Ur. 233 Absimements-Hcdlngungen: adonnemenlZ- Preis pränumerando: »ierleljährl. 3,g0 MI., monall. l.IVMI., wöchentlich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Psg. Eonniags- Nummer mit illuslrieuer Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: ZP0 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zetlungs- Preisliste sur 1899 unter Qr. 7820. Unter Kreuzband sur Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, srir das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Erscheinl täglich«usjer ZLoning«. IS. Jahrg. Devlinev Volksbl�kt. Die Jnftrttons- Gebühr beträgt für die sechigespaltene Kolonelzeile oder deren Raum so Psg., sür politische und gewerlschastliche Vereins» und VersammlungS-Anzelgen 20 Pfg. „Kleine Allielgen" jede» Wort 5 Pfg. tnur das erste Wort seil). Inserate für die nächste Nummer müssen biS s Uhr nachmittags in derSxpedilion abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bi» 8 Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt l, Nr. 1208, Telegramm-Adresse: „Sorlaldrmokriet Berlin" COntratorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschtands. Redaktion: SW. 19, Beuth-Strasze 2. Donnerstag, den 5. Oktober 1899. Expedition: SW. 19, Benth-Straste 3. Agrarische Klopffechtereien. Es wird uns geschrieben: Alle Welt war bisher darüber einig, daß die Brotverteurer ausschließlich in dem Lager der Agrarier zu suchen sind. Es ist ja nur natürlich, daß die Produzenten von Getreide in Verfolgung ihrer egoistischen Interessen das Bestreben haben. möglichst hohe Preise für ihre Produkte zu erzielen. Die agrarische Presse hat durch ihre Haltung bisher diese allgemeine Annahme nur bestärkt. Sie hat dauernd den Glauben genährt, daß der Getreidehandel, namentlich so lange die Getreide-Terminbörse bestand, die Landwirtschaft durch niedrige Preise schädige. Man schlage die agrarische Presse aus den Jahren nach, wo der Kamp' gegen das Getreide-Ternüngeschäft tobte, und man wird in jeder Nummer einen Artikel des Inhalts finden, daß der Terminhandel den Produzenten den angemessenen Preis für den Ertrag ihrer Arbeit versage. Systematisch wurde der Terminhandcl der Preisschleuderei und der künstlichen Ver billigung von Getreide beschuldigt. Es wurde hierfür am geführt, daß die an den Börsen gehandelten Getreidemengcn thatsächlich oft gar nicht vorhanden seien, daß vielmehr durch Scheinverkäufe der Glaube geweckt werde, als lagerten erheb liche Getreidevorräte auf den Getrcidcmärkten, was die Preisbildung im Sinne der Baisse beein flussen müsse. Die Getreidehändler und ihre Presse repräsentierten daher im Sinne der Agrarier immer nur die Brotverbilliger, die auf den Ruin der Landwirtschaft hin arbeiteten. Die allgemeine Meinung ging also dahin, daß die Agrarier die Brotverteurer, die Getreidehändler aber die Brotverbilliger repräsentierten. Wir werden nunmehr neuerdings eines anderen belehrt. Die agrarische Presse selbst ist es, die mit einem Male das Pferd beim Schwänze aufzäumt und uns einredet: wir. die Agrarier, sind die Brot verbilliger, und die Brot verteurer sind diejenigen, die den Termin Handel wollen.- Seit einiger Zeit ist der Roggcnpreis dem Weizen preis ganz nahe gekommen. Das„Berliner Tage blatt" sah sich daher veranlaßt, auf die Ver teuerung des Roggens hinzuweisen und sich gegen eine Erhöhung des Roggenzollcs auszusprechen. Diese Regung im Interesse der Konsumenten paßt der„Deutschen Tageszeitung" nicht in ihren Kram und sie spricht sich in einer Polemik gegen das„Tageblatt" dahin aus, daß wir nach der Meinung des„Berliner Tageblatt" noch viel höhere Roggcnpreisc haben würden, wenn es den bösen Agrariern nicht gelungen wäre, das Ternnnhandels-Verbot durchzuführen.„Sie(nämlich die Agrarier) sind also nicht Brotverteurer, sondern Brotverbilliger gewesen, während das„Berliner Tageblatt" an der Spitze der Brotverteurer marschiert, wenn es den Terminhandel wieder auf- leben läßt." Die„Deutsche Tageszeitung" mag in der Kunst einer gewissen Agitation schon manchen Treffer erzielt haben,— hier hat sie neben die Scheibe geschossen; denn so dlinlm ist wohl in ganz Deutschland kein Brot- konsument. es wären denn die Agrarier selbst, der an das Märchen glaubte, die Agrarier seien Brotverbilligercr. Wenn der Zufall es wollte, daß im Laufe des letzten Jahres Deutschland aus Mangel einer Getreidebörse niedrigere Preise zu verzeichnen hatte, als andere Getreidemärkte der Welt, so ist daraus bloß zu folgern, daß die Agrarier, die dem Ge- treidehandcl eine Grube graben wollten, in diese Grube selbst hineingefallen sind. Wenn sie nun aber den Schaden, der anderen zugedacht war, sie aber selbst getroffen hat, durch einen demagogischen Trick verbergen wollen, so lacht jed- tveder über ein solch mißlungenes Klopffechterstückchen. Man lacht umsomehr darüber, als die Agrarier im nämlichen Moment, da sie sich als die Brotverbilliger auffpiclen wollen, erneute Forderungen auf einen erhöhten Getrcidezoll aus- sprechen. In der„Deutschen Tageszeitung" vom 24. September präsentierten sich die Agrarier als die einzigen Brot- verbilliger und am 28. September forderten diese Brot- verbilliger wesentlich höhere Schutzzölle. Nun ist es aber gewiß, daß höhere Getreidezölle die Brotkonsumentcn belasten. Wenn die„Deutsche Tageszeitung" sagt, daß alles, was man sonst gegen die Erhöhung der Getreidezölle einwandte, jetzt„gründlich" widerlegt sei, so kennt sie nicht einmal die ihr nahestehende agrarische Litteratur. Die„Deutsche Tageszeitung" bezieht sich auf die Darlegungen des Deutschen Landwirtschaftsrates, die ergeben haben sollen, daß Deutschland der Gctreide-Einfuhr nicht mehr bedürfe. Die„Deutsche Tageszeitung" hat ent- weder die Darlegungen des Deutschen Landwirtschaftsrates nicht gelesen oder aber nicht verstanden. Im Endergebnis besagen diese Darlegungen nur, daß die deutsche Landwirtschaft im stände sei, dem deutschen Volke fast das gesamte zu seiner Ernährung erforderliche Brotgetreide zu liesern. Schon aus dcni„fast" geht hervor, daß wir der Getreide- Einfuhr noch bedürfen. Der Deutsche Landwirtschaftsrat hat aber bei seinen Berechnungen ganz und gar die Ausfuhr von deutschem Getreide und Mehl unberücksichtigt gelassen, wodurch sich entschieden die Einfuhrnotwendigkeit von Getreide für Deutschland verstärkt. Die„Deutsche Tageszeitung" weist auch auf die„geradezu ziviugende" Beweisführung des Brcslauer Professors Doktor v. Rümker hin, der gleichfalls nachgewiesen haben soll, daß wir der Getreideeinfuhr nicht mehr bedürfen. Professor v. Rümker hat unseres Erachtens allerdings eine sehr achtens werte Leistung vollbracht, indem er nämlich der deutschen Landwirtschaft gezeigt hat, welche Unterlassungssünden sie unter dem Schutzzollsystem in betriebstechnischer Beziehung sich hat zu Schulden kommen lassen. Wohl behauptet Rümker in seinen Ausführungen die physische Deckungsmöglichkeit des Getreidebedarfs durch die heimische Landwirtschaft, aber er hütet sich, zu behaupten, daß diese Deckung zur Zeit thab sächlich vorhanden ist. Und wenn Rümker zu der Ansicht kommt, daß das Defizit an heimischem Getreide wahrschein lichcrweise ein nur scheinbares sei, so heißt es einfach nicht lesen können, wenn man Rümker sagen läßt, Deutschland be dürfe der Getreide-Einfuhi! nicht mehr. Endlich behauptet auch noch die„Deutsche Tageszeitung", selbst die Gegner des Getreidezolles niachten das Zugeständnis, daß der Zoll in der Hauptsache nicht vom einführenden Inland, sondern vom ausführenden Ausland getragen wird. Gewiß sind Preis Konjunkturen möglich und thatsächlich schon dagewesen, wo das nach Deutschland exportierende Ausland den Zoll tragen mußte. Aber durchschnittlich trägt den Zoll ganz natürlicheriveise das gctreidebcdürftige Land, das durch den Zoll sein Getreide verteuert. Das gicbt die agrarische Litteratur selbst zu. ivenn sie auch die Verteuerung des Ge- treidcs durch den Zoll damit zu rechtfertigen sucht, daß die Konsumenten in dem Zollzuschlag die Landwirtschaft bctriebs fähig erhalten und sich vor eigener Vernichtung schlitzen. Denn würde die Landwirtschaft unrentabel, so würden die jetzigen Abnehmer der Jndustrieprodukte zu Konkurrenten werden und sämtliche Einkommensquellen außer der Grund rente, der Unternehmergewinn, der Kapitalzins und Arbeitslohn würden versiegen, ohne daß irgendwo ein Ersatz dafür entstünde. Belastend wirkt aber der Gctreidezoll auch nach agrarischer Ansicht. Was soll man also zu den Sprüngen und Widersprüchen der agrarischen Presse angesichts solcher Leistungen der Deutschen Tageszeitung" sagen? Sollte ihr schon um die Erfolge einer zollfreundlichen Sammlungspolitik bange sein? ast könnte man dies vermuten. Verlangt die„Deutsche ageszeitung" doch von der Regierung nicht mehr und nicht weniger, als daß sie unumwunden erkläre, bei den künftigen Handelsverträgen die Zollsätze wesentlich erhöhen zu wollen. Sie verlangt eine solche Erklärung, weil sonst der Unter- gang der deutschen Landwirtschaft besiegelt wäre. Auch diese Begründung ist krasse Aufschneiderei; denn in anderen Ländern, wie England, hat man keine Schutz- zölle, die Landwirtschaft befindet sich gleichfalls in einer Krise, trotzdem geht sie dort nicht unter. Ja, kompetente Beurteiler behaupten sogar, gerade die Agrargeschichte Deutsch- lands erweise, daß die Schutzzoll-Politik keine Sicherheit vor einer schweren landwirtschaftlichen Notlage gewährt habe. Für die Konsumenten, vornehmlich für die Arbeiterbcvölkerung, bleiben darum diejenigen, die höhere Getreidezölle verlangen, nach wie vor die Brotverteurer, und keine Spiegelfechtereien können die Agrarier von ihrem Kainszeichen befreien. �olikischo MebevMzt» Berlin, den 4. Oktober. Eine Lektion. Einer der beiden wegen der Kanalangelegcnheit gemäß- regelten Regierungspräsidenten, v. Colmar, hat in einem offenen Briefe an seine Wähler erklärt, es falle ihm nicht ein, sein Mandat niederzulegen. In diesem Briefe heißt es: Ich habe allerdings in voller Uebereinstimmunq mit den Interessen und Wünschen meines Wahlkreises— meinem Eide gemäß nach meiner freien Ueberzeugung ohne Aufträge und Instruktionen, wie eS die allseitig be- schworcne Verfassung ausdrücklich vorschreibt, abgestimmt. Es erscheint deshalb auch gänzlich anögeschlossen, daß ich jetzt, wie es in zahlreichen, mir zugegangenen Zuschriften irrtümlicherweise zum Ausdruck kommt, wegen dieses meines Votums in den einst- welligen Ruhestand versetzt iväre. Denn die in Preußen von den Ministern sowie von allen anderen Bcaniten und Abgeordneten gleichmäßig beschworene Verfasiung besagt mit klaren Worten, daß Abgeordnete für ihre Abstimmungen „niemals zur Rechenschaft gezogen", geschweige denn bestrast werden können. Es muß deshalb immer wieder nachdrücklich hervorgehoben werden, daß die Zurdispositionsstcllung deifenigen politischen Beamten, welche gegen die Kanalvorlage votiert haben, nicht wegen ihrer Abstimmung erfolgt sein kann, sonder» auS anderen ihnen nicht mitgeteilten Gründen vorgenommen sein muß. Daß ich an sich eine, nach allgemeiner Auffassung, unserer Partei und mir gewordene Kränkung tiefschmerzlich empfinde, bedarf keiner Ausführung. Ich scheide schweren HcrzenS aus der fast vierzigjährigen Bcnmtenthätigkeit, in welcher bislang mir nur Freude, Anerkennung und Dank zu teil geworden war. Der «eiilftweilige Ruhestand" giebt mir aber die erforderliche Muße, um eifriger und besser meine parlamentarischen Pflichten zu erfüllen. Als bis auf die Knochen königs- treuer Alaun werde ich dieS in dem Geiste, in dem ich geboren und erzogen bin, in dem ich bisher gewirkt habe und bis ans Ende verharren werde, auch ferner thun. f Man kann sich keines zweiten Falles erinnern, in dem ein preußischer Regierungspräsident mit so vernichtendem Hohn gegen die Regierung vorgegangen ist. Mit grimmiger Ironie hält er der Regierung vor, daß die Maßregelung verfassungs- widrig ist. Und niemand wird behaupten, daß Herr v. Colmar mit seinen Darlegungen unrecht hat. Das neue Ministerium. —8t— Wien, 3. Oktober. Heute endlich hat die zehntägige Ministerkrise ihr Ende erreicht. Die sogenannte Regierung Clarh hat ihr Amt an- getreten. Provisorischer kann eine Regierung schon nicht sein; erstens sind drei und zwar so ziemlich die wichtigsten Porte- feuillcs nicht besetzt worden.— Die Ressorts des Unterrichts, des Handels und der Finanzen erhielten keine Minister. sondern nur Leiter— und zweitens hat das neue Kabinett keinen Miinsterpräsidenten, denn Graf Clary ist bloß mit dem Vorsitz im Ministerräte und das nur provisorisch betraut worden. Allgemein ist deshalb die Empfindung, dem neuen Ministerium werde nur eine kurze Lebensdauer bcschiedcn sein, wenn auch wieder niemand zu sagen vermag, was dann kommen könnte. Diese Beanitenregierung hat im Grunde keinen anderen Zweck, als die Delegationswahlen durchzubringen; ist das einmal erreicht, dann kann wieder mit dem ß 14 regiert werden und Ocstreich ist auf ein ganzes Jahr neu geleimt. Werden die Jungczechen die Aufhebung der Sprachcnverordnungen henmterfchlucken, so wird Graf Clary bald wieder von einem Ministerium der Rechten ab- gelöst werden; werden sie aber diese sie so demütigende Maß- regel mit Obstruktion beantworten, so ist eben das Chaos da, das Regime des§ 14, und den kann natürlich ein Beamte» ministenum ebenso handhaben wie jedes andere. Was aber zu erwarten ist: nämlich die Quellen zu verschütten, aus denen die Möglichkest der Obstruktion entspringt— das wird Gras Clary eben so wenig versuchen,>vie seine Vor- gänger oder Nachfolger. Die Entwickclung des Drama Oestreich, ist durch derlei belanglose Episoden weder zu hemmen noch zu wenden. Die neuen Männer sind ein buntes Gemisch von tüchtigen Beamten und absoluten Nullen. Aus dem Kabinett Thun stammen zwei Minister: der Eiscnbahnminister Wittel. ein einsichtsvoller und kenntnisreicher Mensch, der bei Hof peroona gratissima ist, und der Landesverteidigungsministcr W e l s e r s h e i m b, der bereits zwanzig Jahre Minister ist und jetzt das siebente Kabinett mitmacht. Die Seele des Ministeriums dürfte der Minister des Innern sein, Herr v. Koerber, der im Zwischenaktsministcrium Gautsch Handclsministcr war und als ein genauer Kenner der Ver- waltung gilt. Dr. Härtel, der Leiter der Unterrichts- abteilung. ist für" östrcichische Verhältnisse ein ganz freisinniger Mann; Dr. Stribral, der Leiter des Handelsministeriums, ist der beste Kenner der Handels- Politik. Ein Dutzendmensch ist der neue Justiz- � minister Kindinger, den nian von Trieft geholt hat. Geradezu lächerlich ist die Ernennung eines ganz unbekannten Ministerialrates Namens Chledowski zum Minister sür Galizicn, und einfach ein Skandal ist die Bestallung eines gewissen K n i a z i o l u ck i zum Leiter des Fin anzrcssorts. Das ist ein vulgärer Antichanibremensch. den Herr v. Riljuski aus einem kleinen Beamten der Bodenkrcdit- Ansta lt zum Sectionschef gemacht hatte; die Not muß schon sehr groß gewesen sein, wenn Gras Clary keinen anderen Finanzminister aufgetrieben hat, als diesen ganz unwissenden und talentlosen Protektionsmenschcn. Auch nur vom fach- lichen Standpunkt betrachtet stellt sich also das Ministerium Clary als ein ziemlich grotesker Einfall dar.— Kriegsbeginn? In London geht das Gerücht, daß die britische Agentur in Pretoria Befehl zur Einziehung der Flagge erhalten und daß die Feindseligkeiten bereits begonnen haben. Und das„Reuter- Bureau" meldet aus Bloemfontain: die englischen Truppen haben bei Knnberley die Grenze des Oranje- Freistaates über- schritten. Ist diese Meldung richtig, dann ist der Krieg da; dann werden bald die Schnellfeuergeschütze donnern und die klein- kalibrigen Gewehre Menschenleiber zerreißen zum Zeugnis menschlicher Gesittung und Kulturhöhe an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts. Nach anderen Meldungen ist allerdings der letzte Schritt zum Kriegsbeginn noch nicht gethan worden und es wird er- wartet, daß die Regierung von Transvaal eine nochmalige Antwort auf die letzte englische Note geben wird; Londoner Blätter wollen wissen, daß Transvaal die Landung weiterer englischer Truppen als Kriegsfall erklären will. Ucber die Truppenbewegungen der beiden Gegner liegen folgende Meldungen vor: Der„Standard" meldet aus Newcastle vom 2. d. Mis.: Die VorwärtS-Beivegung der Streitkräfte der Voeren, welche die Grenze von Natal bedrohte, ist plötzlich ins Stocken gerate». Die Mehr- zahl der BurgherS, welche sich auf den Höhen nordöstlich und östlich angesammelt hatten, ist nach ihrem ursprünglichen Stützpunkt bei Sandspruit zurückgegangen. Der Korrespondent des„Standard" hebt hervor, eine zahlreiche Streitmacht könne sich unmöglich in jenem Gebiet längere Zeit halten, da nur wenig Fourage vor- handen sei. AuS K a p st a d t'berichtet vom Dienstag das„Rcutersche Bureau": Ans verschiedenen Mitteilungen läßt sich schon jetzt der Fcldjngöpla« Irr Vvcrm tuttbtft d rer Bocrcn ersehen. Die Hauptstreitkräfte der den schmalen Streifen lion Natal uuirinaen, der zwischen Transvaal und dem Oranje- Freistaat liegt. Die Kvmmandvs �von Transvaal werden Laingsneck, CharleStown und Dundce bedrohen, während im Oranje- Freistaat das Kommando von Harrismith vorn Bameeiians-Paß aus operieren und Ladhsmith dedrohen wird. Dr. James on befindet sich augenblicklich im Matabeke l a n d. wo er die Eingeborenen anwirbt, um daZ Nhodesia-Gcbiet gegen den Einfall der Bocren zu verteidige».— Deutsches Fteich. Scharfmachcr-Je«. Die tüchtige Rede, die Brentano mif dem nationak-sociale» Delcaiertcntag gegen die Znchthausvorlage gehalten, hat die im Dienste der Großindustrie frohncnden Blätter zu wilden Flüchen hingerissen. Die„Post" äußerte n. a.: „Dieser Mißbrauch der Wissenschaft zum Zwecke einer politischen Stiinmungsmncherei, die am letzten Ende niemand zu gute kommt, als der Socialdcmokratie, und die so. dringend er- forderliche Sninmluug aller staatserhaltendcn Parteien gegenüber den Machte» dcS Umsturzes illusorisch zu mache» droht, ist von uns schon oft gcnng und mit. berechtigter Schürfe gekennzeichnet worden." Des weiteren bekennt das Stnmmsche Blatt wieder einmal, daß die ZuchthauSvorlage ein Ausnahmegesetz gegen die Socialdcniokratie sein soll: „Charakteristisch für seine Auffassung ist eS schon, daß.. Socinldemokratie und Arbeiterschaft fortwährend in eine» Topf wirft iind dementsprechend ein Gesetz, das sich gegen die terroristischen Ausschreitungen der Umstnrzpurtei richtet, ohne weiteres als gegen die Arbeiterschaft gerichtet erklärt. Durch von solcher— scheinbar unparteiischer— Stelle geäußerte Anschauungen müssen ja die Arbciterkvpfe scheu gemacht und niit Mißtrauen' gegen die Absichten der Regierung erfüllt werden." Offiziell wird so sehr geleugnet, daß eS sich um ein neues Socialistengesctz handelt, daß ja sogar zur Empfchlung des Eilt Wurfes hervorgehoben wird, wie auch die Arbeitgeber gleicher- maßen getroffen sein sollen. Die„Post" ist offenherzig oder einfältig genug, um diese Flunkerei zn zerstören. Noch kräftiger läßt sich die Kruppsche Zeitung die„Berliner Neuesten Nachrichten" aus. Sie reden von demagogischer Berhetzung:'' „Wenn diese Wissenschaft auf eine geradezu demagogische, ver hetzende Art in de» Dienst des Tagespolitik gestellt werden soll, dann ist der aNerschärfste Protest und Widerstand geboten. Auf lencm gefährlichen Wege ist seit unserer neueren praktischen Socialpolitil allmählich wejter und weiter fortgeschritten worden; jetzt aber kommen wir allmählich an eine Grenze, wo im Interesse der StaatSerhaltung einmal ein energisches Halt geboten werden muß. mag noch soviel Geschrei wegen Be drohuug der Freiheit der Wissenschaft und dergleichen er- Hobe» werden." . moderne Inquisition in reinster Form! Man benutzt zwar nicht die Scheiterhaufen, versucht aber, die Männer der freien Forschung in den Hochöfen einzuschmelzen. Das Kanonciwlatt schreibt: „Wir weine,,; daß diese Proben genügen, um zn zeigen, welche anf Verhetzung hinauskommende Irreführung auch von solchen Maunern betrieben wird, die berufen sein sollten, von hoher Warte . o u f t l ä r e n d und ausgleichend zu wirken. Das Spiel beginnt von neuem das Gesetz zum Schutz der Arbeitsivilligen incht sachlich zu erörtern, sondern demagogisch zn verlästern und totzuschlagen. Man darf sich auf verschärfte Kämpfe gefaßt machen, die durch den vergiftenden Geist, welcher ihnen, wenn auch mehr oder weniger nnivilleiitlich und unbewußt, von zu den besten nationalen Stützen berufenen Männern eingehaucht wird, allerdings zu Gunsten der umstürzlcrischcn Socialdeiiiokratic an den Fundamenten des Staates rütteln werden. »Zum Bolkstribimeu wird wohl Herr Brentano nicht Gelegen- hcit haben, sich ausziiwachscn. Vielleicht wäre eS ohnedies an der Zeit, daß er selber und seine socialpolitisch auftretenden Kollegen wie mich andere Stellen ernstlich erwäge», ob ein solches Auf- treten dein hohen Amte von Pflegern der deutschen Wissenschaft und des nationalen Geistes entspricht." Die journalistischen Industrie- Inquisitoren verlangen also schamlos die gewaltsame Unterdrückung der Wissenschaft. Ein Minister darf zwar ungestraft gegen die Gesamtregicrniig intriguiere», ein Professor aber soll gehalten sein, statt seine Uebcrzcngiuig aus- zusprechen, dem Profithungcr der Großindustrie zu dienen.— der Gesetze noch deutlicher er- sich die Verwanning des Ueder de» Friedensschluß zwischen Miguel und de» Kau- servativeu schreibt die„Germania" weiter: »Wir haben bereits mitgeteilt, daß die„Friedenskonferenz" in den R e d a k t i o n s r ä u m e n der„K r e u z- Z c i t u n g an, Mittwoch a b e n d stattgefnuden hat. Die„Kreuz- Zeitung" hat dies nicht in Abrede gestellt. Die beiden Delegierten zur„Friedens- konfercnz", von dencii einer dem Herrn v. Miguel näher steht, hatten zu ihrem Bedauern den Chcfrcdactenr der„Kreuz- Zeitung", Herrn Abg. Prof. Dr. Kropatschek, nicht anwesend getroffen. Aber da die Sache drängte, hielten sie mit einem andern Herrn von der»Kreuz- Zeitung" eine längere Konferenz ab. deren Niederschlag in der kurzen NückzugZ- Notiz in der Morgcnnununcr der»Kreuz- Zeitung" vom Donnerstag zu erkennen war. Nackidem die„Fncdcns-Konfcrenz" in den RedaktionSrSilmcn der„Krcuz-Ztg." beendet war, wurde auch die „Deutsche Tageszeitung"'„anthcntffch" verständigt, so daß auch diese noch am Mittwochabeiid den Rückzug antreten konnte, was freilich in minder gcscbicktcr Weife geschehen ist. als in der „Kreuz-Ztg.". Dafür aber hat die„Dt. Tagcszrg." das Verdienst in Anspruch zu nehmen, die Ocffentlichkcit in recht ausfälliger Weise anf den politischen S c e n c n w c ch s e l durch den cigencii Rück- zng aufmerksam gemacht zu haben, der sich bei ihr innerhalb 24 Stniidcii vollzogen hat." „Selbstiiberhebuug der„revolutionären" Soeialdemv- frgtie" nennt daS Stmmnblatt es, daß wir in unserem gestrigen Leitartikel der Znnftdiplomatie den Spiegel vorgehalten haben. Die Äntwort ans unsere Aiislassimgcn in den zerschmetternden Argiimriutti besteht: 1. daß wir an Frankreich verkauft sind. 2. daß nfir vor den Achtmillimctör-Gewehren der Soldaten Angst haben und den Staat folglich doch nicht für morsch und schwach balten küimtii; und ä. daß wir„mehr für die behagliche Situnfion des gegenwärtigen als die unsichere unseres zukünftigen Staates schwärmen". Unter der»behaglichen Siniatio» des gegenwärtigen Staates" versteht der Leitartikler der.Post", der mir der dcmichcu Sprache ans sehr gespanntem Fuße lebt,„die behagliche fvon Arbeitergroschc», die Herrn Stumm entgangen find, gegriindete Situation) der„gc- mästeten Agitatoren" im gcgcmvärtigen Staat. Ob diese journalistisch« Leistung auch mit 25 Mark honoriert worden ist, wit die famosen Leitartikel des induftriösen Herrn v. Zedlitz?_ Kapitalistische GeseprSverächter. Da® Landgericht in Elsen ist jetzt inik eitlem PrSzeffe beschäftigt, der anss helle die Berechtigung der Forderung zeigt, daß Arbeiter zur Grilbciikoiittolle hcrnngczögcn iverden sollen. In den Jahren tLll? und 1898 sind ans Zeche»Unser Fritz" seitens jugendlicher Arbeitet Nichrerc Ilcbcischichtcn verfabreu worden auf direkte Anweisnng verantwortlicher Veainten. Der Haupt- beschnldigte ist der Betriebssilbrel: Hohcndaht, dem durch Verfligung dcS Revicrbcanitcn am 18. Januar d. Js. die Bcaintcnqiialifikntion aberkannt wurde, llnglanviich ist die Gewissenlosigkeit, mit der die angedenteten Uebertretimgen systematisch begangen wurden. So ist z. B. schon festgestellt, daß jugendkiche Arbeiter 18 Stunden hintereinander beschäftigt wurden. Nach einer solchen Arbeitszeit gönnte man ihnen dann aber nicht mal genügend Ruhezeit, bereits nach 5�2 Stmitzeu mußte» sie wieder ins Joch. In 14 Monaten haben »» jugendliche Arbeiter allein«8? Neberschichte» versahreu. Die meisten der verfahrenen Ueberjchichten fallen aber nur auf ivcuige Monate, so daß in einem Monat bis zu S verfahren wurden. Alich die Bestimmungen Über die Beschäftigmig jugendlicher Arbeiter an Sonn»»nd Festtagen sind fortgesetzt ubertreten worden, indem IvjKhrige Jungen in zahlreichen Fällen Sonntag V, Schicht arbeiten mußten. Mit welcher Verachtung die gesetzlichen Bestimmungen, durch welche die schutzbedürftigen jngeudlichen Arbeiter vor schrankenloser Ausbeutung bewahrt werden tollen, übertrete» wurden, erhellt aus folgendem: Am 17. August v. I. ist der Grilbeilvorstaiid der Ge- wcrkschaft»Ilnscr Fritz" durch eine Lcrfügimg des Nevierbcamteu auf die bereits eutdccklcii Unrcgeliuäßigkciten aufmerksam gemacht worden, mit dem gleichzeitigen' Hinweis auf die Haftbarkeit der BcrgwerkSbcsitzer. Trotzdem sind in den folgcndenMonaten nach wie vor Ucbcrschichten seitens jugendlicher Arbeiter verfahren worden. Damit ist die völlige Mißachtniig ivicscn. Im Januar diese? Jahres, nachdem Revierbcamten als erfolglos erwiesen hatte, ordnete die Bergbehörde eine genaue Revision' der betreffoudeii Belege, Markcnbücher, Slbichteuzcttcl, Journale ic. an. Die hiermit beanstragteu Beamten fanden, daß die Belege durch Rasuren und Neneintragungeu gefälscht wären. Der Zweck der Fälschnng war, die Konftatierung der durch jugendliche Arbeiter vcrfahrciicn Schichten unmöglich zu machen. Man war sich also der gemachten GesetzeSiibertretungen, die durch neue verwischt werden sollten, vollauf bewußt. Die gcnnmltcn Bergchen angeordnet respektive dnrch akiioe oder passive Beihilfe gefördert zn haben, sind 14 Personen angeklagt. Der Prozeß wurde nach dem ersten Tcnnin vertagt. Hier zeigt sich wieder cimnal. daß ein besserer Schutz der Ar- beiter gegen die kapitalistische AiiSbeittiiiigssiicht nötig wäre, anstatt des Schutzes der sogeiiaimten Arbeitsivilligen durch Znchthausgesetze. Es wird abzuwarte» sein, wie das Landgericht diesen Fall beurteilt; die Gelvcrbe-Ordiiuiig schreibt Geldstrafe bis zu 2000 M. oder im IliivcimögciiSfalle GefäuguiS bis zu t> Monatelt vor. Bisher hat man jedoch mcmalS von ncnuciislvcrtcr Bestrafimg in solchen Fällen gehört. Wenn irgendwo, so wäre hier eine exemplarische Strafe gerechtfertigt._ Zur Tnrchfiihrniig der neuen Bestiminnngen deS Jnva- lidcnvcrsicheruugS- Gesetzes geht eine offiziöse Notiz dnrck, die Presse, die ii» einem wichtigen Pnnkte irreführend ist und der Richtig- stclliing bedarf. ES handelt sich nin die Wahlen der Vertreter der Versicherten als VcrtrancnSIcnte bei den unteren BerivaltungS- bchörden Diese Eiiirichtinig ist iicn und neu ist im Gesetze auch eine Art Ausdehnung dcS Wahlrechts für diese Vertranenslcnte. Bisher wurden die Mitglieder der für die Versicheriingsnnstalten bcstchciidcn Ausschüsse nur von den Vorständen der ZwaugS-Kraukeu- kasscn, unter Aiisschluß der freien Hitfskassen. gewählt. Die Ausschnß- mitglieder wurden bisher von den Vertretern der Versicherte» bei den untcrcu VcrivaltinigSbchördcu gewählt; diese VcrtrouciiSleutc selber aber werden nun von den Kassenvorsländen gcivählt. Da-nan dem alten Verfahren den Ausschluß der freie» Hilsskassen mit Recht zum Vorivurfc gemacht hat, so hat sich die Sicgicriing und der Reichstag. clitgcgciikommcud wie mau bei uns für Wünsche der Arbeiter immer ist. dazu verstaudeii, das Wahlrecht auch auf freie Hilsskassen aus- zudchiicn, und dicS teilt die offiziöse Auslassung auch mit. Nur er- ivähiit sie nicht, daß diese Wahlrechts-AuSdchmuig so gut wie nichts bedeutet; sie beschränkt sich nämlich nur auf solche freie Hilsskassen, die sich nicht über den Bezirk einer iiutcrn Verwaltungsbehörde hinaus erstrecken. Das sind also mir ganz kleine, auf einen oder wenige Orte sich erstreckende Kassen, deren Mitglicderzahl im ganzen nicht groß ist. Die großen ccntralisicrtcn Kasie», an die allein die Arbeiter denken, wenn sie die Zulassung der Hilsskasscn wünschen, sind nach Ivic vor ausgeschlossen.— Keine Mittel! Nachdem die deutschen Bcrglciitc seit Jahren eine intensivere Aufsicht der Bergwerke durch staatliche Beamten vcr- langt, hatte sich endlich die preußische Rcgiermig herbeigelassen, dem Landtag in seiner letzte» Session einen entsprechenden Entwurf zn unterbreiten. Ter Landtag bewilligte die nöligc» Mittel zur Anstellung von zunächst f ii» f z i g Unterbeamten. Den Wünschen der Arbeiter genügte dies keiuesivegs; sie hatten verlangt, daß die Belegschaften die unteren AussichtSbcamten ans ihren Reihen wählen 'ollten; es sollten das vor allem die V e r t r a n e n s l c u t e der Arbeiter sein. Davon wollten natürlich die Unteiiiebincr nichts ivisscn, und so wurde Gesetz, daß die Bcrgvcrwaltuiig auch dic lliitcr- bcanitcu anzustellen habe. Mau höre min, wie die Behörden ihre Aufgabe gelöst haben. Die»Rat.-Lib. Korrespondenz" teilt darüber mit: Zu dem untere» AufsichlSdicnst sollte» erfahrene Steiger genommen werde», die auch durch ihre Persönlichkeit zu' dem schwierigen Dienste geeignet waren. Die Bcrgvcrwaltmig sah sich daher darauf angewiesen, auch anf die Arbeitskräfte privater Bergwerksbelriebe zurückzugreifen. Bisher ist c s i h r aber n i ch t g e I n n g e n, f ü n f z i g n e u e Kräfte e i» z n st e l l e n. In vielen Fällen zogen neu gewonnene Arbeitskräfte ihre Meldung nachher wieder zurück, offenbar weil ihnen die privaten Werke, zumal bei der vorzügliche» Koujnuktur, höhere Gehaltssätze zu bieten vermochten und g ü n st i g e r e B e d i n g» u g e u als die S t a a t ö r e g i e r»» g nach Lage des Etats e i n z u r ä u in e u in der Lage w a r. Infolge dessen sind etwa zwanzig Stellen bisher noch nicht zur Besetzung gc- laugt. Immerhin wird der„NaiionnIIibcralcii Korrespondenz" zufolge gehofft, daß es in der erste» Hälfte des kommenden Jahres gekingl. die noch leerstebendc» Stellen zu besetzen und den iiifolge des großen gelverblichen Aufschivunges so rapide gewachsenen Anforderungen des B e r z a n f s i ch t s d i r u st e ö ent- sprechen zn können. Wie unzulänglich müssen die Gehaltsangebote sein, wenn nicht einmal fünfzig Steiger aufzutreiben sind, die eine gc- sicherte staatliche Austellimg ihrer BcrnfSthätigkcit vorziehen. Es ist daS in der That ini höchsten Grade beschämend für den »reußischcn Staat, Iimsomchr, als dadurch den steigenden An- Orden, Ilgen des BcrganssichtsdienstcS nicht entsprochen werde» kann. Um so dcfrcmdciidcr ist es, als wir im Deutschen Reich soivohl, als auch im preußischen Staat gewöhnt sind, für andere Dinge merkwürdig viel Geld übrig zn haben. Und es muß um so lauter gegen diese Knickrigkeit protestiert werden, als eS sich hier um die größere Sicherstcllung der Gesundheit und des Lebens Tausender handelt.— Weimar, 4. Oftober. In einer Ministerkonferenz wnirdc unter Vorsitz dcS Großherzogs beschlossen, die Bekämpfung der social- demokratischen Agitation im Großherzogtum aufzniichmcn. Die Ein- bringung eines neuen Vcreinsgcsctzes nach preußischem Muster im Landtag wird beabsichtigt. Eine Berschlcchterung der oereinsrecht- lichcn Verhältnisse im Großherzogtum Sachsen-Weimar für die Arbeiterklasse ist nicht möglich. Schon jetzt regnet eS Verbote über Verbote. Die Socialdcmokratie gedeiht aber vortrefflich. Geutrninöblätter i» Bayern sagen sich in llebercinstimmnng mit den badischen Eentniinsführerii von der Licberschcn Taktik los, die auf ein Bündnis Mit dem knltUrkämpferischcti, etzkapitalistischc» Nationalliberalismus lossteuert. Auch in Bayeni hält es das Eeutrum»titer de» jetzige» Umstände» für richtiger, de» Rational- liberalen Abbruch zu thu». als ihnen durch eiuscitige Stellungnahme gegen ven»Umsturz", wie es Herr Lieber wünschte, Dienste zu leisten.— München, 3. Oktober. jEig. 33er.) Die bayrische Abgeordnetenkammer beschäftigte sich in der hentigen Sitzung zunächst mit den Wahlen der st ä n d i g e n Ausschüsse, die, einem Ueberein- komm«» der Parteien gemäß, per Acclamation vollzogen wurden; Misere Fraktion ist, mit Ausnahme der Geschäftsordiiiliigs-Kommission, in allen Ausschüssen vertreten. Einen weitere» Gegenstand der Tagcsordiiniig bildete die Interpellation der Centrums- Ab g e o r d n'e t e n. zur angenblicklichen Linderung der Not der durch die Hochwasser-Katästrophe geschädigten Bewohner un- verzinsliche oder gering verzinsliche Darlehen aus Staatsmitteln zu bewilligen. Dr. Daller(E.) be- gründete de» Antrag mit einem Hinweis ans die großen Ver- luste an Eigentum, wodurch der Kredit vieler Unternehmer untergraben und zahlreiche Arbeiter brotlos geworden seien. Minister v. Feilitzsch beantwortete die Interpellation sofort. Er besprach die von der Regierung getroffenen Hilfsmaßregeln, befürwortete den Antrag Dr. Daller zur Annahme und empfahl 3 Millionen Mark für diesen Ziveck zu bewilligen. Der Schaden lasse sich zur Zeit noch nicht feststellen; für Niederbahern. das weniger als Ober- baycrn gelitten, iverde der Verlust an Eigentum schätzungsweise auf 2 Millionen Mark veranschlagt. Nach Verlauf von viei Wochen werden die Berichte der Negierungskommissare vorliegen imd ein entsprecheuder Gesetzentwurf ausgearbeitet werden. Das HrniS bewilligte ciustimmig die 3 Millioneu Mark. Von unserei Seite sprach Genosse v. Volkmar, der sich besonders gegen die Ausführung des Ministers wendete, daß bei solchen Kalamitäten in erster Linie die Privattvohlthäligkeit Hilfe bringen müßte. Mittwoch erfolgt die Beratung de? zweiten Antrages der Centrums- partei, Mittel und Wege zur Hiutauhultung der- artiger Elementarereignisse zu suchen. Minister v. Feilitzsch suchte die Regierung heute schon gegen die zu er- warteiidcii Corlviirfe zu schützen: gegen derartige Elementarereignisse seien menschliche Vorkehrnngen unwirksam I AnS der Pfalz.