Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Sc�. 204. Freitag, den 18 Oktober. 1S01 (Nachdruck verbslsn.) 28� Drstuf los! Roman von Jonas L i e. „Ja freilich, Heringe!— Echte Wintcrheringe!" „Ach was, Sommer- oder Winterhering— die Schanz- bcklcidung ist weg!" „Schauen Sie, wie blank und fett sie sind... rosenrot ans Perlmuttergrnud und dunkel grünbraun auf dem Rücken... wie Metall!— Ja, das ist in der That der echte Graubein- Hering,— grosze, derbe Bursche!— richtige Nordseegasten! Sie kommen in Wintertakclung vom Meer herein!— Diese Sorte ist delikat!" „So last sie Dir vom Koch bereiten?"— Lind ging ärgerlich von bannen. Rejer liest sich aber einen Kübel Scclvasser bringen und that die Fische hinein, um zu sehen, ob sie noch lebten.... Jedoch tot waren sie,— tot wie ein eingcsalzener Hering! Es war kein Ende zu finden in den Untersuchungen, denen er die zivci merkwürdigen Exeniplare einer Fischart unterwarf, bis sie schließlich abends gebraten auf den Kajüten- tisch gestellt wurden. „Schmeckt wirklich delikat!" räumte Lind ein; er hatte den Hauptärger über den Verlust der Rehling nun über- wunde«. In Rejer hatten aber die beiden Heringe eine Menge Erinnerungen geweckt. Von dem Moment am wo es unter der Hundewache am nächftcu Morgen sich aushellte, schaute er nach dem Land anS i nnanfhörlich stand er mit dem Fernglas bei der Rehling. Udsire und Karmen lagen in Sicht. Rejer bemerkte durch die grandicke Luft des Wintermorgcns Fischerboote und Heringsschiffe, er kannte die Segelformcn so genau! Hie und da unterschied er durch das Teleskop die Spitze eines Pack- Hauses oder den Dachfirst der Gebäude, welche zwischen den Schären hervorstachen,— eine oder die andre Sulzerci! Ja, ja,— er kannte die Gegend I Hier herein war er mit dem Juhlboot gesegelt mit Anders, dem Grostknecht und all den übrigen Scehelden, um von da aus Hammerniis und die Welt zu erobern. „Merkwürdig, dast wir nicht ertranken wie Mäuse in einem Wasserfast." murmelte er. Die tiefe Enttäuschung seiner jungen Tage hatte in seinem Geniüte einen Stachel znrückgclasien und die Liebe zu seinem Heiinntsbyd, welches sein Knabenstolz gewesen, hatte sich zu Bitterkeit gewandelt! Nichtsdestoweniger folgte er der Aus- ficht mit der größten Spannung und dem genauesten Interesse... Er forschte mit dem Glas nach der Reihe kleiner vorgeschobener Schären, bei welcher er sein Boot an- gelegt gehabt, als die Heringsmassc einströmte; er machte sich klar, wo die Flecken der HeringSsischer lagen, suchte der Küste entlang gegen Stolmen zu den Ort, wo er seinen Watnetz- antcil gehabt. Die Erinnerung daran erfüllte ihn während der ganzen Fahrt nach Drontheim hinauf. 12. Mit halbgcstrichcner Flagge, als Zeichen der Trauer um den Verlust des Kapitäns und eines Teils der Besatzung, glitt der„Alert" anfangs Mai in den Hafen von Frederiksvärn ein. Es lag etwas eigentümlich Feierliches auf dein Fahr- zeug, eine getvisse Stille in der Art, wie es Anker warf, und die Landungsbrücke und der Wcrftswall waren von Menschen dicht besetzt. Man wußte seit langer Zeit, waS sich zugetragen, und die Geschichte von den Todesstillen und der Reise des„Alert" von St. Mauritius herauf hatten den ganzen Winter über den Ort erfiillt; es hatte aber doch etwas ganz eigentümlich Spannendes, das Fahrzeug zu sehen, tvie es so ankam, und seine Abenteuer sozusagen durch die Raacn, die Trauer- flagge, die Gösche selbst vortrug. Verwandte und Freunde, Brüder und Schwestern standen unter den Menschen- gruppen im Hafen, ein Teil derselben lag aber wohl auch in kleinen Prahmen und Schnaken und spähten nach den Ihrigen. Allein es währte ziemlich lange, bis ein Boot vom„Alert" abstieß. Endlich aber geschah es dennoch. Vier Matrosen ruderten die Jolle und Lind saß mit einem Trauerflor auf dem Hut beim Steuer. Man wußte, daß er sich zu. Madame Bercntsen, der Frau des Kapitäns begab, um Bericht zu erstatten. Auf seinem Platz im Vorderschiff hatte Rejer mit der Auf- ficht der Matrosen, welche die Segel beschlugeu und die Raacn Vierkant braßten, genug zu thuu; trotzdem richtete er tvisder- holt das Glas nach Brücke und Wall. Kopf um Kopf nahm er die Leute dort vor und schob schließlich das Fernrohr mit düsterer Miene zusammen. Das Ausprahmen eines Teils der Drontheimcr Ladung ging vor sich, und Lind hatte hier und in Lanrvig drinnen so viel mit de» Reedern zu thun, daß Rejer vom Augenblick des Ankerwerfens an die Obliegenheiten des ersten und deS zweiten Steuermanns wahrzunehmen hatte. Gleich hinter dem Packboden dort lag das Haus des Kanoniers, das wußte er.