Hlnlerhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 188. Donnersttig� den 26. Scpteinder. 1901 lNachdruck oerbotcn.) 12] Dvsttf los! Nonian von Jonas L i e. Eines spicgelhellen Vormittags glitt der„Alert" an der Landzunge vorbei, welche den Hafen von Barcelona sperrt. Der hohe Felskegel Montjnich mit seinem festen Schloß, das wie ein Nest an seiner Spitze klebt, Reihen von Kanonen zeigt und auf der Zinne oben die Flagge von Castilien flattern läßt,— der Felskegel traf unter dem Schiffskiel mit dem Weißen Leuchtturm zusannnen, welcher auf der andern Seite des Einlaufes stand... Der mächtige Hafen war ganz voll von Schiffen und dazu fuhren noch beständig eine Menge Lugger und Felucken mit lateinischen Segeln und brächten Fische, Weinfässer, Grün- zeug. Orangen, Nüsse, Eier und Hühner, alles in Körben, bis hoch an den Mast hinauf gestapelt. „Da kannst Du eine Spanierin sehen", sagte der Steivard im Vorübergehen. Nejer blickte hastig über die Reling... Ein paar Boote mit lateinischen Segeln und einigen aus vollem Halse schreienden Menschen hatten sich an der Schiffsseite ein- gehakt. In dem einen Boot stand ein heiser kreischendes, sonnverbranntes, nmzeliges, altes Weib mit schtvarzen Pferdehaaren und dito Bart und wahren Krallen an den Fingern und bot eifrig irgend ein kohlartiges Gemüssc und einen Korb gackernder Hennen zu den Finkenetten hinauf. „Abscheuliches Volk!" dachte Rejer... Aber mit welcher Fahrt doch diese Boote nnt den abgeschnittenen dreikantigen Segeln dahinschossen. trotzdem die Lust so still war, kaum ein Hauch sich rührte! Er hatte es schon während des ganzen Weges die spanische Küste entlang be- obachtct. Während er abends bei der Pavianswacht umherging.— sie waren mit den Zollaufsehern fertig geworden und der Kapitän war aufs Land gefahren,— kam der Steuermann auf Rejer zu. „Hör einmal", sagte er,„Du hast tvohl von den Spanierinnen reden hören: sie schauen nicht alle aus wie diese Eule ans der Felucke heute... Ich will Dir nur eine» freundschaftlichen Wink geben, hier auf Dich aufzupassen, Ivenn wir zum Molo hineinkommen... es giebt deren genug, die einen Seemann fischen Ivollen... Halt Dich fest und arbeite,— am liebsten mit dem Rücken gegen das Land, so ist es am sichersten... verstehst Du, ich möchte Dich nnr warnen!" Er schlenderte weg. Sie hatten tiefer innen im Hafen verhalt, wo die Fischladung gleich in Lichter geladen wurde, die nach Barcelonctta ginge», und die Arbeit an der Schiffsseite hörte den ganzen langen Tag nicht ans. Ain Abend erhielt die Mannschaft leicht zn zwei und zwei auf einmal Urlaub, und daß es auf deni Lande Merkwiirdigkeiteir gab, ging wohl ans dem her- vor, was sie berichteten, wenn sie wieder an Bord waren. Es schien aber, als ob die Reihe, Urlaub zu erhalten, niemals an Rejer kommen sollte! Die paarmale, wo er darum angesucht, war seine Bitte stets abgeschlagen worden. Der Koch niüsse an Bord sein, hieß es immer. „Mich nicht einmal mit den Steward gleichzustellen I" rief er erbittert eines Abends, als die Jolle von Bord abstieß. Rings im Hafen zündete man die Laternen an und auf dem Land fiamnitcn überall gefärbte Lichter auf. Er blieb öfter und öfter stehen und schaute ins Dunkel hinaus und dem leuchtenden Streifen nach, welchen das Boot im Wasser zog... hielt endlich an der Braffe und folgte dem hellen Schein bis ins Molo hinein. „Ich hätte gemeint, der Kapitän habe doch soweit Augen genug im Kopfe, um zu entdecken, daß ich nicht gerade einer von seinen gelvöhnlichen Rudergasten bin... nicht tvie ein andrer„Kohlrabi", den man geradeivegs aus dem Boden genommen! Er weiß außerordentlich genau,»vessen Sohn ich bin... Niemand kann aber behaupten, daß man hier mit mir viel Geschichten macht... man prajet mich nur bei Nacht an und läßt sich an Bord bringen... Nieder- trächtig I" Er schlug das Tauende heftig gegen die Reling „Es sich zu nutze machen, daß ich mich zufällig herbei- lasse, seinen Untergebenen zu spielen! Na, mir schadet das nicht," sagte er gelassen,„sie können Gift darauf nehmen, daß ich auch gegen sie nicht höflicher sein werde... Rejer Juhl läßt das Tauende nicht los, das er einmal anzuholen begonnen hat. Nei— ein... das thut... er... nicht!" Eines Nachmittags schlug endlich seine Stunde— Urlaub bis Mitternacht, zugleich mit dem Zimmermann und dem Steward, der, aufgeputzt, in hohem Kragen und in einem abgelegten schwarzen Kellnerfrack aus seiner Festland- dienstzeit, auf seinen kurzen Beinen wie eine Krähe zum Fall- reep trippelte. Vom Markt am Molo oben hatten sie schon genug bc- kommen, wenn sie bei Tag mit der Jolle anlegten. Sie waren der alten Weiber überdrüssig, welche mit ihren