Hlnterhaltungsblalt des ?!?. 209. Freitag, den 25. Oktober. 1901 Mach�ruck verbot«.) 33] Dvauf los! Roman von JonaS Lie. „Sie waren immer ihr Liebling!" sagte Frau Wahl,„und Sie hinwieder haben auch immer mit freundlichen Augen auf sie geblickt;— Sie haben mit mir ja vielemale von ihr ge sprachen.. „Gott stärke meine sündige Seele! Mit dem, was ich von ihr gesagt, könnte sie ruhig ins Himmelreich eiw gehen... was sie schon alles, so jung sie auch ist, geleistet hat!— Und wie sie ihr alles böse ausgelegt und sie stolz und hochmütig genannt haben... und so errang sie sich dennoch, gerade den andren vor der Nase weg, einen tüchtigen Kapitän!" „Ja, sehen Sie, Madame Wahl, darum hat Sara beim Fortziehen auch wieder an Sie gedacht mid gesagt:„Was da zurückbleibt, soll niemand andrer erben als die alte Walla!" Walla fuhr hastig empor und verneigte sich ein um das andre Mal:„Sagen Sie Madame Jühl, daß ich fast in die Erde sinke— ganz in die Erde hinein I— und daß die alte Madame Wahl, wenn sie tagsüber bei den Körben an der Straßenecke sitzt, ihrer gedenken wird in allem, was sie bei Gott ausrichten kann zum Segen für die Reise und für alles andre im Leben I— Ach, du mein, so dachte sie wirklich an ein armes Weib l... Alles, das Ganze, sagten Sic?" unter- brach sie sich plötzlich. „Es liegt alles in der Küche für Sie zusammengepackt. Bei Torgersen finden Sie den Schlüssel, und dort weiß man Bescheid." Walla begann wieder sich zu winden und zu drehen und in starken Alisdrücken ihre Dankbarkeit zu beteuern. „Setze» Sie sich nur tvieder nieder, Madame Wahl!— Sehen Sie, Sie verlieren ja ein Papierstück nach dem andern!" sagte Sicher und hob einige Stmnpfchen mit Bleistiftzeichen «ub Strichen ans. „Ach ja, Du mein,— das sind die Rechnungen! ... Ich saß gerade darüber, Herr Kapitän... sonst ver- liert man bald dies, bald das aus dem Gedächtnis l Die Gedanke» werden kurz, wenn mau alt wird I Da ist dieser Anders vom Semilitär... er sagte, er sei nur für sieben Pfefferkuchen schuldig, indessen... Böse Jugend in diesen Zeiten!..." „Arme, alte Walla I" dachte er, als er zum Hafen ging; „hartes Wetter verkrümmt den Baumwnchs I... Sie biegt und schniiegt und windet sich, um sich am Leben festzuhalten 1" 15. In den Jahren, tvclchc Rcjcr fern von Aafjord zugebracht, war wohl von den lichteren Verhältnissen der Welt ringsum mancher Sonncnstreifen auch in sein Heimatsbhgd gefallen; aber besonders zündende Macht hatte das nicht beseffen.— Der Fcnclschwauml war hier zu feucht und schimmelig, um Feuer zu fangen. Und eigentlich war die ganze Zeit über des Juhlbootes abenteuerliche Ausfahrt auf Heriilgsfang die einzige Be- gebenhcit gewesen, welche die Gemüter tiefer aufgeregt hatte, obgleich auch das in dem trügen Gewässer schließlich bloß eine kvastlose Deining blieb. Dieselbe hatte nur einen oder dcu andern Grübler unten am Fjordrand abgesetzt und im ganzen Bygd die dunkle Empfindung geweckt, daß anderivärtS Welt und Leben doch vielleicht Heller rmd leichter zu tragen feien,— ein Mißvergnügen, welches zur Folge hatte, daß mchrevc nach Amerika zogen. Als aber Rejer hier drinnen seinen Handel einzurichten anfing, da brachte er es in ein paar Jahren zuwege, daß mau vou Stavaugcr bis nordwärts nach Kinn wußte, es gebe einen Fischbaas. Namens Rejer Jansen Juhl, der den Hering im Meer förmlich zu riechen schien und auf ihn losging wie ein Walfisch. Immer der vorderste, immer in Thätigkeit, rücksichtslos und tolldreist jede Art von Wetter und jede Möglichkeit ausniitzend,— so hatte er abwechselnd verloren und gewonnen, gewönne» und verloren, im ganzen sich aber so Vorgearbeitet, daß er nun zwei, drei eigne Watnctzbctriebe mit ihren Vorn:eistern an der Spitze und außerdem Anteil bei verschiedenen andren besaß. In den Fjordgemeittde» nannte man ihn allgemein nur den Heringskönig. Die verschiedenen Packhäuser, die sich nach und nach im Aafjordsande erhoben hatten und manches andre im Bygd droben bewies, daß unter den Leuten hier mehr als ein runder Schilling am Hering Ivav verdient worden. Der Heringskönig wohnte nicht auf dem Hammernäs; dort saß nun seine Schwester,'die verwitwet worden; er hatte sich im Hamniervig ein neues Haus mit blauen Dachschiefern und zwei große, schöne„Seebuden"(Lagerhäuser) davor er- baut. Letztere standen am Strande unten, rechts und links von der Landungsbrücke. Das eine enthielt die Garne und Watnetze, welche wie Wände von dem Dachgerüste hingen; im andern, der Suljerei, lag Boot in Boot— das kleiiiere im größeren, so lvie man Schale in Schale stellt. Vor den. Gebäuden herrschte emsige Eile. Die Leute besahen und prüften allerlei Warp- und Dregganker und Trossen, die man beim Winterfang benutzen ru:d in die halb- ausgerüsteten Boote, die in etucr Reihe bei der Brücke lagen, hinabschaffen sollte. Ein paar Jungen von sechzehn und siebzehn Jahren halfen eifrig bei der Arbeit. Ter eine hieß Jan, der andre Jan Konrad,— den Namen des Vaters, der heute ungeduldig lvie ein Türke in seiner Stube auf und ab ging und welcher schon alle Leute auf dem Hofe zum Strand hinäbgetrieben hatte.