Mnterhallungsblatt des'ßormäth 184. Freitag, den 20. September. 1901 '-(Nachdruck verboien.» 8Z DvÄttf los! Romcin von Jonas L i e. Ein paar Tage später hielten die Häusler der Juhls vom Hammernäs ihr Silber in der Hand— schwammen in Silber... sünfmidzwanzig Thaler per Mann ausbezahlt an Bord der Jacht! Der junge Irl hl muhte auf dem Postamte des Fischer- fleckcns das Geld für sie in einem Bankobrief mit rotem Siegel drauf nach Hause schicken— und Nejer sandte für eigene Rechnung hundert Thalec von den zweihundertund- zwölfen fort, die seinen Anteil bildeten. Sie genossen den Triumph, den sie im Bygd davontrugen, wenn die Geldbriefe nun hineinkamen und fühlten sich als große Fortschrittshclden Nnd Entdecker... Und dies war erst der Anfang von den Fischen!— Nicht einer saß auf der Nuderbank, der nicht seine ehrgeizigen Pläne gehabt hätte und Rejer blieb darin gewiß riicht zurück. Er hatte ein außerordentliches Bewußtsein von seiner Klugheit und Geschicklichkeit, Nachdem cS ihm gelungen, al? Teilhaber in eiire große Watnctzgescllschaft einzutreten. Ja. man iräunkte gar viel vom Haminernäs an dem Abend, an we'�nn Rejer ins Fischerdorf fnhr, um das Geld aufzugeben... Sobald er sein Odelsgut ausgelöst, wollte er sich daheim öincu großen Watnetzbctrieb einrichten und jedes Jahr auf den Heringssang gehen... und dann Hof um Hl f vom alten Eigentum der Juhl zurückkanfen... vielleicht nii! ßdeiu Netzwurf einen Hof fangen!— Unablässig griff er nach der Brust, wo die Brieftasche steckte... hatte er nicht jetzt schon ein ganzes Kapital im Sack?... Was wußte« sie drinnen im Äafjord von dein merkwürdigen Leben hier heraußen?... ein silbernes Vierschillingstück, das war ja ein Heiligtlun, ein wahrer Schatz daheim,»lnd hier?— man achtete dessen nicht mehr als der Heringsschuppe, welche an der Brieftasche hängen blieb. Hier war für ihn das richtige Feld.— die Ueberzeuguug davon glänzte ihm aus den Augen! Bisher hatte er eingesperrt gelebt, wie das Vieh im Stall... Ach ja I es beengte ihn im Vorhinein, die neun Monate des Jahres im Hammernäs herum zu gehen und sich in der täglichen Einförmigkeit mit Pferden ulld Pflügen und dem Knickern an Geld nnd Kost abzugeben... lang- weilig. einsam und leer... nach allem, ivas er von Leben und Unterhaltung und Gespräch und Tanz mitgemacht hatte I Ein paar funkelnde braune Augen in einem braunen Antlitz waren es. die die ganze Zeit über zwischen seinen Betrachtungen hervorguckte»;— es stecke Feuer und Verstand für den gauzeir Aafjord in ihnen... Ach,— ja l— er stöhnte und suhlte ein tiefes Weh in der Brust. Nicht zum erstenmal känrpfte Rejer den Opfcrstreit für sein hohes Geschlecht I Er saß, ungeachtet des vielen Geldes in seiner Tasche und seiner großen Pläne, urelancholisch und höchst unglücklich im Mondcnschein da, Iveil er von ihr sich trennen mußte. Sie und der Hering, das ivaren zwei neue Ereignisse in seinem Leben.... In der neuen Fischerniederlassung war nun alles fieberhaft angestrengte Arbeit. Boote, Landungsbrücken, Fahrzeuge waren ganz von HcringSschuppen überzogen. Heringsschuppen blickten wie dichter Silberstaub aus der See herauf, Heringsschuppen hingen an allem, ivas man sah und berührte. Mädchen und Weiber, Junge und Alte standen überall am Strande und weideten den Hering ans, den man in Kübeln auf die Platt- sonn vor dem Packhaus hinauftrug, ivo man sie zwischen einem Haufen leerer und einem andern Haufen gefüllter Tonnen einsalzte. Rejers erster Weg führte zum Landhändler, wo die Briese expediert wurden. Mit einem selbstbewußt iviegcnden Gang bahnte seine eckige, hohe Gestalt sich den Weg durch die Volksmenge. Er fühlte sich nun als einer der Waten- baase und ging mit umsichtiger, weltkundigcr Miene herum, während er aus einer kurzen Porzellanpfeife seinen zerhackten und gebeizte» Blättertabak rauchte. Das Gedränge war dicht, lauter echte Teerjacken mit Bart und Südwester,— die Züge unterschied man nicht mehr in der Dunkelheit. Man sagte, das Dorf sei nun so überfüllt,- daß die Leute in den Hütten stehend schliefe«, und die Mannschaft mußte zum Teil ihre Nachtruhe in den Booten, auf Stroh, unter Kotzen und dem Segel suchen. Wer kümmerte sich darum aber jetzt; man schlief und träumte in einem wahren Herings- ficbcr; man hätte es wohl auf der nackten Ruderbank aus- gehalten I Rejer bewegte sich mit unruhiger Hast.... Sein Blick spähte angestrengt bald hierhin, bald dorthin, um sich zu über- zeugen, ob sie wirklich mit herausgekommen war. Drunten auf der Plattform des Packhauses nahm die Arbeit noch ihren Fortgang. Man rollte die vollen Tonnen in eine Schaluppe und staute sie hier an Bord über einander und einige Frauenzimmer