Interhaltungsblatt des Worwärts N?. 203. Donnerstag, den 17. Oktober. 1901 «Nachdruck verboten.) 271 Dvauf los! Roman von Jonas Lie. Die„Reperbahn" und„Langereihe" entlang drängte sich eine dichte Volksmenge, darunter Qrlogsgasten und 5taufsahrtei- Volk von allen Nationen und allen Klimaten, bis hinab zu Mulatten und Negern, die mit Kastorhut, gelber Weste und rotem Halstuch umherstolzierten. Schar um Schar blieb vor den strahlend erleuchteten Fenstern stehen, welche Schritt für Schritt neue Wunder zeigten:„Das schönste Weib der Welt I"—„Eine Boa constrictor!"—„Anatomisches Kabinett 1"—„Weissagung und Magie bei bengalischem Licht l"—„Das Riesenweib I"—„Ein Wachskabinett", in dessen Fenster sich beständig eine weiß gekleidete Nonne, eine Bacchantin und eine junge Unschuld, welche saß und nähte, herumdrehten. Unten winkten allerhand Kellerräume mit Sängerinnen und Musik, einladende Cafes, Restaurants, Trinkhallen, deren Treppen vom Menschenstrome förmliche Schiffsmannschaften auf einmal schluckten und immer wieder schluckten.— Männer, Frauen von jeder Art, ohne daß die Menge sichtbar abnahm, sondern sich nur trag und sachte weiter zog, wie drunten der Elbefluß. Ein Stück weiter vorn erblickte Rejer ein paar Gasten des„Alert". „Plumps! in den Keller gingen sie l"„Da fliegt der Rest der Jahreslöhnung hinaus l" murmelte Rejer.„So ein Matrose ist ein gejagter Vogel— so recht ein Sperling zwischen Sprenkeln... schwimmt unter lauter Haifischen I" Er machte eine Schulterbewegung.„Hm, hm, ja l Man muß schon ein ganzer Kerl sein, um nur mit dem Leben davon zu konrmcn l" Er saß im Theater neben Lind, welcher völlig über- strömte vor Begeisterung für Blenda Hostings; sie tanzte auf dem Seil— der„Luftgeist", wie sie sich auf den Plakaten nannte. Lind rief ihr zu, folgte mit„Bravo I" ihren Leistungen...„Schau nur! So kühn, daß sie mit den Zehenspitzen auf dem Mastknopf stehen könnte I— Leicht und schön wie eine Katze I— Jeden Abend um neun Uhr, wenn ihre Nummer kommt, ma(Mandra- goras)-Frucht den alten Hebräern»vohlbekannt ivar, geht eine freilich vielfach bestrittene Ansicht dahin, daß man damals auch schon die menschenähnliche Gestalt der Dttdaimivurzeln heraus- gefunden habe nnd daß aus ihnen jene Theraphii», Hausgötter, her- gestellt feie», die Rahel ihren» Vater Laban stahl und deren Versteck sie so klüglich verheimlichte. Jedenfalls Ivurde schon im Altertum die Wurzel als menschenähnlich bezeichnet. Der von abergläubischen Vorstellungen veranlaßte Gebrauch, die Wurzeln des Mandragoras zu Menschen zu gestalten, hat sich im Orient bis auf den heutigen Tag erhalten. An» einfachsten niachcn es die, ivclche die Wurzel ausreißen nnd sie, während sie noch voller Saft ist, durch vorsichtiges Schneiden und Drücken umformen und dann auch später noch,»venn die Wurzel schon ganz trocken ist, nachhelfen. Viel umständlicher, aber auch um so erfolgreicher ist folgendes Verfahren: die ganze lebende Pflanze wird heraus- genommen, man umivickelt die Wurzel mit Bindfaden, macht die nötigen Schnitte, Risse und Zusainmenschnürungen, gräbt dann die Wurzel»vieder ein und läßt sie längere Zeit weiterivachsen. Wenn die verschiedenen Verletzungen wieder vernarbt sind, wird die Wurzel»vieder ausgegraben, und ist sie erst ordentlich eingeschrumpft und getrocknet, so fällt es schivcr, die künstlich zugerichteten Stellen als solche zu erkennen und nachzulveisen. Dann erst hat der Künstler die»Vahren Alräunchen