— seinen Namen errät der Leser. Ilm Weihnachten, wenn die Heringszeit nahte, ging er einen wahren Berserkerschritt: übte das Mi eis Volk und die Boote und hielt Nachschau und sandte„Expresse", wohl sieben, acht Meilen weit hinaus an die Meeresküste, nni die Nachrichten aus erster Hand und ganz frisch zu erhalten. Eine solche Nachricht hatte heute ihn und den ganzen Hof außer Rand und Baird gebracht,— es sollte misgefahreu werden! Man sandte um die Fischmeistcr und die Besatzung, man machte den Proviant fertig... tausend Dinge I— Und barsch tönten und hastig die Befehle zu den Bevollmächtigten und den Leuten hinaus. Der Betrieb war sehr umfangreich. Das Wolltuch lose um den Hals geschlungen, die Peajack« aufgeknöpft, die Hände auf dem Rücken, so trieb sich Rejer in der Stube auf und ab. Der Gang war schaukelnd, die hohe Figur etwas zurückgebengt und ans dem scharfen, stark mar- kierten Antlitz lag heute eine Röte, ctlva wie sie eine Ohrfeige auf den Wangen zurückläßt. Es waren zwei höchst verschiedene Erscheinungen, die im Zinnner drinnen den Loden kreuzten, sich aber wohl hüteten, einander in die Quere zu kommen. RejerS Gattin war nicht so leicht in ihrem Konzept zu erschüttern... sie hatte so oft vorher solch' einen stururplötzlichen Aufbruch mitgemacht; so ging sie nun breit und solid und festen Fußes herum rmd ließ sich irr ihrer häuslichen Verrichtung nicht stören. „Lieber Rejer, wenn Du wartest, bis Weihnachten vor- über ist, wärst Du wohl immer noch einer der allerersten auf dem Platz I Der Expreßbote hörte ja gar nichts von Hering." „Hörte nichts?— vom Hering gehört; ob ich je so etwas gesehen! Dann rrrderten ja alle andrm gleichfalls aus I— Nein, schaust Du— aber das, was er sagte, roch nach Hering, das verstehe ich, i ch!" „Ach, Du witterst immer Hering! Laß die Lercke ihre Feiertage in Frieden geirießcu;— zu etwas andrem taugt nun der Aafjording nicht viel!" „Taugt nicht?— Nein— aber Gottes Gabe im Meere draußen ziehen zu lassen, ohne sie genug zu schätzen, mir auch nur die Hand auszustrecken und sie entgegenzunehmen— ja, dazu tangt der Aafjording!... Jul durchschwelgen, ja— und dann, wenn die Bicrtonne leer, dann ist für sie gemächlich Zeit,— das taugt ihnen, das!... Nim kommt aber der Hering zu- fällig früher und wartet nicht auf sie!— Ich werde sie lehren I Ich werde sie gerade klopfen, und wenn sie noch so krumm sind! Sie sollen den Hammer ans dem Nagel fühlen!" „Run ja. Du hast ja zu befehlen, Rejer I Was mich bo- trifft, so ist der Proviant bereit... Ihr habt ihn nur z» holen!" „Fertig... alles?" Er schaute sie etwas verblüfft und fast zweifelnd an. „Ah, so viel habe ich Dir schon ein paar Tage lang angemerkt, daß Du auf die See hinaus wolltest— ob nun der Expreßbote so oder so sagt!" Innig vergnügt drehte Rcjer sich auf der Ferse um und rieb sich die Hände. „Das>var prächtig, Sara!... prächtig, sage ich Dir... mindestens drei Tage erspart! Das ist eine Hausfrau! Hättest Fischmeister werden können, wenn es notwendig gewesen wäre I... Prächsig, prächtig!" „Ja, nun habe ich mit allen Weibern für Dich gebacken und gebraut und gearbeitet und habe die Julvorbereitungen dahinstehen lassen; da bist Du doch zufrieden I" „Freilich bin ich zufrieden!" „Nun, siehst Du, Rejer!-- Nun folge mir aber auch in etwas I" »Also!" „Ich will nicht, daß Jan Konrad dies Jahr mit auf Fisch- fang geht, wie Du erwähnt hast." „So?— Er soll aber gerade mit!" „Ueberlege doch I Er wird erst nächstes Jahr sieben- zehn; der Bursche ist fast drei Ellen hoch und gar nicht stark!" „Ach, er ist stark genug, ganz stämmig; wenn er nur nicht daheim herumtreibt und verzärtelt wird!" „Ich brauche ihn zur Hilfe in der Wirtschaft; hier ist genug zu thun, das weißt Du I" „Jan Konrad— soll— mit!" sagte Rejer mit ge- wichtiger Betonung.