weideten bei Licht und Laterne die Heringe aus und beeilten sich um die Wette mit den Männern, welche in die Tonnen packten und einsalzten,—- es fehlten nur noch wenig Tonnen auf die ganze Schifsslast. Unter diesen Frauen bemerkte Rejer eine schmale, hohe Gestalt mit einem Tuch um den Kopf und den Leib. Sie beugte sich und erhob sich und tummelte sick) lebhafter als die andren. Rejer stand mit einmal still, unbeweglich wie ein Stock, mit scharf angespannten Sinnen. Es rührte sich in ihm etwas wie eine warnende Stimme,— etlvas, als ob er im Begriff sei. den Rubikon zu überschreiten... Bald war sie innerhalb des Läternenscheins, bald außerhalb... Das Anschauen konnte doch nicht schaden! Er näherte sich immer nwhr... Wie slott und behende sie arbeitete!— warf fast zwei Heringe in das Schaff,- während die übrigen mit einem fertig wurden, und doch plauderte sie und trieb Unsinn I— Nun trug sie mit einer anderen den vollen Eimer weg und kam mit einem neuen... Das war alles ein Spiel für sie I— Sie setzte ihn mit einem Schwünge auf den Boden und warf den ersten Hering hinein... Gewiß war sie ungemein gelenkig I Und viel, viel stärker, als sie zu sein schien... nicht eine einzige von den andern konnte es mit ihr in irgend etivas aufnehmen. dessen war er sicher... Ein Hering glitt ihr in diesem Augenblick aus der Hand und über die Brücke ins Dunkel hin, wo er stand. Blitzschnell hob er ihn auf und steckte ihn, so naß und schlüpfrig und ab- geschuppt wie er war, in die Seitentasche. Bald stand Nejer noch näher, fast an ihrer Seite, und eben ivollte er scheinbar gleichgültig ein Gespräch eröffnen, als eine Person, die sich bei den aufgestapelten Tonnen be- fand und vor dem Mund etwas Glut hatte, die wohl von einer Cigarre kam, als diese Person zu reden begann: „Hast Du es aber heute eilig, Stina! Hui. wie der Hering springt l... Man begreift, daß Du Dich tummelst; so schlägt bald die Stirnde zum Tanzen!... Ginge das so den ganzen Tag, Du würdest allein mit der Schaluppe fertig, glaub' ich!" „Wenn eS Merlanen oder Stockfische wären,— so groß wie ein Handlungscommis, danil wohl!— so sind es aber nur kleine Heringe l" Rejer lachte laut. Er war noch nicht aus dem Stimm- Wechsel heraus und erhielt seine Heiterkeit bezahlt:„WaS für ein Widder meckert da?" wurde ihm aufs Geratewohl in daS Dunkel hinein zugerufen. „Stina ist heute abend nicht gnädig gelaunt," fuhr der Conunis zu necken fort;«sie weiß, daß der Steuermann droben sitzt und lvartet." „Der Steuermann l"— sie schlug mit dein Schaft ihres Messers auf das Schaff—„er kann aus den Händen gehen und sogar mit den zwei dicken Pfosten um- die Wette tanze», mit welchen Ihr den Boden stampft I" „Und dann traktiert er so flott mit Pfefferkuchen und Kaffee," meinte der Commis. „Ja, freilich,— wenn man den ganzen Tag, von vier Uhr morgens an, gearbeitet hat. dann ist mai» am Abend nicht im stände, einen Mehlsack im Tanz herumzubugsieren l" „Was, glaubst Du. Stina, was wird er dazu sagen, er, Doktor Frederiksen... der Landstreicher... der Zigeuner... der Pferdedoktor!— er, der nicht bloß die Rosse schindet, sondern auch nach Menschen sticht! Mir scheint, Du und der Untersteuermann müßt Euch in acht nehmen!" Aus der gebeugten Stellung, in welcher sie den Hering aufschlitzte, erhob sie sich rasch und spannkräftig wie eine Uhr- feder und schleuderte ihm die blutigen Eingeweide des Fisches ins Gesicht. „Sag das noch einnial, und Du kriegst noch mehr l" rief sie rasend vor Wut. „Das wirst Du büßen!" schrie er und machte eine Be- wegung, der sie entging, indem sie sich auf die andre Seite des Schaffes schwang. Er wollte sie von rückwärts um den Leib fassen, als sie. weinend vor Erbitterung, rief:„Probir's, wenn Du es wagst!"— und mit wilder Geberde das Schlitz- messer hob. Unschlüssig blieb er stehen. «Ja, probier es, wenn Du es wagst l" brüllte Rejer und sprang mit einem Satz zwischen sie. Der Commis schaute ihm ganz nahe in die Augen. „Ah— Rejer Juhl I Der Bankrottierer... Es wäre besser. Du bezahltest, was Du schuldig bist, als Dich hier einzumischen..." Sogleich liefen die Leute um sie zusammen. Das schien ja eine Schlägerei zu werden! Der Commis donnerte iveiter: „Ja Wohl,— siebenundneunzig Thaler mit Zinsen haben Wir bei der Hinterlassenschaft Deines Baters angemeldet I— Für Tuchware... Ich schätze, es sind die Kleider, in welchen Du da stehst!" Er lachte höhnisch, und Reger fühlte, wie die Leute ihm neugierig ins Gesicht sahen, um sich den Bankrottierer genau zu merken. Er war tödlich gekränkt. Sein Stolz erhob sich in seiner vollen Juhlgröße. Dem Commis eins vor den Kopf geben half da nichts l... Rasch zog er die Brieftasche heraus und fragte überlaut, ob er bezahlen könne— jetzt gleich... hier aus der Stelle I „Dank dem Angebot— wir haben überall Zahltisch, wo Wir Geld bekommen!"