— und er hätte viel darum ge- geben, hindnrchsehen zu können. In den ersten zwei, drei schweren Arbeitstagen war es nicht Zeit, auch nur einen Fuß aufs Land zu setzen, bis end- lich eines Nachmittags Lind an Bord kam. Er schien ziemlich unzugänglich und trieb sich geputzt und mit dem Seidenhut auf dem Kopf, ohne auch nur irgend eine Frage zu stellen, auf dem Deck hin und her. EL lag ctivas in seiner Manier,— das halb verächtlich flotte Schlendern und die Art, wie er beständig von der Tabaks- rolle abbist und es dann mit einem„Pfui!" über die Rc- ling hinalisspuckte,— was Rejer nicht gefiel. All das schien ihm nicht recht höflich, nachdem er tagaus und tagein hier gestanden und weit über seine Pflicht hinaus für Lind sich ge- plagt hatte. Lind begab sich in die Kajüte hinab, ohne mit einem Wort zu äußern, daß Rejer sich nun für den Abend als frei betrachten dürfe. Als der Steward hinabging und fragte, ob der Kapitän nichts zu speisen oder zu trinken wünsche, sprang dieser mit einem„Nein" auf, welches den Stcivard wie eine abgeschossene Ladung die Treppe hinauffahren machte. Bald darauf kam Lind in der Secmannsmütze und im Peajaquct wieder hinauf. „Rufe die Mannschaft achterwärts!" befahl er; doch war es, als verursache ihm daS Sprechen Mühe. „Es muß etwas ganz Vertracktes los sein," bemerkte der Bootsmann zu Rejer,„etlvas in der Abrechnung zu ver- autivorten—" Als aber alle versammelt waren, laS Lind nur kurz und bündig einen Brief vor, in welchem die Ziecder ihm unter Anerkennung seiner Tüchtigkeit und in Würdigung seiner Ver- dicnste den Kapitänsposteu auf dem„Alert" übertrugen. „llnd nun, natürlich. Grog für die Leute und Feier- abend!" tvarf er nachträglich Rejer in kurzem Tone zu. „Sehr wohl!"— Und da hat der Kapitän wohl nichts dagegen, wenn ich mir, auf die glückliche Begebenheit hin. ein Gläschen auf dem Lande einnehme?" meinte Rejer. „Natürlich nicht!" „Ich dachte, Du würdest Dich herausputzen," sagte er ironisch, aber doch freundlicheren Tones, als nach einer Weile Rejer das Schiff verliest. „Was fiel ihm ein? Mich herausputzen? Oho! er fürchtete, ich werde zum Kanonier gehen!" Mit einem eigentümlich beklommenen Gefühl schlenderte er im sinkenden Frühlingstag, während das Sonnenlicht noch hie und da auf einem Dachfenster anfblitzte, wieder einmal die Straßen hinan. Auf dem Hügel lockte die Feuchtigkeit das sprießende Gras frisch hellgrün aus der Erde und auf dem Werftwall brüsteten sich die Blüten des Löwenzahns so schimmernd wie kleine Sonnen. Scharen von Knaben lärmten, jauchzten und liefen auf der Gasse herum; die kleinen Mädchen hüpften und spielten„Paradies". Die schwarzen, nassen Striche, die sie in den Boden geritzt, zeigten, wie kurze Zeit erst das Eis hier geschmolzen war. An Bord hatten sie heute morgens den Kuckuck über die Insel im Südwesten hinrufen hören und der Zimmermann hatte von all den Schinken ge- sprochcn, die nun in den Vorratskammern von Norwegen hingen. Das war Heimatsstimmung. Sie fühlten sich in ihrem eignen Land l" Rejer kog in die Ouevgasse ein, um ein Zipfelchen vom Haus des Kaiioiners zu sehen. Es gab ihm einen Stich ins Herz.— Ja, da lag es mit all den kleinen Fenstern, die als Ausguckposten sich der See zukehrten! Gar oft hatte mau da wohl ausgeschaut... jedoch nach wem? Es funkelte und glänzte in der Küche vom Herdfener, und im Hoframn hing, bis zum Holzschuppen hin, Wäsche zum Trocknen,— das sollte er kennen, schien ihm! Er ging nicht am Haus vorbei: gesehen werden mochte er nicht, und es war noch nicht dunkel genug. So steuerte er seinen Kurs geradcswegs auf Walla zu. Wen» jemand ihm über alles Bescheid geben konnte, so war sie es I Er sah recht gut. baß sie ihn schon am unteren Gassen- ende bemerkte, aber den Kopf ein wenig drehte.„Schlimmes Zeichen!" dachte er sich,„sollte der Wind nun hier mir so konträr blasen?" Als er näher kam. streckte sie den Körper wieder vor und that verwundert. Sie saß wie früher mit den Füßen in einem Korb, aber, infolge einer glücklichen Erfindung hatte sie zum Schutz gegen das Wetter ihr Quartier in einer großen, auf- gestellten. vorn ausgebrochcnen Tonne aufgeschlagen; da drinnen saß sie auf einem Schemel wie in einem Lehnstuhl, vor jeder Gefahr völlig sicher, und im Regen hatte sie bloß das große blaue Parapluie als Dach aufzuspannen. Rejers Gruß beantwortete sie freundlich; allein er sah wohl, daß es ohne irgend welche Neberwältigung des Gefühls geschah,— eher etwas vorsichtig und so gleichgültig, als hätten sie sich gestern gesehen und würden sich morgen wieder sehen. „Guten Abend. Madame Wahl I Welche prächtige Schale Sie sich da zum Sitzen angeschafft haben I" „Ja, bei meiner Treu! Dank sei Gott und dem Kauf- mann Eberhard, der mir die Tonne schenkte." „Da haben Sie ja sozusagen ein eignes Haus, Madame Wahl I" „Ach nein!"