüre. Als er an der Tonne vorüberstrich, vernahm er hinter sich: „Der da mit der Nase und mit dein Strick um den Hals, was für ein Möchtegen» ist denn das?" Die Leitte urndrängten Rejer cbeir jetzt so sehr, daß er sich nicht rühren konnte; er hörte nur oder glaubte im Gesurre zu hören:„Jan Jnhls Sohn aus dem Aasjord.,. ga»lz al»s und fertig..." Rejers Wangen glühten und in seinen Schläfen klopfte es. Ganz sicher war er nicht, ob er die letzten Worte gehört oder ob er m seinen» Bewußtsem sie selbst hinzu- •) Fsichmeister, Watnetzboas, von» holländischen daas, Vorstand oder Meister einer Gesellschaft von Fischer», Ivelche die sehr lost« jpielige» Wate» gemeinjan» benutzen. gefügt. 1. Das Gerücht konnte doch noch nicht bis hier heraus gelangt sein... Er wagte es nicht, sich für länger umzudrehen, als für den Moment, den er brauchte, um den dicken fetten Karten- spielcr zu betrachten, welcher jene Aufklärung gegeben: es war ein Fischerbaas vom Fjord ein paar Meilen unterhalb Hammernäs. Das„ganz ans und fertig" legte sich ihm auf die Brust... Er machte den Versuch, den Nacken trotzig auf- zurichten. Ob es wirklich„ganz aus und fertig" sei bei den Auhl'schen droben auf Hammernäs, darüber würden die Würfel vielleicht doch erst jetzt fallen; hier ward es ihm aber trotzdem schwül, drückend. Schon hatte er sich entschlossen, das Haus wieder zu verlassen, als eine plötzliche Bewegung im Gewimmel ihm gestattete, in den engen Ring hineinzusehen, wo sie Rundtänze tanzten. Laug und schmal hing ein Mädchen am Ann eines frischen, kleinen, vierschrötigen Heringsbaas, der eine Peajacke und einen Glanzhut trug... Ihr Haar ganz wirr, ihre Augen kohlschwarz... Rejer erkannte sogleich die Fischmagd von der Packhausthür. Sie tanzte geschmeidig; jedoch vor- gebeugt und bleich, wie sie sich über den Ann ihres Tänzers lehnte, schaute sie aus wie eine lauernde Katze, die sich zum Sprunge bereit macht. Dieser Ausdruck war auffallend und unwillkürlich drängte Rejer sich näher... Wer weiß, was der hochgewachsene, elegante Commis ihr mochte angethan haben; genug, als er mit sicherer Miene herankam, um sie zum Tanz zu holen, schlug sie ein Gelächter an, wandte ihm den Rücken zu und tanzte mit dem Hausböttcher. Daß solch' eine in Flicken gehüllte Fischmagd mit ein Paar Diebsaugen sich so dreist benehmen dürfte, dies, die Wahrheit zu sagen, empörte Rejer. Daheim hielt die dörfische Sitte bei, Unterschied zwischen Mensch und Mensch ganz anders aufrechü_(Fortsetzung folgt.) Vevlinev SeorHiom Die Aufstellung der Berliner Sccessio» bestätigt im allgemeinen wieder den Eindruck, den die Ausstellungen deutscher Künstler in der letzten Zeit überhaupt hinterlassen haben, daß gegeinvärtig ein geivisser Stillstand ans dem Gebiete der Malerei in Deutschland ein» getreten ist. Vor drei, vier Jahren glaubte man Ansätze zu be- stimmten Stilentlvickelnngen beobachten zu können, die bis heute nicht nur zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen geführt haben, sondern nicht einmal mehr weiter verfolgt zu ivcrdcn scheinen. Andre neue Probleme, die ernsthaft künstlerischer Natur wären, werden von deutschen Malern auch nicht nnfgetvorfen; tvohl aber macht sich eine entschiedene Berflachung älterer'Tendenzen geltend, und einzelne Künstler verzetteln infolge_ ihrer Sucht, nur immer etivas Neues oder wenigstens andres zu schaffen, ihre ursprüngliche Begabung. Die Secession darf dabei den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, von dem gegenwärtigen Schaffen der deulschen Maler nur das Beste zu zeigen. Andre Allsstellungen; tvic etlva die diesjährige Dresdener, hinterlassen in ihrer deutschen Abteilung nicht entfernt den günstigen Eindruck wie sie. SBas in der Große» Berliner Knnstansstcllung sich wieder so überraschend stark