Hlnterhaltuttgsblalt des Horwärts St?. 214. Freitag, den 1. November. 1901 sz Crey-hx. (Nachdruck verboten.) Nomon von Vret Harte. II. Als am andern Morgen die Kinder langsam ihre Plätze aufsuchten, ersah der Lehrer eine Gelegenheit, um mit Rupert zu sprechen. Der hübsche, aber durchaus nicht liebenswürdige Junge wurde wie getvöhnlich von einer Gruppe seiner kleinen weiblichen Bewunderer umdrängt, denen er, das läßt sich nicht leugnen, mit höchster Verachtung entgegentrat. Vielleicht war es diese gute Eigenschaft, welche den Lehrer für ihn einnahm, und nicht ohne einiges Vergnügen vernahm er Brocken seiner verächtlichen Bemerkungen gegen seine Verehrerinnen. „Du l" hieß es da zu Clarinda Jones,„laß das Hauen!— Und Du," zu Octavia Dean,„sollst mir nicht immer so gegen den Kopf pusten. Das kann ich schon gar nicht leiden. Ja, Du warst's. Ich hab's in meinen Haaren gefühlt.— Und Du auch— ihr habt immer was zu schnüffeln und zu spionieren.— Ach ja. Du möchtest gerne wissen, warum ich ein neues Buch bekommen Hab', Fräulein Neugier. Na, was giebst Du, wenn ich Dir's sag'? Möchtest natürlich gerne sehen, ob es hübsch ist(mit besonders verächtlicher Betonung des Adjektivs). Nee, es ist nicht hübsch. An was andres denkt ihr Frauenzimmer ja nicht— bloß hübsch und nett l Geh weg! Siehst Du nicht, daß der Lehrer hersieht? Schäm Dich!" Er bemerkte den auffordernden Blick des Lehrers und trat beschämt näher, noch die Zornröte auf dem hübschen Gesicht und die braunen Locke» ein wenig verwirrt. Eine, die Octavia Dean sich um den Finger gewickelt hatte, stand wie ein Hahnenkamm empor. „Ich habe Onkel Ben gesagt, daß Du ihm nach den Schulstunden helfen darfst", redete ihn der Lehrer an, indem er ihn beiseite nahm,„Du kannst darum das Schreiben am Vormittag sein lassen und es am Nachmittag besorgen." Die dunklen Augen des Knaben blitzten.„Und wenn ich bitten dürft', Herr Lehrer." fügte er ernst hinzu,„dann könnten Sie ja in der Schule sagen, daß ich nachsitzen muß." „Aber warum denn?" fragte der Lehrer amüsiert. Rupert wurde rot.„Damit die dummen Frauenzimmer mir nicht nachgelaufen kommen." „Wir wollen sehen," bemerkte der Lehrer lächelnd und fügte nach kurzer Pause ernst hinzu:„Der Vater weiß doch, daß Du dafür Geld bekommst, und es ist ihm doch recht?" „Der? Bewahre!" entgegnete Rupert ein wenig vcr- wundert und mit der nämlichen Protcktormiene in Bezug auf seinen Erzeuger, wie er sie vorher gegen seinen jüngeren Bruder angenommen.„Ans den kommt's nicht an." In der That hatte der alte Filge», der seit zwei Jahren Witwer war, stillschweigend gebilligt, daß bei ihm die Hausordnung von Rupert gehandhabt werde. Da er das wußte, konnte der Lehrer nur„Schön I" sagen und den Schüler freundlich auf seinen Platz schicken. Der letzte Nachzügler war eben hereingeschlüpft, der Lehrer hatte einen Blick über die besetzten Bänke geworfen und die Hand auf seine Glocke gelegt, als ein schneller Schritt auf dem Kieswege, das Flattern von Röcken gleich auf- fliegenden Vögeln sich hören ließ, und leichten Fußes ein junges Mädchen eintrat. Mit ihrem frischen. runden Kinn, den frischen, runden Wangen und dem leicht vorgebeugten schlanken Halse konnte man sie für fünfzehnjährig halten; die entwickelten Formen und der