hergestellt. Sie mache»» ihren Inhaber hieb-, stich- und kugelfest, sie dienen als Liebeszauber, sie»nachen unsichtbar, sie zeigen die Stelle an, wo unterirdische Schätze ver- borgen sind, sie nehmen die Krankheit dessen in sich auf, der sie beständig bei sich trägt. Als Anssauger der Krankheiten ist aber das Wurzelmännchen auch gefährlich, denn es kann die Krankheit auf den neuen Eigentümer übertragen und durch eigne Krankheit alle seine zauberischen Kräfte einbüßen. Noch heutzutage verbreiten die geiverbsmäßigen Hersteller dieser Figuren im Orient die Ansicht, daß die Nlräunchen nur unter größter Lebensgefahr auszugraben seien; dadurch wird der Nimbus des Zauberischen erhöht und ein äußerst hoher Preis ausreichend begründet. Schon in alter Zeit erzählte mau sich hierüber die fabelhaftesten Geschichten. Flavius Josephus berichtet in seinem UsIIam Judaicum von dein Zauber- traut Boarns, das an der Ostseite des Toten Meeres tvächst, das des Nachts gleich einem Sterne leuchtet und nur durch einen Hund ans der Erde gezogen tverden kann, der dabei sein Lebeu lassen muß. Die Fabeleien haben sich nach dem Abendland ver- breitet. Der Alraun sollte nur unterm Galgen wachse», daher denn auch der Alraun aNgemein als Galgenmninilein bekannt ist. ltm die Wurzel ohne Schaden an Leib und Leben zu erlange», muß man sich gleich Odysseus die Ohren mit Wachs, Pech öder Banmivolle verstopfen, drei Kreuze über der Wurzel machen und dann die Erde ringsum abgraben, so daß die Wurzel nur noch an dünnen Fasern hängt; diese bindet der Sucher mit einer Schnur einem „attschwarzen" Hund an den Schwanz und hält ihm ein Stück Brot vor. Gierig schnappt der Hund nach der Beute und reißt dabei die Zauberiimrzel aus. Die stoßt jedoch in dem Augenblick einen so entsetzlichen ächzendeir Schrei ans, daß der Hund nud jeder, der ihn hört, stirbt. Den grauenhaften Schrei der Alraunwurzel kennt Shakespeare auch. In Romeo und Julia fürchtet Julia, sie könne ans dem künstlichen Schlaf in den Schrecknissen des Grabgewölbes zu früh erwachen: Weh, weh, könnt' es nicht leicht gcscheh'n, daß ich Zu früh erivachend— und min ekler Dunst. Gekreisch ivie von Alraunen, die man aufwühlt, Das Sterbliche, die's hören, sinnlos macht— O wach' ich auf, lverd' ich nicht rasend werden? Hier erzengt der Alraunenschrei Wahnsinn, aber in Heinrich VI., 2. Teil, sagt Suffolk: Wär' Fluchen tödlich lvie Alraunen-Aechzen. Die Form der abendländischen Alrännchcu ivar sehr mannig- faltig; für gewöhnlich betrug ihre Länge nur eine Handbreite bis eine Spanne; manchmal erstreckte sich die Behaarung auf den ganzen Körper. wie bei den Alrännchen des abergläubischen Kaisers Rudolf II. Diese Erdmännlein»uißten regelmäßig gebadet werden; wurde das einmal unterlassen, so schrieen sie ivie neugeborene Kinder. Geschickte Zauberkünstler verstanden auch ans gedörrten Fröschen Alrännchen zu formen. Während man im Orient die Alraune in Nacktheit beließ, wurden die Wnrzelmännlei» im Abendland sorg- fältig mit reicher Kleidung versehen. Natürlich hat daS Alrännchen Kunde von künftigen und heim- liche» Dingen, es bringt Wohlfahrt und Glück. Ein Geldstück, das man des Nachts zu ihm legt, findet man am Morgen' verdoppelt wieder, daher niau auch die Alraune Heckmännchen nannte. Das Alrännchen zeigt seinem Besitzer eine rührende Anhänglichkeit; selbst wenn eS weggegeben wird, kehrt es wieder zurück, falls man es nicht wohlfeiler weggiebt, als es erstanden ivorden