Interhaltungsvlatt des vorwärts Nr. 198. Donnerstag, den 10 Oktober. 1901 (Nachdruck verboten.» 122] Dvauf los! Roman von Jonas L i e. Nejer ging diesen Morgen ganz früh mit einer Laterne in den Holzschuppen, um das letzte ans dem Weg zu räumen und dann völlig fertig zu sein. Er hatte schon das behagliche Gefühl, sich warm gehackt und gespalten zu haben, als er von der Ecke des Hauses ein paar nahende Stimmen vernahm, welche niachten, daß er mit der Art in der Hand stehen blieb und unruhig auf- horchte. .. sich niemals so gut unterhalten wie heute Abend— das haben Sie schon oftmals früher gesagt, Steuermann Lind!" sprach eine lustige Mädchenstimme. „Man ahnt nicht, was daheim emporwächst, während nian auf Reisen ist! Sie liefen als ein kleines Mädchen herum, da ich konfirmiert wurde... Meine Bramstange soll zerspittern, wenn ich je mit irgendwenr so getanzt habe... Nach meiner geringen Meinung, wenn ich's gerade heraus- sagen darf, schössen sie dahin wie ein Klipper zwischen lauter Holzfrachtern,— luvwärts von ihnen allen l Aus dem Wege mit euch, da kommt einer, der seinen eignen Kurs nimmt!" „So flink>vie ein Seemann hat doch niemand die Zunge und die Beine! Tanzen und reden, das können sie alle, sonst aber... Hast Du den Thürschlüssel, Vater?" brach sie ab. Man war vor dem Eingang stehen geblieben. „Ja natürlich, natürlich!— Danke, lieber Freund, daß Sie einem alten Stelzfuß über die Stufen helfen... Adieu, adieu, Herr Steuermann!" Die Gangthür wurde ein paarmal zugeschlagen, che der Kanonier sie schließen konnte. Rasch war Nejer bei der Oeffnnug des Verschlages— sein Antlitz trug einen düsteren Ausdruck. Lange stand er und schaute im grauenden Morgeulicht dem Steuermann Lind nach, welcher mit seinem zurückgeworfenen dunklen Krauskopf die Straße hinaufging. Er war gefährlich schön... wie er dagestanden und Sara Nördani von den Klippern vorgeredet, und all den Zucker, welchen er für sie hingestrent hatte! Rejer spürte keine Lust, heute drinnen zu frühstücken: Sara ging natürlich schläfrig herum und dachte an die Unter- Haltung der letzten Nacht! Er schleuderte die Axt aufs Holz und eilte nach Hause. um von Walla Kaffee zu erhalten, che sie das Haus verließ- „Ob ich Ihnen Kaffee geben null? Ja freilich, und zlvar einen starken und echten,— einem bei Hoch und Niedrig so angesehenen jungen Manu! Ja freilich,— und wenn ich darüber auch den heutigen Verdienst vom Institut und von der Aspirautenschule verlieren sollte... denn Morgenstunde hat für eine alte Frau, die für sich sorgen muß, Gold im Munde... Sie sollen einen Kaffee bekommen,— zwei Löffel voll in den Kessel,— Kaffee zu dreißig Schilling, bei Eberhards gekauft,— so etivas hat man nicht beim Kanonier!" Sie schwatzte und schwatzte, aber Rejer war nicht in der Laune, ihr zuzuhören, und er freute sich, als er sie mit ihrem alten braunen Mantel im Gange verschwinden sah. „Eine gräßliche Klatschbase! Sie hat mir so viel Zeug in den Kopf gesetzt, daß es mir ganz unmöglich ist, zu lernen, che ich nicht ein bißchen herumgelaufen bin!" Am Nnchiuittag trat er beim Steuermann Lind ein welcher in Weste u�cd Hemdärmcln vom Bett aufsprang. „Habe mich über Mittag ausgeschlafen... Das mit dem Vorschuß ist geordnet. Zwanzig Thaler, abzuholen, wann Du willst... Ah, i— ah!" Er reckte seine schlanke Gestalt. „Wie habe ich heute nacht getanzt.... Muß heute abend wieder in Gesellschaft... Ich traf ein schönes Mädcheir, darfst mir's glauben! Wir tanzten, o, wir tanzten... Und der Zufall wollte, daß es eine gute Bekannte aus meiner Kuabenzeit war!" „Ich war noch an keinem Ort, lvo Sie keine Ver- wandten oder Bekannten gehabt hätten, Steuermann!" platzte Rejer heraus;„aber Sara Rördam..." „Was? Du hast schon gehört, daß ich mit Jungfrau Rördam tanzte?" „Das ist ein Klatschnest... ein fürchterliches Klatschnest," verteidigte sich Rejer ziemlich flau. „Ein ungewöhnliches Mädchen... Ich werde hinabgehen und die alte Haubitze besuchen!" Diese Worte fielen Rejer immer ein. als er bei Nacht studierte und hielten ihn in beständigem Sinnen. Er erhob am folgenden Morgen sein Geld und ging zum Steuermann, um es ihm zu melden und— um zu erfahren, ob er doch beim Kanonier gewesen. Wallas Wortschwall stand in geradem Verhältnis zur Freude, die sie empfand, daß Rejer sich als ein so pünktlicher Zahler erwies... Sie hatte immer gewußt, daß er bezahlen werde, was er sich von ihr ausgeborgt hatte und was er ihr sonst noch schuldig war... Es war eine gottgefällige That, einem so achtungswerten jungen Menschen zu dienen... Sie würde schon verbreiten, was für einer er in jeder Hin- ficht war... Er ordnete noch eine Kleinigkeit bei einem Kameraden und setzte sich daun ans Studium— zum erstenmal mit dem beruhigenden Bewußtsein, das nötige Betriebskapital in der Tasche zu haben, zugleich aber auch mit der