Hnterhallungsblatt des vorwärts Nr. 213. Donnerstag, den 31. Oktober. 1301 (Nachdruck verbo!:».) 2] Cvc�. Noiuau vo» Bret Hcirte. Ein paar Stunden später, als die Schüler entlassen wurden, bemerkte der. jugendliche Schulmonarch, daß Octavia Dean an ihrem Platze zögernd verweilte. Ihr in die mut- willig blitzenden Augen schauend, entsprach er gutmütig ihrem Erl v arten und kam auf ihre Neuigkeit vom Morgen zurück. „Ich glaube, Fräulein Mc 5iinstry sei schon verheiratet," meinte er leichthin. Octavia schwang ihre Büchertasche gleich einem Näuchcr- faß. als wolle sie mit ihren eignen Arbeiten eine Räucherung vornehmen, und sagte ernst:„I, Gott bewahre, durchaus nicht!" „Es schien aber doch so," bemerkte der Lehrer. „Ich denke, sie hat's gar nicht gewollt, fuhr Octavia mit schlauem Augenzlvinkern fort. „Wirklich?" „Nein— sie hat bloß mit Seth Davis gespaßt— weiter hatte es nichts zu bedeuten." „Mit ihm gespaßt?" „Ja, Herr Lehrer. Ihn zum Narren gehalten." „�sum Narren gehalten? Einen Augenblick lang hielt der Lehrer es für seine Berufspflicht, gegen diese wenig mädchenhafte und frivole Auffassung des Verlöbnisses Protest zu erhebech allein ein zweiter Blick in das ausdrucksvolle Gesicht seines jugendlichen Gegenüber ließ ihn zu dem Schlüsse gelaugeu, daß er sich ans ihre instinktive Äcnntnis des eignen Geschlechts besser verlassen könne als auf seine nnvollkoiniileiim Theorien. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich zu seinem Pulte. Octavia gab ihrer Tasche noch einen Schwung, warf sie kokett über die Schulter und schritt zur Thür. Als sie das that. schwang sich der kleine Filgcn, welcher in der Vorhalle ein sicheres Versteck gefunden hatte, zu einer kolossalen Kühn- hcit empor. Als lväre ihm eine eigne Idee gekommen, rief er scheinbar ins Leere hinaus:„Cressy Mc Kinstry liebt den Lehrer!" und>var verschwunden. Ohne davon Notiz zu nehmen, legte der Lehrer einige Bücher für den nächsten Morgen zurecht, während die Stimmen seiner forteilenden Herde allmählich verhallten. Nun trat in dem kleinen Schulhause Ruhe ein. Durch die offene Thür kam ein sanfter, kühler Luftzug, als wollte die Natur vou ihrem Eigentum wieder Besitz ergreifen. Ein Eichhörnchen sprang keck durch die Vorhalle, ein paar zlvitschcrnde Vögel hüpften herein, hielten in»e, schlugen zögernd mit den Flügeln und flohen bei dem unerwarteten Anblick des schweigenden Mannes zur Thür zurück. Dann wurde ein andrer Eindringling hörbar, doch diesmal ein nwuschlicher, bei dessen Erscheinen der Lehrer erzürnt aufblickte, er gewahrte Oukel- Ben. Laugsam und zögernd trat dieser ein, indem er seine großen Stiefel hoch aufhob und sie vorsichtig wieder nieder- setzte, als fürchte er, der Boden sei unsicher oder deute an, daß die Wege der Wissenschaft dornig und schwer seien. Als er das Pult des Lehrer erreichte, machte er Halt und suchte mit der Krämpe seines weichen Filzhutes das demütige Lächeln von seinem Antlitz wegzuwischen, welches bei seinem Eintritt darauf erschienen war. Zufällig war er vor der Bank des kleinen Filgcn stehen geblieben, deren Kontrast zu seiner großen Gestalt ihn noch niehr verwirrte. Der Lehrer machte keine Miene, ihm beizuspringen, sondern schaute ihn kühl und fragend an.• „Ich dacht'," begann er, indem er sich mit einer Hand auf da» Pult des Lehrers stützte und mit der andern und feinem Hut sein Beinkleid abstäubte,„ich dacht' ich glaubt'— wollt' ich sagen— ich würde Sie nu allein finden— so wie immer. Es is'ne schöne, stille Arbeitszeit, wenn einer so an alles denken kann, was einer gelernt hat. Sie sind accurat so wie ich, und ich möcht' Sie nicht stören." „Warum kamen Sie denn heute morgen und haben den Unterricht gestört?" fragte der Lehrer scharf. „Hab' ich das gcthan?" fragte Onkel Ben mit einem Lächeln der Reue.„Sehen Sie, ich wollt' nicht gleich hinein- kommen und mich bloß draußen ein wenig Herumtreiben, um mich dran zu geivöhneu." „An was gewöhnen?" fragte der Lehrer ungeduldig, wenn auch schon ein wenig besänftigt durch des andern offenbare Reue. Onkel Ben antwortete nicht sogleich, sondern sah sich um, als suche er einen Sitz, prüfte mit seiner großen Hand ein paar Bänke und Tische, und als ihm die zu bedenklich er- schienen, nahm er auf dem Tische neben dem Lehrer Platz, nachdem er denselben mit seinem Hute abgestäubt hatte. Da ihni indes die Stellung unbequem schien, erhob er sich wieder, nahm eines der Schulbücher von dem Pult des Lehrers, betrachtete es von der verkehrten Seite und sagte zögernd: „Sie haben hier wohl nicht Dobclls Rechenbuch?" „Nein," versetzte der Lehrer. „Das is schade. Der taugt wohl nichts mehr. Ich Hab' aus Dobell gelernt. Und Parsons Grammatik? Die haben Sie wohl auch nicht!" „Nein", entgegnete der Lehrer, schon milder gestimmt, als er Onkel Ben init verlegenem Lächeln vor sich stehen sah. „Dann haben Sie gewiß auch nicht Jones' Algebra? Ja, ja. es ist alles anders jetzt. Sie gehen nach der neuen Mode", fuhr er mit gemachter Gleichgültigkeit fort, indem er das Auge des Lehrers ängstlich vermied.