hervorlvagt. die Sensations- malerei, ist von' ihr natürlich völlig ausgeschlössen; für die Aufnahme der Bisder tvarcn in der That nur die künstle- rischeil Qualitäten ausschlaggebend. Und es sind auch fast alle die besten deutschen Namen charakteristisch vertrete»;»lau kann die Ansstellnng also sehr tvohl als Grundlage für eine allgemeinere Be- nrteilnng verwerten. Der erste Eindruck Ivar das starke Hervortreten der Kunst des Auslandes, die der Zahl nach durchaus nicht das Uebergewicht hat. Diese Empfindung hat sich immer mehr befestigt. Sieht man auch von den großen älteren Werken ab, die ivir eingehend betrachtet haben, den Arbeiten der Renoir, Monet, Pissarro, Israels und Maris, so zeigen doch auch die übrigen Leistungen der Ausländer, die uns bereits durch die Ansstellungen der letzten Jahre vertrauter sind, ein Niveau', dem gegenüber die Arbeiten der deutschen Künstler als Ganzes sich nicht behaupten können. Man hat die Empfindung, daß in den erstcren eine viel intensivere künstlerische Kultur zum Ausdruck gelangt. Die Zeit ist vorüber, in der man, gleichsam in der Freude über den Besitz neugewonnener malerischer Ansdrncksniittel tvahllos das in der Natur Geschonte anf die Leinwandfläche über- tnig. Rein künstlerische Werte werden stärker herausgearbeitet, aus dem ungeordneten Material der Natur lverden die ästhetisch zu ver- wertenden Elemente herausgehoben und zu einem künstlerischen Ganzen umgeschasfe». Auf diesem Wege ist daS Ausland, wie es in der Ausstellung vertreten ist, schon viel lveitcr. Diese Werke sind von vorn-herein' unter bestiminten künstlerischen Gesichtspunkten an- geschauß der Wert der farblichen und linearen Komposition ist in ihnen viel stärker in Betracht gezogen. Es ist bezeichnend, daß die einzelnen Nationen sich in ihrer Kunst deutlich von cinander aV heben, indem sich in jeder eine gewisse Eigenart des Gesamtcharakters ausgeprägt hat, innerhalb deren sich erst die Individuen unterscheiden; es hat sich ein künstle- risches Niveau gebildet, anf das jeder gestellt wird, alle sind mehr oder tveniger einer ausgeprägten' künstlerischen Disciplin unterworfen. Einen solchen einheitlichen Charakter auch bei der deutschen Malerei der Gegemvart zu bestimmen, scheint un- möglich. Wer ivollte aus alle dem, was deutsche Maler heute schaffen, einen einheitlichen Zug herausfinden, wie es uns bei den Franzofen, bei den. Engländern ohne weiteres möglich scheint? Es sei denn, daß man den primitiven Naturalismus, das unbedingte Haften am Material der Natur, eine gewisse grobe Sachlichkeit, dafüp nimmt! Während dies den einen als ein Zeichen mangelnder künst- sicher Kultur erscheint, sehen die andern freilich in diesem Nicht- absebenkönnen vom Stoff einen Wcsenszug des deutschen Geistes. Wie man darüber auch denken mag, die Thatsache bleibt jeden- falls bestehen und die jetzige Ansstellnng lehrt sie besonders deutlich,- daß verschiedene Tendenzen, die über den Naturalismus hinaus- zuführen schiene», bisher nicht zum Durchbruch gelangt sind. Was ist aus der neuen„Phantafickmist" geworden, die vor einigen Jahren zu erblühen schien? Nichts, nach den letzten Ansstellungen zu urteilen. Ein paar unglaublich schivächlichc Bilder von Stoeving, Lippisch, Stassen, das ist alles, was— von Böcklin natürlich abgesehen— überhaupt in dieser Richtung genannt lverden könnte, lind gerade auch bei diesen Bildern, die ihrem Stoff- geholt nach über die Realität hinausführen, fällt ein kleinlicher Realismus, ein ängstliches Hasten am Modell in erster Linie auf- Ein andrer Künstler, Ludwig von Hof.niann, auf den man große Hoffnungen setzte, enttäuscht auch immer mehr. Seine jetzigen Bilder scheinen ihn als völlig haltlos zu erweisen; plötzlich hat er, Anregungen des letzten Winters folgend, die Technik geivechsclt und