— sie hustete—„und dann— die Sache ist, daß ich"— sie hustete—„schauen Sie, daß ich alt werde — und meine elenden zwei Löcher für mich brauche. Nun, Sie kennen sie ja— und Platz für die Körbe bei Nacht auch.. „Ja, freilich, freilich, Madame Wahl!" „Sonst aber wenn Sie wieder etwas verkauft haben wollen, so wissen Sie, daß die alte Madame Wahl"— sie beugte sich in ihrem alten brauen Mantel gerade vor, um die 'Laterne ans dem Küchenkorb anzuzünden—„ihre Hand nicht abzieht von einem alten Bekannten, der jedenfalls redlich be- zahlt hat— mir zum mindesten!— das kann ich der Wahr- heit gemäß bezeugen vor jedem, der mich fragt..." „Oho!— offenbar hat sie von zwei Seiten her Wind bekommen und weiß nun nicht, was von mir denken!" „Lassen Sie mich Ihnen helfen, Madame Wahl!— Diesmal habe ich weder zu verkaufen noch zu borgen!"— er schlug auf seine Tasche � er fühlte, er müsse seinen Kredit heben, Das Gesicht der Frau klärte sich auf. Die Nuudungcn des Kinns, der Wangen, der knospenden Nase formten sich zu einem wohlwollend überraschten Lächeln, welches die Hauer- zähne stark entblößte: „Ah, wirklich I" „Und dann bin ich schon eine Zeit lang Steuermann,— machte mein Examen droben in Dronthcim," „Ja, habe ich's nicht immer gesagt, daß Sie ein geseg—" sie hielt inne. „Geben Sie acht. Madame Wahl, daß Sie den Mund nicht zu voll nehmen!— Nun, gehen dieses Jahr, viele in den Navigationskurs des Lieutenants Albrechtfen? Und wie steht es sonst in der Stadt?" „O. Veränderungen giebt es jedes Jahr... Eine alte Frau, die an der Straßenecke sitzt, sieht sowohl die, die hinzukommen, als die, welche hinweggehen!" „Was machen sie droben beim Kanonier?" „Gott helfe uns I Da steht es nicht so besonders... Sie wird wohl ein Stückel von ihrem Hochmut ablegen müssen, wenn sie mit all den hungrigen Mäulern fertig werden will... Das lernen wir alle, wenn wir in der Welt ein bißchen vorwärts kommen, Juhl!" „Was brummen Sie da, Madame Wahl?— Ist der Kanonier krank oder— gar tot?" „Ja, Sie, der Sie fort waren, haben es vielleicht nicht gehört I Aber ein braver und ansehnlicher Mann war er und die Strenge selbst draußen auf der Werft.— das sagte man ihm ins Grab nach! Nein, die alte Haubitze humpelt nun nicht mehr zur Werfte hin und zurück, blinzelt mir auch nicht mehr über die Körbe hin zu, wie er es pflegte, tvenn er gut gelaunt war!— Das bedeutete nämlich so viel, als daß er sich an die Anna Ludvigsen schon noch erinnere; nun tanzte man aber nach einer andern Pfeife, nun gehe er auf einem Stelzbein und ich säße hier! Ach ja! ein armer Teufel sitzt hier ganz allein und sieht, wie einer nach dem andern aus der Welt geht! Die Gedanken werden oft zu stark, Juhl, für ein altes Weib in ihrer Einsamkeit!"— Sie trocknete sich die Augen.(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) Vns Vvchk des Kindes. Von Wilhelm Spohrs Multatnli-Untcrnehmen(I. C. C. Bruns. Minden i. W.) liegt ein neuer Band, der sechste bis jetzt, anS, welcher den ersten Teil, die„Abenteuer des kleinen Walthcr", enthält. Der große GescNschaftskriiikcr war Multatuli-Dekkcr geworden, als er der- geblich als hoher Beamter der holländische» Kolonialvcrwaltuiig imd dann als Schriftsteller mit seinem Anklageromnn„Max Havelaar" daS„System von Raub, Mord und Geivaltlhat, als welches er das holländische Kolonialregiment während 17 jährig« Amtswaltung im Dienste seines holländischen Vaterlandes erkannt hatte, bekämpft und zu beseitigen gesucht hatte. Die Wanzentaltil, mit welcher die offi-- zielleu Stelleu die furchtbaren Anklagen Multatnlis tot schwiegen, erfüllten diesen mit heiligem Zorn über die dieser Taktik zu Grunde liegende Verlogenheit und Korruption. Hatten doch nicht nur Rc- giernng, Minister und Parlament versagt, sondern auch ein großer Teil des Publikums, soweit dieses an dein„System von Raub, Mord und Gcivaltthat" interessiert war, sich mitschuldig gemacht an der Verfolgung und Acchtung des unbequemen Wahrheiten- sagers I Empört kehrte Mnltatnli-Dckkcr seinem Vaterland den Rücken, aber er fand bald, daß nicht nur in Holland, sondern überall Eigen- niitz, Gewinnsucht und schnöder Mammonsdienst herrsche» und sich in die prächtigen Gewänder einer verruchten„Klangmoral", einer Menge„konventioneller Lügen" kleiden, welche die erhabensten und glänzcndstcn Namen von Tugenden führen. Staat, Monarchie, Adel, Religion, Kirche, Ehe— kurz alle socialen Erscheinungen und Einrichtungen erschienen ihm durchseucht von dem Gift dieser Schciusittlichkeil— und er machte nun der ganzen Gesellschaft den Krieg bis aufs Messer, er ward— lauge vor Nietzsche!