Empfindung, daß es nun die äußerste Anstrengung gelte. Rejer lernte, lief fort, um das Notwendigste mit einem Kameraden durchzunehmen, und dann pfeilschnell wieder heim. Er sah eigentlich erst jetzt, wie schrecklich er zurückgeblieben. Das ärgste war natürlicherweise der Anfang, ehe er wieder recht hineinkam... Als er eines Nachmittags von einem seiner Ausflüge mit dem Buch nach Hause kam, fand er Jens Nordberg— denselben, der ihm die Pfeife verehrt— auf seiner Schiffstruhe sitzen. Jens war der Liebling der Kameraden, ein runder, ge- sunder Junge mit einem milch- und blutfarbigen Gesicht und lichtblauen Augen, immer lustig, erfinderisch in Auswegen, wenn es sich darum handelte, die Kollegen zu einer kleinen Unterhaltung aufzubringen... Jedoch heute sah er nicht lustig aus! Er knipste mit den Fingern und schaute auf den Boden... Er war gekommen, um sich bei Rejer„Rat zu holen"— und dann blieb er wieder still und stumm sitzen. „Ich habe keinen Schilling!" entschlüpfte es ihm endlich. „Bei niemand ein Schilling zu erhalten... und ich... ich werde keine Prüfung machen können!" schloß er und blickte resigniert, als ob er selbst alles aufgegeben, zu Nejer auf. Er hatte rote Augen: es schien, als ob er geweint... Es ist nicht um meinetlvillen. aber die Alten daheim auf Nordberg, siehst Du, die werden ganz verzweifelt sein... Voriges Jahr versprach ich ihnen auch, die Prüfung zu machen!" Nejers Blut wallte auf. Er schuldete Nordberg Geld: aber zu zahlen war es ja erst von der Frühliugsheuer... Er ging im Zimmer auf und ab. „Ja. ja, ja... was läßt sich da thun?" Es begann in Rejer zu kochen. Wozu saß der Mensch hier auf der Truhe? „Mir scheint aber doch, gerade Du hast mir gesagt, man fände überall offene Taschen!" „So sah es damals aus, und ich habe ja auch geliefert, so lang ich konnte!" Das war ein Vorwurf, und Rejer bekam plötzlich Lust, Nordberg seine feine Pfeife an den Kopf zu werfen. „Anton Holm nieinte, es sei vielleicht bei Dir etwas aitf- zutreiben, da Du ja Montag Geld bekommen hast. Aber lvo nichts ist. da hat natürlich der Kaiser sein Recht verloren." schloß er traurig und stand auf. Mein Steuermannsexameu ist weg... Aber wenn ich hundert Thaler für. die sieben verschreiben müßte, so würde ich.." „Da hast Dn Deine sieben Thaler, Nordbcrg... Dann thue mir aber einen Gefallen: nimm Deine Pfeife wieder, ich werfe sie sonst beim Fenster hinaus ans die Straße!" „Was?— Schmeiß sie, wohin Du willst!" sagte Jens Nordberg, der nun, wo er sein Geld in der Hand hielt, plötzlich wieder stolz geworden.„Es giebt Menschen, die einem für eine Handreichung auf solche Art danken... Ich dachte mir nicht, daß Du auch so bist I— Na, adieu l" EZ sollte eine Vorprüfung abgehalten werden. Nejer hatte schließlich gearbeitet und sich ausgehungert und sich ganz dumm studiert und ließ nun alle Sieben gerade sein. Aller- dings konnte er mit dieser oder jener Frage Pech haben; aber er vertraute auf das Glück, ans die gute Meinung des Lehrers und auf seine eigene Kaltblütigkeit. Der Examinator begann ihn aber, unangenehm genng, in jener Partie zu fragen, die nach Weihnachten studiert worden war, und da er hier gleich auf eine große Lücke in Rejers Kenntnissen stieß, so sehte er mit einer Sicherheit, als ob er alles erraten habe, seine Sonde von einem Hohlraum in den andren.— niemals anders wohin als gerade in die hohlen Räume! Den Kameraden schien es nicht, als ginge die Sache Rejer nahe. Jedoch abends, als er allein in seinem Stübchcn saß, die Ellenbogen auf den rauhsplitterigen Tisch gestützt, die zusammengelegten Bücher und die Rechentafel vor sich,— da verriet sein Antlitz andre Gefühle. Unbeweglich steif starrte sein Blick vor sich hin. Am Talglicht rauchte eine lange Schnuppe; sie warf ihren flackernden Schimmer auf die gegen- überliegcnde Brandmauer und rnifl den zugestopften Stumpf von einem Ofenrohr... Er hatte eigentlich übermenschlich... wie ein Roß... gearbeitet... für dies Examen,— sich in diesem Loch von einer Kammer geplagt wie nie vorher in seinem Leben I Er hatte so ungeheuer viel auf die eine Karte gesetzt.,. gemeint, einen neuen Grund zu seinem Fortkommen zu legen, — mit einem Satz emporzuschnellen... Die innere Bewegung zitterte in seinen Gesichtsmuskeln; er hatte ein schneidendes Gefühl von Verzweiflung I Nicht so leichtsinnig hätte er all diese Jahre dahingelebt, wenn er nicht darauf gebaut hätte, daß er diese Prüfung sogleich nach seiner Heimkunft ganz ohne Schwierigkeit machen und mit einem einzigen Wurf die Stellung eines Steuer- manns erreichen würde, eines Steuermanns, der vermöge seiner verläßlichen, praktisch erworbenen Seemannskunde schon bald mit einem Fuße auf der Leiter stand, die zum selbstän- digen Kommando eines Fahrzeuges emporführte. (Fortsetzung folgt.) tNachdruck verboten.) Strafen und Skrafnevfahven ans ver Verlinvr