„Ich begehre von ihm nicht strenge Arbeit, aber mit soll er! Er muß anfangen, zu sehen und zu lernen, damit, wenn mir etwas zustößt, kein solcher Grün- schnabel von hier ausfliegt, wie ich selbst einer war." Sara ging zu ihm hin, legte ihm die eine Hand auf die Schulter und strich ihm mit der andern über die Wange. „Gieb mir den Jungen noch dieses Jahr, im nächsten magst Du ihn nehmen!" „Wußte ich es nicht, wüßt' ich's nicht, wüßt ich's nicht! Immer hast Du etwas im Hinterhalt... bei Dir ist alles Kauf und Handel, Sara! Ich glaube, Du bist gewinnsüchtig bis in die innersten Herzfasern I Also darum legtest Du mir so glatte Rollen unter das Boot! Ich sollte es bezahlen— natürlich!" „Rede, so viel Du willst, Rejer! Diesmal laß aber mich schalten I Ich habe den Knaben allein in seiner Kammer sitzen und oftmals seufzen gehört. Jan Konrad ist schwach. sage ich Dir!" „Wie er auf einmal so gebrechlich geworden! Daruni schau nur, daß er etwas Warmes auf den Leib bekommt, denn mit soll er!" „Das ist nicht Deine wahre Meinung, Rejer! Wenn ich Dich, so wie jetzt, bitte!... Ich bin ja des Jungen Mutter I" Sie sagte es mit zitternder Stimme. „Ja, und ich bin sein Vater!" Er ging hastig auf und ab. Sara runzelte scharf die Augenbrauen. Ein achtloser Strahl hatte sich von ihrem schweren Haar über ihre Wange verirrt; es ließ sich nicht leugnen, es lag etwas Mächtiges in dieser Frau. lFortsetzmig folgt.) Meue Skvömttngvn im Dram«. Mit dem kleinen NealiSnuis des jiingstdeutschen Dramas geht eS zu Ende. Im Deutschen Theater, wo er seinen„klassischen" Aus- druck gefunden hat, war der letzte Winter eine ununterbrochene Reihe von grämlichen Mißerfolgcii. Ein Stück lvar immer kränklicher, blasser, ohnmächtiger als das andre. Von dem respektablen Ringen, das hilflos scheitert, weil cS mit zu großen Stoffen tummelt, bis hinab zum blödesten Dilettantismus ist»ms keine Nuance der Peinlichkeit geschenkt worden. Jmnier wieder nahin man den trostlosen Eindrilck mit»ach Hause: es will nichts mehr gelingen. Auch was wir bisher in der neuen Spielzeit sahen, weckt keine Zukunftshoffnunge». Halbes«Haus Rosenhagcu" ist eine recht farblose Arbeit, unter allen Umständen aber eine Arbeit, die mit den bekannten Mitteln den bekannten be- fcheidenen Wirkungen nachstrebt. Die„Hoffming", die augenblicklich im Deutschen Theater gegeben wird, ist ohne Zlveifel eine durchaus sympathische Dichtung, die wir gern gesehen haben. Sie trägt indes allzu deutlich de» Stempel: Nacks in Glennsn�; sie arbeitet mit den alten Mitteln, die noch iminer versagt haben, wenn «S einen großen Stoff zu chewältigeu galt. In Holland hat sie einen großen Erfolg gehabt. Uns Deutsche»» sagt sie nichts Neues und Weckt leine neuen Hoffnungen. Wir wollen natürlich nicht behaupten, daß von Hauptmann, Halbe, Hartleben nichts Gutes mehr zu erwarten sei. Wir hoffen sogar in ausgesprochener Weise das Gegenteil. N»lr hoffen wir nicht, daß irgend etwas geboten werden wird, das die bis« herigen Höhepunkte der Richtung erreicht oder gar über- schreitet. Eine Ausnahnie wäre vielleicht einzig mit Hart- leben zu machen, der künstlerisch in seiner Generativ»» iminer eine Sonderstellung eingenommen hat und darmn auch von einem allge- meinen Bankrott nicht so viel zu fürchten braucht. Ich erinnere zur Jllristration au seine feine Sprachbehandlung zu einer Zeit, als das Gegenteil Mode war; auch seine„Sittliche Forderung" hat beispiels- weise mit der Kunst Halbes und Hauptmanns wenig gemein. Von Otto Erich steht noch inuner zu erwarten, daß seinem grauen Rose»»- montag ein festlicher Komödiensonntag folgen wird. Worauf aber alles ankommt: die Mittel der jiingstdeutschen Richtung sind in ihrer Beschränktheit und Klemheit allseitig erkannt; sie fangen an peinlich empfunden zu werden. Die Gewißheit, daß wir nichts zu erivarten haben, als ivas»vir schon hatten, breitet sich aus und damit ist die Richtung fertig. Es können nur noch Episoden kominen. Die Empfindung, daß es so kominen würde, ging längst in iveiteren Kreisen um, auch im eignen Lager der Richtung. Die Ver- suche, über sich hinaus zu kommen, mißlangen indes und die Märch enn»o de, die ebenfalls der naturalistischcn'Müdigkeit entsprang, lvar ein Versuch, in dem Oberflächlichkeit, Spekulation auf das Schaubedürfnis des Publikums und unzulängliche Mittel Hand in Hand gingen. Es lag kein künstlerischer Emst dahinter; das Ganze war schließlich eine Spielerei. Neuerdings beginnen aber einzelne Talente ihre eignen Wege zu gehen, denen nian»»ehr Bedeutung beilege» muß, schon»veil sie im Dienst der Kunst stehen und nicht in» Dienst des Publillims. Kurt Aram hat in seiner„Agrar- ko»nmissio n" eine politische Komödie geschrieben, die den» jüngstdcutschen Drama noch nahe liegt, ohne doch dazu zu gehören. Die Koinödie ist von der„Neuen freien Volksbühne" trotz unzulänglicher Besetzung mit besten» Erfolg aufgeführt worden; auch in München ist sie über die Bretter gegangen. In»„Deutschen Theater" scheint»nan sie nicht bemerkt zu haben, obivohl sie besser ist, als das meiste, Ivas ii» den letzten Jahren dort gespielt worden ist. Vielleicht niuunt in Berlin die„Freie Volksbühne" das Stück wieder ans. Sie besitzt ja glücklicherweise die Mittel, eine tüchtige Aufführung herauszubringen. Kurt Aram hat dann in