— der große„llmwerter aller ethische» Werte", der er ist m seinen Schriften, und zwar ohne Nietzsches Verirrnngc». In den Jahren 1862 bis 1877 ließ Multatuli nach einander sieben Bände unter dein Titel„Ideen" erscheinen. Darin legte er nieder all das, was sein Herz bedrückte in Gestalt von stinkelnden Aphorismen, Parabeln, Abhandlungen und Erzählungen; ja sogar ein Drama.Fürstenschule", sozusagen das politische Glaubeüs- bekcnntnis des großen Dichter- Denkers, ist darin enthalten. Seinem Verleger schrieb er bei Beginn dcS Unternehmens: „Nein, es soll nicht gesagt werden, daß incnuind versuchte, den Fluch zu beschworen, der auf dem Volke ruht. Es soll nicht gesagt werden, daß niemand die Krankheit anrührte, die faulende Krankheit, an der das Volk leidet: Die Lüge. Ich werde thnn, was ich kann, ich ivcrde trachten nach Wahrheit....„Nennen Sie also meine Arbeit„Ideen". Anders nicht. Und schreiben Sie obenan: Es ging ein Säeinann aus zu säen." Ucber den Zweck seiner Waltherskizzeu sagt Multaiul! selbst, daß er damit schaffen ivollte„ein Heldengedicht, in dem er de» Kampf schildern ivollte des Guten im Mensche» gegen die Bosheit, den Riesenkampf wahrer, heiliger Poesie gegen die Liigeiiprosa, die uns die Welt für Wahrheit giebt". Sein kleiner Held Walther war ihm „ein neuer und besserer Faust, ein Don Onichotc»ach dem Geiste". Die herrliche Reinheit und poetische Sinnigkeit des eigenartigen Knaben, welche so schneidend kontrastiert mit der niedrigen Alltäglich- keit und Gemeinheit seiner Umgebung, die echte Wahrheit seiner politischen Träume und Pläne im Gegensatz zu dein gemeinen Elgeinnitz und der verlogenen Berechmuig der meisten Großen, die ihn umgeben, die Darslelliing des engen und dürftigen Daseins zivar nicht blntarnier, aber halbarmer„gemeiner", d. h, im wahren Sinne des Wortes gewöhnlicher Leute, gelangen prächtig zu frappierend naturivahrcr Darstellung. Wie scharfsinnig hat doch dieser Multaiul! die Menschen und daS Leben studiert! „Es existiert ein sechster Weltteil, der bis jetzt seinen Columbus noch nicht gefunden hat... Dieser Weltteil heißt: Der Mensch." So sagt Multatuli selbst au einer Stelle deS vorliegenden Bandes. Und er selbst hat sich als einer der jcharfsiniiigstcn, kühnsten und genialsten Eiitdecknngsreisenden auf dem Occan der Menschen» kuudc imd Psychologie eben durch seine Walthcrgcschichte bewährt. Diese Frau Petersen, die prosaisch gemeine Seele, die eines solchen Kleinods, wie es ihr Sohn Walthcr ist, gar nicht wert ist; der trocken beschränkte älteste Sohn Stoffel, Lehrer an einer der „Zwischenschnleii" d. h, eines jener Lchrinstitutc des alten Amsterdam „für nicht sehr arme Kinder, aber für solche, deren Eltern nicht in der Lage waren, das volle Schulgeld zu zahlen". Die erwachsenen Töchter, welche Fräulein sind,„denn sie sind in der Tanzstunde gewesen"; der Schristsetzerlehrling Lorenz, mit dem Älein-Walther das Bett teilen must; der pedantische Schulmeister Pemiewig; die lüsterne und muckerische alte JnngferLaps; die resolute Waschfrau FrauKlauS und ihre prächtige Tochter Femke, dieDulcinea des jungen DonQuichotte Walther; der ebenso prächtige Freidenker Doktor HolSma; der ur- gesunde katholische Pater Jausen, dessen Orthodoxie sich vortrefflich mit den Vorzügen eines guten Frühstücks verträgt— dieses ganze Heer köstlich nach dem Leben gezeichneter und bis auf ihre Nieren geprüster und ausgespähter Personen muten den Leser an wie eine Galerie genau bekannter Leute, die man oft schon gesehen zu haben glaubt, eben weil sie so naturwahr gezeichnet sind, wie nur je ein ausländischer Maler, ein Renwraiidt oder Tenicrs, ein Ostade oder van Dyk Menschen gemalt hat. Unmöglich ist's,' auch nur skizzenhaft, die Fabel, die Geschichte wieder zu erzähle», diese Reihe der furchtbar ciufachcn, aber für die innere Entwicklung Waithers so hochwichtigen kleinen Abenleuer und Ereignisse vermittelst deren sein Geist und Wille zu jenen drei»nächtigen Leitmotiven alles Menschenlebens geführt wird:.Leben, Wissen, Kämpfen!" Welch eine furchtbare Erfinduiigsgabe offenbart sich hier 1 Welche Fülle von Humor und Satirc, Scherz uird Laune hat Mnltatnli über diese Geschichte ausgegossen I Daneben die über- reiche Menge geistreicher Gedanken, überraschender Einfälle und oft paradoxer, aber meist erschreckend wahrer Ausfälle einer ätzkalischarfeu Gesellschaftskritik! Vor allen Dinge»» verkündigt seine pädagogische Straf-»nid Büßpredigt im Gewände ergreifender Erzahlungspoesie das Recht des Kindes. „Es ist merkwürdig, daß so viele Menschen sich anmaßen, Kinder zn haben. In» Tiergarten kenne ich rinn» Wärter, der mit den Tigcn»»irnzngeheir weih. Ein andrer zeigt sich für die Vögel geeignet. Auch die künstliche Fischzucht hat ihre Spccialitätm: Aber Kinder hält jeder!" „Hält jeder", wie man einen Knecht oder ein Hanstier hält, von den» man dann„blinden Gehorsam", ungemein tiefe Ver- ehrnng— ivnrun, nicht gar Anbetung? � verlangt. Dagegen eifert Mnllatuli auf das schärfste. „Es ist nicht wahr, dah ein Kind Nnterlbänigkcit und Liebe seinen