malt nun in pointillistischer Manier leer dekorative Bilder, deren reizlose Farbcngcbung nichts von dein hält, was die glänzende kolo- ristische Begabung einmal verheißen hatte. Eine andre Tendenz, die sich vor einigen Jahren mit großer Entschiedenheit ankündigte, ist gleichfalls nicht an ihr Ziel gesaugt. Man sprach damals mit einiger Plötzlichkeit sehr viel von der„Linie", Nachdem die neue Farbcnanschanung gewonnen sei, müsse nun auch die Linie wieder zu ihrem Rechte kommen. Man forderte überall auch lineare Komposition und verfolgte.die Versuche von Malern wie Walter L e i st i k o w, in einem eigenartigen Linienstil durchgeführte Landschafte» zu malen, mit' lebhaftem Interesse. Für die Malerei ist aber bisher nichts herausgekommen. Zum Teil ist diese Be- wegnng allerdings in die dekorative Kunst nnd weiter zum Kunst- gewerbe abgeleitet. Lcistikow selbst ist entschieden davon zurück- gekommen. Noch hat er in der Secession freilich ein Motiv aus dein Grnnelvald, das stark flächig behandelt ist und in dem die Konturen der Baumkronen für die Wir- kung mitsprechen; indeffen ist diese Art schon weit entfernt von der früheren, bei der er mit direkt gezeichneten bizarren Linienführungen arbeitete. Aber auch in der jetzigen Gestalt bringt diese Malerei keine besondere Wirkung hervor. Sind jedoch diese Bemühungen, über einen unbedingten Naturalismus hinlvegzukommen, indem man in neue Bahnen ein- lenkte, gescheitert, so muß um so nachdrücklicher darauf Hingelviesen lverden, daß er bei einzelnen Künstlern eine außerordentliche Ver- tiefnng und künstlerische Durchbildung erfahren hat. Allen voran ist Max Liebe r m a n n zu nennen. Man muß bewundern, mit welcher Frische und Energie der doch nicht mehr junge Künstler weiter arbeitet. In seinen letzten beiden Bildern: „Vicrgartcn in Lehden" nnd„Reiter am Strande", hat er die Schwere, die seinen Arbeiten immer eigentümlich schien, völlig überwunden. Die erstaunliche Lebendigkeit und die malerische Feinheit, besonders bei dem letztgeiiannten Bilde, die sichere und die springenden Punkte treffende Zeichming, die vortreffliche Behandlung der Luft und des Wassers nnd die machtvolle Raningcstaltnng, die den Blick tief hinein über die See bis zum Horizonte zieht,— das alles zeugt von einer künstlerischen Kultur, die dieses Werk in der That neben die Leislnngcn der Franzosen stellt. Hier finden sich die- selben ästhetischen Werte, die d.ic Natnrdarstellnngcn jener so hoch er- heben, die feine Komposition der Gruppe in den Raum hinein, das Abwägen der farblichen Werte zu einem geschlossenen Ganzen, der Rhythmus der Linienführung in der Rcitergrnppe, jene Elemente, durch die eine bloße Natnrjtndie erst zu einenr Knnftlvcrk wird. Was die Secession an guten Bildern enthält, legt den Schluß nahe, daß sich eine gesunde Fortentwicklung der deutschen Malerei in dieser Richtung bewegen wird. Es sind eine ganze Reihe von jüngeren Künstlern da, die durch eine starke Selbstbcschcidung weiter- kommen. Das Porträt nnd namentlich das Interieur erfreuen sich einer besonderen Bevorzugung. Anf dem letzteren Gebiet kommt ein Verlangen nach größerer Farbigkeit z» seinem Recht. Man findet in diesen Bildern ivohl viele Dinge gehäuft, aber sie sind mit fein entwickeltem Geschmack zu einem harmonisch gestimmten Ganzen geordnet. Emil P o t t n c r, C h r i st i a n L a n d e n b e r g e r, Ulrich H ü b n e r wären als Beispiele zu nennen. Dasselbe gilt von der Tierdarstcllnng, in der Rudolf S ch r a m m- Z i t t a u die Aufmerksamkeit immer mehr auf sich lenkt. Anf das Wirken solcher Künstler wird man besonders zu achten haben. Niemals wird man so kurzsichtig sein dürfen, die große kulturelle Bedeutung' zu vergessen, die die moderne Kunflbewcgung, in der auch die Berliner Secession ein tiichtiqeS