einen» zweiten Drama noch entschiedener »uit dein HauptinaunrealiSlnus gebrochen, ohne doch den Realismus zu verlassen. In seine»'»„ A n a n i a u" macht er den Versuch, endlich einmal wieder einen Helden ans die Beine zu stellen und findet dabei tragische Töne, die in der Litteratur keineswegs häufig siird. DaS Stück spielt in» Orient, und die Frenidartigkcit des Milieus wird wahrscheinlich die Aufführung erschweren. Nichts- destmveniger soll es, wie ich zu wissen glaube, in Prag gespielt »verde»», was unter allen Uinständeu n»it Freuden zu begrüße»» ist. Unter denen, die den»»»odernen Realismus treu bleibe»», dabei aber»nit dem RealisinnS Hanptinauns brechen,»vird man naturgemäß danach streben, das Menschliche in den Vordergrund zu stellen und das Z n st ä n d l i ch e fallen zu lassen. Menschliche Offeilbarungen, die ans einem reichen Jnneuleben stammen, sind a»lf der Bühne imnrcr neu. Milieudramen ermüden ans die Dauer; sie sehen einander zu ähnlich. Nebe» denen, die den» niodcrnen Realisums treu bleiben, gehen einzelne, die zwar den Realismus nicht falle» lassen, »vohl aber»nit der modemen Welt brechen und sich der Romantik zulvenden. Ich denke hier vor allem an Herbert Eulenberg, der soeben bei Reclan» ein Drama „Leidenschaft" herausgegeben hat; aber auch Kurt G e n ck e scheint mir hierher zu gehören. Herbert Eulenberg ist ohne Zlveifel ein reicher Poet,»vic sich seine dramatische Entlvicklung nun auch inuner gestalten möge. Seine letzte Dichtung ist die reichste und beste. Einzelne Sccncn sind von einer fast seltsamen Stimmnngs- fülle. Vielleicht verliert er sich mehr in Stinuiunigen, als für einen Dramatiker gut ist. Es scheint»nir etivas von einen» Balladen- dichter großen Stils in ihm zu stecke». Jedenfalls sucht er häufig die Stimmungen und Stoffe, die gerade der Ballade eigen- tümlich sind. Die Sprache, die z»i»ächst etivas kraftgcnialisch lvar, ist ruhiger geworden, ohne doch an Vedentnng zu verlieren. Die Charaktere sind lebendig und»nit großer realistischer Kraft ge- schildert. Er erinnert solvohl in seiner romantischen Art»vie in seinem Stil a» Shakespeare. Ohne Zlveifel schreibt er aber dabei seine eigne Handschrift. Hier ist vielleicht der Ort, einen Irrtum zu zerstören, der mir heute in der L»lft zu liegen scheint. Die Situation bringt es»nit sich, daß man zu den alten Meistern eilt, nachdei»» man sich au den Modernen übernommen hat. Den» Hirschfeld-Ekel folgt sehr leicht die Shakespeare-Sehusucht. So begreiflich das ist, so ge- fährlich kann es»verde». Es verführt leicht zu der Annahme, als ob nian die Größe erreichen könnte, indem»»»an den großen Stil der Alten kultiviert. Daraus kann bei schivächcren Talenten ein Epigonentum»verde«, gegen daS der moderne Klein- realismus angenehm Iväre. Aber auch starke Talente »vie Elilenberg erreichen schließlich auf diesem Wege das Ziel nicht. Ein großes Drama etlva im Geiste Shakespeares ist heute gar nicht möglich. Wie kraftvoll das Talent auch »väre, daS� eS gestaltete, es würde unser»»,»odernen Bewußtsein fremd bleiben, panz abgesehen davon, daß es immer den Schatten deS Riesen Shakespeares heranfbeschivören und so schließlich doch epigonenhaft ivirken würde. Die Größe ist keine Frage des Stoffs oder des Stils, sondern eine Frage der Be- trachtung, der Auffassung, der Weltanschauung. Das Schicksal eines Berliner Schusters kann, unter hohen Ge- fichtspunkten betrachtet, so gut groß sein wie das Schicksal eines historischen Helden. Auf die Betrachtungsweise, ans die Weltauffassung konimt alles an. Ohne moderne Wcltanf- fassung giebt es keine moderne Größe. So notwendig es also ist, die neuen Shakespearianer zu beachten, so notwendig' wird es sein, ihnen zu sagen, daß es mit Shakespeare-Nomantik nicht gethan ist. Auf diese Weise ziehen wir uns zurück, fliehen das große' Problem, aber wir lösen es nicht. Der Weg von Hauptmann führt nicht in entlegene Zeiten zurück. Wir müssen vorwärts.— Erich Schlaikjer. Kleines �euillekon» ib. Die Erben.„Eigentlich wundere ich mich doch, daß sie kein Testament geinacht hat," Frau Lncie schüttelte den hübschen Kopf,„nein wirklich, sie hat doch gemußt, daß sie sterben muß. Könnt Ihr das begreifen?" Sie sah von ihrem Manne zu ihrer Schwester hinüber, die zuckte die Achseln:„Wundert mich gar nicht. Ist ja immer dieselbe Sache, so'ne Menschen machen nie'n Tcsta- inent. Die erst recht nicht. Morgen, jawohl morgen, und aus Morgen wird jedesmal übermorgen, bis se da liegen und alle Viere von sich strecken." „Ich vcrsteh's aber doch nicht." „Jott, sei doch zufrieden, daß sie kcins gemacht hat." Der Mann wurde beinahe grob.