Eltern schuldig ist. Diese elende Vorschrift ist erfnudei» zur Bequemlichkeit von Elten», die Mangel fühlten an geistigen» lieber- gewicht und zu faul waren oder zu dürr von Herzen, um Liebe zu verdie»»cii." An seine Kinder richtet Mubiatul»»u einen, seiner Werke die Apostrophe:„Ich möchle wohl einmal ciucn„Herrn" sehen, der die Macht hätte. Euch zu hindern Eure Matter lieb zu haben! Mit oder ohne Bibelwort, für oder gegen den Bibeltext, mit oder ohne Gebot werde» sie und ich Eure Liebe zu verdienen wissen durch Liebe. Wer daS nicht kann, hat auf Liebe keinen Anspruch... Kinder, Ihr werdet mir nichts zu danken haben als das, Ibas ich für Euch that n a ch Eurer Geburt, und selbst das nicht, die Liebe findet ihren Lohn in sich selbst. Ach, wäret Ihr schon so weit, dah Ihr meine„Ideen" könntet lese»... Ach hörte ich es schon: Wir haben Dich lieb, Vater, doch Du hattest dazu nicht nötig, unser Vater zn sein!"— Klcin-Walthcr trifft es nicht so glücklich. Von seinen» Vater erfahren wir, daß c»', als er noch lebte, ii»it Pariser Schuhwerk gehandelt hat, das ni»s holländischem Leder von holländische» Sch»h»iachen» gefertigt wurde. Seine Mutter, Frau Petersen, aber huldigt der Ansicht, dag eS vornehmer, ehrenvoller ist,„etwas z» vcrkanfeu, was andre gemacht, gearbeitet haben" und ist eifrig dahinter her, daß man sie und die Ihrige»» nicht für Proletarier, für Arbeiter halte. Und ihre Erziehungsgnindsatzc, die sie den» kleinen Walthcr, diesem sinnigen Kinde gegenüber bethäiigt, von dem man nicht begreift, wie er zu dieser Mutter kam? Gewiß ist, daß mau ih» z»» Haus nicht Gelegenheit gab, dann und ivauu über eine Kleinigkeit »ach eigene»» Wille» zu verfügen? was doch so reizvoll ist für Kinder." „Und für Mcuschcu," fügt Mnltatnli dem bedeutsam hinzu. Walthers Mutter war der Meinung,„daß es»martigen Kindern dienlich sei, an alle»» gehindert und reichlich chilanicrt zu werdeu". „Der arme Junge war bcwmdelt und bewickelt von seiner Geburt an. Krumme Beiuchcn, biblische Geschichte, englische Krank- hcit, immer recht höflich sein, Verse über Tugend und gehorsame Jüngelchen, schön Händchc» geben, Abendgebete»nit Knien, zornige Gottesgerichte, schwarze Männer für eigensinnige Kinder,„Gott danken" vor und nach einem Butterbrot, Schlaseu mit angezogenen Knien,„Sünde" begehe», Angst ivege» zerrissener Hosen, gottcs- dienstliche Nebungen init oder ohne Accompagueiiicnt von Gefühl sd. h. von Prügel»)... armer Walthcr!" Walther fühlte Verlange» zu schweben und seine ganze Um.« gebung zwang ihn zun» Krieche». Bei diesem Zwang zun» Kriechet« spielt natürlich auch die Zieligion, das Christentum und sprciell die„gcrcformirte" (reformierte) Facon derselben eine Rolle. Der geniale Hcrzcnslemicr und Herzciiskiiudigcr Mnltatnli läßt sich die Gelegenheit»atürlich nicht entgehen, an Klein-Walthers Beispiel zu zeigen, wie die falsche Religiosität schädlich, das echt Menschliche, das Poetische an der Religion aber förderlich wirkt auf Phantasie und Genint des Kindes. Es ist prächtig nachgefühlt und dargestellt, wie Kleiu-Walther den strengen eifrigen KntcchisinnSgott in Einklang zu bringen sucht niit seinem Gott, den er sich als die höchste Güte und höchste, allzeit hilfreich gegenwärtige Allmacht und Gerechtigkeit vorstellt. Zweifel und innere Kämpfe bleiben denn auch ihm nicht erspart. «Die ersten Anstrengungen zum Ucbergaug vom absoluten Glaube» zum unabhängige» Denken wirken lähmend und es ist nicht zu ver- wundern, daß so wcuige die Kraft besitzen, diese Anstreiigunge» durchzusetze» bis zum äußersten." „Die ungehobelten Platitüden der Sprache Kanaans gingen glücklich au Walthcr vorüber, ohne zn schade»; er lernte, gütig und folgsam wie er war, was in seinen» Büchelchcn stand, und ward im Vorbereitnngsnnterricht zur Konfirmation einer der besten.Seligkeils- lchrliuge", so daß er ein Prämicnbnch erhielt. Seit Wolframs Parzival, dem guten, reinen Thoren, ist das Phnntnsieleben des Kindes nicht schöner und sinniger geschildert worden, als es Mnltatnli thnt. Eine unschuldige Backfischliebe Walthers zu einem etwas älteren, aber immer noch blutjunge» Ding, eben der Femke Clans, der Tochter der Waschfrau, hilft mit, die innere Entwicklung des Knabeu zu fördern und ihi» zum Guien zn lenken, was Mnltatnli hochpoetijch und doch streng uatuavahr z» zeichne» versteht. Das Erziehniigssystein der Frau Petersen erfährt eine strenge Kritik durch den edlen, freidcnkenden Arzt HolSma, der au Walthcrs Krankenbett gerufen»verde» muß: «Der Arzt erzählte ihr zu ihrer größten Verlvundcrimg, daß ma» seine Kinder njcht ivie Packgiiter in einer Bettstelle auf« stapeln dürfe. Daß Lust, Licht, Leben, Bewegung, Genuß nötig seien für die Eutivicklmig von Seele und Korper. Daß Strafe» (Prügel)— sei es mit