(Eig. Ber.) Seit ihren verschiedenen Wahl- Niederlagen machen die Nationalliberalen die krampfhaftesten Ver- suche, wieder auf die Beine zu kommen. Um iki« Organisation bester ausbauen zn können, haben sich die Ludwigshafener National- liberalen einen eigenen Parteisekretär beigelegt, dem sie pro Jahr 4000 M. bezahlen. Nach dem Kölner Vorbilde richten sie ihre Hauptaufnicrksanikeit auf die Gewinnung der Jugend. In Dürkheim. Zivesiirücken und nun auch in Ludwigs- Hafen haben sie Jiigendverciiie gegründet, in der hauptsächlich die Jugend bis zun, Schwabe, lalker vertreten ist. Bei diesen Gründmigen jchcncn die Herren von„Bildung und Besitz" auch nicht vor offen- tundigem Terrorismns zurück. So namentlich in Ludwigshafeii, wo an einer viuladung, die vom uatioiialliberalen Parteisekretär H i ck e l zwecks Gründung' eines Jugeudvereins ausging, die viestagende Bemerkung augclnüpft war: � »Der Einfachheit halber soll u n e n t s ch u l d i g t e S Nichterscheinen eines Herrn zn der Annahme berechtigen, daß er nicht gewillt ist, dem Verein beizutreten." DaS dürfte dentliib geling sein. Achnlich geht die Pärteileitimg bei Gewinnung von Mitglieder» für den ins Leben zn rufenden»ationalliberalen Verein in dieser ladt vor. Die Anmeldung freiivilliger Mitglieder schreitet äußerst langsam vorwärts. Ilm ein rascheres Tempo hinein zn bringen, hat die Parteileitung sich an verschiedene Fabrikanten gewandt. un, diese' zu veranlassen, Arbeiter und Aus- scher auf den Fang von Mitgliedern auszuschicken. Die bekannte Badische Anilin- und Sodafabrik willigte auch ein und seitdem gehen deren Aufseher von HauS zu Hans, um Mitglieder zn bekommen. Da die Fabrik über 5000 Arbeiter be« schäfligt, dürfte der Verein bald eine stattliche Mitgliederzahl aus- zuweisen haben.. Dieses Vorgehen sieht zwar dem TerrorismnS so ähnlich wie ein Ei dein andern, hat aber dafür den Vorzug echt nationalliberal zu sein. Der prügelnde Polizeikommissar. Daß unsere deutschen Gerichte RoheiiSvergehen manchmal auch recht milde beurteilen, ivenii es sich bei'der Thäterschaft nicht um streikende. Arbeiter handelt. das geht ans einer Verhandlung vor der Straf- lammer des Landgerichts Metz hervor, in der sich der Polizeikommissar H a e s e n ans D i c u z e wegen Miß- Handlung und Beleidigniig zu vcraiitworten hatte. Haeie» hatte erfahren, daß ein Bürger von Dicnze, der Mctzgcrnieister Mantoux, in einer Wirtschaft erzählt habe, er kdcr Polizei- kvnmiijsar) sei ihm bös. ivcil ihm von Mantoux em Darlehen. im, das er ihn ersucht habe, abgeschlagen ivordcn sei. Sofort begab sick, Hansen ans das Bürgermeisteramt und ließ den Mmitoii'r unter dem Borwand einer nmltichcii Einvernahme aus 4 Uhr nachmittags dorthin vorladen. Als der letztere dort cm- traf und die Frage nach der obigen. Aeiißcrung über die Darlehens» Verweigerung der Wahrheit gemäß mit„Ja" beantwortete, zog H a e s c»» n t e r seine in Rock eine Hnudepettsche hervor u i, d hieb mit derselben dermaßen ans Mantoux ein. daß diesem das Blut v o in Gesichte rann. Dann beschimpfte er den Fleischermeister in der gröb- lichstcn Weise und stellte seine Roheiten erst ein, nachdem er vom Bürgermeister, der der ganzen Sccne beigewohnt hatte, zur Besiunuiig gebracht worden war. Hierauf wandte er sich nochnials an Maiitoux mit den Worten:»Du kannst froh sein, daß ich meinen Säbel nicht bei niir hatte, ich hätte Dir sonst den W a n st d u r ch b o h r t I" Bald nach dem Vorfalle reichte der Herr Kommissar zn allein andern noch eine Anzeige gegen M. bei der Staatsanwaltschaft ein, that über- Haupt, als ob er sich in vollem Rechte befinde. Später aber, als ihm die Tragweite seiner brutalen HandlmigS« weise zum Bewußtsein kam, begab er sich in die psychia- irische Klinik nach Straßburg, um die ganze Affaire auf eine im Zustande' krankhafter Erregung ausgeführte That hinaus- zuspielen, bei der die freie Willensbestimmnng ausgeschlossen war. Die gerichtlichen Sachverständige» durchkreuzten jedoch diese Pläne, indem sie erklärten, daß von geistiger Unzurechiiungsfähigkeit HaesenS im Augenblick der That keine Rede fein könne. Der �raatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten nebst 50 M. Geldstrafe wegen Beleidigung! das Urteil des Gerichtshofes lautete jedoch nur auf eine Gesamt- gefäiignisstrafe von drei Wochen. Ausland. Ocstreich- Ungar». Wie nervöS die iistreichische Regierung geworden ist, zeigt die durch die Staatsanwaltschaft in A n j s i g erfolgte Beschlagnahme des vor kurzem im Berlage von Job. Sasseiibach, Berlin, er- schienenen Buches: D i c M a ch t d c r F i n st e r n i s, Streiflichter ans der christliche» Kirche von Franz Sladct. Die Regierung scheint dieses Buch, das allerdings wenig Schmeichelhaftes für die katholische Kirchenhcrrschaft enthält, mit der„Los von Rom"-Belvegnng in Verbindnng zu bringen. Während der Verbreitung in Wien bisher kein Hindernis in den Weg gelegt wurde, wurde die erste Sendung, die»ach Dentjchböhinen ging, beschlagnahmt.— Schweiz. Bern, 8. Oktober. iEig. Vcr.) Die Schwenlnna oder der „Umfall" der butidcsräkliaicn Mehrheit in Sachen des Tabak- Monopols hat»ickit bloß bei de!, Socinldemokrnte» nnd den ihnen Nahestehenden Demokraten scharfe Kritik erfahren, sondern auch bis iveit hinein in die Reihen der herrschenden radikalen Partei Kopsschiittcli� erregt. Ein Blatt dieser Richtung meint, man habe offenbar auf den Bundesrat so lange eingeredet, bis er. d. h. seine Mehrheit, ans lauter Angst, durch seine abweichende Haltung die VersicherungSgesetze zu gefährden, sich beeinflussen und beivegen ließ, rechts»». Kehrt zu machen. Dieses schwächliche Vorgehen werde der Doppelinitiative und damit der Socialdcmolratie zu gute kommen. Die radikalen„BaSler Nachrichten" verspotten die ganze Sparpolitik der kompakten Majorität ihrer Partei, die im kleinen groß sei und den Kredit für Förderung der schweizerischen Kunst von IVO ovo auf 50 000 Fr., denjenigen für die Erhaltung schlvcize- rischcr Kunstdenkmäler von 50 000 auf SO 000 Fr. reduziert habe, um so zum Schaden idealer Güter kleinliche Ersparnisse zu machen, die gegenüber eincin Erfordernis von 7 bis 8 Millionen für die Subventionicrung der Bcrsichemng verschwindend sind. Es sind denn auch trotz alledem die Radikalen samt ihren Genossen von der bundesrätlichen Mehrheit fest davon überzeugt, dag die Einführung de-S Tabakmonopols schlicszlich doch zur Notwendigkeit werden wird. Dieser Umstand mutz allerdings in der Annahme bestärken, datz die so plötzlich und energisch inaugurierte Sparpolitik wie die Ablehnung des Tabakmonopols und die endliche Durchdrückung der Vcrsichcrnngs« vorläge parteipolitischen Motiven entsprangen, die in den bevorstehenden Erucuerungswahlen zum Nationalrat ihre Er- klärung finden. Wenn diese Woche die Session der BrmdeSversammlung zu Ende geht, so wird nächste Woche auf der ganzen Linie die Wahlbcwegung beginnen, und da wird es sich sofort zeigen, datz die Radikalen ihre neue Politik agitatorisch fruktifizieren und auch das ganze Ber- sicherungswerk zu ihrer Partcisache machen werde», um so recht glänzende Wahlgeschäfte zu machen. Auf die Wahlen hin treffen auch die Socialdemokraien ihre Vorbereitungen. Im Kanton Solothunr wird Genosse F ü r h o l z als Nationalrare- Kandidat gegen den radikalen Agrarier Gisy aufgestellt, im Vieler Wahlkreise Genosse Neimann gegen den Radikalen Oberst Will. In Bern tvird wahrscheinlich der Streber Sourbeck von der radikalen Partei fallen gelassen werden, da ihn die Socialdcmokraten selbst- verständlich nicht unterstützen.— Belgien. Rlost, 4. Oktober. Der Führer der Ehristlich-Demokraten, Dbbv D a e n s, welcher seine Kandidatur für die nächste Wahl aufgestellt hat, erhielt einen Brief des Genter Bischofs, worin dieser ihn auffordert, seine Kandidatur zu riickzu ziehen. Daens erividerte, er erkenne die Gewalt des Bischofs in kirchlichen Sachen an, nicht aber in politischen. Ndtiemal-f ocmler Vertretertag. Göttingen, den 3. Oktober. Geheimrat Prof. Vrentauo-Müncken hält seinen Vortrag über de» Schutz deS gewerblichen Vcrhiiltnisseö. Er betont, datz er keiner Partei angehöre, aber er hätte sich der Aufforderung Pfarrer Naunranus und Professor Sohms nicht entziehen wollen, beim die national-sociale Partei zeichnet sich dadurch miS, datz sie nicht unmittelbar den Interessen einer Erwerbsgruppe dient und außerdem habe sich auch Redners ganze Lebensarbeit der in Rede stehenden Sache gewidmet. Dcutichlaud ist seit dreißig Jahren mit an die erste Stelle gerückt, in politischer aber auch in wirtschaftlicher Beziehung. Nun auf einmal soll die Arbeiterschaft gefährlich geworden sein, die doch mitgewirkt hat am Aufschwung der T e ck> n i k und des Handels. Sie soll unter ein ÄnSnahincgcsctz gestellt werden, daS ihre Emporcntwickclung unmöglich macht. Noch niemals ist die deutsche Arbeiterschaft so einmütig gewesen. das Gesetz abzuweisen. Die evangelischen Arbeitervereine und die katholischen und die liberalen Arbeiter ivehren sich ebenso wie die Gewerkschaften gegen das Gesetz. Unsere Aufgabe ist es, die Jnter- essen der Arbeiter auch nach oben zu vertreten. Unser Ar- beitSrecht leidet an einer schreiende» Unwahrheit. Der Arbeitsvertrag wird einseitig festgesetzt. Jeder Verkäufer zieht sich vom Markte zurück, wenn seine Ware keinen Preis hat. Der Arbeiter kann feine Ware Arbeitskraft nicht zurückziehen, denn er muß von ihr leben. Darum hat sich dex Arbeiter koaliert, er zahlt Beiträge in eine Reservekaffe, damit er in gewissen Fällen Unterstützung empfängt. Nun erst kann der Arbeiter sich auch einmal im Verlauf seiner Ware Beschränkung auferlegen. Im Z 152, I sind die früheren Verbote der Verbindung der Arbeiter bcufs Erlangung besserer Lohnbedingungcn, uament- lich durch Arbeitseinstellung. aufgehoben. Doch damit ist die KoalitionSfteiheit noch nicht geschützt. Die Gesetzgebung hat die frühere» Verbote nur unvollkommen beseitigr.' Es sind neue Strafbestiinmungcn hinzugefügt, die die Ausübung der Koalitionsfteiheit erschweren. Man kann sagen, im Princip'haben die Arbeiter die Koalitionsfreiheit, aber wenn sie davon Gebrauch machen, w erde nsiebe straft.(Sehr richtig!) Die Arbeiter müssen umfassend organisiert sein, wenn sie etwas erreichen wollen. Die Organisation darf nicht nur auf einen ein- zeluen Betrieb beschränkt sein, den» das wäre ungenügend. D i e O r g a n i s a t i o n n, il ß d a Z g a n z e R e i ch umfassen. In einzelnen deutschen Staaten fallen die Berufsorganisationen noch unter das Verbot der Verbindung politischer Vereine. Der Reichskanzler hat feierlich die Aufhebung dieses Verbots vcr- sprochen, aber sein Bersprechea nicht eingelöst. Absatz 2 des ß 152 bestimmt, daß der Rücktritt von Vereinigungen obiger Art frei steht ohne Klage. Dies ist eine Auomalie, denn der rechtliche Schutz für den Zusammenhalt einer Organisation fehlt auf diese Weise. Die Organisationen können nur moralischen Druck ausüben, aber auch diesen läßt das Gesetz nicht zu. Ueberall wird jeder für einen Schuft erklärt, der ein Versprechen nicht hält. So gilt es auch für unehrenhaft, wenn er zum Streikbrecher wird. Dies erkennen auch die Gerichte an und halten den Ausdruck Streikbrecher für keine Beleidigung. U n d d o ch kann jemand be st raft werden, der einen andern so behandelt, wie er es verdient. Als jemand sagte:„Es ist nicht hübsch von Dir. anderen Arbeitern in den Rücken zu fallen," wurde er zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt.(Hört, hört l) Vcrrufserkläriingcn sind sonst allgemein. Auch Herr p. Stumm hat den Abg. Nüst che im Reichstag öffentlich in Verruf erklärt. Arbeiter dürfen aber keine Verrufscrklärungen anwenden: Ein Arbeiter in Breslau wurde wegen der einfachen Mitteilung, datz auf diesen Bauten nur Strcib- brecher arbeiteten, zu Gefängnis verurteilt I sHört. hört 1) Das Strafgesetz kennt keine Strafe für eine Drohung in einer Sache, die erlaubt ist. Ein Arbeiter aber kann bestraft werden, wenn er zu einem Arbeitswilligen sagt: Ich spiele nicht mcbr mit Dir Skat! oder: Meine Tochter soll mit Dir nicht mehr tanzen! Fälle von 4 Wochen Gefängnis liegen vor dafür. sHört, hörtl) Tie Innungen sollen SlandcSrechte und Standese'hre ivabrcn und pflegen; sie köimc» Minderheiten zwingen zum Beitritt. Das sittliche Urteil wird also durch staatliche Matznahincn gekräftigt. Bei Arbeitern soll das nicht gelten. Wirtliche Verbrechen, die zur Wah- rnng berechtigter Interessen begangen werden, gelten als Milderung. Bei den Arbeitsverabrednngen ist das nicht gültig. Arbeiter werden in solchen Fällen härter bestraft. Nun soll selbst daS noch nicht genug sein. 8 4 Absatz 3 der Znchthausvorlage ist die einzige, allerdings selbstverständliche Verbesserung. Alle übrigen Paragraphen erhöhen die Strafen. Sogar das Strcikpostenstchcn wird streng bestraft. Bei einem Streik will der Arbeiter seine Ware besser verkaufe». Beide Teile wollen beim Streik dem andern Ersatz abschneiden. Arbeitgeber haben dies leicht. Sie kennen einander, sie halten Umfrage, sie haben schlvarzc Listen, sie ziehen Ausländer herbei. Bei den Arbeitern hängt der Ersatz von der Güte der Organisation ab. I» England ist ein Pvstcnstehen kaum mehr nötig, denn die Organisation ist überall ber- breitet. In Deutschland, Ivo die Organisation schwach ist, m u tz P oft e N st e h e n erlaubt s e i n und die Presse mutz warnen dürfen. Postcnstehc» heitzt lediglich vom Thätbestand unter- richten. � Das ist nichts Unberechtigtes. Im englischen Gesetz 1875 wird das Posteustehen von allen Slrafcn befreit. In Dcntschland lvcrdcn Arbeiter wegen VerkchrSstörnng bestraft, die sich vor Bahnhöfen auf Bänke setzten.(Heiterkeit.) Die einfache Bekannt- machung in der Presse„Vor Zuzug wird gewarnt" wird bei uns bestraft.(Hört!) In der Vorlage ivird ausdrücklich als grober Unfug das Streikpostenstchcn bis zu einem Jahr bestraft. Arbeitgeber da- gegen können straflos schwarze Listen verbreiten.(Hört!) Noch niemals gab eS so schreiende Nngerechtigkeit.(Sehr wahr.) Dies alleS. im Interesse der Arbeiter".(Heiterkeit.) Weiter:§ 3 bedroht diejenigen, die es sich zum Geschäft machen, andere zum Streik zu verleiten, mit Gefängnis nicht unter 3 Monaten. Dies sind Gewerkvereins-Beamte.(Hört I) Arbeitgeber dagegen haben hochbczahlteAgenten. Gewerkvc'rciiis- Beamte könnten künftig nur noch. gefähr- liche Individuen sein, die aus dem Gefängnis nicht viel heraus- kommen.(Sehr richtig.) Den Arbeitern Ivird auf diese Weise d i e Ausübung des K o a l i t i o n s r e ch t e s vollständig unmög- lich gemacht. Jeder Ausstand kann das Eigentum irgendwie ge- fährden. Graf P o s a d o w s k y hat von Gefahr der»Rechtsgüter heim Streik gesprochen. Kurz, wenn man Arbeiter bestraft, weil sie sich weigern, zu gewissen Bedingungen zu arbeite», so haben wir wieder die alte, echte Sklaverei.'(Bewegung.) Sollte das Gesetz durchkommen, so ist daS die grünte Revolution von oben. Doch nicht nur fort mit dem Gesetz, sondern Reform;des be- stehenden Rechts, das ungerecht ist. Der Streik ist gelvitz nicht gut. Man mutz ihn zu vermeiden suchen. Jedes Gesetz muß den Thatsachen entsprechen. Welches sind die? DaS Bedürfnis der Arbeiterklasse nach Gleich- berechtigung beim Arbeitsvertrag besteht. Dies ist in den kaiser- lichcu Februar-Erlassen feierlich anerkannt. Die Arbeitsbedingungen sind für die Arbeiter nicht mehr individuell, sondern gemeinsam. Die Arbeitgeber behandeln sie auch als Gesamtheit. Die gemeinsam Interessierten müssen als Gesamtheit mit den Arbeitgebern verhandeln. (Sehr richtig.) Mit einer Gesamtheit kann mau aber nur verhandeln durch Vertreter. Diese Vertreter müssen die Garantie für die Ge- samtheit übeniehmen. Zwar besteht die Möglichkeit, daß die Streiks größer iverden, über allgemeinere Gebiete sich erstrecken. Aber nur unorganisierte Krbeitern'iassen neigen zu regellosen Streiks. Das Sihieds- und Einigungsverfahreu dient zur Be- seitigung der Streitigkeiten. Die Gcwerbegerichte können das nicht leisten, diese brauchen nur unparteiisch zu richten. Dagegen zur Beseitigung des Streiks muß man Kenntnis des Marktes haben. In den Gewerbegerickiten sind Männer aus verschiedenen Branchen. Diese habe» natürlich keinen Neberblick über jede Branche. Die gewünschten Einigungskammern müssen aus Arbeitern und Arbeit- gebern der bctrcsiendeu Branche zusammengesetzt sein und kollektiv die Bedingungen vereinbaren. Diese können den Streik vermeiden. Dazu mutz avcr auch das Verbinduugsverbot der Vereine aufgehoben werden. Folgende Resolutionen schlägt Referent vor: 1. Es ist dringend nötig, datz jene Geictze, wonach in einzelnen deutschen Staaten BerufSvrgauffatiönen der Arbeiter als politische Vereine behandelt werden uiid ihnen die Verbindung unter einander untersagt ist, aufgehoben werden. 2. Ein neues Gesetz über EiuiguugSberfahren ist nötig, wonach das EiuiguugSamt aus Vertretern beider Parteien der unmittelbar am Streite beteiligten Gewerbe zu bestehen hat; auch soll das neue Gesetz den Behörden die Befugnis geben ein Einignngsverfahren einzuleiten. 3. Der Z 152, 2 der Gewerbe-Ordnung ist zu beseitigen, da- gegen soll der K 105 der Gewerbe-Ordnung lauten:„Die Festsetzung der Verhälnisse zivischci: den selbständigen Gewerbetreibenden und de» gewerblichen Arbeiter» ist vorbehaltlich der durch die Reichs- gesctze begründeten Beschränkungen, Gegenstand freier Uebereinknnft. Eine solche kann nicht blotz von einem Gewerbetreibenden und einzelnen Arbeiter, sondern auch von Korporationen, von Gewerbe- treibenden und von Korporationen von Arbeitern mit Wirkung für ihre Mitglieder rechtsverbindlich abgeschlossen werden. Wo immer eine Korporation von Arbeitgebern oder Arbeitern die Arbeits- bedingungen für ihre Mitglieder vereinbart, haftet das Korporations- vermöge» für die Erfüllung dieser Arbeitsbedingungen seitens ihrer Mitglieder. 4. An Stelle des bisherigen§ 153 der Gewcrbe-Ordnnng ist zu bestimmen, datz alle Vergehen und Verbrechen begangen von Arbeit- gebern oder Arbeitern, um sie zur Teilnahme an Verbindungen oder Verabredungen, die eine Einwilkulig auf Arbeits- oder Lohnvcrhältniffe bezwecken, zu bestimmen oder von der Teilnahme an solchen Vcr- eiiiigungen oder Verabredungen abzuhalten nach Matzgabe der Be- siiiunnuigen des deutschen St.-G.-B. bestraft iverden sollen. _ Mit einem Appell an das deutsche Kaisertum, das nicht seine Aufgabe die untere» Volksschichten zu schützen vergessen möge, wie leider die Hohcnstaufer sie versäumt und damit den Niedergang Deutschlands im 13. Jahrhundert im Gegensatz zu England und Frankreich verschuldet haben, schlietzt der Rcferciit.(Brausender, lang anhaltender Beifall, viele erhebe» sich von den Plätzen.) Das Korreferat hält Schriftsetzer Knhlmauu aus Hamburg. Er betont namentlich die wohlthätige Wirkung der Geiverkschaften und beruft sich darüber u. a. auf die amtlichen Aussagen der Fabrik- Inspektoren. Die national-sociale Arbeit sei vergeblich, wenn die Znchthansvorlage durchkäme. Denn die Partei hätte gesagt zu den Arbeitern, habt Vertrauen zum heutigen Staate. Dies Vertrauen wurde aber durch die Vorlage vernichtet, sie macht den Staat zum Klasscnstaat. Auch Korreferent erhält brausende» Beifall. In der Diskussion verlangt v.(l)crlach die Aufhebung aller die Frauen an der Organisation hindernden Bestimmungen. Im übrigen betonte er, datz dieselben Vergehen bei Arbeitern ganz anders beurteilt iverden als bei den besitzenden Klassen. Durchprügeln des Nachtwächters, Fenster einschlagen usw. gelte bei Arbeitern als Unfug, bei Studenten als Ull. Gehcimrat Tohm betrachtet den Antrag Gerlach als schon enthaltend in den Brentanoschen Resolutionen. Es sei zwar bestechend, wenn das Gesetz sage, es verteidige die Freiheit des Arbeitswilligen, aber es nützt dem einzelnen die Freiheit nichts. Die individuelle Frei- heit hat nur Wert durch die Organisation, denn der Arbeitsvertrag mutz gemeinsam gcschlosien werden. Der einzelne hat keine Macht, den Arbeitsvertrag durchzusetzen, u»d er hnl kein Geld für sich. Die gemeinsame Organisation allein besitzt die Macht dazu und das Geld. Das Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen will nicht nur persönlichen Schutz wie für jeden anderen Staatsbürger, sondern es will übertriebenen Schutz; dies ist falsch. Dies neue Recht kmm nicht gemacht iverden. Das Recht mutz wachsen aus dem Volksleben heraus; dies Erkenntnis ist seit Sauigny. Die Arbeiter aber wollten das neue Recht nicht. Die gesamte Arbeiterschaft hat sich zu den Socialdcmokraten gesellt, oics der Erfolg. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.(Sehr richtig.) Im 13. Jahrhundert war das Bürgertimi die Umsturz- Partei. Die Hohenstanfen versuchte», es zu unterdrücken. Es gelang nicht, aber das Kaisertum ging daran zu Grunde. Die Zuchthaus- Vorlage wird darum, scsbst angenommen, wie ein Schatte«« vergehe», aber für de» Staat würde es ein Verhängnis werden, wenn sie vorübergehend Gesetz würde. (Allseitiger Beifall.) Nachdem noch einige Reden im gleichen Sinne gesprochen, Wurde die Brentanoschc Resolution einstimmig angenommen. Nach der Mittagspause spricht Damaschke-Berlin über das KommnnalPrograinin und fordert besonders die Nichtveräutzerung des im Gemeindebesitz befindlichen Grund und Bodens sowie schärfere Bestcucrnng bei Bodenvcrkäufcn ze. (Schlntz des zweiten VcrhandlungstagcS.) OwJd pro quo. In der gestrigen Nummer sollte die Auf- fordcrnng an die Pnrtoitags-Delcgiertcii, sich beim W o h n n n g s- Ausschuß in Hannover zu melden, nochmals wiederholt Iverden mit dem Bemerken, datz Annieldungcn, die»ach dem 5. Oktober eingehen, nicht mehr berücksichtigt werden könnten. Statt dessen ist infolge eines Versehens die Mitteilinig über die Drucksachen mit jener Bemerkung zusammen nochmals veröffentlicht wordin. Man wolle dies entschuldigeir. Partei- Organisation. Eine Parteiversonnnlung für den 16. sächsischen Rcichstags-Wahlkrcis beschloß die Gründung eines den ganzen Wahlkreis umfassenden Vereins. Diese OrganisationSform ist in der Mehrzahl der sächsischen Wahlkreise durchgeführt. Polileiliches, Grrichlliches uftv. Wegen fortgesetzten Vergehens gegen K 4SZ der Gewerbe- Ordniiiig wurde der Genosse Zielowsli, verantwortlicher Redacteur der„Voltsstimme" in Frankfurt a. M., zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Erjhatte in drei Notizen seines Blattes von Arbeitswilligen beim Hanauer Maurerstreik berichtet und gesagt, die Streikenden würden den Arbeitswilligen schon die gebührende Antwort geben. Wegen Vergehens gegen den gleichen Paragraphen wurde ferner der Maurer Friedrich Pot'h in Frankfurt a. M. zu acht Tagen Ge- fängnis verurteilt, weil er Arbeitswillige von der Arbeit abgehalten haben soll. Zu scchS Wochen Haft wurde der Redacteur des Bochumer „Volksblattes" verurteilt, weil er St. Seban als Feier deS organi- sicrten Massenmordes bezeichnet und dadurch groben Unfug verübt haben soll.— Wenn alle die wegen groben UnfugS durch Belästigung des socialdcmokratischen Publikums bestraft würden, die social- demokratischen Feste und Veranstaltungen beschimpfen, da müßte man bald neue Gefängnisse baue». Ter Arbciter-Nadfahrerderein in Hanibnrg ist vom Land- gericht als ein politischer Verein angesehen worden. Infolgedessen ist der Vorsitzende zu einer Geldstrafe von 20 M. verurteilt worden, weil er eine Versammlung des Vereins nicht angemeldet hatte. Das Schöffengericht hatte ans Freisprechung erkannt, da es dem Verein keinen politischen Charakter zuerkennen konnte. Ter 7. Merillltioilllle ktMchn-KoMj. Die letzte Sitzung des Kongresses, die am Mittwoch stattfand, wurde zunächst der Erledigung von Geschäften gewidmet. Der nächste Kongreß soll im Jahre 1S03 oder 1904 stattfinden. Hierzu lagen Einladungen aus St. Petersburg, ans Budapest, aus Washington und ans Alaska im nordwestlichen Amerika vor. Es wurde hierüber noch kein endgültiger Beschluß gefaßt, sondern das Präsidium beauftragt, mit den in Betracht kommenden Behörden in Verbindung zu treten. Weiter wurden eine ganze Reihe von Anträgen und Resolutionen erledigt. Einige derselben will ich hervorheben. Auch diesen Kongreß hat ebenso, wie die Münchener Natur« forschcr-VersainniInng' die Frage der Zehnteilung der Zeit und des Winkels beschäftigt. Während der Aussprache, die nur in einer Ab- teilnngssitznng stattfand, konnte ich nicht zugegen sein; aus dem an den Allgemeinen Kongreß gelangten und dort angenommenen Antrag ist zu ersehen, daß man auch hier,«vie in München, sich durchaus ablehnend gegen eine andere Einteilung der Zeit verhielt; ebenso wünschte man keine andere Winkeleiiiteilnng als die jetzige, d. h.«nan will als Einheit den 300. Teil des Kreisnnffanges beibehalten. Dagegen ist nach der Meinung des Kongresses lein Hindernis vorhanden, für diesen Grad die decimale Teilung in Anwendung zu bringen. Weiter erwähne ich den Wunsch des Kongresses nach Benutzung eines einheitlichen Maßshstems für alle geographischen Untersuchlingen und Erörterungen; er empfiehlt das metrische Maß- und Gewichts- System, sowie den Gebrauch der 100 teiligen Temperaturskala. Letzteres ist sogar in einem besonderen Antrage noch einmal hervor- gehoben. Ferner erklärte der Kongreß die Herstellung einer einheitlichen Erdkarte im Verhältnis 1: 1000 000, deren Blätter durch Meridiane und Parallele begrenzt werden, für nützlich«md wünschenswert und beauftragte sein Permanentes Bureau damit, die erforderlichen Schritte zu tbun nnd zunächst einen Notentlvurf ausarbeiten zu lassen. Im Zusammenhang damit erklärte er auch die Begründung einer„.ALsociaticm Cartographique Internationale"(internationale kartographische Gesellschaft) für zweckmäßig und beauftragte eine Kommission mit der Vorbereitung zur Gründung einer solchen. Endlich erwähne ich noch den Beschluß, in welchem der Kongreß seine Znstiinmung zur Gründung einer inter- nationalen seism alogischen Gesellschaft aus- spricht nnd gleichzeitig eine permanente Kommission für internationale E r d b e b e n f o r s ch u n g ernannte. Dieser Beschluß war in der AbteilnngSsitznng für Geophysik am Montagnachniittag vorhercitet, Ivo namentlich Professor G e r I a n d' ans Stratzlnirg warm dafür eingetreten war. Die S c i s ni o l o g i e(Erdb'cbenforschnng) hat sich früher nur mit den plötzlichen gclvaltsamcii Erschütterungen beschäftigt, welche an cinzclncii Slcllen der Erde zuweilen auftreten. Bei der Verhältnis« mäßigen Seltenheit dieser großen Erdbeben war das Beobachtungs» Material zur Erkciinniig ihrer Ursachen und ihres Wesens ziemlich spärlich. nnd eine eigentlich wissenschaftliche Scismologie gab es nicht. Man hat aber später erkannt, datz es neben diesen makro- seismischen Bewegungen der Erdrinde, den G r o tz b e b e n, noch m i k r o- s c i s m i s ch c Bewegungen oder K I ei n b eb e n giebt, die antzcrordcntlich hänsig sind.� ja, datz die Erdrinde eigentlich nie- mals in Ruhe ist, sondern beständige Schwankungen erleidet. Schon der Einfluß der Bestrahlung ruft derartige Beivcguiigen hervor, die sich deutlich verfolgen lassen. Natürlich waren zur Erkennung dieser Verhältnisse ganz be« sonders seine Apparate nötig. DaS Horizontalpendel ist das- jenige Instrument, welches die geringsten Neigungen des BodenS, ans dem es sieht, ist deutlichster Weise anzeigt. Nachdem durch dieses Jnstriiniciit die kleinsten Bewegungen der Erdrinde erkannt sind, sind der Wissenschaft natürlich wieder neue Aufgaben erwachsen. Zunächst müssen auch die Grotzbebcn nach ihrer Art, Größe und Ausdehnnng besser erforscht werden; so ist uns die Scisniicität des Meeresbodens in dieser Hinsicht besser bekaiiiit, als die der Kontinente. Tann aber mutz vor allen Dingen die Natur und Ursache der Klcinbebcn erforscht iverden; diese Fragen führe» uns direkt in das Innere der Erde, die den Hanptsitz für die hierbei thätigen Kräfte bilden. Schwere, Druck, Dichte. Elasticität im Innern der Erde sind für die Beben jedenfalls von grundlegender Bedentnng. Da nnii die Beben nicht so gefällig sind, sicki irgendwie an nationale Grenzen ans der Oberfläche der Erde zu kehren, so mutz auch ihre Erforschung die engen nationalen Grenzen überspringen und kann nur auf mtcriiatioiialvr Grundlage durch Vereinigung der Völler fruchtbringend gefördert iverden. Die Erfüllung dieser Forderung wie überhaupt die der iiitcriiatioiialcn Erledigung lvissenschaftlichcr Aufgaben kann sicherlich, so schloß Prof. Gerland seine Ausführungen, ein Werk des Friedens genannt werden. Roch Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten wurde der lvissenschnftliche Teil des letzten KongretztageS wesentlich der Erforschung der Atmosphäre gclvidinct, also, wie der Präsident. Professor v. Richthofen, hervorhob, einem nicht eigentlich geographische» Gegeiistande, dessen Spccialersorschimg auch nicht in der Hand von Geographen liege, deren Resultate aber sicherlich auch von geogra- phischcn Gesichtspunkten ans sehr wichtig seien. Zu dem Gegenstände sprachen Pros. Rotel, ans Boston über seine metcorologischeii Unter- snchungcn miltcls aufsteigender Drachenballons, Prof. Hergesell aus Stratzbnrg über„Die Ergebnisse internationaler Ballonfahrten", der Franzose'Tesserans'de Bort über Ternperatnrmesiungen in der Atmosphäre und Prof. Aßmann ans Berlin über„Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Ballonfahrten des Deutschen Vereins zur Förderung der Luftschiffahrt". Prof. H e r g e s e l l wies durch ein Beispiel, die Auffahrt, die am 13. Mai 1895 gleichzeitig an fünf Orten erfolgte, auf die Wichtigkeit solcher Fahrten hin. An jenem Tage herrichte nämlich eine eigentümliche Tenipcralnrverteilung in Europa, die sogenannte Erscheiiumg der Eisheiligen. In ganz West- nnd Mittel« Europa, in Frankreich und Deutschland, war es bitter kalt, etwa 0 Grad, während man in, nordöstlichen Europa, im europäischen Rußland, eine Wärme von 20 Grad hatte. Die fünf aufsteigenden Ballons ergaben diese eigentümliche Tempcratnrvcrtcilnng nun auch in großen Höhen der Atmosphäre. In 5 Kilometer Höhe herrschte in Stratzbnrg bereits eine Kälte von 30 Grad, während in der gleichen Höhe über Wilna erst 10 Grad Külte registriert wurden, iind selbst in einer Höhe von 10 Kilometer war die Erscheinung, kalter Westen, warmer Osten, noch deutlich ausgesprochen. Es handelt sich also hier«im eine Erscheiming, die keineswegs lokaler Natur ist und lokale Ursachen haben kann, sondern sie geht durch die ganze Atmosphäre hindurch, nnd muh daher viel allgemeinere Ursachen haben und jedenfalls mit den gewaltigen Luftströmungen vom Pol nach dem Aequator und umgekehrt zusammenhängen. Prof. A sz m a n n betonte, dah nach den wissenschaftlichen Auf fahrten in der Mitte des Jahrhunderts ziemlich allgemein geglaubt wurde, die Temperaturabnahme mit der Höhe werde immer geringer, je höher man komme, und an der Grenze der Atmosphäre herrsche die verhältnismäßig warme Temperatur von 34 bis 44 Grad Kälte. Der Grund dieser falschen Annahme lag in fehlerhaften Temperatur- Messungen, weil es nicht möglich ist, mit Quecksilber- und Weingeist- Thermometern zuverlässige Angaben über die Lufttemperatur zu erhalten. Die genaueren Temperaturmcssungen. die durch das im Jahre 1837 erfundene Aspirationsthcrmo meter möglich sind, haben im Gegenteil ergeben, daß die Abnahme der Temperatur mit der Höhe um so größer wird, je höher man steigt. Auch absolut genommen erhielt man tiefere Zahlen für die Tempe- ratur als früher. Die tiefste Temperatur, die bisher ein Mensch im Ballon beobachtet hat, beträgt 48 Grad Kälte, die Süring am 24. März 1899 in 8<)(X> Meter Höhe traf; dagegen erreichte ein Registrierballon sogar eine Temperatur von 68 Grad Kälte bei 17 000 Meter Höhe. Der letzte Vortrag des Kongresses, auf welchen nur noch die üblichen Danksagungen folgten, war der Vortrag des Prof. Günther aus München:„Der Einfluß des Humanismus in der Geschichte der Geographie". Der Vortragende hob drei wesentliche Momente hervor, durch die der aus Italien gekommene und dort wesentlich aristokratische Humanismus in Deutschland geographisch befruchtend gewirkt habe. Hier sei der Humanismus viel demokratischer geworden und habe die Wissenschaften in die allgemeinen Schulen eingeführt; dies sei auch mit der Geographie geschehen, und ihre Aufnahme in die Schulen sei wesentlich ein Verdienst der Humanisten. Das zweite Moment sei, so paradox es auch klingen mag, das Wiedererwachen des nationalen Bewußtseins. Gerade, wenn man sich in die klassischen Werke der Griechen und Römer versenkte, fühlte man das Bedürfnis, sich auch wieder als Deutscher zu fühlen, und speciell in der Geographie wurde dadurch ein besonderer Zweig, der der geographischen Namcngebung, auf nationaler Grundlage, geweckt und gefördert.(Besonders wertvoll scheint mir eine solche Wirkung, ivenn sie wirklich stattgehabt hat, nicht zu sein. Anm. des Ref.). Der dritte Hauptpunkt endlich ist der, daß die Geographie in den engsten Zusammenhang mit den exakten Wissenschaften getreten sei. Gewiß gab es Humanisten, die von jeder exakten Forschung so weit entfernt waren, daß ihnen das Vorhandensein von Amerika offensichtliche Schwierigkeiten machte; es war bei den Alten nicht genannt, und daher wußten sie nicht recht, was sie damit machen sollten. Aber trotzdem hat der Humanismus in der Geschichte der Geographie eine eigenartige und hervorragende Rolle gespielt. Wenn Ulrich v. Hutten in ein begeistertes Lob des Jahr- Hunderts ausbrach, so geschah das nicht zum wenigsten auch im Hin- blick auf die geographischen Errungenschaften seiner Zeit. Auch wir, so schloß der Vortragende, stehen an der Schwelle einer neuen Zeit, in welcher die Geographie sich zu großen Eroberungen vorbereitet; ob sie in Samarkand erfolgen, wie'zu Huttens Zeit, oder am Kenia oder in der Antarktis, ist gleichgültig; der Geist, der die Forscher voran treibt, ist immer derselbe. Auch wir dürfen daher wie Hutten ausrufen: juvat vivere, non juvat quiescere(es ist eine Freude zu leben, nich� zu ruhen), es ist auch heute wert, geographiich zu leben und geographisch thätig zu sein. b. GetVoMPLzscfklfcfzes. Berlin und llmgcgend. Bei der Steglitzer Grwcrkschaftökouimission gingen folgende Betrüge ein: Für die Ausgesperrten in Dänemark: 3. Rate SO,—, darunter vom Centralverband der Steinsetzer, Filiale Schönebcrg 3,26, bei einer Einsegnung gesammelt durch Frau Fritsch 2,50. Für die Lederarbeiter in Wilster: 1. und 2. Rate 126,—, darunter Centralverband der Maurer, Zahlstelle Steglitz 50,—. Für die streikenden Stei narbeiter Berlins: 25,- darunter Sternsetzer, Filiale Schönebcrg 4,—. I. A.: Franz Döring, Steinsetzer, Steglitz, Hubertusstr. 5. Deutsches Reich. Der Krcfelder Färbcrstreik steht noch so ziemlich auf dem alten Fleck. In allen Betrieben, 16 an der Zahl, sind die Forde- rungeir der Arbeiter belvilligt, nur die beiden Firmen G. B ü schgen Sohn und Krefelder Seidenfärberei Aktiengesellschaft verhalten sich»ach wie vor strikte ablehnend. Bezeichnend für den Standpunkt dieser Herren ist eine Bemerkung des Protzen Büschgcn, welcher erklärte: Ich werde nie- mals nachgeben und wenn der Streik ein Jahr lang dauert und ich eine Million Mark verliere. Unter diesen Umständen dürfte sich der Ausstand der 600 Färber noch lauge hinziehen, und Unterstützung der Streikenden seitens der deutschen Arbeiter ist sehr willkommen'. Zuschriften richte man an R. Paullmanns, Geldsendungen an C. Winterberg, beide Kronprinzenstr. 