„Wenn sie eins gcniacht hätte, könnten Ivir nnt der Gnstc teilen." „Ja, das könnten wir allerdings." „Wieviel hat sie denn eigentlich hinterlassen?" fragte die Schlvester. »Vierzehntausend sind's wähl?" „Na ja so ziemlich und dann noch die Wirtschaft." „Jott, der olle Krempel ist nicht viel ivert. Hinstellen könnten Wir uns allerdings nichts davon. Die Mahagonimöbel zwischen unsrcn Möbeln nach deutschein Stil, das gäbe ja ür Bild." Frau Lucie lachte:„Aber gut erhalten ist alles, dafür hat die Guste wirklich gesorgt. Daß die Hausfrau vier Jahr krank war, merkt man nicht." „Hat wohl gedacht, sie sorgt für sich." Die Schlvester zog ein spöttisches Gesicht. Frau Lucie überhörte den EiMvurf.„Ich habe zu Franz ge- sagt, Ivir wolle» den ganzen Kram verkaufen. Hundertfünfzig Mark bekommt man schon für, und vielleicht unter der Hand noch mehr. Dann legen ivir noch'n paar Hundert zu und kaufen uns'ne neue Saloneinrichtmlg für. Ich weiß mir noch nicht, ob wir Eichen- oder Nußbaumholz nehmen." „Eichen," sagte der Mann.„Eichen ist eleganter—*. „Ja, das finde ich auch," die Schlvester nickte,„Gott, wenn Taute Lotte wüßte, daß Franz nu alles kriegt, die drehte sich im Grabe um." „Ja, das thäte sie," Frau Lncie lachte auf:„olle Geizpelle. Gönnte einem nicht's Schlvarze unterm Nagel, und warum? Bloß weil ich nicht alle drei Tage hingelaufen kam: was machst Du denn, Tante, wie geht es denn, Tante? Nein, weißt Du, das konnte ich nicht, die Krankheit war zu gräßlich I Und lvenn man hinkam, klöhnte sie einem lvaS vor." „Was macht denn nun eigentlich die Guste?" fragte die Schlvester. „Die? Ach die siht und heult I" „Läßt sich denken,»u hat sie lvohl gedacht, sie bekommt'ne große Erbschaft, und nu ist eS nichts." „Ach nee, darum ist es der nicht," Frau Lncie goß sich noch eine Tasse Kaffee ein.„Nee wirklich, daran denkt die Guste gar nicht, das ist ja so'n dnnnnes Schaf, die grämt sich wahrhaftig nur um Tante Lotte, und daß sie die nun nicht mehr pflegen kann. Auch 'ne Leidenschaft." „Na ja, nun war sie zlvanzig Jahre bei ihr, da gewöhnt sich der Mensch schon an lvas, auch an's Krankenpflegen. Was wird denn übrigens ans ihr?" „Weiß ich nicht. Ist mir auch sehr schnuppe I" Frau Lncie strich sich eine Bntterseinmel. „Sollen ivir sie uns etlva ins Glasspind setzen?" fragte der Mann. „Als Nippesfigur, ja— ," Frau Lncie lachte auf, dann nahm sie plötzlich eine ernsthafte Miene an:„Ich habe aber doch gesagt, wir wollen ihr fünfzig Mark geben, anständig muß man sich doch zeigen, schließlich hat sie Tante zlvanzig Jahre gedient, etlvas Rücksicht muß mau da schon nehmen." „Ja. besonders, lvo Franz Kirchenrat ist," stimmte die Schwester bei; gebt ihr schon fiinfundsiebzig Mark, Ihr könnt es ja und habt keine Nachrede." „Na, für die kauft man sich schließlich lvas." „Ja, das wäre das wenigste—, die hat man doch—" sagte Frau Lucie.„Wie ich gestern in der Wohnung war, kam ja schon die Wirtin herauf, um lvcgen der Kündigung zu sprechen, aber eigentlich machte sie nur allerhand Redensarten. Wir lvnrden doch an die Gaste denken und die Gaste hätte doch Tante fo treu gepflegt und die Tante hätte immer gesagt, sie sollte'n paar Tausend Mark bekommen und die Wirtschaft; na, allerhand solche Winke mit'm Zaunpfahl, ich Hab' gethan, als versteh' ich's nicht." „Wir werden dem Mädel die ganze Wirtschast gellen," brummte der Man». „Nee, das thät' ich auch nicht," sagte die Schlvester.„Sie hat Tante Lotte gepflegt, na ja. sie hat ja aber auch ihren Lohn dafür bekommen. Gebt Ihr jetzt fünfundsiebzig Mark, dann hat sie genug." „Aber reichlich I Und die Möbel werden verkauft; bloß, weißt Du, lvas mir eben einfällt?" Frau Lucie klopfte ihrem Mann auf die Schulter:„Den Krhstallspiegel behalten wir. Der ist prachtvoll, solchen breiten Glasrahmen hat er"— sie zeigte—„'n Trödler giebt einem drei Mark für, weil er unmodern ist, und bei uns hängt er als Altertum. Ja und was machen Ivir eigentlich mit der Wäsche?" „Ist so viel Wäsche da?" fragte die Schwester. „Zwei Schränke voll und prachtvolle Leinelvand; das Tischzeug nehme ich ja für uns. Aber gerade die Leibwäsche—" „Verkauft sie doch", sagte' die Schlvester. „Was bekommt man denn dafür?" „Alte Wüschet Zlvanzig Mark giebt einem der Trödler, mehr doch nicht I Nein, aber, wißt Ihr, ich Hab'ne Idee." Fran Lncie sah zu ihrem Man» hinüber:„wir geben sie der Guste. Ja, das ist ausgezeichnet. Fünfundsiebzig, lvöllten ivir ihr bar gebe», nun geben Ivir ihr einfach dreißig Mark und die Wäsche,'s Bett, lvodrin Tante gestorben ist, kann sie ja auch noch kriegen. Denn hat sie zehn Thaler und'n Bett und'ne Aussteuer, denn soll sie aber wirklich nicht sage», daß wir nicht furchtbar anständig sind."