Glied ist, für alle Zeiten hat. Stillstände können zeitiveilu; eintreten, unerfrenlichc Erscheinungen können sich im einzelnen bemerkbar machen, und es ist nötig, daß man ans sie hinlveist. Die ganze Knnstentwicklnng ivird heute als eine Entwicklimg des Sehens aufgefnht; jede folgende Künstlergeneration hat dem ererbten Schatz neue Offenbarnngen des Farben- und Formensehens hiiizngebracht. In dieser Entwicklnng ist die im engeren Sinne moderne Malerei ein außerordentlich wichtiges Glied. Man vergleiche sie einmal als Ganzes mit dein vor ihr Erreichten, man verfolge die durch das ganze 19. Jahr- hundert aufsteigende Entlvicklung, und man ivird erkennen, wie ganz anders das Sehen unsrer Zeit gegenüber jeder früheren Stnfe ist, welch' eine Fülle von neuen Offenbarungen der Farbe und des Lichtes die moderne Malerei gebracht hat. Und>vas im großen gilt, das ist auch von jedem Maler, der unabhängig in die Welt schaut und der das Erschaute gestalten kann, im kleinen zu sagen: sein Werk bereichert unser Sehen— dies Wort im weitesten Sinne gefaßt— und erschließt uns so neue innere Werte.—— bl. (Nachdruck verboten.; Dev Mann» utelcheL nichts that. i. Es war einmal ein Mann; der Mann thnt tagsüber nichts; mithin thnt er bei Tage auch nichts Böses. Nachts schlief er; also that er bei Nacht auch nichts Böses. Das war aller Ehren Ivert. Der Mensch soll im Lebe» nichts Böses thnn. Darum konnte der Mann in Ruhe sein Mittagsschläfchen halten und nachts im Bette ruhig schlafen. Ein gutes Gewissen Ist das beste Ruhekissen. Der König im Lande hörte von dem Manne. Der Mann kam nämlich der Polizei verdächtig vor, tvcil er ein gutes Gewisse» hatte, und die Polizei nichts Nnchlciligcs über, ihn in Erfahrung bringen konnte. Darum machte die Polizei einen Bericht au die Regierung über den Manu und legte, eine Akte auf der Polizeistubc an. Der Bericht enthielt wenig oder nichts, in der Akte stand o,ar nichts. � Der Polizeihauptmaiui ließ sich die Akte'vorlegen und schrieb auf den Pappdeckel„Gesehen" und darunter das Datum mid seinen • Namen; damit galt die Akte vorläufig als erledigt.— Der Wachtmeister aber in dein Stadtviertel, in welchem der Man» Ivohnke, erhielt eine Berivarnung und den Rat, in Zukunft besser aufzupassen und in allen Sachen mehr in Erfahrung zu bringen.— Der König war neugierig, den Mann kennen zu lernen. Darum schickte er eines schönen Tages den Leibläufcr aus, um den Mann in das Schloß zu holen. Der Leibläufcr lief die Straßen in der Stadt ans beiden Seiten auf und ab. Das mußte er auf Befehl des Hofmarschalles ein' für allemal bei jedem Sluslnnfe thnn, damit die Leute sich auf keiner Straßenseite vernachlässigt fühlten. Der Leibläufcr hätte freilich viel bequemer mitten auf der Straße laufen können; dadurch hätten sich die Leute auch auf keiner Straßenseite verletzt fühlen dürfen. Der Leibläufcr würde damit, wie man zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und Zeit und Schiveiß gespart haben. Der Hofmarschall war aber iioch nicht auf den Gedanken gekommen, weil der Gedanke für eineii Hosinarschall zu einfach war. Alle Jungen liefen auf der Straße hinter dem Leibläufer her und riefen: Hurra! Der Herr Leibläufcr ist da! Endlich blieb der Leibläufer vor dem Hanse stehen, in welchem der Mann ivohnte. „Gehui Sie nur hinein, Herr Leibläufer!" riefen die Jungen; „wir warten so lange, bis Sie wieder herauskommen." Der Lcibläufer nickte gnädig mit dem Kopfe und trat in das Haus. Der Mann lag noch im Bett. „Stehen Sie auf!" sagte der Lcibläufer und rüttelte den Mann. „Was ist los?" fragte der Mann. „Sic sollen zum Könige kommen", sagte der Leiblänfer. „Muß es gleich sein?" meinte der Mann und reckte sich im Bette, wie ein Teckel auf der Matte. „Sie verstehen. Höchster Befehl", sagte der Leiblänfer. Der Mann war mit einem Sprunge ans dem Bette. „Ein Grashüpfer hätte nicht besser springen können", meinte der Leiblänfer;«Ivenn Sie so weiter springen, so können Sie mit der Zeit noch Hofspringer werden." Der Mann wusch sich und zog ein reines Hemde über; ein reines Hemde geht über alles, gerade, wie ein reines Gewisse».