Papageien- käsigen da saßen und kreischten und Wein verkauften und Orangen und allerhand Warenkram, daher eilten die drei an ihnen vorbei und höher hinauf. Der Steioard, als der erfahrenste, bugsierte sie in ein halbdnnkles Loch der Hafen- gasse, wo sie Schwämme in ranzigem Oel und irgend Ivelches schwarze verbrannte Fleisch, das so trocken war wie Holz, zu sich nahmen. Nachdem sie eine Flasche Wein geleert, ohne den ranzigen Geschmack ans dein Halse zn kriegen, und die Rechnung bezahlt hatten, begannen sie in den Straßen herum- zutreiben imd sich umzuschauen. Hinter all diesen herabgerollten Gardinen imd zugezogenen Vorhängen saßen Spanierinnen, erklärte ihnen der Steward; sie kämen erst bei Sonnenuntergang heraus. Nachdem sie im Schatten der Hänser des langen und breiten hemmgewandert und sich in der Hitze mit Gefrornem und Anisbranntlvein gelabt, standen sie endlich vor einem erleuchteten Hause mit schiverfälligem Portal. Es war das große Theater ans La Rambla. Es ivimmelte hier von Menschen und Wagen, und die drei befanden sich plötzlich mitten im Strome. Der Zimmermann lvurde bedenklich. Der Steward plaidierte dafür, daß mau nach Barcelonetta solle; er sei schon zweimal dort geivesen, da habe man einen Hauptspaß, sowohl Seiltänzer als Theater. Jedoch Rejer war nun nicht mehr voni Fleck zu bringen. Es stachelte ihn etwas in dieser geputzten Umgebung. So lange er an Bord war, da mochte es angehen, als Koch gehunzt zu werden, dazu hatte er sich nun einmal entschlossen; aber hier zn Lande? Sie, die Dame, welche so stolz da stand mit ihrer Spitzcnmantille um Haar und Schultern,— sie merkte wohl, daß er von guter Familie... Wenn sie gewußt hätte, daß er tagsüber als rußiger Koch am Herde stand. hätte sie ihm wohl nicht solche Blicke geschenkt! Er schämte sich Plötzlich seiner Begleiter und that, als ge- hörte er nicht zu ihnen. Als der Zimmermann mit be- scheidenem Zweifel äußerte, hier sei es wohl zu fein für sie, warf er trotzig das Kinn in die Höhe: „Zu fein? Für mich?" Und ohne auf die Vor- stellungen der andren zu hören, drängte er sich dorthin, wo man die Villets kaufte. Hinein wollte er einmal... ihnen stand es frei, ihm zu folgen oder sich von ihm zu trennen. Die Billette bekamen sie und dann ließen sie sich, die Karten beständig vorweisend, vom Strome bugsieren, bis sie ganz oben an der Saaldeckc, gerade unter den Laternen, an- gelangt waren. Unten in der„Last" war es gestopft voll.... Daß über den hohlen Raum keine Zwischendeckbalken und Planken gelegt waren, kam nach der Ansicht des Zimmermanns daher, daß man hier Platz brauchte, um aus dem Seil zu tanzen.... Hu, war das ein Trubel, wenn man in den Topf hinabsah! „Pst!" sagte Rejer— er liebte den Ausdruck„Topf" nicht— und beugte sich über das Geländer, um auf eigene Faust zu sehen. Die Musik begann so plötzlich, daß sie znsainmenznckten. und dann wurde das Großsegel aufgegeit. Da stand unten ein Ritter mit dem Säbel au der Seite und die Hand auf der Brust und stimmte ein fürchterlich lautes und langes„Bulienehal" an, und hernach kam eine weißgekleidete Donna mit offenem Haar, welche die Hände rang, auf die Kniee fiel und wieder aufstand. Sie sciilgen einen Warpgesang*) um den andren und schienen gar nicht fertig zn werden... Der Zimmermann gähnte einmal Istärker als das andre- mal, so daß die Leute sich umwendeten und ihn wild an- starrten. Mit einemmal strömten und wimmelten Donnas herein, die hüpften und sich herumdrehten wie ein Brummkreisel; sie stürzten wie aus einem Sack heraus. Der Zimmermann saß eine Weile sehr nachdenklich da; Plötzlich schüttelte er den Kopf und.erhob sich resolut und sagte, er»volle gehen! Es schicke sich nicht für einen der- heirateten Mann, zu sitzen und zuzusehen, wie Frauenzimmer mit nackten Beinen und so gut wie völlig aufgegeiten Unter- segeln nmhertanzten I Der Stetvard hatte versprochen, ihn irgendwohin zu lotsen,>vo eS Brandy und Gin gab, und nun gehe er! Etivas>vider>villig folgte ihm der Steward. Auch Rejer fühlte sich wunderlich bei dem ungewohnte»» Anblick; aber als das ganze Hans Beifall rief und klatschte, begriff er wohl, daß die Sache in irgend einer Art in Ord- mnig sei, obwohl es ein schwüler Anblick immerhin blieb. Mit einer gewissen Erleichterung, seine Gesellschaft so los gelvordeu zn sein, saß er nun freier da und sah sich um, hinab auf die Bühne und hinein ins Pliblikum; beides war ihn» gleich neu und floß ihm im Grunde in eins zusammen... (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.» Fn dev billiüNen Abkerlung. Skizze von Jakob Hilditch. Im Kraukenhaitse einer großen Stadt. Milte»» in» Sonnner. Ans dein Hofplatz plätschert ein kleiner Springbrunnen, �kein