— antwortete der Commis etwas stutzend: er erhielt mit einmal wieder sein kaltes Blut. Rejer hielt mit zitternder Hand den roten Huudertthaler- zettel gegen die Laterne... und der Commis rief zwei Böttchergesellen als Zeugen herbei... er fühlte, daß die Stimmung nicht mehr für ihn sei. und zog sich zurück. Es schlvindelte Rejer.— er lieferte seinen letzten Hunderter aus l— aber es hielt ihn aufrecht, daß so viele zuschauten, und er hörte die schwarze Fischmagd laut bewundernd äußern: „Einen„contanteren" Menschen habe ich nie gesehen!" „Bankerottierer... Bankerottierer!" wiederholte er sich höhnisch, während er im Dunkeln auf und ab ging— „Bankerottierer I..." Er legte einen Zehner, seinen letzten und einzigen, wieder in die Brieftasche, wo der Hundert- thalerschein gelegen, und er ging näher zum Licht, während er es that:— es schadete nichts, wenn die Leute glaubten, es befänden sich noch mehrere Huderter dort, wo er den einen herausgenommen... Und... war er auch nicht„contant", so wollte er es bald werden: das werde er Ihnen zeigen! — er richtete sich auf wie ein junger Löwe!... Verschiedene Rufe und das plötzlich entstandene Geschwätz der Frauenzimmer besagten, daß die letzte Ladung an die Schaluppe abgeliefert worden und die Arbeit für diesen Tag zu Ende sei. Man eilte in Scharen und zu zweien über die Landungsbrücke und nahm längs des Ufers den Weg zu einer Bretterbude, aus welcher Licht blinkte. Hier war eine Kaffeewirtschaft. Rejer folgte schnell nach... und das Herz begann ihm bis in den Hals hinaus zu klopfen; denn Stina ging ganz allein vor ihm her. Die Empfindung der schändlichen Kränkung, die sie erlitten, wurde in ihm wach... Arm und schutzlos wie sie hier umherging und ihr Brot verdienen mußte, durfte jedermann sie beleidigen I. Niemand, der sie verteidigt hätte!... Doch, einer!... Im nächsten Augenblick stand er an ihrer Seite,— so plötzlich, daß sie überrascht zu ihm aufsah. Ihr Antlitz trug noch Spuren der Erregung und der Thräneu... Wie war sie doch unmaßen schön! „Sti... Stina!" rief er aus,„da... da!— nimm die Kette!— Ja, ja, hörst Du,— nimm sie nur!— Kränke Dich nicht I Ich habe die ganze Zeit an Dich gedacht— mitten im Hcringsfang.•. nur daran, daß ich mich nicht von Dir verabschiedet!— und ob Du noch hier im Dorfe seiest.— Du würdest es nicht glauben, wie sehr ich fürchtete, Du wärest fort!— So wie Du ist niemand anders... kein zweites Frauen- zimmer!— Deinesgleichen giebt es nicht in der Welt I Ich würde Dich sogleich erkennen, und wäre es noch so weit von hier, schon am Wuchs!... Und wie Du gehst... so leicht wie Du tanzest!..." „Siehst Du, ich bin Rejer Juhl; Jan Juhl vom Aafjord drinnen, das war mein Vater l Du kannst Dir denken, der Odelsgutserbe vom Hammernäs.— denn das bin ich. mußt Du wissen,— kann im Bygd kriegen, wen er will... Aber... bin ich auf den Fischfang gegangen, weil ich's wollte, gegen allen Brauch, so ist Rejer Juhl auch Mannes genug, sich die Frau zu nehmen, die er will, und wenn das ganze Bygd sich darob die Kehle ausschreit! Mir ist es alles eins, ob sie Dich„Schwarze Stina" oder „Zigeunerin" nennen I— Meinetwegen nur zu... das macht mir nichts!— nicht die Spur!— wenn Du mir nur aufs Hammernäs folgst... sonst liegt nur am ganzen nichts mehr daran... ohne Dich ist es nun überall leer I" Sie hatte beide Augen aufgerissen und sah ihn an,— ihre hohe, schlanke Gestalt machte eine abwehrende Be« wcguug. (Fortsetzung folgt.) tNachdruct verboten.! Mode» Veligion und Krankheit im 16„ Jahrhundert. Die Herrenmobeu erregen heute nur noch ein beschränktes Interesse. Farben und Formen sind von einer wenig aufregenden Konstanz, und sowie das stetige pünktliche Mitgehen init der viel- fach ivechselnden Mode der Frau der.guten Gesellschaft" geradezu zur Pflicht gemacht wird, ist man gewohnt, den hochmodern gekleideten Mann als einen unmännlichen„Gigerl" zu verspotten. Immer ist das nicht so gewesen. Auch die Männer haben früher mit Formen und Farben Eindruck zu machen gesucht, auch bei ihnen spielten kost- bare, bunte und glänzende Stoffe, Goldborten, Federn, Spitzen, Schnallen usw. eine bedeutende Rolle. Auch sie haben einst wie bunte Zeisige vor den Menschenweibchen paradiert und ihre Reize zur Schau getragen. Der Wechsel ist kulturgeschichtlich bedeutsam. Wohl macht der Mann heute der Form nach den Heiratsantrag. Der werbende Teil ist aber doch wohl gar zu oft der weibliche, der dann» auch daS bunte Rüstzeug der Modo nicht entbehren kann. Wertvolle Aufschlüsse über die Stellung der Kleidennode, ins- besondere der männlichen, in der Kultur des 16. Jahrhunderls findet man in dem jüngst erschienenen Werke deö geistvollen dänischen Historikers Troels- Lund:.Gesundheit und Krankheit in der An- schauung alter Zeiten".