122, Krefeld. Die Textilarbeiter Nürnbergs haben an die Unternehmer die Forderung gestellt auf 67st!indige Arbeitszeit und einem Minimal- lohn von 22 Mark pro Woche. Der Zuzug von Bordeuinachcrn, Posamentieren, Ziehern sc. ist fernzuhalten. Die Arbciterblättcr, hauptsächlich die sächsischen und östreichischcn, wollen hiervon Notiz nehmen. In den Schuhfabriken TnttlingcnS ist es zu Differenzen gekommen. Der Bevollmächtigte des Schuhmnchcr-Verbaudes und einige andere Schuhmacher, die in einer Versammlung Mißstände in dortigen Fabriken zur Sprache gebracht hatten, waren gemaßrcgelt worden. Der crstere wurde wieder eingestellt, die andere» nicht und so ist es in drei Fabriken zu Arbeitseinstellungen gekommen. Der Ausstand umfaßt etwa 600 Arbeiter und Arbeiterinnen mit circa 600 Familienangehörigen, so daß also bereits 1200 Personen in Mitleidenschaft gezogen sind. Da die Tuttlinger Fabriken, noch 13 an der Zahl, einen Ring bilden, steht leider zu befürchten, daß der Kampf noch weiter um sich greifen wird. Ausland. Von Antwerpen berichtet der offiziöse Telegraph: Im Aus- stände befindliche La st Wagenführer griffen heute mehrere Fuhrwerke an. Die Polizei, die mit Revolverschüssen von den Aus- ständigen empfangen wurde, mußte gegen diese von ihren Säbeln Gebrauch macheu. Mehrere Polizcibcamte wurden bei dem Hand- gemenge verwundet. Eine Anzahl von Ausständigen wurden ver- hastet._ Die Lohnbewegung der Berliner Metallarbeiter ist jetzt in vollem Gange, für die Klempner ist der Neunstuuden- tag bereits fast überall durchgeführt, andere Branchen stehen im Be- griff, in die Bewegung einzutreten. Gestern morgen fand im Lokale „Sanssouci" eine' von etwa 1600 Personen besuchte Versammlung der st r e i k e n d e n Metallarbeiter statt. Rüther gab den Be- richt über den gegenwärtigen Stand der Bewegung. Er verwies zunächst darauf, daß ca..800 Klempner in 68 Be- trieben die aufgestellten Forderungen völlig erreicht haben, während in 6 Betrieben mit etwa 60 Klempnern ein teilweiser Erfolg erzielt wurde. In 10 kleinereu Betrieben verlief die Klempner« bewegung resultatlos, und bei den Firmen F. F. Schulz, Fehr- bellinerstraße, und G e r e ck e, Prinzenstraße, befinden sich die Arbeiter noch im Ausstand. Insgesamt ist in über 700 Betrieben die neunstündige und teilweise eine kürzere Arbeitszeit eingeführt. Der Verlauf der gegenwärtigen Bewegung ist ein für die Ar- beiter recht günstiger. I» 30 Betrieben sind die aufgestellten Forderungen bereits bewilligt und alles geregelt. Bei 19 Firmen sind ungefähr 2000 Metallarbeiter ausständig. Bei einigen davon schweben Verhandlungen, die in den nächsten Tagen zum Abschluß gelangen. In einer Anzahl von Betrieben iverden die Forderungen den Betriebsleitungen erst im Laufe dieser Woche unterbreitet werden, da die hier in Betracht kommenden Arbeiter noch dazu Stellung nehmen. Auch die Dreher, Schleifer, Drücker, Gürtler zc. haben bereits in den meisten Betrieben, wo noch gearbeitet wird, den Beschluß gefaßt, die Arbeit ebenfalls einzustellen. Die Arbeitsniederlegung ist in fast allen Fällen einmütig erfolgt. Streikbrecher haben die Unternehmer trotz der gemachten An- strengungen bisher nicht gefunden. Der Uuternehmer-Nachlveis wird sehr ivenig frequentiert und die angebotenen Arbeiten bei den gesperrten Firmen werden von den Arbeitslose» zurück- gewieien. Von den Ausständigen wird durchweg die Meinung vertreten, daß ihre gestellten Forderungen anerkannt iverden und daß in wenigen Wochen der Kampf zu Gunsten der Arbeiter beendet sein wird. In nachfolgenden Betrieben sind bis jetzt nur die Former ausständig; Kramme, B e r n h. Joseph, Frister, PinkuS, Gladenbeck, Eitner, Muskulus, Speyer. Schwid- linski, I. Hand, Schiller und Nürnberg. Sämtliche Metallarbeiter sind ausständig bei den Firmen: B u tz k e, Spinn u. Sohn, Löwy, Speck, Brotrecht, Teichelmann und K n e i s e l. Sieben weitere Versammlungen fanden am gestrigen Abend statt. Diese waren vor allem für die in Arbeit stehenden Metallarbeiter einberufen, um die Unterstützung und die sonstigeu Maßnahmen zu Gunsten der Streikenden zu regeln. Nachstehende Resolution gelaugte in allen Versammlungen zur Annahme: „Die heute Versammelten erklären die Forderung des Neun- stundcntages für gerechtfertigt, um so mehr, als bereits weit über 600 Betriebe der Eisen- und Metallindustrie Berlins die neunstündige bezw. noch kürzere Arbeitszeit seit Jahren durchgeführt haben. Die Anwesenden verpflichten daher jeden Metallarbeiter, den streikenden Kollegen jedwede moralische und niaterielle Unterstützung zu teil werden zu lassen; sie verpflichten sich, zu diesem Zweck während der Dauer des Streiks in allen Betrieben regelmäßige wöchentliche Sammlungen für den Unterstützungsfonds der Metallarbeiter vor- zunehmen." Ueber die einzelnen Versammlungen liegen unS folgende Be richte vor: Der Streik von 2000 Berliner Metallarbeitern nm den Ncunstnndcntag. Dies Thema stand auf der Tagesordnung von sieben öffentlichen Metallarbeiter-Versammlungen, die gestern abend gleichzeitig abgehalten wurden. In Niefts Saal in der Weberstraße referierte Otto N ä t h e r. Er warf einen Rückblick auf die Entstehung der gegenwärtigen Bewegung für den Neunstundentag. Die gute Organisation der Former habe es zuwege gebracht, daß in Berlin keine Leipziger Strcikarbeiten angefertigt iverden. Es sei sicher an- zunehmen, daß die Former infolge ihrer guten Organisation auch weitere Forderuiige» durchsetzen können. Die Macht der Unternehmer- orgauisation sei deshalb, iveil ihnen eine starke Arbeiterorganisation gegenübersteht, nicht so stark, wie die Unternehmer es hin- stellen, und wie es auch die Arbeiter zum Teil glauben. Das habe schon der Umstand gelehrt, daß die Drohung der Unternehmer, die Maifcicniden auszusperren, eine leere Phrase geblieben sei, und das zeige auch der Verlauf des Klempnerstreiks. Die Unternehmer- orgauisation sei durchaus keine unüberwindliche Macht. Was die gegenwärtige Bewegung der Former betreffe, so sei es bemerkenswert, daß auch die Arbeiter großer Betriebe sich der Be- ivegung angeschlossen haben; ein Ereignis, welches am meisten die betreffenden Fabrikanten überrascht habe, da sie nicht geglaubt hätten, daß die großen Betriebe überhaupt vom Streik betroffen würden. Die Uutcruchmcr versuchen jetzt, Ersatz für die Streikenden zu bekommen und die Arbeiten hinauszuschieben. Das erstere werde sicher durch die Wachsamkeit der Streikenden vereitelt werden. Die Streikenden seicu entschlossen, den Kampf bis zum Ende durchzuführcmjjdazu bedürfen sie aber der Unterstützung aller Berliner Kollegen. In mehreren Betrieben stehe die Entscheidung über die Be- wegung noch aus, so auch in der Fabrik von Pintsch. Wenn irgend einer der Berliner Industriellen in der Lage wäre, die neunstündige Arbeitszeit zu bewilligen, dann sei es der Kommerziell- rat Pintsch, der füufzigfache Millionär. Wenn die Arbeiter Furcht haben vor den Millionen, hinter denen sich Herr Pintsch wie in einer Festung verschanzt, dann sollten sie bedenken, daß sie, die Arbeiter, erst diese Festung aufgebaut haben.(Beifall.) Wenn die Arbeiter des Herrn Pintsch auf dessen freiwillige Zugeständnisse rechnen, so würden sie vergebens warten.(Zu- stimmung.) Es sei eine Freude, zu scheu, wie alte Arbeitsveteranen, die sich sonst den Bestrebungen der organisierten Kollegen fern- gehalten haben, jetzt i» die Bewegung mit eingetreten sind. Der Redner appellierte zum Schluß an die Opferfreudigkcit aller Metall- arbeiter und empfahl die Annahme der Resolution. Es folgte eine rege Diskussion. Ein Redner teilte mit, die Ver- Handlungen' mit Herrn' Pintsch hätte» bis jetzt noch keinen Erfolg gehabt. Herr Pintsch habe sich sowohl persönlich als auch im Hin- blick auf den Beschluß des Verbandes der Metalliiidustrielleii gegen die Einführung des Nennftundeutagcs erklärt. Die Arbeiter würden aber aufs neue vorstellig werden. Weiter wurde mitgeteilt, daß sich auch die Arbeiter der Firma Ende u. DcvoS dem Streik angeschlossen haben. Die stark besuchte Bersanimluug schloß mit einem begeisternden Hoch auf den Ncunstundcntag. Die Versammlung im Luisen st ädtischen Konzert- haus erfreute sich'eines guten Besuchs und fand das Referat von P ä tz e l sowie die nachfolgende kurze Diskussion allseitige Zu- tiumlung. Die Versammlung in der U r a n i a. Wcangelstraße, war sehr stark besucht, der Saal war von über 1000 Personen gefüllt, die dem Referat des Schlossers Schlegel lebhafte Zustimmung pendete». In der Versammlung bei B i ck e l in der Hasenhaide 62/63 hatten über tausend Personen Platz gefunden, die mit lebhaftem Beifall das von Cohen gehaltene Referat aufnahmen. Eine Dis- kussion fand nicht statt. Im Moabiter GesellschaftShauS nahmen circa 200 Personen an der Versammlung teil. Das Referat hielt Massatsch, der in eingehender Weise die Ursache des Former- treiks darlegte und zur thatkräftigcn Unterstützung der Streikenden aufforderte. Dem wurde in der Diskussion zugestimmt. In der Versammlung, die im K ö s l i n e r Hof tagte, erläuterte Scheffler in einem' Itz�s stündigen Vortrage den augenblicklichen Stand der Streikbewegung in' der Berliner Metallindustrie. Der Referent, welcher von den Anwesenden unter regen BeifallSbezeugnugen angehört wurde, wies nach, daß infolge der günstigen Geschäftslage in der Metallindustrie eS möglich ist, den Neuustundcntäg durchzuführen. Die Resolution wurde ein- 'timmig angenommen und verpflichteten sich die Anwesenden, wöchentlich mindestens 60 Pf. zum Unterstützungsfonds bei- zusteuern. Mit einem Hoch auf die Metallarbeiter-Beivcgung wurde die Versammlung geschlossen. Ebenso wies die Versammlung im K l u b h a u S(Gesundbrunnen) eine rege Teilnahme auf. Hier behandelte Former Kör st e n be- sonders die Bedeutung der Verkürzung der Arbeitszeit. Die Dis- kussion war nur kurz, worauf die Versammlung nuter begeisterter Stimmung für den gewerkschaftlichen Kampf geschlossen wurde. Vevfantmlungvn. Die Maß- nud Kostiimschncidcr hielten am Dienstag eine öffentliche Versammlung in den Arminhallen ab. Der Vertrauens- nimm Ritter besprach die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in ver- chiedeue» Werkstätten. Insbesondere beschäftigte er sich mit der Firma Hausen und führte aus, daß daselbst der im Frühjahr be- willigte Tarif nicht mehr aushänge und daß die Löhne herabgesetzt worden seien. Wie aus der Diskussion hervorging, haben dieserhalb Differenzen zwischen Hansen und seinen Arbeitern stattgefunden, in deren Verlauf ein Teil der Arbeiter aufgehört hat, während ein anderer Teil erklärt, mit den Verhältnissen zufrieden zu sein. Die Versammlung beschloß, die Firnia Hansen so lange zu sperren, bis sie sich mit dem Vertrauensmann oder der Orgauisation wegen de- vorliegenden Differenzen geeinigt hat. Die Töpfer, die gesteni eine stark besuchte Versammlung in den Andrcas-Sälen abhielten, beschlossen einstimmig, an, nächst-n Montag in Berlin und Umgegend in d e n G e u e- a l st r e i k einzutreten, um den aufgestellten Lohntarif zur Durchführung zu bringen. Der Lohntarif enthält im allgemeinen nur:iue geringe Erhöhung im Verhältnis zu dem 1886cr Tarif, nur um etwa 3 Proz. durchschnittlich. Hauptsächlich wird mit der Einführung des neuen Tarifs bezweckt, die Preise einheitlich festzulegen. Tie Konjunktur wird zunehmend günstiger; bei einer großen Anzahl Bauten drängt die Arbeit jetzt schon, auf vielen Bauten mutz in der nächsten Zeit mit der Arbeit begonnen werden. es wird infolgedessen erwartet, daß die allgemeine Einführung de� Tarifs in kurzer Zeit gelingen wird. Alle angefangenen Arbeiten sollen soweit wie möglich bis zum Sonnabend fertig gestellt werden, damit am Montag die Arbeits einstellung ohne weiteres erfolgen kann. Am Montagvormittag 10 Uhr findet eine Versammlung in aen Andreas-Sälen statt. Vor Erledigung dieses Punktes der Tagesordnung hatte Hagen über die Thätigkeit der Gewerkschaftskommission berichtet, wobei er insbesondere die Stellungnahme der Kommission zu den parilälischcn Arbeitsnachweisen und die Beschlüsse bezüglich deS Abstimmungs- modus erörterte. Der Redner sprach sich ini zustimmenden Sinne über die gefaßten bekannten Beschlüsse aus und kritisierte das Ver- halten der lokalorganisierten Gewerkschaften, die aus der Gewerk- schafts-Kommission ausgetreten sind. Nach einer lebhaften Geschäftsordnungs- Debatte, in der es zu heftigen Aus- einandersetzungen zwischen den Anhängern der lokalen und centralen Richtung kam, wurde beschlossen, von einer Diskusfion Abstand zu nehmen, und mit großer Majorität eine Resolution an- genommen, in der sich die Versamnilung mit der Thätigkeit Hägens vollständig einverstanden erklärt und ihm aufgegeben wird, auch in Zukunft so wie bisher als Delegierter zu wirken. Eingegangene Druckschriften. Von der„Neuen Zeit«(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben daS 1. Heft des 18. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt heben wir hervor: Reaktionäre Puppenspiele.— Karl Marx über Karl Brün als Beschicht- schreibcr des Soctalismus. Aus dem Marx-EngelSschen Nachlaß.— Zum Parteitag von Hannover. Von Karl Kautsch.— Die innere Organisatiun der belgischen Arbeiterpartei. Von Emil Vaudervelde, Brüssel.— Di- Tranövaal-Krists. Von Heinrich Cunom. I.— Revue der Revuen.— Notizen: Die Kouzeutration in der Buchbinderei Wiens. Von Julius Grünwald.______ Uetzke Mschvtrlzken und DspeMvn. Transvaal. Frankfurt a. M., 4. Oktober.(B. H.) Die„Franks. Ztg." meldet auS New Dork: Mehrere hundert bekannte Männer ersuchen Mac Kinley auf Grund der Beschlüsse der Friedenskonferciiz, Eng- land und Transvaal die Vermittelung der Vereinigten Staaten anzubieten. London, 4. Oktober.(W. T. B.) Eine zweite Ausgabe der „Times" veröffentlicht eine Depesche aus Pretoria über die vom Präsidenten Krüger bei der Vertagung der Volksraade gehaltene Rede. Danach sagte der Präsident, alles deute auf Krieg, denn der Geist der Lüge sei über andere Länder gekommen, und daS Volk von Transvaal wünsche sich selber'zu regieren. Wenn auch Tausende kommen, es anzugreifen, sei nichts zu fürchten, denn der Herr sei der letzte Richter und er iverde cnt« scheiden. Die Kugeln seien zu Tausenden gekommen bei dem Jameson-Einfall, aber die Burghcrs seien nicht getroffen worden. während auf der andern Seite über 100 fielen; das zeige, daß der Herr die Kugeln lenke und die Welt regiere. Der Präsident des Volksraads erwiderte, es sei besser, nicht das Leben, als kein Land zu haben; es sei jetzt nichts mehr möglich als der Krieg. Eine Depesche der„Times" aus Kapstadt meldet: General White fand bei seiner Ankunft Hierselbst, daß man die Lage an der Grenze von Natal so ernst ansieht, daß die Behörden es für rätlich hielten, an den Admiral in der Simonsbai die telegraphische Aufrage zu richten, ob der Kreuzer„Davis" verfügbar sei, um den General White' und 12 Offiziere direkt nach Durban zu bringen. London, 4. Oktober.(W. T. B.) Das Unterhausniitglied Clark hatte Sätze aus der Rede des Herzogs von Devonshire, aus denen nach seiner Ansicht die Rköglichkeir einer friedlichen Beilegung der Streitigkeiten sich ergebe, nach Pretoria telegraphiert. Daraus ant« wartete' die TranSvaal-Regierung telegraphisch, sie vernehme mit Genugthuuug, daß niächtigc Einflüsse am Werke seien, um friedliche Regelung herbeizuführen; in Anbetracht jedoch der Art und Weise, wie die früheren Vorschläge verworfen wurden, könne die Nc» gierung nicht nochmals Vorschläge machc». Wenn ein auf- richtiger Wunsch nach Frieden vorhanden sei, so biete die Annahme der„Gemischten Kommission" eine ausgezeichnete Einleitung zu einem befriedigenden und ehrenhaften Ausgleich. Frankfurt a. M., 4. Oktober.(93, H.) Die„Frkf. Ztg." meldet aus Wiesbaden: Der bisher für den iuuerpolitischen Teil des „Rheinischen Couricrs" zeichnende Rcdacteur C. Haas hat die fernere Verantwortlichkeit abgelehnt, nachdem das Blatt heute früh einen Artikel zu Gunsten der Zuchthausvorlage veröffentlichte. Wie», 4. Oktober.>-« a 3 Beilagen und ttnterhaltungsblatt. Nr. 233. 16. lalrpig. 1. KlisM des„ Dcaiicrslag, 3. Gdlober 1869. Die„Harmlose»" vor Gericht. Dritter Tag. Nachdem Landgerichts- Direktor D e n s o die Sitzimg eröffnet hatte und die Zeugen aufgerufen worden waren, erbittet sich An- geklagter v. K a y s e r das Wort zur Berichtigung einiger Punkte, die irrtümlich in den Zeitungsberichten wiedergegeben waren. Cr habe nicht gesagt, datz er im Klub nicht mehr als LS 000 M. verloren, sondern nicht mehr als LS 000 M. gewonnen habe. Ferner sei es nicht richtig, daß er für die Familie Voigt in der Lüneburgerstraße eine Wohnung bezahlt habe. Er sei durch- aus nicht etwa der Manager der Familie Voigt gewesen, sondern habe nur Beziehungen zu Fräulein Frieda Voigt gehabt und keineswegs die Wohnung für die Familie bezahlt. Da er nicht nur Angeklagter, sondern auch Beamter sei und sich später vor dem Minister zu verantivorten haben werde, liege ihm daran, die Dinge richtig zu stellen. Der Oberstaatsanwalt erwidert dem gegenüber, daß der Angeklagte v. Kayscr doch auch zugegeben baüe, sechs Monate lang monatlich 4— S00 M. dem Fräulein Frieda Voigt gegeben zu haben. Vor Eintritt in die Verhandlungen wird die Frage erörtert, welche Stellung den noch immer nicht erschienenen Zeugen gegen- über eingenommen werden solle, damit, wie OberstaatsaiNvalt Dr. Jscnbicl hervorhebt, die Sache nicht schließlich auf einen toten Punkt komme. Tie Staatsanwaltschaft erklärt, daß sie auf einige Zeugen nicht verzichten könne, dasselbe geschieht seitens der Ber- tcidiger. Angeklagter v. Kayscr betont, daß er das dringendste Interesse daran habe, mit dem nicht erschienenen Zeugen Ernst von Gcrsdorff sich vor der Oeffcntlichkcit zu unterhalten und ihn zu veranlassen, die belastenden Bekundungen, die er in der Voruntersuchung gemacht, zurücknehmen zu müssen. Es sollen sofort nochmals dringende Depeschen an einzelne der ausgebliebenen Zeugen abgelassen werden. Justizrat Dr. S ello legt besonderes Gewicht aus eine Vernehmung des Freiherrn v. Neccum. Ein hoffnungsvoller junger Man». Justizrat Dr. S e I l o bittet, dem Angeklagten v. Kahser Ge- legcnhcit zu geben, sich nochmals im Zusammenhange über seine ganze Lebensführung auszulassen, da es sich doch um die Klärung der Frage � handle, ob derselbe nur ein leidenschaftlicher Spieler, oder— wie die Anklage behaupte— ein gewerbsmäßiger Glücks- spiclcr sei.— Vorsitzender Landgerichtsrat D e n s o: Herr v. Kayscr hat doch gewiß schon sehr reichlich Gelegenheit gehabt, sich zu äußern, und wird noch bei sehr vielen einzelnen Punkten Gelegenheit dazu ballen.— Justizrat Dr. Seiko: Es handelt sich doch um die ganze Zukunft dieses hoffnungsvollen jungen Manne's.— Der Gerichtshof zieht sich zur Beratung zurück. Nach derselben er- klärt der Vorsitzende, daß der Gerichtshof sich den Beschluß darüber, ob die kommissarische Vernehmung des Zeugen Freiherrn v. Neccum nach dem Vorschlage des Verteidigers dnrck ein nach Wiesbaden zu entsendendes Mitglied des Kollegiums stattfinden soll, bis zum Schluß der heutigen Sitzung vorbehalte. Mit dcnrselbcn Recht, wie hier, müßte aber doch— wie der Vorsitzende bemerkt— die kommissarische Vernehmung auch anderer Zeugen nicht durch einen an dem betreffenden Ort weilende» ersuchten Richter, sondern durch ein Mitglied des Kollegiums stattfinden. Die Verhandlung würde ans diese Weise ins Unendliche, in die Länge gezogen werden. Der Oberstaatsanwalt erklärt auch, daß er das- selbe Recht für die kommissarische Vernehmung der Anklagezeugen in Anspruch nehmen mnßte. Dadurch würde daS Ende der Verhandlung allerdings ins Unabsehbare in die Ferne gcrüclt werden.— Nach längerem Hin und Her macht der Oberstaatsanwalt den aller- scilö acccpticrtcn Vorschlag, vielleicht am Sonnabend eine Pailse ein- treten zu lassen und diese dazu zu benutzen, um unter Beteiligung der Verteidigung genau die Fragen festzustellen, die die mit der kom- missarischen Vernehmung zu beauftragenden ersuchten Richter der betr. Gerichte den zu vernehmenden Zeugen vorzulegen haben würden. Auf diese Weise würde man um die Entsendimg eines Mitgliedes des Kollegiums herumkommen.— Der Oberstaatsanwalt giebt Auskunft über die neuerdings nochmals vergeblich angestellten'Versuche, den Aufenthalt des Herrn Dr. Kornblum zu ermitteln.— Justizrat Dr. S e l l o beantragt, eine ganze Reihe von Zeugen zu laden, die bekunden sollen, daß v. Kayscr in seinem Privatleben durchaus einfach und sparsam gelebt, in seiner amtlichen Thätigkcit ernst und fleißig gearbeitet habe, ein fleißiger Besucher des ÜiepetitorinmS gewesen sei zc. zc.— Vors.: Das kann ja alles möglich sein, dies hindert ja aber nicht, daß der Angeklagte nach der ernsten Arbeit eifrig gespielt hat.— Angekl. v. Kahser: DaS Spielen an sich wird ja nicht mit Strafe bedroht, sondern nur daS gewerbsmäßige Spielen, und da habe ich das lebhafteste Interesse daran, festzii- stellen, daß ich nicht bloß das Spiel, sondem sehr ernste Dinge bc- trieben und sehr fleißig gearbeitet habe.— Die benannten Zeugen sollen vorgeladen werden; bis dahin verzichtet v. Kahser aus seine Darlegungen. Die Tpiclcrlanfbahn v. Kröcher. Auf Antrag des Rechtsanwalts Dr. Schwindt wird dem An- geklagten v. K r ö ch e r das Wort zu einer kurzen zusammen- hängenden Darstellung seines Lebensganges gegeben. Im Jahre 1802 sei er Offizier gewesen und habe zuerst in Potsdam nach den großen Kasinobällen gespielt. Er habe damals 1000 M. zur Verfügung gehabt, die eigentlich zur Anschaffung von Möbeln dienen sollten, von ihm aber zum Jeu benutzt worden seien. In Berlin sei er dann in die Spielgcsellschaft des Victoria- Hotels geraten und sei bis zum Frühjahr 1890 mit 0000 M. in Verlust gewesen. Da habe er seinem Vater die„Beichte" abgelegt. Es sei aber eine falsche Behauptung, daß er seinem Vater das be- stimmte Versprechen abgelegt habe, nicht mehr zu spielen; er habe ihm nur gesagt, daß ihm das Spielen nach den gemachten Er- fahrungen unsympathisch geworden sei. Sein sehr generöser Vater Ivürde ihn bei späteren Spielverlusten sicher nicht i» Stich gelassen haben.- Nach der Beichte habe er 0 bis 8 Wochen ausgesetzt und sei erst im Sommer wieder in daS Victoria-Hotel gegangen. Entschieden falsch sei es auch, daß er fast ausnahmslos gewonnen habe, er habe vielmehr auch verloren. Der größte Gewinn, den er dort erzielt, sei cinnral 12 000 M. gewesen und zwar habe er damals diesen Gewinnst durch das Spiel des Herrn v. Prilllvitz, der die Bank hielt, erzielt. Mit großer Bestimmtheit müsse er die Bc- Häuptling zurückweisen, daß er dem verstorbenen Erbprinzen von Coburg große Summen im Spiel abgenommen habe. Nur einmal habe er von dem Prinzen einen unbarcn Gewinn von 3000 M. gezogen.— Vors.: Sie sollen selbst erzählt haben, daß Ihnen der Prinz eine Rente zum Ausgleich für Spiclvccluste aus- gesetzt habe.— Angekl. v. Kroch er: Das ist eine böswillige Erfindung von Leuten, die mir übelwollen, Herr Präsident, Sie glauben gar nicht, wie sehr in Spielerlreisen geklatscht wird. Urber v. Schachtmcycr. Zeuge Fiebelkorn. Angestellter im Bankhause Lagowitz, bc- flätigt, daß der Angeklagte v. Schachtmeyer recht glückliche Ge- schäfte an der Börse gemacht habe. v. Schachtmcycr habe als Lehrling ja ziemlich viel Geld ausgegeben, aber über seine Verhältnisse habe er nicht gelebt. Privaten Verkehr habe er mit Schachtmcycr nur selten unterhalten. Der Zeuge bc- stätigt weiter, daß Schachtmeyer größere Summen beim Bankhause Lagowitz hinterlegt hat und der Angeklagte giebt zu, daß ei» größerer Teil davon Spielgcwinne darstellt. Oberstaatsanwalt Jsenbiel: Herr Zeuge, halte» Sie die kaufmännische Ausbildung des Herrn v. Schachimeycr für genügend?— Zeuge: Im Bankgeschäft ist eine dreijährige Lehrzeit usuell. Herr v. Schachtmeyer hat nur zwei Jahre lang gelernt, aber gegen seine Arbeit ist nie etwas einzu- wenden gewesen. Es wird festgestellt, daß v. Schachtmeyer 1894 aus dem Geschäft von Lagowitz ausgetreten ist, seitdem aber an keinem gewerblichen Unternehmen beteiligt gewesen, obwohl er mehrfach den Versuch gemacht hat, sich geschäftlich zu bethätigcn. In die Zeit nach 1804 fällt auch seine Militnrdienstzcit und zivci Hebungen. Ei» Spiel I» Leipzig. Zeuge Kaufmann Marks aus Leipzig hat in Leipzig zuweilen in Anknüpfung an die Pferderennen und im„Hotel de Prusse" einmal mit dem Angeklagten v. Kahser gespielt. Herr» v. Kröcher hat er nur einmal beim Nennen in Leipzig gesehen, den Angeklagten v. Schachtmeyer kennt er gar nicht. Zeuge Marks wird vom Vor- sitzenden über den Verkehr zwischen Dr. Kornblmn und v. Kayscr beim Spiel in Leipzig befragt, kann aber nichts darüber sagen. Die Frage stützt sich auf Aussagen Korublums, die dieser in der Vor- Untersuchung gemacht hat. Auf die Frage, ob es in Sachsen üblich sei, daß die Karte erst links oder erst rechts gegeben wurde, antwortet der Zeuge, daß er dies für ziemlich gleichgültig halte.— Rechtsanwalt Dr. Schachtel macht darauf aufmerksam, daß Dr. Kornblum gerade auS dem Umstände, daß Herr Marks einmal die Karte erst links gegeben, die Folgerung gezogen, daß Marks falsch gespielt habe. Nach der Be- Häuptling des Dr. Kornblmn habe der Angeklagte v. Kahser dies sofort bemerkt und seinen Einsatz zurückgezogen.— Zeuge M a r k s: Die Behauptung, daß er falsch gespielt habe, sei eine Infamie. Er sei ein solider Kaufmann und spiele nur ab und zu einmal zu seinem Vergnügen.— Angekl. v. Kays er: Hier hat also Wieoer Herr v. Mantcuffcl eine Behauptung des Dr. Kornblnm, die von dem Zeugen als Infamie bezeichnet worden, einfach geglaubt und dem Belastungsmaterial einverleibt. Ein aristokratischer Sachvcrstiindiger. Hierauf wird Graf Reventlow als Sachverständiger der- nonnnen. Er giebt Auskunft über die Art, wie Baccarat gespielt wird und über die Spiel-Usancen, die dabei beobachtet werden. Nach seiner Ansicht ist die Thatsache, daß ein Bankhalter die Karten nicht vom Block, sondern von dem Spiel aus der Hand abzieht, � nicht auffällig. Als Zeuge bekundet Graf Reventlow, daß er nur einmal im Klub der Hannlosen im Ccntralhotel gespielt und dabei 800 M. gewonnen habe. Er hat mit den drei Angeklagten auch an anderen Orten gespielt, aber niemals etwas bemerkt, waS ans ein Falschspicl derselben hindeutete, hat auch niemals etwas davon gehört, daß gegen die Angeklagten der Vorwurf des Falschspiels erhoben werde. Er weiß ferner nicht, daß die drei Angeklagten das Direktorium des Klubs der Harmlosen gebildet haben. Auf ganz bestimmte Fragen des Angeklagten v. Kröcher erklärt der Sachverständige: es sei nicht' verdächtig, wenn der Pointeur auf„Sechs" noch zukauft. DaS deute durchaus nicht daraus hin, daß der Pointeur die nächste Karte kennen müsse. In anderen Klubs sei es Bestimmung, daß in solchen Fällen, wenn der Pointeur auf Sechs zukauft und ungünstig kauft, diejenigen Mit- glieder, die mit ihm zusammenpointicrcn, schadlos halten muß. Im Klub der Harmlosen sei aber nicht so rigoros gespielt worden, wie in anderen Klubs, wo ein solches Zukaufen auf Sechs teil- lveise verboten sei. Auf eine weitere Frage des An- geklagten v. K r ö ch e r erklärt es der Sachverständige noch- mals nicht für verdächtig, wenn Spieler, die sich kennen, die Karten nicht vom Block, sondern aus der Hand ziehen. Auch den Vorfall in Leipzig, bei welchem der Angeklagte v. Kayscr den Einsatz zurückgezogen, als der Zeuge Marks erst links gegeben hatte, erklärt der Sachverständige nicht für bedenklich. Den Spieler Wolsf hat er nicht gekannt und erst anS den Zeitungen erfahren, daß dieser ein Falschspieler sein solle. Die Karten. Der Vorsitzende wünscht hierauf Auskunft, weshalb die beim Spiel benutzten Karten gerade bei Wüst u. Co. in Frankfurt a. M. bestellt worden seien. Die Angeklagten v. Kröcher und v. Kayscr geben darüber eine Auskunft, die diese Kartenbestellung als durch aus unverdächtig erscheinen lassen soll. v. Kröcher erklärt, daß er daS KInblokal recht nett und gemütlich ausstatten wollte. So habe er einen sehr hübschen neuen Spieltisch bauen lassen und habe auch recht nette und feine Karten beschaffen wollen. In einem ge- lcgentlichen Gespräch habe ihm Wolfs das Muster einer Karte ans der Fabrik von Wüst u. Co. gezeigt, dasselbe habe ihm gefallen und deshalb habe er die Karten in Frankfurt bestellt. Die Kartenfabrik von Wüst u. Co. sei für Süddeutschland dasselbe, was die Stral- sunder Spielkarten-Fabriken für Norddcntschland find. Freilich wolle ja jetzt Herr v. Manteuffcl auch die letzteren als Banernfäugerkartcn erklären. Sie seien dies ebenso wenig wie die Wüstschen Karten. Herr Wolff. Oberstaatsanwalt: Hat der Angeklagte v. Kröcher nicht nach jenem intimen Gespräch Veranlassung genommen, sich nach Wolff zu erkundigen?— Angekl. v. K r ö ch e r: Es Ivar gar kein intimes Ge spräch und zu einer Erkundigung lag gar kein Grund vor, da Wolff durchaus den Eindruck eines honetten, hochanständigen Mannes machte.— Oberstaatsanwalt: Berkehrten denn im Klub noch andere Leute, die nicht genau bekannt waren?— Angekl. v. K a y s er erklärt, daß thatsächlich an einem Abende eine ganze Reihe von Personen, die er nicht kannte, im Klub anwesend war. UebrigcnS hebt v. Kayser hervor, daß er sich thatsächlich nach dem Wolff er- kundigt habe. Er hatte aufünglich geglaubt, daß Wolff identisch mit einem Herrn Wolff sei, der, wie er wußte, vor Jahren einmal in Moabit gewohnt habe. Er habe deshalb Herrn v. Schachtmeyer danach gefragt, ob Wolff studiert habe.— Oberstaatsanwalt: Daß es nicht der ehemalige Regierungsrefereudar Wolff war, den v. Kayser im Gedächtnis hatte, mußte er doch schon daraus entnehmen, daß Wolff ein alter Mann ist.—Angekl.: Ich habe erst durch die Untersuchung erfahren, daß Wolfs schon zu einer Zeit verurteilt worden ist. als ich noch gar nicht auf der Welt war. sHeitcrkcit.)— Der Angeklagte erklärt weiter, v. Schachtmeyer habe ihm den Wolff als einen wohlhabenden Herrn bezeichnet, der große Terrains be- sitze.— v. Schachtmeyer bestätigt dies. Er habe Wolfs durch v. Kröcher kennen gelernt und als er mit Wolff einmal den Kurfürsten« dämm entlang gegangen sei, habe Wolff dortige Ländcreicn als ihm gehörige Terrains bezeichnet.— Rechtsanwalt Dr. Schachtel beantragt cvent. den Rechtsanwalt Wronkcr laden zu lassen. Dieser sei der Verteidiger WolfsS gewesen und wisse, daß Wolff wohlhabend sei und Terrains bewssen habe.— Angekl. v. Kröcher: Die Anklage bezeichnet es als ausfällig, daß ein so alter Herr lvie Wolf sich so jungen Leuten attachieren durfte. Demgegenüber ist zu bemerken, daß Wolf noch jünger aussah, wie manche' andere Herren, die im Klub verkehrten.— Rechtsanwalt P i n c u s hält es für nötig, immer wieder zu betonen, daß v. Schachtmeyer an den Be- ratnngen über die Gründung des Klubs und an der Gründung selbst' absolut nicht beteiligr war. mit der Besorgung der Spiel- karten zc. nichts zu thnn hatte und erst später in den Klub ein- getreten sei. (Mittagspause.) Kriminalkommissar v. Mantenffel. Es wird der Kriminalkommissar v. Mantenffel vernommen, der als Zeuge vereidigt wird. Er beschreibt zunächst die Persönlich- kcit des Wolff. Dieser sei ziemlich groß, beleibt, brünett, fast schwarz im Haar, trage modernen Spitzbart, habe sehr wohlgepflcgte, mit vielen Ringen geschmückte Hände, sei tadellos gekleidet, trage Lacksticfel und stets einen Cylinder.— Der Vorsitzende(verliest das Urteil vom 19. Februar 1880, durch welches der wegen Diebstahls wiederholt und zuletzt mit 2 Jahren Zuchthaus vor- bestrafte Wolff zu 4 Monaten Gefängnis und 3000 M. Geldstrafe venirteilt worden ist. Die Strafe wurde über ihn verhängt, weil er im Verein mit dem Spieler Reuter nach dem Besuche von Rennplätzen im Glücksspiele Offizieren und anderen Herren nach vorher vereinbartem Plan 100 000 M., dem Herrn Prins- Reichenheim in einer Nacht 400 000 M. abgenommen hat.' Reuter ist zu acht Monaten Gefängnis und 0000 M. Geldstrafe verurteilt worden. Präs.(zum Zeugen v. Manteuffcl): Was wissen Sie nun über die Beteiligung des Wolff an dem Klub der Harmlosen und über die Art, wie derselbe Eingang in die Kreise gefunden hat?— v. Mantcuffel: Als'die' ersten sensationellen Ent- hüllungen im„Berliner Tageblatt" erschienen, kam dies den polizeilichen Kreisen sehr' überraschend, denn wir hatten keine Ahnung davon. Wir dachten zunächst, daß die Artikel lediglich ans unsaubere Motive zurückzuführen seien; als dann aber Artikel mit näheren Angaben erschienen, war cS klar, daß diese Dinge nicht aus den Fingern gesogen sein konnten. Schon im Herbst 1807 hatte ich gerüchtweise vernommen, daß Wolff wieder in bessere Kreise Zu- tritt gesunden habe, und da ich wußte, daß jüngere Offiziere häufig in Berlin spielten, hielt ich es für nötig, Ermittelungen anzustellen. Dies war aber sehr schwierig, denn in solchen Spieleraffairen wird, wenn die Aufmerksamkeit der Polizei erweckt wird, der Ort, wo gespielt wird, immer sehr schnell gewechselt. Ich mußte deshalb mit einem Herrn in Verbindung zu kommen suchen. der zu den betreffenden Kreisen Zutritt hatte. Dies war der Redakteur Fölzer. dem ich bei einer Begegnung sagte: er möge die Herren vor einem Verkehr mit Wolff warnen, und habe, um zu zeigen, daß diese Warnung sehr ernst sei, hinzugesetzt: Sagen Sie den Herren, daß ich sie nicht schützen kann. wenn cS zum Skandal kommt. Ich war dann, höchst unangenehm überrascht, als die weiteren Artikel erschienen. Ich habe mich dann mit ausdrücklicher Bewilligung meines Präsidenten mit dem „Tageblatt" in Verbindung' gesetzt, aber von dieser Seite nicht viel weiter erfahren. Mantenffel und Kornblnm. Der Zeuge erzählt dann eingehend die Mitteilungen, die ihm Dr. Kornblnm gemacht habe. Ueber Kornblnm sei ihm einmal mit- geteilt worden, daßlderselbe Spieler sei, und es seien allerlei Ver- dächtigungen daran geknüpft worden, die aber nicht genügend begründet waren. Er habe sich nach Kornblnms Vermögens- Verhältnissen erkundigt und erfahren, daß diese gut seien. Diese Er- Zählungen Wolfis, die der Zeuge wiederholt und die mit ihren Be- lastungen die Grundlage der Anklage bilden, erklärt v. Kröcher an verschiedenen Stellen für durchaus erlogen oder für„freie Phantasien" des Dr. Kornblum. Er bestreitet namentlich, daß Kornblnm ihn vor dem Wolff gewarnt habe.— Zeuge y. Man« t e u f f e l bekundet des weiteren: Kornblnm habe ihm wiederholt sein Erstaunen darüber ausgedrückt, daß Wolff fast wortgetreu darüber unterrichtet war. was er warnend Herrn v. Kröcher gesagt habe. Als Wolff dem Kornblnm eines Tages begegnete, habe der erstere dem Kornblnm Vorwürfe darüber gemacht, daß er ihn öffentlich blamiere; er sei sehr froh, daß er nach langen Mühen wieder Eingang in bessere Kreise ge- funden habe, und da wäre es doch netter gewesen, wenn ihn Herr Kornblnm nicht öffentlich blamiert, sondern privatim Winke gegeben hätte.— Vorsitzender: Welche Be« zichnngcn bestanden zwischen Herrn Wolff und v. Kayser nach den Behauptungen des Kornblum?— Z e u g c: ES scheine ihm so. als ob v. Kayser der Meinung sei, daß Dr. Kornblum ihm gegenüber gehässig ausgesagt habe. Dies � sei aber nicht der Fall, thatsächlich habe ihm gegenüber Dr. Kornblnm Herrn v. Kayser energisch in Schutz genommen Die Verhaftung v. KröcherS. Nachdem der Zeuge die Spiclsccne in Leipzig geschildert, bei welcher mit Herrn Marks gespielt wurde, wird er aufgefordert, mitzuteilen, welche Maßnahmen er zur Verhaftung der Angeklagten getroffen habe, da die Angeklagten behaupten, daß sie' von der bevorstehenden Verhaftung Keimtnis hatten und sehr leicht hätten entfliehen können. Der Zeuge bekundet: Ich glaube nicht, daß die Augeklagten von dem Haft- bcsehl früher Kenntnis erhalten konnten, bevor ich mich ihnen offenbarte. Am Abende erhielt ich den Hastbefehl, der vom Unter- fuchungSrichter Herr verfügt und von der Strafkammer bestätigt worden Ivar. Landgerichtsrat Herr hielt die Verhaftung des Herrn v. Kröcher für am wichtigsten. Ich begab mich.deShalb am folgenden Morgen in der Frühe zum Herrn v. Kröcher. Da ich nicht wußte, was ich, der ich ja auch Offizier bin, ebent. in einer solchen Lage thun würde, so hatte ich einen Beamten mitgenommen, der jede Bewegung des Herrn v. Kröcher zu beobachten hatte. Ich gab Herrn b. Kröcher gegenüber zu erkennen, baß eS mir peinlich sei, ihn behelligen zu müssen, aber es hätten sich Umstände gegen ihn herausgestellt, welche eine Haussuchung bei ihm not- wendig machten. Er möge so liebenswürdig sein und mir sämtliche in seiner Wohnung befindlichen Behälter öffnen. Ich muß be- merken, daß ich mir vom Landgerichtsrat Herr die Erlaubnis aus- gewirkt hatte, bei der Berhastuug so schonend und rücksichtsvoll wie iiur möglich vorzugehen. Herr' v. Kröcher kam meineni Wunsche bereitwillig nach. Als ich die Durchsuchung beendet hatte, würgte ich an dem Ausdruck herum, wie ich ihm die Mitteilung von seiner Verhaftung beibringen sollte. Ich sagte ihm, daß ich ihn dem Richter vorführen müsse. Er ging sofort mit.— Präs.: War er nicht■ konsterniert?— Zeuge: Nein, im Gegenteil, ich war konstermert, weil er so gar nicht konsterniert war. Ich hatte so etwas noch nicht gesehen. Mich fror innerlich. Herr v. Kröchcr fragte mich dann, ob ich ihm nicht sagen könnte, ob die anderen auch' verhaftet sind. Ich war neugierig, wer die anderen sein sollten. Herr v. Kröcher fragte mich denn auch bald: Ist Herr v. Schachtmeyer auch verhaftet? Als wir von der Friedricb Wilhclmstrnße durch den Tiergarten über die Brücke bei der Paulstraße fuhren, sagte Herr v. Kröcher plötzlich: Hier wohnt ja auch Herr v. Kayser, vielleicht können wir hinaufgehen und ihn gleich mitnehmen. Vors.: Herr v. 5iröcher, verhält sich das so? — Angekl.: Nicht ganz. Herr v. Mantenffel hat den Haftbefehl nicht auS der Tasche gezogen. Er teilte mir meine Ver» Haftung auch nicht ans der Treppe mit. sondern unten am Gartenthor. Ich bin das erstemal in meinem Leben verhaftet worden, und erinnere mich deshalb ganz genau darauf.(Heiterkeit.) Ich habe diese Bemerkung über das Mitnehmen des Herrn v. Kayser nur scherzhaft gemacht, nachdem Herr v. Man- teuffel mir gesagt hatte, Herr v. Kayser sei auch in die Affaire ver- wickelt.— Zeuge v. M a n t e u f f e I: Ich glaube nicht, daß ich den Namen des Herrn v. Kayscr schon genannt hatte. Vielleicht können meine Beamten darüber Anskuuft geben. Es sind ehemalige Unter- osfiziere, sie haben mir auch gesagt, ein solcher Gleichmut bei einem ehemaligen Offizier sei ihnen' noch nicht vorgekommen. Angekl. v. Kayser: Für mich ist cS von größter Wichtigkeit, ob Herr v. Kröcher meinen Namen zuerst genannt hat. Meine Existenz steht auf dem Spiele, und es würde mich doch verdächtigen, wenn Herr v. Krocher sofort meinen Namen genannt hätte.— Vors.: Da haben Sie gaiiz recht.— Beisitzer Landgerichtsrat Queck: Herr v. Mantenffel, ist der Name des Hernt v. Kayser zuerst von Ihnen oder von Herrn v. Kröchcr genannt worden?