über- mätzig hoher Strahl, kein»vildes Spritzen, eine im Sonnenlicht glitzernde Perldmiche, ein trauriger kleiner Wasserstrahl, der be- scheiden einige Zoll in die Hohe läuft und über den kleinen Bronze- cngcl hinabricselt, der ihn hält, so daß das kleine, braune schimmernde Gesicht släudig von Thränen überströmt»vird. Der Strahl fällt wieder ins Bassin hinab, gerade hinunter an der einen Seite; nicht ein einziger unbesonnener Tropfen»vagt sich darüber hii»aus, bii»aus auf den runden, kurz geschorenen Grasplatz mit einer Reihe Muscheln an» äußersten Staude. Kiestvcge führen zivischen den Krankenhausgebändcn hinein. Die Kieselsteine und die kleinen iveitzen Muscheln glitzern im Sonnen- licht, und der Schritt der Gehenden hört sich leicht und jugendlich an. Aber oben hinter den Gebärlden fallen Schlagschatten über die Kiesivege und der KicS»vird schwarz und die kleinen»veißen Muscheln leuchten nicht mehr, und es klingt kalt»md fest,»venu man den Schritt dort oben hö»-t. Dort unter den Bäumen an der Sonnenivand vor dem Mittel- gcbände sitze» zusniiiniengekancrte Gestalten in Siollstühlen mit bleichen Gesichtern und durchsichtigen Händen. Sie sitzen mit ge- schlösse,»e» Augen und der Sonne zugeivandten Gesichter», oder sie »verde» sacht hin und hergcrollt. Es sind NckonvaleSccnten, die nicht drantze»»varcu in» Sonnenschein seit Frühlingsanfang. Nun erscheint ihnen die Sonne fast zu stark; sie schlietzcn die Augen und lehnen den Kopf zurück, halb»vie im Schlaf, halb lächelnd, und die Sonne scheint quer durch die dünnen, blauen Augenlider»»»d die fast durchsichtige» Ohren. Längs der Hospitalinaner hängen Decken zun» Trocknen im Sonnenschein, lveitze, gestreifte Wolldecken und blau und»veitze Laken. Die leichten und jugendlichen Schritte ans dcinKieS sind die der Schlveslcrn, die mit leichten Triiten slllmm zwischen den Gebäuden »»»»»herivandcn», um all' die Pflanzen z»» hegen, die im Winter in» Begriff waren zu sterben und mn» nicht zuviel Sonne oder zuviel Schatten vertragen. Und die harten sind die der Aerzte. die n»it schnellen Schritten von Haus zu Hau« wandern, von Thüre zu Thiire, um zu sehen, ov die Naäit gu» oder schlecht getvese» ist. Da kommt eine schwatzciide Schaar die Kiesgäuge herauf; das sind die junge»» Mediziner, die bereits einander gegenüber prahlen und sich den Rang abzulaufen suchen und sich gegenseitig einbilden, daß sie bereits einen Fmger mit in dem Spiel»n» Leben nnd Tod haben. Sie. die sich damit»vichtig thni», statt der Namen nnr die Abteilnngs- mnnmern nnd Bettnuinnicrn zn neitiie» nnd die Krankheiten nur miter lateinischen Bezcichnniigen zn kennen! Sie Ivcrfcn die Ciga- retten fort uiid knipscil das Feuer von den Eigarrei». „Wirklich, ick, bin henle sehr gespannt i Da oben aiif Nr. 12 Abt. 1- haben wir einen sehr interessanten Fall;»vir haben dem �) Anspielung darauf, daß»»»an beim Ansivcrfen(Warpe») des Antcrs, beim Anholen der Taue, um der Tatnnähigteit der Bclvegung ivillei». gelvissc Anholgesänge singt. Patienten iiiin weit über die allgemeine Zeit hinaus künstliche Nahrung zugeführt. Helfen können wir dabei nichts, aber vielleicht seine Lebensdauer ein wenig verlängern. Es ist interessant zu sehen, wie es heute steht!" Und ein anderer sagt:„Ich freue mich I Auf No. 10 habe ich das schönste Keine sarcom! Ach, Ihr solltet es sehen! Es ist famos!" Sie gehen weiter in der Einbildung, einen Finger mit in dem Spiele um Leben und Tod zu haben. Der kleine Springbrunnen läuft mit bescheidenem kleinen Strahl: Platsch I Platsch I Und der Bronze-Engel beeilt sich, Thränen zu vergießen.— Eines der Krankenziimner für ntännliche Patienten. Große, helle Fenster ohne Seitengardinen. Die Wände sind grau, einfarbige, graue Mauern mit Paneel vom Boden bis zur halben Wand. Die Betten stehen in Reihen ans beiden Seiten nach den Langwänden. Leichte Eisenbcttcn mit grauen, einfache» Wolldecken und kleinen schwarzen Tafeln»nil Vorschriften und lateinische» Anfschristeii über dem Äopfteil. Am Boden entlang zwischen den beiden Bcttrcihen läuft ein einfacher, schmaler Teppichlänfer. An der Thiire ist ein Plakat be- festigt, das bekannt»r.ucht, daß Besuche außerhalb der bcstiminteN Zeit nicht empfangen werden dürfen, daß das Gas um iieun Uhr ausgelöscht wird und«ach der Zeit keine Unterhaltung geführt werden darf. Da sind viele Patienten drin, mindestens zwölf bis vierzehn; es ist die billigste Abteilung. Die Aerzte und die jungen Mediziner haben ihre Stunde ge- macht. Es ist die Empfangszeit der Patienten. Einzelne liegen und starren nach der Thüre»md Ivarte». Andre liegen nnd lauschen ans das Gespräch ihres NebeninaiincS mit seinem Besuch; sie möchten