ist. Nach dem Tode seines Besitzers erbt es der jüngste Sohn, der aber die Verpflichtung hat, dem Vater ein Stück Brot und Geld in den Sarg zu legen. Das Alrännchen versah alle Dienste eines Spiritus kamiliaris. Der Erzählungen von den wunderbaren Kräften der Alrännchen ist Legion. Selbst die Jungfrau von Orleans sollte ihre Siege über die Eng- länder einem Erdmännlcin zu verdanken habe». Daß die Alrännchen vielfach wirklich die Rolle eines Familienhorts gespielt haben, be- weist die märkische Sage, die Theodor Fontane in seinen Wände- rungen durch die Mark Brandenburg wiedergegeben hat. Vor mehrere» hundert Jahren hatte eine Frau v. Beeren auf Großbeeren einer Gesellschaft von Ztverge», die ans der Diele unterm Kachel- ofen hervorgesticgcn waren, Erlaubnis gegeben, in ihren Zimmern ein Fest abzuhalten. Zum Dank legten sie ein, Angebinde auf die Wiege ihres Kindes und sagten, die Familie werde so lange blühen, als man ihre Gabe in Ehren halte; werde sie aber mißachtet, so bringe das dem Hause Verderben. Ihr Geschenk war eine kleine Bernsteinpnppe mit menschenähnlichem Kopf, der untere Teil lief in einen Fischschivanz aus. Dies Püppche», das man noch zu Beginn des IS. Jahrhunderts gesehen haben will, hieß Merhühnchen und war der Talisman der Familie. Es vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht und ward sorgfältig behütet. Aber Geist v. Beeren künimerte sich um diesen Märchenschnak nicht und so hatte Allerhühnchen lange unbeachtet im Schrank gelegen. Da war zn Weihnachten eine lustige Gesellschaft.bei Geist v. Beeren zusammen und einer der Gäste kam auf Allerhühnchen zu sprechen. Die Geschichte des Talismans ward erzählt und schließlich Allerhühnchcn ans dem Schrank heraus- geholt. Geist v. Beeren ließ es der Reihe nach Heruni reichen, machte seine Witze über dies dumme Zeug und warf die Puppe ins Feuer. Von da ab brach das Unglück über die Familie herein, Feuer, Krieg und Mißwachs verbündeten sich gegen sie und bald war sie ausgestorben. Wohl jeder Leser hat gemerkt, daß der Name Allerhiihnchen durch Volksetymologie aus Alrännchen ent- standen ist. Aber das Alrännchen wäre nicht das am Rabenstein unter gräu- lichen Umständen entstandene und gewonnene Galgenmännlein, wenn eS nicht zum Teufel selber in lebhafte Beziehungen träte. Wenn jemand dem Wurzelmännchen mehr denn Gott vertraut, so hat der Teufel die Gewalt, es zu beleben, ganz gleich, ob es in betrügerischer Weise hergestellt oder wirklich' dem Erdboden ent- wachsen ist. Einem solchen Alrännchen verleiht der Gottseibeinns noch besondere übernatürliche Kräfte, so daß er die darauf Bauenden in Sünden verstrickt und sicherlich um die elvige Seligkeit bringt. Wo sind denn nur die vielen Alrännchen geblieben? Manche mögen »och in gläubigen Seelen in Truhen verschlossen gehalten werden. aber in öffentliche» Sammlungen giebt es nur weiiige Exemplare, die ihrer Seltenheit ivegen hoch geschätzt werden. Noch heutzutage verkauft man in Ostpreußen sogenannte Glückswnrzeln, von denen diejenigen die höchsten Preise erzielen, bei denen eine geivisse Aehn- lichkeit der menschlichen Gestalt vorhanden ist. Diese Glückswnrzeln sollen ihren Besitzern, die sie an geheimen Orten aufbeivahrcn müssen, Reichtum und Kindersegen bringen. Die Verkäuferinnen geben an, die Wurzel stainme von einer blanblühenden Lilie im Walde im Kreise Goldap. Eine solche Lilie giebt es aber in jener Gegend nicht, ivohl aber findet sich dort häufig in