oder ohne den HErrn— nicht angebracht seie». Daß ihr„Gottesdiciist" an» besten beiseite bliebe bei der Auf» zichung... und mehr Stiche» von dieser AR, die Frau Petersen niemals gehört hatte.. Nach seiner Genesung kommt Walther zu Holsma,»in» ihn, für seine Heilung zu danke». Eine ganze neue Welt thut sich auf vor seilieu crstnnnlcil Blicken I Holsma, offenbar das Erzieher- Ideal Multatulis, steht mit seinen Kindern ans dem Standpunkt der innigsten Vertraulichkeit, man möchte sagen der vollsten Freiheit nnd Gleichheit. Seine Autorität beruht lediglich auf der Achtung uiid Liebe, die ihn, sein ganzes Hans zollt: seinen geweckten und gutartigen Kindern ist er Freund und Kamerad sozusagen. Die Kapitel, in denen Walthers Besuche »>»> Hause Holsinas erzählt werden, sind voll von wahrer pädagogi- scher Wcisbeit, und Eiter» und Erzieher können hier sehr viel Gutes lernen. Alle Mängel auch der Schulcrziehung, Pedanterie, Silben- stecherei. Quälerei'mit Orthographie nnd»nii'vesentliche» Formaliei», dürre Bitchweisheilverzapsimg— kurz alle Unnatur und Unwahrheit im Schulunterricht wird durchgehechelt. Auch der»ationalpatriolisch verlogene Geschichtsunterricht wird gebührend gebrairdmarkt: „Niemand»vird»ach dem Lesen der Fabeln von Phädrus oder Lafontaine glanlnu, daß Füchse und Raben sprechen können, wohl aber befinden sich noch immer viele in den» Wahn, daß Wilhelm der Schweigsame so ein besonderer Vater»var eines Vaterlandes, d a S niemals sein Vaterland gewesen ist." «* * Das Angeführte wird genügen, um nnsern Lesern eine Vor- stellung zu erwecken von denn wertvollen Inhalt des Multatnlischen Erziehungsromans�—_ M. W, Kleines �euillekon» k Ginc rcizvollc Studie über die japanische Fran ver- ösfentlicht der Japaner I. H i t o m i in der Pariser„Revue". CZ beißt darin: Die Japanerin ist viel kleiner als die Enropäerin, nämlich durchschnittlich 4 Fuß 5 oder 6 Zoll groß. Erreicht sie eine Höhe >>on 5 Fuß oder darüber, so ist sie durchaus nicht slolz darüber. Selten wird sie mit zniiehniciide»»» Alter dick, sie bleibt fast ihr ganzes Leben lang ein Kind, so daß Frande sie nicht mit Unrecht mit einer Puppe vergleichen. Es gicbt unter der Menge aller- dings auch s'.ckche, die 6 Fuß Höhe und das anständige Gewicht von l»nim erreiche»». Unter den Japanerinnen haben viele eine so ivcißc Hanl wie die Enropäcriinicii. Ist diese Weiße noch leicht rosa gefärbt, so ist das der Gipfel der Schönheit. Leider verliert sich diese Schön- heit schnell. Ans zehn Frmie»» konnnt»mgefahr eine mit weißer .Haut. Darmn»vird diese Weiße auch sehr geschätzt,»nd ein Sprich- wort sagt:„Eine lveiße Haut verbirgt sieben Widcrivärligkeitcn." Da die iveiße Haut so geschätzt wird, brauchen die Japancrinnei» viel Schminke»nd Reispuder. JedeS junge Mädchen schminkt sich, nnd da dieser Brauch eine Wissenschaft geworden ist, erscheint schließlich auch die lviderspänstigste Haut weiß. Die Japanerinnen schminken das Gesicht, den Hals und die Hä>»dc»»nd legen ans Lippen»ind Wangen eine leichte Lage Karmin, aber auch die Schminke wird nicht dick ansgetragen, wnS mit den» technischen Ausdruck„Usnkesho" llcichte Schminke) be- zeichiiet wird. Nebe» diese»» durchsichtig weißen Franc» gicbt es ganz schwarze, die den Juden nue»» gleichen. Die rote Farbe scheint eine Bcsoi'dcrheit der Diriienden zu sein; die Japanerin zieht cS daher vor, schwarz zn sein, alS eine rote Haut z»l habe». Die Finger der Japanerin sind so schlank wie die eines dreizehn- oder vierzeh'ijährigeii Mädchens in Europa. Die Haare sind gewöhnlich sehr schwarz und sehr dicht und manchmal vier bis fünf fjiiß laiui, ja öfter foijar länqcr als die Trä�criii seldst. Die schwarze Farbe lafzt eiili�e©chattiermnicn zu; aber wenn die Haare eine graue Färbung annehmen, ist die Vesiberin darüber verzlvcifelt. Schwarze Haare zu haben, gehört also zu den Elemente» der weiblichen Schönheit; sind sie dabei»ach fein und lang, so ist das die Aotlkonimenheit. Blondinen findet man kaum in Japan. Die Japancriimeu haben prächtige Zähne. Früher bemalte man sie bei der Heirat mit dem Sast des Gattapfels schwarz, um dadurch die Frau mehr oder weniger zu entstellen. Jetzt ist dieser Brauch ab- gekommen. Die Japanerin verkrüppelt ihre Füge nicht wie die Chinesin, aber sie ahmt die Europäerin anch nicht im Gebrauch des Korsetts nach und kennt keine Ohrgehänge. Der einzige Punkt, Ivo sie die Natur verletzt, ist das Abrasieren der Augen- brauen. Das ist das Zeichen der Mutterschaft. Sie schreitet zu dieser Operation. sowie sie sich in andern llmständcn befindet. Die Körperhaltung der Japanerin ist sehr schlecht. Sie hält sich beim Gehen nicht gerade, sondern neigt sich nach vorn. Wenn sie zufällig eine natürliche Haltung annimmt, gilt sie für hochmütig. Deshalb