Versangentzett. Eine» der Hrniptschäden des Kuliurlebens vergangener Jahr- hunderte bildete die allenthalben herrschende Unsicherheit der Person. Nicht allein ivaren durch das Fehdewesen des Mittelalters, durch die zahlreichen Räuberbanden das schareniveise umherstreifende„fahrende Volk" der Landstraßen, die Sicherheit der Verkehrswege, das Leben und Eigentum der Reisenden aufs äußerste gefährdet; selbst hinter den schützenden Mauern der Städte drohte den Beivohnern beständig Gefahr. Totschläge und schwere Körperverletzungen gehörten z» de» alltäglichsten Vorkommnissen. Berlin teilte diese schlimme Lage mit vielen andern deutschen Städten, wo eS womöglich noch schlimmer aussah, denn das Augsburger Achtbuch Iveist für die Zeit 1333—63 172 Totschläge, Breslau 1357— 99 sogar 243 Totschläge auf. Mit der Sicherheit in den Straßen Berlins stand es noch Ende des 16. Jahrhunderts so schlimm, daß zur Nachtzeit betrunkene adlige Raufbolde in die Bürgerhäuser brachen, Bürger verlachten und vcr- trieben. Zweikämpfe auf offener Straße zur Nachtzeit ivaren ein fast regelmäßiges Schauspiel und Peter Hnftitz erzählt, daß am 2Ü Mai 1600 am hellen lickiten Mittag um 2 Uhr in der heiligen Geiststraße ein Edelmaun Marths Wispert von Andreas Retzdorff. den er gefordert hatte, im Kampfe erstochen wurde. Doch auch die Bürger sselbst machten es nicht besser und wenn zur Nachtzeit der Ruf erschallte:«Bürger heraus I" so war dieses das Signal zu furchtbaren Schlägereien und Stechereicn. Zu Pfingsten und an den Markttagen mußten die Thore mit doppelten Wachen besetzt werden, um das Raubgesindel abzuhalteir, welches aus den Gräben und Elsengebüschen der Land- wehr von Kölln in die Stadt drang und bewaffnete Bürgerschnre» mußten oft förmliche Treibjagden' auf Mörder und Räuber ver« anstaltcn, um dieselben ans ihren Schlupfwinkeln in der Köllner Landivehr anfzustöbem. ES war eine durch alle Gesellschaftsklassen ziehende Gelvalt- thätigkeit und Brutalität, welche damals beobachtet werden konnten. Entsprechend dem handelten dem» auch die Listen der abgeurteilten Strnffälle fast nur von Messer- und Schlvertziehen, Störungen des Stadtfriedens, nächtlichem Umherziehen auf den Märkten und auf den Gassen mit tödlichen Waffen, hinterlistigen Ueberfällen, gelvalt- thätiger Selbsthilfe und widerrechtlicher Freiheitsberaubung. Entsprechend der rohen Art der Zeit waren dem» auch Strafen und Strafverfahren besonders hart, wobei man oft die Be- obachtung mache» kann, wie die Roheilsdelikte verhältnisinäßig nicht so schwer bestraft wurden, wie einfache Berfchlnngcn und Vergehen. Die Polizei- und Kriminalstrafen zeigen, wie oft bei leichteren Vergehen, Diebstahl n. dergl. auf die härtesten Strafen erkannt wurde. Bei Gropius,„Beiträge zur Geschichte Berlins" (Berlin, 1840) lvird mitgeteilt, wie 1412 eine Frau lebendig bc- graben wurde, iveil sie— einen Rock entwendet hatte. Eine Frau Dorothea erlitt 1435 dieselbe grausame Strafe, Iveil sie einem Lichten- bergcr Bauern etwas Speck, einige Töpfe und Kessel entwendet hatte. Eine Frau Brabantynne stahl zwei Heringstonnen, eine ge- lvisse Frau Anna bereicherte sich aus unehrliche Weise mit dein Ober- rock des Gastwirts von Lichtenberg; beide wurden, die letztere sogar im Beisein der Ratsherren Pietz und Walsleben, lebendig begraben und noch in» Jahre 1447 erleidet Barbara Valke dieselbe Strafe.weil sie in Gc- meinschast mit ihrem Gatten Mertens die Kirchcngefäße und Kleinodien zn Kösterinke a. d. Oder gestohlen hatte. Die Strafe dcS Verbreunens lvird manchen Personen wegen„verübter Zauberei" zuerkannt, so i. I. 1406 einen» gewissen Nikolaus und 1423 einer Frai» wegen Falschmünzerei, einem gewissen Hoberg lvegen Dieb- stahls in der Marienkirche, einer Frau Barbara, 1434 lvegen betrügerischen Verkaufs von Blei und Zinn statt Silber usw.' Diebe lvurdcn gewöhnlich vor den» Hause aufgehängt, Ivo sie gestohlen hatten, so ein Junge vor dein Hause des Claus Schnitze, weil er eine Tonne Heringe auf die Seite gebracht hatte, so ein Branden- burger Bürger lvegen Pfcrdedicbstahls. Mädchen und Franei» pflegten für dasselbe Verbreche», wenn nicht sehr erschwerende Umstände hinzukamen, ausgehauen oder gestäupt zu»verde», so die Magd Kathcke in Diensten des Zegercnschen Hauses, weil sie ein Tuch und eine Börse mit vier Groschen gestohlen. In» Jahre 1430 lvurde ein Weib ausgepeitscht,»veil es in böslicher Weise Bilsenkraut- samen in die Oefen des Badhanses im Kröge! geworfen, daß die Badenden beinahe erstickt wären. Roh sind diese Strafen auch in späterer Zeit geblieben. Noch im 16. Jahrhundert gab es für„llnkeuschheit" eine beso>»dere brutale „Sühne". Kau» ein Mädchen zu Falle, so lvurde es unter dem Hohn des Volkes auf das Rathaus gebracht. Dort schor ihn» der Büttel die Haare und bekleidete es»>it eine», Schleier; das Mädchen mußte