-- Zeuge v. Mantenffel: Das kann ich nicht genau sagen. Rechtsanwalt S ello: Sie haben doch die Aeicherung des Herrn v. Kröcher nur als eine scherzhafte, vom Galgenhumor diktierte auf- gefaßt?— Zeuge: Jawohl; immerhin fiel sie mir auf, weil sie doch ein Schuldbekenntnis in sich schloß für sicki und Herrn v. Kayser.— Justizrat©ello: Gerade deshalb ist von großer Wichtigkeit, festzustellen, wer zuerst den Namen des Herrn v. Kayser genannt hat.—Zeuge: Ick glaube, Herr v. Kröcher.— Angekl. v. Kayser: Ich bitte den königlichen Kriminalkommissar, sein Ge» dächtnis zu schärfen. Als vorhin' der Herr Beisitzer fragte, da ant» wartete Herr v. Mantenffel, er wisse das nicht.— Beisitzer Dr. Queck: Ich konstatiere, daß meine Frage lautete: Wer hat zuerst 6en Kamen des Herrn b. Kahser genannt? und daß die Antwort des Zeugen lautete: Das weiß ich nicht�— v. K r ö ch e r: Während der Unterhaltung im Wagen habe v. Manteuffel versucht, ihm beizu- bringen, daß v. Kahser schlechtes über ihn rede. Eine rücksichtsvolle Verhaftung. Der Zeu�e v. Manteuffel erzählt dann den Vorgang der Verhaftung des Angekl. v. Kahser. Als er in die Wohnung des Hrn. o. K. gekommen sei. habe ihm sein Kancmerdiener aufgemacht. — v. Kahser: Was? mein Kammerdiener?!— v. Manteuffel: Gs war ein kleiner, halbwüchsiger Junge.— v. Kahser: Also das Gegenteil von dem. was der Zeuge soeben unter seinem Eide be- hauptet hat!— Zeuge v. Manteuffel erzählt dann, wie er zweimal vergeblich in v. Kaysers Wohnung war und dort zwei Visitenkarten zurückgelassen habe, wie dann am nächsten Morgen v. Kayser ihn aufgesucht habe, wie der Ver- such, den Untersuchungsrichter Herr sofort zu sprechen, ver- unglückte und � dann eine Haussuchung bei v. Kahser stattfand. Er sei kolossal überrascht von der enormen, tadellose» Ordnung, in welcher sich die Papiere des Herrn v. K. befanden. Letzterer habe ihm bereitwilligst alles überlassen, er hatte absolut nichts verborgen, alles sei wunderschön geordnet gewesen und er, Zeuge, habe die Neberzeugung gewonnen, daß„nichts mehr da- sei. Gegen� die Zweideutigkeit des letzteren Ausdrucks verwahrt sich v. Kahser entschieden. Der Zeuge erzählt weiter: Er habe Herrn v. Kahser auf dessen Bitten gestattet, in seiner Gegenwart au einen kurzen Moment Frieda Voigt zu sprechen. Dann war es ihm von Wichtigkeit, durch Herrn v. Kahser zu erfahren, wie er sich zu der ganzen Angelegenheit stelle; es sei überlegt worden, wie dies am besten geschehen könne, und so habe man dann die W e i irst u b e von Eggebrecht aufgesucht. Bei diesen Erzählungen habe v. Kahser auf ihn einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck gemacht, wenn er auch nicht habe begreifen könne, warum v. Kahser so entschieden für Herrn v. Kröcher eintrat. Bei der eminenten Begabung und bei der Geschicklichkeit, mit welcher v: Kayser seine Ausführungen machte, seien ihm vorübergehend Zweifel gekommen, ob es unter solchen Umständen nötig sei. ihn sofort in Haft zu nehmen. Er glaubte überzeugt sein zu dürfen, daß v. Kayser nicht entfliehen würde und habe sich deshalb cnt- schieden. Herrn v. Kayser in der Rächt noch in seiner Wohnung zu lassen und ihn erst an» nächsten Morgen abzuholen. Herr v. Kayser habe ihm das Verspreche» gegeben, seine Wohnung nicht zu verlassen. Am nächsten Morgen habe er Herrn v. Kayser abgeholt, dieser habe erst noch den Raseur aufgesucht und sei dann niit ihm zu dem Untersuchungsrichter Herr gegangen. Der Angeklagte v. Kahser behauptet auf das bestimmteste. daß v. Manteuffel dabei sofort seine entschiedene Ansicht dahin aus- gesprochen habe, es werde sofort wieder seine Entlassung erfolgen. Der Zeuge will dies nicht so bestimmt ausgesprochen, aber allerdings gesagt haben: wenn das alles so richtig sei, wie er behaupte, dann würde er wohl freikommen. Er sei auch mit dem Untersuchungs- richter Herr zum Oberstaatsaiiwalt Drescher gegangen und habe seine Zweifel darüber ausgedrückt, daß die Haft fortzudauern habe. Der Oberstaatsanwalt habe aber die Hafk ausrecht zu halten destimmt.— O b erst a at s an iv a It Jsenbiel: Die Aufrecht- erhaltung der Hast sei ja gar ilicht der Entscheidung des Kriminalkommissars unterstellt, sonder»» derjemgen des Richters. In diesem Fälle sei die Aufrechterhaltring der Hast von der zilstehenden Strafkammer beschlossen, es sei dagegen Beschwerde erhoben und der Beschluß der Strafkammer durch'daS Kanunergericht bestätigt worden. Manteuffel bei v. Schachtmcycr. In Betreff der Verhaftung v. Schachrmeyers macht Zeuge b. Manteuffel folgende Angaben: Auch bei diesem Angeklagten habe er eine Hussuchung vorgenoinmcu. Er habe ihm gesagst daß cs ihm hariplsächlich daran liege, eine Quittung des Herrn Montagli zu bekommen. Der Angeklagte habe erklärt, daß er dies Papier sowie einen ganzen Wust anderer Papiere, die den Klub betrafen, verbrannt habe. Der Angeklagte v. Schachtmeyer giebt dies zu. Er habe dies a»lf Anraten des Mitangeklagten v. Kayser gethan, aber keineswegs um die Sachlage zu verdunkeln. Bei Auf- lösung des Klrlbs habe er v. Kahser gefragt, was mit den Druckschriften und Quittungen geschehen solle. Herr v. Kayser habe ihn, erwidert, er möge nur die ganze Geschichte in seiner Wohnung ver- brennen, er stehe gerade im Examen, und es sei ihm unangenehm, wenn es bekaimt würde, daß er sich für einen Spielklnb interessiert habe. Die Druckschriften hätten ebensowenig Wert gehabt, wie die der» Klub betreffenden Quittungen. Es sei ein Spielreglement ge- Wesen, welches von Herrn v. Zedlitz verfaßt worden sei, ferner eine .Liste der Mitglieder usw. Herr v. Manteuffel müsse auch zugeben, daß er sofort alle seine Behältnisse zur Bersiigruig gestellt habe.— Zeuge v. Manteuffel giebt dies zu. Auf Fragen des Oberstaatsanwalts erklärt sich v. K a y s e r nochmals über den«Kammerdiener-, der dem Zeugen v. Manteuffel die Thür geöffnet haben soll. Dieser„Kammerdiener- sei ein kleiner Junge getvesen, der im November 6 Mark und im Dezember mit Rücksicht auf Weihnachten 10 Mark erhalten habe. Im geivöhnlichen Leben nenne man solchen„Kammerdiener- Laufjungen.— Alls eine Reihe von Fragen des RechtSanivalts Dr. S ch w i n d t erklärt Zeuge v. Manteuffel, daß ihm Kornblum niemals gesagt. Kröcher habe falsch gespielt. Ob der Redacteur Fölzer die ihm auf- getragene Warnung an die Offiziere auch Iricklich bestellt habe, wisse er nicht.— Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t:. v. Äröcher habe jedenfalls mit Herrn Fölzer nicht gesprochen und keine Warnung vor Wolff erhalten. Kröchcr und Manteuffel. v. M a n t e u f f e l: Es sei richtig, daß v. Kröcher nach den ersten im Tageblatt geschriebenen Artikeln eines Tages zu ihm gekommen sei, um von ihm, der Hauptmann der Land- ivehr und ein älterer Kamerad dcS v. K. war, einen Rat zu erbitten. Er sagte, daß in den Artikeln seine Person so deutlich gezeichnet ivorden sei, daß sie sofort erkennbar war und wollte gern Rat haben. wie er sich zu verhalten habe. Er habe Herrn v. Kröcher darauf gefragt, wodurch ep sich beleidigt fühle und dieser habe erwiderst daß er ja zugeben müsse, leidenschaftlich gespielt und auch gewonnen zu haben. Darauf habe er erwiderst daß das bloße Spielen ja nicht strafbar sei und es auch nichts Böses sei, wenn man beim Spielen Glück habe, das sei vielmehr für jeden Spieler angenehm. Er habe ihm geraten, sich so schnell als möglich an den Ehrenrat zu wenden, dessen stell- vertretender Präses er, der Zcnge, sei. Kröcher habe dann noch einen Brief hervorgezogen, den er für einen gemeiiien Erpresser- versuch hielt. Der von dem Lie»ltenant Bancart herrührende Brief Habe ihn natürlich sehr interessierst da ihm kurz vorher der Re- daeteur Friedländer vom„Tageblatt- mitgeteilt habe, daß er aus London Mitteilungen über Spielaffairen erhalten habe und der Ver- dacht vorlag, daß beide Schreiben denselben Verfasser haben könnten. v. Kröcher habe ihn» den Brief des Herrn Baneart überlassen, er habe sich Abschrift davon genommen und daS Original Herrn v. Kröcher ivieder zugestellt.— Zeuge überreicht nun die Antwort, die v. Kröcher dem Lieutenant Baneart erteilt hat, AuS dem Inhalte geht hervor, daß er den Wolff dem Bancart gegenüber in Schutz nimmt. Der Zeuge v. Manteuffel erklärt auf Befragen, daß er nicht begreifen könne, wie der Augeklagte als Offizier, dem doch indirekt vorgeworfen wurde, mit einem„geschickten- Bankhalter zusammenzuhalten, seine solche Antwort erteilen konnte. Der Angeklagte v. Kröcher weift daraufhin, daß Baneart sich damals und nock heute in London befunden habe. General v. Kröcher. Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t: Herr Zeuge, ist eS richtig, daß Sie dem Vater des Herrn v. Kröcher, dem General v. Kröcher. ge- raten haben, sein Sohn solle nichts gegen Dr. Kornblum unter- nehmen, denn dieser habe nur Gutes über ihn gesprochen?— Zeuge v. Manteuffel: General v. Kröcher hat mich einmal in meiner Wohnung aufgesucht, mich aber nicht getroffen. Dann habe ich den General' einmal auf dem Korridor vor dem Amtszimmer des Land- gerichtSratS Herr gesprochen, ich entsinne mich aber nicht, ob der Name des Dr. Kornblum erwähnt wurde. General v. Kröcher sprach die Erwärtung aus, daß gegen seinen Sohn ehrengerichtlich vor- gegangen werden würde, aber er besorge auch, daß ebenfalls das gerichtlicbe Verfahren gegen seinen Sohn eingeleitet werden würde. Ich verhielt mich zurückhaltend, worauf der General erklärte, daß er wisse, daß sein Sohn gewerbsmäßig spiele. Ich erwiderte ihn»:„Um Gotteswillen, sagen Sie so etwas nicht. Ich könnte ja als Zeuge veri»omn»en werden.- General v. Kröcher fragte mich nun, eine wie hohe Strafe auf gewerbsmäßiges Glücksspiel stehe. Ich verwies ihn dieserhalb an den Landgerickitsrat Herr. Auch dieser hat es abgelehnt, sich auf die Frage auszulassen. Angekl. v. Kröcher: Ich bleibe dabei, daß mein Vater mir dreimal die Aeußernng des Herrn v. Manteuffel, ich solle nicht gegen Dr. Kornblum vorgehen, wiedererzählt hat.— Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t. Ich' kann es mir kaum denken, daß ein Vater seinen Sohn des„gewerbsmäßigen- Glücksspiels bezichtigen sollte, wem» er diesen Strasbegriff kennt, und ich beantrage nunmehr die Ladrmg des Generals v. Kröchcr oder dessen kommissarische Ver- nehmung ü» Halle.— Oberstaatsanwalt Jsenbiel teilt mit, daß er gestern eine Depesche vom General v. Kröcher erhalten habe, worin derselbe erklärt, daß er von seinem Rechte der Zeugnis- Verweigerung Gebrauch machen und unter keinen Umständen als Zeuge auftreten werde. Die Verteidiger erklären sich nun bereit, nochmals eine Anfrage an den General v. Kröchcr zu richten, ob er als Zeuge erscheinen»volle. Die' Vernehmung des Kriminalkommissars v. Manteuffel wird hier unterbrochen. Es sollen morgen noch zahlreiche Fragen an ihn gerichtet werden. Zlvischendurch wird Zeuge Rittmeister v. E y n a r d vernommen. Dieser äußert sich über einen Reservelieutenant v. Radecke, der bei seiner Vernehmung in der Voruntersuchung ungünstige Aussagen über v. Kahser gemacht hat. Den letzteren kennt v. Ehnard als voll- kommenen Gentlemai», dagegen bekundet er über v. Nadecke, daß dieser ihn in schnödester Weise um 12 000 M. bares Geld gebracht habe. ES»vird festgestellt, daß von Radecke in einem gegen ihn angestrengten Prozeß den Einivand der Unzurechnungsfähigkeit mit Erfolg gemacht habe. Iii seinen Aussagen hat Radecke u. a. das Verhalten v. Kaysers beim Spiel als uriksir bezeichnet und dafür einzelne Beispiele angeführt. — v. Kayser tritt diesen Aussagen eines Zeugen, der sich selbst für„unzurechnungsfähig" erklärt habe, mit Entschiedenheit entgegen, schildert diesen als einen materiell völlig ruinierten und ganz unzu- verlässigen Zeugen und sticht nachzuweisen, daß in der Aussage des- selben ein halbes Dutzend Meineide enthalten seien. Hierauf tvird die Sitzung auf Donnerstag 9 Uhr vertagst Mtmrnrmmles. Tic städtische Vcrkchrödeputation,»velche gestern unter Vorsitz des Bürgermeisters K i r s ch n e r eine mehrstündige Sitzung abhielt, beschloß, den Antrag der Großen Straßenbahn- Gesellschaft auf Weiterftihrnng mehrerer Linien an Sonn- und Feiertagen gegen Erhebung von Zuschlagöprciscn abzulehnen. Der Antrag der Gesellschaft, die Linie Dönhoffplatz— Glogauer- straße nur bis Ritte rstraße. Ecke Lindenstraße, zu führen, wurde eben- falls abgelehnt, der Gesellschaft jedoch anheimgegeben, auf der Strecke Ritterstratze— Dönhoffplatz statt deS Accumnlatorenbetriebes oberirdische Stromzusührnng einzuführen. Die Verhandlungen wegen Einrichsturg von Wartehallen werden bis zum April n. I. ausgesetzt; inzwischen soll durch die tädtischen Bau-Jnspeklionen ermittelt»verden, an»vclchen Stellen Wartehallen notwendig sind. Den Hauptgegenstand der Depntationsberatung bildete die Berichterstatlnng einer S u b k o m m i s s i o n über die Organisation eines für Rechnung der Stadt zu errichtenden und zu betreibenden Straßenba hn- II nt crn e Hillens. Bekanntlich hat die VerkohrSdeputation»»ach Abschluß des Ver- tragcS mit der Straßenbahn-Gesellschaft einen Plan ausgestellt, nach weichem der»vcitcre AtiSban des StraßeilbahnnetzeS erfolgen soll. Auf dieses neue ctlva 48 Kilometer Doppelgeleis umfassende Netz, auf »velchem rund ö? Kilometer Straßenbahnlinien eingerichtet»verden sollen, ivaren eine Anzahl Unternehmergebote eingegangen,»velche zloar erheblich günstigere Bedingungen als beim Uinivandlungs- vertrage enthielte»», aber zu einem Abschlüsse nicht gelangten. Jnzlvischen»var die Verkchrsdeputation zum Teil»v'egen der in die Erscheinung tretenden Bestrebungen, die gesamten Straßenbahn- Unternehmungen in einer Hand zu vereinigen, in erneute Erwägung darüber getreten, ob cs nicht, um einer vollständigen Monopolisierung Grinsten einer Privatgesellschaft vorzubengen, geboten er- . ine, die zum Ausbau' und zur Erweiterung des Straßenbahnnetzes notlvendigen neuen Linien in städtische Regie zu nehmen. Zur ein- gehenden Prüfuitg dieser Frage wurde eine Silbkommission eingesetzt, die den Auftrag erhielt, neben den allgemeinen und rechtlichen Gesichts- punkten auch die Rentabilität eines' städtischen Straßenbahn-Uiiter- nehmens auf den in Aussicht genommenen Linien zu erörtern. D i e K o m m i s s i o n hat sich für die U e b e r n a h m e der neuen Linien ausgesprochen und der Deputation entsprechende RetabilitätSberechnungen und Vcrivalstingsvorschläge unterbreitet. lieber den Antrag der Subkommission wurde mehrere Stunden in eingehendster, alle einschlägigen Gesichtspunkte erörternder Weise diskutierst Die Befürivorter des Antrages machten namentlich geltend, daß neben den finanziellen Vorteilen die Errichtung eines städtischen Straßenbahn-llntcrnehmens auch aus dem Grunde not- wendig»verde, um bei Ablauf des Vertrages mit der Gesellschaft im Jahre 1919 ans Grund e i g e n e r' E r f a h r u n g e n die Gesellschaftslinien nbernehmcii zu können. Wenn die Stadt auch die im Laufe der Jahre sich als»otlvendig erweisenden Linien an Privatgesellschaften vergebe, so begründe die's eine solche Machtstellung der Unternehmer— die ihre verschiedenen Gesellschaften in- zivischen fusioniert haben lvnrden—, daß die Stadt dann voll- kommen»vehrlos sei und sich den Bedingungen dcS Privatkapitals ergeben müsse. Man müsse daher bei Zeiten sich darauf einrichten, dieser Gefahr durch Einrichtung eines städtischen Unternehmens vorzubeugen. Da außerdem noch—»vie die Berechnungen ergeben— die Stadt bei Selbstbetrieb höhere Einnahmen erzielte als wie Ab- gäbe und Gewinnbeteiligung von Privatgesellschaften ergeben, so 'ließe sich auch in dieser Beziehting kein Bedenken gegen den Antrag erheben... Tie Gegner leiteten ihren Widerspruch ans principiellei» Gründen ab. Die Stadt sei nicht dazu da, der Privatindustrie Konkurrenz zu mache»; man könne nicht so vorteilhaft verwalten und sollte siäi nicht mit noch mehr Beamten belasten. Auch arbeite eine städtische Bei»»'astung zu langsam und solle venneide». sich dem Vorlvurf schlechter Verwaltung auszusetzen. Diesen Eilnvendlnigen traten von» Magistrat der Bürgermeister K i r s ch n e r»md die Stadträte M c u b r i n k und Krause entgegen, welche ausführten, daß die Bedenken nicht schiverwiegend genug seien um den Antrag der Subkommission preiszugeben— da eine geivisse Selbständigkeit der verwaltenden Deputation bezw. deS Direktors die etwa'sich heraiiSstevenden Schwierigkeiten leicht überivinden »verde. Ter Stadtv. Singer befürwortete, unter Berncksichtigiing aller Gesichtspunkte, lebhaft den Antrag der Subkonunisfion, dessen Annahme er als die einzige Möglichkeit bezeichnete, die M a ch t st e l l u n g des in den Gesellschaften koalierten Kapitals z u brechen. Die Stadtv. Cassel, D i n se und R o s e n o w unter- stützten die Ansfühningen Singers und meinten, man müsse be» einem kleineren Unternehmen die Probe machen, ob die Stadt be« sähigt fei, Straßenbahnen selbst erfolgreich zu betreiben. Mit großer Energie bekämpften Stadtrat Weigert und die Stadtverordneten Jae'oby»md Kyllmann den Antrag der Kommission. indem sie den ungenügenden finanziellen Mehrertrag sowie die Be- lästigungen durch die Verwaltung und die Beeinträchtigung der Privat- industrie als Ablehnungsgründe' bezeichneten. Bei der Abstimmung beschloß die Deputation mit 11 gegen 3 Stimmen, beim Magistrat und den Stadtverordneten zu be- antragen, sich damit einverstanden zu erklären, daß die neuen notwendig erscheinenden Straßenbahn- Linien für Rechnung der Stadt gebaut und betrieben»verde». Die Verivaltung des städtischen Straßenbahn- Unternehmens soll durch die Verkehrs- deputatio» nach bestimmten, von den städtischen Behörden festzu- setzenden Grundsätzen geführt werden. Die weiteren Gegenstände mußten wegen vorgerückter Zeit ver- tagt»verde»». Die socialdcmokratische Fraktion in der Stadtverordneten- Versammlung hat den Antrag gestellt, der Magistrat möge mit Deputierten der Stadtverordneten-Versammlung in gemischter Depu- tation»vegen Uebernahme des öffentlichen Anschlag- Wesens in städtische Verivaltung berate»». Der Vertrag mit der Firma Nauck und Hartmann läuft im Jahre 1901 ab. Ferner hat die Fraktion beantragt, die bevorstehenden Stadt- verordneten-Wahlen dritter Abteilung am S o n n t a g, den 4. No- vember d. I., stattfinden zu lassei». ITulmles. Freie Volksbühne. Die dritte Abteilung hat ihre«Faust-- Aufführung Sonntagnachmittag 21/4 Uhr im Ostend-Theater, für die sechste Abteilung 2�4 Uhr im Lessing-Theatcr»verden die„Journalisten- gegeben. Pünktliches Erscheinen»vird den Mitgliedern zur Pflicht gemacht.— Die Zahlstelle 23 von Fritz Zubeil befindet sich jetzt Markgrafenstraße 102 beim Restaurateur Saß.— Die Billets zum' Herbstfest 14. Oktober, Brauerei Friedrichshain, ge- langen jetzt in allen Zahlstellen z»lr Ausgabe a 50 Pf.(Bitte die heutige Annonce im Inseratenteil zu beachten. Der Vorstand. I. A.: G. Winkler. Bei den Harmlose» setzte die Sache am Mittlvoch früh moralisch ein. Und zlvar »var einer der Harmlosen der moralisch Entrüstete. Herr v. Kayser hielt eine Ansprache an die versammelte Zeugenschaft. Er hält sich nämlich Zeitungen im Untersuchungsgefängnis, und da hatte er in den Prozeßberichten ein paar Irr« tümer gefunden, die ihn veranlaßten, den Journalisten seine ernsteste Mißbilligung auszudrücken. Der Hauptpunkt seiner Anklage war. daß in den» Bericht gestanden habe, er hätte den Unter- halt für die Familie Vogt bezahlt,»vährend er in Wirklichkeit inir der einen der beiden Schivestern Vogt, der Dame seines Herzens, monatlich etiva 600 bis 600 Mark gegeben habe. Man be- greift die Entrüstung dieses Harmlosen, wenn die bösen Zeitungen ihm unterstellen, nicht nur für seine Geliebte den Unterhalt bezahlt zu haben, sondern der Menager der beiden Damen gclvesen zu sein. Jeder in der höhern Moral Beschlagene begreift, daß durch solche irrtümlichen Berichte die tadellosen, smnigen und hochmoralischen Beziehungen des Herrn v. Kayser ins bodenlos Unmoralische verkehrt»verde»». Es »vird nach dieser Richtigstellung Herrn v. Kahser sicher gelingen, sich bei dem Minister des Innern zu rehabilitieren, was er— uota dsus nach der Freisprechung— zu thun beabsichtigt. Und der„hoffnungsvolle junge Mann", als»vclchen Dr. Sello seilten Klienten bezeichnete,»vird noch eine Zierde der preußischen Beamtenschaft, er»vird Landrat oder noch»nehr werden und wird helfe»», die immer»nehr zu Tage tretende Verlotterung der Jugend— natürlich der Arbeiterjugend— durch energische Maßregeln zu unterdrücken. Wie es in den Kreisen der satisfaktioitsfähigen goldenen Jugend zugeht, darüber hatte am Mittlvoch der Lieutenant der Re- serve Graf Reventloiv einige AuSknnft zu erteilen. Nach seinen Eindrücken sind an den Jeu-Abenden der Harmlosen alle bei den Edelsten und Besten üblichen Spielregeln beobachtet worden. Dann kam Herr v. Manteuffel, der Kriminalkommissar, an die Reihe, der»vohl das Material für die Anklage zusammen- getragen, aber daS Pech gehabt hat, daß die»ninder Harmlosen, der»vegen Diebstahl und Glückspiel vorbestrafte Herr Wolff und der stark kompromittierte Dr. Kornblum ins Ausland entweichen konnten. Sie sind dort von der soeben reorganisierten Kriminalpolizei nicht zu ermitteli», so daß nur die jungen Aristokraten im Netze hängen ge- blieben sind. Herr v. Maitteuffel begann nach guter polizeilicher Tradition mit dem Wunsche, daß man nicht nach der Art fragen möge, in der er seine Recherchen vorgenommen habe,— er müsse sonst vorläufig sein Zeugnis veriveigern. Er erzählte mancherlei,»vaS er über Wolff, Kornblum ze. weiß,— und er schilderte dann, in»vie rücksichtsvoller Weise er die Angeklagten verhaftet und dabei— daS Nächstenliebende mit dem Nützlichen verbindend— ans den Verhasteten»vechseliveise belastendes Material herauszuholen versucht habe. Der Kriminalkommissar erwies bei seinen Mitteilnngen»vider Willen den Angeklagten den guten Dienst, sich in allerlei Widersprüche zu ver- »vickcln,»vas von den Harmlosen, die den Herrn von der Kriminal- Polizei in ein»vohlgezieltes Kreuzfeuer nahmen,»veidlich ausgenutzt »vurde. Hat es somit Herr v. Manteuffel vorläufig nicht verstanden, sich bei seinem Aiistretei» einen Achtungserfolg zu sichern, so hat er dafür die Zeitgeschichte um ein geflügeltes Wort bereichert. Er hat bei der Verhaftung des Herrn v. Kröcher„innerlich gefroren",»vas noch nicht vielen Kriminalbeamten geschehen sein dürfte, und»vas um so anerkennensiverter ist, als Herr von Kröcher innerlich und äußerlich so ganz unverfroren»var. Wahrhaft gerührt aber»vird jedes edle Herz sein, Ivenn es hört, mit Ivelcher zartesten Rücksicht Herr von Manteuffel die harmlosen Aristokratien verhaftet hat. Ein Kriminalkommissar, der innerlich friert und die Verhaftung kaum auszusprechen Ivagt, um seine Klienten nicht zu erschrecken,— ein Kriminalbeamter, der mit dem Ver- hafteten abends ins Weinrestaurant soupieren geht, ihn dann im Wagen nach Hause begleitet und ihn ruhig die Nacht in seiner Wohnung zubringen läßt,»nn ihn dann am anderen Morgen nach Moabit abzuholen,— ein so zartes und liebevolles Verfahren stellt die Berliner Kriminalpolizei ins beste Licht. Und jeder Leser »vird den doppelten Schmerz zu lvürdigen verstehen, von dem die Kriminalbeamten zerrissen»verde»,»venu die rauhe Pflicht sie treibt, am frühesten Morgen in daS Schlafzimmer socialdemokratischcr Redacteure zu dringen, um sie aus dem Bette heraus zu ver- haften. Die angeklagten Harmlosen, oder die Herren Angeklagte»», wie Gerichtspräsident und OberftaatSamvalt sie nenne»»,»verde» über- Haupt von einen» merkivürdigen Glück förmlich verfolgt. Sielverden auch im Prozeßverfahren niit der größten Rücksicht behandelt. Während sonst in Haft befindliche Angeklagte, mit dem Gefangenen-Auffeher hinter sich. Spießruten durch die bevölkerten Korridore laufen müssen,»verden diese Angeklagten durch die iiiiieren Räume abgeführst Man hat der Berteidigring gestattet, während des Prozesses für die Beköstigung der jungen Lebemäinier auS dem Restaurant zu sorgen, und die junge» Herren genießen eine Freiheit der Rede, wie man sie wohl auf der Anklagebank nur selten gesehen hat. Wir gönnen den„Herren«ngeklagien' alle Vergünstigungen, ja»vir freuen uns sogar darüber; denn da ja alle Deutschen vor dem Gesetz gleich sind, so wird in Zukunft sicher auch minder hochedclgeborenen Sterblichen eine gleich noble Behandlung zu teil werden. Die Aussichten de? Prozesses sind für die Angeklagten dauernd günstig. So, wie es bis jetzt aussieht, darf man wohl ihre Freisprechung erwarten. Und die eingelochten Harmlosen werden mit Sehnsucht des Moments harren, wo sie ein riesig fideles Be- freiungs-Jeu veranstalten können. Die Beteiligung an den Stadtverordneten-Wahlen ist in Berlin zwar nicht so gering, wie die an den Wahlen zum Abgeordnetenhause, aber sie kann— leider!— auch nicht bedeutend genannt werden und bleibt namentlich weit hinter der Beteiligung an den Wahlen zum Reichstage zurück. Dabei unterscheiden sich die drei Wählcr-Abteilungen in sehr bemerkenswerter Weise von ein- ander. Am stärksten ist die Beteiligung jedesmal in der er st en, am schwäch st en jedes mal in der dritten Abteilung. Die Wahlen vom 8., 9.. 10. November 1897 brachten in der dritten Abteilung 3�Proz.. in der zweiten Abteilung 39 Proz., in der ersten Abteilung ö0 Proz. aller Wähler der betreffenden Ab- teilungen an die Urne. Diese Unterschiede, die übrigens auch bei den Wahlen zum Landtage in derselben Weise auftreten, sind um so auffälliger, da in der ersten Abteilung nie und in der zweiten fast nie ein wirklicher Wahlkampf stattfindet, so daß man hier eigentlich kaum ein lebhafles Interesse an der Wahl und ihrem Ausfall erwarten sollte. Wenn gerade in der dritten Abteilung, wo sich verschiedene Parteien gegenüber stehen und meist ein erbitterter Kamps um das Mandat geführt wird, die Be- teiligung so schwach ist. so wird das nur dadurch verständlich, daß den Wählern der dritten Abteilung die Ausübung ihre Wahlrechts am meisten ersch wert ist. Sie be- finden sich am meisten in wirtschaftlicher Abhängigkeit, darum empfinden sie schon den mit der Ausübung des Wahlrechts verbundenen Zeitverlust am unangenehmsten. Sie haben darum aber auch die Gefahren der öffentlichen Stimm- abgäbe am meisten zu fürchten. Fänden die Wahlen am Sonntag statt und wären sie geheim(Forderungen, die seit langem von der Socialdemokratie vertreten werden), so würde die Beteiligung ohne Zweifel auch in der 3. Abteilung viel reger sein. Daneben trifft freilich auch die Wähler selber ein Teil der Schuld an dem geringen Umfang der Wahlbeteiligung. Daß auch unter den oben erwähnten erschwerenden Umständen eine regere Beteiligung möglich ist. das haben frühere Wahlen bewiesen. An den Wahlen von' 1883(die die ersten Socialdcmokraten in die Stadtverordneten- Versammlung führten) beteiligten sich selbst in der 3. Abteilung fast 40 Proz. der Wahlberechtigten. Sollte, was damals möglich war, nicht wieder möglich sein? Möge jeder Wähler bedenken, daß er nicht bloß ei» Wahlrecht, sondern auch eine Wahlpflicht hat, und daß er diese Pflicht nicht nur in seinem Interesse zu erfüllen hat, sondern auch im Interesse der vielen anderen, denen unter dem heute noch herrschenden Wahlsystem das Wahlrecht überhaupt vorenthalten ist. Gerade in der 3. Abteilung muß die Beteiligung am stärksten sein,— so sehr sich im übrigen die Abneigung weiter Volkskreise gegen das Klassen-Wahlsystcm verstehen läßt. DaS städtische Obdach im Jahre 1 898 99. II. Bei der Abteilung für nächtlich Obdachlose ist im letzten Jahre eine kleine Abnahme der Frequenz eingetreten. Es nächtigten hier 1898/99(bezw. 1897/98): 294 992(302 246) männliche Persoucn, darunter 43(66) Knaben, und 11 377(9262) weibliche Personen darunter 46(77) Mädchen, überhaupt 306 369(311 ö08) Personen, durchschnittlich pro T a g 839(8ö3). Von den Monaten deS Jahres 1398/99 hatte der August 1893 mit 12 048 Aufnahmen die geimpfte, der Februar 1399 mit 44462 Auf- nahmen die höchste Frequenz. Die geringste Tagesfrcquciiz hatte der 17. August mit 278, die höchste der 26. Februar mit 1916.» Unter den aufgenommenen männliche» Personen sollen nach Angabe des Vcrwaltuugsberichtes 145 442(147 650) „Handwerker" und 149 550(154 596)„Arbeiter" gewesen sein. Andere Berufe könnten dann überhaupt nicht vertreten getvesen sein, was aber kaum zutreffen dürfte. Man scheint im städtischen Obdach die B e r u f s a n g a b e n etwas sehr summarisch zu behandeln und überhaupt nur zwei Berufsgruppe» zu kennen. Zum ersten in a l anwesend waren 4887(6292) männliche, 223(262) weibliche, wiederholt anwesend 290105(295 954) männliche, 11154 (9000) weibliche Personen. 3050(3658) männliche und 69(56) weibliche wurden wegen zu häufiger Benutzung des Obdachs dem Anilsanwalt zur Bestrafung über- wiesen, 15 731(19 202) männliche und 416(390) weibliche wurden wiederholt verwarnt. Die Mittel der Verwarnung und der Ueberwcisuug an den Amtsanwalt werden verhältnismäßig am häufigsten zu Beginn der kälteren Jahreszeit angewandt, sie vermögen aber die alliährlich um diese Zeil eintretende Steigerung der Obdachfrequenz nicht zu verhindern. Die Berliner Wäsche'Judustrie beschäftigt nach Ausweis der diesigen Orts-Kraukenkasse ca. 21000 Arbeiter und Arbeiterinnen. Die jetzt noch nicht vcrsichcrnngspflichtigcn Hausiudustriellen hinzu- gerechnet, dürfte sich die Zahl der in der Wäschcfabrikation be- schäftigten Arbeiter und Arbeiterimien aus mindestens 30 000 er- höhen, wovon etwa 90 Prozent weibliche Personen sind. Die Berliner Wäsche-Jndustric ist in erheblichem Maße auf das ausländische Geschäft angewiesen. Z» den Haupt- sächlichsten Absatzgebieten zählten bisher Snd-Amerika, ins- besondere Argentinien, ferner die Vereinigten Staaten von Nord- amerila, Kauada und Australien. Da sich jedoch in allen diesen Staaten in den letzten Jahren eine eigene Wäsche-Jndustric ent- wickelt hat. ferner aber in diesen Absatzgebieten der englische Weit- belverb immer mehr hervortritt, ist die Berliner Wäschc-Jndustrie, wie es in dem Jahresbericht des Vereins Berliner Kauflcute und Industrieller für das Berichtsjahr 1898/99 heißt,„auf dem Punkt augelangt, wo sie das mühsam erworbene Terrain wieder verlieren wird, wenn ihr von Staats und Reichs wegen nicht eine Unterstützung gewährt wird, die die Vorspränge deS konkurrierenden Auslandes einigermaßen wettmacht." Zu diesem Zwecke fordern die Wäschcfabrikauten: 1. Die Herab- sctznng der Zölle auf Leinen und Baumwolle(eine Forderung, die sie seit 20 Jahren vergeblich gestellt haben). 2. Die Zulassung von Transito-Wcrkstnttcn, die es ermöglichen, ausländische Stoffe unver- zollt zu verarbeiten.— Solche Werkstätten bestehen bereits in Italien und auch in Hamburg. Am Köllnischcn Nathnufe beginnt nunmehr die Spitzh.-.cke ihr Zerstörungswerl. Gestern früh hat man mit der Errichtung des Abbruchzauncs den Anfang gemacht. Arbeitcr-Wochcnkarten. Die Eisenbahndirektion der Anhalter Bahn hat, wie uns geschrieben wird, neuerdings eine Verfügung an ihre Schalterbeamten erlassen, wonach diese bei der Verabfolgung von Arbeiter-Wochenkarten sich genauer als bisher über die Arbeiter- qualität der in Betracht kommenden Fahrgäste informieren sollen. Diese burcaukratischc Anordnung verleitet nun die Beamten in nicht seltenen Fällen, solche Arbeiter, deren Beruf eine bessere Kleidung gestattet, nicht für voll zu halten. Schriftsetzern, Buchbindern k. wird gesagt, daß ihre Vcrsicherungskar-te keine genügende Legi- timatiön sei, und das Ende solcher Scherereien ist dann, daß der Arbeiter, wenn er nicht den Zug versäumen will, mißmutig den Betrag für die Einzelfahrt erlegen muß. Die Direktion, die bei der Verabfolgung von Monatskarten coulant"erfährt, sollte auch beim Verkauf der gar nicht einmal billigeren Arbeiterwochenkarten jede Weitläufigkeit meiden und die Versicherungskarte als vollgültige Legitimation betrachten, wenn sie sich überhaupt noch ferner auf den wunderlichen Standpunkt versteifen will, daß Wochenkarten nur an „Arbeiter" verkauft werden dürfen. Karl Mampe, der Fabrikant des bekannten Likörs, ist gestern nach längerer Krankheit im Alter von 42 Jahren gestorben. Der Schnelltelegraph. In den Bureaus der Vereinigten Elektricitäts-Aktiengesellschast in Pest wurden nach einem Telegramm der„N. Fr. Pr." ani 29. September in der Zeit zwischen 10 und 12 Uhr abends sehr interessante Versuche mit dem Schnelltelegraphen von Pollak und Virag zwischen Pest und Berlin angestellt. Die Pester Telegraphenverwaltung sowie jene des Deutschen Reiches hatten für diesen Zweck eine Linie zur Verfügung gestellt, damit die neue Erfindung in Gegenwart offizieller Persönlichkeiten erprobt werde. Es handelt sich um den von dem Elektrotechniker Anton Pollak und dem Maschineningenieur Josef Virag, welcher zugleich Richter am Pester Patent- Gerichtshof ist, erfundenen Schnelltelegraphen, der eine Ueber- tragungsgeschwindigkeit von mehr als achtzigtausend Worten in der Stunde gestattet, unbeschadet der vollsten Präcision deS Telegraphierens. Die Versuche können als vollkommen und überraschend gelungen bezeichnet werden. Es wurde beispielsweise eine Depesche von 220 Worten mit den vorbereiteten perforierten Papierstreifen in der Zeit von 10 Sekunden nach Berlin gegeben, und genau in der gleichen Zeit gelangte eine ebenso große Depesche aus Berlin hier ein. Am Berliner Apparat stand der eine der Erfinder, Herr Pollak, während Herr Virag in Pest die Demonstrationen und das Telegraphieren besorgte. In Berlin war die Reichs- Postvcrwaltung bei den Experimenten durch den Geheimen Rat Dr. Sydow und andere Persönlichkeiten vertreten. In Pest waren zahlreiche höhere Fachorgane der Telegraphenverwaltnng anwesend. Ueberdies waren ein Vertreter der französischen Regierung und der Repräsentant einer Kabelgesellschaft in Chicago zugegen, der den Weg über den Ocean unternommen hatte, um den Apparat zu erproben. Man hatte die östreichische Telegraphenverwaltung ebenfalls zu den Versuchen geladen, dieselbe hat sich aber nicht ver- treten lassen. Es wird demnächst ein ähnlicher Versuch in Wien unternommen werden. Das Rufen der eingelangten Depeschen er- folgte nach dem Verfahren wie beim Telephoniercn und nahm nur immer wenige Minuten in Anspruch. In der Valentinischcn Mordsachc ist auf Anordnung der hiesigen Staatsanwaltschaft in Würzburg der aus Trieft gebürtige cand. ehem. Arthur Jacchia verhaftet worden. Da er aber sein Alibi nachweisen konnte, so mußte er sofort wieder aus der Haft entlassen werden. Die Verhaftung war erfolgt auf Grund der Aus- sage eines hiesigen Künstlers, der den I. zur Zeit des Mordes hier in Berlin gesehen haben will.— Weiler wurde in Deutsch-Krone (Wcstpreußen) der Arbeiter Böhl verhaftet, da auf ihn das Signalement eines der Mörder zuzutreffen schien. Wahrscheinlich hat auch er mit dem Morde nichts zu thun, immerhin aber hat die Polizei mit der Verhaftung dieses Burschen einen guten Griff gethan. Er ist nämlich vor zwei Jahren aus dem Gefängnis in Rummels- bürg entflohen und wird seither steckbrieflich verfolgt, u. a. auch wegen Betruges und schweren Diebstahls. Auf dem Bahnhof„Alexanderplat;" ist am 1. Oktober der kleine Fahrkarten- Schalter beseitigt worden, der hier seit vielen Jahren ans dem Bahnsteig für die Stadtzüge stand und für die von der Gontardstraße oder von der Panoramästraße herauskommenden Fahrgäste bestimmt war. Als Ersatz sind Fahrkarten- Automaten aufgestellt worden, die aber nur Karten nach der Stadt- und Ring- bahn verkaufen. Wer zu den über die Stadtgcleise'ahrendcn Vorort- zügen der Richtung Grünau will/der muß jetzt den Aufgang an der Königstraße benutzen, da die betreffenden Fahrkanen nur noch hiei zu haben sind. DaS Polizeipräsidium teilt mit: Am 1. Oktober erschoß sich in einer Singspiclhalle in der Chaussecstraße ein etwa 24 Jahre alter und 1,70 Meter großer Mann mit dunkelblondem Haar und kleinem dunklen Schnurrbart, bekleidet mit dunkelgraucm Jackcltauzug und Schnürschuhen. Er führte eine Visitenkarte mit dem Nomen B. Mayol y Morales bei sich. Wer zur Ermittelung der Persönlichkeit Angaben machen kann, wird er- sucht, sie an das Polizeipräsidium, Zimmer 246, zu richten. Einen schweren Zusammenstoß gab es Mittwochvormittng in der Badstraße auf der von Siemens u. Halske betriebenen elektrischen Straßenbahn Gartenstraße-Pankow. Der Kutscher Christof Priegnitz aus der Pntbuscrstr. 