Sumpf- grüben und an Flußnsern die gelbe Schwertlilie. Deren Wnrzel- stöcke werden korbweise zum Verkaufe gebracht, das Stück wird bis zu 50 Pf. bezahlt und das Geschäft geht so schivnnghaft, daß es sich sogar bis nach Berlin ausdehnt. Das geschieht im zivanzigste» Jahrhundert I—_ Kleines Feuillekon. er. Im fliegen. Es regnet. Vorläufig ist es noch nicht allzu- schlimm, kleine leichte lose Tropfen zeichnen schwarze Klexe auf das graue Pflaster. Aber die Klexe werden dichter, zusehends kommt der eine zum andern, schließlich laufen sie ganz zusammen. Es gießt, „wie mit Mollen". Eine Bewegung kommt in die die Straßen durchhastenden Menschenmenge». Tausende von schwarzen Schirmen fliegen in die Höhe. An der Haltestelle der Straßenbahn staut sich die Masse. In ganzen Scharen stehen die Leute und warten. Hin und wieder löst sich der Knäuel. Sobald ein Wagen konimt, stürzt ein ganzer Schwärm auf ihn los. Die meisten müssen jedoch wieder umkehren, immer von neuem tönt der Ruf der Schaffner:„Besetzt! besetzt!" Die alte Frau mit dem schweren Bündel kehrt aucki ivieder mn. Es ist schon der dritte Wagen, den sie vorüber läßt. Müde setzt sie ihr Paket auf den Rand des Bürgersteiges. Es sind Mäntel darin, Kindermäntel. Sie kommt voni Liefer». Schwerfällig lehnt sie sich an den Laternenpfahl; sie ist ganz erschöpft. Die beiden Damen sehen sich an, die ältere sagt:»Paß' auf, wir kommen auch nicht mit!" „Ach wir werden schon I" „Wir sollten raufgehen nach der Gertraudtenbrücke, hier auf'm Spittelmarkt kommt man immer so schwer mit." „Na in dem Regen noch weiter gehen?" Die Tochter macht ein mißlannigcs Gesicht.„Wir werden schon noch zwei Plätze finden, mußt Dich bloß ranhalten, wenn Du wieder so nuddelst, wie das letzte Mal, ist es natürlich schlimm." „Aber Lieschen, solche Ausdrücke I Und ranhalte», das sagst Du so, man kommt doch nicht mehr so schnell fort." Die alte Dance seufzt. „Halte Dich nur immer hinter nur, ich werde uns schon Platz schaffen, das muß man bloß verstehen." „Es kommen nur immer gleich sechs andre dazwischen." »Dann schub's sie weg." „Immer derbe arbeeten mit de Ellenbogen", stimmt ein Arbeiter etwas spöttisch bei. „Frechheit!" Das Fräulein nmstert ihn von oben bis unten. „Warten Sie doch, bis ich Sie anrede." „Thun Sie dett?" Er grient verschmitzt. Er bekomnit aber keine Antwort. Das Fräulein dreht ihm verächtlich den Rücken:„Unverschämtes Volk, gar keinen Respekt haben sie mehr vor'ner Dame." „Sei doch nur ruhig, Lieschen I" die Stimme der Mutter klingt ängstlich. „Jawohl ruhig! Jetzt Ivarten Ivir schon geschlagene fünf Minuten und der Wagen ist noch nicht zu sehen. Mama, wie hältst Du denn die Pakete? Nimm sie doch unter's Capes, das hier ist schon ganz naß. Paß auf, meine neue seidne Bluse hat'n Fleck." „Na wie soll ich sie denn halten?" Die Mutter jammert.„Man weiß ja gar nicht wohin mit allem Krempel. Hier den Schirm und da die Pakete". „Na ja, das Hab ich Dir ja gleich gesagt, was kaufst Du Dir denn noch den großen Schmortopf; Du hattest schon an der Bluse zu tragen". »Aber der Schmortopf war doch nötig! Nee. aber Lieschen, wie Du auch bist, und ich kann ihn doch ganz alleine halten, wenn Du nur wenigstens den Schirm über mich halten wolltest, dann könnte ich doch meinen zumachen." „Aber wie können wir denn unter einem Schirm stehen I" Die Tochter ist ordentlich entrüstet.