dann sein Leben lang mit geschorenen, Kopf gehen, dem» der Haarschmuck galt dem Sinn des Volkes nicht bloß als die schönste Zierde des Mädchens, sondern auch als ein Zeichen seiner Jungfräulichkeit. Noch in» 17. Jahrhundert bildeten öffentliche Hinrichtungen förnr- liche Volksfeste. Das Volk drängte sich mit wollüstigen» Kitzel dem grauenhaften Schauspiele zu. Ein Berliner Bürger namens Weiid- land hat sich 1648 Aufzeichnungen über die Hinrichtungen jener Zeit gemacht. Sie sind kulturgeschichtlich höchst interessant. Von der Langen Brücke, der heutigen Knrfürstenbrücke, stürzte man die unglücklichen Franc» ins Wasser, die in Angst und Ver- zweiflung ihr außereheliches Kind getötet hatten. Zuvor hatte man sie in Sacke genäht, und hernach lvurde»» sie bei»» Rathause ent- hanptet. Die satte Tugend stand dabei und weidete sich an dem gräßlichen Schauspiel. Auch auf Mordbrenucrci stand der Tod. Der Mordbrenner lvurde geköpft und dam» verbrannt. Weiidlaiid weiß zwei Fälle zn erzählen, in denen Kinder von 15 Jahren, die Feuer angelegt hatten, in solcher Weise hingerichtet lvurde». 1656 lvurde ein des Mordes befundener Adliger nicht bloß gerädert, sondern ihn» zuvor noch öffentlich vor dein Volke die Brust mit glühcndci» Zangen gekniffen. Eine schlimme Strafe war das Spießrutenlaufen. Mußte ein Soldat oder sonst jemand in der Vreitenstraße Spießruten laufen, so wogte vom Schloßplatz bis nach dem Köllnischen Rathause eine dichtgedrängte Menge voi» Zuschauern, welche sich am Anblick der Rutcnschläge und des hcrabströinenden Blutes ergötzte. Wendland erzählt uns auch von einer eigentümlichei» Strafe, die er am 20. Mai 1676 vollstrecken sah.'„An diesen» Tage mußte Ernst Stachow zn Kölln auf dein Fischmarkte fünf Stunden daselbst auf dem Esel reiten, ihn» ward zu sonderbaren» Schimpf die Diebskarre dreymal um den Esel geführt, solches geschah bei volkreicher Ver- sammlnng." Aber solche öffentlichen Strafroheitcn mußten auch eine allgemeine Verlvildcrung des Gefühls zur Folge haben, die manch- mal den seltsamsten Ausdruck fand. So sah sich das Volk in» Januar 1676 vor den» Berlinischen Rathause wohl das grauenhaste Schau- spiel der Enthauptung einer des Mordes verdächtigen Frau an, als ihr aber hernach„die Haut abgezogen" werde», d. h. als der Leichnam Zwecken der Anatomie dienen sollte, erhob es lebhafte»» Protest. Es erschien dem Aberglauben des Volkes als eine entsetzliche Entiveihung. Später gewöhnte sich der Berliner jedoch auch daran. Wendland berichtet auS den» Jahre 1694:„Den 10. Januar lvard ein Weibs- stück vor den» Berlinischen Rathause enthauptej. Sie lvard in einen Sarg gelegt, daß sie sollte begraben werden, die Doktoren aber baten sie aus und lvard auf dem Köllnischen Rathause auatomiert; man konnte sie tagelang für zivei Groschen z»» sehen bekommen." Die schreckliche Zeit der Hexenverfolguug und der Hexcugerichte >'»» Deutschland brachte auch bei uns eine Verschlimmerung der rohen Strafen und des Straffysteins. Der Große Kur- fürst begünstigte den Hexenprozeß; 1679 erließ er sogar eine besondere Verordnung, in»vclcher er ausdrücklich befahl,„alle Hexe» zur gerechten Strafe zn ziehen". Nach Bürger Wendlauds Auf- zeichuungen lvurde„auf den» Rabensteine vor dem Sauet Jürgenthor ein alter Hcxemneister von Zossen enthauptet. Sein Blut ward in einem neuen Topf nnfgefcnigen. welches einer, so mit einem schweren Gebrechen beladen, warm austrank und nachmals im Felde herum- lies". Man sieht, bis zu welchen Fieberphantasien sich die Dom Hexenwahn trunkenen Leute versticqcn. In der Mark Brandenburg fand nun zwar der Hexenprozeß niemals die Aus- dehnung wie in den schwarzen Winkeln Deutschlands. Immerhin aber fanden solche statt und regten die Bevölkerung auf. So das entsetzlich ungerechte und gransame Verfahren gegen die Bäuerin Maria Müller vor dem Gericht in Neustadt a. d. Dosse. Die Bäuerin war von einem halbivahnsinnigcn Frauenszimmer Namens Schröder der Hexerei beschuldigt worden. Obwohl die Schröder während des Prozesses starb, lvurde das gräßliche Ber- fahren gegen die arme„Hexe" mit aller raffinierten Grausamkeit durchgeführt und die unschuldige Person 1667 hingerichtet.(Riedel, .Märkische Forschungen" II. Bd.) lieber die Hexenprozesse, die in Berlin selbst geführt wurden, liegen detaillierte Nachrichten nicht vor. Doch weiß man, daß auch bei uns mit der Folter nicht gespart wurde; die schändliche Hexenprozeßführung Deutschlands wurde auch in Berlin angetvandt. Spricht man von dem grausamen Strafverfahren vergangener Zeit, von Hexen- und Aberglaube», so darf man des berüchtigten märkischen Judenprozesses nicht vergesse», der 1610 stattfand und mit Berbreminug von 38 unschuldige» Menschen in Berlin und der Ber- treibnng der Juden ans der Mark Brandenburg endete.