auch gern etivas von draußen hören, wen» sie auch niemals Bestlch bekoinmen. Einer versucht zn schlafe», um so die Zeit totzuschlagen. Wieder andre sind schon so iveit, daß sie ein wenig nnfrecht sitzen dürfen. Sie sitzen ans de»» Bettrande mit weißen Händen»n den weiten, blauen, reingeivaschcnen Krankenhans-Jacke». Anf dem Beltrande eines der niittelsten Betten sitzt ein jüngerer Mann, nicht viel über dreißig. Er hat eine schwere Krankheit überstanden. Monate lang hielt sie ihm im Bett. Die Hände, die früher innen so hart und abgearbeitet tvaren, sind nun fein nnd ivciß, wie die eines jungen Mädchen?. Er betrachtet sie nnd lächelt: Hm, daS sind Steinhaner-Fäilstc! Sein Gesicht, daS früher so frisch nnd soiiiicnberbraniit war. ist«im so bleich und eingefallen, daß er am liebste» vermeidet, in den Spiegel zn sehen. Aber nun geht's vorwärts.— Was hat ihm denn gefehlt? DaS weiß er nicht; es war etwas in der Brust. Aber die Aerzte und die jungen Mediziner gaben ihm einen Namen, den er nicht verstand. Und wen» sie über seinciir Bett sprachen, konnte er gar nichts ver- stehen. Es ging ihm wohl»ichkS an. Heute ist der erste Tag. an dem er ans ist; er soll eine Stunde auf dem Beltrand sitzen, nicht länger. Er starrt erwartungsvoll nach der Thüre. Er erwartet sein tlcincs Tvchtcrchen; sie kommt um diese Zeit, jeden Tag. Heute will er sie überraschen; sie weiß noch nichts davon, daß er so weit hergestellt ist, daß er ansangen kann, nnfrecht zu sitze». Er erfuhr eS erst gestern; aber da jagte er zn ihr, es würde noch lange dauern bis er soiveit käme. Um so größer tvürde heute die Uebcrraschnng ivcrden. Ach,»vie froh sie werden tvürde! Wenn sie nur bald käme I Es kam ihn»»vie eine Elvigtcit vor, seit sie gestern hier»var. nnd die ganze Nacht hatte er nicht schlafen könnest in dein Gedanke»» daran,»vie er sie überraschen ivolltc I Und wenn gar Mutter heute niit»väre! Vielleicht hatte sie sich zufällig freie Zeit erbeten; aber»ein, das»var ja mideukbar. Er hört kurze, leichte Tritte draußen im Korridor. Sein bleiches Gesicht leuchtete aus. Das ist sie! Das ist sie! Er keimt die Schritte! Die Thür öfsiict sich. Ein kleines Mädchen von sieben bis acht Jahre» tritt herein. Sie bleibt verlegen an der Thüre flehen; sie wird verlegen, denn sie ivagt hier drinnen unter so vielen Fremden gar nicht recht, ihre Freude an den Tag zu legen. Mit zu Bvden gescnklein Blick geht sie durch den Rauin nnd auf den Vater, der auf dem Bcttranbe sitzt, z». Sie ergreift seine Hand. „Bist Du schon ans, Vater?" Sie schmiegt den Kopf an ihn. Die Freude kam ihr zu nncrivartet, zn überwältigend. Dan» richtet sie das Gesicht zu ihm empor und lächelt durch Thränc»:„Du sagtest gestern, eS würbe noch laiige dauern. Denke, wie Muttchen sich freuen wird!" Sic setzt sich ans den Bettrand lieben ihn und chaim beginnen sie zu plaudern. „Ach so, der Kleine hat zwei Zähne hekommen! Da»var er wohl sehr»mruhig, Dn? Und Du hast ihn geivartct,»vährend Mutter in der Fabrik war! Nein, wie tüchtig Dn bist! Bcsiiinl er sich noch auf mich,»vas mcinst Dn? Dn mußt ihn an einem der nächsten Tage einmal herbringen!" Sie plaudert nnd erzählt ihn» alles Mögliche. Er bat jedesmal nach so vielem gefragt, iind da hat Mutter ihr gesagt, sie soll von selbst alles erzählen, was sie weiß, daniit der Vater sich nicht so mit Fragen anstrengen sollte. „Und Mieze hat vier Jnuge bekoiinnen, Vater; vier Siück, drei graust reisige nnd eine schivarz-ivciße, Mniter hat gesagt,»vir solle» nHc vier auf die Seite bringen; aber die schwarz-weiße ist so nett, die möchte ich so gerne haben!" .Ja, die sollst Du behalten; sage Mutter, ich hätte es Dir er- laubt, und dann müßt Ihr mit den andern drei nicht zu lange warten; sonst werden sie zu groß!" Er beugt sich über sie nieder und flüstert ihr etlvaZ ins Ohr. Sie legt ihre beiden Hände ans seine eine Schulter und reckt den Mund zu seinem Ohr hinauf, so weit sie lann. „Ja, den haben wir wieder auslösen können. Mutter hat an Tante Anna geschrieben und süns Kronen von ihr geliehe» erhalten, und Tante schrieb, es wäre Zeit genug, sie auszulösen, wenn Du wieder gesund wärest." Er streicht ihr den Kopf und sie plaudern iveiter zusammen. „Ach so, Ihr hattet gestern Makrelen, Du! Mutter kaufte sie wohl? Und zum ersten Mal gestern I Dann sind sie wohl nicht mehr so teuer? Füufzehu Oere das Stück, sagst Du? Ja. das geht ja an... Aver, ist da nicht etwas, was Mutter Dich bat, mir zu sage», oder etwas, was Du mich fragen solltest?" Sie sitzt und denkt nach; dann schüttelt sie den Kopf: „Nee, nee!"' „Nein gar nichts?" „Nee,»ee; ach ja, es ist wahr I" Wieder liegen die beiden Händchen auf seiner Schulter, wieder reckt sich der kleine Mund zu seinem Ohr hinaus, und wieder ein gedämpftes Flüstern, wovon man nur die zwei letzten Worte hören kann:„Der Kleine... Schuhchen." Er nickt, während sie spricht.