35 kam mit einer dem Fuhrherrn Grützmacher aus der Kolonicstr. 156 gehangen Droschke 2. Klasse in scharfem Trab von der Gartcnstraße her durch die Hochstraße gefahren und bog in die Badstraße ein. Schräg gegenüber der Grünthalcr- straße geriet er durch seine eigene Schuld mit einem elektrischen Wagen zusammen, der von Pankow nach der Gartenstraße zufuhr. Priegnitz, ein Mann von 42 Jahren, flog bei dem Zusammenstoß vom Bock, geriet unter das Schutzblech des Straßenbahnwagens und zog sich bedeutende Verletzungen ani Kopfe zu. Er wurde, nachdem ihni der Heilgehilfe Doermann ans der Grünthalcrstraße einen Notverband angelegt hatte. nach dem Lazarnskrankenhause gebracht. Das Pferd brach sich mehrere Glieder und mußte nach der Abdeckerei geschafft werden. Die Droschke wurde zertrümmert. Es dauerte geraume Zeit, bis man das Pferd befreit, die Wagentrümmer beseitigt und den Straßenbahnwagen wieder flott gemacht hatte. Bei der Arbeit schwer verunglückt ist Dienstagabend um 6 Uhr der 54 Jahre alte Bauarbeiter Gustav Kluge aus der Oder- bcrgerstr. 45, der auf dem Bau der Elektricitätswcrke in Nieder- Schöncweide beschäftigt war. Infolge eines Fehltritts stürzte er unmittelbar vor Feierabend, als er eben seine Sachen zusammen- holen wollte, von einem eisernen Träger ans der Höhe des ersten Stockwerks herab und zog sich Brüche nichrerer Rippen und eines Unterschenkels zu. Ein Lückschcr Rettungswagen brachte den Verunglückten in das Krankenhaus am Fricdrichshnin, wo er be- sinunngsloS daniederliegt. Mit Ava« Mark durchgebrannt ist der 17 Jahre alte Handlingslchrling Bernhard Goldberg, der in dem Konfektions- geschäft'von Leopold Timm in der Neuen Fricdrichstratze beschäftigt war. Der junge Mann, der Sohn eines jüdischen KnltuSbeamten, kam durch das'Lesen von Jndianergeschichten auf den Gedanken, ein- mal selbst ans Abenteuer auszugehen. Unter einem Vorwande ließ er sich vom Geschäfte seine Ausweispapiere, Qnittungskarten ic. herausgeben. Einige Tage später fand er auch Gelegenheit, Geld zu bekommen. Man schickte ihn mit 3000 M., die cr einzahlen sollte, in ein Bankgeschäft. Goldberg unterschlug dieses Geld und ließ sich nicht mehr sehen. Trotz eifriger Nachforschungen hat man noch keine Spur von ihm gefunden. In bewußtlosem Znstande wurde der Schneider E. Herr- mann am Montag der vorigen Woche morgens gegen 7 Uhr von Polizcibcamtcn auf'deni Flur deS Hauses Beuthstr. 14 aufgefunden und nach der nahegelegenen Polizeiwache gebracht. Die Beamten hielten den Mann für sinnlos betrunken und ließen ihn einige Stunden auf der Wache liegen. Um 11 Uhr wurde Herr- mann, der immer noch bewußtlos war, nach dem Polizei- Präsidium gebracht. Der dort anwesende Arzt erkannte sofort, daß er einen Schwerkranken vor sich hatte und ordnete die Uebcrführung desselben nach der Charitö an. wo Herrman», ohne zum Bewußtsein gekomnien zu sein, in der Nacht vom Montag zum Dienstag an Gehirnblutung verstarb.— Herrmann war am Sonntagabend gesund und inunter ausgegangen. Nachdem die Angehörigen des Verunglückten während des MontagS vergebens auf seine Rückkehr gewartet hatten, begaben sich Frau und Tochter des Verstorbenen am Dicnstagmorgen nach dem Bureau deS 42. Polizei- Reviers am Luisen- Ufer, um sich zu erkundigen, ob die Polizei von der Auffindung eines unbekannten Mannes— Papiere hatte Hernnann nicht bei sich— vielleicht etwas wisse. Aber die Beanitcn wußte» nichts davon. Auch am Mittwoch vonnittag konnte Frau Herrmann auf dem Polizeibureau noch keine Auskunft über den Verbleib ihres ManneS erhalten. Ihm begab sich die un- glückliche Frau nach dem Leichenschauhause und daselbst erfuhr sie, daß ihr Mann in der Charit« verstorben sei. Es ist doch höchst sonderbar, daß man am Mittwoch auf dem Bureau des 42. Polizeireviers noch nicht wußte, daß Polizei« bcamte in der Beuthstraße am Montag früh einen unbekannten kranken Mann aufgefunden hatten, der einige Stunden später auf Veranlassung der Polizei nach der Charits gebracht wurde. Unseres Wissens werden derartige Vorfälle, sobald sie zur Kenntnis der Polizei kommen, allen Revieren telegraphisch mitgeteilt. WäK daS auch in diesem Falle geschehen, dann hätte Frau Herrmann bei der ersten Nachfrage auf dem Polizeibureau erfahren müssen, daß man einen Unbekannten aufgefunden hatte. Es scheint demnach, daß irgend ein Polizeibeamt'er ein Versehen begangen und die Meldung unterlassen hat. Unverständlich ist auch, daß man einen Schwer« kranken für betrunken halten und stundenlang ohne ärztliche Hilfe liegen lassen konnte. Zopfabschneider. Ueber einen nichtswürdigen Bubenstreich ist der Kriminalpolizei nachstehende Meldung zugegangen: Als sich die 12 jährige Schülerin Klara Hoffmann am Montagmittag auf dem Wege von der Schule nach der in der Prenzlauer Allee 29 befind« lichen elterlichen Wohnung befand, wurde ihr von unbekannten Per- sonen das zu einem Zopf geflochtene Haar abgeschnitten. Der Zopf wurde etwa drei Stunden später in dem Keller des Hauses Prenz- lauer Allee 29 vorgefunden. Der That verdächtig sind drei junge Burschen, die das Mädchen in der Prenzlauer Allee verfolgt und, als es an der Ecke der Metzerstraße die Auslagen eines Schaufensters betrachtete, hinter ihm stehen blieben. Der Vater des Mädchens hat auf die Ermittelung der Urheber des Bubenstreiches eine Belohnung von 20 M. ausgesetzt. Straßensperrung. Das Nord-Ufer von der Buch« bis zur Föhrerstraße wird behufs Asphaltierung vom 6. d. Mts. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Samariterknrsus für Arbeiter und Arbeiterinnen. ES wird hiermit zur Kenntnis gebracht, daß die Centrale sich nicht mehr in den„Arminhallen", sondern im Restaurant„Dresdener Garten". Dresdenerstr. 45, befindet. Daselbst beginnt am 9. Oktober, abends 9 Uhr, ein neuer Kursus. Der Kursus in der Filiale bei A. Neumann, Brunnenstr. 150, beginnt am 16. Oktober ebenfalls abends 9 Uhr. Der Samariterkursus unterrichtet seine Teilnehmer: a) in der ersten Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen; d) in der ersten Hilfeleistung bei plötzlichen und gefahrdrohenden Krankheits- zuständen; o) in den Grundzügen der Krankenpflege. Der Unterricht erstreckt sich auf zwölf Uebungs- resp. Vortrags-Abende sowohl in der Centrale wie in der Filiale. Die Absolvierung eines solchen Kursus berechtigt zum Eintritt in die Arbeiter-Samariter-Kolonne. Das Eintrittsgeld beträgt 25 Pf., der monatliche Beitrag ebenfalls 25 Pf. Außerdem steht' den Teilnehmern eine reichhaltige Bibliothek zur Verfügung. Der Besuch der ersten beiden Vortragsabende steht jedermann als Gast frei. Der Vorstand. Die Fachschule für Schuhmacher, welche in diesem Semester eine bedeutende Erweiterung durch Eröffnung einer technischen Klasse für Schaft- Fabrikation erhält, beginnt daö Winterfemester in der Fortbildungsschule Niederwallstroae 6/7 am Donnerstag, den 12. Oktober, abends 7 Uhr, im Schulhause dortselbs!, und zwar im Schreiben, Rechnen, Deutsch, Buch- führung und technischen Unterricht in der Schäste-Fabrikation. Der Unter- richt in der Fachklafse im Schulhause Albrech tsiraste 20 beginnt am Sonntag, den 15. Oktober, vormittags 9 Uhr und Dienstag, den 17. Oktober, abends 7 Uhr ebendaselbst im Entwerfen von Modellen aller Fußbekleidungen nach dem Winkelst, stein, Leder- und Warenkunde, Abgipsen von Füßen mit be- sonderer Berücksichtigung der Krüppel- Beschuhuug. Aufnahmen erfolgen an jedem Unterrichtstage im Schulhause. Die 4. städtische Fortbildungsschnle, Heinersdorferstr. 18 liefert den tregllchen Beweis, daß die Fabrikthätigkeit einer Großstadt sich immer mehr nach der Peripherie zieht. Anfangs von 209 Schülern besucht, ist jetzt die Zahl über 1009 gestiegen. Es ist klar, daß eine solche Anstalt in den verschiedensten Disziplinen unterrichten muß, die den mannigfachen Wünschen der Schüler Rechnung tragen. Zu den bestehenden Kursen wird mit Beginn des Semesters- 11. Oktober— ein Gesangkursus und in der kaufmännischen Abteilung Oberkurse sür Englisch und Fraiizösisch, Wechselrecht und cöandclskunde, kaufinäunlsche Korrespondenz und Maschiiiciischreiben ein- gerichtet. Mit der Schule ist der städtische Gcwerbesaal und die Berliner Tischlerschnle mit 300 Schülern verbunden, wo Fachzeichnen für Schloffer, Maschinenbauer, Mechaniker, Drechsler. Tischler gelehrt wirb. Anmeldungen nimmt täglich der Leiter der Anstalt, Rektor Lutzenberger, entgegen. Fcncrbcricht. Mittelfeuer wurde gestern früh 9 Uhr von Lützowstr. 106 aus gemeldet. Hier war in dem im zweiten Stock des linken Seitenflügels belegenen Fabrikrauine der Accu- inulatoren-Fabrik„Minerva" Teer übergekocht und i» Brand ge- raten, der injofe-. eine große Gefahr in sich varg, als sich über dem Brandherde eine unifangreiche Möbelfabrik befindet. Dem Fabrik- personal der„Minerva" gelang es jedoch mittels der Hausleitung, das Feuer noch im Entstehen zu dämpfen, sodatz die in erheblicher Stärke angekommene Feuenvehr alsbald wieder abrücken konnte.— Ein weiterer Fabrikbrand kam gestern früh 3 Uhr S ch ü tz c n- St r a ß e 23 in der Kupferwaren- Fabrik des Hof-Knpferschiniedcmeistcrs Albert Münster zum Ansbrnch. Das Feuer hat jedenfalls bor seinem Ansbrnch stundenlang ge- schivclt, denn als es bemerkt wurde, stand bereits der Dach- stuhl des einstöckigen Fabrikgebäudes in hellen Flammen. Der sehr kleine und enge Hofranin wirkte wie ein Schornstein, so daß die Flammcngnrbcn bis über die angrenzenden vier Stock hohen Gebäude hinauSschlugen. Die Fenerwehr hatte fast zwei Stunden zu thnn, um die Gefahr zu beseitigen.— Auf böswillige Brandstiftung zurückzuführen ist ein Feuer, das früh 4 Uhr Rostocker- st r a ß e 41 zum Ausbruch kam nud einen Posten Stroh, sowie einen Straßcnzann einäscherte. Der Thätcr wurde nicht ermittelt. A»S de» Nachbavortc». Charlottenbnrg. Heute, Donnerstag, abends 8 Uhr, findet in der Brauerei Äambrmus. Wallstr. 94, eine öffentliche Kommunal- w ä h l e r- B e r s a m in l u n g statt, in welcher Dr. Zadel über die bevorstehenden Stadtvcrordnctenivahlen sprechen wird. Darauf folgt die Ausstellung der Kandidaten für jeden Bezirk. Pflicht eines jeden Parteigenossen ist es. in dieser Versammlung zu erscheinen. Die Wohnungsnot in Charlottenburg. Um der Not an kleinen Wohnungen zu steuern, hat der Charlottenburger Magistrat, wie berichtet, die städtischen Cholerabaracken am Fürstenbrnnner Weg zu Wohnbaracken eingerichtet. Nach einer Mitteilung des statistischen Amtes der Stadt sind die Baracken zur Zeit mit 66 Insassen besetzt. und zwar mit 4 Männern, 11 Frauen und 51 Kindern. Der Gemein- sinn der Charlottenburger Gruiidstiickswucherer giebt sich auch weiter darin zu erkeuiicu, daß' er von der Errichtung von Arbciterwohnungen koiiscqneut absieht. Und die Gemeinde thut selbstverständlich auch nichts, was die Wohnungsnot dauernd lindern könnte. Das sähe nach Socialismns ans. Rixdorf. Die Stadtverordneten- Versammlung hat sich heute mit dem Antrage der socialdemokratischen Fraktion ans Einführung der obligatorischen und nncntgeltlichcn Desinfektion be- schäftigen'. Genosse Dr. Silbcrstein wird den Antrag begründen. Außerdem steht ans der Tagesordnung die Wahl von Mitgliedern zur Militär- Ersatzkommission und zu den Veranlagungs- k o m m i s s i o n e n für die Gebäudesteuer und die Einkommensteuer. Unter den Stadtverordneten, die dieVorberatungskommission vorschlagen wird, besinden sich nun doch Mitglieder der socialdemokratischen Fraktion, abgesehen von der Militär-Ersatzkommisston. Bekanntlich war es der völlige A u s s ch l u ß d c r S o c i a l d e in o k r a t e n ans jener Vorbereitungskonnnission, der vor einigen Wochen die Fraktion ver- anlatzte, demonstrativ die Sitzung zu verlassen. Das Verhalten unserer Genossen in der Stadtverordneten-Versammlung und das in öffentlicher Volksversammlung über die Boykottfreunde abgehaltene Gericht sind also doch nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Die socialdemokratische Fraktion dürfte sich indessen heute kaum damit einverstanden erklären, daß die Gegner bestimmen, wer von ihren Mitgliedern in die Kommissionen eintreten soll. Att Maricildors scheidet d« Gemeindevorsteher Oehlert beute ans feinem Amte, das er 13 Jahre lang verwaltet hat. Bürgerliche Vereine bereiteten dem Scheidenden mannigfache Ehrungen. Hinsichtlich der geplante» Einrichtimg einer elektrischen Straßenbahn Berlin-PotSdam hat die Zehlen- d o r f e r Gemeindevertretung in ihrer gestrigen Sitzung einstimmig beschlossen, daß sie gegen die Ausführung' dieses Projekts grundsätzlich nichts einzuwenden habe, sich aber die Stellung besonderer Bedingungen vorbehalte. Die Direktion der Westlichen Berliner Vorortbahn beabsichtigt nämlich, die von ihr angelegte und am Sonntag eröffnete elektrische Bahnlinie Linkstraße-Steglitz, mit einer Abzweignng Zchlcndorf, Alscnstraße, Alte Fischerhiitte, bis zur Glienicker Brücke in Potsdam weiter zu führen. Die Bahnlinien sollen dem Personen- und Güterverkehr dienen. Groben Unfug soll der 65jährige Parteigenosse Busch in Erkner dadurch verübt haben, daß er in öffentlicher Versammlung am 2. Juli sagte:„Den halte ich für keinen Parteigenossen, der das Lokal des Gastwirts Müller in Erkner noch fernerhin besucht. Die Abstimmung muß für alle ein Schwur sein." Vor zehn Jahren bekämpfte man hier die Socialdemokraten, in- dem man die Parteigenossen, insbesondere gerade den Genossen Busch, aufforderte, ihre Wahlzettel zu öffnen und zu zeigen! Heute geht man legal vor und greift zu dem Nätsclparagraphen des Straf- gcsetzbucheS, dem§ 860 Abs. 11. Bon der Räuberbande an der Oberspree befinden sich augenblicklich immer noch nur zlvei Mitglieder im Unlersuchungs- gefängnis: die beiden anderen der Polizei bekannten Mitglieder der Bande sind flüchtig geworden und noch nicht ergriffen. Sie sollen sich in der Umgegend von Berlin anfhaltcn und dort gesehen worden sein. GevirszkS-SoiZung. Der Polizctstaat gcgen die Wahlagitation. Die Partei- genossen R e i s ch v ck, P l c c iv, Dohrman» uiid B l i e t s ch a u verteilten an einem Sonntage des vorigen Jahres, nncbdein die R e i ch S t a g S w a h I ausgeschrieben worden war, in märkischen Landacmetnbcn W n h I f l n g b l ä t t e r. Sie gingen von Gehöft zu Gehöft'.nid gaben dort die Druckschriften ab. ES blühte ihnen dafür eine Anklage wegen Ueberlretung der V er fro ni m» n g S- V e r o rd inui g des Oberpräsidenten vom 5. Oktober 1806, wonach u. a. an Somi-uiid Festtagen jede öffentlich bemerkbare Arbeit verboten ist Nachdem das Schöffengericht und das Landgericht au F r cl f p r e ch u ii g crkaimt hatten, verwies das' K a m m e r- g e r i ch t die Sache zu nochnialiger Ciitscheidung an das Landgericht in Frankfurt a. O. zurück. Dieses verurteilte niinmehr die An- geklagten zu Geldstrafen von je 16 M., indem es auf Grund der Beweiserhebung annahm, daß sie die Fliigblnltcr öffent lich sichtbar getragen und somit eine öffentlich bemerkbare Arbeit verrichtet hätte». ES sollen Flugblätter ans der Tasche cincS Verbreiters hervorgeguckt habeir. Die gegen das landgcrichtlichc Urteil eingelegte Reviston bc gründete der NechtSanwalt Dr. H c rz f e l d. der die Aiigeklagten auch vor dem Kanimcrgericht vertrat Er bestritt vor allein, daß in dem Herumtragen von Flugblättern eine öffentlich bemerkbare Arbeit zu sehen sei. Ferner machte der Anwalt geltend, die Obcrpräsidiab Verordiimig sei auf jeden Fall insofeni ungültig, als sie ganz all- gemein alle öffentlich bemerkbaren Arbeiten an Sonn- und Festtagen verbiete. Auf das Herumtragen von Wahl-Flugblättcrn zun, Zioeckc der Verteilung kömic, vorausgesetzt, daß eS überhaupt ciiie Arbeit sei, ein solches Verbot nicht auSgrdchiit werden. Der§ 43 der Gewerbe- Ordnung beseitige ausdrücklich für die Zeit von der amtlichen Bckainitniachuiig des Wahltages bis zur Bccndignng des Wahlaktes das lnndcSgcsctzliche Erfordernis der Genchiillguilg für dn§ öffentliche Verteilen von Driukschrifte», so weit cS sich um Druckschriften zu Wnhlzlvccken handele. Hierdurch habe freier Raum geschaffen werde» sollen für die Wahlagitation mittels der Druckschrift. Dem siehe aber jenes allgcinciue Verbot entgegen. Im übrigen hätten die Angeklagten' die Flugblätter nicht einmal öffentlich verteilt.— Wäre cS strafbar, au Eonntageii die Blätter von Gehöft zu Gehöft zu tragen, dann müßtl: ja auch d a S Austragen von Zeitungen an Soniitagen linter« bleiben. DnS Kammcrgcricht verwarf jedoch die Revision und erklärte die Vervrdmiiig des Oberpräsidenten vom 6. Oktober 1390 für rechtsgültig. Die Aiigeklagten wären nicht wegen des VcrteilenS der Flugblätter bestraft worden, f o n d c r n weil sie sie öffentlich sichtbar getragen hätten. Mit Recht habe der Vorderrichter darin eine öffentlich bemerkbare Arbeit gesehen. Auf den Inhalt der Flugblätter komme es nicht an. Zum Schluß sei noch die Erklärung des OberstaatSanwaltL angeführt, daß bei gleichen Vorgaiigen gegen Anhänger des Bundes der Landwirte ebenfalls die Anklage erhoben worden wäre. Der Vorstand dcö Arbcitcr-TnrnvercinS in Aachen wurde unter Androhuug einer Geldstrafe von 80 Mark von der Polizei« dchörde aufgefordert, ihr die Statuten mid das Mitglieder« v e r z e i ch it i s des Vereins ciiizlircichcii, weil der Verdacht vorliege, daß d e r V e r e i n u n t c r dem Deckmantel von BereinSvergnügungen öffentliche T a n z l n st- b a r k e i t c n v e r a n st a l t e. AIS der Vorstand dem Verlangen nicht nachkam, fetzte die Behörde die Strafe fest uiid erneuerte ihre Verfügung. Diesmal drohte sie für den Fall der Ziilvidcrhaildlimg eine Strafe von 60 M. an. Die hiergegen cin- gelegten Beschwerden beim RegieriuigSpräsideuten intd beim Ober- Präsidenten blieben ohne Erfolg. In seiner letzten Sitznng hatte sich miiimchr der erste Senat des O b c r- V e r w a l t n n g s- gerichtcs mit der Angelegenheit zu beschäftigen.— Der beklagte Oberpräsident berief sich besonders auf ein Vergnügen des Arbeiter- TlMiverelilS, das Ende Dezember 1897 abgchaitcn Ivordcn ist. Auf Autrag deS RechtSauivallS Dr. Hcrzfeld, der den Kläger vcr- trat, beschloß dnS Gericht, über den Charaltcr des Festes BelveiS zu erheben. Gebildete Jugend. Eine Mcsseraffaire mitcr vicrzchiijährigcn G y in n a f i a l s ch ü lern wurde dieser Tage vor dem Schöffen- gericht in Nciistadt, Pfalz, verhandelt. Am FrohnleichiiainStage vergnügte sich eine Anzahl solcher Jungen in KöiiigSbach im Garten einer Witwe mit Schießen aus einem Flobcrtgewehr; dabei bekam der Sohn des Hauses mit einem Mit- schüler Streit und ließ sich von einem zum Besuch aiiwesciiden Jmiaen ans Mannheim ein D o l ch m e s f c r geben, welckjeS er im Verlauf des Streites seinem Kameraden fünf Cciitimctcr tief in den Rücken stieß.' Da vom Gericht Notwehr in Betracht gezogen wurde, erfolgte Freisprechung. Der Eigcntiimer des Dolches, 1885 geboren, wurde wegen verbotenen Waff'ciitragenS mit 3 M. oder einem Tag Gcfäugins bestraft.— Um einen„Stndcntenulk" ans- zuführen, setzten die beiden Schüler der Chemnitzer technischen Stnats-Lehranstalten, Nickel und Claise aus Limbach, eine Scheune in Brand, in der ein H a n d w c r k s b u r s ch e nächtigte. Dieser ist durch die Flammen umgekommen. Die beiden Techniker wurden jeder zu 1 Jahre 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Solche Rohheiten sind ja kein Wunder in Kreisen, die den Duellmord mit einer aclviffeii Ehrfurcht betrachten. Von der An- wendiliig der Prügelstrafe wollen die konservativen Lobrcdner dieser Barbarei in solchen Füllen selbstverständlich nichts wissen. auf dem Städtischen Schlacht- und Viehhof beschäftigt war. sind der Ansicht, daß die Entlassung derstlben nur wegen ihrer Thätigleit für die gewerkschaftliche Organisation der Vieh- und Schlachthofs- Arbeiter erfolgt ist. R., welcher Schriftführer, G., welcher Beitrags- sammler einer Abteilung der Schlachthofsarbeiter ist, haben sich während der Dauer ihrer Beschäftigung auf dem Schlacht- und Viehhof nach Aussage aller ihrer Kollegen in jeder Weise stets gut geführt, welches auch durch daS denselben ausgestellte Entlasstmgs- zcugnis bestätigt wird. Der EntlassungSgriiiid war bei R. der, daß er einen erst seit einigen Wochen im Dienst befindlichen Aufseher auf bestehende Mißstände in seiner Abteilung aufmerksam machen wollte, während G. nach Ausspruch des Schlachthofs-Jnspektors, Herrn Feierabend, nur deshalb entlassen lvurde, weil er zu seinen Kollegen gesagt haben soll: Wenn der Aufseher nicht da ist, brauchen wir nicht so viel zu thun. Da G. diese Aeußerung gemacht zu haben sofort bestritt, und das Berlaryen stellte, ihm denjenigen gegen- über zu stellen, welcher diese Aeußerung gehört haben will und man diesem Verlangen nicht nachkam, die Arbeitskollegen des G. von dieser Aciißenuig jedoch nichts wissen, so ersehen die Versammelten hieraus, daß eine Maßregelung der betreffenden Kollegen stattgefunden hat zu dem Zwecke, auf solche Weise die gewerk- schnftliche Organisation der Vieh- und Schlachthofsarbeiter zu zerstören! Gleichzeitig ersehen dieselben hicrans, daß die Vcr- Wallung nicht gewillt ist, die wiederholt gerügten Mißstände zu bc- seitigen, sowie den Arbeitern bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu gewähren. Ferner beschließen die Versammelten, den Herrn Bürgermeister irichner, welcher dem Vorstande schriftlich erklärt hat, daß wegen seiner Zugehörigkeit zur Organisation niemand gcmaßrcgclt werden darf, von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen, mit dem Ersuchen, zn veranlassen, daß die betreffenden Arbeiter wieder in städtischen Dienst eingestellt werden. Den Gemaßregelten wird von der Versammlung Uiiterstützimg zugesprochen. Ve vsÄ in ml«« gv«. Die Tchlacht- und Bichhoföarbcitcr hielten am 3. d. M. ihre Versammlung ab, in welcher über die Entlassung von zlvei ihrer Kollegen verhandelt wurde. Nach genauer Schilderung der Vor- gängc, die zur Entlassung geführt, gelangte iiachstchende Resolution zur Annahme: Die vcrsaninielten Arbeiter des Schlacht- und Vieh- Hofs, welche Kenntnis genommen haben von der Entlassung ihrer Kollegen, der Arbeiter R. u. G.. welch ersterer 12, letzterer 2 Jahre Tie Maurer der Bertranensmäimer-Centralisatlon hatten für Dienstagabend zwei Versammlungen einberufen. Die Versamm- lung in den„Vormsia-Sälcn" in der Ackcrstraße war stark besucht Kater referierte über den ersten Gegeiisiand der Tagesordnung� Das iieugcgründctc Gcwerkschaftskartcll, indem er auf die bekannten Ursachen über die Entstehung derselben hinwies, und in seinen weiteren Ausführungen das iicue Regulativ erläuterte und zur Annahme empfahl. Nach kurzer Debatte wurde das Regulativ mit allen gegen zwei Stimmen a n g c n o m m e n. Hierauf wurden als Dele gicrtcr Gehl, als- Stellvertreter I e z e r b e gewählt. Metzle referierte iillnmchr über den zweiten Gegenstand der Tagcsordiiliilg: Das K r a n k c n k a f f e n- U n w e s e n Berlins. Da es in iieucrer Zeit üblich geworden sei, unter allerlei hochtrabenden und wohlklingenden Namen„volkstümliche" und„arbeiter- freundliche" Gründungen zu betreiben, um auf die allbekannte Gut- mütigkcit und VcrtrancuSscligkeit der Arbeiter zu spekulieren und nach Bauernsängetart im Trüben zu fischen, sei es an der Zeit, derartige Angelegeiiheiten an die Oeffenllichkeit zu bringen. Namentlich handele es sich hierbei nicht um die auf Grund der reichsgesetzlichen Kranken- und Uiifallversicheruiig gegründeten, sondern nur um Kassen, die als Versicherungsgesellschaft mit gegen scitigcr Haftpflicht begründet sind. Gewöhnlich sind die„Gründer" einige Geldlcnte, welche, auf die Dummheit der Massen spekulierend, sich dadurch eine gesicherte Existenz schaffen wollen. Schon die Zustände der bereits verkrachten„Hilfe" hätten jeden denkenden Arbeiter belehren sollen. Als besonderer„Geschnftskuiff" sei in der Regel eine Klausel ein- geführt in dem„Revers", den jedes neu„gewonnene" Mitglied zu unterschreiben hat, worauf eben fast gar nicht geachtet werde, daß eine frühere, aber verschwiegene Krankheil kein Anrecht aus Uiiterstützimg gewähre. Auf diese Weise verstehen es die bckaiinteii„Vertrauensärzte" dieser„Kassen", durch eine scheinbar- ganz gleichgültige Frage an die sich krank meldenden Mitglieder, durch dereii gaiiz naive Antworten, derartige„frühere" Kranlhciten „nachzuweisen", um ihnen de-Zhalb die verlangte Unterstützung zu versagen. Nicht nur, daß trotzdem aber gezahlt werden muß, die anncii Teufel kömieu noch froh sein, nicht wegen angeblichen„Bc- trnges" belangt zu werden! ' Die Vermögens Verhältnisse dieser„Kassen" seien wohl am besten dadurch gekciiuzcichnet, daß bei diesen das Vermögen pro Mitglied ungefähr 22 Pfennige(31000 Mitglieder ca. 7000 M.), bei der M a u r e r- K r a n k e n k a s s e dagegen 22 Marl pro Miiglied betrage. Diese Angaben des Referciiten wurden von mehreren anderen Rednern bestätigt und u. a. der Wunsch miS- gesprochen, daß der„Vorwärts" auf die Geschäftspraxis dieser Giüuduiigcn aufmerksam machen und die gesamte Arbeiter- schaft warnen sollte*) Ein eigens in diesem Sinne ge- stenter Autrag gelaugte nicht zur Abstimmung. Dagegen 'ollen in nächster Zeit von allen Gewerkschaften Versammlung en einberufen werden, in denen unter Hinweis auf diese Zustände ge- mcinverstäiidlichc Vorträge über Kranken- und Unfall- Versicherung zur allgcinciiicn Aufklärung gehalten werden 'ollen. Unter„Gewerkschaftliches" referierte Kater über daS Verhältnis der im„Bund der Poliere" organisierten Poliere zn den Maurern, in längeren erläuternden Ausführungen, wonach bei Streiks ze. die Poliere als gleichgestellte Unterstiitzmigsbcrechtigte micrkaiiiit zu werden wünschen. Es haben darüber bereits Verhaud- lungen zwischen beiderseitigen Beauftragten stattgcfiiiidcii. deren Ergebnis der Redner in nnchstcheiidcr Resolution zusammen- gefaßt hat. Die am 3. Oktober 1899 in den„Bonissta-Sälcn" tagende öffentliche Versammliiiiq der Maurer Berlins und Umgegend(Ber- tranciiSmäimer-Ceiitralisatioii) beschließt: 1. Diejenigen Maurer- poliere, welche ein halbes Jahr Mitglied dcS Bundes der Maurerpoliere Berlins sind und während dieser Zeit sämtliche Beiträge richtig gezahlt sind, falls sie innerhalb 3 Monaten als Gesellen gearbeitet, nicht gehalten, sich der Gcselleiiorgnnisation anzuschließen, jedoch verpflichtet, während dieser Zeit zum öffentlichen Fonds der Maurer zu zahlen. 2. Die Mitglieder des Bundes der Maurerpoliere Berlins verpflichten sich, für strenge Jinichalluiig der von der Achtzehner- Kommission aufgestellten, bezw. festgesetzten Arbeitsbedingungen und AusführungS- bcstimmimgcii zn sorgen und keine Gesellen, welche fiit_ diese Be- diiigimgen arbeiten und gleichzeitig für die Organisation thätig 'iiid, zu entlassen. 3. Die Mitgliedschaft des Bundes erklärt, keinen Gesellen vom Arbeitsnachweis dcS Arbeitgeber-Bundes einzustellen, leine Entlassuiigsscheiiie zu verlangen und keine sogeiiamitcn „Aecord- Maurer" zu beschäftigen. Dieser Beschluß bezieht sich nur auf die Mitglieder des„Bundes der Poliere", jeder andere oder garnicht organisierte Maurerpolier ist von diesen Bcdingiiiigcn ausgeschlossen und wird in jeglicher Vezichnng jedem Gesellen gleich behandelt. Nach sehr lebhafter Besprechung im obigen Sinne, wobei die Verbältuissc zwischen Maurer und Poliere oft in sehr drastischer Weise geschildert wurden, gelangte diese Resolution gegen wenige Stimmen zur Annahme. Dieser Beschluß dient mithin weiteren Verhandlungen der Poliere mit den Maurern als Unterlage. Im ferneren Verlauf der Versammlung wurden noch eine Anzahl Beschwerden gegen einige Maurer wegen ZuwiderhaiideliiZ gegen die Arbeitsbedingungen vorgebracht, die noch genauer geprüft werden sollen. Centralvcrband der Konditoren. DomterStagaVciid präc. 8'/» Uhr bei Schiller, Nosenthalerstr. 57: Mitglieder-Bersamililiing. VevmtMkss- Das Eisenbahnunglück ans dem Klosterthorbahnhof in Hamburg giebt unserem Parteiorgan, dem„Hamb. Echo", Vcr- anlassung, den Ursachen der Katastrophe näher zn treten. Unser Parteiblatt schreibt die Schuld an dem Unglück der bekannten preußischen Sparpolitik zu und meint:„Will der Staatsanwalt seine *) Das, was hier verlangt wird, hat der„Vorwärts" seit Jahren zu wiederholten Malen gethan, ein Kraut gegen die Dummheit haben wir natürlich auch nicht. Red. d.„Vorw." Pflicht thnn, dann muß er diejenigen beim Kragen nehmen, die einzig und allein die Schuld an der E i s e n b a h n in i s v r e in Hamburg tragen, welche die Quelle des Unheils ist. Durch das Loch, in dem sich das Unglück hauptsächlich ereignete, muß der gesamte Verkehr mit dem Norden passieren. Es mutz angesichts dessen als ein Wunder bezeichnet werden, daß nicht schon weit mehr große Unglücksfälle vorgekommen sind. Die himmelschreienden Zustände auf und bei dem Klosterbahnhof sollten denn doch die Polizcihörde längst veranlaßt haben, der preußischenEisenbahn-Vcr- waltnng den Betrieb daselbst kurzer Hand zu »erbietenl Hoffentlich wird die Hamburger Presse in diesem Falle einmal ihre Pflicht thnn und energisch verlangen, daß man hier die wirklich S � u l d i g e n zur Verantwortuiig zieht, die- j e n i g e n Leute, n-Kche die Hamburger Eisenbahuniissre bis zum äußersten anwachsen ließen, diejenigen Leute, welche durch ihre im Interesse des Eisenbahnfiskus betriebene Knickerei und Knauserei bewirkt haben, daß die nötige Anzahl von Beamten fehlt, um auf diesem elenden Bahnhof, der eines hinterpommerschen Dorfes unwürdig ist, bei einem solchen außergewöhnlichen Verkehr Ordnung halten zu können I Diese schweren Anschiildigimgen erhalten eine Begründung in folgender vom„Hamburger Echo" veröffentlichten Ziischrift eines Stationsbeamten: „Als das Entsetzliche geschehen ivar, hieß es unter allen Beamten des Bahnhofes Klosterthor:„So muß es erst kommen!" Das bedeutet folgendes: Ich schwöre Ihnen, Herr Rcdacteur, daß ein ministerieller Erlaß von diesem Sommer ausdrücklich vorschreibt: „Alle im vorigen Jahre anläßlich der Unfälle mehr eingestellten Beamten sind thiuilichst wieder zurückzuziehe Ii." Infolge davon find z. B. die drei Bctriebsloiitrolleure der Direktion Altona seit längerer Zeit fast täglich mitettvegs. um festzu- stellen, wo hier noch ein Statioiisasnsteiit, dort ein Rangiermeister oder Weichensteller, hier wieder ein Portier sc. zu ersparen ist! Bedenkt man dann, daß infolge der Bahnsteigsperre an de»Zügen fast keine Schaffner mehr sind, so ist es geradezu cin Wunder. wenn unter dem Sparsystcm Mignel-Thielen nicht noch viel mehr Unglück passiert! Ueber diesen Erlaß werden die etwa in den Aiiklagezustaiid versetzten Stationsbeamten demnächst vor Gericht befragt werden müssen, damit die w a h r e n S ch u I d i g e n endlich einmal gestellt werden." Wie wird die preußische Eisenbahiiverwaltnng sich vor dieser neuen schweren Anklage verantworten? AndrScS Polarboje. Im Stockholmer„Aftonbladet" spricht Dr. Ekholm die Ansicht ans, daß Andröe die aufgefundene Polar- boje wahrscheinlich als Schlepptau benutzte, während der Ballon über offenem Wasser schwebte, und daß die Boje dann gegen die EisMcke stieß und fortgeriffen wurde. Wenn Andree diese Boje in dieser Weise benutzt habe, so sei es natürlich, daß er den für die Depeschen bestimmten Chlinder und die Flagge abschraubte, da er wünschte, wenn er wieder über Land kam, die Boje aufzuhissen, um sie bestimmungsgemäß zu verwenden. In Rom ist gestern der 12. Orientali st en-Kongreß auf dem Kapitol eröffnet worden. Die Zahl der Teilnehmer be- trägt 1200. Roch schlimmere Zustände als in Berlin scheinen in Hannover auf der Straßenbahn zu herrschen. Schon wieder ist dort ein Straßenbahmnifall mit tödlichem Ausgang vorgekommen. Von der Straßenbahn wurde am Sonnabend in Herrenhausen die etwa zehnjährige Tochter der Arbeiter Giltivirthschen Eheleute über- fahren und getötet. Es ist dies der sechste Todesfall, der in einem Monat durch die Straßenbahn herbeigeführt wurde.— Ferner wurde am Freitagabend in Sehnde der KrciSwegemeister Stolle von einem Straßenbahnwagen überfahren und schwer verletzt. Im Henrietten« stift mußte dcni Verunglückten das linke Bein bis zum Knie ab« genommen lverde». Ein Insasse des Provinzial-ArbeitShauseS in Beuniiighausen ist erschossen worden. Ein Aufseher bemerkte, wie der Gefangene im Begriff stand, die hohe Umfasstliigsmaiicr des Anstaltshofes zu übersteigen und zn entfliehen. Er rief ihn an, gab, als dnS nichts half, einen blinden Schuß ab und schoß, als die Flucht auch darauf nicht eingestellt wurde, scharf. Die Kugel drang dem Sträfling in den Leib, so daß sogleich der Tod eintrat. Marktpreise von Berlin am 3. Oktober 18V9 nach Eriiiitteliwacn des tgl. Polizeipräsidiums. HWeizen D.-Ctr. )Nogge>i„ Fnilcr-Gersle„ Hafer gut, „ inillcl, „ gering Nichlslroh Heu„ -)Erbsen -)Spciscbohiieil, -sLiiisc»„ Kiirtossel», neue Nnidfleisch, Ken!« Ibs do. Bauch„ ) Ermittelt pro Schweinefleisch Kalifleisch Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Van'che Schleie Bleie Krebse Ilcg: 60 Stück ike per Schock 1,60 1,60 1,60 2,60 4,50 2,20 2,80 2,60 2,- 1,80 2,80 1,40 12,- 2,80 1,20 1,20 iC 0,80 1,40 0,80 2.- 15,40 14,70 15,40 1420 13,90 12,70 15,20 14,50 14,40 13,70 13,60 13,- 4,16 3,82 6,70 4,10 40,- 25,- 50,- 25- 70,- 30,- 7,- 5,- 1,60 1,20 1,20 1,- Zanne von der Ceiilralflcfle der Prensj. Landwirt« schafl/kamiiicrn- NottcnnigSstelle- und miigerechnet vorn Polizeipräsidium slir den Doppel-Ceutilcr. f) Kleinhandelspreise. Prodiiktciiuiarlt vom 4. Oltoier 1809. Russisches Getreide war in vorzüglicher Qualität zu fast rentablen Preisen angeboten, woraus man schließt, daß das Erntc-ErgcbniS in Rußland beflcr ist, als anfangs angegeben. Weizen und Roggen waren biS 75 Pf. billiger zu haben. Hafer ziemlich behauptet, trotz bedeutenden schlestschen Angebotes. Rüböl lag fest.— Am Sp tri ins markt war die Kauflust geringfügig. Bon den anßerhalb des Ringes befindlichen Firmen wurden nur 8000 Liter 70er loco mit 43,70 M.(— 0,10) gehandelt. Termine waren bei nominell unverändertcn Preisen fast ohne Umsatz. Städtischer S ck I a ch t v i e h m a r k t. Berlin, 4. Oktober 1800. Amtlicher Bericht der Direktion. Zum Verkauf standen! 346 Rinder, 1668 Kälber, 1180 Schafe, 9217 Schweine. Bezahlt stir 100 Pfund oder 60 Kilogramm Schlachtgewicht in Mark(beziehungsweise für 1 Pfund in Pf.): für Rinder: Ochsen: a) vollflcischige, ausgemästete, höchsten Schlachtwertcs, höchstens 7 Jahre alt 00-00, b) junge fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 00-00: o) mäßig genährte junge und gut genährte ältere 00—00; ci) gering genährte jeden Alters 00— 00.— Bullen: a) vollfleischige höchsten Schlachtwertes 00-00; b) mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere 00-00; o) gering genährte 48—52.— Färsen und Kühe: a) vvllfleifchige, ausgemästete Färsen höchsten Schlachlwcrts 00—00; b) vollflctschige, ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwertcs bis zu 7 Jahren 00-00; o) ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen 00-00; ck) mäßig genährte Kühe und Färsen 51-52; s) gering genährte Kühe und Färsen 47—50.— Kälber: a) feinste Mastkälber(Bollinilchmast) und beste Saugkälber 74—75, d) mittlere Maslkälbcr und gute Saugkälber 71—73, e) geringe Saugkälber 68—70, ck) ältere, gering genährte Fresier 43-45.- Schafe: a) Mastläinuicr und jüngere Masthammcl 63-66, b) ältere Masthammel 55-59, o) mäßig genährte Hanunel und Schafe(Merzfchafe) 47—53. ck) Holsteiner NiedernnzS» ichase(Lebendgewicht) 27-33.— Schweine: sür 100 Pfund mit 20 Proz. Tara, a) vollflcischige der feineren Nassen und deren Kreuzungen im Alter bis zu l1/, Jahren 49—50, b) Käser 49, c) fleischige 47—48, ck) gering enlwickelte 45—46, o) Sauen 43—44.— Verlauf und Tendenz: Vom Rindergeschäst blieben ungefähr 60 Stück unverkauft. Der Kälber- Handel gestaltete sich ruhig. Bei den Schafen fanden ungefähr 800 Stück Absatz. Der Schweinemarkt verlief glatt und wurde geräumt. Briefkasten der Redaktion. Tie juristische Sprechstnnde findet Montag, DicnStag und Freitag abends von 6 bis 8 llhr statt. Engel. Im Jahre 1897 wohtcn in Berlin 1387 Engländer, und zwar nicistcns in den westlichen Stadtviertel». Keck. D. Jeder Globus belehrt Sie darüber, daß selbstverständlich auch die Wasserfläche des Oeeans sich der Kugelgestalt der Erde anschmiegt. Wetlcr-Prognose für Donnerstag, de»».Oktober 185)t». Mild und vielfach heiter, zeitweise wolkig bei mäßigen bis frischen slld- westlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterb»rean. Verantwortlicher Nedaeteur: Robert Schmidt in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Dh. Glocke in Berlin. Druck mtd Verlag von Mar Babing in Berlin. St. 233. 