(Schriften des Vereins f. d. Geschichte Berlin, Heft XXI., Berlin 1884.) Dem Prozesse lag ein Kirchendiebstahl in dem Havelländischen Dorfe Knobloch zu Grunde; die Monstranz und„geweihte Hostien" waren gestohlen tvorden. Der Diebstahl hatte an und für sich nichts Auf- fälliges, aber die faiiatifche Pricsterschaft, die nach einem Grunde fnchte, um sich der Juden zu entledigen, bezichtigte die Inden des Hostiendiebstahls, rvobei ihr der Aberglaube der Zeit zn Hilfe kam, daß die Juden Hostien aus Haß gegen das Christentum mit Vorliebe erwürben. In dem Städtchen Bernau wurden Teile der Monstranz gefunden, der Kesielflicker Fromm als der Dieb verhaftet und ihm auf der Folter das„Geständnis" erpreßt, er habe eine Hostie nach Spandan an einen getvissen Salonion verkauft. Ein bochnotpeinlicheS Verfahren gegen die Inden lvurde eingeleitet; die schrecklichsten Folterqualen aüglnvcndet und das gräßliche, im Aber- glanben der Zeit wurzelnde Verfahren damit beendet, daß„am Freitag nach Margarethen Anno 1610" auf dem Neuen Markt zn Berlin dem Paul Fromm das Urteil verkündet ivnrde, daß man ihn„auf einen Wagen binden, die Gassen auf- und niederführe», mit Zangen reißen und danach in ein Feuer legen" Iverbe; den unglücklichen 38 Inden aber wurde verkündet, daß man sie„zn Pulver verbrennen" tvcrde. Dem Urteil folgte denn auch die gräßliche Vollstreckung in den Straßen Berlins und Köllns inmitten einer johlenden Menge.„Hinter dem Raben- steine" fand dann das gräßliche Schanspiel sein Ende, in dem Feuer- tod des Frommen und der Achtunddreißig in einem drei Stockiverk hohen brennenden Scheiterhanfcngcriist. Der entsetzlichen abergläubischen Justiz jener Tage Ivar Genüge geleistet. Im übrigen blieben bis in da? 18. Jahrhundert hinein Berlins Straßen der Schauplah eines grausamen Strafsystems, ivelcheS durch die Roheit seiner Ausführung nur zur Verlvildernng des Volkes beitrug. Das Spießrutenlaufen der Soldaten in der Breitenstraße war ein fast tägliches verrohendes Schauspiel, nur manchmal unterbrochen durch einen Akt des Hängens auf dem Neuen Markt, Ivo der Soldaten- galgen stand. Noch 1706 erhielt ein Diebstahls-Gesetz den Zusatz. daß der Dieb oder der Hehler vor dem Hause, in welchem der Diebstahl geschehen war, aufgehängt werden sollten, ohne Rücksicht auf den Wert des Objekts. Allerdings stand es in jenem Jahre um die Sicherheit Berlins so schlecht, daß zn verschiedenen Malen am hellen Tage eine Räuberbande in die Häuser eindrang und Raub- und Mordthaten beging. Die Grausamkeit der Strafen trug eben, weit entfernt zu bessern und zu schrecke», nur dazu bei, das Volk gegen das Blutvergießen abzustninpfe», die Roheit des Empfindens' zn steigern und die Geneigtheit zum Verbrechen zn fördern.—' E. R. Kleines Feuilleton» b. Hirnschwuud. Die Sucht nach Neuheiten unter den .Führern" der Gesellschaft scheint in Paris ihren Höhepunkt erreicht zn haben. Die Gräfin Pillet-Will hat, so erzählt ein englisches Blatt, für die neueste Sensation gesorgt. Bei einem großen Festmahl, das sie gab, hatte sie eine beliebte Schauspielerin und Sängerin in einen fchön vergoldeten Käfig auf dem Tisch eingeschlossen. Der Käfig öffnete sich vor jedem Gang des Menüs, und die Sängerin führte ihn mit einem passenden Couplet ein. Die Gräfin ist ungeheuer reich und ein„führendes" Mitgliedder elegante» Pariser Gesellschaft. Zu dem berühmten Diner tvarcn im ganzen 84 Personen geladen. Als die Gäste sich an den prächtig gedeckten Tisch setzten, wurde ihre Aufmerksamkeit durch eine» ungewöhnlich großen Gegenstand in der Mitte erregt. Es erschien zuerst als ein riesiger Haufen Rosen, aber bei näherer Betrachtung sahen sie, daß sich unter den Blumen ver- goldete Stäbe verbargen. Sie erwarteten mit größter Spannung die Ankunft der Suppe und die Erklännig des Geheimnisses. Gerade als die Suppe kam, öffnete sich das Ding in der Mitte der Tafel langsam. Es war ein Vogelkäfig. Als die beiden Hälften langsam sich geöffnet hatten, wurde eine schöne junge Dame sichtbar. Sie saß auf einer Rosenbank, und an ihren Schultern ivaren ein Paar Schwingen befestigt. Sie stand sogleich auf, und kaum hatten sich die Gäste von ihrem Staunen erholt, als der merkwürdige Vogel zu fingen begann. Es war ein witziges kleines Couplet, das einen Hinweis auf die verschiedenen Arten Suppe», die serviert wurden, enthielt und auch auf das Mißgeschick Santos- Dnmonts und andrer Luftschiffer Bezug nahm. Die Sängerin lvar die beliebte Margnerite Deval, von der die Kritiker sagen, sie hätte das ausdrucksvollste Gesicht aller Frauen der französischen Bühne. Als das Liedchen zu Ende war, schloß sich der Käfig und verbarg die Insassin dem Blick. Aber ehe der Fisch serviert wurde, öffnete er sich von neuem, und die Sängerin ließ wieder ein passendes Liedchen hören; sie brachte darin auch Frankreichs Erfolge im Bau von Unterfeebooten zur Sprache. So erschien Mlle. Deval bei jedem Gang und saug ein Couplet. Einige Verse bezogen sich auch auf Anwesende, aber immer waren sie witzig und zeugten von bestem Geschmack. Sie sang sehr viele Couplets, und die Gäste klatschten herzlich Beifall und er- klärten, sich nie in ihrem Leben so gut amüsiert zu haben. Mlle. Deval oder die„eingesperrte Nachtigall", tvie sie genannt wurde, ist über ihren Erfolg sehr erfreut.