„Ja, ja, sie kann es bei Olsen versuchen; das sind ja nur drei Kronen. Sobald ich hiuauskounne, kann sie ihm sagen, ivcrde ich sie bezahlen." „Besinnst Tu Dich auf Johanni i»> vorigen Jahr, Vater? Da Ivarcn ivir draußen auf dem Fjord und ruderten. Du rudertest und ich saß vorn, und Mutter, der Klein« und Frau Larsen saßen hinten, und dann brannten überall Teertouuen auf dem Ojjord, und dann schnittest Du Birkenlaub auf der einen Insel, besinnst D» Dich, und das nagelten wir zu Hause über dem Ofen an. Besinnst Du Dich, Vater? War das nicht lustig, Du?" Er nickt und lächelt; sie wird so eifrig, daß sie auf seinen Schoß klettert, und da auf dem Bettrande wird die ganze Besuchszeit von ihm, von ihr, von Mutter und dein Kleinen geschwatzt.-- In einem der Betten nahe bei der Thür liegt ein ganz junger Mann von einigen zivanzig Jahren. Er liegt und starrt gerade vor sich hin, bleich uud mit bremiende» Augen. Er hat nun über vier- zehn Tage hier gelegen. Der Bart hat in dieser Zeit tvachse» dürfen; weiche, dunkle Kraushaare längs der Wangen und nnter den, Kinn, blondere anf der Oberlippe. Das Kopfhaar sällt dunkel und weich über die Stirn herab; die Lippen sind schmal und zu- sammengepreßt. Er liegt und starrt vor sich hin: biSlveile» führt er mühsam den eine» Henidärmel über die Stirn hin und ivischt den Schiveiß ab. Er ist überanstrengt, er denkr über die letzten Wochen und ihre Veränderungen nach. Wie ging das alles zu? Er war gerade beim Studcnten-Eramcn, bei den schrikiliche» Arbeiten; mit einigen ivar er fertig. Er inußte dieses Mal fertig werden, denn er lvar bereits ziemlich alt, als er den Studicrlvcg einschlug, und sein Vater hatte ihn, versprochen, ihm zwei Jahre ein wenig dnrchznhelfen. Ja, dann war er mit ein paar Fächern fertig, da— ja, wie war es gekonnnen? Da bekam er am Abend einen Brief, daß sein Vater in Konkurs geraten sei. Da trieb er sich die halbe Nacht auf der Straße, nnernrüdlich gehend, uniher, und die andre Hälfte konntc er nicht schlafen. Am»ächstcn Tage war er wieder zum Examen oben, wurde aber ohuuüichtig, wie er dasaß uud schrieb. Er ivnrde hiuanSgcbracht und nach Hanse gefahren. Am nächste» Tage hatte er Fieber. So lag er zwei Tage in seinem kleinen, dunklen Stäbchen in dem abgelegeneu. ärmlichen Stadtteil. Da knincn viele und fragten»ach ihm; er ließ sie machen, was sie wollte», und so wurde er denn am dritten Tage zun« Kranken- Hans gefahren. Die Aerzte waren im Zweifel über sein« Krankheit gewesen. Man wutzte nicht recht, was ihn» fehlte, und es wurde a» seinem Bett Tag für Tag beratschlagt. Der Professor kam; er untersuchte ihn lange und stumm. Dann sah er ihn an, und der Kranke meinte, eine Thräne in den Angcn des alten Professors schimmern zu sehen. Er hatte den Eindruck, daß der Professor ihn, die Hand geben wollte. Er' reichte sie ihm hin, und der Alte drückte sie. «Armer, armer junger Freund! Schlechte Nahrung, knappe Kost lange, lange Zeit, stillsitzende Lebensweise im dmiklen Zimmer mit schlechter Luft, und dann haben Sie in, Winter gefroren. Das ist die Ursache der Krankheit, mein junger Freund. Das wird leider eine lange Leimvand zum Bleiche»!" Er blieb liegen»»d dachte über all' das nach. Er konnte eS fast nicht glauben! All' das ans einmal I Sollte das das Ende sein seiner mühevollen Arbeit zweier Jahre? Hunger, ja wirklichen Hunger, Kälte, dmillcs Zimmer, Haufe» von Pfaiidschcineii und im- anfhörlichcs Studieren Tag uud Nacht? Sollte das das Ende sei»? Nur vicrmidzwaiizig Jahre alt»ud doch ztvei Jahre ein Leben ge- fuhrt, wie ei» alter Manu. Und Bater, der Arme! Das auch noch! Der arme Vater I Er, der»im in dem kleinen Laden weit, weit oben im Norden saß uud glaubte, sei» Sohn wäre»un unlle» im Examen. Er war überzeugt, daß Vater schon lange vor dem Konkurs stand, sich aber abgeplagt hatte, ihn aufzuschieben, bis er mit dem Examen fertig war! Der arme Vater, wenn er»un dies erfuhr I Man hatte ihm gesagt, er müßte sich vor zu starke», Denken hüten, das vertrüge er nicht. Er hatte in de» Fieberphantasien ge- sprachen und gewiß alles verraten. Seine Geschichte hatte durch das ganze Krankenhaus die Nu,, de gemacht, niid es waren so viele ge- kommen, besonders Frauen, alte und jmige, nur feine Damen, um mit dem„uiiglücklicheii Studenteu" mit der„schrecklichen Kraulheit" zu reden. Ja, sie hatten ihn den Studenten genannt— hm, er mußte lächeln. Das war auch eine Art, Student zu werden! Aber er hatte seitdem andre Gedanken von den Leuten bekommen: alle lvaren so freundlich, so teilnehinend und hilfreich. Sonderbar! Er hatte ge- glaubt, man Ivnrde ihn als ein kleines, stinkendes Tier betrachten, das ans einer unbekannten Nebengasse sich in den Sonnenschein des feineren Stadtteils verirrt hatte. Daß man nicht etwas Jämmer- lichcs darin fand, daß er alles versetzt, gehungert und gefroren hatte! Daß man ihm»ach all dem die Hand reichen Ivollte I Aber er lag ja in der billigsten Abteilung nud da bekam man ja Teilnahine und Freundlichkeit und auch ein paar kleine Thräne» dazu, nicht von den vielen kleinen„Traktütchcu" zu reden. Aber pfui! Er hatte kein Recht zu solchen häßlichen Gedanken! Aber sonderbar lvar eS, daß die Kameraden ihn nicht öfter besucht halten; sie wnßte» doch alle davon! Rur ein paar Ware» bei ihm oben gewesen, jeder einzeln. Still„ud einsilbig hatten sie an seine», Bett gesessen»nd auf das geantwortet, was er gefragt hatte. Cr war ja immer als ein verschlossener Sonderling betrachtet worden. Doch heute würde» sie sicher kommen, heute ivar der schriftliche Teil des Examcns vorüber, uud da hatten mehrere von ihnen der- sprochcu, hinanfznko, innen und ihm zu erzählen, wie es ihne» ergangen wäre. Er vernimmt Stimmen und Fußtritte von vielen draußen im Korridor; das sind sie sicher! Ja, da hört er Stens Stimme; er ist schon siüiher hier gewesen. Sic kommen zur Thür herein, fünf Mau» hoch. Blumen im Knopfloch. Einige von ihnen haben bereits die Studentcumützen auf. „Na, guten Tag. Junge 1 Run ist's vorüber! Es ist doch zu dnnu», wie es Dir erging! War schade um Dich, Junge! Aber frischen Mut, Antonius!" „Ja.»Uli ist es vorüber!" lind sie schare,, sich»in sei» Bett»ud erzählen durcheiiumder: Nielse», Wold»nd Lanritzei, müssen sicher zurücktrete», all« drei ivege» Mathematik. Dahl fiel in Phtzsik durch und man sagt, Berg sei es im Aufsatz. Du hättest Berg sehr» sollen, als er da geivescn ivar»ud seine Ceusur für den Aufsatz bekommen hatte. Dn hättest Dich halb tot gelacht! Du iveißt, ivie komisch er ist!" „Teufel, ivie ärgerlich, daß Du hier so liegen mnßt, Junge! Wir sind heute die ganze Klasic zum Kommers gewesen uud abends habe»>vir alle zusammen einen. Da hättest Du auch mit dabei sein sollen. Junge; da»» hättest Du Bergungen davon gehabt!" „Aber ivaS ist das für eine Teufelei, die Du bekommen hast, Junge? Donnerivetler, Ivo hast Dn so was her? WaS ist das für eine Krankheit? Ich begreife nicht, woher Du sie bekommst! Kaimst Dn nicht z» Weihnachten die Exauleuarbeiteu forisetzen, oder ivie ist daS? Wie viele Fächer hast Du noch zu machen?" „Ach»ei», die Aerzte glauben nicht, daß ich vor inehreren Monaten gelund genug iverde, und dann muß ich aufs Land reisen. sagen sie. So muß ich ivohl noch ein Jahr warten." „Hast D»'was zu lese»? Darfst Du lesen? Wir werden Dir etwas schicken! Was willst Du haben, Zcituiigeu, Bücher oder ivas sonst?" „Ich darf nicht viel lese», das strengt mich au. Mau drängt mir solche langiveiligeii kleine» Schnstchen auf; aber ich ivill sie nicht lesen. Ich hatte Henry George bekoinme», er intercssierte mich so lebhaft und einige englische Autoren; aber man nahm sie mir fort; ich durfte sie nicht lesen I Das„strengte mich au" I" Die Kameraden scheu nach der Uhr. „Ach, Potztausend! Wir müssen fort, wir wollten nur schnell ein bißchen zu Dir. um Dich zu begrüßen. Um vier Uhr solle» wir uns zu einem größereu Komincrs be» Berntse» versammeln, all« in Fuchs- »nütze», strenges Gebot!" Sic drücken ihm die Hand. „Ja, adieu denn, Du l und gute Besserung I Wir kommen an eine,» der nächsten Tage wieder' hcranf, dann bekoiumst Du mehr zu hören." Sie»icken ihm in der Thür zu, uud die drei schlvingen ihre FilchSmiitzen uud Spazierstöcke.„Adieu, adieu!" „Sten I" ruft er halblaut. Steil kommt wieder zu ihm hin. „Du, Sten, koimn bald einmal wieder, aber komm allein, sei so gut und bitte die andern, wenn sie kommen, möchten sie jeder allein kommen." Er bleibt lächelnd liegen. Dann wischt er wieder mit dem Heiiidärmel den Schweiß von der Stirn. Er fühlt ein paar Thränen kommen. Blumen im Knopfloch und Fuchsmützen I Vater im Zimmer hinter dem geschlossenen Laden dort iveit oben im Norden und ich mit dieser schrecklichen Krancheit vorläufig auf Gnadeuplatz in der billigsteu Abteilung I Und später? Wer iveiß dnö!-- Unten mif dem Hof läuft der trniiriqe Springbrnnnen plntsch! platsch! Der Bronze-Eugel verficht Thräiien, und man hört leichte Tritte auf dem Kies mit dem im Sonnenschein blinkenden Muscheln. Es sind die Kameraden, die gehen,»nd bald komme» die feinen Dame», um die Dankbarkeit in de» Augen des armen Studenten in der billigste» Abteilung leuchten zu sehen.