16 mw Z KtilW iits„Soraiitts" Jirelintt iPlWInlt. i«»-»,. 5. Sdtsdkt 1899, September Itttfcvm nVttvfirn Kurs. 4. 6. 8. g. 12. 13. 14. 15. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 25, 26. 27. 28, 28. 29. Und Dresden. Maurer H 0 r t e r wegen Beleidigung eines Streikbrechers 5 Monate Gefängnis. Bochum. Gegen 9 am Herner Streik Beteiligte wurde auf zusammen 91 Monate Gefängnis erkannt. Lüneburg. 5 Tischler und Bauarbeiter wegen Berübung groben Unfugs je 10 M. Geldstrafe.— 2 Zimmerer wegen Vergehens gegen z 153 der Gewerbe- Ordnung je 3 Tage Gefängnis. Bochum. Wegen VerÜbung groben Unfugs Genosse Wolf 6 Wochen Gefängnis.— E i n a m H e r n e r S t r e i k B e- teiligter 6 Monate Gefängnis wegen Mißhandlung von Polizeibeamten. Kiel. 6 M. Geldstrafe Genosse Korn wegen Vergehens gegen das Prcßgesctz. Berlin. Genosse H u th- Brandenburg 200 M. und Maurer K r�n l�l» Nauen 30 M. Geldstrafe wegen Beleidigung eines Zwickau. Wegen Beleidigung bczw. Bedrohung von Streik blechern die Maurer Wachtier. Zettel und Hoff> mann je 3 Wochen, I a h r 3 Tage, Fischer 14 Tage und Tuchscheerer 6 Wochen Gefängnis. F Dresden. 3 Wochen Gefängnis Maurer Sträck wegen Be> leidigung eines Streikbrechers. . Meeranc. 3 Maurer je eine Woche Gefängnis wegen ge- mcinschaftlichen Hausfriedensbruchs. . Stralsund. Genosse Wulff 20 M. Geldstrafe wegen Beleidigung eines Streikbrechers. Itzehoe. Die Zimmerer Schinkel und K i r st e i n- Glück- stadt wegen Bedrohung eines Streikbrechers je 6 Wochen Ge- fängnis.— Ein Gerber aus Wilster 4 Wochen Gefängnis wegen Beleidigung eines Streikbrechers. Bochum. Die am Herner Streik beteiligten Bergleute Zientz und O I e y n e cz a k.'ein �Jahr bezw. 6 Monate Ge- fängnis wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Ge- setze, resp. wegen Nötigung. Leipzig. Wegen Beleidigung der Obermeister der Bäcker- Innung Genosse R a k u t t- Königsberg 50 M. Geldstrafe. Effcn. 6 Monate Gefängnis der Bergarbeiter Botoczik- Wanne wegen Vergehens gegen Z 153 der Gewerbe-Ordnung. Berlin. Der Klempner W i t a k 2 Monate Gefängnis wegen Beleidigung eines Streikbrechers.— Wegen des gleichen De- liktcs Tischler R 0 t h e r 3 Monate Gefängnis. Leipzig. Wegen Vergehens gegen§ 153 der Gewerbe- Ordnung der Former Koßelnrk'2 Wochen Gefängnis. Charlottenbnrg. Genosse Jahn wegen Beleidigung eines Streikbrechers 2 Wochen Gefängnis. Gleiwitz. 9 Monate Gefängnis Genosse Kandziora- Zaborze wegen Majestätsbeleidigung, Gotteslästerung und Be- schimpfung von Einrichtungen der katholischen Kirche. Würzen. Die Maurer Sigismund und Jährmann 3 Monate bezw. 1 Woche Gesängniß wegen Bedrohung und Beleidigung von Streikbrechern.' Leipzig. Wegen Hausfriedensbruchs die Klempner M ä d e r und Rühle 2 Wochen bezw. 12 Tage Gefängniß. Düsseldorf. Zwei Atanrer wegen Bedrohung von Streik blechern je 3 Monate Gefängniß. Gera. Genosse S e i f a r t h wegen Beleidigung der preußi- scheu Generäle 150 M. Geldstrafe. Dresden. 5 Monate Gefängniß der Maurer Fallenbeck wegen einfacher Körperverletzung eines Streikbrechers. Leipzig. In der Rcvisionsinstanz der Genosse Bürger Hamburg 3 Monate Gefängnis wegen Beleidigung einer Eisenbahn-Direktion. Dresden. 4, 3 und 2 Monate Gefängnis die Maurer Dorn, Korn und Walter wegen Nötigung und Be- leidigung von Streikbrechern. Frankfürt a. M. Genosse Thoma wegen Vergehens gegen das Vereinsgesetz 30 M. Geldstrafe. Hamburg. 40 M. Geldstrafe Genosse R ö§ k e wegen Be- leidigung eines Fabrikanten in Husum. Dresden. Wegen Aufforderung zu einer nicht genehmigten Geldsammlmig Genosse Hönisch 10 M. Geldstrafe. Dricsen. Ein Genosse 10 und vier andere je 6 M. Geldstrafe wegen Uebertretung des Vcrcinsgesctzcs. Dortmund. Genosse L c b i u s wegen Beleidigung der Schalker Polizeibehörde 10 M. Geldstrafe, und wegen Be- leidigung des Vorstandes der Gelseukirchener Aktiengesellschaft 3 Wochen Gefängnis. Eberswalde. Die Maurer Schiele und B a st i a n wegen Vergehens gegen Z 153 der Gewerbe-Ordnung je 2 Monate Gefängnis.— Die Maurer P r i e tz und Manuel wegen Sachbeschädigung 2 bezw. 1 Monat Gefängnis. Küthe». Wegen Beleidigung der Polizeiverwaltung Genosse Günther« Dessau 200 M. Geldstrafe. Halle. 3 Wochen Gefängnis der Maurer Kloppe wegen Beleidigung von Streitbrechcr. Lüneburg. Wegen des gleichen Vergehens der Maurer Schwedt eine Woche Gefängnis. Mannheim. Drei bezw. einen Tag Gefängnis die Zimmerer Wahl und Sander wegen Vergehens gegen§ 153 der Gewerbe-Ordnung. Dortmnnd. Der Bergarbeiter Ludkowsky- Herne wegen Bedrohung acht Monate Gefängnis. Bochum. Wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze ec. der Bergarbeiter KokoSka' sechs Monate Ge- fängnis. Hatte. Die Genossen Hehn, Grothe und Swienth je 10 M. Geldstrafe wegen unerlaubten Kollektierens. Eschwcge. Je 10 M.' Geldstrafe die Genossen Koch und Krim wegen Uebertretung einer Polizeiverordnung. Essen. Bergarbeiter Petkowski wegen Mißhandlung 30 M. Geldstrafe. Magdeburg. 3 Jahre Gefängnis Genoffe A. Schmidt wegen MajcstätSbeleidigung. . Leipzig. In der Revisionsinstanz Genosse L e v y- Saalfeld 1 Monat Gefängnis wegen Nichterbcleidigung. , Halberstadt. Die Genossen Heller, Berka» und B a l l m a n n je 10 M. Geldstrafe wegen unerlaubten Sammelns. , Dresden. 3 Monate Gefängnis der Maurer G 0 1 i s s a wegen Bedrohung von Sweikbrechem. Naumburg. Wegen Vergehens gegen§ 153 der Gewerbe- ordnung bezw. Beleidigung von Streikbrechern der Maurer Zimmermann 1 Monat, und der Maurer P f l 0 ck s ch 4 Monate Gefängnis. Insgesamt wurden' erkannt auf 20 Jahre, 4 Monate, 12 Wochen 4 Tage Gefängnis und 940 M. Geldstrafe. Berlin, den 3. Oktober 1899. Der Part ei vor st and. Neues zur Agrarfrage. Von Eduard David. In dem Knäuel von Problemen, um den sich die Bernstein- Diskussion dreht, steckt mitten drin auch die Agrarfrage. Die Er- oberung der politischen Macht ist unmöglich ohne die Gewinnung der in der Landwirtschaft beschäftigten Volksmasse. Daß es damit nicht vorwärts gehen will, liegt weniger an den äußeren Hinder- nisscn und Schwierigkeiten der Landagitation, als an dem Umstand, daß die in der Principicnerklärung des Erfurter Programms aus- gesprochenen Grundideen des marxistischen Socialisnms für die Landwirtschaft nicht zutreffen. Sie werden von der Kleinbauern- masse mit Unglauben aufgenommen. Die darauf begründeten Zu- kunftsverheißungen ziehen erst recht nickt. Da der Kapitalismus sich hartnäckig weigert, die Landwirtschaft für die socialistische Gesellschaft in ähnlicher Weise reif zu machen wie die Industrie, so versetzt uns die Frage, wie wir es dermaleinst mit der Organisation der landwirt- schaftlichen Produktion für und durch die Gesellschaft halten wollen, in nicht geringe Verlegenheit. Wer Kautsky's„Agrarfrage" in der Hoffnung durch- gelesen hat, aus dieser Verlegenheit befreit zn werden, und zugleich eine zugkräftige Agitationsparole zur Eroberung der politischen Macht auf dem Lande zu erhalten, der dürfte bitter enttäuscht worden sein. Kautskhs Buch ist ei» mit viel Fleiß uud Scharfsinn ausgeführter Versuch, den Komplex von Erscheinungen, den wir als Agrarfrage zusnmnienfassen, mit den Grundlagen des Marxismus in Einklang zu bringen. Die letzteren erscheinen dabei als das Fest- stehende, der sichere Boden unerschütterbarer Wahrheit, von dem aus die agrarischen Erscheinungen zu betrachten und zu verstehen sind. Umgekehrt ist zu� verfahren I Vom Boden der empirisch gegebene» agrarischen Thatsachcn aus müssen die Marxschen Lehren von der Produktiousentwickclung auf ihre Richtigkeit hin geprüft werden. Er- geben sich dabei Widersprüche, so dürfen nicht die Thatsachen gebeugt werden, sondern die Theorie muß nachgeben; sie muß sich Korrekturen gefallen lassen, so weh das manchem begeisterten Schüler von Marx auch thun mag. „Ueberzengungen sind die schlimmsten Feinde der Wahrheit", sagt Nitfchc einmal, und der nmßte es wissen, denn darin hat gerade er Großes geleistet. Auch Kautsly ordnet seinen Verstand seiner Ueberzeugung unter. Kühne Interpretationen und falsche Ver- allgcmeinernngen drücken seinem Buche den Stempel der Tendenz auf. Dies im einzelnen an Hand eines reichen statistischen Materials nachgewiesen zu haben, ist das Verdienst des östreichischen Partei- genossen Friedrich Her tz'"> Der landwirtschaftliche Kleinbetrieb hat sich, allen Untcrgangsvrophezeiungcn zum Trotz, bis jetzt nicht nur behauptet, er befindet sich sogar nach Betriebszahl und Arealbcstand in sieg- reichem Vordringen begriffen. Die deutsche Statistik von 1895 spricht dies so deutlich aus, daß auch KautSky die Thatsache selbst nicht in Abrede stellen kann. So bleibt ihm nichts übrig, als sie so zu „erklären", daß das Dogma von der Ueberlegenheit des Großbetriebs keinen Schaden dabei nimmt. Der landwirtschaftliche Kleinbetrieb hält sich darum nach Kantsky bei Leibe nicht etwa durch seine pro- duktive Leistungsfähigkeit, sondern lediglich'ans folgenden drei Gründen:„durch einen industriellen Nebenerwerb, durch Lohnarbeit beim landwirtschaftlichen Groß- betrieb, und, wo daS eine wie das andere mangelt, wo der Kleinbauer reiner Landwirt bleibt, wo er dem Großbetrieb nicht als Lohnarbeiter sondern als Konkurrent entgegentritt, durch U e b e r- arbeit und Unterkonsumtion, durch die Barbarei, wie Marx sagt."(„Agrarfrage" S. 299).— Mit diesem Satz geht Hertz gründlich ins Gericht. Was zunächst die Behauptung anlangt, die Lebensfähigkeit des bäuerlichen Selbstwirtschafters beruhe auf dem N e b e n e r iv e r b außerhalb seines Betriebes, so paßt dieselbe zwar sehr schön in Kautskhs Generalidee von der„Industrialisierung der Landwirt- schaft" hinein, schade imr, daß ein ganz kleiner Umstand den großen Gedanken zn Fall bringt. Die Statistik zeigt nämlich, daß gerade diejenigen Betriebsgrößen am besten gedeihen, die ihren Inhabern gar keine Zeit zu außerbetrieblichen, Nebenerwerb lassen. Das find die Betriebe von 5— 20 Hektar Größe, also die echten und rechten Bancrmvirtschaftcn, in denen die Fannlie m> eigenen Betrieb voll beschäftigt ist. Sic haben von 1382—1895 in Deutschland einen A r e a l z u>v a ch s von 563 477 Hektar zu verzeichnen! Nächst ihnen hat die Größenklasse 2—5 Hektar, in der sich in Gegen- den besseren Bodens noch zahlreiche reine Landwirte befinden, am meisten gewonnen, nänilich 95 781 Hektar. Die Betriebe unter 2 Hektar dagegen, also diejenigen, die in der Regel auf Ncbenenvcrb außerhalb des Betriebes angewiesen sind, haben um 17 494 Hektar abgenommen.— ES ist ein starkes Stück, angesichts dieser statistischen Thatsachen dem rein bäuerlichen Betrieb die innere Existenzkraft zu bestreiten und in dein außerbetrieblichen Neben- erwerb die Wurzel seiner Lebensfähigkeit zu suchen! Auch in England finden ivir die rein bäuerlichen Betriebe im besten Gcdciheit, während die kleinsten auf Nebenerwerb an- gewiesenen Betriebe zurückgehen. Nur in Frankreich zeigen die Zwergbetriebe eine Zunahme, während die Klein- und Mittelbetriebe einen Rückgang aufweisen. Grund genug für Kautskh, mn auf dieses Land als Beispiel der von ihm hcransdestillierten kapitalistischen Mustcrcntwickclung hinzuweisen. In Frankreich hatten von der landwirtschaftlichen Gesamtfläche inne die Betriebe unter 1 Hektar. 1— 10 Hektar, 10— 40 Hektar über 40 Hektar. 1882 2,19 Proz. 22,92„ 29,93„ 44,96. 1892 Zunahme bez. Abnahme 2,68 Proz. 4- 0,49 22,77„— 0,15 28,99,— 0,94 45,56„-f- 0,60 Hier zeigt sich also der mit Lohnarbeitern wirtschaftende Groß- betrieb und der auf Nebenerwerb angewiesene Zwergbetrieb im Vor- marsch begriffen. Kautskh erklärt das damit, daß der Großbetrieb sich zu seiner eigenen Erhaltung kleinste Betriebe schaffe, die ihm die nötigen Arbeitskräfte stellen. Allein das Beispiel erweist sich bei schärferem Zusehen als eine hohle Nuß. Hertz untersucht die Bctriebsbewcgung m den einzelnen Regionen. Dabei findet er in den verschiedensten Gegenden die *) Die agrarische» Frage» im Verhältnis znm Socia- lismuS. Von Friedrich Otto Hertz. Mit einer Vorrede von Ed. Bernstein. Wien 1899; 141 S.'— Preis 2 M.— Der Titel „Die agrarischen Fragen" ist mit Absicht gewählt. Hertz bezeichnet es als falsch, von„der" Agrarfrage zu reden, da die Verschiedenheit der natürlichen und der historischen Verhältnisse in den einzelnen Ländern für jedes Land eine besondere Agrarfrage, d. h. Agrarkrisis, be- dingen.— Letzteres ist zivar richtig; nichtsdestoweniger halte ich die singulare Bezeichnung für berechtigt. So verschieden auch die speciellen Agrarkrisen in den einzelnen Ländern sei» mögen, in letzter Instanz entspringen sie alle der nämlichen Grundursache: der sieg« reichen Konkurrenz, ivelchc die extensive R a n b w i r t s ch a f t auf jungfräulichem Boden verbunden mit der Ausbeutung kulihafter' Arbeitskräfte der intensiven Ersatz wirt- schaft mit relativ teueren Arbeitskräften macht.— Faßt man die Agrarfrage von der theoretischen Seite als Problem der ökonomischen Theorie, mit dem sich spcciell der marxistische Socialis- mus auseinanderzusetzen hat. so erscheint sie erst recht als eine große Frage, die lautet: Gilt die Marxsche Lehre von der Pro« duktionsentwicklung auch für die landwirtschaftliche Pro- duktion?jj— Sie ist mit einem gencrellcn Nein zu beantworten. Der landlvirtschaftliche Produktionsvorgang ist Wesens verschieden von dem Produktionsvorgang in der Industrie. In der letzteren handelt es sich um die Herstellung toter Machwerke; in der Landwirtschaft dagegen um die Hervorbringung und Pflege lebender Organismen. Mögen sich auch zahlreiche sekundäre Ana- logien in dem beiderseitigen Arbeitsprozeß vorfinde», die primäre Wesensverschiedenheit, hie biologischer— hie mechanischer Produktionsprozeß, schlägt immer lvieder siegreich durch. Dieser fundamentale Gegensatz strahlt nach allen Richtungen hm aus und zwingt beide« Sphären der Produktion gegensätzliche Gesetze und Eutwicklungstendenzen auf. verschiedensten Bewegungen; nirgends aber ergeben sich im einzelnen Zahlen, die die Kantskhsche Behauptung bestätigen.„Für die Zahlen für ganz Frankreich gcivinnt es freilich den Anschein, da sich alles in ihnen summiert; offenbar läßt sich aber der von Kautskh be- hauptete Zusammenhang nicht finden, wenn im Norden die kleinste» Betriebe zunehmen und im Süden die großen." Man müßte denn annehmen, daß die Zwergbauern aus dem Norden nach Südsrankreich auf Tagelohn gingen. Außerdem weist Hertz auf die Statistik betreffend Verteilung der landivirt schaftlichen Arbeit hin. Aus den Enquete» von 1862, 1882 und 1892 ergicbt sich für Frankreich folgendes:„Die ausschließlich eigenen Boden allein, mit Hilfe der Familie oder anderer Kultivierenden, also die eigentliche Bauernschaft, nahm in 30 Jahren um über 26 Proz. zu, während die noch außerdem im Lohn arbeitenden Bauern auf das stärkste abnahmen, von 1862—1882 um 35 Proz., von 1882 bis 1892 um 11 Proz., von 1862—1892 also um die Hälfte." (S. 55.)— Das ist aber das direkte Gegenteil von Kautsly's Kon« struktion I Doch KautSky hat ja noch einen anderen ErklärungSgrund im Hinterhalt, der aushelfe» muß. um die Zählebigkeit des Bauern plausibel zu machen, da Ivo der außerbetriebliche Nebenerwerb als rettender Gedanke versagt. Er lautet:„U e b e r a r b e i t und ll n t e r k 0 n s u m t i 0 n". Ich habe schon an anderer Stelle(„Soc. Monatshefte", Februar 1899) dieses Argument beleuchtet. KautSky citiert einige Eleudsberichte aus armen Gebirgsgegenden und zieht daraus den allgemeinen Schluß, daß nicht die volle Scheune, sondern der leere Magen die Quelle der Widerstandskraft bilde. Die Glanznummer in dieser Beweisführung bildet der Reise« bcricht„eines englischen Beobachters", den Kautsky ohne den leisesten Versuch einer Kritik zum Fundament seines Urteils über die Lage „dcS" sranzöfischcn Bauern macht. Nach diesem Bericht leben diese halbtierischen Geschöpfe in Schweineställe», inmitten unbeschreibbarer Kehrichthaufen, ohne jeden Sinn für Anstand.„Fast immer liegen des Nachts Männer, Weiber, Kinder und Vieh bunt durch einander". „Nicht ein Buch oder eine Zeitung war je zu sehen, nicht ein Bild oder ein Holzschnitt an der Wand, nicht ein bischen Porzellan, nicht ein Zicrrat, nicht ein gutes Möbel, keine Wanduhr usw...." Kurz: „eine filzige, armselige, abscheuliche Existenz I" Hertz weist zunächst auf den wissenschaftlichen Unwert jenes Citntes hin, das einem englischen ZeitnngSfeuilleton zu entstamme» scheint und seit 14 Jahren als eine Art Erbstück in der„Neuen Zeit" herum spukt. obgleich es längst widerlegt ist. Er führt dann eine lange Reihe von Auszügen n»s dem nnifangreichcn Werke Bandrillarts(Oes pojrnlations agricoles de la France, 3 Bände, 1885—1893, Paris) vor, die die v e r s ch i e d e n st e n Gegenden Frankreichs betreffen und ein ganz anderes Gesamtbild er« geben, als das ans jenem obskuren Zitat„eines englischen Be- obachters abgeleitete. Neben Schildernngen von Dürftigkeit stehen Berichte, die von durchaus guten Nahrungs- und Wohnungsverhält- nissen Kunde geben.„Die Lage— sagt Hertz zusammenfassend— ist selbst in den einzelne» kleineren Bezirken sehr verschieden, aber kaum eine einzige Schilderring haben wir ge- funden, die, mag sie noch so traurig klingen, nicht einen Fortschritt gegen früher betonte!" Dieser Fortschritt spiegelt sich denn auch deutlich in der Hebung dcS Fleischkonsums auf dem Lande wieder. Es wurden nach der„Stat. agricole" konsumiert per Kopf und Jahr 1840: 14,91 Kilogramm,'1862: 1857 Kilogramm; 1882: 21,89 Kilogramm; 1892: 26,25 Kilogramm. Also seit 50 Jahren ein Fort« schritt um 76 Proz. Dabei ist, wie die Statistik selbst betont, manches sclbstgeschlachtcte Schwein der Ausnahme entgangen; Ge» flügcl und Fische sind überhaupt nicht gezählt. Wer sich mit gläubigem Gemüt ins Kantsky? Darlegungen ver» tieft, der ficht die bäuerliche Bevölkerung tiefer und tiefer in Schmutz und Elend versinken. Ein unbefangener Blick jn die Wirklichkeit zeigt das entgegengesetzte Bild: eine Aufwärtsbewegung zu menschenwürdigerer Lebenshaltung! Weder im Nebenerwerb noch in der„Barbarei" wurzelt die Existcnzkraft dcS Bauern, sondern in seiner wirtschaftlichen L eistun g s, fähi gleit. Auch für diese erbringt Hertz cm reiches statistisches Material; daS geeignet ist.„das Märchen von der absoluten Ueberlegenheit des Großbetriebes in seiner ganzen Lächerlichkeit zu zeigen". (S. 66.) Höchst bemerkenswert ist die immer deutlicher heraustretende Thatsache. daß die Erträge in England, dem Musterland inten- siver Großwirtschaft, in starkem Rückgang begriffen sind. Nach Shaw-Lefcbre betrug der Durchschnittscrtrag von Weizen in Groß- britannien 1863—1868: 30,8 Bitshcls, 1369—1874: 27,2 Bitshcls, 1875—1880: 22,6 BnshelS per Acre. Nach den Untersuchungen der Union der ländlichen Arbeiter fiel in 19 Grafschaften in 10 Jahre» die Durchschniitsernte von 33,2 auf 24,2 Bushels. Englische Fach- leute erklären das übereinstimmend als die Folge übermäßiger An» Wendung von künstlichem Dünger, wodurch der Boden erschöpft wird. Dem gegenüber zeigen die Klcinbctriebsländcr, allen voran Belgien, Dänemark und. Holland, ein fortgesetztes Steigen der Erträge. Dank ihres viel reicheren Viehstandes treiben sie eine gesunde Ersatzwirt« schaft. die den Boden verbessert statt ihn auszurauben. Hertz weist Kantsky noch eine ganze Reihe weiterer grober Irr» tümer und Entstellungen nach,. so hinsichtlich der Behandlung der amerikanischen Betriebsstatistik, des l a n d w i r t s ch a f t I i ch en Genossenschaftswesens und der V e r s ch u l d u n g s» frage. Hinsichtlich der letzteren kommt Hertz zu demselben Resultat. das B u l g a k 0 w in seiner Kritik der Kantskyschcn Agrarfrage (Brauns Archiv 1899 Nr. 2) ausspricht, und das auch ich in einem Mitte Februar dieses Jahres der„Neuen Zeit" eingesandten, bis jetzt leider nicht erschienenen Aufsatz vertreten habe. Da Kautskh in seiner neuesten Schrift gegen Bernstein bereits den Versuch macht, die an dem betreffenden Punkte seiner„Agrarfrage" geübte Kritik zu widerlegen, so sei hier kurz darauf eingegangen. Da sich die Bewegung der landwirtschasrlichen Betriebe der Lehre von der Konzentration durchaus widerspricht, so sucht Kautsky das„Marxsche Dogma" ans andere Weise zu retten. Vollzieht sich auch keine Konzentration der Betriebe, so vollzieht sich doch eine „Konzentration des Grundbesitzes" und zwar auf dem Wege des Hypothckarsyftems, so behauptet er in seiner„Agrar- frage"('S. 86 ff.). Der Hypothekcnbcsitzer ist der Besitzer der Grimdrente. erklärt er, und„damit auch der thatsächliche Besitzer von Grund und Boden selbst". Dann bringt er»tüchtige Zahlen, die die Konzentricrung der Hypothekenfordcrnngen in den Händen großer Boden-Kreditinstitute(Aktienbanken, Landschaften, Sparkassen, VersichcrungSgesellschaftcii ec.) illustrieren sollen.„Das sind Zahlen— ruft er triumphierend— die wohl deutlich darauf hin- ivcisen, daß das„Marxsche Dogma" für das Grundeigentum nicht minder gilt, wie für daS Kapital". Dieser„Rettung" der Konzentrationslchre gegenüber erlaubte ich mir in dem erwähnten Aufsatz darauf hinzuivcisen, daß ja die Aktionäre der Hypothekenbanken gar nicht die Besitzer der in den Schränken der Bank verwahrten Hypotheken seien, sondern die Gläubiger jener Aktionäre, die Hunderttausende von Nentenbrief- inhabcrn; daß also durch jene Institute zwar eine Centralisation der Hypotheken Vermittlung, aber eine Decentralisation des Hypothekenbesitzes bewirkt werde. Dasselbe gilt in noch viel höhcrem Maße für die in Sparkassen, Versicherungs- anstalten usw.„konzentrierten" Hypotheken resp. Hypothcken-Anteil« scheinen. Bulgakow und Hertz erheben genau denselben Einwand. Letzterer' untersuchte den Hypothckenbcstand der östreichischen Spar- kassen, genossenschaftliche Hypotheken-Jnstitute, Darlehnskaffcn, Land- schaftcn', Pfandbriesbanken, Versicherungsgesellschaften, Stiftungen und öffentlichen Fonds und kommt zu dem Resultat, daß es in Oestreich mindestens 4 Millionen Hhpothekenantheilbcsitzer giebt, wovon ein r ober Teil in ländlichen Kreisen selbst zu suchen ist. Statt der von tkautsly behnnpteteir.entschiedenen Tendenz zur Centralifation. die namentlich beim hypothekarischen Eigentum aufs schärfste zu Tage tritt"(Agrarfrage e c c n t r a lisati o n zur Zersplitterung deS Hypothekenkapita lS in kleine und l l e i n ft e Posten"! Wie zieht sich nun KantSky aus der Schlinge?— � In seiner neuesten Schrift erklärt er:„Man hat freilich darauf hingcivicsc», das; die Hysiolhekcnbankc» nicht die eigentlichen Gläubiger der Land- Wirte seien, sondern nur die Vermittler zwischen ihnen und den cinzelnc» Kapitalisten(!), irelche die Pfandbriefe kaufen. DaS macht allerdings einen großen Unterschied für die Kapitalisten, nicht aber für die Landwirte. Sie haben es mit der Bank zu thun und nicht mit den Inhabern der Pfandbriefe." Und dann gleitet er unversehens in eine Betrachtung hinein, daß durch die Organisation der Kredit» Vermittlung in bureaukratischcn Ccntralanstalten, die Verstaatlichung derselben zu einer„technisch sehr einfachen Sache" werde. �Jn der That eine Glaiizlcistnng„unterirdischer Sclbstent- schlnpfung"! Also ursprünglich behauptete Kautsky: in den Hypotheken- baukcn vollzieht sich die Konzentration deS Grundeigentums Bum entgegnet ihm: Du irrst, es handelt sich nur um eine Konzentration der Gcldvcrmiltclung, hinter der eine D c c c n tralisatiou des Grundeigentums steckt. Also habe ich doch recht, repliziert Kautsky ganz vergnügt, es findet eine Konzentration der— G e l d v e r in i t t e l u u g statt!—- Auf diese Weise behält man allerdings immer recht, das lvußteu schon die Meister der Sophistik im alten Griechenland.»Ich habe Disputationen� nie große Erwartungen entgegengebracht, kaum je hat sich eine solche als Mittel erwiesen, zu zeigen, auf welcher Seite die Wahrheit liegt",— so seufzt Kautsky ini Vorlvort seiner„Antikritik" gegen Bernsteisi. � Kein Wnudcr! Wer cS so wenig iibcr'S Herz bringen kann, einen ihm nachgewiesenen offeiii baren Irrtum einzugestehen, kann nichts anderes erwarten. Um. so notwendiger ist es. daß die Leser von KautskyS „Agrarfrage", sofern es ihnen ernstlich um eine Vertiefung ihrrS Urteils über die agrarischen Probleme zu thun ist, nun auch die Hcrtzsche Schrift studieren. Der Raum verbietet narürlich hier ein näheres Eingehen auf die überaus interessanten Details. Ebenso Wichtig wie die kritische ist die positive Seile des Buches, die das Verhältnis des SocialiSmns zur Landwirtschaft behandelt. Was Hcrtz über die relative Leistungsfähigkeit der verschiedenen Betriebs» formen, über die Entwickelnng der landwutschattliche» Genossenschaften und deren Rück Wirkung auf die LetricbSorganisation aus- führt, und vor allem feine Beantwortung der landwirtschaftlichen CigcntnmSfrage ist im höchsten Maße beachtenswert. Vi a ii m a g ü b e r die Revision der Marxistischen Begriffe hinsichtlich der i n d u st r i e l l c n E n t- Iv i ck e l u n g d e n k e n. wie man will, hinsichtlich der Landwirtschaft k a n n die Notwendigkeit dieser Revision e r n st l i ch nicht mehr b e st r i t t e u w e r b e u. Zktm Parteitag. In der„Neuen Zeit" erörtert K. Kautsky die Aufgabe des Parte!. tags in Hannover im Hinblick ans Programm und Taktik der Partei. Er sagt: „Die Frage der Taktik wird Wohl im Vordergrund stehen. Erst in zweiter Linie dürfte sich'S um unser Programm haiidclit. Bestimmte Vorschläge zu seiner Acildcrmiq sind nicht gewacht worden, auch nicht von Bernstein selbst. Ebensowenig hat Schippe! beantragt, den Punkt 3 unseres Programms anders zu fassen. Ans der anderen Seite weisen selbst die heftigsten Gegner Bernsteins den Gedanken einer„Kctzcnrichterei", einer Äii'-fchliclinng Bernsteins auS der Partei entsäneden zurück. Mau muß es in der Regel jedem Parteimitglied selbst übcrlnsscu, zu entscheiden, ob er noch ans dem Boden der Partei steht oder nicht, illlit dem Aus- schluß geht nian bloß gegen Elemente vor, welche die Partei schädigen, wegen rein sachlicher Kritik ist noch nie jemand anö der Socialdcmokratie ansgcsililosien ivorden, die stets auf die Freiheit der Diskussion den höchsten Wert gelegt hat. Selbst wenn Bernstein nicht so große Verdienste um Misere Sache sich erworben hätte, und wenn er nicht wegen seiner Partelthätigkcit im Exil säße, würde seine AnSschlichnng nicht in Betracht kommen.... Alle Welt erwartet vom Parteitag, er werde keinen Zweifel darüber lassen, ob die Parteigenossen noch ans dem gnindsayli-ben Boden stehen, auf dem sie vor acht Jahren standen, ob die Social- demokratie noch an sich selbst, d. h. an ihre socialifitsche Mission glmibt, ob sie noch der Ucbcrzeiignng ist. daß die ökonomische Eni- Wicklung ihr dieselben Ziele weist, die sie sich selbst gesteckt. Aber Weit mehr als die Frage des P r o g r n ui m s dürfte die der T a k t i k den Parteikongrcß beschäftigen. Hier handelt eS sich nicht um Fragen, die eine Broschüre oder ein Artikel willkürlich ausgeworfen, sondern um Fragen, die uns die politische Eni- Wicklung � selbst aufdrängt, vor allem um jene Frage, die heute die Socialislen aller Lander beschäftigt: die Feststellung miscres Verhältnisses zur bürgerlichen Demokratie. Deren rapider Rückgang auf der einen Seite, ans der anderen das ebenso rasche Erstarken der Socialdcmokratie, und dem gegenüber das gleichzeitige An- Wachsen der reaktionären Strömlingen, haben überall die Frage gc- zeitigt, wie die Socialdcmokratie die große Macht, die sie erlangt. praktisch am besten anwendet, und ob und wie sie mit den demokratischen und liberalen Elementen des Bürgertums zusammen- wirken 5aiin nnd soll, um die Reaktion nicht übermächtig werden zu lasten. Dementsprechend sehen wir in Belgiens Wahl- bündnisie zwischen Soeialdcniokraten und Radikalen, in Italiens eine Nimähening zwischen Socialdcmokratcn nnd Rcpnbkikaiiern, ebenso in Spanien, in Frankreich sogar den Eintritt eines socialistischc» Ministers in ein liberale« Ministerium, in Deutschland endlich die Frage der Wahlkompromisse an allen Ecken nnd Enden. Bei imS im Reiebe wird die Frage noch kompliziert diircki die Nnvollsommenheit der staatliche» Einheit. Das Erstarken der Reaktion äilßrrt sich namentlich in dem Ausspielen der Landtnge dort, Ivo sie reaktionär, gegen den Reichstag, andererseits wirkt das Er- starken der Socialdemokratie ebenfalls dahin, dein Kampfe um die Landtage erhöhte Bedentnng zu geben, da sie fast überall in diese einzudringen versucht. Aber dank den Resten dentschcr Zcr risscnheit, die von den deutschen Patrioten so liebevoll gehätschelt werde», ist in jedem Lande nicht mir die Stellung der Parteien zu einander, sondern auch die Wahltcckmik eine andere, meist eine höckist künstliche und komplizierte. Das hat zu emem ChnoS von Wähk- taktiken geführt, daS anfängt, beängstigend zu werden nnd das die Einheitlichkeit unserer Partei ernstlich zu beeinträchtigen droht. So unmöglich es ist, alle diese verschiedenartigen Berhällnisir unter eine Schablone zu bringen, so unumgänglich ist e§, bestimmte Grundsätze für ein cvcntiieilcS Zusammenwirken mit bürgerlichen Parteien festzusetzen, sollen sich nicht die Verschiedenheiten der Wahl- tnktik zu Gegensätzen entwickeln, die mit der Einheitlichkeit auch die Einheit der Partei gefährden... Die Diskussion darüber dürfte sich verschlingen mit jener über die Taktik im allgeincinen, die den Parteitag beschäftigen und sich wohl wesentlich um die Frage nnscrcS Vcrhälliiisies zu dem liberalen Bürgertum drehen wird. Leider wird sich diese Disknsfion sehr in Allgemeinheiten zu bewegen haben. Bei der Frage der Landtags- Wahlen fteilich handelt cS sich um höchst greifbare Thatsachen. Wenn wir aber fragen, Ivelche Taktik jene Männer besürlvorten, deren Kritik die Veranlassniig zu den Diskussionen der letzten Monate geworden, dann werden wir höchst verschiedenartige Antworten bekonunc», aber keine bestimmten. Drei Arten von Taktik sind für UNS möglich. Vor allem die Fortführung der bisherigen: Die Socialdemokratie ist die Partei des kämpfenden Proletariats: sie sucht dieses aufzuklären, zu bilden, zu organisteren. seine politische und ökonomische Macht durch jedes gegebene Mittel zu erweitern, jede Position zu erobern, deren Er- lämpfung in Frage kommt, und so ihm die Kraft und Reife zu ver- leihen, die cS schließlich in den Stand setzen, die politische Macht zu erobern und die Herrschaft der Bourgeoisie zu stürzen. Dies schließt keineswegs auS, was schon das Kommunisttiche Manifest betont, daß die Socialdcmokratie unter Umständen die bürgerliche Demokratie nutcrstiitzcn und mit ihr znsannnemvirkcn kann, wo es den Kampf gegen gemeinsame rcaltionnrc Feinde gilt. Diese Taktik ist vollkommen anpassungsfähig cm die verschiedenste» Bedingungen, sie schließt auch Wahlbiindnisse nicht aus. kann sie unter Umständen notwendig machen." Kautsky erörtert dann die gegen diese Taktik erhobeuen Ein- wände, zlinächst den, der mit dem Worte vom Aufgeben der Frcß- legende gekeimzeichuet ist und führt dazu aus, daß gerade unsere beste» Rcliiiticrungsbezirke cbcnio wie die einer demokratisch- radikalen Bewegting die Städte und die industriellen Bezirke sind. Das führt ihn zu dem Schlüsse, daß eine starle bürgerlich- radikale Partei und eine starke Socialdcmokratie zwei Begriffe sind, die sich ausschließen. Um in Deutschland wieder eine starle bürgerliche Demokratie möglich zu machen, müßte die� Socialdcmokratie nicht nnr die„Frcßlegcnde", sondern sich selbst aufgeben. Als dritte mögliche Taktik, für die Kautsky Stimmungen in Parteikreisen als vorhanden ansieht, bezeichnet er die Anpasimig der Socialdcmokratie an die Bediirfnissc der besitzenden Klassen. Er bc- zeichnet den Gegensatz zwischen dieser und der bisherige» Taktik als den einer nnselbständigen zu einer selbständigen Klasscnpolitil des Proletariats... „Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird in Hannover die Dis- kiissiou'iibersdie uon Bcriistcinstuid»Schippcl anfgsworfencu Fragen nicht die Form eines großen Kampfes zweier klar bestimmten Richtungen annehmen, sondern bloß die eineS Widerstreits zwischen einer cnt- schiede»«», lmzlveidcntigcn nnd rücksichtslosen proletarischen Politil und einer Politil der gleichen Richlung, aber verschwommener, nn- entschiedencr und mehrdeutiger. Wir erwarten eine große Entscheidung nicht nur nicht in der Frage deS Programms, sondern auch nicht in der der Taktik, es sei denn, daß für die Beteiligung an den Laud- tagSwahlcn eine feste Rtchtschnnr gegeben würde... Vom Verlans des kommenden Parteitags wird eS abhängen, ob die voikspnrteilichr(so nennt K. die lmentschiedene Richtung) Stiin« mnng in uns« reu Reihen gestärkt oder entmutigt wird, da 3 heißt, ob wir in de» nächsten Jahren eine Fortsetzung und vielleicht sogar Verschärfung der üincrcu Zänkereien imd Disputationen ohne jedes praktische Ergebnis zu besürckten habe», oder ob wir erwarte» dürfen, das; wir wieder geschlosseu nnd einmütig unsere ganze Kraft dem Kampfe gegen den„äußeren Feind"— unseren äußeren Feind"— zuwenden." *»* I» Pforzheim beschloß die Partcibcrsnmmliing eine Resolution. welche wünscht,„daß die Partei dem Genossen Bernstein nicht ans die schiefe Ebene folgen möge, ans die er sich mit sciirc» Angriffen gegen die von Marx nnd Engels begründete Throne des tvissenschastlichen Socialisnms begeben hat. Zinn Schaden ihrer wisjenschaftlichcu Grundlage, ihrer inneren Festigkeit »nid Zirlbcwnßlheit würde die socialdemskratische Partei zu einer einfachen Resorinpartei sich entwickeln." Dagegen stimmt man deni Genossen Bcnistcin z», wenn er �A»ö« wüchse phantastischer oder ulopistischcr Art, sowie eine voi« gewissen Personen gepflegte Unduldsamkeit in nliscrer Vartcilittcratur ivcndct". Die Versaininliing betrachtet ferner mit Bernstein eS als eine nächste praitische Ausgabe der socialdeinokratischcn Partei, sich mit der Agrar- frage, der Gcmcindcpolitik»nd dem Genossenschaftswesen zu befasscn: lind teilt mich Bernsteins Ansicht, daß die Arbeiterklasse moralisch und iiitcllcltncll noch bedentenh gehoben werden müsse, um die Ricsenaufgabe der Ueberfühning der kapitalistischen Produttion eine socialistische crsülleu zu können. m Eine internationale Ilmfrage iiber foeialdemokratische Taktik. Von den Antworten, ivelche die„Pctite Nepubliyue" ans ihre Umfrage wegen des Verhaltens der socialtstischen Partei Frankreichs zur Drcysnö- Affairc(Eininiscknmg in bürgerliche Streitigkeiten), so- wie Weizen des Eintritts eines Socialisten in ein bürgerliches Miiiiftcrimn(Fall Millcrand) crhaUcil, teilen wir weitere im Auszüge mit. Enrieo Ferri. I. Ans den allgemeinen Gmndlagen des Marxismus und dem allgemeinen Charakter des SoctaltSmuS folgert er. daß dte focia- lisrische Partei bei ihrer Beichäftigimg mit der Affaire DrctffnS nur eine Gcwisscnspflicht erfüllt habe. Der Fall stellt für das socialistische Proletariat nicht ctiva lediglich einen Jnstizirrttlm dar, sondern durch sie ist ein edler und entscheidender Kamps zwischen dein Geist der modernen Civilisation und der mittelalterlichen, militaristischen nnd ilcrikalcn Tyrannei entbrannt, die wir nuler der Hülle von bürgerlichen nnd republrtallischen Einrichtungen wieder in de». Ich kann also nnr meine enthusiastische Bcwimderiing für das Werk ansdrückc», das durch die Anregnug und nnlcr dein Eiiislnß von Jean Janreö von der socialisiischen Panci Frankreichs in der Affairc Dreyfus vollführt worden ist. II. Sicherlich können die Socialisten an der Staatsregiennig in derselben Weise Anteil nehmen, wie an der Verwaltung der Kommune. Darin besteht gerade die Marxistische Taktik,..die Er obennig der öffentlichen Gewalten". Aber die Aiitciliiabmc darf nur als Klasicupartei geschebeir. Als Jndividiluin. ohne VcrtrcuienSiiianii der Partei zu sein, kann ein Socialist sicherlich nicht in eine städtische Verwaltung eintreten. nnd der VertrgncuSinami der Partei knim er sicherlich nicht sein, bevor die Partei die gesetzliche Masorität im Gcincinderat hat. Wenn daher in cmcm