„Mein neuer Winterhut soll wohl naß werden? Ja?" »Dann nimm mir wenigstens die Bluse ab." »Aber Mama. Du bist unvernünftig— wo ich schon den Schirm und meine Schleppe halte I" „Ja natürlich. Du und Deine Schleppe l" Die Mutter wird auch erregt.»Warum hast Du nur das Schleppklcid an. wo eS schon den ganzen Tag nach Regen aussah? Konntest Du nicht den kurzen Lodenrock anziehen?" .Schleppen müssen sind," tröstet der Arbeiter,.den» sieht»iciü die zerissnen Stiedel nicht." Die Umstehenden lachen, das Fräulein dreht kaum den Kopf; mit einem vernichtenden Vlick nnszt sie den Spötter:.Wenn Sie mich jetzt noch einmal anquatschen, laß ich Sie arretieren." „Sta, man immer sachte! Warum denn mich gleich hängen?' Sie imponiert dem Mann offenbar gar nicht, er lacht ihr gerade in's Gesicht. Die andren lachen mit, selbst die alte Frau mit den Kindcrmäntcln lächelt. .Es ist unerhört", sagt daS Fräulein...Wirklich ganz unerhört, man sollte doch einen Schutzmann rufen! Ist denn ein Schutzmann zu sehen? Natürlich ist keiner da." .Er sucht grade'« Mörder", ruft eine Stimme aus dem Hinter- gründe. .Aber, LieSchen, unser Wagen kommt!" „Wo denn?" Das Fräulein hat den Zorn vergessen: Sie stürmt vorwärts:.Doch man rasch, Mama, rasch, rasch, Jott nee, nu nuddelst Du wieder." .Aber ich— ich kann doch nicht I" Die alte Frau keucht, sie balanzicrt den Schirm und die Pakete. Die Tochter fasit sie am Mantel und schiebt sie mitten in den Mcnschenknäuel am Wagen. .Du, doch man rasch, rasch." Sie fuchtelt mit beiden Am>cn um sich herum. Neben ihr schreit jemand:„Au, Fräulein, drängeln Se doch»ich so— stöht sie einen direkt vor die Brust."— Es ist die alte Frau nrit den Kindernränteln; sie setzt eben den Fuh auf das Trittbrett. Das Fräulein drängt sich an ihr vorbei:.Nasch, Mutter, so eil' Dich doch I" Sie streckt ihr die Hand entgegen. .Besetzt I" sagt der Schaffner..Alles besetzt." .Wo das grojje Paket Platz hat, kommen wir zwei auch»och mit. Und ich tvar eher da." „Nein die Frau, meine Dame. Alle? besetzt! meine Dame. Steigen Sie runter I" Der Schaffner hilft der alten Frau vollends in den Wagen. Das Fräulein wirft ihr eine» wütenden Blick nach:.Ja, die ninnnt er mit, natürlich: seinesgleichen!' Dann wendet sie sich zu der Mutter herum:.Nee, Mama, es ist aber auch schrecklich mit Dir. konntest Du Dich denn nicht sputen? Du weisit doch,>vie roh und rücksichtslos die Mensche» beim Einsteigen sind."— — Der angebliche Schönheitsfehler des WcibcS. In einer .Socialanthropologischen Studie", die von der.Zeitschrist fiir Morphologie und Anthropologie'(Verlag von Erwin Nägele in Stuttgart) veröffentlicht worden ist, kommt der Straßburger Professor der Anatomie Dr. Wilhelm Pfitzner auf ein Tbcma zu sprechen, das wohl wert ist, auch einmal in das breitere Licht der Oeffentlichkeit gerückt zu werden. In Werke» über Kunst, Aesthetik, Philosophie usw. begegnet man nicht selten Aussprüchen, die. so befremdlich sie aii und für sich dem Leser erscheinen mögen, doch durch die Sicherheit, die Unfehlbarkeit, mit der sie vor- getragen werden, überzeugen, und auch von denen, die es wissen könnten, ohne weitere Prüfung als bare Münze hingenommen und weitergegeben werden. Das gilt namentlich auch in' Bezug auf die Anatomie, in der nur zu gern ein Dilettantismus schlimmster Art oft genug sich breit macht. Einen sprechenden Beweis dafür bietet Arthur Schopenhauer in seinem viclangeführtcn Satze aus.Parerga und Paralipomena' über das Weib:.Das niedrig- gewachsene, schmalschulterige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne nennen, konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt." Pfitzner kommt zu dein Ergebnis. daß, wenn wir.in angeborener Selbstüberhebung" den Mann als die Norm der Schönheit ansähen, beim Weibe das untere Ende des Rumpfes um V8 Prozent der Körperlänge zu tief liege, ivas bei einer mittleren Statur von 155 Centimeter weniger als 8 Milli- meter ausmache.