— Kleines �emllelon» bt. 7». Verftnnmlmig deutscher Naturforscher und Rerzte zu Hamburg. Der Montagnachmittag und der ganze Dienstag wurde mit Vorträgen in den einzelnen Abteilungen ausgefüllt. In der A b t c i I» n g f ii r P h h s i k erregte großes Interesse die sprechende Bogenlampe des Professor S i in o n ans Göltingen, welche ihre Anwesenheit fast der ganzen Stadt kundgab; sie sprach nämlich nicht im engen Hörsaal, söndern sandte die Worte, die man ihr zurief, ohne Hilfe des leitenden Drahtes, lediglich durch ihr weithin sichtbares Licht, mehrere hundert Meter Iveit fort, Ivo sie wieder in vernehmbare Laute ziiruckverwandelt wurden. Es wurde also ihre Anwendung zum drahtlosen Telephonieren gezeigt. Dieses Zanberkunststiilk oder vielmehr dieses Wunder, das alle Wunder des Altertums und auch alle Wunder der modernen Spirits und Geister weit hinter sich läßt, kam in folgender Weise zu stände: Auf dem Dache des Johannis- Gymnasiums war eine elektrische Bogenlampe aufgestellt, die ihr Licht nach allen Seiten sandte; durch einen großen Scheinwerfer wurde es aber vor- nehinlich nach dem Dache des Physikalische» Staatslaboratoriums geworfen, wo Professor Simon, umgeben von zahlreichen Mit- gliedern der Versannnlnng, neben einem großen Hohlspiegel stand; dieser Hohlspiegel fing das Licht der Lampe auf und warf eS konzentriert auf eine keine Selenzelle, in deren Stromkreis ei» Telephon eingeschaltet war. Wurde mm auf dem Johannis- Gymnasium zur Lampe gesprochen, so zeigte sie aller- diugs in einer uns nicht sichtbare» Weise, daß sie alles recht gut verstand. Aber was unser Auge nicht wahr- nehmen konnte, machte sich bei der Selenzelle geltend; diese ist em- pfindlich für jede kleinste Lichtschwaiikniig und änderte ihren elek- frischen Widerstand genau im Rhythmus der stärkeren und schwächeren Belichtung, also genau im Rhythmus der Worte und Töne, die in einer Entfermmg von mehreren 100 Metern in der Nähe der Lampe ertönten. In diesem Rhythmus wurde also auch der Strom, der zum Telephon führte, geändert, und dieses gab daher die Worte deutlich zurück. Noch steckt diese Telephonie ohne'Draht in den Kinderschuhen; wie weit sie sich einmal auswachseu wird, vermag heute natürlich noch niemand zu sagen.— lc. Der Fuss und der Charakter. Die neueste Schrulle der englischen Gesellschaft, die sich schnell überall verbreitet, ist die „P e d o l o g i e". das Erkennen des Charakters aus den Linien der Füße. Der Klient betritt das Zimmer des dieser Wineuschast Kundigen, und läßt beim Fortgehen Fußabdrücke zurück, aus denen dann sein Charakter gelesen wird. Ein bisher als Chiromant be- kaimter„Professor" Osman will der wahre Entdecker der neuen Wissenschaft sein. Er bat mehrere Jahre laug die Füße auf ihre für den Charakter bezeichnenden Eigenschaften hin studiert. Er hat eine Sammlung, die eine große MengeFußabdrücke von Männern und Frauen in den verschiedensten Lebenslagen umschließt. Der Professor ist überzeugt, daß die Pedologie eine viel zuverlässigere Wissenschaft ist als Phre- nologie, Physiognomik oder Chiromantie. Professor Osman spricht sehr beredt von dem„Ausdruck der Füße", die, wie er behauptet, ein besonders lvahres Bild des Charakters geben müssen, weil der Fuß vom Bewußtsein nicht kontrolliert werden kann. Ein Mensch kann seinen Gesichtsausdruck durch Znsammenziehung gewisser Muskeln beeinflussen, und sogar auf die Linien der Hand wirkt der Geist unbewußt. Aber auch die größte Anspannung der Gedanken kau» die Linien der Füße nicht ändern. Professor Osman wendet den Knöcheln besondere Aufmerksamkeit zu. Der runde muskulöse Knöchel, der von häßlichen Ecken frei ist, deutet, wie er sagt, auf eine erregbare Natur. Die Knöchel dieser Art sind natürlich unter Fnuie» viel allgemeiner als unter Männern. Ein breiter Knöchel ist das Zeichen eines kräftigen Willens, und deutet in der Regel auf ein starkes Gemüt. Doch bedeutet ein sehr schmaler Knöchel nicht immer einen schwachen Willen. Ein hoher Spann weist gewöhnlich auf eine» sehr unpraktischen Geist. Ein sehr hoher Spann gehört in der Mehrheit der Fälle einem Träumer an. Eine der deutlichsten Typen ist der Fuß der Dame der Gesellschaft. Er wird von Professor Osman als runder oder„gemischter" Fuß klassifiziert. Er ist klein und symmetrisch, hat aber eine in die Augen fallende Konkavlinie zu beiden Seiten am Ballen. Der ge- nane Gegensatz ist der sogenannte viereckige Fuß des„Mann- tveibes". Aerztinneii haben einen eigentümlichen Fuß, den man leicht erkennen kann. Er hat weniger Biegungen als der Gesellschaftsfuß und nähert sich mehr der viereckigen Form. Der gewöhnlichste Typus unter Männern ist der praktische oder kauf- mäunische Fuß. Er hat von einem Ende zum andern ziemlich die- selbe Breite.