(Deutsch bei B. G. Teubner. Leipzig 1961.) Wenn eS sich hier auch vornehmlich um die Verhältnisse der nor- dischen Reiche handelt, so darf doch das meiste dreist auf die andern Kulturländer übertragen werden; Dänemark zumal stand damals in viel engerer politischer und kultureller Verbindung mit Deutschland als heutzutage. Da hören»vir nun, daß die„neuen Moden" durchaus nicht nur unter ästhetischem und öko- »omischem Gesichtspunkte betrachtet werden sollten, sondern noch viel mehr unter religiösem und hygienischem. Der letztere wird zwar auch heute oft genug betont, aber Ivir werden sehen, daß die heutige Hygiene mit der damaligen recht wenig zu thun hat. Die„neuen Moden" sind nach der Auffassung des 16. Jahr- Hunderts unter allen Umständen etwas Schlimmes, etwas so Schlimmes sogar, daß menschliche Bosheit allein nicht fähig iväre, sie auszuhecken. Nur der Teufel ist dazu im stände. In seinem Streben, die Menschen Gott abwendig zu machen, stiftet er sie zu diesem Unfug an. Er hat eine Schar kleiner Teufel zur Verfügung, welche die Aufgabe haben, die Menschen zu diesem oder jenem Aus- wüchse zu bcthören, so u. a. den Hosenteufel. der die verwerfliche Mode der Pluderhosen in die Welt brachte. Und dieser Hosenteufel verstand keinen Spaß. Als ein brandenburgischer Prediger zu scharf gegen ihn loszog, hängte er ihm am nächsten Sonntag ein Paar solcher Pluderhosen seiner Kanzel gegenüber in der Kirche auf. Das berichtet der brandenburgische Bischof Musculus selber; so dürfen wir nicht wohl daran zweifeln. Und der Teufel wußte dabei genau, wie abscheulich solche Pluderhosen waren. Das lehrt die Geschichte eines Malers, der den Teufel möglichst greulich dar- stellen sollte und ihn darum mit Pluderhosen malte. Das war aber Satan doch zu stark. Er erschien in höchst eigner Person und gab den» Maler einen gewaltigen Backenstreich, denn:„er habe ihm Gewalt gethan, mit Univahrheit also gcmalet, dann er nit fo schenß- lich und greulich sei, als er ihn mit Luderhosen abconterfeit habe". Welches Mittel hatte nun Gott gegen diese Bosheit des Teufels? Da er nach der Meinung der Zeit dem Teufel selbst nichts anhaben konnte, so m»ßte er sich an die verführten Menschen halten. Diese dursten bei so schwerer Verfehlung aber auch gewist nicht ans Nach- sicht rechnen. Das konnten sie jeden Sonntag von der Kanzel hören. Den neuen Moden folgte die göttliche Strafe meist unmittelbar ans dem Fuste, selbst in Form von Krankheit und Tod. Und da die Mode doch nicht einzeln auftrat, sondern groste Kreise in Sünde verstrickte, so bestand die Strafe auch folgerichtig in Volksepidemicn. Dieses innige Verhältnis zivischen Mode und Seuche zeigte sich auch daran, dast beide Erscheinungen aus derselben Heimat in die nordischen Reiche einzogen. Die dänische Lesefibel vom Jahre 1S68 vermittelte diese Wahrheit an alle Schullinder des Landes: „Als Dänemarks Voll trug Engländertracht, Hat das uns den.englischen Schweist* gebracht. In französische Kleider steckt dann man den Leib, »Französische Pocken" bei Mann und bei Weib. Die neue Tracht ihre Straste stets findet, So ist es als zeitliche Strafe verkündet." Ebenso folgte nach dem seclKndischen Bischöfe Peder Palladins auf die welsche Tracht der»welsche Schorf", auf die spanische der »spanische Aussatz" usw. Da mußte der Znsammenhang doch selbst den Ungläubigste» klar sein. Aber trotz alledem liest sich der Modesiinde nicht steuern. Die Geistlichkeit trug übrigens nicht geringe Schuld daran. An Warnungen liest sie es freilich nicht fehlen, um so mehr aber am guten Beispiel, denn sie selbst unlenvarf sich den siegreichen neue» Moden. Und auch die iveltlichen Autoritäten zogen die doppelte Buchführung vor. Bischof Musculus erzählt bekümmert, dast»der Sohn eines mächtigen Mannes, den ich um seiner Würdigkeit und seiner Vortrefflichkeit willen nicht zu nennen wage, sich auf solche Pluderhosen drei Puffen hat machen lassen, so dast ich sehr erstaunt darüber bin, dast die Erde eine» solch' gottlose» und übermütige» Menschen nicht verschlungen... Ich fürchte, die zeitliche Strafe ist allzu gering; Gott wird es mit der eivigen Strafe des Gerichtes heimsuchen«vollen". Aber selbst die höchste Autorität, der König, trieb es um kein Haar besser. In einein Briefe an die theologische Fakultät von Kopenhagen stimmt Christian IV. in die allgemeine Klage der Geistlichkeit ein:»Wisset, dast deurgenräh ganz und gar kein Z>veisel ist, daß Gott der Allmächtigste