„Ich ivar vollkommen bequem unter- gebracht. Alle Arrangements waren schön. Es lvar die originellste Idee, von der ich je in der Pariser Gesellschaft gehört habe. Ich fühlte mich tvirklich wie eine Nachtigall in meinem Käfig. Die Koinponiste» waren die besten in Paris. Es war ein Potpourri von Witz und Gefühl. Ich bin gebeten worden, bei der Gräfin v. Tredern, die zn den große» Damen der Pariser Gesellschaft ge- hört, eine ähnliche Vorstellung zn geben."— — Ein Stiick eigner Lebensbeschreibung des unlängst ver- storbencn Berliner Schauspielers Oskar Blencke bringt die „Magd. Ztg.":... Ich wurde nun ausersehen, die edle Kochkunst zu erlernen, was mir auch innerhalb dreier Jahre gelaug. Ich kam dann nach Berlin, um hier noch ein halbes Jahr als Volontär in einem der ersten Geschäfte mich zu vervollkommnen, und hier geschah eS, daß der damalige Chef de Cuisine den Entschluß, zum Theater zn gehen, in mir erweckte. Das trug sich nämlich so zu: Immer wenn der„Alte"(man nennt fast alle Chefs fo) nicht in der Küche war, las oder deklamierte ich de» Lehrlingen und den Küchenfeen fast alle Schillcrschen oder Goetheschen Gedichte und Dramen vor; sie verstanden zwar nichts davon, hörte» aber doch andächtig zu, bis auf die sogenannte„kalte Mamsell", die immer anfing zn weinen, wenn ich deklamierte, und mir dann unter Schluchzen zurief:„Hären Se bloß uff, das is zn scheene I Re, awer iber Ihnen alver auch I" Die Tmme war nuS Würzen in Sachsen. Dabei ereignete es sich doch hier und da, daß manchmal nicht alles„klappte", das heißt, es brannte mal ein Braten an oder die Sauce brodelte bis zur Unkenntlichkeit ein, ja, eines Tages Ivarf einer der Lehrlinge statt Salz in de» Fischtopf eine ganze Handvoll Cahenne- Pfeffer hinein, so daß die Gäste oben einen Mordsskandal machten und ich, der ich als Volontär die Oberaufsicht hatte, alles� auspatschen ninßte. Da wollte mein llnstern oder Glücksstern, wieSie's nehmen wollen, daß, als ich wieder mal Schillers„Jimgfran" laut dckla- mierte und die„Kalte" ebenso heulte, der„Alte" ganz eilig die Treppe herabsanste, und ich in meiner Angst und Verwirrung das Büchlein— es war Reclamsche Ausgabe— in den Sauerkohltopf warf, in welchem ich gerade, um das Anbrennen zu verhüten, heruinriihrte; und damit der Chef cS ja nicht merkte,„stupste" ich cs mit dem Kochlöffel noch tiefer unter; da plötzlich sagte der„Alte":„Schnell, Blencke, geben Sic her, ich will hier weiter rühren, tranchieren Sie inzwischen die Fasanen," nahm mir bei den Worten den Löffel ans der Hand und rührte langsam hin und her. Ich war starr vor Schrecken, und ehe ich mich noch er- holt hatte, hörte ich hinter mir die Worte:„Himmeldonn...... was steckt denn in dem Kohl?" In meiner Angst hatte ich den Fasanen die Brüste kreuz und quer zerschnitten, und ob sie je Keule» gehabt hatten, war absolut nicht mehr zu erkennen. Ich sah nun, ivie der„Alte" Schillers„Jungfrau" mit Daumen und Zeigefinger aus dem Sauerkohl zog, das Titelblatt las, mich nut Vorwurfs- vollem Blick ansah und sagte:„Also nut so was geben Sie sich ab?(er hatte sofort erraten, daß ich der Missethäter ivar). Wir sprechen uns morgen I" Die„Kalte" heulte schrecklich. Als ich nun in meiner Zerstreuung und Verwirrung auch noch zum Abend vier Hasen ungespickt und so brau» gebraten hatte, daß sie aus- sahen, wie ftlsch geräucherte Rotwürste, da war's vollends vorbei. Noch am selben Abend sagte mir der Chef sehr gleichgültig:„Herr Blencke, Sie brauchen von morgen ab nicht mehr zu„arbeiten", an Ihnen ist Hopfen und Malz verloren, gehen Sie zum Theater, Sie sind ein Hampelmann." Was er mit der letzten Bemerkung sage» ivollte, weiß ich heute noch nicht.— Musik. Central-Theater. Wenn eine Zeitströmnug auftaucht. und sei sie auch nur modisch und vorübergehend, so soll auch Dem, der besseres leisten kann, nicht verivehrt� werden, sie iveuigstens versuchsweise mitzumachen. Man möchte böse werden, daß nun daS zu einem Operetten-Theater ersten Ranges berufene Central-Theater sich vcniberbrettelt, und kann doch nicht wissen, was dieser Mode vielleicht auch für die komische Tonmuse abzugewinnen ist. Jeden- falls reicht die Ausdrucksfähigkcit der Musik weit genug, um von ihr sozusagen alles erlvarten zu lassen. Man muß sich nur einmal darmif besinnen, Ivelche Fiille Neni Humor, Scherz, Grazie und selbst Ulk bereits i» ihr iiclcistct morde» ist. welche Freude das 18. Jahr- hundert an musikalischen Spähen hatte, und Ivic