„Wenn einer aus Parsons und Dobell und Jones gelernt hat, dann kann er jetzt nicht mehr mitreden." Der Lehrer antwortete nicht. Als er bemerkte, daß in Onkel Bens Gesicht die Farbe kam und ging, beugte er sich ernst über seine Bücher. Das gab dem andern die Muhe lvieder, und mit den Augen nach dem Fenster gewendet, fuhr er fort: „Wenn Sie die Bücher hätten, möcht' ich Sie um etwas bitte». Ich dacht' so— so— die alten Bücher wieder'mal auzuseh'n— bloß zum Zeitvertreib, wieder bei Ihnen in die Schule zu gehen und ein bißchen zu lernen I Ich wär' dann Ihr Extrnschülcr— und ich wollt' auch dafür bezahlen — aber es müßt' unter uns bleiben— bloß znni Zeitvertreib, was?" Als der Lehrer ihn lächelnd ansah, lenkte sich seine Auf- merksamkeit angelegentlich auf das Fenster. „Die Elstern sind komisch, sie kommen grab aufs Schul- Haus zu. Denen ist es hier hübsch still." „Aber wenn Sie es ernstlich»vollen, könnten wir nicht auch diese Bücher benützen, Onkel Ben?" fragte der Lehrer heiter.„Ich denke, es ist wenig Unterschied— das Princip ist ja das nämliche." Onkel Bens Gesicht, das sich plötzlich aufgeheitert hatte, wnrde ebenso schnell wieder trübe. Er nahm das Buch ans der Hand des Lehrers, doch ohne seinem Blick zu begegnen, hielt eS in Armweite von sich, drehte es hin und her und. legte es dann wieder vorsichtig aufs Pult, als Ivärc es etlvaS Zerbrechliches.„Wahrhaftig," murmelte er in scheinbarem Nachdenken.„Wahrhaftig, das Princip ist da." Dennoch aber war er ganz außer Atem und ein paar dicke Schweißtropfen standen ans seiner glänzenden Stirn. „Und>vas das Schreiben angeht, zum Beispiel," fuhr der Lehrer init wachsender Herzlichkeit fort, da ihn die Sache zu interessieren begann,„so ist ja jedes Buch zu brauchen." Er reichte Onkel Ben freundlich seine Feder hin. Die große Hand, welche sie furchtsam erfaßte, zitterte nicht nur, sondern zeigte dabei eine so bedeiikliche Ungewohntheit, daß der Lehrer nicht umhin konnte, nach dem Fenster zu gehe» und gleichfalls die Vögel zu betrachten. „Sie sind schrecklich frech— die Elstern," meinte Onkel Ben und legte mit peinlicher Sorgsalt die Feder neben das Buch, woraus er seine Finger anstarrte, als hätte er ein außerordentliches Wunder vollbracht.„Sie scheinen sich vor nichts zu fürchten, nicht wahr?" Wieder trat eine Pause ein. Plötzlich wandte sich der Lehrer vom Fenster ab.„Ich will Ihnen etwas sagen, Onkel Ben," begann er nrit unerschütterlichem Ernst,„das einzige, was Sie thun können, ist, Dobell und ParsonS und Jones und den alten Gänsekiel, an den Sie gewöhnt zu sein scheinen. beiseite zu werfen und von neuem anzufangen, als hätten Sie jene nie' gekannt. Sie müssen das alles vergessen.— Das wird Ihnen natürlich schwer fallen," fuhr er fort und schaute wieder zum Fenster hinaus,„allein Sie müssen." Er wandte sich um, und die Freude, welche in diesem Augenblick Onkel Bens Gesicht verklärte, machte ihm selbst die Aligen feucht. Der demütige Sucher der Weisheit erklärte sich eifrig bereit, den Versuch machen zu wollen. „Und wieder mit dem Anfang beginnen," fuhr der Lehrer heiter fort.„Genau so wie einer von jenen— als wenn Sie wirklich wieder ein Kind wären." „Wahrhaftig." meinte Onkel Ben und rieb sich fröhlich die Hände,„daS will ich l Ja. das Hab' ich auch zu Rup gesagt—" „Dann haben Sie also schon davon gesprochen?" unter- brach ihn der Lehrer cinigerniasien erstaunt.„Ich glaubte, Sie wollten es geheim halten?" „Na, ja," versetzte Onkel Ben zögernd.'„Aber sehen Sie, ich hatte nlit Nup Filzen verabred't, wenn Sie darauf eingehen und nichts dagegen hätten, dann wollte ich ihm zwei Bits')- geben jedesmal, wenn er nachmittag her- kommt und mir hilft und an der SchliT Wache steht, daß die Jungens nicht'rankommcn. Und Rup ist doch ein sehr kluger Junge." Der Lehrer dachte einen Moment nach und fand, daß Onkel Ben wohl recht habe. Rupert Filzen, ein hübscher Junge von vierzehn Jahren, war ein tüchtiger Charakter, dessen jugendliche Rauheit und ehrlicher Sinn ihn immer an- gezogen hatten. Er war ein tüchtiger Schüler, der es noch weiter bringen konnte, und das Uebereinkommen mit Onkel Ben würde die Schuldisciplin nicht stören und beiden von Nutzen sein. Dennoch fragte er freundlich:„Aber könnte das nicht besser und bequemer in Jhrein Hause geschehen? Ich könnte Ihnen ja die Bücher leihen und wöchentlich ein paarmal zu Ihnen konunen." Onkel Bens strahlendes Gesicht bewölkte sich Plötzlich wieder.