Parlament die Socialisten die Mnjorilät bilden oder auch mir eine domintrrende Gruppe, welche die farblose Masse, die ja immer die meisten Köpfe zählt, in ihren Bannkreis zieht, so kauu und imiß die socialistischc Partei an der StaatSrcgicning in derselben Weise, wie an der Konimmiaiberwaltung teilnehmen. Wenn jedoch die-Majorität de? Parlaments und eines ministeriellen Ausschusses nur biirgcrlicki im höchsten Grade ist. wie z. B. Waldeck-Ronffcan und Galltssel, so tami et» socialistischcs Jndividnnin, selbst von der Geschicklichkeit eines Millcrand, nur>vic ein Baiun ohne Wurzel teilnehmen. Er kann weder die wirklichen Dinge gewaltsam ändern, noch dein historischen nnd politischen Augenblick zuvorkoinmen, noch entscheidende Resormen. die nur Stationen ans dem Wege zum socialistischc» Ideal sind, durchsührcn. kurz, er kann nicht der V e r t r a» e« S m a n n der socialistische» Partei sein. Und wenn in Ansnahmczcitcn die socialistische Partei die Er- nnigenschaften der Civilisation gegen die Niicklchr zur mittelalterlichen Barbarei verteidigt, so darf und muß er es thun. aber immer als Partei, niemals als Individuum ohne Auftrag seiner Kampf- genossen. In diesem Fall hat er eine schwierige Stellung, die bei sehr zweifelhastcn Vorteilen ganz sicher gewaltige Enttäuschungen hervor- rufen ivird. Zwar werden diese den Fortschritt des SocialiSinnS nicht hindern, denn er ist daS notwendige Produkt der socialen Ent- Wicklung: aber sie werden immer politische Berwirrung in die Masse der Socialisten bringen, ivelche keine Gcschichtöphilosophie treiben, sondern nnler dein Einfluß der sich alltäglich abspielenden Dinge stehen. Liebknecht. Zu der Umfrage gab Liebknc cht keine besondere Antwort. Er hatte sich in Bezug ans die DreyfiiS« Angelegenheit und die Taktik in der„Affairc" vorher schon eingehend ausgesprochen und seine deutschen Erklärungen waren in die französische Preffe übergegangen und hatten sogar zu einer iveitercn Erklärung in einem Pariser Blatte— dem„TenipS"— geführt. Liebknechts Ansichten waren also in Frankreich bekannt. Und was den Eintritt Mille rands in das Ministerium Waldeck-Roussean-Galliffet betrifft, so hatte Liebknecht auf den Wunsch G n e S d e S und anderer französischer Freunde unterm 10. August ein ausführliches Schreiben an den Kongreß von E p e r n a y geschickt. Um nicht bereits Gesagtes zu wiederholen, verwies Liebknecht in einem Briefe an die Redaktion der„Pctite Rcpublique" einfach auf jene Erklärungen und dieses Schreiben. Die Erklärungen liegen den deutschen Genossen vor"). Das Schreiben, das auch in der soeben erschienenen Broschüre Liebknechts„Kein Kompromiß, kein Wahlbündnis" abgedruckt ist, lautet: Meine Freunde! Sie wiffeit, daß ich es mir zur Pflicht gemacht habe, mich in die Angelegenheiten der Socialisten anderer Länder nicht einzumischen. Aber da Sie meine Meinung über die brennenden Fragen, die Ihren Kongreß und das ganze arbeitende und socialistische Frankreich be- schäftigcn, zu kennen wünschen, und da diejenigen ihrer socialisiischen Landslcnte, die in Bezug auf diese Fragen anderer Ansicht sind als Sie, sich ebenfalls an mich gewandt haben, so habe ich keinen Grund, mit meiner Meinung zurückzuhalten. Und cS ist im Grunde doch auch keine nnS Deutschen fremde Angelegenheit, die Sie jetzt in Frankreich beschäftigt. Die Jutcriiatioiialilät des Socialisimis ist eine Thatsackie, die sich von Tag zu Tag mehr fühlbar nnd geltend macht. Wir Socia- listen sind eine Nation für uns— eine und dieselbe i n t e r- nationale Nation in allen Ländern der Erde. Und die Kapitalisten mit ihren Agenten. Werkzeugen und getäuschten Gläubigen(dupes) sind ebenfalls eine intcrnationale Nation, so daß wir in Wahrheit sagen kömicn: es gicbt heute nur noch zwei Nationen in ahcn Ländern, die eine die andere be- kämpfend in dem nroßen Klassenkampf, welcher die neue Revolution ist— dem Klaffciikaiiipf, Welcher gekämpft Wird einerseits von drin Proletariat, vertretend den Socia- l i s m u s, andererseits von der Bourgeoisie, vertretend den Kapitalismus. Und da der Kapitalismus die bürgerliche Welt(der Bourgeoisie) beherrscht, so find, so lange der Kapitalismus herrscht„ mit Notwendigkeit alle Staaten Klasse» st aa�en und alle Regierungen K l a s s e n r e g i e r u n g e n. dienend den Zwecken und Interessen der herrschenden Klasse, und bestimmt, den Klassenkampf siir die Bourgeoisie gegen das Proletariat zu führen,— für den Kapitalismus gegen den Socialisimis, sürunsere Feinde gegen Euch, gegen»ns. Vom Stmidpunlt des Klassen« kainpfcs, dieser Grundlage des kämpfenden(militant) Socialisimis, ist das eine Wahrheit, ivelche durcki die Logik des Gedankens und der Thatsachen über jeden Zweifel hinaus gehoben ist. E i n S o c i a l i st, der in eine B o u r g e o i s r e g i e r u n g �.i n« tritt, geht entweder z n in Feind über oder er gicbt sich in die Gewalt de« Feindes. In jedem Fall trennt ein Socialist. der Mitglied einer Bonrgcoisregicrimg wird, sich von uns, den lämpflndcu Socialisten. Er kann sich vielleicht noch für einen Socialisten halten, aber er ist es nicht mchr: er kann von seiner Ehrlichkeit überzeugt sein, aber dan» hat er nicht das Wesen des Klassenkampfes begriffen— nicht begriffen, daß der«oeia- l i s in ii S d e n K l a s j e n k a m p f z n r G r n n d l a g e hat. Heutzutage unter der Herrschaft des Kapitalismus kann eine Negieriliig. selbst wenn sie voll Philanthropie und von den besten Absichten beseelt ist. nichts Ernsthaftes für unsere Sache thun. Man muß sich vor Illusionen(Sclbsttänschintgeil) hüten. Schon vor Jahrzehnten sagte ich: wenn der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. so der Weg zu Niederlagen mit Illusionen. In der heutigen Gesellschaft ist eine nicht kapitalistische Regierung eine Un- Möglichkeit. Und der unglückliche Socialist, den der Zufall in eine solche Regierung wirft, ist, wenn er seine Klasse nicht verraten will, zur Obnmacht verurteilt. Die englische Bourgeoisie hat das Kuusislück, die Opposition durch Teilnahme an der Ne- gicrimg zu lähmen, seit einem Jahrhundert gelernt, und es ist in England traditionelle Praxis aller Regierungen, daß das radikalste Mitglied der Opposition, welches naiv genug ist, sich zu dem Spiel herzugeben, in d i e R e g i c r n n g g c n o m in e n wird. Der Mann dient den„Kollegen" als Deckung und entwaffnet seine Freunde, die nicht ans ihn schießen können— wie man in der Schlacht nicht auf die Gciicln schießen kann, die der Feind vor fich gestellt hat. Das meine Antwort auf die Frage betreffend den Eintritt eines Socialisten in eine Boiirgcms-Regrerimg. Jetzt zu der zweiten Frage: der Frage der Einheit und Einig» n g. Die Antwort wird nur diktiert durch die Principien und die Jiiteiessen der Partei. Ich bin für die Einheit der Partei— für die nationale und intcrnationale Einheit der Partei. Ab«t es Muß die Einheit d e S S o c i a l i s in u S und der Socialisten sein. Die Einheit mit Gegnern, mit Leuten, die andere Ziele und andercJnteresjen haben, ist keine s o c i a l t st i sch e Einheit. Wir müssen unisre Einheit um jeden Preis und mit allen Opfern erstreben. Aber damit luir uns einigen und organisieren köiincii, haben wir aller fremden nnd seindlichen Elemente uns zu entledigen. Was würde man von einem General sagen, der in Feindesland die Reihe» seiner Armee mit Neknlie» aus den Reihen der Feinde füllen wollte? Wäre das nicht der Gipfel der Thorheit? Wohlan t in unsere Armee— das ist in unsere Partei, die eine A r in c c ist s ii r d e n K l a s s e n kämpf und Klassen! r i e g — in unsere Arincc Gegner hcrcinzichcn, Soldaten mir den nnsrigen entgegengesetzten Ziele» und Interessen— das wäre Wahnsinn, das wäre Selbstmord. Ans dem Boden des Klassenkampfes sind wir unbesiegbar: verlassen wir ihn, so s i n d iv l r v e r- I o r e n, weil wir keine Socialisten mehr sind. D i e K r a f t n n d M a ch t des S o c i a l i s m u s best eh t i n d e r T b a t s a ch c, daß wir eine» Klassenkampf s ü h r tz n, daß die arbeitende Klasse durch die Kapitalisteuklafie ansgebentct und unterdrückt wird, und daß in der kapitalistischen Gesellschaft wirksame Reformen, Ivelche der Klassenherrschaft und Klaffen- ansbcutung ein Ende machen, unmöglich sind. Wir könne« nicht mit unseren Principien schachern, wir kinmen keinen Kompromiß, keinen Vertrag mit dem herrschenden System schließen. Wir müssen mit dem herrschciideil System brechen, es ans Leben und Tod bekämpfen. Es muß fallen, damit der Socialismns siegen kann; und von der herrschenden Klaffe können wir doch wahrhaftig»mit erwarten, daß sie selber sich und chrer Herrschaft den Gnadenstoß gicbt. Die Internationale A r b e i t e r- A ss o e i a t i o n har deshalb den Arbeitern gepredigt: D i e B e f r e i u n g d e r A r b e i t e r k l a s s e kann nur das Wert d c r A r b c i t« r s e l l> st sein. Kein Zweifel, es gicbt Bourgeois, die ans RechtSgefühl unk Menschlichkeit sich ans seit«» der Arbeiter und Socialislen stellen, *) Ich habe an diesen Erklärungen nichts zu ändem. Der weitere Verlauf der„Affaire" hat mich in»»einer Ansicht nur be- stärkt, lind wenn Bebel gemeint hat. falls in Deutschland eine ähnliche Affaire aufgetaucht wäre, so hätte ich anders gehandelt', so irrt er sich vollständig. Eine„Kampagne", die einen einzelnen Jiistizfall, der an sich nicht schlimmer ist als tausend andere, z n m Miitclpunlt der gesamten Parteiaktion macht, werde ich unter allen Um| Iii üben verurteilen, und ich halte es für sehr unlogisch, jene Taktik in Frankreich zu billigen und den Eintritt MjllcrandS in die Ncgicrung zu verurteilen. Eins ist vom andern nicht zu trennen. Die Frage in Bezug ans diesen Punkt ist in der Umfrage nicht richtig gestellt. Denn daß Wir Socialdcmokratcn,„ohne gegen das Prineip deS KlaffenkampsS zu verstoßen. an den Streitigkeiten der bürgerlichen Parteien tcilnchuicn können", das ist wohl von niemand bestritten, und von Mir iiisbesondere mein ganzes Leben lang geübt ivorden. Ucbrigcns wäre eine Drebsus-Affaire in Teutschland nicht möglich. Die Leiter und Wortführer der„Kampagne" hätten nach wenigen Tagen hinter Schloß nnd Riegel gesessen. Daß die DreyftiS-Knmpagne den Militarismus in Frank- reich nnr b c f e st i g t hat, wie ich voraussagte, Ivird manchem, der früher anders dachte, inzwischen klar geworden sein, und den andcren wirb e S noch klar werden. Berlin, den 4. Oktober 1399. Wilhelm Liebknecht, ffMtt das sind nur S u S na h m e n.— die Masse der Bourgeoisie hat Klassenbewußtsein, das Bewußtsein der herrschen- den und ausbeutenden Klasse. Ja, die Masse der Bourgeoisie hat, weil herrschende Klasse, ein schärferes und stärkeres Klassen- dewußtsein, als das Proletariat. Ich schließe— Sie haben mich um meine Meinung befragt, ich habe sie Ihnen gesagt. An Ihnen ist es zu thun was die Principien und das Interesse der Partei Ihnen zu thuir gebieten. Brüderlichen Gruß dem Kongreß von Epernay. Hoch das Frank- reich der Socialisten und Arbeiter I Hoch der internationale SocialismuZI Weimar, den 10. August 189S. W. Liebknecht. Ed. Bernstein. l. In der modernen Gesellschaft, in der die gesetzmäßigen Klassen-, Staats- oder Znnft-Privilcgien verschwunden sind oder doch im Verschwinden begriffen sind, gehen die Streitigkeiten der politischen Parteien, gleichviel ob sie bürgerlich sind oder nicht, fast immer die Arbeiterklasse an. Was soll man da von einem Princip denken, das dieser verbietet. gerade in dem Augenblick in diese Slrcitigkcitcn einzugreifen, wo sie sich ans einfachen persönlichen Zänkereien zu Kämpfen gc- stalten, bei denen es sich um die politische Freiheit oder um die Menschlichkeit handelt? Das käme einem Verbot an das Pro- letariat gleich, seine eigensten Interessen und seine Menschlichkeits- Ideen zu verteidigen. Ein solches Princip wäre eines des Schwach- sinns, nicht aber des Klassenkampfes. Das Nicht-Eingrcifcn kann verteidigt werden, indem man sich auf die Schiväche oder Unerfahreitheit einer Partei stützt, oder auf die Nichtigkeit des in Frage stehenden Gegenstandes, niemals aber im Namen des Klassenkainpf-PrincipS. Im Gegenteil, sobald ein LebcnSinteresse politischer Freiheit in Frage steht, würde man gerade gegen das Princip des Klaffeukampscs verstoßen, wenn man nicht eingriffe. WaS die allgemein menschlichen Fragen anlangt, so zeigt schon die einfache Thatsache, daß die socialisiischc Arbeiterpartei die Partei der Unterdrückten ist, daß keine dieser Fragen ihr fremd sein kann. Es genügt hier, auf die Haltung der Internationalen während des Bürgerkrieges in den Vereinigten Staaten hinzuweisen, dieses «einzigen großartigen Ereignisses der modernen Geschichte", wie Mavj ihn im Kapital genannt hat. Obivohl die Dankees des Nordens Bourgeois waren, hat sich die Internationale für sie erklärt. Wer das Interesse der socialistischen Partei an der Affaire Dreyfus bestreitet, weil Drehsiis ein Bourgeois ist, scheint mir den Klaffenknmpf in der modernen Gesellschaft mit dem Klassenkampf im Mittelalter zu verwechseln. Für die Hörigen konnte die Rechts- Verletzung der Edeln vielleicht eine sehr gleichgültige Sache sein; aber der moderne Arbeiter ist kein Höriger und kann nicht die enge Auffassung eines Leibeigenen haben. ll. Diese Betrachtungen führen mich zur zweiten Frage, dre ich im Princip schon durch die eben abgegebenen Erklärungen beantwortet habe. Wenn man die Notwendigkeit der politische» Thätigkcit im allgemeinen zngiebt und wenn man erkannt hat, daß eine Gesellschaft die notwendigen Stufen ihrer Entwickclnng weder überspringen noch wcgdekretiercn kann(Marx), so mich nian auch anerkennen, daß bei der Entwicklung der modernen Nationen sich Zustände ergeben können, bei welchen die teilweise Besitzergrciftuig der Ministcrial- gelvalt für die socialistische Arbeiterpartei nicht nur etlvas Erlaubtes, sondern sogar eine außerordentlich wichtige Pflicht werden kann. In welchem Maße die Teilnahme statthaben kann und statthaben muß, hängt von der Lage der Parteien und von der Natur der politischen Verfassung eines Landes ab. Ucber diesen Punkt im voraus eine dogmatische Feststellung zu treffen, würde heißen, im voraus über alle in der Zukunft nivglichen Kombinationen eine Entscheidung treffen zu wollen. Jeder neue Fall bietet unserer Bc- urteuung das Material dar, um zu entscheiden, ob die gegebenen Verhältnisse chcn Eintritt der Partei oder einiger ihrer Mitglieder in eine Minister- Konibination zulasse» oder erfordern. Principiell scheint niir jede Kombination zulässig, welche die allgemeine Stellung der Arbeiterklasse nicht schivächt und die dauernden oder höheren Interessen ihres Befreiungskampfes nicht einem zeitweiligen Vorteil aufopfert oder unterordnet. In dieser Hinsicht wird es fast immer Schwierigkeiten und Er- orterungen geben, die von den llnterschicden des Temperaments, des Urteils und der Erfahrung herrühren; das ist jedoch kein hinreichender Grund, sich der Verlegenheit der Wahl durch eine abstrakte Erklärung der Enthaltniig zu entziehen. Ich kenne in der Politik nichts Diimmercs, als die allgemeinen Verzichtlcistungen. Sie enden fast immer damit, das gegebene Versprechen zu brechen, und nötigen, um weiter zu kommen, zum Gebrauch einer kasuistischen Haarspalterei, gleichgültig, ob cS sich um die Vcrzichtleistung eines Cromwcll handelt oder um ähnliche Verpflichtungen, die der Socia- lismus in seiner Wiege auf sich genommen. Für eine Partei, die weiß, ivas sie will, und die sich als Hüterin der Interessen einer Klasse betrachtet, ist es würdiger, zu erklären, sie sei entschlossen, nach den Erfordernissen des Augenblicks zu handeln und jede Verantwortlichkeit, die daraus entsteht/ auf sich zu nehmen. Karl Kautöky. 1. Im Interesse der Freiheit und Menschlichkeit an den Kämpfen zwischen verschiedenen bürgerlichen Parteien teilzunehmen, halte ich nicht für das Recht, sondern für die Pflicht des socialistischen Proletariats. Der Klassenkampf bildet ja nicht einen Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Erreichung des Zlveckes; dieser höhere Zweck, dem alles untergeordnet werden muß, besteht darin, zur Entwicklung der Gesellschaft zu einer höhere» Stufe der Vollkommenheit beizutragen. Der Klassenkampf ist hierzu das mächtigste Mittel, doch erfüllt der Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat bis jetzt noch nicht das gesamte politische und sociale Leben. Die zahlreichen Gegensätze zwischen den verschiedenen bürgerlichen Klassen geben beständig zu politischen und socialen Kämpfen Vcr- anlassung, die keineswegs für die Entwicklung der Gesellichaft un- wichtig sind. Diesen inneren Kämpfen der Bourgeoisie nnthätig zu- zuschauen, anstatt thäfla einzugreifen und dir Sache deS Fortschritts zu unterstützen, wäre für die Socialisten geradezu Narrheit. Marx und Engels haben eine solche enge Auffassung des Klassen- kampfcs niemals vertreten, sondern das gerade Gegenteil schon im Kommunistischen Manifest erklärt, und gegenüber dem Lassalleschen Schlagwort von der einen reaktionären Masse hat Marc betont(1873), es könne leicht dazu führen, die inneren Gegensätze und Kämpfe zwischen den nichtproletarischen Klassen zu vernachlässigen. Konseqncnterweise hat auch die Internationale für alle Unterdrückten Partei ergriffen, für die Unabhängigkeit Polens, für Home Rule in Irland, für die Nordstaatcn gegen die Südstaaten während des Secessionskrieges. Mit unserem WachtStuin wächst diese Verpflichtung. Denn je mehr die Proletarier von der bürgerlichen Demokratie zur socia- listischen übergehen, werden die bisher radikalen Bourgeois reaktionär. Zugleich mit dem Socialismus wächst auch die Reaktion. Damit werden die bürgerlichen radikalen Parteien mehr und mehr unfähig, ihre historische Aufgabe zn erfüllen. Wenn aber die Socialisten durch ihre Propaganda die bürgerliche Demokratie schwächen und sich gleichzeitig von ihren Kämpfen gegen die wachsende Reaktion fernhalten, so heißt das doch nichts anderes, als diese letztere begünstigen. Je mehr wir die bürgerliche Demokratie durch unsere Propaganda schwächen und zur Erfüllung ihrer historischen Aufgabe unfähig machen, um so mehr sind wir gezwungen, bei der Erfüllung dieser Aufgabe uns selbst an ihre Stelle'zu setzen. Nur auf der Grundlage einer demokratischen Republik kann sich eine socialisflsche Republik erheben. 2. Ob und in welchem Maße das socialistische Proletariat an einer bürgerlichen Regierung teilnehmen soll, ist eine Frage der Taktik, auf die es eine absolute und unbedingte Antwort nicht geben kann. In der Schweiz und in England scheint mir eine solche Teil- nähme möglich, in Deutschland unmöglich. Aber gerade, Iveil ich keine unbedingte Antlvort geben kann, so kann ich auch nicht behaupten, daß das Princip des Klassenkampfes einem Socialisten unter allen Umständen verbietet, in ein bürgerliches Ministerium einzutreten. Unter normalen Umständen wird ein Socialist, der auf dem Boden des Klassenkampfes steht, ebensowenig in ein Bourgeois- Ministerium eintreten wollen, wie ein Atheist in ein klerikales, ein Repttblikancr in ein bonapartistisches Ministerium. Seine Thätigkcit in einem solchen Ministerium könnte unter diesen Umständen kein anderes Resultat zeitigen, als das, ihn wie die Partei, die ihn stützt, zu korrumpieren und komproinittierc». Aber damit soll nicht gesagt sein, daß notwendigerweise das Princip des Klassenkampfes verletzt wird, wenn unter Ausnahms- Verhältnissen und zu einem b e sti m m t e n Z w e ck Socialisten mit bürgerlichen Demokraten in einer Exekutivbehörde gegen einen gemeinsamen Feind zusammenwirken. Ein derartiges Vorgehen wird unter allen Umständen gefahrvoll sein, aber es kann eine Zivaugs- läge eintreten, die es zur Not rechtfertigt. Meine Meinung über den konkreten Fall, um den es sich bc- sonders handelt, habe ich schon im„Vorwärts" geäußert sam 1. August 1809). Hier will ich daher nur die allgemeine Seite der Frage hervorheben, und da kann ich nur erklären, daß ein solcher Schritt, wenn auch nicht unter allen Umständen unbedingt zu vcr- werfen, doch stets anormal ist, daß er sehr große Verantwortlichkeiten mit sich bringt und nur im äußersten Notfalle unternommen werden darf. Was jedoch das Princip des KlaffcnkampfeS unter allen Um- ständen verlangt, ist die Organisation des Proletariats zu einer unabhängigen und geschlossenen Partei. Das ist besonders in Zeiten nötig, die so kritisch sind, daß sie manches Parteimitglied den Eintritt eines Socialisten in ein bürger- liches Kabinett für erwünscht halten lassen. Wo das socialistische Proletariat einig, fest organisiert und unabhängig ist, Wirdes auch am besten den Gefahren zu begegnen wissen, die aus dem Zusammenarbeiten mit der bürgerlichen Demokratie entstehen können. Die Socialisten außerhalb Frankreichs erwarte» ungeduldig die Entscheidung des Nationalkongresses über den Fall Millerand. Aber welche Meinung auch jeder einzelne von uns über diesen Fall habe» mag, vollständig einig sind wir in dein brennenden Wunsche, es möge den, Kongreß gelingen, die Bande, welche das Proletariat Frankreichs einigen, aufs engste zu schlingen, damit es die mächtigste Waffe in dem großen Kampfe gegen den Militarismus und Klcrikalismus werde, der gegenwärtig dieses Land durchtobt. Aus der Frsuenbemegung. In Hambnrg hat sich ein Frauenkomitee gebildet,' welches den Zweck verfolgt, im kommenden Winter Propaganda für die Frauen- bcwegung zu mache». Es sei hier gleich betont, daß von praktischer Arbeit vollkommen abgesehen wird und es sich nur darum handelt, die Bestrebungen der Frauenbewegung des In- und Auslandes in Hamburg zu verbreiten und dem Publikum zugänglich zu machen. Ferner stellt das 51omitee sich die Aufgabe, den Frauen die recht- lichc oder richtiger die rechtlose Stellung der Frau klarzulegen. Das Komitee hofft, seinen Zweck durch unentgeltliche, öffentliche Vorträge und durch Veranstaltung von Rechtskursen zu erreichen. Ein Frauentag, der in Verbindung mit der Generalversammlung deS allgemeinen deutschen Frauenvereins in Königsberg tagte, be- schloß eine Petition an den Reichstag zu richten, dahingehend, daß bei der Beratung der Gewerbcnovelle die§§ 135— 130b auch auf die Heimarbeit und die Hausindustrie ausgedehnt werden. Die nähere Ausarbeitung der Petition wurde der Arbeitcrinneiischutz-Kommission des Bundes deutscher Francnvereine überiviesen. Ucber Frauenarbeit in Lemberg sGalizien) berichten die „Dokumente der Frauen". Darin heißt es über die Beschäftigung von Franc» bei Maurerarbeit und in Ziegeleien: Die Arbeit ist in beiden Gewerben hart, da sie in beständigem Tragen schwerer Lasten, wie Thon oder Ziegel, in ewigem Bücken oder Steigen besteht und in Ziegeleien 11, bei Bauarbeiten 10 Stunden dauert. Der Verdienst schwankt zwischen 10 und 60 kr.(70 Pf. bis 1 M.) pro Tag und dauert selbstverständlich bloß während der wärmeren Jahreszeit. Vom November bis März oder April hört die Arbeit auf. Die ZIegeleiarbeitcrilmcn sind bester situlert, da sie von heute au) morgen nicht entlasten werden. Die Maurcrgehilfiunen müssen täglich auf einem Platze der Stadt warten, bis sie gemietet werden, und haben immer Konkurrentinnen in Arbeiterinnen, welche vom Lande zuziehen und billiger arbeiten wollen. Auch ist das Beuchmen der Maurer und Werkmeister gegenüber weiblichen Gehilfinnen, welche abhängig von ihnen sind, oft höchst verletzend, so daß an- ständige Frauen nur durch Not gezwungen werden, bei der Arbeit zu bleiben. Frnncn im russischen Staatsdienst. Bestimmungen darüber, in welchen Ressorts Frauen angestellt werden können, enthält eine dieser Tage in der Gesetzessammlung veröffentlichte, vom Zaren be- stätigte Resolution des Ministerkonütees. Danach können Frauen in den Kanzleien und Rechnungskammern der Verwaltungen der Do- mänen und des ForstdcpnrtcmeutS angestellt werden; sie genießen aber nicht die Rechte der Staatsbeamten, können also weder einen Rang erhalten, noch sind sie pensionsbercchtigt usw. Dem Land« wirtschaftSmimster wird es anheimgestcllt, demnächst zu bestimmen, ivelchcr Art die Arbeit im Rechnniigs- und Schriftlvcsen sein kann, die den Frauen im Staatsdienst zu übertragen ist, und in welcher Anzahl sie angestellt werden können. Sociales. Eine Priigelmcistcr-Konfcrcnz. Die Volksschullchrer-Kon- ferenz der Stadt Halberstadt nahm folgende Sätze an: 1. Körperliche Züchtigungen können nach dem Urteile fast aller praktischen Schnllnäinier in der Volksschule nicht entbehrt werden; das Wort Gottes gebietet und das„Allgemeine Landrecht" ge- stattet sie. 2. Die körperliche Züchtigung tritt erst ein, wenn die anderen Schnlstrafen sich als fruchtlos erwiesen haben. 3. Die Prüfung der Notwendigkeit einer körperlichen Züchtigung und die Verantwortung für dieselbe bleibt dem Lehrer allein über- lassen. 4. Jede notwendig gewordene Züchtigung werde— mit AuS- »ahme in der NeligionSstnnde— sofort vollzogen. 5. Die Bestrafung der schweren Vergehungen der Schüler außerhalb der Schule werde den Eltern und Polizeibehörden über- tragen. ' 6. Die körperliche Züchtigung muß sich nach Geschlecht, Alter und Charakter des Kindes richten. 7. Bei großer Erregung vcrineide der Lehrer körperliche Züchtigungen. 8. Körperliche Züchtigungen, welche der Gesundheit des Kindes schaden, müssen vermieden werden. Die Konferenz sprach den Wunsch anS, daß der neue KnltnS- minister den Erlaß seines Vorgängers bald aufheben möge. Der Einfuhrzoll ans Steinkohle» von Oberschlesicn nach Russisch-Poleu ist von glußlnud bis auf weiteres aufgehoben worden. weil die russischen Gruben, auf denen angeblich noch immer gestreilt wird, nicht die nötigen Kohlen liefern können. Die oberschlesischen Kohlenwerke sind deshalb in äußerst günstiger Lage. Die Russen bezahlen gern jeden nur einigermaßen diskutablen Preis.— Die Löhne steigen endlich auch in Oberschlesicn. Es fragt sich nur, wie lange diese Schntzzeit dauert.— ' Durch den Zusammenbruch eines Pfeilers auf der fiskalischen Königin Luise-Grube sind zwei Häner umS Leben gekommen. Kohlenfall und Pfeilerzusannncnbruch sind auch nach den offiziellen Berichten des Bezirks die häufigsten Todesursachen bei Unfällen von Bergleuten. In den gegenwärtigen„guten" Zeiten tritt der weniger ergiebige, gefahrlose Streckcnabbnu gegen den ergiebigeren, aber auch gefährlicheren Pfeilerabbau sehr zurück. Die guten Zeiten bezahlen die Bergleute mit ihrem Leben. Gegen die genannten Unglücks- Ursachen ist immer noch kein ernstliches Hilfsmittel versucht worden. Veränderungen der Lohnhöhe und Arbeitszeiten englischer Arbeiter im Jahre Wie das englische Handelsamt die Veränderungen in der Lohnhöhe und für jeden Monat genau registriert und veröffentlicht, so giebt es auch jedes Jahr einen umfangreichen Bericht heraus, in welchem die Beobachtungen, für das ganze Jahr zusammengefaßt, wiedergegeben werden. Soeben ist der sechste dieser Jahresberichte, der für 1693, erschienen. Die „Labour Gazette" bringt davon einen Auszug, dem wir folgendes entnehmen: DaS Jahr 1898 war wieder ein Jahr großer Thätigkcit in Industrie und Handel, die Zahl der Arbeitslosen war verhältnismäßig die niedrigste seit vielen Jahren. Es war des- halb zu erwarten, daß die Löhne in die Höhe gehen würden; durch die Statistik wird bcsläkigt, daß die Zahl der Personen, denen eine Erhöhung des Lohnes zu gute kam, und die in Betracht kommende Summe" eine höhere war/ als in den letzten fünf Jähren. Nicht weniger als 1 015 169 Personen hatten im Jahre 1893 eine Aendc- rung der Lohnhöhe zu verzeichnen, gegen 597 444 iin Jahre 1897. Von diesen erhielten 1 003 290 eine Erhöhung des Lohnes. Hier- bei fehlen aber noch die Landarbeiter, Seeleute und Eisenbahn- bcdiensteten, von denen eine exakte Statistik nicht zu haben war; soviel aber ivar aus dem Erhaltenen ersichtlich, daß auch sie Lohnerhöhungen zu verzeichnen hatten. Die Summe, die der Arbeiterklasse dadurch mehr an Lohn zufiel, machte pro Woche 1900 000 M. aus, oder im Laufe des Jahres bei- nahe hundert Millionen. Im vorhergehenden Jahre betrug das Mehr pro Woche nur 900 000 M. Die Veränderungen der Arbeitszeit waren weniger erheblich. Weniger denn 40 000 Personen hatten eine solche zu vcr- zeichne»; die Reduktion der Arbeitsstunden betrug pro Woche 82 000 gegen 283 000 im Jahre 1897. Sehr befriedigend, so heißt es im Bericht, sei der Umstand, daß der'weitaus größte Teil der Arbeiter, nämlich 95 Proz., die Erhöhung des Lohnes ohne Arbeitseinstellung erreichten. 78 Proz. erhielten den höheren Lohn durch direkte Unter- Handlungen mit den Untcruchmern. der Rest durch die Bestimmungen der gleitenden Lohnskala, durch Schiedsspruch der EimgungS» und Schiedsämter. Der Umstand, daß der größte Teil der Arbeiter die Lohnerhöhnug durch direkte Unterhandlungen niit den Unternehmern erhielten, zeigt, wie viel einsichtsvoller, entgegenkommender das englische Unternehmertum ist. Es dünkt sich'nicht zu gut, mit den Arbeitern zn unterhandeln; damit wird mancher Streik vermiede», den deutsche Unternehmer durch ihr protzeuhafles Auftreten geradezu provozieren. Arbeiter-BiMimgssclmle. Am Sonntag, den 8. Olttobcr, abends 7 Uhr, In Colins Festsiilcn, IjcutlistraNsc 19: Vortrag des Reshtsanwalts Viktor Frankl über: „Bildangsbestrebungen der Arbeiter". Nach dem Vortrag: Oeiniltllches Ucisainmenscln n. Tanz. Eintritt 10 Pf. Garderobe 10 P.. Donnerstag, den 18. Oktober, abends 8 Uhr, im l okal „Englischer Hof", Keue Itossstr. 3(oberer Saal): G e n e p a i- If e ssa m eil! S u lieg ToRos-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes und der Eovisoren. 2. Ergänaungs- wahl aum Vorstand(Wahl a weier Revisoren und einer Kommission zur Vorbereitung des Stiftungsfestes. 3. Anträge und Sohul- angelegeuheiton.— Httgliedsbuch legitimiert. 5/3 Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Maruwrarbetter Berlins und Umgegend. Donnerstag. 6. Oktober, abends 8Vz Uhr, bei Cohn. Beuthstr. Ig: Oeffentliche Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Der Streik bei der Firma E 1 n k. 2. Verschiedenes.— Um recht zahlreiches Erscheinen ersucht 274/17 Der Vertrancnsmann, Achtung: mr Ächtung! Isolierer und Rohrnnthüller. An, Donnerstag, den Ii. Oktober, abends 8 Uhr, findet im Ter elnSlokal des Herrn l.ange, Drogonerstrahe 15, eine 269/14 Autzerordentl. Vereins-Bers ammlnng statt. Es ist Pflicht eineS jeden Kollegen, in dieser Bersanlinlung zu er- scheinen. Der Vorstand. Adikung:'W. B®" Achkung: f'ej'eim des* Former. Am Toiuitag, den IS. Oktober 1899, tu Louis Kellers Festsäleu, Koppenstrahe 29: Gr. WohlthKtigkeits-Matinee znm Aestc» hilfsbedürftiger Wtitglicder. Auftreten der altrenommierten StcInineta-ltnartett-SUngcr und llmuorlsten. Anfang mittags 12 Mr.-MW UMP Enlree 30 Pfennig. Um recht rege Beteiligung bittet Der Vorstand. I. A.: W. Friedrich. BiNets sind noch bei sämtlichen Vorstands- und Kommissionsmitglicderll zu haben._ pßk" Den Mitglieder« hierdurch nochmals zur Nachricht, daß unsere Victteljahres-Versammluiig am Sonntag, den 8. d M., vormittags 10 Uhr im Bereinölokal, GipSstraße 9 stattfindet und ist zahlreiches Erscheinen dringend erforderlich. 61/15 Ächtung: MT Achtung: Sonntag, den 8. Oktober er., vormittags Uhr: Oessenti. Mitgliedel'versllmmlnttgen her M-Kmikeilkasseij. Mlern. PtMsurtcaMttBttl. Bezirk A: Habels Brauerei. Bergmannstr. 3—7. Bezirk B.:„Kolberger Salon", Kolbergerstrastc. Bezirk C.:„Snd-Ost". Waldernarstr. 7.,. Bezirk v.: Stcchcrt, AndreaSstrasje Ä1» T a g e S- O r d» n n g: Berichterstattung der Delegierte». Aufstellung von Kandidaten zur Aeneralversamnilung.— Pflicht eines jeden Mitgliedes ist es, in der Ver- saiumlung zu erscheinen. Mitgliedsbuch crsorderlich. 122/11 I. A.- Der Vcrtrauensmaml der Holzarbeiler BerlinS: Otto Klinger, _ Grüner Weg 33._ MlUg! AGM? Freitag, den L. Oktober er., abends 8 Uhr: OeffeKjj.KeMlIisH«ftsoers!l!Nm!liNg im Lokal des Herr» Webe, Pichelödorferstr. 39. Sämtliche Gewerkschaften sind eingeladen. 269/13 Um zahlreiches Erscheine» bittet Der Obmann. Zähne 2 Ei'« Jahrs Garantie. PlL'.t'SÖKJI'iÄ. 'TflhnflPTtlVnlf IPtyt l-elpzlgerstr. 13°, im Hause des VliIIImiIW SnhmBPZl �uillial /lW o.I',��l«gfp>wtogr. Schaarwächter. Ulinomm. SEiinmrzi. Kahnziehen 1 Mark. Sprechet. 9-7 Uhr.(b 10 ofltenfltrfje Donnerstag, den 5. Oktober, abends 8 Uhr, in nachstehenden Lokalen: 1. Reichstags-Wahlkreis, Wahlbezirk l: Miegel, Stralauerstraße 57. 2. Reichstags-Wahlkreis, Wahlbezirk 3, 6, 7; Gossmann, Kreuzbergstr. 48. 3, Reichstags-Wahlkreis, Wahlbezirk 16, 19: Lmsenstädtisclies Konzerthaus, Alte Jakobstraße 37. 4. Reichstags-Wahlkreis(Süd-Ost), Wahlbezirk 15:„8ü(i-0st", Waldemarstraße 75, 4. Reichstags-Wahlkreis(Ost), Wahlbezirke 20, 21, 26, 27: Lteohert, Audreasstraße 21. 5. Reichstags-Wahlkreis, Wahlbezirk 30: Borussia-Säle, Ackerstraße 6—7. 6. Reichstags-Wahlkreis, Wahlbezirke 33, 38, 40, 43, 44, 45, 46, 47, 48: Schneiders Salon, Belsorterstraße 15; Weimanns Volksgarten, Badstraße 55—56; Milbrodt, Müllerstraße 7; Ahrens Brauerei, Thurmstraße 24— 26. Tages-Ordnung in allen Versammlungen: t. Die bevorstehenden Kommunalwahlen. 3. Disknssion. 3. Aufstellung der Kandidaten. 4. Wahl der Wahlkomitecs. ZW?- Die Parteigenossen werden ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. 213/7~"~ Die Vertrnnenslente. Ärbeiter-Bernisartikel n.Wäscbe ausschließlich eigenes Fabrikat.— Specialität: Arbeiter-Berufs- kleiduug: Blau Köper-Jacken M. 1,63, steigend je nach Gröne ni» 1<1Pf.. blau Köper-Hosen, in allen Längen, M. 1,65. Arbeiterheuidc«, Bluse», Maler- kittel u Mouteurhemdcu. D. HViir-o-ei& Co., Wrangelstr. 17. Herren- u. Konfirniaiuienhüte�iy�u"' nur neue inodernc Sachen, s2381L* Prima Qualität 1,50 und 2,—. Die beliebten Meilsluile Tr 1 Mk. Htttfabrik-Compioir Achtung! Kösliner Hos. Besonderer Umstände halber ist der Totcn-Ionutag frei und diescrhalb an einen großen Verein abzugeben. Hirtes Festsäle. Empsehle den Vereinen uicineu renovierten Saal und Nebcnräume für Sonnabend und Sonntag zu Festlichkeiten. Auch sind Vereins- ziulmcr sowie 2 Kegelbahnen zu vergeben. 2681L� Eiisaketliltii-eiisti-. 14. ! Maurer. Achtung! Donnerstag, den 3. Lktober, abends 8Uljr, in Kellers Festsalen, Kounenstr. Z9: Grosse MersammBung der Mitglieder des Verbau des aller zum Ztreikgebiet Berlins und Nmgegeud gehörigen Zahlstellen. Tagesordnung: 1. Sociale und hygienische Winke zur Wohlfahrt der Bauhandwerker. Referent: Dr. Bernstein. 2. Beschlußfassung über die Höhe der Beitragsleistung zum Streikfonds. 3. Gewerkschaftliches. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß nach dem Vertrage vom 1. Ortober ab die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit um eine halbe Stunde eingetreten ist. Es ist sonach bei Beibehaltung der Pansen abends 5l/z Uhr Feierabend zu machen. Wir ersuchen die Kollegen, für die strikte Durchführung dieser Bestimmung Sorge zu tragen. 137/12 Tie Verbnndsleitüug. I. A.: K. P a n s e r. Grate Möbeloerbanf In meinem großen Möbelspeicher, Nene Königstr. ZÖ, sollen viele Einrichtungen verliehen gewesener und neuer Möbel billig verkauft werden. 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Die Beerdigung findet am 6. d., nachm. 4'/, Uhr, von der Leichenhalle der Hiuimelfahrts-Gemeinde in Nieder- Schönhauien aus statt. 3074b Für die vielen Beweise der Liebe und Verehrung, welche meinem lieben Mann und unserm guten Vater er- tviesen worden sind, sagen wir unser» innigsten Dank. 30K9b Berlin, den 4. Oktober 1899. Wilhelmine Grewig und Kinder. üvnti'ill-jvi'ilnkeil- a. ererbe- kssse d.dentscli. Wagenbauer Filiale Moabit Berlin. Montag, den 2. Oktober, starb nach kurzein Krankenlager das Mitglied H. Weine. Die Beerdigung findet Donnerstag, den 5. d. M., nachm. 2 Uhr, von der Charitee nach Plötzensee statt. s253/4 Die Drtsvecvaitnnjr. Kacliriif, Central-KMen- n. Tterde- kilsses.dtlltslsjellWllgeilblluer. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied ssaigb Karl ßutterbrod am 30. September im Krankenhaus Urban verstorben ist. Ehre seinem Andenke». vi« Ortsverwaltung Berlin IV. Singer IVIOimaSClliiaeii sind unentbehrlich für Hausgebrauch und Industrie. 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Jakobikirchstr. 6. 115/17 zieht. Ill HsMiß Rabatt. � [115/12] Artikel! Maisenabsah. ISr 40 Proz. Spottvogel- V erlag, Schöncbcrg bei Berlin. Wegen Lohndifferenzen in der Bau- tischlerei von Bnrtrinbn, Mühleustr. 