„Ist es nun denkbar", fragt er mit begründetem Spott,.daß eine Figur von löö Centimeter Höhe deswegen einen un- proportionierten Eindruck mache, weil ihre Hauptteilung Centimeter tiefer liegt als bei einer schönproportionierten— ist das Künstlerauge so scharf, diese Differenz überhaupt herausznspüren? Oder der andre Einwand: Man behauptet, im Sitzen erschein« das Weib größer als im Stehen, weil seine Beine im Verhältnis zur Stammlänge zu kurz seien. Um loie viel sind sie zu kurz? Im Mittel uni 15 Millimeter und das ist weniger als die Breite des lleincn Fingers einer schlanken Hand." Auf diesen verschwindend kleinen Unterschied, der für das Auge kaum wahrnehmbar sein kann, hat Larisch nun die tollsten Schlüsse aufgebaut, indem er dem Weibe unterstellt, daß es von jeher darauf ausgegangen sei, diesen Mangel aufs vollkommenste zu verbergen. Das sei nämlich durch die Schaffung der langen Gewänder und durch Schaffung einer künstlichen Gliederung der Natur durch Erfindung der Taille und des Korsetts geschehen. Dieser Gedankengang habe, ineint Pfitzner, etwas ungemein Bestechendes; denn er stimme so recht zu der spezifischen Natur des WeibeS, mit glücklichem Instinkt und au- geborener praktischer Begabung das nächstliegende, einfachste und zugleich rationellste Mttel zu wählen, schade mir, daß er trotz alledem falsch ist. Weit eher könnte man annehmen, daß die Einficht von jenem angeblichen Schönheitsfehler zur Erfindung'der hohen Absätze, der Stöckelschuhe geführt habe. Aber auch davon kann keine Rede sein. Auf Grund umfangreicher Messungsergebnisse führt Professor Pfitzner viel- mehr den Nachweis, den er überraschend und für den männlichen Eigen- düukcl mit Rechtbeschämeud nennt, daßbei gleicher Statur das Verhältnis zwischen Stammlänge und Veinlänge bei beiden Geschlechtern das gleiche, das Weib also in diesem Punkt ebenso schön proportioniert wie der Mann sei. Das heiße also:.Die Gliederung der Körperlänge in Stannnlänge und Beinlänge wird ausschließlich durch die Statur beeinflußt und ist vom Geschlecht durchaus unabhängig." Damit ist der Ruf des weibliche» Geschlechts als des schönen gerettet, die seit Jahr» taufenden in Wort und Bild kolportierte Verleumdung des weiblichen Geschlechts, es habe zu kurze Beine, endlich und endgültig widerlegt, und Korsett und Stöckelschuhe, Ivelchem Umstände sie auch ihre Ent- stehung verdanken mögen,„als Mittel zur Vorspiegelung falscher That» fachen" können sie nicht mehr ausgegeben werden. Ob es nicht be- schämend ist für die Künstler, Aesthetiker und Philosophen, daß erst ein Anatom und Arzt kounnen mußte, um ihnen diese schwarzgallige und selbstüberhebende Ketzerei nachzuweisen, bleibe dahingestellt, ebenso wie die weitere Frage, ob nicht auch auf nianch andrem Gebiete für alle drei solch eine ärztliche Behandlung manchmal ganz angebracht wäre. Aber der Verfasser ist offenbar mehr Anatom als Arzt, denn anstatt die Wunde, die er verursacht, mit lindem Balsam zu be« streichen und mit sanfter Hand zu verbinden, wühlt er darin herum, indem er dem von ihm rehabilitierten