— ck Die Zunahme der Trunksucht nuter de» Dame» der cuglischei» Gesellschaft. Ein Beobachter schreibt im„Manchester Guardian": Während die Trunkenheit unter den Männern ab- genommen hat, ist kein Zweifel, daß sie bei den Frauen zunimmt. Vor einigen Jahren hielt Lady Frederick Cavendish einen Vortrag über die Trinkgelvohnheitcn moderner Damen, worauf sie heftig kritisiert wurde. Und doch habe ich selbst genug derartige Tragödien gesehen, die die leidenschaftlichen Reden der Temperenzler rechtfertigen. Eine Dame, die einmal neben mir am Büsfctt stand, sagte:„Dieser Champagner schmeckt wie Wasser. Thun Sie mir etwas Brandy hinein". Eine andre, die ich gekannt habe, wurde tanniclnd von ihreni Gatten und ihrem Sohn aus einem Ballsaal fortgeführt. Eine andre, die Frau eines Freundes von mir, war am Totenbette ihres Gatten total betrunken. In den meiste» dieser Fälle hat der falsch aufgefaßte Rat eines Arztes den Anfang der Berirrnng gebildet. Eine zarte Dame, die ein Leben ewigen Tumults lebt, das zweimal so viel Kräfte beansprucht, als sie besitzt, bekommt den Rat, ein Glas Portivcin zu trinken, lvenn sie zusammenbricht, oder sich eine Flasche Brandy in ihrem Toilettcnkästchen zu halte». Sie folgt der Vor- schrift, fühlt sich danach besser, steigert den Gebrauch, ver- läßt sich darauf und verlangt danach.„Der Liest ist Schlveigen". Die große Vermehrung der Franenklnbs hat, wie ich glaube, zu dem- selben Ergebnis beigetragen. Eine Frau, die es sich erst zweimal überlegen würde, ehe sie an ihrem eignen Tisch eine ungelvöhnliche Menge Wein verlangt, wird beim Speisen im Klub, wo sie un- beobachtet und unbekannt ist, durch Geivisfcnsbisse nicht fbeunnihigt. Ein Arzt mit einer großen Praxis im Westend Londons sagte einst: „Wo das Wirtshans Taufende erschlägt, erschlägt die Konzefsion des Koloniallvarcnhändlers Zchntansende". Es ist für ein Mädchen, dem man vertraut, so schrecklich leicht, um die Ecke zum Kaufmann zu schlüpfen und unter dem Mantel, der so viele Sünde bedeckt, eine Flasche Sherry zu tragen.— Litterarisches. �n. Hermann Heijermans:„Tri nette". Roman. Autorisierte deutsche Nebersetzung von R. Rnben. Berlin. S. Fischer.— „Trinette" behandelt die Gcscknchte eines Mädcheulebens, das in der Großstadt zu Grunde geht. Wir haben es mit einem jener rcalisti- scheu Romane zu thun, die mit photographischcr Treue arbeiten und die mitunter zu viel des Guten an Kraftivorten thun. Nicht nur Gesicht, Gehör und Gefühl zivingt der Autor in den Dienst der Lektüre, sondern er sucht auch durch Häufung von be- zeichnenden Beiwörtern auf den Geruchs- und. Geschmacksinn einzu- lvirken, lvodurch freilich bei manchen Stellen des Buches Effekte erzielt werden, die nicht gerade angenehm sind. Was an den: Buch fesselt, ist die plastische Heransarbeitnng der einzelnen Personen und jene gedrängte, kräftige Schreibweise, die auf eine starke Persönlich- leit schließen läßt, die einen großen Schatz künstlerischen Könnens zu vergeben hat, und sich dessen belvußt ist. Ein Stück Artisteuleben in der belgischen Hauptstadt. Ein siebzehnjähriges Banernmädchen, Trinette, das der Hunger nach Glanz und Genuß in die Stadt getrieben hat, geht dort zu Grunde. In der Stellung als Bonne, die sie in einem Vorort Brüssels an- genommen, hält sie es nicht ans. Die große Stadt ist zu nahe und ihre Verlockungen sind zu gewaltig für den schwachen Mädchcmvillen. Sie wird die Geliebte eines Ringkämpfers, der sie durch die dumpfe Atmosphäre der Cafe chantants und Spielhöllen schleift, sie auspreßt und aussaugt und sie schließlich verläßt. Das bißchen Stinime, das eine Chaiisomiette braucht, ist bald verloren. Trinette geht auf die Straße:..Nach Jahre» sieht ma» i» der gute» Stadt Nokterdaur, xur Zeit der»ffeuiliche» UitSheliilug der Mei'.schen—»icui■muß das wissen, weil es auch eine Aushebung der Tiere Hiebt— eine ans- geputzte Frau,«nt eine««erlebten, bepudertc» Gesicht, aus der Hoogstraße. Die Erwachsenen sehen ihr nach. Die tliuder«er- höhnen sie." Mit diesen Schlußsätze» entläßt Hcijeriuans den Leser; er weiß, daß er»n ihm Liebe und Mitgefühl für die im Schinutz der Straße LZerlommcue erlvcckt hat.— Musik. L o rtz i n g-Fei e r. Albert Lortzing hatte in seinem nicht ganz 50 jährigen Leben die Leiden des deutschen Künstlers so durch- gekostet wie nnr jemals einer. In dem seither vetflosscuezi halben Jahrhundert haben sich seine Opern, zumal in seiner GeburtSstadt Bcrlm, in den Herze» des Publikums und der Theaterdirektoren so eingewurzelt, als sollte eine alte Schuld ins Unbegrenzte hinein ab- getragen werden, Thatsächlich liegt dies sozusagen«m der Hnnd- iichkeü seiner Werlo. Sie besitzen so hohe» Kuusiwert, daß ihre Be- wunderer und Austithrer daran stolz ihren ciguen Kunstsinn zeige» können, und besitzen doch wieder so viel gewöhnlich Unterhaltendes und verhältnismäßig Müheloses, daß man mit ihuen