„DaL wär' doch nicht so gut für mich und Rup," meinte er.„Sehen Sie, so'n Schulhaus ist so still und ruhig, und dann liegt das Lernen so in der Luft. Und die Kameraden aus der Stadt würden angelaufen kommen, wenn sie hören, was ich zu Hause thue, und hier sucht mich keiner." „Meinetwegen," entgegnete der Lehrer, dann hier." Als er sah, daß sein Besuch, von Dank erfüllt, sich in der Tasche an seiner Börse zu schaffen machte, setzte er ruhig hinzu:„Für den Anfang sollen Sie hier gleich eine kleine Aufgabe haben," und damit legte er ihm einige unvollendete Arbeiten des kleinen Hans Filgcn vor. „Ich dank' auch schön, Herr Ford," begann Onkel Ben schüchtern,„und möcht' auch gern wissen, was ich Ihnen schuldig wär'—" Herr Ford wandte sich eilig um und reichte ihm schnell die Hand, so daß jener genötigt war, die seine aus der Tasche zu ziehen.„Ich thue es sehr gern," bemerkte der Lehrer, „und ich kann es nur zugeben, wenn es ohne Entgelt ge- schieht; Sie hätten es mir gar nicht einmal sagen dürfen, daß Sie Rupert etwas dafür geben wollen." Nochmals drückte er dem bestürzten Onkel Ben die Hand, setzte ihm noch kurz auseinander, was er zu thun habe, er- klärte ihm. daß er ihn nun allein lassen müsse, nahm seinen Hut und schritt zur Thüre. „Sie meinen also," sagte Onkel Ben langsam, indem er die Arbeit vor sich betrachtete,„daß ich Dobell und die andren über Bord werfen soll?" „Allerdings," entgegnete der Lehrer mit großer Würde. „Und soll von frischem anfangen wie die Kinder?" „Wie die Kinder," nickte der Lehrer und verließ die Vorhalle. Als er kurz darauf in der Lichtung seine Cigarre beendigt hatte, trat er zum Fenster und sah hinein. Onkel Ben hatte Rock und Weste abgelegt, die Hemdärmel an seinen mächtigen Annen emporgeschoben und saß nun, nachdem er äugen- scheinlich Dobell und die andren beiseite geworfen, mit dicken Schweißtropfen auf der Stirn und das einfältige Gesicht tief auf das Buch geneigt da, um den schwankenden, un- gewissen Spuren Hans Filgens zu folgen, in Wahrheit gleich einem Kinde. (Fortsetzung folgt.) 5) Zwei Älts= fünfundzwanzig Cents. aNachdruck verboten.» Dev Frühling. Von Jean I u l I i e». Deutsch von Wilhelm Thal. Da die Gesellschaft Geschäfte machte und ihrer Operation eine Iveitere Ausdehnung gegeben hatte, so hatte man auch die Zahl der Bureau? vergrößern müssen. Mai, hatte das erreicht, ohne ein andres Lokal zu mieten, indem man die bereits vorhandenen durch ein Wunder der Geometrie in viereckige kleine Verschlüge teilte, die auf einen Mittelgang führten. Am besten kamen natürlich diejenigen hinweg, zu denen das Publikum Zugang hatte; die andren wurden in die dunklen Winkel verlegt. So befand sich die Buchhalterei im Hinter- gründe eines Hofes, der so groß wie ein Kamin ivar; die metal- tischen Reflektoren verbreiteten hier nur ein dünnes fahles Licht, das stets mit der gelben Beleuchtung der durch die Mittelthür führenden Korridore kämpfte. Ztvischcn den Ständern, den aufgestapelten Akten- stößen und seinem Schreibtisch hatte der Buchhalter, Herr Martin, gerade so viel Platz, daß er seinen Sessel hinstellen konnte, und ivenn er einmal von seinem Tisch aufstehen mußte, so war es eine wahre Haupt- und Staatsaktion. Darum ließ er sich auch nicht gern stören. Er trat pünktlich niorgens um 8 Uhr in seinen Glaskasten, ließ sich sein Frühstück hierher bringen und verließ ihn nicht vor 7 Uhr abends. Er sah die Sonne so selten, daß er farblos geworden war wie eine Kellerpflanze. In seinem blassen Gesicht blinzelten seine anfgerissenei« Augen ivie die der Nachtvögel am hellen Tageslicht und seine ins Graue schillernden Haare schienen mit Moos bedeckt. Ein gewissenhafter und, was noch besser ist, gefügiger Beamter, hatte sich Martin seit 13 Jahren nicht einen einzigen Tadel zugezogen, mid ivenn er auch nnaushörlich stöhnte wie jeder gute Beamte, so that er das doch so leise, daß die Chefs nichts davon hörten. Da man sich trotz der frühzeitigen Hitze noch nicht im 1. April befand, so Ivar der von der Verivaktung gelieferte Ofen ebenso heiß wie im Winter. Nach der Mittagsmahlzcit fühlte sich Martin unbehaglich und öffnete trotz des Reglements das auf den Hof führende Fenster. Die dumpfe Bnreauluft mit dem faden Geruch der erloschenen Lampen, der Speisereste und alten Papiere schwand nach und nach,— eS drang eine frische, leichte, fröhliche, nach Hyacinthcn duftende Lust in den Raum. Der Beamte atmete einigemale überrascht auf; dann neigte er sich ans dem Fenster und bemerkte auf den, Sims eines benachbarten Fensters eine Vase mit blühenden Hhacinlhen. Elinas höher sah er einen verlriippelten Strauch, dessen schon erschlossene Knospen grüne Blätter zeigten, und