� Der„mürrische" Typus ist dagegen groß und flach, mit ungewöhnlicher Breite über dem Ballen und verhältnismäßig niedrigem Spaun. Dies Verhältnis giebt ihm trotz seiner Länge und Festigkeit einen Anschein von Schwäche. Der„diplomatische" Fuß ist auch eigentümlich. Er ist sehr stark und ungewöhnlich breit, mit gut entwickelten und symmetrischen Zehen. Der„abergläubische" Fuß ist durch seine ungewöhnliche Länge und Schmalheit kenntlich. Die feinen Linien, welche die Fußsohle überall bedecken, geben die geiiauesten Hinweise auf den Charakter. Sie entsprechen ganz den Linien der Handfläche, welche die Chiromanten so genau prüfen.— Theater. — n. Buntes Brettl.(Direktion Bausewein).— Im Alexanderplatz-Ueberbrettl wartete man am Dienstag mit einem neuen Programm auf. Gesungene und deklamierte Nichtigkeiten, geistlose Witzeleien und witzlose Obscönitätcn bildeten Anfang, Mitte und Ende der vorgetragenen Ueberkimst. Doch das wäre weiter nichts Neues! Das Neue brachte E m a n u e l Reicher, der Liliencronsche Gedichte reeitierte. Reicher führte mit diesen Reci- tationen wenigstens auf einige Minuten die Kunst auf's Brettl. Mit dramatischer Wucht baute sich die Ballade von„Pidder Läng" mit dem Schlußrefrain„Lewwer duad üs Slaav" auf; neckisch und launig wurden die Worte des Vortragenden, als er das Gedicht vorlas von den sieben Friesenmädels, die von der Wiese kamen, „wo die roten Kühe grasen", und wieder andere Töne wußte er in dem Gedicht„Die neue Eisenbahn" anzuschlagen. Derartige Vorträge, in denen Schauspieler von Beruf und Bedentimg uns mit den Schöpfungen moderner Dichter bekannt machen, sollten in der Hauptsache die Brett lprograinins füllen; dann würde das Neberbrettl in Wirklichkeit das sein, als was eS fich gerne aufspielen möchte: eine Pflegstätte lyrischer Kunst. Dr. Arthur P s e r h o f e r trug selbstverfaßte Glossen, Verse und satirische Epigramme vor; auch eineDnoseenc von ihm,„Dichterschmerzen", wurde aufgeführt. Die Verse und Epigramme Pserhofers waren noch allenfalls zu ertragen, obwohl Bortragsweise und Organ des Autors sehr zu wünschen übrig ließen. Die„Dichterfchmerzen" aber, die von einem Autor, seinem Theaterstück und ihren Erleb- nisseu bei der Theaterdirektion, der Tragödin und der Censur erzählen, wirkten fade und langweilig. Benno Jacobson's Pantomimchen„So ivas kann passieren", ein Abenteuer eines alten Herrn, der sich amüsieren will, war in seiner ausgesuchten Gemeinheit geradezu widerlich. Im klebrigen erschienen die Herren auf der Bühne mit den mierläß- lichcn Sezessioiisiibergamaschen, mit flatternden Küusllerkravätleu und braunen SammetjackettS; die Damen sprachen und saugen mit mehr oder weniger heiserer Stimme; M a r c e l l S a l z e r schließlich, dessen artistische Leitung und dessen respektables schauspielerisches Können anerkannt werden muß. erntete als zweiter Schreiber in HanS BreunertS„Hasenpfote", die zum hnudertstenmale an diesem Abend in Sceue ging, wohlverdienten Beifall.— Humoristisches. — Doch erkannt. Sonntagsjäger:„Hier fasse meinen selbsterlegteu Hasen einmal an, er ist noch warm." Bekannter:„Das wundert mich; die Wildpretläden pflegen doch nicht so stark geheizt zu werden."— — Wie verlegen. Nicht wahr, Männchen, wenn Du Deinen Prozeß gewinnst, dann kaufst Du mir das schöne, blaue Kleid, welches ich mir so lange gewünscht habe?" „Meinetwegen I... Wenn ich ihn nun aber verliere?" „Dann natürlich— ein schwarzes I"— Notizen. o. Leo Tolstoj arbeilet an einer Erzählung, die er„Die Alten" betitelt hat.— — Im Verein zur Förderung der K u n st(Vürgersaal des Rathauses) spricht am Freitag, abends 8 Uhr, Wilhelm S p o h r über. M u l t a t u l i, der Mensch u n d K ü» st l e r". Im Anschluß an den Vortrag werden Stellen aus den Dichtuugeu Multatulis recitiert werden.— — Max Halbe arbeitet an einer Komödie, die voraussichtlich den Titel„Walpurgisnacht" führen wird.— —„Das schwarze S ch ä f l e i u", ein neues Schauspiel von Richard Skowronnek geht am Donnerstag im H a m- bnrger Thaliatheater zum erstenmal in Scene.— — Marschners„Hans H e i l i u g" wird im Oktober neu einstudiert, unter Mucks Leitung, im Opernh ause in Scene gehen; Baptist Hoffmann wird die Titelrolle singe».— — Felix W c i u g a r t n e r hat seine Orestes-Trilogie („Agamemnon",.Totenopfer",«die Erimiyen") beendet. Die Oper wird noch in diesem Jahr im Leipziger Stadt-Theater die Erstaufführung erleben.— — Die B a y r e ii t h e r F e st s p i e l e finde» im u ä ch st e n Jahr wieder statt. Hans Richter fiedelt nach Bayreuth über.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Dunk und Verlag von Max Babing in Berlin.