nicht zu biel riskiert. Auch sie sind ein Denkmal jener Biederzeit, die ihre großen Geister im Bari» einer kleinen Beschräulthcit hielt— einen Naimniid im Wiener Schauspiel, einen Lortzing im uorddcnlschen Mustkfpiel. Sie ragen daratrs wie so vieles in unsre Zeit herein, diese biederen, warmgesnhlten Verivechslnngs-Lustsßiele mit den manchmal bis z«r allerhöchsten Höhe reichenden musikalische« Bestandteilen. So ist mau iu Theatern wie den Berlinern Opernhäuser» mit Lortzing nahezu übersättigt; und sein Hunderter-Gebmts- jnbiläum, 23. Oktober 1»01— 1901, ließ de» Theatern nicht viel Gelegenheit zn anszer-gewöhnlichi» Anstrengimgen übrig. Solche An- strengimgen liegen überhaupt nicht im Zuge der Berliner Opern- theater: das Privatthraier des Westens hat dazu nicht die Mittel, und das königliche Unter den Linden hätte sie reichlich, briiiitzt sie aber nicht. Eigne Gedanken zu haben, produktiv zu sein, Produktion' zu sördeni, das überläßt man den relativ nn günstiger gestellten KÄIegimien an der Donan, Isar und Elbe. Hätte aber ctiva unsre Königliche das Echlagtoort ausgegeben:„Wir machen die Mode des Kalender- zählens nicht mit und lvifsen die Kunst besser zu pflegen"— gut. das wäre ein im Vcrhälttns zur Gchimkraft«nsres tvcltberü hinten Opernhauses großartig prodrtttiver Gedanke gewesen. Doch«na» kündigte eine Lortzing-Feier als Beginn eines Lortzing- Eyklns an. Gnt, auch das ist recht, und wenn schon, dann war davon auch etwas Besonderes zu erwarten. Wir opferten diesmal den Besuch des ebenfalls fnbkläums- srendigen Westcn-Theaters und hielten inis ans Centrum. Air- strengiing hat der Gedenktag weder dem Theater noch uns gemacht. Man nennt Lortzing-Cyklns, was eben ein Weiterspiimcn des Alltags ist. Sehr viel läßt sich dabei überhaupt nicht machen. Aber das wenige, was dabei andrrn eingefallen wäre, daS ist hier niemand, höchstens noch dein Tenorbnsfv Herr« Li«ban eingefallen. Die Ausführnng von Lortzingß erster größerer Oper. D i e' S ch n tz e n" war dre richtige ziemlich gute Leifiniig im ganze», mit einige» m,s- gezeichnrteii Mnzelleistuiigen. Nicht die Scruste Festes-Erhtlnmg. auch nicht durch Renßerliches, woran es ja jenem Theater am wnngsten! fehlt I Nicht einmal der Theaterzettel regte sich so weil auf, daß er etwa den Dirigenten(Dr. Muck) und de» Regisseur �enarort. hätte. Indessen ist ja 01? das nicht nötig: Lortzing füllt auch ohne das»ach lvie vor die Kaste» mid das Ansehen der Theater. Und andrsrsests ist er dein Publik, nn vwtnnit genug, daß wir uns hier auch ohne biographische Mitteilungen eine Jnbiliinmsstnnnnnig leisten können. Ohnehin kommen wir wohl eher dreimal in die belegen- heit, wieder ein Wort über Lortzing sagen zu köuue», als e i» mal in die Gelegenheit, von den Linden aus über produktive Thaten be-' richtet, zn können.— sz. Anthropologisches. — U« b c r die germanisch« Nasse»rein heit der «ordsch wedischen Dalbewohner(Dalekarlicr) machte öw Ethnograph Professor Öl e(5 in 8 in der letzten Mouatsversanrinlimg der„Antropologista sällskapet" zn Stockholm eine Neihe iirteresiantcr Mitteilimgen. Di«„M. Allg. Ztg." berichtet hierüber: Profcffor Retzins hat im Lanfr der letzten Jahre vergleichende Untersiichungen über die Nasse-Eigciiheitc» und Körperbildnug bei den verschiede»«! Gevölkerungsgruppcn Schwedens angestellt. Di« einfchlligtgen Studien erstreckte» sich soivohl auf die ländliche Bevölkerung in de» einzelne Distrikten, ivie vor allem auch auf die zum Militär- dienst ausgehobcueii Wehrpflichtige». Die Zahl der letzteren, nwlchc Prof. Rctzius gemeinsam mit dem Lmrdenser Anatomen Prof. Fürst näher untersuchte, belief sich auf rund 4ö g0<1 Jichividue»« Die an- gestellten Vergleiche ergaben, daß die Beivohurr der uordländüchen Provinz Dälarne(Dalekarlie») unter den schwedischen Bevötkerungs- grrippc» die relativ größte Reinheit dcS alten germanischen Stag»- typs brtvahrt haben. Ilanientlich im Umkrcise des SeeS Eiljan, im Mitlelkauf beS Dal-Elfs, und dort Vorzugs- weif« wieder im Gebiete der Gemeinden Floda, Leksnnd, Rättvik, Orsa n. a. ivieS die bäuerliche Bevöllernrig Verantwortlicher Redacleur: Carl Lekd In Verliu. eine hervorragende Gleichförmigkeit in der GesichisbikdunZ und all- gemeinen K-ärpercutwicklmig auf. Prof. Retzins glaubte jedoch an» nehmen zu uiüsseu, daß die Kopfsonn der Dalbctrwhner, welche fast ausschließlich curf dolychocefchale(laugiöpfigcjSchädclkonstrnktion hm» wies, im allgemeine» zwei Varia uteu erkcmien laste, nämlich ein« Gruppe nül breiterer und eine andre mit schmaler Gesichtsfläche serstere im Lelsirud-Beziicke, letztcvc hauptsächlich im Woragelnet an» zutresseii). Im übrigen waren bei beiden Gruppen die eut» scheidendeu Rqgethpt völlig die gleichen. So