übt sie es von Kindheit an, sich zn beugen, was ein vom Standpunkt der Hygiene»nd Schönheit abscheulicher Brauch ist. Ihr Gang ist austerordentlich langsam»nd träge. Erstens must sie sanft und ruhig erscheinen, zweitens kann sie infolge der sehr laugen Kleider und der nubequemen Holzfchnbe keine» schnellen ungezwungenen Gang haben. Die Japanerin trägt keine Handschuhe,„te-bnlnro" sSack für die Hände), sondern nur einen „tabi"(Sack für die Füste). Der Hut ist ihr unbekannt, ihr Haar macht sie mit großer Knust. Nur im Winter, trägt sie beim Aus- gehe» eine» leichten, de» Kopf bedeckenden Schleier.... Die Japanerin ist in der Kindheit unbändig, als heranwachsende Jung- sran bescheiden und in der Ehe lieb und treu. Bis zum Alter von zehn Jahren hat sie die Manie der Thränen. Sie weint bei jeder Gelegenheit. Bei dreizehn und vierzehn Jahren heitert sie sich aus, bei sechzehn und siebzehn lernt sie das Lachen, und dann lacbt sie bei jeder Gelegenheit; daher heistt es anch im Sprichwort:.Mit sechSzehn Jahren lacht man über alles, selbst über das Fallen der Blätter." Das ist das liebenswürdigste Alter der Japanerinnen. Wird sie achtzehn oder neunzeh» Jahre alt. so wird sie verständig und schüchtern; sie giebt acht aus die geringste Geste und das ein- sachste Wort. Die Franen der Mittelklasse müssen alles für ihre Männer besorgen. Wenn die beiden Gatten zusammen ausgehen, so geht der Mann voraus und die Frau folgt nach. Heute sieht man sie freilich schon vielfach nebeneinander gehen; aber es kommt selten vor. dnst sie sich den Arm reichen, und dann verfallen sie dem Gespött des Publikums. Die japanische Frau ist eine ausgezeichnete Familieninntter und eine vorzügliche Erzieherin ihrer Kinder. In den Beziehungen zivischcu Mann und Frau herrscht in Japan als Maxime— das„dausonjohi", d. h. Ehre dem Manne, Verachtimg der Frau. Die Hanvtursache für diesen Znstand ist, dast die Frau bei der Heirat keine Mitgift bringt»nd i» allem von ihrem Manne abhängig ist. In der Welt der Arbeiter ist dagegen die Frau dem Manne gleich, und i» andren Fällen, wie bei dem Beruf des Friseurs, ist es die Frau, die allein das Haus er- hält, und folglich ist ihr Einflnst dem des Mannes überlegen; der letztere must das Haupt vor seiner Frau beuge», sie geht aus zum Arbeiten, während er das Haus bewacht, die Kinder besorgt usw... Musik. 511 f r c d Reisen auer gehört bereits seit längcrem zu den beliebtesten Konzertreifenden des Klaviers. Anch als Komponist hat er, insbesondere durch Lieder, angefangen sich beliebt zu machen; und seine Mitwirkung in einem Konzert sichert dessen Beranstaktern einen so schönen Erfolg, wie ihn vorgestern(Mittwoch) die Sängerin Marie B l a n ck- P e t e r s errungen hat. Die Ankündigung einiger noch üngedrnckter Lieder von Reisenauer liest uns gerade diesen Liederabend aus der jetzt wieder haushohen Sturmflut von Konzerten herausgreifen. Die neuen Lieder—»ach Texten von Goethe und von Keller— weisen zwar weder anf eine groste Vielseitigkeit, noch auf eine lies erschütternde Kraft hin. Allein sie gehören in ihrer Eigenart zu dem Erfreulichsten von dem. was sich heute hören lästt. ES ist die Eigenart des echt künstlerisch Leichtsüstigen. der vollendeten Slnsprägnngen solcher Stimmimgen. wie sie speciell durch ein Verbinden menschlicher Liebesgefühlc mit zarten Natur- eindrücken entstehen. Selbst das ernsteste Stück, Kellers„Rosenwacht", geht mehr in das„Sinnige" als in das Tiefgreifende; seinen Aus- druck findet anch dieses Stück mehr in der Gesamthaltung als in der Charakteristik des Einzelnen; interessant ist namentlich sein Wirke» durch häufige Verzögerungen der Harmonien(Vorhalte und sonstige Wechselnoten). Dast Piken wie„Am fließenden Wasser" und„Mai- lied" zur Wiederholung begehrt wurden, liegt nahe. Im Ganzen verdienen Reisenauers neue Lieder jedenfalls, dast man sich mit ihnen noch näher beschäftige; ihre musterhafte Fürsorge für Anpassung der musikalischen Sinngliedernng an die dichterische kann freilich sofort einleuchte». Die Sängerin des Abends pastte, so viel wir dem Anhören dieses Schlustteiles ent- nehmen konnten, zu der geschilderten Eigenart der Lieder so gut, daß der Gesamteindruck als ein ganz einheitlicher bleibt, den man nicht eben durch einen andren ersetzt höre» möchte. Mit ihrer wohl- gebildeten, sicheren Stimme traf sie das Liebliche, Heitere, das kleine Wogen der Stiinninng sehr gut; und auch ihre Kunst ficht von einem kräftigeren Packen der Seele des Zuhörers ab. Im Technischen Verantwortlicher Nedacteur: Carl Leid in Berlin. mochten wir noch ein vollkommeneres Beherrschen der Atmnng verlangen. Geringere Gesangskräfte als diese verfehlen sich gerade im Atmen noch weit mehr, so dast man schliestlich des Mahuens überdrüssig