— Dazu zog er das Sonntagszcng an. «Sie sehe» gut aus", meinte der Leiblänfer;„man braucht sich als königlicher Beamter nicht zu scheue», mit Ihnen am hellen Tage über die Straße zu gehen." „Hurra! Der Herr Leiblänfer ist wieder dal" riefen die Jungen bor dem Hause, als der Lcibläufer mit dem Maune aus der Thür trat. Der Manu sah in dem Anzug so vornehm ans, daß die Juugcir Vor Respekt mit einem Schlage muckslill waren. Niemand wußte zu sagen, ob der Mann ein Reichsgraf oder gar ein Photograf war. Alle Leute blieben auf der Straße stehen und sahen beiden bis an die nächste Straßenecke nach, obscho» das Stehenbleiben auf der Straße de» Leuten bei Strafe des Verweises streng verboten war. Auf der Straße ivar indes iveit und breit kein Schutzmann zu sehe»; es ivar nämlich Frtthschoppenstunde. Der Leiblänfer durfte freilich auf höchsten Befehl keinen Früh- schoppen trinken,, weil er Anlage zum Dickwerdcn hatte. Der Leib- lauf« trank ivohl mitunter einen Schoppen, wenn der König es nicht sah; der Geist ist willig, aber das Bier ist heute gut und billig. Ein Trunk hin und wieder schadete zudem dem Leibläufer im Dienste nicht. Wenn das Bier anfing, ihn dick zu machen, so machte die Angst vor des Königs Zorn ihn flugs wieder dünn. U. „Führen Sie den Mann herein!" befahl der König im Schlosse. „Haben Sie die Absätze vor der Treppe ordentlich rein ge- treten?" fragte der Kammerdiener den Mann auf dem Vorplatze; „man darf nie vergessen, daß man in einem Schlosse ist. Sie dürfen eintreten." Der Thürhüter, tvelcher mit einem Tressenhnte auf dem Kopfe vor der Stubenthüre stand, stieß mit den; Stabe dreimal ans den Fußboden. Das bedeutet in einem Schlosse, das Gleiche, wie wenn in einem Bürgerhause mit dem Finger an die Thüre ge- klopft tvird. „Herein, wenn es kein Schneider ist!" rief der König in der Stube. Der König war in guter Laune, tvcil er soeben nebenan in der Eßstnbe gefrühstückt und ein Glas Heurigen dazu ge» trunken hatte. Der Mann machte in der Thüre eine Verbeugung. „Das haben Sie gut gemacht," flüsterte der Kammerdiener; „dafür dürfen Sie nachher dem Thürhüter einen Thaler geben; ich selber nehme als königlicher Beamter kein Trinkgeld." Der König saß in Hemdsärmeln mitten in der Stube auf einem Plüschsesscl und drehte die Damnen über der Weste umeinander. Der Sessel war im gewöhnlichen Gebrauch so gut, wie ein Thron in Civil, Ein König darf sich zu Hanse nach dem Frühstück dreist bor den llnterthanen in Hemdsärmeln sehen lassen, weil ein König immer reine Wäsckie hat. Dafür sorgt schon die Königin, ivenn eine Königin im Schlosse ist; ivenn keine Königin in; Schlosse ist, so sorgen die Kammerfrauen dafür. „Sie dürfen stehen bleiben," sagte der König in gnädige»; Tone; „darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?" „Ich bin Nichtraucher," sagte der Mann. „Damit sparen Sie viel Geld," meinte der König;„ist viel- leicht ein Glas Wasser gefällig?" „Ich trinke lieber Wein," antwortete der Mann. „Wenn Sie klug sind," meinte der König;„was thnn Sie tags» über?" „Nichts!" sagte der Manu. „Das ist wenig," meinte der König. „Wenig, aber herzlich." erwiderte der Mann. Die Antwort gefiel den; Könige. „Wollen Sie ein Amt bei Hofe?" fragte der König. Wenn das An;t keine Arbeit und Mühe macht, recht gern," ant« wartete der Mann. Die Antwort gefiel den; Könige noch mehr. „Sie sollen das Aint haben," sagte der König;„was sagen Sie?" „Danke!" sagte der Mann. Der König lachte. „Damit ich es nicht vergesse; man wird als König leicht vcr- gcßlich", ineinte der König und machte einen Knoten in das Taschen- tnch.