höchlich erzürnt ist über die große Hoffart,«velcher sich die Menschen in dieser Zeit ergeben, besonders init ihrer Kleidung. nrit ihren hohen Spitzhüten und andrer leichtfertiger Kleidertracht, so dast sogar Gott im Himmel sein besoirderes Mißfallen über so etwas durch wunderliche Geburten und verschiedene Zeichen oft und häufig zu erkennen giebt." Und dabei erscheint der- selbe Christian IV. auf den Bildern gerade in Sachen der Mode vollkonunen auf der Höhe seiner Zeit, ja für sein Reich«var er ton- angebend von Spitzhut, Haarzopf nnd überfallendem Kragen an bis zu den breitschäftigen Stiefeln. Was hälfe«« da alle Mistgeburten? Was half es, daß in Gladsare zur Warnung für jedermann, be- soirders für die, ivclche widerspänslig gegen Gottes ernsthafte Drohung hartnäckig festhalten an ihren neuen Manieren, an den hohen Spitz- hüten und an der Aergernis erregenden Kleidertracht", ein Mädchen geboren tvurde mit einem hohen, breiten, runden Fleischivulst am Hinterkopfe, der sich nach oben zuspitzte,„nach dein Muster jener ge- «virkten Hauben, wie sie jetzt vom«veiblichen Geschlecht, adlig und bürgerlich, ann und reich, getragen werden"? Und gegen die Plnder- hosen Ivamte ivohl ebenso vergeblich ei» Bube, dessen Schenkel ganz von dickem Fleisch überwuchert«var, so dast er den großen,«veiten Hosen ähnlich«var;„die Beine waren gleichsam die Stiefel mit großen, anfgckrämpten Stulpen". Wann der Glaube an diesen engen Zusammenhang von Mode und Religion geschwunden ist, lästt sich nicht genau feststellen. In der Zeit des dreißigjährigen Krieges, ja noch während der Belage- rung von Kopenhagen(1658) finden«vir ihn offiziell anerkannt. Ganz ausgestorben ist er ivohl selbst heute noch nicht und«nancher gläubige Eiferer mag die Mode in« innersten Herzen als.simdhaft" verdanimen; aber Seuchen und Mißgeburten«varen doch zu strenge Strafen für die Modethorheiten. Sollen»vir nun annehmen, daß das männliche Geschlecht, das starke, sich diesen Gelvaltinaßregeln löblich unterivorfen hat,«vährend das schivächere, aber zähere,«veib- kiche über sie triumphiert? Oder glaubt der Manu wirklich auf den der Frau unentbehrlichen Kleiderschnuick verzichten zu dürfen? Die Bcantivortung der Frage bleibt uns der Kultnrhistoriker schrtldig; er überläßt sie den« Philosophen.— Marie Bloch-Laudien. Kleines Feuilleton. — Handel nnd Wandel in Chiua. Es ivar zu Kintsjn in der Mandschurei, so erzählt W. Meischke- Smith im»Pester Lloyd". Als ich eines Tages eine Rundfahrt durch die Stadt machte, fielen meine Blicke auf ein chinesisches Bild a«lf einem Mannortäfclchen,«velches in eine«» Magazin ausgestellt«var, wo ein ivenig von allem verkauft wurde, so eine Art Trödelbude. Da ich ein ähnliches Bild nie gesehen hatte und ein großer Freund von Raritäten ivar, beschlost ich' sofort, niir den Hegenftand um jeden Preis anzueignen. An« nächstei« Tage kehrte ich mit nieiircu« Dolmetsch zu dem Verkanfslokal zurück. Wir steigen von dem Wagen ab und werden von dem Kaufmann mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen. Nachdein wir uns gesetzt haben, lvird uns Thee serviert, und wir sprechen eine Stunde lmrg vom Regen und vom schönen Wetter; dann werfe ich einen nachlässigen Blick im Laden unihcr ui«d frage den Besitzer, «vie es möglich sei, für all das alte Gerünipel Käufer z,l finden. Der Chinese sieht mir lächelnd ins Gesicht nnd fragt, ob es mir nicht genehm wäre, seine Waren eingehender zu betrachten. Ich erhebe mich, schaue«nir die Vcrkanfsgcgenstände an und gelange endlich an das alte Bild.«Was Sie da für altes Zeug haben, sage ich, die Farben sind schon ganz verblaßt und kaun« kann man noch erkennen,«vas es sein«vill. Weshalb lassen Sie diese Marmorplatte nicht Lbernialen?" Der Ääustnann sieht «nich gairz erstaunt an, als hätte ich irgend eine Ungeheuer- lichkeit ausgesprochen, und erwidert, jedes seiner Worte betoneird: »Altes Ge»nälde, sehr alt. Ming-Dyuastie." Und wie jedermann «veiß, giebt es kein Land, Ivo Antiquitäten so geschätzt werden wie in China. In diesem Falle ziehe ich ein neues Bild vor," entgegnete ich';„wenn Sie etivas Schönes hätten, möchte ich es ivohl kaufen; aber ich sehe hier nichts Gutes." Wir nehmen nnsre Plätze wieder ein, schlürfe» weiter Thee, plaudern noch ein wenig und verabschieden uns dann. Der Kaufmann geleitet mich dann zur Thür nnd fordert mich höflich auf, meine» Besuch zu wiederholen. Zwei Tage darauf komme ich wieder zu ihm, und nach einigem Hin- und Herreden bringe ich die Konversation auf das Gemälde. „Wenn Sie es mir recht billig gebe««, sage ich, will ich es doch nehmen, denn das Marmortäfelchen gefällt mir." Der Kaufmann nannte einen fabelhaften Preis. Ich