oben, ganz oben ein kleines Stückchen reinen zartblanen Himmels I „Der Frühling!" sagte er mit einer Grimasse, die man für ein Lächeln halten konnte. Da er morgens seine Zeitung las und abends mit hastigen Schritten»ach Hanse ging, so hatte er das gar nicht bemerkt. Er lehnte sich noch iveiter hinaus, um die Blumen, den Strauch und den Himmel besser zn sehen und dachte an andre ferne Lenzestage, die so schön, so jung, so sonnenhell, so reizvoll und un- erklärlich süß gewesen waren, daß ihn die Erinnerung jetzt noch verlvirrte. Und über den geschwärzte» Mallern deö Hofes, über den Häusern der großen Stadt sah er den Frühling seiner Heimat ivieder, den frischen Frühling mit den große», mit Primeln und Gänse« blümchen bedeckten Wiesen, während die Bäume kaum ein Flaum schmückte und sich hie und da die rosigen Sträuße der Apfel- und Pfirsichblüten zeigten; wieder hörte er das Vogelgezwitscher in den Zweigen, das Kinderlachen hinter den Büschen, und wieder sah er sich i!> der zitternden üppigen Natur, die vom Lenz berauscht fröhlich nuter dem ungeheuren Himmel prangte. Martin seufzte und schloß das Fenster. Doch als er wieder in seinem Scffel eingepfercht, mit fünfzig Aktenstücken unter der Nase vor seinem Tische saß, lehrte der Versucher wieder, und ansiatt sich über die Arbeit zu neigen, lehnte sich der Buchhalter in seineil Sessel zurück. Seltene Gedanken schoflen ihm durch den Kopf. Er fragte sich plötzlich, warum er in dieser stinkenden Bude saß und nicht anderSivo; warm» er seine Tage in diesem Loche zubrachte und sich mit albernen und gleichgültigen Schmierereieil den Kopf ver- drehte, anstatt wie andre Leute aus seiner Heimat in der Sonne, in der frischen Luft zu leben. Wer hatte ihn denn zu lebenslänglicher Einschließung verurteilt? Wer beraubte ihn so des Lebens und der Freiheit? Aufrichtig gestanden sah Martin seine Lage allzu schivarz, denn Tausende und abermals Tausende von Menschen waren noch eingeschlossener und mißhandelter als er. Doch ivenn der Geist des Widerspruchs sich geltend macht, hält ihn keine Betrachtung auf. Der friedliche Federfuchser mußte sich gestehen, daß er allein zu diesem harten Gefängnis verurteilt war, und zwar durch eignen Willen. Nun färbten' sich seine blutleeren Wangen purpurrot: er fluchte und ivütete gegen sich selbst. „Dummkopf I" murmelte er,„dreifacher, vierfacher Dummkopf l Dann sagte er sich eine Menge harter Wahrheiten: „Du bist ein eitler Narr; du schämst dich deiner braven Eltern, die nur Bauern sind, als wären sonnverbrannte Ge- sichter und schwielige Hände eine Schande! Du wolltest den Gehrock und dcn Cylinder tragen wie ein Notar und ein Herr werden; ja, du bist ein netter Herr; du wolltest durchaus nach der Stadt kommen, nach Paris. Nun, hat es dir Glück gebracht, in Paris zu leben? du hast auch was rechtes von den Freuden in Paris! du wohnst in einer großen Mietskaserne, wo eS vor Familien wimmelt; du hast die Deinigen für teures Geld in einem Räume unter» gebracht. der dir auf dem Lande für deine Hmide z» klein er- scheinen würde! ihr nährt ench von»ingesnndeii Speisen, trinkr dazu schlechte Getränke. Reich wolltest du sein. Reich! Ist man überhaupt je reich? Als du diese Stelle als Buchhalter mit festem Gehalt gefunden, �lanbtest du, Peru entdeckt zu haben; und dabei bist du nur zwei Finger breit vom Elend entfernt; auf Zulage hast du nicht»lehr zu hoffen und kannst sicher darauf rechneu. dah du ein paar Jahre vor deiner Pensionierung enttveder sterben wirst oder die Gesellschaft in die Luft fliegen oder dich vor die Thür setzen wird I Aber dafür sind deine Kinder als kleine Herren erzogen! Sie werden sich deiner schämen, d» Schreiberseele, wie du dich deines Vaters, des Bauern, geschämt hast; deine Tochter, die nicht die genügende Mitgift hat, um sich einen Mann nach ihrem Geschmack zu kaufen, wird sich den beste» Zahlern an den Hals werfen und dein Sohn, der seine Bedürfnisse und Launen nicht befriedigen kann, wird ein Ausgcstoßener, ein Un- glücklicher Iverden. „Und darum," rief er,.habe ich anf das Leben verzichtet! Darum habe ich mich zu dieser Qual verurteilt, die meine» einst so kräftigen Körper schwächt und entnervt, während mein blödes Hirn, das beständig dieselben Nutzlosigkeiten vornehmen»mh, in de» Ge- wohnheitcu verdummt l Nein, nein, ich ivill hier nicht sterben, ich will mein Leben und meine Freiheit genießen I Mögen die Kinder sehen, lvie sie zurechtkoinmen I Er ergriff ei» Stück iveißes Papier und begann zu rechnen, lvie viel er mit dem Stückchen Land, das die Eltern ihm hinterlassen hatten, und dem tvenigen, was er dort drüben verdienen konnte, zu leben hatte und ivas es ihn kosten würde. Er traute den Zahlen kaum, denn die Nebenkosten