—„Sie brauchen nicht länger zu stehen; vergessen Sie nicht, die Thür hinter sich zuzumachen." Der Mann empfahl sich. „Ich gratuliere", flüsterte der Kannnerdiener ans dem Vorplätze; „Sie dürfen den Thaler gleich mir geben; ich gebe nachher dem Thürhüter die Hälfte ab." III. Der Manu erhielt da? Amt, wie der König versprochen hatte. Der Polizeihanptmann ließ sich an; nächsten Tage die Akte auf der Polizeistnbe vorlege;; und schrieb auf den Pappdeckel„Versehen" und darunter das Dalum und seinen Namen. Zugleich befahl er, daß die Akte schleunigst zu den Akten gelegt lverde. Das Ivar ebenso gut, wie Ivenn die Akte niemals vorhanden gelvesen wäre. Der Wachtmeister in dein Stadtviertel, in welchem der Mauil wohnte, erhielt einen Verweis und den Rat, sich in Zukunft nicht um Sachen zu kümmern, welche niemand angehen. Der Mann hatte in dem Amte nichts zu thnn. Darum stand er an; Hofe in gleichen; Range mit den Kammerjunkern, welche auch nichts zu thnn haben. Weil der König mit den; Manne in dem Amte sehr zufnedeil war, so erhielt der Mann am NeujahrStage den Orden„Lrc» und die Erlaubnis, den Orden bei Hoffestlichkciten an einem weißen Bande zwischen Hemde und Weste zu tragen. Das war eine große Auszeichnung. Der Orden wurde gewöhnlich nnr mi Grafen und Konnnerzien- räte nerliehew Die Grafen niußteu sechzehn Ahnen haben; die Lkoininerzienräte musjten mindestens vier Geldschränke habe». Was von den Ahnen nicht weit her war. das war Familieiigeheimnis; was in den Geldschränken nicht vorhanden war, das war Geschäfts- geheimnis. Wofür der Orden verliehe» ivnrde, das ivar Staats- geheimms. Dast der Besitz des Ordens bislang niemand klüger gemacht hatte, das war ein öffentliches Geheimnis. Run>var der Mann den Kanunerjunkern im Range vor.— Wenn der Mann inzwischen vor Faulheit nicht gestorben ist, so lebt er aus Faulheit noch heute.—— r. Kleines Feuilleton. — Ncncö vom litterarischen Geschäft. Unter diese». Spitz- titcl schreibt ein Mitarbeiter der„Köln. Bolksztg.": Vor Weihnachten erhielt ich eine Lotterie-Offerte von einem Bankgeschäst aus Nenstrelitz �Telegrammadresse: Dukatenniaim I) zugesandt:„Ew. Hoch- wohlgeboren I Um meinen Knuden der Thüringer Lotterie in be- sonderem Matze entgegen zu komme», habe ich mich entschlossen, zum bevorstehenden Weihnachtsfeste jedem meiner Besteller eine besondere Weihnachtsgabe in Gestalt eines künstlerisch und littcrarisch gleich wert- volle» Werkes gratis zu übersenden, von dem mitRecht behauptet werden kann, das; es eine Zierde in jeder Bibliothek und auf jedem Weihnachtstisch sein wird: Moderner Musen-AImanach, herausgegeben von Otto Julius Bierbau in. Ein Saminelbnch deutscher Kunst. Mit Originalbeiträgen der hervor- ragendsten Vertreter des deutschen Schrifttums. Wer also das An- genehme mit dem Nützlichen verbinden will, versuche sein Glück in der schon am 11. Dezember d. Js. beginnenden 1. Klasse der Thüringisch- Anhaltischen Staats-Lotterie, bei welcher Haupt- gewinne von ev. 700 000, 500 000, 200 000, 100 000 Mark usw. gezogen werden; es mutz mehr als jedes zweite Los gewinnen I Ich gestatte mir, Ihnen einen Bezugsschein auf ein Fünftel- Originallos zu übersenden, und lasse ich Ihnen sofort nach Eingang Ihrer Bestellung das Originallos zugehen, während der Versand des Musenalniauachs am 20. Dezember stattfindet. Mit vorzüglicher Hochachtung... Es stehen auch ganze, halbe und Zehntel Lose zur Verfügung."... Eine litterarische That brachte das Frühjahr. Sobald die ersten Lerchen schwirrten, erhielt ich das umfangreiche P r e i s b n ch eines Versand- und A u s st a t t n» g s g e s ch ä s t c s durch die Post zugeschickt, dem zu meinem freudigen Erstaunen ein vier- seiliger Littcraturbericht eingefügt war:„Den Beziehern des ... Prcisbuchcs wird durch die S ch l e s i s ch e Verlags- an st a l t von S. Schottin e» der(A.