weiblichen Geschlecht folgende, .im Stile des großen Frankfurter Philosophen und Weiber- feindcs abgefaßte Ehrcnerkläning" abgiebt:„Nur eine durch habituelle Selbstbciveihräncheruiig erzeugte geistige Nikotin- Vergiftung konnte beim männlichen Eigendünkel eine so hoch- gradige Gesichtsfeldcinengimg hervorrufen, daß er die Vollkommen- heit der tveiblichen Schönheit nicht in ihrem ganzen Umfange zu überschauen vermochte und infolgedessen das Bein des Weibes als zu kurz erklärte." Und diesem Weisheitsipruch, bei dessen Formulierung Schopenhauer wirklich mit große»» Glücke nachgeahmt worden, fügt Pfitzner nun als Gcsainlergcbnis seiner Forschung folgenden für uns Männer höchst beschämenden Satz hinzu:„Das Weib hat wohl« proportionierte Beine; es hat nicht so affenartig lange Arme wie der Mann; es hat einen zierlicheren Kopf, minder vorstehende Backenknochen und ein abgerundeteres Gesicht; mit einem Worte: bei homo sapiens Linne repräsentiert unbestreitbar das Weib das „schöne Geschlecht".—(„Straßb. Post.") Hnnioriftisches. — Arbeitsteilung.„Siehst Du die elegante Dame dort. das ist die Baronin Weizcneck. Die erlebt jedes Jahr ihren Roman hier in Karlsbad." „Ach— und das Töchterchen— das arine Kind!" „Das„arme Kind" schreibt dann den Roman. Und vom Honorar gehen sie nächstes Jahr lvieder nach Karlsbad."— — Information.«Mein Fräulein, würden Sie die Meine werden?" „Mit Freuden!" „Ich ivollte mich nur über das Angebot vergewissern, äugen« blicklich habe ich keinen Bedarf."— („Lust. Bl.') Notizen. — Von Max L i e b e r m a n n ist eine kritische Studie über Jozef Israels bei Bruno Cassirer(Berlin) erschienen.— — DaS Gastspiel der dänischen Ibsen- Schauspielerin Betty Hennings im Rcsidenz-Theater umfaßt drei Tage und wird jedesmal die„Nora" bringen; es beginnt am 26. Oktober. Fällt der Versuch gut aus, dann soll im nächsten Jahr mit skandinavischen Künstlern eine größere Rundreise unternommen werden, für die außer Berlin, München und Wien noch Paris, Brüssel, Amsterdam und London in Aussicht genommen sind.— — Ein abendfüllender CykluS von vier Einaktern Arthur S ch n i tz l e r s ist vom Deutschen Theater zur Aufführung angenommen ivorden. Der- Cyklus soll bereits im November in Sccne gehen.— — Rudolf Christians scheidet im Herbst 1903 a»S dein Verbände des Schauspielhauses aus. Christians hat sich Direktor Heinrich Conried in New Jork verpflichtet; er wird für neun Monate im Jahr eine Gage von 40000 M. erhalten.— — Der Nürnberger Lehrer Gebhard, der sich zum Opernsänger ausbildete und in Köln schon mit Erfolg auf- getreten>var, mußte wieder in den Schullehrerdienst zurückkehren. Ein zweijähriger Urlaub,»im den Geb- Harb nachgesucht hatte, wurde verweigert.— — Die Ausstellung in Darmstadt schließt mit einem D e f i z i t von 170 000 M. ab, für daS die Garantiezeichner auf« kommen müssen.— — Die Göttingcr königl. Gesellschaft der Wissenschaften stellt für das Jahr 1903 eine Preisanfgabe, m der gewünscht ivird: eine auf Beobachtung der überlieferten Texte gegründete, auf die Erkenntnis des historischen Zusammenhanges gerichtcw Untersuchung der wichtigsten im lesbischen und jonischen Liede, der chorischen Lyn! und den lyrischen Teilen des Dramas angewendeten metrischen Formen unter Berück« sichtigung der hellenistischen und der älteren römischen Poesie. Der Preis beträgt 1000 M.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid m Berlin. Druck und Verlag von Max Babing j# BerlüN