hatte er nicht bedacht. So viel hatte er zum Leben! Damit konnte er ja glücklich sein! Er hatte sein Haus, sein... Ein Pfeifen des Sprachrohrs rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Ach schicken Sie mir doch die Alten Nr. 26 340, die Akten 2150 und die dazu gehörigen Dokumente ans dem Jahre 83, außerdem die Akten 5309. Ohne das Ende abzuwarten, schrie er:„Holen Sie sich Ihre Akten selber und lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe genug von Ihrem dreckigen Kasten und Ihrem elende» Geschmiere!" Mit diesen Worten ging er auf einen Schrank zu. nahm seinen Ueberzieher, seinen Hut heraus und schickte sich zum Fortgehen an, als der Direktor eintrat. „Was fällt Ihnen den» ein, Martin, sind Sie verrückt 1" „Herr Direktor, Herr Direktor," stotterte der arme Teufel ver- dutzt, ohne Iveiter etlvas heranszubringe». „Ach ivas. Herr Direktor, was soll denn das heißen? Erklären Sie sich 1 Gerade wo ich im Begriff stehe, mich mit der vielleicht wichtigsten Angelegenheit des ganzen Jahres zu beschäftigen, wandelt Sie die Lust an, mir diesen Vortrag zu halten, Sie ein Muster- beamter I Ja, haben Sie denn den Kopf verloren!" „Herr Direktor, ich sagte mir..." .Sie sagten sich... Die Gesellschaft pfeift darauf, was Sie sich sagen! Führen Sie erst meine Befehle ordentlich aus und spielen Sie sich nicht auf den geistreichen Man» hinaus, das paßt uns nicht I Wenn Sie glauben, daß Sie dadurch eine größere Gratifikation be- kommen, dann irren Sie sich gründlich!" .Aber Herr Direktor..." .Na. seien Sie vernünftig, nehmen Sie Ihren Hut wieder ab, hängen Sie Ihren Ueberzieher wieder in den Schrank, setzen Sie sich an Ihren Tisch und verjagen Sie diese Ideen, die sich für einen gut angeschriebenen Beamten, wie Sie es sind, nicht passen. Diesmal will ich nichts gesehen haben, gber lassen Sie sich das nicht wieder einfallen." .Ich danke, Herr Direktor, ich danke recht herzlich." Martin gehorchte, und das alte Leben ging weiter.— Kleines Feuilleton» y. Märkisches Raubrittertum. So gern unsre Junker auf die Thaten und Tugenden ihrer Vorfahren verweisen, un, dem deutschen Volk ihre unverjährbaren Ansprüche anf seine Dankbarkeit klarzumachen, unterlaffe» sie es doch beharrlich, auf eine Eigenschaft hinzuweisen, die sie zweifellos auch erblich überkommen haben, näm- kich eine ganz hervorragende Befähigung, sich auf Kosten andrer Leute die Taschen zu füllen. Wenn die Edelsten und Besten heute durch Schutzzölle und Liebesgaben den deutschen Michel schröpfen, so nahmen sich ihre mittelalterlichen Vorfahren viel einfacher das Nötige mit offener Gewalt auf der Landstraße. Diese adlige Wegelagerei hat länger als in irgend einem andern Teile des Reiches geblüht in der Mark und den angrenzenden Gebieten. Allgemein bekannt ist. daß noch zu Anfang der Neuzeit, unter Joachim I.(1499—1535) zahlreiche Raubritter dem Kurfürsten viel Kopfschmerzen bereiteten, die Straßen der Mark unsicher machten und dem einsamen Wanderer das Stoßgebet entlockten: .vor Köckeritz und Lüderitz, vor Krachten und vor Jtzenplitz Behüt' uns, lieber Herre Gott!" Obwohl aber Joachim I.«ine Anzahl dieser edcln Herren hin- richten ließ, wodurch er sich von seinen fürstlicher Standesgenossen den Vorwurf zu rücksichtslosen llmspringens mit dem christlichen Adel deutscher Nation zuzog, so ist doch die Mark unter ihm nicht endgültig von der Landplage der Buschklepper befreit worden. Noch unter seinem Nachfolger Joachim II, gegen Mitte des 16. Jahr- Hunderts, wurde in der Mark wacker das vornehme Handwerk des Raubrittertnms betrieben. Davon enthalten interessante Belege die geschichtlichen Urkunden der Stadt Perleberg in der Priegnitz, deren Vergangenheit überhaupt viel Merkwürdiges von den preiswürdigen Helden des Junkertums zu berichten weiß. Infolge ihrer Lage in der Nähe der mecklenburgischen Grenze hatte die Stadt eben nicht nur von einheimischen Adligen, sonder» auch von raublustigcn Junkern des Obotritenlandes viel Uingemach zu erdulden und mußte es sich dazu noch gefallen lassen, wenn die mecklenburgische» Staatsbehörden Perlebcrger KanfmannSgut konfiscierten, um sich daran schadlos zu halten für die Räubereien von Junker» aus der Priegnitz. So geschah es z.B. im Jahre 1435, daß auf dem Markt zu Neustadt in Mecklenburg Perleberger Waren mit Beschlag belegt und als Unterpfand für die von Prieguitzer Rittern zu leistende Erstattung des von ihnen angerichteten Schadens ein- behalten wurden. Auf mecklenburgische Junker, die in der Priegnitz anf Raub ausgingen, ließ der Perleberger Rat natürlich fahnden, um sie dingfest zu machen und an Leib und Leben zu strafen. Es konnte das freilich zu nnangenehmen Verwickelungen führen. So halfen z. B. die