die Meister Bach, Haydn, Mozart, Wagner. Cornelius, einigermaßen auch Beethoven und Schumann die musikalische Kritik beherrschten und zun» Teil auch als Menschen dem Scherz, selbst dein ausgelasienen, gewogen waren. Man denke endlich au die eine Kompositioiisform: an die der nach- ahmende» Verarbeitung von Motiven, und phantasiere sich einmal aus, ivelche drolligen'Wirkungen mit ihr, sogar in der würdigen Forin der Fuge, erzielt werden könnten. Die„Lösen Blätter", mit denen vorgestern jenes Theater sich iiberbrettelte, haben von all' dem so gut wie nichts benutzt. Alles in allem war dieser kunterbunte Abend nicht nur meistens untcrhaltlich, sondern auch reich an niancheni knnstlerisch Wertvollen, zumal im Schanspielerischen, und die Gesamtanordnnng konnte„sich sehen lassen". Allein die niusikalische Seite des Ganzen war erschreckend schwach. Den Beschluß»lachte eine einaktige Operette von B o g u m i l Z e p l e r, einem in Berlin nicht unbekannten Komponisten heiterer Richtung. Sein„Diogenes" ist so»lindcrwertig, daß wir doch ivohl bitten dürfen, einen Ersatz dafür zu suchen. In der Reihe der zahlreichen kleinen Vortrags- nummern gab es»eben gesprochenen— meist nnlitterarischcnl Unter- haltnngSzcug— zahlreiche Gesangsstücke von verschiedenen 5lo»i- ponisten, einschließlich Cornelius mit einein längst bekannten goldschönen Duett. Am häufigsten begegnete hier der Raine K u r t Schindler! seine Sachen verdienen gerade noch d i c Anerkennung, daß sie nieist nicht übel und ivenigstens in der Deklamation zutreffend find. Auch Conrad hat mit seinem Couplet„Unter'm Tisch" wenigstens um Einen Grad besseres gegeben als sonstige Couplet- komponisten. Wirklich hervorragend Ivar die Musik von Hannes R u ch zu einem Lied vo» Jodok:„Babette". Dem ersten An- scheine nach läßt sie sich infolge ihrer Schlichtheit vielleicht mit Trivialem verwechseln; thatsächlich aber ist sie vo» einer so bemerkenswerten Feinheit, daß iÄm ihr die Verträglichkeit des einen mit dem andern vorbildlich demonstriert werden könnte. Die höchst ordinäre Musik freilich, die vor und zwischen den Stücke» der 2. Abteilung gemacht ivnrde, verdient eine energische Berivahrung. Es liegt nahe, die diesmal beteiligten Künstler des Central- Theaters als längst in ihrer eigenartigen Tüchtigkeit bekannt nur eben zu erlvähnen. Allein was M i a Weber hier wieder geleistet hat, kann nicht mit einer bloßen Verweisung erledigt werden. Von dem schlagenden„Ach ja!", mit dem sie sich zu ihrem ersten Stückchen erhob, bis zu dem dritten Dacapo der„Freche» Ratte" gab es eine Virtuosität nach der andern; mit der jedesmal neu nuancierten „Ratte" erreichte sie sogar für den recht unschuldigen Komponisten einen Hervorruf.— Im übrigen noch eine Extra-Anerkcuuung der guten Sprechkunst, die die meisten bewährten, und schließlich auch dem Konzertflügel System Dr. Moser! sz. Astronomisches. en. Der verschwundene M o n d v u I k a n. Eine ganze Anzahl Astronomen ist seit Jahren damit beschäftigt, die Oberfläche des Mondes in möglichst großem Maßstäbe photographiscb dar- zustellen. Z» diese» Forscher» gehört auch der Leiter der Stern- warte in Prag, Profcstor Weinck, der seit c»va einem Jahrzehnt das Verfahren benutzt, einzelne Teile der Mondoberfläche Photo- graphiercn und dann von den Platten noch Vergrößerungen herzustellen, auf denen die feinsten Einzelheiten hervor- treten müsse». Diese Idee erschien ivertvoll und frucht- bar. aber in der Praxis hat sie auch ihre Mängel. Professor Weinek hat bereits mehrfach das Vorhandensein bisher unbekannter Vulkane und Krater auf dem Monde behauptet, die von andern Beobachtern nachher nicht gefunden werden konnten. Jetzt ist wieder ein Streit über einen solchen Mondkrater entbrannt, der für seine» Entdecker»»günstig zu verlaufen scheint. Professor Prinz in Brüssel bringt in de»„Astronomischen Nachrichten" einen Artikel, worin er»achiveist, daß der auf einer 24mal vergrößerten Photographie entdeckte Mondkrater in der Nähe des bc- kannten Mondkraters Chladni gar nicht existiere. Der tief- schwarze Fleck, den Weinek bei seiner" Photographie für einen Krater gehalten hat. dürfte nichts andres gewesen sein als ein durch die Vergrößerung stark hervortretender Fehler der Platte. Trotz Anwendung der schärfste» Hilfsmittel hat bisher kein andrer Beobachter diesen Krater finden können. Auch auf einer Zeichnung, die der amerikanische Astronom Professor Holde» durch das Riesen- fcrnrohr der Lick-Sternivarte angestellt hat, ist auf der von Professor Weinek angegebenen Stelle nichts zu sehen, ebensolvenig aus dem Mondatlas von Krieger, auf de» Photographien des Pariser Mond- atlas Ivie endlich auf den photographischen Ausnahme» durch das große lözöllige Fernrohr der Sternivarte in Brüssel. Mit der Nova Chladni ist es also nichts.