zeichne» sich die Dal» beioohncr überastistimmeiid durch lichte Haarfarbe, hellblmie oder sinhlgeaue Augen, gerade Nase und zurückAeueigte Stirn aus; seruer überschreitet die Korperlänge stetig das ivgeuamite Mittelmaß und läßt sich im Dnrchschuiit auf 1,70 Cttitiweter angeben. Allan Dal« Bclvohncrn ist große Freimütigkeit mrd offene Ehrlichkeit des Aus- treteus sige», donel«« auch stark entivickcltes Selbstgefühl und ausgeprägter Sinn für Humor(Muttcrivitz). Als Ursache für die teilweise abweichenden Eigenschaften nud Merkmale der Dal-Rasse betrachtet Professor Netzins vorzugsweise die entlegene Lage der Provinz Dälarne und die Abgeneigtheit der dortigen Bevölkerung, mit den übrigen Teilen des Landes in lebhaftere» Konnex zu treten.— Meteorologffches. — Der berüchtigte Londoner Nebel, der so lange als eine nuabweudbare Fügung des Geschickes schimpfend hingenounnen worden ist, hrit nun auch die läiigst« Zeit unbeobachtet fein wider- wärtßws Spiel getrieben. Was da? Jmninem und Schunpfen der Be» wohner Londons nicht vermocht, hat, lvie der„Köln. Ztg." geschrieben wird, das Dränge» der elektrische» Industrie zu stände gebracht: Der Nebel ivird unter die Nistsicht der Fenerloich-Drigade und der Polizei gestellt, und es sollen Erhebungen vevaustaltet Kl erden, um ihm hinter die Schliche zii kommen. Wie es scheint, hatten die elekrnschen Gefellschafte» sich an das meteorologische Bureau gewandt, um eine möglichst genaue Nebelprognose zu erhalte», da die allgeinciucn für London und Süd-England im ganzen lautenden Prognosen für den höckstt zrilleiihrstt und ohnie-ersichtlichen Grruid bald dier, bald dort aiistretenden Nebel nicht ausreichten. Dir niulliisteu Wetterpropheten erklärten indesse», daß ihneu die Geld- und sonstigen Mittel fehlten, um die ausgebe hüten und gründlichen Erhebungen zu veranstalten, die einer wissenschasllicheu Ölabelproguose als lbrtcrlagc dienen müßten. Sie waren indessen-mich mit praktischen Aatschlägen bei der Hand und ■iMUldte» sich an den Londoner GrasschaftSvat, der das ganze Gebiet für diescNebelbaobachtuugenlwherrscht, mit Vorschlägen, wie vorchmden« Cinrichtllngcn �n dicscin Ziveckc nutzbar zu machen seien. Dabei wurde zunächst ciuf die MUtelfmutte der Fencviöichnbtcilnuge» hingewiesen. Der Letter des Londoner Löschcorps und sämikicheM.muschafien cnt- stainiucu bekanntlich dem Dtcrist« der Kriegsflotte und sind daher durch ihre frühere dienstliche Ausbildung mit der Art und Wcisez wie mrteodoJoistsche Aufnahme,! nud Beobachtvngeu zu machen sind, vertraut. Außer der Loschbrigade soll aber auch wenigstens ein« Anzahl Polizeistatiouen zn diesen Deobachhuigen hermigezagcu iverdcn. Damit die Sache ganz regelrecht und shsteniattsÄ die trieb est ivird, hat der Ausschuß des Grasschaftsrats einen Plan mis- gearbeitet, der die ganze Aebelbeodachttlng dem meteorolo- gifchen Bureau nntcrsiellt nud ihiu dir Bestellimg eines wisicu« schaftlich dazu befähigten Beamten für eine zu begrenzende Zeit überläßt. Dieser Rei'clinspekwr soll de« Beobnchtnngsptau mid die Weisungen für die riuzelneu Stationen nnsmbeile» nud die�Beob- acht» ige« selbst leiten. Dafür beantragt der Arisschnß, eine Summe von 250 Pfd. Sterl. ausznn>erfrn. Mit der Bestellung cincS solchen Rebettnspellvrs wäre d«mi ei» Anfang gemacht, der zu großen Dingen führen sollte. Wer die englische Hauptstadt dahin bringen könnte, daß nicht nnr Fabttken, sondern auch Privatleute �nötigt wären, den Kohlendainpf, der heute dick und schwarz nnS imzähligeu offenen Kaminen alststeigt, ziun größten Teil ivemgfteas zn ver- brennen, der ivnrde sich als Wrchlthiter seiner Mi Würger ein großes Denkmal verdienen.— �lunioristnettegi. — Militärische Geheimnis s c.„An schön Gmaß an die Frun Hanptuiann und der Herr Seittiambt limirrt«et zum Essen."—„Hat er sonst inchts gesagt?"—„G'sngt hat er so, ist noch, er war' froh, daß er Dienst hält, mit dem schnndig«, Schlau geusratz thät er sich bo' bloß den Magen verstauche«.'— — WnS sie sagen. Die Brennessel:„DaS kann nur ehi'Esel fein, der inich frißt."— De r Kl« h:„D«S bcmcci lange, bis man Ivicdcr einmal ciiie» guten, nnverfästchte» Tropfen findet." Der Mohn: ,„Ju meine»» Kopf steckt halt was I Scheper» thnt'S wenigstens immer."— Der Kohl:„Ich iverde mehr gesprochen als gegessen."— DerWe errettig:„Ich bin doch ein geriebener Karl."'— Der Lorbeer:„Aus China hat«»ich leiner geholt."— Di« Lilie:„Mir glaiibt's auch schon bald nieniaad mehr."— — Neuer 31 11 Hin.„Wie finden Sie den Bar'on?" „Origmell." „Den? Ja. was ist denn an dem Originclles V „Daß er nicht beim tletnnürettl ist!" („Ingend.") Die nächste Nimimer des Untcrhaltingsb lattes«rfchemt am Sonnong. dar 27. Oktober._ Druck Nirt» Verlag' von Max Bading in Berlin.