Perleberger im Anfang des 15. Jahrhunderts einmal den mecklenburgischen Ritter Reiner von Plessen fangen, weil er im Ver- dacht stand, durch seine Knechte den Pcrlebergern bei Dömitz Pferde abgenommen zu haben. Er war zweifellos nicht der beste Bruder, aber in diesem Falle scheint er unschuldig gewesen zu sein. Wenigstens erklärte ein Scheeiben dcS Herzogs Heinrich von Mecklenburg den Pcrlebergern, sie seien im Irrtum, jenen Raub hätten ihre eignen Landknuppen, die Grevenitze, Bevcrucske und Crnsemarke» verübt. Mit de» diplomatischen Weite- rungen war die Sache aber nicht erledigt. Vielmehr gingen der Stadt Perleberg alsbald von allen Seiten um Reiner von Plessen willen Fehdebricfe, d. h. förmliche Kriegs- erklärungeu zu, zunächst von den übrige» Familiengliedern, dann von Freunden der Gefangenen. Eines dieser merkwürdigen Akten- stücke lautet:.Wisset, Ihr Bürgermeister und Ihr Ratsmanner und Ihr ganze Einwohnerschaft von Perleberg, daß wir wollen Euer Feind sein: ich Hans Basscwitz und Bercnd Weltzhn und ich Heinz Ekhorst, Henning Grip und Ott Splitt und Hans von Oertzeu und Heinrich Lüge und Kurt Bafsewitz. daß wir alle wollen Euer Feind sein um Neiners von Plessen willen." Das war nicht etwa eine leere Drohung, sondern mm ging ein frischffröhlichcr Krieg los. Ein paar Jahrzehnte später machte der kühne märkische Raubritter Kone Windelband den Pcrlebergern viel zu schaffen. Dieser Bieder- »lann hatte dreist dem brandenburgischeu Markgrafen und seinen sämtlichen Unterthnncn Fehde augesagt:.Wisset, Ihr Bürgermeister und Ratsmänner der Stadt Perleberg, daß ich Eures Herren des Markgrafen Feind will sein und all' seiner Unterthanen." Nun trieb er es ganz toll, bis ihn die Perleberger gefangen nahmen und an den Markgrafen auslieferten, der Windelband hängen ließ. Sein Sohn, Hans Wischerup, gedachte dafür an den Pcrlebergern Rache zu nehmen und sagte ihnen 1461 folgendermaße» auf: .Wisset, Ihr Ratsmänner zu Perleberg, so Ihr meinen Vater Kone Windelband, den Ihr aus Eurer Stadt überantwortetet dem Falschen, der ihn bängte, und mein Vater war ein rechter Pilgrim: darum will ich Henning Wischerup Euer Feind sein so lange, bis Ihr mir Sühne thut für meinen toten Vater, den Ihr so jämmerlich verraten aus Perle- bcrg, was ich Ench mit allen Dingen thun kann, die ich dazu kriegen kann, daß sie Tag und Stacht. Da mögt Ihr Euch nach zu richten wissen. Anno IXI». 1461." Die buchstäbliche Uebersetzung zeigt, daß der rachebegierige Ritter init der Feder nicht sonderlich umzugehen wußte, in» Felde aber machte er dem Kriegsvolk der Stadt Perle» berg höllisch zu schaffen. Damals blühte das Fehde- und Raubritter» wese»»och; aber auch, als es damit allmählich zu Ende ging, trieb in der Perleberger Gegend noch einmal längere Zeit sein Wesen ei» ganz verwegener Geselle, der an die besten Zeiten des Mittelalters er- innert. Auf Nebclin in der Nähe von Perlebcrg war die hochange- scheue Familie derer von Wartenberg erbgesesse». Ihr Vertreter in de» ersten Zeiten Joachims II., Hans von Wartenberg, war keines- Wegs ein notleidender Landwirt, sondern im Gegenteil reich be- gütert. Das hinderte aber nicht, daß er das Wegelagern und Plün- dern mit großem Eifer und wahrhaft leidenschaftlich, sportsmäßig betrieb und mit zahlreichen Spießgesellen dieMark nnsichermachte. Nachdem ihn der Kurfürst für einen offenbaren Landbeschädiger und Straßen- räuber erklärt hatte, gelang es den Perlebergern 1542, ihn zu fangen. Vor dem Stadtrichler in Perlcberg wurde ihm der Prozeß gemacht und er legte folgendes interessante Geständnis ab. das auf sein Gewerbe und seinen blaublütigen Anhang viel Licht lvirft: „Erstlich, daß er vor'm Jahre in, Sommer auf der Uckermärkischen Heide mit gewesen und daselbst einen Ranbanfall thun helfen, welchen Ritter Hans Hülcr, derer von Schmidt Feind, geführt, und hat zur Ausbeute ztvei Ellen Tuchs bekommen. Dabei auch gewesen Philip Strafe, HanS von Stendal, zwei Ueberland» Reiter, Heinrich von der Lanke und Heinrich Zimmermann und ein Pommer, Mobitz genannt, mit zwei Pferden. Item auf geschehene Frage, was ihm von dem Raubanfall, so bei Boitzenburg im Lande zu Mecklenburg unlängst geschehen, bewußt sei, bekannte und sagte et, dcch et im verflossenen Herbst einen Ueberfall bei Boitzenburg, nicht weit von Melle», an zwei Karifleuten hat thu» helfen. Der eine soll von Nütenbetg, der andre ans dem Lande Holstein seiner Angabe nach gewesen sein, sie haben ihnen zwei Pferde und ungefähr bei 30 Thnlet genommen, und dabei sind gewesen Hans Kohle, Friedrich von Biiloiv, Jnng-Achiin von Einbeck, Hans von Einwinlel, Jorg von Jagow, Ulrichs Sohn. Gedachter Hans von Wärtenberg hat als seinen Part ungefähr 4 Thaler bekomme». Item ans