lachte laut auf und bot ihm den Hundertstel« Teil der verlangten Siimme. Für solch alten Plunder, sage ich, ist das noch viel zu viel. Der Kauf- mann beachtet mein Angebot gar nicht, und tvir kehren z«» nnserm Thee zurück. Als ich ihm' Adien sage, läßt er etwas von seinen« Preise nach, allein ich bedeute ihm, einen andren Käl«fer zu suchen. Eine Woche vergeht, ohne dast ich ihn wiedersehe. Nim läßt er mich fragen, ob ich ihm nicht einen kurzen Besuch machen wolle. Bei dieser Gelegenheit verlangt er nur noch die Hälfte seines Preises, allein ich erwidere, daß mir das Geinälde mm nicht mehr gefalle uild biete ihm noch weniger als das erste Mal. Ich kam noch einige Male in den Laden,' aber der Preis war n«ir immer noch zu hoch. An einem gewissen Nachmittag trank ich abermals bei ihm Thee. Als ich ihn verließ, sagte ich:„Zei dien, ming tien woh jow tschü(Adien, ich reise morgen ab)." Die Folge hiervon ist eine plötzliche bedeutende Baisse im Preise deS Bildes, aber auch dieser Preis ist mir noch zu hoch.„Wann konimen Sie zurück?" fragte er mich.„Ich komme gar nicht wieder," antwortete ich. Er nimmt eine ernfte Miene an, holt eine Rechenmaschine und rechnet rasch, indem er die Mgelchen nach rechts und links schiebt.»Dies ist mein letzter Preis," sagle er.„Und das ist mein höchster Preis," entgegne ich.„kee-ke-i(ich kann nicht) 1" sagt der Kaufmann; und wir nehmen Abschied von einander. Am uächsten Tage reise ich mit meinein Gefolge ab. Als ich an dem Magazine meines Kaufmannes vorübcrstihr, näherte er sich meinem Wagen, und die Unterhandlungen begannen von neuem. Ich bleibe steif und fest bei meinem Angebot, und endlich, endlich ist er bereit, abzu- schließen. Ich war froh, das Gemälde um diesen Preis erstanden zu haben, als ich indessen sah, daß der Kaufmann mir mit lächelndem Munde als Draufgabe noch ein Geschenk machte, schien mir dies kein gutes Zeichen, nnd ich sagte zu mir selbst: Mein Alter, der Langzopf ist durchtriebener als du, du hast dich von diesem Handels'chiiiesen wahrscheinlich übertölpeln lassen. Nachdem ich jedoch das Marmor- täfclchen von der Staubschicht, die es bedeckte, befreit hatte, sah ich zu meiner freudigen Ucberraschung, daß ich dennoch ein Zkmistwerk vor mir hatte. Ein chinefischcr Kaufmann fragt nie, was Du zu kaufen wünschest, noch was zu Deinen Diensten steht, sondern er'bietet Dir Thee und eine Pfeife an. Es ist Deine Sache, ihm im Laufe des Gesprächs mitzuteilen, ob und was Du zu kaufen begehrst, und er wird nie versuchen, Dich zu überreden. Du kannst mit ihm plaudern und seinen Thee trinken, ohne deshalb mich nur im geringsten verpflichtet zu sein, etwas zu taufen. Es ist ein»Freier Eintritt" im wahrsten Sinne des Wortes.—. — Bienenstich und Bienengift- Ueber den Bienenstich ist im allgemeinen die Ansicht verbreitet, daß er nicht nur den Menschen, sondern auch den Bienen selbst schädlich sei. Mai« glaubte, die Biene gehe dadurch zu Grunde, daß der Stachel in der Wunde stecken bleibe und somit aus dem Leibe oft mit andren Organen zusammen herausgerissen würde. Mindestens aber werde eine tiefeingreifende Störung in ihrem Organismus bewirkt, durch die sie ihr Leben ein- büße. In dem»Prometheus"«vird nach den Mitteilungen der Heilknnst diesen landläufigen Ansichten auf Grund ge- nauerer Beobachtungen widersprochen. Der Bienenstachel ist eine Verteidigungswaffe, und zwar gegen angreifende Feinde zur Erhaltung des Individuums. Es wäre also schon an und für sich widersinnig, zu denken, daß diese Verteidigungswaffe zugleich zur Selbstmordwaffe werden sollte. Regel ist vielmehr, daß die Bienen beim Steche» den Giftstachel nicht einbüßen; nur in Ausnahme- fällen gehen sie dessen verlustig; ob dies den sicheren Tod zur Folge ihat, ist nicht gewiß. Der Verlust des gesamten Giftapparats»nit dem Stachel ist eine so seltene Er- scheinung, dast sie ohne Belang ist; in diesem Falle scheint allerdings der Tod der Biene die Folge zu sein, wie in einem Falle festgestellt werden konnte. Bekanntlich werden die Imker weniger von den Bienen gestochen als andere. Das kommt nicht daher, weil sie von Natnr ans für das Bienengift nnempsäng- lich sind, sondern die Unempfänglichkeit mnst erst nach»nd nach er- worden werden. Manchmal spielt aber auch die groste Stiche und Geistesgegenwart des Imkers eine grosse Nolle. Die Enlzündnng nach einem Bienenstich kennt jeder. Als Gegenmittel lvird alles mögliche empfohlen, das beliebteste ist Salmiakgeist. Wahrscheinlich wirken die verschiedenen Gegenmittel ans den Einzelnen mit ver- schied enem Erfolge ein. Das eigentliche Bienengift ist eine chemische Waffe; der Stachel ist mir das Mittel, dasselbe dem Feinde beizubringen. Der wesent- lichste Bestandteil des Bienengifts ist wasserfreie Ameisensäure, die im Bieiienleibe selbst gebildet wird. Das eigentliche Gift scheint doch eine Art Allaloide zu sein, eine Gruppe chemischer Verbindungen, z» der auch eine Anzahl der schärfsten Pflanzengifte gehört. Da auch die Stiche andrer Insekten, von Wespen, Mücken, Stechfliegen, oft nicht tveniger schlimme Folgen haben können als die der Bienen, so geht man nicht fehl, tvemi man anniunnt, das Gift aller stechenden Insekten sei dasselbe und weise mir geringe Berändernnge» je nach den änszeren Umständen auf.