- G) in Breslau eine besonders günstige Gelegenheit geboten, gediegene Belletristik, wissenschaftliche Werke. Kunst- und Prachtwerke für kaum den s e ch st e n Teil des Ladenpreises in gut erhaltenen Exemplaren zu erwerben." Und da glänzen denn M. G. Conrad, O. Ernst, Wilhelm Jensen, Richard Votz und ähnliche Litteratnrgrötzen init ihren Werken neben den Erzeugnissen sonstigen deutschen Gewerbe- fleitzes: Unterjacken und Schürzen, Haus-, Flachs-, Betttnch- und Lederleiuen, Klosettstühle»- und Filzhülen, Wasch- und Oberhemdblnsen, Gardinen und Regenschirms». Des grotzc» M. G. Conrad Leistung über die Musik im heutigen Italien wird zu 15 Pf. angeboten, während eine Kntscherbockdecke 25 bis 30,75 M. kostet. Otto Ernsts Renegatin sucht für 50 Pf. Liebhaber und findet deren aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem weniger als selbst die Kindermütze„Pcpi", obwohl die letztere sünsmal höhere Ansprüche an die Börse des Beziehers stellt. Bei W. Jensen schwankt der Kurs zwischen 0,30 und 1,50 M.. alle drei aber sind im all- gemeinen nicht nur auf ei» Sechstel, sondern auf einen noch niedrigeren Satz gesunken; es ist ein grotzer Kurssturz. Dagegen habe» sich die nicht- littcrarischen Artikel des Preisbnchs nicht nur in der früheren Höhe gehalten, sondern es wird auch ausdrücklich jede Rabattvergünstigung ausgeschlossen... — Warum fällt das Qbst des NachtS i» grösserer Anzahl ab, alS am Tage? Diese Frage ist wohl noch nicht erörtert worden, und doch ist die angedeutete Erscheinung, schreibt ein Mit- arbeiter von„Haus, Hof und Garten", eine so merkwürdige und ans- fallende, datz man vor einein Rätsel steht, wenn man sieht, wie in Obstgärten und Planlagen am frühen Morgen die Früchte in grotzer Anzahl, gleichsam wie hingcstreut, unter den Bäumen liege». Das Verhältnis ist ein so bedeutendes, datz man unbedingt darauf ans- merksam gemacht werde» mutz, denn es ergiebt nach den bisherige» Beobachtungen die Anzahl des fallenden Obstes im Vergleich vo» Tag und Nacht das Verhältnis von eins zu fünf. Hierbei sei be- merkt, datz es sich natürlich nur um gut ausgereiftes und minder wurmstichiges Obst handelt, ebenso datz keine äntzeren Ein- flüsse, wie Wind, starke Regengüsse zc. dabei mitwirken. Jeder, der Gelegenheit hat, darauf zu achten, wird finden, wenn er tibeuds in den Obstgarten kommt, datz die Früchte nur ganz vcr- einzelt unter den Bäumen liegen, während des Morgens die Anzahl eine meist fünffach grötzere ist. Das eine war bisher leider noch nicht genau festzustellen, ob der Abfall während der Nacht sich gleich- mätzig verteilt, oder ob des Abends spät oder morgens früh beim Soinienanfgang derselbe sich stärker zeigt. Würde letzteres stattfinden, Verantwortlicher Redactenr: Carl Leid in Berlin. so mühte man natürlich annehmen, datz eine schnelle Abkühlung oder Erlvärmnng die matzgebenden Faktoren seien, indem durch grötzere Verdunstung der Fruchtstiel entweder schneller eintrocknete oder durch die beim Sonnenaufgang bewegtere Luft eine Erschütternng bewirke. Das Abfallen der Früchte selbst ist eine Folge der allmählich nachlassenden Lebensthätigkeit, indem die Säfte im Herbst langsam ins Stocken geraten, die Früchte also nicht mehr gröber und voll« kommencr werden. Es findet die Reife statt, der Fruchtstengel ver- holzt und löst sich mit der Zeit an der Abgliederungsstelle, die eine lorkartige Substanz bildet. Die Feuchtigkeit der Nächte bewirkt wahrscheinlich ein Anquellen der Korkjchichl und damit ein stärkeres Abstotzen, als es am Tage stattfindet. Bei dem Absallen der Früchte in unreifem Zustande können verschiedene Ursache» zu Grunde