fernere Frage, ob er auch im Knrfürstentrnn Brandenburg bei mehr Angriffen mit gewesen wäre, darauf bekannte er. dafl er vor zwei Jahren in der Mark Brandenburg bei einem Ueberfall nicht weit von Schieveiiberg mit gewesen, da habe er und seine Gesellschaft etlichen Kauflenten von Lübeck ö Pferde nehmen helfen, wobei gewesen die beiden Strafe, Hans Köpke, Simon der Knecht, Qnitzow mit der einen Hand, Lorenz Pisell des Pfaffen zu Nebelin Sohn»nd der unechte(»»ehe- liche) Meselberg. Sollen aber, wie Hans sagt, den Kanfleuten die Pferde wiedergegeben haben." Auf dies Bekenntnis hin wurde HanS von Wartenberg am Sonntag nach Andrea 1542 zu Perleberg mit dein Schwerte hingerichtet. Bald hernach wurde der berüchtigte Jaeob Reuter in Perleberg enthauptet, und der Raubritter Hans Hoher entging dem gleichen Schicksal nur dadurch, daß er sich 1554 im Gesänguis selbst entleibte. Nachdem so die Schliinmsten im- schädlich gemacht worden waren, wurden die Siraßen in der Prignitz ailmählich sicherer: hier, wie in der Mark überhaupt, halte »u» endlich das edle Handwerk der Raubritter seinen goldenen Boden verloren.— Bergbau. — Graphit-Bergbau der Welt. Der gesamte Bedarf an Graphit wird von folgenden Ländern gedeckt: Oestreich-Ungarn, Ceylon, Deutschland, Bereinigte Staaten, Kanada, Italien, Indien. Japan, Rußland und Mexiko/ Die besten und niiSgedehntesten Lager der Welt besitzt die Insel Ceylon. Die Lager Ceylons liefern den größten Teil des Weltbedarfs an Graphit, und zwar eine krystallinische Art, in der häufig Quarz und andre Mineralien vorkommen. Dieser Graphit wird sehr teuer bezahlt und in vielfacher Art verwandt. Die östreichischen und deutschen Graphitarten sind, wie die„Ungar. Montnn-Jndustrie- und Handels-Ztg." schreibt, ebenfalls sehr begehrt; die allerbesten der dort gewonnenen Sorten werden zu Bleistiften verwandt; jedoch sind die deutschen und östreichischen Arte», tveil amorph, viel schwieriger zu reinigen als die krystallinischen indischen. In den Vereinigten Staaten kommt Graphit in großen Mengen an den verschiedensten Stellen vor, tvird aber nur in wenigen Staaten abgebaut. Hierher gehören New Dork, Pennsylbanien, Alabama, Michigan und Rhode-Jsland; diese Minen sind schon lange bekannt, und außer den Lagern in Wiseonsin, Nord- Karolina, Texas und Kalifornien sind keine neue» dazu gekommen. In Nord- Karolina besteht mir an einer Stelle Grnphitbergbau, und zwar hat eine amerikanische Gesellschaft in Graphitville eine große Anlage zur Ge- wiimnng und Bearbeitung des Graphits errichtet. Die dortigen Lager des Minerals bestehen ans einer langen Reihe von Graphit- Schieferstreifen mitten in einer Gegend, deren Gebirge ans Gneis und Glimmerschiefer besteht. Diese Streifen sind hier änner, dort reicher an dem wertvollen Mineral. Den Graphitschiefer kann innn verfolgen auf eine Entfernung von etwa 3—4 englischen Meilen, von Nordosten nach Südwesten. Die Menge des dort lagernden Graphits ist groß, aber seine Neinignng ist derart schwierig, daß es noch nicht sicher ist, ob er mit Gewinn abgebaut werden kann. Bisher ist von dort noch kein Graphit auf den Markt gekommen, jedoch tvird die Anlage in nächster Zeit betriebsfähig sein, und man gedenkt, vor Schluß des Jahres 1901 mit der Graphitgeivinnnng be- ginnen zu können.— Technisches. — Eine neue A nk e r v o r r i ch tu n g für Schiffe. Die größte Gefahr für ein Schiff während schlechten Wetters ist bekannt- iich vor seinen Ankern zu treiben, wenn der Meeresgrund den Anker- flügeln nicht genügenden Widerstand bietet. Das Schiff treibt als- dann vorm Winde, indem es den Anker über den Grund schleppt, ohne daß er ein Hindernis findet, an welchem er sich festhalten kann. Dieselbe Gefahr besteht bei den Bojen in Hafen und ans Reede», au denen die Schiffe festmachen. Ein amerikanischer Jiigenienr hat nun. uach der„Tech». Rdsch.", die Idee gehabt, gerade ans der Beschaffenheit des nnziiverläsfigen Äukergriindes Nutzen zu ziehen, indem er dicke, massive Metallplatten versenken will, welche dem Herausreiße» be- deiiteiiden Widerstand leisten, wenn sie nur genügend stark von dem lockeren Ankergrinid. Sand oder Schlick, bedeckt werden. Die Platte nun, welche er zur Verankerung anwendet, ist eine gußeiserne Scheibe bis zu 60 Centimeter Durchmesser, Ivelche an einer Kette hängt. Diese Kette geht durch einen Ring, der an zwei Oese» an der Ober- fläche der Scheibe bcfestiist ist. In der Mitte hat diese Scheibe eine Oeffnnng. Damit sie sich nun in den Sand oder Schlick einsaugt, setzt man auf dieses Loch eine metallene Röhre, welche mit einem Schlauch verbunden ist. Durch diesen wird von einer Pumpe an Bord des Schisses Wasser im die Röhre gepumpt. Nim leuchtet eS ein, daß das