6, Rixdorf. ist Zuzug fernzuhalten. 122/3* Attnahttie- Stellen für„Kleine Anzeigen". Osten: Robert WcngclS. Fruchtstr. 30, H. L. Bogel Wwe., Koppenstr. 83. Chr. Schnitz. Blnmeustr. 14. IVordnsten: I. Reul, Barnimstr. 42. Zierden: W. Gaftmann, Grüuthalcrstr. 65. Karl Mars, Kastanicn-Allec 95,tt'> Cmil Stolzenburg. Wiefcnstr. 14. L. Dcchand, Rnheplatzstr. 24. H. Bogel. Deiniuinerstr. 32. A. Tietz, Juvalidcustr. 124. XerC�esten: Karl Anders, Salzwcdelcrflr. 8. tgllötrresten: F. Ohncsorge, Bergmannstr. 23, H ll. H. Schröder, Kreuzbergstr. 15. 8ii«Ien: Hans Baake, Dreedencrstr. 52/53. F. Gntschmidt, Kottbuscr Daiuin 8 8i1öl«»ten: Fritz Thiel, Skalitzerstr. 35. W. Gesche, Wrangelstr. 58. Marti» Mcscha, Adalbertslr. 24. Oextrni»: P. Horsch, Gipsstr. 27. A. Tietz, Brcitcstr. 23. Olinrlettondnrs: Gnst. Scharnberg. Schillerstr. 941. Frleckennn: H. Bcrnsce, Kirchstr. 15. �rlettrlelisbers: Anton Kopp, Friedrich Karlstr. 4. Pnnlrow: Kümmert, Kaiser Friedrichstr. 15. INxtlerk: C. Ostcrman», Erckstr. 6. E. gietzerau. Hennannstr. 50. 8eli»nel»erip: Wilh.Bn»itiler,ApostelPauIliSstr.13. �Weissensee: Heinrich Bachmann. Lchderstr. 1. FuliuS Schillert, Königchaussee 3Sa. Rod. Liebschwager. Gustav-Adoti- straße 16. Verantwortlicher Redaclcur: Robert Schmidt in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb. Glocke in Berlin. Druck nnd Verlag von Max Babing in Berlin. Stüh k. 3. ßriln« te Jutsärls" jinlim loUlitt 5««.w b». ZozialMche Presse DeuWIMs. IV. Quartal 189S. Central-Organ. ..VorwSrtS" Berliner Bolksblatt, Täglich erscheinend. Beuthstr.2, S�V.IS Wissenschaftliche Wochenschrist. »Tie Neue Zeit.« Revue des geistigen und öffentlichen -wttgart, Furthbachstr. 12. LebcnS. Täglich erscheinende Zeitungen. Altenburg„Altenburger VolkSzeitung' Kunstgasse 12. Bant„Norddeutsches Volksblatt" Neue Wtlhelnishavener- straste I8. Bielefeld„Bolkswacht" Schulstr. 20. Bochum„Volksblatt" Johanniterstt. 10. Brandenburg„Brandenburger Zeitung, Märkisches Volksblatt", St. Anncnstr. 33. Brauuschwcig„Braunschweiaer Volksfreund" Höhe 4. Bremen„Bremer Bürgcr-Zeitung" Hankenstr. 21/22. Bremerhaven„Norddeutsche Volksstimme" Am Markt 6. Breslau„Volksmacht" Neue Graupenstr. 6. Cassel„Volksblatt für Hessen und Waldeck" Hohenthorstr. 2. Chemnitz„Volksstimme" Uferstr. 14. Dessau.Volksblatt für Anhalt" Ballenstedterstt. 5. Dortmund„Rheinisch-Westsälische Arbeiter-Zeitung" Westenhellweg 120. Dresden„Sächsische Arbeiter-Zeitung" Zwingerstr. 22. Düsseldorf„Niederrheinische Volkstribllne" Gras Adolph- straffe 43. Elberfeld-Barmen„Freie Presse» Kleine Klotzbahn 10. Erfurt„Tribüne" Futterstr. 7 p. Essen»Der Weckruf" Golingsplatz 9. Frankfurt a. M.„Volksstimme" Grober Hirschgraben 17. Fürth„Fürther Bürger-Zeitung" Königstr. SS. Gera„Reuffsiche Tribüne" Zschochern 54. Halle a. S.„Bolksblatt für Halle" Geiststr. 21. Hamburg„Hamburger Echo" Gr. Theatcrstr. 44. Harburg„Bolksblatt" Großer Schippsee 4 p. Hannover„Volkswille" Burgstr. 9. Hof„Oberfränkiiche Volkszeitung" Lorenzstr. 23. »arlöruhe„VolkSsreund" Werderplatz 31. Kiel„Schleswig-Holstein'sche Volks-Zeitung" Bergstr. 11. Köln„Rheinische Zeitung" St. Agatha 3. Leipzig„Leipziger Volkszeitung" Mittelstt. 8/7. Ludwigshafe»„Pfälzische Post" Oggersheimerstr. Lübeck„Lübecker Volksbote" Johannisstr. 50. Lüneburg„Lüneburger Bolksblatt" Altstadt 20. Magdeburg„Volksstimme" Vrcitcweg 127. Mainz„Mainzer VokkSzeitung"(„Hessische Volksstimme") Margaretheugasse 13. Mannheim„Volksstimme" R. 3, 14. München„Münchener Post" und„AugSburger Volks- zeitting" Senesclderstr. 4 I. Nürnberg„Fränkische Tagespost" Weizenstt. 12. Qsseubach„Offenbacher Abendblatt" Grobe Marktstr. 25. Saalfcld„Saalfelder Bolksblatt" Rosmaringasse 15. Stettin„Volts-Botc" König Albertstr. 15. Straffburg i. E.„Freie Presse für Elsaß-Lothringen" Schiltigheim, Bischweikcrsir. 23. Stuttgart„Schwäbische Tagwacht» Furthbachstr. 12. Wiirzburg„Fränkische Volkstribllne" Stlfthaugerpfaffen� gaffe 3. Wöchentlich dreimal erscheinende Blätter. Crefeld„Niederrheinische Volkstrtbüne" Breitestr. 44. Dortmund„Westfälische Wolkstribüne" Lüdenscheid, Louisenstr. 7. Dresden„Dar Volksfreund» Gcrbergasse I. Falkenftein„Vogtländische Volkszeitung", Anzeiger für Stadt und Land. Forst i. L.„Märkische Volksstimme» Frankfurterstr. 11. Gotha„Volksblatt für die Herzogthümer Coburg und Gotha" Moyrcnberg 7. Görlitz„GSrUtzcr Volkszeitung» Teichstr. 2. Greiz„Reubische Volks-Zeitung" Untere Silberstr. 1. Halberstadt„Halberftädter Arbeiterzeitung" Bakenstr. 37. Königsberg i. Pr.„Volks-Tttbüne" Knochenstr. 32 p. Rostock„Mecklenburgische Volkszeitung" Hopsenmartt 19. Solingen„Bergische Arbeiterstimme" Katserstr. 29. Zwickau i. S.„Sächsisches Volksblatt" Richardstr. lö Wöchentlich zweimal erscheinende Blätter. Aachen„Aachener Bolksblatt" Kurhausstr. 14. Breslau„Die Wahrheit" Neue Graupenstt. 5/6. Delmenhorst„Delmenhorster Volksblatt" Koppelstr. 6. Laugcubiela«„Der Proletarier aus dem Eulengebirge" Obcr-Langenbielau, 2. Bezirk. Saalfeld„Thüringer Volksfreund"(Thür. Waldpost) Rosmaringasse 7. „Thüringer Volksblatt"(Schwarzburger Volksfreund) Rosmaringasse 7. Wöchentlich einmal erscheinende Blätter. Bant„Die Nord-Wacht" Neue WilhclmZhavenerstr. 38. Berlin„Gazeta Robotnicza" Bndreasslr. 78a. Braunschweig„Der Landbote" Hohe 4. Dresden„Der arme Teufel" Falkenstr. 10. Giesicn„Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung" Kirchen- platz 11. Halberstadt„SonntagS-Zeitung" Bakenstr. 37. Köln„Rheinische Zeitung"(Wochenausgabe) St. Agathe 3. Monatlich einmal erscheinend. Hanau„Der Bauernsreund" Philipp LudwigS-Anlage 9. . 10. Gewerbschaftspreffe Deutschltiiids. IV. Quartal 1899. Dreimal wöchentlich erscheinend. Leipzig„Conespondent für DeutschlandSBuch- drucke» und Schrtstgießer", Salomonstr. 8 Wöchentlich erscheinend. Witzblätter �Erscheinen aller 14 Tage). München Stuttgart ..Süddeutscher Postillon" Senesclderstr. 4. „Der wahre Jacob" Furthbachstr. 12. Illustrierte Unterhaltnngsblätter. Berlin„In freien Stunden" Beuthstr. 2 SW. 19. scheint in Wochenheften. Hamburg„Die Neue Welt" Grobe Theaterstr. 44. scheint wöchentlich einmal. Er- Er- Altenburg„Correspondent für die Arbeiter und Ar- Seiterinnen der Hut- und Filz waren Industrie", Wilhelmstr. 2, parterre. Berlin„Die Ameise", Organ des Porzellan- arbeiter- Verbandes, Charlottenburg, Marchstr. 22 I. „Bildhauer- Zeitung", Neanderstr. 3. „Die E i n i g k e i t", Organ der Vertrauensmänner- Centralisattoncn Deutschlands, Adalbertstr. 19 EL „Allg. Fahr-Zeitung", Schützenstr. 58. „Der G a st w i r t h s g e h i l f e", Jüdenstr. 38. „Der S t e i n a r b e i t e r", Ripdorf, Steinmetzstr. 14. Bochum„Deutsche Äerg- und Hütten- a r b e i t e r- Z e i t u n g". Bremen„Deutsche Böttcher- Zeitung", Lang estr. 100 1 Burgstädt„De r Textilarbeite r", Maricnstr. 285. Gotha„Schuhmacher- Fachblatt", Mohrenberg 7. Hamburg„Correspondenzblatt der G e n e r a l k o m- Mission der Gewerkschaften Deutschlands' Zollvereins-Niederlage, Wilhelmstr. 8 I. „Der Arbeiter"(für Bau- und Hilfsarbeiter) Eilbeck, Friedenstr. 4 pt. „Glück auf!»(für Former), Hamburg- Eilbeck, Konventstr. 5. „Der Grundstein"(für Maurer), St. Georg, Neue Brenuerstr. 19 I. „Holzarbeiter- Zeitting", Eimsbüttel, Bismarck- straffe 10. „Bruder Schmied", Uhlenhorst, Herderstr. 21, Haus 8 II. .Fachzeitung für Schneide r», Lehmweg 41 El. „Vereins-Anzeiger für Maler zc.", Bnrmbeck, Vogel weide 19. „Der Zimmerer", Barmbeck, Feßlerstr. 28 E Leipzig„Buchdrucker-Wach t" Mittelstr. 7. Leipzig„Der Tabakarbeiter"(für C i g a r r e n arbeiter), Mittelstr. 7. Leipzig-Schkeuditz„Graphische Presse", Schkeuditz. Lindeu-Hannover„B r a u e r- Zeitung", Burgstr. 9. Löbtau- Dresden„Der Fachgeuosse"(für Glas-, Porzellan- u. Thouwaaren-Arbeitcr), Reisewitzerstr. 34. Nürnberg„Deutsche Metall arbciter-Zeitung", Weizen- straffe 12. Ostenbach a. M.„Die G l a s e r- Z e i t u n g". Stuttgart„B u ch b i n d e r- Z e i t u n g", Hcusteigstr. 30. „Der H a n d s ch u h m a ch c r", Eierstr. 21 II. Monatlich dreimal erscheinend. Berlin„Der Töpfer"(Fachblatt für Töpfer und Zieglcr), Rosenthalcrstr. 57. Aller 14 Tage erscheinend. Rltenburg„Einigkeit", Publikationsorgan für die deutschen Müller und Konditoren, Pfeffer- und Leb» küchler-Verbände, Mauergasse 4b. Berlin„Der Courier", Centralorgan für die Jnter» essen der im Handels-, Transport- uno Verkehrs« gewerbe beschäftigten Arbeiter Deutschlands, 0., Bischof- straffe 13, v. I. «Die Gewerkschaft", Organ für die Interessen der Arbeiter in Gasanstalten und sonstigen städtischen Betrieben, Berlin 30 W., Gleditschstr. 49. „Handlungsgehtlsen- Blatt", IssO. Linien- straffe 242 I. „Der HandelS-HilfSarbetter», Organ für alle im Handels- und TranSportgewerb« beschäftigten Hilfsarbeiter Deutschlands, 0,, Kommandanten- straffe 25 I. „L e d e r a r b e i t e r- Z e i t u n g", It., Prinzen-Allee 90. ,>S a t t l e r- und Tapezirer- Zeitung", It., In- validenstraffe 118. Allg. Steinsetzer-Zeittmg", NW,, Waldenserstr. 18. „Solidarität", Organ aller im graphischen Berufe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen, Reinicken- dorferstr. 7. Brminschweig„Barbter-u. Friseur-Zeitung", Rosenhagen 5. Frankfurt a. M.„Neue Deutsche Dachdecker- Zeituug", Buchgasse 10. Hamburg„Deutsche B ä ck e r- Zeitung», Organ deS Bäcker-Verbandes, Jdastr. 15/17. „Der Schiffszimmere r", Eilbeck, Konventstr. 5. „G ä r t n e r- Z e i t u n g" Organ für die Interessen der Gärtner und ihrer freien Vereinigungen, Markt- straffe 10, H. 1 p. „Der Kupferschmied», Etlbeck, WanbSbecker Chaussee 130 II. „Der Seemann», St. Pauli, Hafcnstr. IIS. Hannover„Der Proletarier"(für Fabrik- rc. Ar» b e i t e r und Arbeiterinnen), Leinstr. 31 III. Leipzig- Nenbnitz„Zeitschrist für Graveure und Ziseleur c", Kohlgarten 30 l. Georg Wagner. „Correspondenzblatt der Tapezirer", Ge- meiudcstr. 19 I. Pforzheim„Der G o l d a r b e i t e r", St. Gcorgenstr.50. Stuttgart„Die Gleichheit", Zeitschrift für die Jnter- essen der Arbeiterinnen, Furthbachstr. 12. Monatlich einmal erscheinend. Berlin„Der Backe r", Organ fttr die Interessen der Bäckergesellen Berlins und Umgegend, Klosterstr. 101. „C o r r e s p o n d e ii z- B l a t t des Verbandes der im Vergoldergewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands", Chausseestr. 43, 4 Tr. Der B u r e a u- A n g e st e l l t e", N., Arkonaplatz 3 EL „Deutscher M a s ch i n i st und Heize r", Organ der Maschinisten und Berufsgeiwssen Deutschlands, 80., Pücklerstr. 65. Obige Zusammenstellung veröffentlichen wir zu Beginn jeden Quartals. In der Zwischenzeit sich ergebende Adreff- oder sonstige Veränderungen bitten wir uns behufs Vor- merkung mitteilen zu wollen. Berlin, den 3. Oktober 1899. Der Parteivorstand. Zur Kritik der Grundanschaunngen unseres Programms. Auch ein Beitrag zur Bernstein-Diskussion. Als Punkt 7 steht bekanntlich diesmal auf der Tagesordnung unseres Parteitages die Erörterung der„Angriffe auf die Grund- anschauuiigen nnd die taktische Steliuiignahiiie der Partei", und voraussichtlich wird es in Hannover zu nicht weniger erregten De battcn kommen, wie auf dem vorjährigen Parteitag in Stuttgart. Unter diesen Umständen wird nianchcni j der wohl einzelne Artikel für und gegen Bcrnsiciiis Ansichten in der Tagcsprcsse gelesen hat. dein aber die Gelegenheit zu einein Einblick in die Gesamt- heit der wichtigeren von Bernstein aufgeworfenen Fragen bisher fehlte, die kürzlich erschienene Schrift Kaulskys sehr gelegen komme», da sie BernstemS Hauptciuwände gegen unser Programm und unsere Taktik geschickt zusamnienfaßt und in eingehenderer Weise, als einer Tageszeilimg möglich ist, beantwortet. Es bietet sich dadurch die Möglichkeit, die verschiedenen Auffassungen einander gegennberzu- slcsicn und durch Vergleich der beiderseitigen verschiedenen Gründe und Gesichtspunkte, selbst einen fcslcn Ständpuntt im bunten Für und Wider zu lfcwinncn. Von den Delegierten, die in Hniinovcr ihre Eiitscheldling treffen sollen, werden zwar die meisten sicherlich schon mit sich„im Rctticn" sein; immerhin dürfte auch ihnen die KantSkysche Schrift manche neuen Gesichtspunkte und neuen Einblicke für die Beurteilung der anfgeworfencn Probleme eröffnen. Der„Vorwärts" hat in Nr. 222/23 bereits eine ausführliche Inhaltsangabe der Kantskhscheii Gegenschrift gebracht, vielfach unter wörtlicher Wiedergabe charalterisiischcr Ansfühningen und Gegen- gründe des Autors. Das enthebt mich der Aufgabe, dein Gedanken- gang des Büches zu folgen und da und dort, wo ich diese oder jene Frage gerne noch etwas breiter oder unter etwas anderem Gesichts- Punkt behandelt gesehen hätte, kritische Noten anzichängcn. Sie würden, da ich in den hauptsächlichsten Punkten mit Kaursky übereinstimme, doch nur als kleinliche nebensächliche Nörgelei erscheinen. Ich möchte lieber die Gelegenheit benutzen, einige flüchtige kritische Blicke auf eine bisher in der Polemik wenig beachtete Seite der Bernsteinschen AnS- führungen zu werfen, auf seine Methodik, die Art und Weise seiner Darstellung mid Begründung.— vielleicht trägt es etwas zur Klänmg der verschiedenen Ansichten bei, die über Bernsteins Schrift im Umlauf sind. Thalsächlich ist der von Bernstein in letzter Zeit viel erhobene Einwand, man habe ihn nicht richtig verstanden, keines- Wegs nur eine Marotte. Gegner und Anhänger haben ent- schieden manches ans sciiicn Ausführungen herausgelesen, oft auch„heraiiScnipfuiidcir", was, genau genonimen, nicht darin steht. Auch Kautsky wird' schwerlich der Vorwurf erspart bleiben, hier nnd dort Bernsteins Meiiiimg niiff- verstanden zu haben, und nieincs Erachtens nicht ganz mit Unrecht. Allerdings ist das weniger Kautskys, als Bernsteins Schuld. Wenn dessen eigene Freunde— und das laht sich durch ein Nebeneinander- stellen ihrer verschiedenen Referate unwiderlegbar nachweisen— nicht zu einer einheitlichen Meinung über seine Ansichten zu kommen der- mögen, dann muff unbedingt in seinen Darlegungen eine gewisse Uneiitschiedcnheit und Vietdeutigkeit stecken. Man frage einzeln zehn politisch gebildete Leute, die Bernsteins Buch gelesen haben, wie sie seine Bemerkungen über das Verhältnis des SocialisninS zum Liberalismus und seine daraus gezogenen Folgerungen für unsere Taktik auffassen, und man wird zehn verschiedene Meinungen hören. Eben deshalb hat auch bisher die Diskussion zwischen Bernstein nnd seinen Gegnern fast gar keine für die Klärimg der strittigen Fragen in Betracht kommenden Resultate geliefert. Durchaus zu- treffend sagt hierüber Kaulsky ini Vorwort seiner Schrift:„Ich habe Disputationen nie große Erwartungen entgegengebracht, kaum je bat sich eine solche als ein Mittel erwiesen zu zeigen, auf welcher Seite die Wahrheit liegt. Aber in der Regel sind ste vortrefflich geeignet, vorhandene Gegensätze zu enthüllen und scharf zum Aus- druck zu bringen und dadurch anftläreiid zu wirken. Dies erwartete ich auch von der Diskussion über das Bernsteinsche Buch. Sie hat mich enttäuscht, mehr noch als das Buch selbst; die Artikelserie über die Probleme des Socialismus hatte etwas anderes erwarten lassen. Wir können eS uns heute nicht verhehlen, daß die ganze Diskussion über das Bernsteinsche Buch recht unfruchtbar ge- blieben ist. Je mehr sie fortschreitet, desto mehr fühlt sich Bernstein mißverstanden— absichtlich mißverstanden— und desto weniger wissen wir, was er eigentlich will...." Die Ursache dieses ergebnislosen Verlaufs der Diskussion liegt darin, daß Bernsteins Schrift Ivie sein Standpunkt etwas Unfertiges ist, eine lose Zusamniciireihimg von Eindrücken, Veobachtnngen und Reflexionen,— darunter mancher meiner Ansicht nach richtigen und scharfsinnigen Beobachtungen, aber nicht unter bestimmte Gesichts- punkte zusammengefaßt, nicht zu einer einheitlichen Auffassung aus- gestaltet. Bernsteins neue Auffassung ist noch erst ein Werdendes; neben Resten der Marxschcn Lehre finden sich, diesen ividerstreitend, neuere Erkcmittiisse und Anschauungen,— nnd dixscr Znstand der Gärung findet seinen entsprechenden Ausdruck in der Unsicherheit, in der verklansnliertcn Behandlung der aufsteigenden Fragen. Von diesem Gesichtspunkt' ans, der nieines Wissens noch sehr wenig in der Diskussion zur Geltung gekommen ist, möchte ich mir einige kurze Bemerkungen gestatten, zunächst zu Bernsteins Stellung« nähme zum Liberalismus. Kaulsky stellt im zweiten Teil seines Abschnittes über die Taktik die Frage„Selbständige oder nnselbständige Politik?" Er präcisicrt diese Frage dahin:„Soll das Proletariat sich als eine selbständige Klassenpartei organisieren, oder soll es mit anderen Klassen zu- sammen eine große demokratische Partei bilden", d. h. uitter Deutschlands gegenwärtigen politischen Verhältnissen;„sollen wir Programm und Taktik der Socialdemokratie derartig gestalten, daß sie allen demokratischen Klassen oder Schichten geöffnet ist?" Und darauf untersucht Kautsky das Wesen der Demokratie nnd erörtert die Frage, inwieweit die dcntsche Socialdemokratie durch Abschwächung ihres prole tnrischcn Charakters und Aufnahme demokratischer Elemente des Klein bürgcrtnms, der Kleinbaucrnschaft und der sogenannten Intelligenz zu gewinne« vermag. Die Ausführungen Kautskys unterschreibe ich; aber hat Bernstein wirklich die von Kautsky oben formnlierten .Fragen dem Sinne nach gestellt oder auch nur die ihnen zu Grunde liegende Auffassung vertreten? Nach meiner Ansickit nicht. Wohl lassen sich einzelne Bemerkiiiigen Bernsteins in dieser Richtung deuten, wohl sind Bernsteins Ansichten von verschiedenen Seiten in dieser Weise aufgefaßt worden, wie denn auch z. B. nach Dr. Simkhowisch die Bernsteinsche Bewegung in der Socialdemokratie auf„gnmd- sätzliche" Umgestaltung' der Partei zu einer„radikalen bürgerlich- demokratischen Reformpartci" gerichtet ist. Ja Prof. Diehl kommt sogar zu dein Ergebnis, Bernstein sei ein„demokratischer Socialrcformer", der mit der süddeutschen Volkspartci die meisten Berührungspunkte habe. Dennoch trotz dieser nnd ähnlicher Aenßerungen ist meines Erachtens die obige Auffasstmg der Anssiihrungen Benisteins über Demokratie und Liberalismus ebenso unrichtig, wie jene von Friedrich Hertz, Bernstein empfehle nur„zuweilen zur Erriiigung bestimmter Ziele" ein Hand-in-Hand-gehen mit bürgerlichen Elementen, Beide Auffassungen beruhen auf Verlängerung Bernsteuischer Gedanken über den Punkt hinaus, wo er innegehalten hat, auf Folgerungen, die er nicht gezogen hat. Was aber empfiehlt denn Bernstein für eine Taktil? Ich lasse hier Bernsteins Definition der Demokratie fort und beginne gleich mit S. 129, wo er seine Erörterung des Liberalismus mit dem Satz einleitet:„Schließlich wäre es auch zu empfehlen, in Kriegserklärungen gegen den„Liberalismus" etwas Maß zu halten." Weshalb? Daraus antwortet Bernstein:„Es ist ja richtig, die große liberale Bewegung der Neuzeit ist zunächst der kapitalistischen Bourgeoisie zu gute gekommen nnd die Parteien, die sich den Namen liberal zulegten, waren oder wurden im Verlauf reine Schutzgarden des Kapitalismus. Zwischen diesen Parteien und der Socialdemokratie kann natürlich nur Gegnerschaft herrschen. Was aber den Liberalismus als weltgeschichtliche Bewegung anbetrifft, so ist der Socialismus nicht nur der Zeitfolge, sondern auch dem geistigen Gehalt nach sein legitimer Erbe, wie sich das übrigens auch praktisch bei jeder priiicipiellcn Frage zeigt, zu der die Socialdemokratie Stellung zu nehmen hatte." Und nun fährt Bernstein fort zu erläutern, welche bedeutenden freiheitlichen Anschauungen wir dem Liberalismus ver- danken, d. h. nicht dem heutigen, sondern dem theoretischen klassischen Liberalismus, jenem, der in der Demokratie„seine politische Form"' und in Nousseaus Gesellschaftsvertrag bezw. in der französischen Per- fässung von 1793 seinen„folgerichtigen Ausdruck" findet. Aber dieser damalige Liberalismus ist, wie Bernstein zugesteht, völlig verschieden von dem sogenannten Liberalismus unserer bentigen liberalen Parteien und somit ergiebt sich die Frage: in welchem Verhältnis steht jener Liberalismus zum heutigen nnd was folgt für uns daraus in Bezug ans unser Verhalten zu letzterem? Indes so weit reicht Bernsteins Erörterung nicht. Er bricht kurz seinen Gedankengang ab, springt von der weltgeschicht- lichen Bedeumng des Liberalismus ohne weiteres auf das liberale „Princip der wirtschaftlichen Selbstverantwortlichkeit" über und zieht dann aus seiner Darlegung den. wie er selbst sagt,„banalen Satz" (S. 138),„daß die Erkämpfung der Demokratie, die Ausbildung von politischen und wirtschaftlichen Organen der Demokratie die un- erläßliche Vorbedingung für die Verwirklichung des Socialismus ist." Jeder wird erwarten, Bernstein werde nun endlich, da er uns doch in dem betreffenden Kapitel die Aufgaben und die Taktik der Socialdemokratie klarlegen will, dazu übergehen, uns auseinander zusetzen, was wir zu thun, wie wir unser Verhalten einzurichten hätten, um dieses nächste Ziel, die Ausbildung politischer und Wirt- schaftlicher Organe der Demokratie"(was sind unter diesem un- bestimmten Ausdruck eigentlich für demokratische Institutionen zu verstehen?) zu erreichen. Doch nein, Bernsteins Gedankenfaden reißt schon wieder ab. Ohne irgend welches Eingehen auf Deuffch- iandS politische Verhältnisse wirft er die Aeußerung hin, daß in Deutschland das Bürgertum doch nicht so reaktionär sei, Ivie es scheine, daß seine Haltung nur eine Folge des Drohens der Socialdemokratie mit der Expropriation sei, und behauptet dann (S. 139) kurzweg:„Sie(die liberalen Elemente des Bürgertums) mögen unsichere Kantonisten sein. Aber man erzieht schlechte Bundes- genossen, wenn man ihnen erklärt, wir wollen euch helfen, den Feind fressen, aber gleich hinterher fressen wir euch. Da es sich nun unter keinen Umständen um eine allgemeine, gleichzeitige nnd gewaltthätige Expropriation, sondern um die allmähliche Ablösung durch Organi- sation und Gesetz handelt, so würde es der demokratischen Entwickelnng sicher leinen Abbruch thun, der thatsächlich ver- veralteten Freßlcgende auch in der Phrase den Abschied zu geben.» Das ganze Resultat der langen Untersuchung läuft also be» ich ei deutlich ans die Mahnung hinaus, die sensiblen Nerven der ehr- samen Liberalen nicht durch das Sprechen von einer zukünftigen Expropriation zu erregen. Doch mm tvird Bernstein sicher Ernst machen und unS sagen, wie wir uns den Liberalen gegenüber verhalten sollen, inwieweit wir ihnen entgegen zu kommen haben, wo die Wahrung unserer Grundsätze beginnt usw. Keineswegs, sein Gedankengang ist schon wieder beim toten Punkt angelangt. Unvermittelt geht er dazu über zu behaupten, daß es einer Diktatur bes Proletariats nicht bedarf, daß wir uns nicht gewaltsam der politischen Herrschaft zu bemächtigen brauchen, und dann schließt der Exkurs mit den tönenden Worten des„Clarion":„Ausbildimg einer wahren Demokratie— das ist, dessen bin ich sicher, die dringendste und wesentlichste Aufgabe, die vor uns liegt. Das ist die Lektion, die unsere zehn Jahre socialistischen Feldzngs gelehrt haben. Das ist die Lehre, die sich aus all' meinen Kenntnissen und Erfahrungen politischer Dinge er- giebt. Bevor der Socialismus möglich sein kann, müssen wir eine Nation von Demokraten aufbauen." Das Kapitel ist zu Ende. Nichts alö die Mahnung bleibt, für demokratische Institutionen einzutreten— was wir seit jeher schon gcthan haben— und die Liberalen nicht durch die„Freßlegende" zu erschrecken. Sonst ist alles Nebel, in dem nur unsichere und undeut- liche Konturen auftauchen/ jetzt etwas schärfer, dann im nächsten Augenblick wieder im Nebel verschwindend. Nehmen wir z. B. nur den Satz(S. 139), daß„viele Elemente des Bürgertums" lieber gegen„eine andere Seite", als gegen die Arbeiter Front machen, Ücver„der letzteren als der ersteren Bundesgenossen sein" möchten. Ganz abgesehen davon, daß hier eine völlig unbewiesene Behauptung aufgestellt wird, was besagt der Satz für unsere Taktik? Soll damit nur etwas konstatiert werden, oder darf daraus die Folgerung gezogen werden,>vir möchten zu scharfe Forderungen unseres Programms einstweilen zurückstellen und mit diesen„vielen Elementen zusammengehen? Und wenn, wie ist dieses Zusammen- gehen gedacht: im allgemeinen oder nur in gewissen Fällen, bis wie weit, in welcher Form- Wer weiß es? Jedem steht frei. Bernsteins Gedanken nach seinem Ermessen fortzuspinnen, und da dies oft auch geschieht, entstehen natürlich bei Gegner und Frenjid die abweichendsten Auffassungen. Wenn aber Bemstein in seiner Schrift auch nirgends klar sagt wohin er will, sollte man lvenigstens denken: dann? jedenfalls doch später, als er bemerkte, daß fast niemand ihn verstanden hatte? Ebensowenig. Man lese nur Bernsteins Artikel„Meine Stellung zum theoretischen Teil dcS Erfurter Programms" in Nr. 206 des „Vorwärts"(vom 3. September). Bernstein tveifc dort gegen die verschiedenen Deutungen, die sein Exkurs über DcmokratismuS und Liberalismus erfahren hat, nichts anderes zu antworten, als:„Wie die Demokratie oder sagen wir, das nötige Mast von Demokratie in Deutschland erkämpft werden kann, ist eine Frage für sich. Dast die bürgerlich-demokratischen Parteien dazu heute nicht die Kraft haben, weiß jedes Kind. Ich habe nur gewisse Ueber- treibungen hinsichtlich der Absichten der Socialdcmokratie bekämpft, loeil sie den unter U m st ä n d e n*) immerhin ins Gewicht fallenden Einfluß der demokratischen Elemente des Bürgertums nutzlos schwächen müssen." Darum also die Diskussion der Taktik.— nur um die bescheidene Mahnung auszusprechen, die Liberalen nicht zu erschrecken, weil der de, nokratische Teil von ihnen„unter U m st ä n d e n immerhin" einen ins Gewicht fallenden Einfluß auszuüben verniag und dieser geschwächt werden könnte I Und dieser unter so unsäglichen Geburtswehen geborene Fötus ist das ganze Produkt der Zeugung? Etwas wenig. Vielleicht wird man nur vorwerfen, ich hätte einen besonders schwachen Abschnitt in Bernsteins Schrift hervorgesucht. Das ist indes keineswegs der Fall; die Behandlung wirtschaftlicher Probleme ist nicht besser, und die Kritik„der grundlegenden Sätze des marxisti schen Socialismus" ist noch schlechter. Nehmen wir z. B. Bernsteins Ausführungen über die Trusts und Kartelle(S. 76 ff.). Mehrfach sind sie so verstanden worden, als wolle Bernstein sage», die Kartelle, wie sie sich in letzter Zeit entwickelt haben, vermöchten der Produktious- anarchie Einhalt zu thun. Das ist eine völlig irrige Deutung: Bernstein meint nicht die_ wirklichen Trusts, sondern die Trusts „an sich", d. h. vorgestellte, nicht vorhandene reine Trust, luelche nicht die Besonderheiten und bösen Eigenschaften der wirklichen haben. Nachdem er sich gegen Frl. Luxemburgs Darlegungen gewandt hat. daß die Trusts ihren Zweck durch Brachlegung eines Teils des accumulicrtcn Kapitals zu erreichen suchen und ihre Profitrate auf den, inneren Markt in der Ltcgel nur dadurch erzielen, daß sie daS in der Produktion für den Jnlandskonsnnr nicht verwendbare Kapital mit viel niedrigere Profit- raten fürs Ausland arbeiten lassen, fährt Bernstein HS. 79) wörtlich fort:„Indes handelt eS sich hier weder unr Ableugnring der schäd- Irchen Wirkungen der heutigen einfachen und potenzierten Schutz- zollnerei, noch unr Apologie der Unternehmerverbände. Daß die Kartelle k. das letzte Wort der ökonomischen Entwicklung rurd geeignet seien, die Gegensätze des modernen Wirtschafts- *) Die Sperrung der Worte rührt nicht von Bernstein her. lebenS dauernd zu beseitigen, ist mir nicht eingefallen zu behaupten. Ich bin vielmehr überzeugt, daß, wo in modernen Industriestaaten Kartelle und Trusts durch Schützzölle unterstützt und verschärft werden, sie in der That zu Krisenfaktorcn der betreffenden Industrie auswachsen müssen— wenn nicht zuerst, so jedenfalls schließlich auch für das„geschützte" Land selbst. Es fragt sich also nur, wie lange die betreffenden Völker sich diese Wirtschaft gefallen lassen werden. Die Schutzzöllnerei ist kein Produkt der Oekonomie, sondern ein auf ökonomische Wirkungen ab zielender Eingriff der politischen Gewalt in die Oekonomie. Anders der kartellierte Jndustrieverband an sich. Er ist— wenn auch durch Schutz- zölle treibhausmäßig begünstigt— auf dem Boden der Oekonomie selbst erwachsen; ein ihr wesensgleiches Mittel der Anpassung der Produktion an die Bewegungen des Marktes. Daß er gleichzeitig Mittel monopolistischer Ausbeutung ist oder werden kann, ist außer Frage. Aber ebenso außer Frage ist, daß er in der ersteren Eigen schaft eine Steigerung aller bisherigen Gegemnittel gegen die lieber Produktion bedeutet. Mit viel weniger Gefahr wie das Privab unternehmen kann er in Zeiten der Ueberfüllung des Marktes zu zeitweiliger Einschränkung der Produktion übergehen. Besser als dieses ist er auch in der Lage, der Schlcuderkonkurrenz des Aus lands zu begegnen. Dies leugnen, heißt die Vorzüge der Organi sation vor anarchistischer Konkurrenz leugnen. Das aber thut man, wenn man principiell in Abrede stellt, daß die Kartelle auf die Natur und Häufigkeit der Krisen modifizierend einwirken können. Wie weit sie es können, ist vorläufig eine reine Frage der Konjektur, denn noch liegen nicht genug Erfahrungen vor, um in dieser Hinsicht ein abschließendes Urteil zu erlauben." Ich möchte die Preisaufgabe stellen: Wie kann dieser Band- wurm von Möglichkeiten, Bedingungen und Einschränkungen wider- legt werden, wenn auch sämtliche Hoffnungen, die seit ungefähr einem Jahrzehnt auf die regulierende Wirkung der Trusts und Kartelle gesetzt sind, sich als völlig nichtig erweisen sollten? Wer das fertig bringt, nmtz ein geistiges Unikum sein. Vielleicht nimmt Freund Kautsky an, durch seine an und für sich durchaus zutreffenden Ausführungen über die amerikanischen Trusts/- Uhr. Westen. Die Reife nach China. Anfang 7V- Nhr. Thalia. Der Platzinajor. Anfang 7i/- Uhr. Residenz. Jagdfreuden. Familien-Sonper. Auf. Luisen. Molly Carro. 8 Uhr. Central. Die Geisha. 7i/- Uhr. Oftend. Geschlossen. Victoria. Die weihe Henne. Vorher: 7'/- Uhr. Anfang Anfang Friede! fana 71/- Uhr. edrich> Wilhc Die Reise nach An- > WilhclinstädtlschcZ. äse nach der Tcufclöinsel. Anfang 8 Uhr. Metropol. Rund um Berlin. Im Reiche der Seccssion! Anfang 7-/- Uhr. Apoll/i. Frau Lima. 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Anfang 8 Uhr._ FritW-Wilhelmst. Theater Chaussecstr. 25/26. Abends 8 Nhr: Zum 20. Male: DieRciseilalsiderTelifelsillstl BurlcSkc Abciitcner-Pvfse mit Gesang und Tanz in 5 Akten von Musik von Albert Wicher. In Scene gesetzt vom Dir. Map Sauist. 1. Bild: Aus zu Drchfuo. 2. Bild: Verbündete Mächte. 3. Bild: Attentat und Verrat. 4. Bild: TaS belagerte HauS. 5. Bild: Tie GcrichtSverhandiung. 6. Bild: Apotheose. Morgen: Dieselbe Butstellung. Sonnabend, den 7. Oktober, nachm. Uhr: Gr. Kindervorstellung: Ter Rattenfänger von Hameln. Sonntag, den 8. Olk., nachm. 4 Uhr zu kleinen Preisen: Ter Trompeter von Säkkingen. Tnubcnsitrasso 48/dv. Im Theater abends 8 Uhr: Dr. Fridtjof Kausen: „Geschichte der Polarforschung". (I. Centenar-V ortrag.) Invnlidciistr. 57/Oä: Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr. SchillerTheater lWallner- Theater). Donnerstag, abendS 8 Uhr: Die Fkre. Schauspiel in 4 Akten von Hermann Sudermann. Freitag, abends 8 Uhr: Wora. Sonnabend, abends8Uhr: __ Kora._ Lstenh-Karl Weisj-Thtattt. Gr. Frankfnrterstrahe 13». Wegen Vorbereitung zur Novität Der Weltuntergang geschlossen, Vorverkauf der BilletS von heut ab an der Kasse von 10 bis 1'/- Uhr.— VorzugSbillets haben Gültigkett. Freitag, zum erstenmal: Ter Welt- Untergang. Gr. Ausstattungsstück mit Gesang in 6 Akten(14 Bildern) aus dem Engl. d. I. Smith, für die hies. Bühne eingerichtet vom Dir, Karl Weiß u. Jos, Dill. Musik v, M, Fall, Anfang 8 Uhr. Sonntagncchuüttag Li/- Uhr: Freie Bolksbnhne, III, Abieilung: Faust. Nsst-lkstoi' Feen _ früher__ 'älast, Burgstrahe»» Das durchweg Neue riesengroße Oktober-Programm, Zum 1. Male in Berlin: Vssilescu-IVio. Unübertreffliche Meister- Hochiurner am sechsfachen Luftreck. In dieser Bollendung noch nie dagewesen! Novität! Um 81/- Uhr: Novität! Susanne im Bade. Origüial-Butleskc m. Ges. in 2 Bildern. Hauptrollen: Bich. Vlnkler und Wilhelm FrBbel. Anfang 7»/- Uhr. Sonntags 6 Uhr. Sassenöffnung 1 Stunde vor Anfang. Billet-Vorverkauf vorm. v. 11—1 Uhr. Maslu'» Theater Oranienatr. 24. Rosen ans dem Enden. Ausstattungs-BurleSke.. DaS großartige Oktober- Programm. Elsa Messer, Kostüm- Soubrette. Mstr. Pauly, Contorsionist. Mstr. Döbbrick, Champion-Handstandküustl. Franziska Hold, Soubrette. Gustav Eulenburg, Humorist. Anfang 8 Uhr. Sonntags 6 Uhr. Vorzugskarten au Wochentagen gültig- kteaae-PanopiicuHi 5 Geäffnet von früh bis abends. coAMgma kosilipps. Italienisches instrumental und Vokal- Ensemble. CASTANS IPANOPTICUMI 165. Friedrichstrasse 165. »eu! Heil! Derwische ! aas Ober-Aegypten! |Olim Kröger* Oreyfusj Mercier* Zola. Thalia-Theater. Tel. AmtIVa 6440, Dresdenerstr. 72/73. Zum»6. Male: Der Platzmajor. Thomas, TIelschsr, Helmerding, Junkermann. Im 2. Akt: Gr. Mutofkop> Terzett. Anfang 7»/- Uhr. Morgen: Dieselbe Borstellung. Odfcd Sonntag', den 8. Oktober er.: nachmittags»'/, l'hr, Im Ostend-Theater: III. Abteiluns:: Goethes Faust I. Teil und gleichzeitig VI. Abteilung 2'/. Uhr im Lesslng-Theater: Die Journalisten. Die Mitglieder werden dringend gebeten, pünktlich zu erscheinen. Nachzügler erhalten nur die ausrangierten Galerieplätze. 231/5 Achtnng! Die Zahlstelle Xo.»8(früher bei Zubell), befindet sich jetzt bei Süss. Tlarkgrafenstr. 10». Dillets n»O Pf. zum Hcrbstfcst am 14. Oktober in der Brauerei Frledrlchshaln gelangen für Mitglieder in allen Zahlstellen zur Ausgabe. Den Mitgliedern wird angeraten, sich umgehend mit Blllets zu versehen, da später die nicht gelösten auch an Nlchtmitglleder verkauft werden. Mitwirkende sind: Berliner Sinfonie-Orchester und Typogrnphla. Der Vorstand. I. A.; C. Winkler. Ausstellung von Gusstlbst- und Fernzündern ist in de» Räumen der Magdeburger Fenerversichcruiigö-Gesestschaft, Eingang Zimmerstraße Nr. 25 I. Etage, räglich von vormittags 11 Uhr biS nachmittags 5 Uhr geöffnet. Die Besichtigung steht dem Publikum gratis zur Verfügung und ist jedermann, besonders Besitzern von Schaufenstern z» empfehlen._ 2672L» Neichshallen. Täglich: Stettmer Sänger (Mchsel. Pietro, Britlon, Steidl, Krone. Kirch m aper. Schneider und Schräder). Zum Schluß: StuckeS Pfingstfahrt. Ensemble von Meysel. Anfang wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Tageskasse 11-1 Uhr. Apollo-tetoi'. Abends 9 Uhr: ILsi Blitz mit dem sensationellen Luftballett: „Cirrigolatls". Otto keuller The Barras Chavita Yumata Tiero Blossoms Francis Gerard etc. etc. etc. Kasseneröffnung ttV- Uhr. Anfang der Vorstellung 7'/- Uhr. Vorverkauf täglich ImTheater und beim„Künstlordank", Unter den Linden 69. Victoria- Theater C. Alezanderstr. 40. Fernsp. vn 1711. Dlreft.: V. Eausenweln u.C.Emmerich. Anfang 1.-8 Uhr. Zum 26. Mal mit vollständig neuer Ausstattung: Novität! Die weisse Henne. Novität! (La poule blanche). Bandeville in 3 Sitten von Henncquin und Mars. Dentsch v. Bolten-Bäckers. Musik v. B. Roger. 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Adarordnete». — Die stflaldemokraiilchen z-ndtageabgeordnetell In den elnzelneu Pundeellaaten.— Adresse» und Amledefirkr der Fabrtblnspelitoren, der dem- schen DellierkschaN«-«vrgailisa- tianrn und Ardelterfelireiariate, GebühreMartfe für Telegramme, Borlolaren, Stnnnhme» und , Ausgabelabelle»:c. Wie die früheren Jahrgänge dürfte auch der für 1900 feine Freunde befriedigen, Ter Verlag war insbelon- dere bestrebt, auch de» diesjährigen Kalender zu einem prairtlzchea siachzchZagcduch für Gcwerksdjastcn 0 zu gestalten,% ivnchhandluuz Vorwärts tSerlln SW., Keuthgr. 2. H. Gimpes Tanz-Institut, Annenstr. 16(früher KlubhanS). Soiuitags-KurfilS per Monat 3 M, DienStagabend-KurlnS p. Monat 4M. Säle und Bereinszimmer für Ver- lammlungeit u, Festlichkeiten. f2604v Selten günstiger Mnenkauf b» Bruno Güther aus Planen in Sachsen. Gegründet 1869. Hoflieferant 25628* Sr. H. Herzog von Sachsen-Altenburg. 8o Grüner Weg 80 parterre Elng.v. Flur.(Kein laden) Engl. 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