— Knnsthandwerk. K. Eine indische Kunst. Die indischen handgemallen Khalam-Kar-Stoffe, ivelche einst einen anszerordentlichen Ruf genossen haben, können in technischer Hinsicht mit europäischen Erzengnifsen ähnlicher Art nicht in Wettbeiverb treten. Doch die Kühnheit der indischen Zeichnungen, die sorgfältige Ausführung der minutiösen Details wie ihre Farbenharmonie, giebt ihnen einen eigenen Neiz, der im Verein mit der Billigkeit dieser Stoffe viele Käufer bestechen »viirde, wenn sie nur in größeren Quantitäten nach Europa importiert Iverden könnten. Die Stoffe können zu sehr mannigfachen Zwecken verwendet werden, so als Tischdecken, Vorhänge njw. Das Fabrikationsverfahren dieser Stoffe ist, nach einem Be- richt von Azizuddin im Journal der„Soeiety of Arts", recht primitiv und einfach. Das erste Stadium bildet das Präparieren der Stoffe für das Bemalen. Eine genügende Quantität Galläpfel wird zerstampft und in Wasser gekocht, der Bodensatz lvird entfernt, worauf ein viertel Mast Büffelmilch oder ein halbes Man Kuhmilch mit Wasser vermischt und der Gnlläpfel-Lösung zugesetzt wird. Darauf wird der Stoff hineingelegt und mit der Flüssigkeit ge- sättigt. Stach einiger Zeit wird er wieder herausgenommen, ausgedrückt und getrocknet. Dann lvird der Stoff znsammeiigefaltet und mit einem Block geschlagen, worauf er zum Bemalen fertig ist. Mit einer Alaunlösung, ivelche eine malte, dunkle Farbe giebt, werden nun Blumen oder andre Gegenstände liinst- ierisch mit einem Pinsel gemalt oder mit einem Modell auf den Stoff gedruckt. Er wird dann getrocknet, behutsam in Wasser geivasche» und hierauf in Wasser mit zerstampften Nuna-Wurzeln (Morinda umballata) gekocht. Während des Kochens, das fast drei Stunden dauert, lvird der Stoff häufig mit einem Stock umgerührt, worauf man ihn herausnimmt und abkühlen läßt. Nach dem Abkühlen wird er in Wasser gelegt, welches mit Schafdnng vermischt ist, und sogleich wieder heransgenonimen. Der Stoff wird nun wieder gut gewaschen und getrocknet, indem mau ihn über feuchtem Sand im Freien ausbreitet und so ettva sechs Stunden liegen lästt. Dieser Prozest macht die leere» Räume zwischen den Blumen weist. Die weisten Teile werden dann mit Farben heimischer Fabrikation oder mit irgend einem europäischen Farbstoff gefärbt, nachdem derselbe mit Galläpfel-Wasser gekocht worden ist. Weist und schtvarz werden von den Hindns nIS Ursprung aller Farben betrachtet und als Extreme wie als wichtige Bestandteile aller andren Farben angesehen. Die indische schwarze Farbe zum Färben der Stoffe wird erzielt, indem man alte ver- rostete Eisenstücke in trockenen Pisanblättern brennt, das Produkt in Wasser mit Znckerrohrstückeu und zerstobenen Früchten der Semiearpns Auacardiuin kocht und die festen Bestandteile entfernt. Gelb erhält mau, indem man bengalischen Safran mit „Aplaearam", einer sodaähulichen Substanz, auflöst und in Wasser mit Galläpfel-Substanz kocht. Grün wird durch Auf- lvsimg reinen Judigos in ähnlich behandeltem Wasser gewonnen. Andre Farben werden auf ähnliche Weise bereitet, und jede Farbe wird für sich aufgetragen. Schliestlich iverden die Stoffe in gekochtem Reiswasser eingeweicht und aufgespannt, worauf sie für den Markt fertig sind. Der Preis einer Bettdecke von Khalam-Kar variiert von l'/e bis 2 Rupien(die Rupie ist ca. 1,35 M). Der Stoff ist haltbar und von echter Farbe; er wird gewöhnlich von den Mohamedanern Siugapores, Sumatras und andrer Orte gebraucht. In Indien ist derselbe bei Hochzeiten sehr begehrt und wird bei diesen Gelegenheiten von den mittleren Klaffen als Decke der Trag- betten oder Sänften(„paia.ngli-poZb" oder„palampore") benutzt. Ebenso wird der Stoff auch in ausgedehntem Mast« zur Dekoration von Hindnivagen verwendet.