Wasser, welches unter der Scheibe herauskommt, den Sand und Schlick wegschwemmt und die metallene Scheibe schnell einsinke» läßt wie beim Einrammen von Pfählen ans hydraulischem Wege. Es sind Vorkehrungen getroffen worden, um die Röhre in Verantwortlicher Redaeleur: Carl Leid in Berlin. ihrer Lage festzuhalten; wenn sie tief genug eingerammt ist, tvird sie frei gemacht. Die Ankerscheibe mit einem Teil der Ankerkette liegt nun unter dem Sand oder Schlick, welcher das Loch ausgesüllt hat in dem Maße, wie die Ankerscheibe sich eingesogen hat. Das Lichten des Ankers geschieht in umgekehrter Weise, indem man das mit der Druckpumpe durch einen Schlauch verbundene Metallrohr längs der Ankerkette heruntergleilen läßt. Sobald das Rohr den Grund berührt, pumpt man Wasser hinein, welches den Sand lose macht und ihn entfernt, indem es ihn aushöhlt. Da das Rohr all- nrählig hernntergleitet, höhlt der Wasserstrahl den Grund so lange und derartig ans, bis die verankerte Scheibe frei tvird. Alsdann kann man die Kette lichten. Diese Erfindung ist schon praktisch er- probt worden und zwar wahrend eines Sturmes, welcher im letzte» September über New Jork hereinbrach. Eine Anzahl von Nachleu des New Dorker Nachtklubs, welche mit dieser Ankervorrichtung ans- gerüstet waren, blieben während des Orkans unversehrt ans ihren Ankerplätzen, während vierzig Schisse mit den: gewöhnlichen Anker- geschirr iuS Treiben kamen und ans den Strand geworfen wurden.— Hmnoriftiillies. — Familien-Leben in R e u ß.„Frau Nachbarn, sagen Se bloß, ivat is det mit Ihrem Jungen, der schreit ja janz jämmec- (ich im hört jar»ich usf 1" „Ach. wissen Se, er hat heimlich an die Bratjans rumjeknabbert u n n u b e j n a d i g l i h n mein Man n."— — Begreiflicher Irrt» m. F r a u:„Ich begreife nicht, tvie Du das nuShällst. Seit zwei Stunden steht ein Geflngelhändler mit Enten unter Deinem Fenster!"— Professor(zerstreut): So so, Enten sind das... ich dachte. Du hättest Kaffeekränzchen!— — Chrysanthe in ii in. Erster Agrarier:„Sie haben da doch solche hübsche Zierblnme im Knopfloch!" Zweiter Agrarier:„Ja, meine LieblingSpflanze. eine Wucherblume!""(„Lust. Bl."j Notizen. — Die bei Eugen Diederich in Leipzig erschienene Broschüre T o l st o j s„Der Sinn d e S Lebens" ist wegen>V e r- ä ch t l i ch m a ch n n g der Kirche" von der Leipziger Staats- anwnltschaft beschlagnahmt worden. Die Broschüre enthielt unter anderin die Antwort Tolstojs an den Synod.— — A u s d e r B a II e r II f e l d s ch e n Stiftung wurden an Preisen zuerkannt für ihre Gesanitleistiiiigen: v. Saar 2000 Kronen und d e l l e Grazie 1000 Kronen; ferner Lothar(für„König Harlekin") und D o e r in a u n(für den„Herrn von Abndess.i"s je 1000 Kronen, sowie B a u in b e r g und H a w e l als Verfassern östreichischer Volksstücke und Bierbaum als Lyriker gleichfalls je 1000 Krone».— — L u b l i ii e r s Lustspiel„Der schuldige Teil", das im Lessing-Theater zur Aufsiihrnng gelangen sollte, ist nach acht- tägigen Proben abgesetzt worden; dafür hat Lubliner ein andres Siück„Die lieben Feinde" hergegeben, das an demselben Theater nachsteiiS in Seene geht.— — DieRojane eröffnet ihr Gastspiel im Lessing« Theater am Donnerstag, de» 14. November, als Danetta in „La Robe rouge".— —„Dri s tägliche Leben", ein Drama in zwei Aufzügen von Rainer Maria Rilke, wurde im Manuskript vom H a m- b u r g e r Deutschen S ch a» s p i e l h a u s e zur Aufführung an- genommen.— — Engen d' A l b e r t s Oper„Der I m p r o b i s a t o r" tvird bereits in nächster Zeit im Oper»Hause erstmalig i» Seene gehen.— c. Einige ausgezeichnete Leistungen d e r d r a h t- losen Telegraphie wurden, wie aus New V o r k gemeldet wird, dort am Sonnabend bekannt, als der Dampfer„Camponia" von der Cnnard-Linie eintraf. Am vorigen Dienstagabend passierte die„Cnnipauia" auf hoher See ihr Schwesterschiff„Lueania". Sie standen fünf Stunden lang in Verkehr mittels drahtloser Telegraphie. Während jener Zeit wurden 75 Depeschen ausgetauscht, von denen einige für die Passagiere bestimmt tvaren. Die Verbindung hörte ans, als die beiden Schisse 170 englische Meilen von einander getrennt waren. Ein Passagier ans der„Campania" schickte zur „Lueania" eine Depesche, die für Philadelphia bestimmt war. Die „Lueania" erreichte am Fieitaginorgen die Höhe der irischen Küste. Die Depesche ivnrde der drahtlosen Station in Crovkhaven über- mittelt, nach Philadelphia gekabelt und dort 24 Stunden früher, ehe die„Campania" New Nprk erreichte, ausgetragen.— t. Die Weizenfelder Englands nehmen in diesem Jahre nur noch eine Fläche von etwa einer Million Acres ein; vor zehn Jahren waren 2 300 000 Acre» mit Weizen bestellt.— Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.