wird. Die Sängerin Anna Lampe, die wir an demselben Slbend vorher borten, treibt allerdings die Anstrengung des Atmens so weit, dast sogar der ganze Körper mithüpft. Wenn die genannte Dame etwa ei» Jahr lang sich nach einem Ablegen ihrer Fehler(darunter auch des Unreinfinstens), ein weiteres Jahr nach Ansbildnng ihrer Tiefenlage und noch eines nach Erringnng eines eindringenden Ver- ständnisses gewichtigerer Stücke bemüht, so kann sie, zumal ihre Höhenlage schon jetzt ziemlich gut ausgebildet ist, noch eine ganz tüchtige Sängerin werden. Weniger gewichtige Sachen, wie zwei seltenere Stücke von Schumann und das von A. Jensen wunder- schon vertonte kunstvolle Gedicht Heyses„Murmelndes Lüftchen". gelinge» ihr schon jetzt mit einiger Gestaltungskraft. Zu wünschen wäre ihr anch eine Begleiterin, die nicht spielt, ohne vorher in das Wesen eines Stückes eingedrungen zn sein. Dast doch gerade im- vollkommene Mnsikerimien mit Vorliebe bekannte schwierige Werke (wie Beethovens C-moll-Variationen) wählen, statt sich durch Vor- fiihrung einer weniger bekannten Musik leichteren Charakters ein Ver- dienst zu erwerben!—&z. Technisches. — V o m S i m p l o n- T u n n e l. Am 9. d. M. trat auf der Südseite des Simplou-Timiicks Plötzlich eine ungemein starke Quelle aus den Gcsteinsmasseii hervor, die den ganzen Tunnel übcr- schwcmmte. Die dort beschäftigten Arbeiter mustteu sich flüchten; ebenso mußten die Bohrmaschinen usw. zurückgezogen werden. Man hatte schon seit mehreren Lüockien beobachtet, dast die Temperatur des Gesteins im Innern des Tininels bedeutend niedriger war, als sie nach den BorauSberechmmgeu sein sollte. Daraus innstte man auf starken Wasjerandrang schließen und konnte sich vorsehen. Wirklich hatte auch der Wasseistand in letzter Zeit zugenommen»nd also die Eewartimgeu bestätigt. Das Simplon-llnternchinen hat wegen deS ansterordentlichen Wasserreichtums des dortigen Gesteins mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen; obwohl erst die Hälfte des Berges durchschlagen ist, ist die änSfließende Wassermenge schon doppelt so groß, als bei der Gesamtdnrchbohrnng des Gotlbardtmmels. Anf der Südseite fliesten heule gegen öOO, auf der Nordseite 300 Sekundenliter ans. Eine so beträchtliche Wassermenge erfordert schon ganz bedeutende AbleitnngSanlagei!, die sich bei so starker Wasser- Vermehrung, wie bei dem Ausbruch einer neuen Ader, dem Sln- dränge nicht gewachsen zeigen. Die Erbauer hatten allerdings einen besonders starken Wasserziifluh bei 0240 Meter Tiefe vorgesehen, weil diese Stelle unter dem Slvinosee gelegen ist; nun ist der groste Wasseransbruch bereits bei 4300 Meter erfolgt, kann also noch nicht vom Slvinosee herrühre». Man hofft nun/ daß diese Zuschüsse aus größeren unterirdischen Wasscraiisammlimgen herrühren, die in kurzer Zeit erschöpft sein werden. Trifft diese Annahme jedoch nicht zu, so müssen kostspielige und zeitraubende Ableilimgsarbeiten vor- genommen lverden.— Humorististstes. — V e r s ch» a p p t. L a d e n b e s i tz e r(einem Kunde» zur Geburt einer Tochter gratulierend):„Ja, das kann ich mir schon denken: Sie hätten wohl gern einen Jungen gehabt, da bis jetzt nur Mädchen da sind.— Bei mir ist's anders: mir wäre, da ich lauter Jnngen habe, ein kleines Mädchen sehr erwünscht." lZu einem danebenstchenden Dienstmädchen, gejchäftsiuästig):„Was wünsche» Sie, Fräulein?" D i e n st m ä d ch en(glücklich verschämt):„'» kleinen Jnngen."— — D i c notleidenden B ä ck e r in e i st e r:„DvS kann si' guat anSwachseii mit dem Kornzoll! Recht viel kleana linua ma d' Semmeln nimma macha!"—(„Jugend.") Notizen. —„DaS Geheimnis", eine parodistische Scene von R u d. P r e s b e r, wurde von„Schall und Ranch" zur Aufführung angenommen. Von demselben Verfasser hat Wolzogen eine Parodie„Das Eichhorn", sowie P r a sch eine Pierrot-Koinödie „Herb st za über" für sein neues Hamburger Cabaret erworben.— — Shakespeares„Heinrich VIII" erzielte bei der Anfführnng im Hamburger S ch a u s p i c l h a u s einen starken Erfolg.— — Her m an» Vahrs Komödie„Der Apostel", die demnächst im Wiener B u r g t h e a t e r in Scene geht, spielt im zweiten Slkt im Parlament, was die Anwesenheit von etwa 300 Per- sonen auf der Bühne erfordert.— — Der Anthony-Pollok-Preis von 100000 Franks, welcher ausgesetzt war für die beste Vorrichtung, durch die eS erreicht wird, 1. Znsammeiistöste von Seeschiffen zu verhüten oder 2. bei solchen Zusammenstosten die Schiffe zu retten, oder 3. im Falle des Verlustes des Schiffes sämtliche an Bord befindlichen Personen zu retten, ist keinem der 328 Bewerber(darunter 70 auS Deutschland) zuerkannt worden.— Die nächste Nummer des UnterhaltuugsblatteS erscheint am Sonntag, den 20. Oktober. Druck und Verlag von Max Boving in Berlin.