— Technisches. — Koste» d e r Wasserkraft. Ucbcr die Kosten der durch fallendes Wasser erzeugten Kraft im Vergleich mit der von Dampf- und Gasmaschinen getteferten stellte' Kerschaiv von der British Association Vergleiche an, denen„Glückauf" das wichtigste entnimmt. Nach zahlreiche», von dem genannten Ingenieur gc- sammelten statistische» Angaben habe» die niedrigsten tvirklichen Verantwortlicher Redacteuri Carl Leid in Berlin. Kosten einer durch die Wasserturbine erzeugte» elektrische» Pferdekraft jährlich(87(50 Stunden) 101 M. betragen, und dieses Resultat ist in der Schweiz erzielt worden. Die niedrigsten Kosten der durch Dampfmaschinen erzeugten gleichen Kraft haben 475 M. be- tragen und sind i» den Vereinigten Staaten zu verzeichnen gewesen. Die niedrigsten veranschlagten Kosten bei Wasserkraft hat er mit 124 M. in Canada gefunden, bei Dampfkraft mit 483 M. in England, bei Hochofengas mit 408 M. in Deutschland, bei Kraftgas mit 400 M. in England. Dieser Vergleich zeigt zlvar, daß Wafferkraft, sobald sie ohne im- gelvvhnliche Anfangsansgaben gcivonnen iverden kann, die wohlfeilste Quelle niechanischcr oder elektrischer Kraft ist. Wenn indessen die Anlagekosten bedeutend sind, oder wenn die Kraft auf iveite Eilt- fcrnungen übertragen werden nmß, so wird der Unterschied zivischc» den Kosten der Wasser- und der Dampfkraft erheblich ermäßigt und verschivindet in einigen Fällen ganz. Es ist festgestellt worden, daß die elektrische Energie, die durch fallendes Wasser erzeugt wird, in Rheinfelden, in Zürich und in Bnffalo mehr kostet, als sie in Süd- Lancashire kosten tvürde, wenn sie im Großbetrieb durch Dampf- kraft erzeugt ivird. Der Unterschied zlvischen den tvirklichen jähr- liche» Kosten für die elektrische Pferdekraft, die durch die Waffer- kraft der Niagarafälle gewonnen wird,»nd den berechneten Kosten der Pferdekraft, die beim Großbetriebe durch Dampfkraft in Süd- Lancashire erzengt wird, macht nur 60 M. aus.— („Tech,,. Rdsch.") Humoriftnches. — Die Forelle. Herr David Kattun erscheint an einer vollbesetzten Table d'hüte. Ein höflicher Herr rückt zur Seite, so daß noch ein Stuhl eingeschoben iverden kann, auf dem der ver- spälete Gast Platz nimmt. Bei», ziveiten Gang giebt es delikate Fische. Auf der Schüssel befindet sich, als sie an die fragliche Ecke gelangt, noch eine große und eine kleine Forelle. Herr Kattun nimmt sich ohne viel Besinnen die große und läßt sciuenr Nachbar den schübigen Nest. Der Nachbar(entrüstet):„Da hört doch alles auf! Erst rücke ich hier beiseite, danüt Sie noch miteffeu können, und dann sind Sie so nnbefcheideu und nehmen sich die größte Forelle!" Herr Kattun:„Was hätten Sie denn an meiner Stelle gethan?" D e r Nachbar:„Ich wäre natürlich rücksichtsvoll gewesen und hätte die k l e i n e F o r e l l e genonnnen." Herr Kattun:„Na was wollen Sie voi, mir,— da haben Sie sie ja!"— — Am Viertvaldstättersee. Führer:„Hier, genau wo die Gedenkplatte ist, sprang Tel! ans dem Nachen aus Land." „Härnse, das is aber recht gefährlich, auf der glatten Platte konnte er doch leicht ausrutschen!"— — Reporter-Stil... Ans Verztvcissnng und der Rinn« flasche halte er sich einen Mordsrausch angetnmken.— („Lust. Bl.'j Notizen. — Das Berliner Theater bringt im November ztvei Novitäten:„Der Bann Schauspiel vo» I o h a u n e s S ch l a f und Axel D e l m a r' s Einakter„Es tagt".— — DaS auf sechs Abende berechnete Gastspiel der R sj a n e im Lesfing-Theater nimmt am 13. November seinen Anfang.— — Hermann S u d e r m a n n s neues Stück„Es lebe das Leben" tvird seine Premiere gleichzeitig in Wien, München, Dresden und Hamburg erleben.— — Ein neues Theater Ivird in nächster Zeit aus Staats- mittel» in Kopenhagen� errichtet werde». Die neue Bühne toll ausschließlich für das Schauspiel bestimmt sein, für dessen Zivecke bisher kein besonderes staatliches Institut zur Verfügung stand.— t. E r d m a g n c t i s ch c Untersuchungen werde» von der Regierung der Vereinigten Staaten auf den Haivai-Jnseln veranlaßt werden.— — Von einem mutige n K naben berichtet der„Els.-Lothr. Bienenzüchter": Ein etiva zehnjähriger Knabe stand barhäuptig nahe bei dem Bienenstande, als eben ein Schwann auszog. Nach einigem Hin- und Hcrflicgc» nahm die Königin ihren Sitz auf dem Kopfe des Knaben, und rasch flogen Tausende von Bienen hin. Der Vater, der die Sachlage sofort erkannte, rief dem Jungen, der schon öfter bei», Schivarmlnsfen zugesehen hatte, in aller Eile zu:„Riihr Dich nicht Hans! Mach de» Mnud und die Augen zu, ich iverd' den Schivarm gleich taufen und einfassen." Der Knabe gehorchte: der Vater goß Wasser über den vo» Bienen eingehüllte» Kopf de? Knaben, bog letzteren nach vorn und strich mit einem Federivisch die ganze Gesellschaft in einen untergehaltenen Slrohkorb. Der Knabe hatte keinen einzige» Stich erhalten.— Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.