— Archäologisches. — Ein Schuldschein a u s G a z e l l e n l e d e r. Zu den Ueberraschnngen, die der Wüstensand Aegyptens immer wieder spendet, gehören auch drei griechische Urkunden, die nicht auf Papyrus ge- schrieben find, sondern auf einem noch viel dauerhafteren Material, Beraiitlvortlicher Redgcteiiri Earl Leid in Bertin. auf Leder. Zuerst schenkte man den weißlichen Lederstücken, die einem Fellachen zu Gebelein in Ober-Aegypten abgekauft waren, wenig iBeachtnng, bis ein östreichischer Gelehrter sie im Museum zu Gizeh sah und Schriftzüge auf ihnen bemerkte. Sie stammen ohne Zweifel ans Rnbien, sind ans dem sechsten nachchristlichen Jahrhundert und geben uns Kunde von dem Volksstamme der Blemyer und dem Hofstaate seiner Häuptlinge. Die eine beginnt so:„Ich Argon, Sohn der Laize, Silberarbeiter, habe von Dir, Noiamek, in ziemlich schwerem Kleingelde Gold- stücke 11, sage elf, und nicht mehr erhalten, und werde dir diese geben, wann du es wolle» wirst", ist also ein richtiger Schuldschein, für den ja das dauerhafte weiste Gazellenleder besonders geeignet erscheint. Auch eine koptische Urkunde, auf Krokodilleder geschrieben, ist kürzlich bekannt geworden. Ilebrigens war das Leder als Schreib- material schon im ältesten Aegypten durchaus nicht unbekannt, wie denn in der Baninschrift des uralten Tempels zu Denderah ein Plan dieses Gebäudes auf Tierhaut gezeichnet erlvähnt wird und wie König ThntmosiS III., um 1500 v. Chr., die Nachricht von seinein großen Siege über die Syrer bei Megiddo auf eine Lederrolle im Tempel des Ammon verewigen liest.— Psychologisches. — In der„Zeitschrift für Psychol. und Physiol. d. Sinnesorg." macht Dr. W. Sternberg eine interessmite Mitteilung über eine von ihm ausgeführte Prüfung der G e f ch m a ck s e m p f i n d u u g bei einem ohne Gehirn geborenen Kinde. Es wurden dem Kinde 26 Stunden nach der Geburt— das Kind blieb zehn Tage am Leben, eine für derartige Mistbildmigen ungewöhnlich lange Dauer— süst, bitter, salzig und sauer schmeckende Fliißigkeiten mittels verschiedener Haarpinsel auf die Zunge in de» Mund eingetragen. Nachdem die süße Lösung auf die Zunge gebracht war, schlug das Kind die Augen auf, spitzte den Mund, schmeckle zum eistcimiftl— es hatte bis dahin überhaupt keine Nahrung zu sich nehmen wollen— mit sichtlichem Behagen, und bist sogar auf den Pinsel. Als sodann die bittere Lösung auf die Znuge gebracht wurde, verzog sich sofort das Gesicht, das Kind wandte den Kopf ab, hob ihn wiederholt etwas hoch und brachte mit dem Speichel die eingebrachte Flüssigkeit wieder zurück. Wurde jetzt lvieder mit der Znckerlösiing gepinselt, so wehrte das Kind zwar bei den ersten Versuchen ab, bald aber schluckte es wiederum und bist mit Behagen zu. Die saure Essig- lösung hatte zur Folge, daß das Kind kläglich das Gesicht zu dem„ianren Gesicht" verzog, unruhig wurde, den Kopf in die Höhe hob und bei Seite wandte, also Mistbehagen empfand. Auch jetzt wich dieses einem behaglichen„süßen Gesichts- ausdrnck" bei nochmaligem Bepinseln mit der Znckerlösiing. Auch die salzige Lösung bewirkte, daß das Kind unruhig wurde, den Mund zusammenpreßte und nicht schluckte. Hiernach find auch von dem gehirnlosen Kinde dieselben mimischen Reflexbewegungen ans- geführt worden, wie sie bei Erwachsenen bekannt find und bei neu- geborenen normalen Kindern in der letzten Zeit mehrfach nach- gewiesen ivorde» sind. Ter hier mitgeteilte Fall betrifft die erste in der Litteratnr veröffentlichte Untersuchung der Geschmacksempfindung an einem gehirnlosen ftinde. In PreyerS Werk„Die Seele de» Kindes" findet sich zwar eine kurze Angabe über die Geschmacks- empfindnng solcher Mistbildimgen; jedoch ist ein derartiger Fall in der Litteratnr nicht veröffentlicht worden.— Notizen. — Ski c o l o ii 8 Krau st' Roman„Die Stadt"(Schlnstbaud der Romantrilogie„Heimat") erscheint Mitte Oktober bei F Fon- taue u. Co. in Berlin. — C. K a r l w e i s' Komödie„Der n e u e S i m f o n" lvird die nächste Novität des Wiener Deutschen Volkstheaters sein.— — Drei unbekannt gebliebene Männerchöre von Robert Schumann sind in der Sammliing von Charles Malherbe in Paris gefunden worden.— — D i e A u S st e I l u n g d e r D a r in st ä d t e r Künstler- k o l o n i e schließt mit einem großen finanziellen Defizit ab.— o. Der S ch n l u n t e r r i ch t i n I a p a n. Seit Einführung einer Erziehungsbehörde in Japan(1871) sind fast 30 000 Elementar- schulen erbaut worden. In diesen.werden 4 000 000 Schüler unter- richtet, von denen ein volles Viertel Mädchen find. Seit dem Jahre 1380 besteht der Schulzlvang' für alle Kinder zlvischen sechs und vierzehn Jahren; aber bis jetzt wird noch Schulgeld erhoben. Im Jahre 1883 gab es 46 Seminare mit 4416 männlichen und 662 weiblichen Schülern. Wöchentlich werden 23 Unterrichtsstunden erteilt; Sonntag ist Ruhetag. Der Religionsunterricht fehlt vollständig.— Die nächste Nummer des UnterhaltungsblatteS erscheint am Sonniag, den 22. September. ---— i Druck und Verlag von Mnx««ding in Berlin.