liegen, sei es langanhaltende Trockenheit des Bodens, die zuweilen eine förmliche Dürre an der ganzen Pflanze hervorruft, oder sei es mangelhaste Ernährung des betreffenden Baumes. Ucbrigens findet in diesem Jahre das Abfallen in be- deutend stärkerem Grade als jemals statt, wie ich mich selbst in andern Obstbau treibenden Gegenden, z. B. in Süddcutschland und am Rhein, persönlich überzeugen konnte. Ich will mit meiner Auffassung über die Ursache des besprochenen Themas keineswegs An- sprach auf unbedingte Richtigkeit machen, es wäre im Gegenteil sehr wünschenswert, wenn auch von andrer Seite diesem Gegenstande die gebührende Aufmerksamkeit gezollt würde, und ich damit Veranlassung zu ferneren Erklärungen gegeben hätte.— Huuioriftisches. — Ländlich, sittlich. Pfarrer:„Aber, Herr Lehrer, waö mutz ich lchen, Sie raufen auch mit!" Lehrer:„Ich mutz schon. Hochwürden, sonst haben die Kinder gar kein' Respekt mehr vor mir I"— — Von der Schmiere. Ein Zuschauer(zur Kellnerin): „Mir bringen Sie nach der Borstellung ein Schwcinshaxl mit Kraut I" Don Carlos(von der Bühne herab):„M i r auch!"— — Ein klassischer Piccolo. Gast:„Hoffentlich ist dieser Wein nicht mit Wasser vermischt?" Piccolo stich in die Brust werfend):„Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zu teil!"—(„Flieg. Bl.") Notizen. —„T o d e s t a n z" betitelt sich das neueste Drama S t r i n d- b e r g s; das Werk wird Ende dieses Monats im Buchhandel er- scheinen.— — Otto Julius B i e r b a n m wird, wie mitgeteilt wird, vom 1. November ab die kiuistlerische Leitung der„Lebenden Lieder" im Trianon-Saal übernehmen.— — E m a n u c l Reicher ist sür das Alexanderplatz« Bunte Brettl sBauscwein) als Interpret moderner Dichter, besonders Detlev v. Liliencrons, engagiert worden.— — Der Berliner Schriftsteller Paul L i n s e m a n u hat das völlig umgebaute Schiller- Theater in Kiel für die Zeit vom 1. April bis 1. September 1902 gepachtet, um mit einem eignen Ensemble eine Reihe von litterar ischcn Novitäten zur Auf- führung zu bringen.— — Joseph Laufs hat ein modcbncs Drama„Karwoche" vollendet, das im Hamburger Stadt-Theater zum ersten- mal in Scene gehen wird.— — Der erste„Knnstabcnd" deS TeloplaSma„Tragische K u n st" findet am Freitag, den 27. d. M... im K ü n st l e r h a u s e statt. Zur Aufführung gelangen Gedichte, Lieder, Scenen, Instrumental» nmsik von Beethoven, Goethe, Hebbel s. Moloch"), Hebbel-Schumann, Schiller-Schubert, Liliencron, Brahms, Liszt, Dehmel, Else Lasker» Schüler, Richard Strautz und Peter Hille(„DeS Platonikers Sohn").— — Die„sechs großen sinfonischen Abonnements- Konzerte" des Berliner T o n k ü n st l e r- O r ch e st e r s finden unter Leitung des Hofkapellmeistcrs Richard Strautz im Reuen Operntheatcr(Kroll) am 21. Oktober, 13. November, 16. Dezember 1901 und 13. Januar, 10. Februar, 10. März 1902 statt.— —„G i t h a n a", eine Oper von Dr. M. Oberleitner, Text von Wildenradt, gelangt noch im September iin Kölner Stadt-Theater zur Aufführung.— — Die Ausführung des Hamburger B r a h m s- D e n k- m a l S ist Professor Max K l i n g e r in Leipzig übertragen worden.— c. Der französische Karikaturcnzeichner H. d e Toulouse- Lautrec ist dieser Tage in einer Pariser Irrenanstalt gestorben. — Eine eigenartige Todesanzeige findet sich in der Badischen Presse. Sie lautet:„Im Januar d. I. wurde mir auf spiritistischem Wege(Skriptoslop Arnold) die betrübende Mitteilung gemacht, datz mein Bruder Emil Weber Ende vorigen Jahres bei Durban in Südafrika den Tod gefunden hat. Die aint» liche Nachforschung hat bis jetzt ergeben, datz mein Bruder seit längerer Zeit vermißt wird, tvovon ich Freunde und Bekannte hiermit in Kenntnis setze. Karlsruhe, September 1901. Wilhelm Weber, Kassier."— Druck und Verlag von Btax Babing i» Berlin