Schnitt der Kleider aber deuteten darauf, daß sie bereits er- wachsen; in ihrem naiven Sichgehcnlasscn und dem voll- kommenen Selbstbewußtsein war sie eines wie das andere. Trotz der wenigen Bücher, die sie an einem Riemen lässig in der Hand trug, ließ nichts an ihr auf das Schulniädchen schließen; in ihrem hübschen Kleide von punktiertem Musselin mit blauen Bandschleifcn an Rock und Taille und einem Rosen- sträußchen im Gürtel Paßte sie ebenso wenig zu den andren wie ein silberner Teller zur irdenen Schüssel. Doch zeigte sie in ihrem Wesen ein eignes Gemisch von der Naivität der Jugend und dem Aplomb des Weibe?, und wie sie so den schmalen Gang hinabfegte, wobei einige kleine, neugierige Köpfe zwischen den Falten ihres Kleides zeitweilig ver- schwanden, da ließ das pfiffige Lächeln auf ihren Zügen über ihre Aufnahme keinen Zweifel mehr bestehen. Mit einer halben Verbeugung gegen den Lehrer, den einzigen Punkt, worin sie sich den andern gleichstellte, nahm sie auf einer der größeren Bänke Platz und begann mit aufgestützten Ellen- bogen die Handschuhe abzuziehen. Es war Cressh Mc Kinstry. Erzürnt und beunruhigt durch das ungezwungene Auftreten des jungen Mädchens, crividerte der Lehrer vorderhand ihren Gruß nur kühl und ließ ihre elegante Erscheinung scheinbar gänzlich unbeachtet. Die Situation war peinlich. Er konnte sich nicht weigern, sie aufzunehmen, da ihr Lieb- haber sie nicht begleitete, auch ging es nicht an, bezüglich des gelösten Verlöbnisses Unkenntnis vorzuschützen, während es andrerseits eine neue Einmischung gewesen wäre, welche Judianerbrunn sicher nicht geduldet hätte, wollte er sie auf ihr offenbar unangemessenes Kostüm aufmerksam machen. Er hatte nur die Erklärung zu acceptieren, die sie ihm zu geben für gut fand. Er ließ die Glocke ertönen, sowohl um die auf ihn gerichteten Augen der Kinder abzulenken, als auch, uin die Sceue zu beendigen. Sie hatte die Handschuhe abgezogen und stand auf. „Ich kann wohl fortfahren, wo ich aufgehört habe?" fragte sie lässig und wies ans die mitgebrachten Bücher. „Vorläufig ja," versetzte der Lehrer trocken. Die erste Klaffe kani heran. Später, als feine Pflicht ihn zu ihr führte, fand er zu feinem Erstaunen, daß sie augenscheinlich bereits auf die folgenden Lektionen vorbereitet war, als habe sie in der That au ihrer Wiederaufnahme nicht im geringsten gezweifelt; auch benahm sie sich so ruhig, als habe sie die Schule erst am Tage zuvor verlassen. Ihre Kenntniffe waren allerdings noch ganz elementarer Natur, denn Cressh Mc Kinstry war nie besonders begabt gewesen, allein er be- merkte, nicht ohne einen Zweifel an ihrer Beständigkeit, daß sie auf ihre gegenwärtige Arbeit ungewöhnliche Sorgfalt ver- wende. Zudem zeigte sich bei ihr ein gewisser Trotz, als sei sie ent- schloffen, einer etwaigen Zurückweisung mangelnder Kenntnisse jeden Grund zu entziehen. Dabei konnte er nicht ujnHm, zu bemerken, daß sie mehrere Ringe trug, und ein großes Annband auffällig an ihrem weißen Ann blitzte— das be- reits die Aufmerksamkeit der Mitschüler erregt hatte und Hans Filgen zu der lauten Bemerkung veranlaßte, daß es „wahrhastig von Gold" sei. Ohne ihren Blicken zu begegnen. begnügte er sich damit, die einmal rege gemachte Aufnierk- samkeit der Kinder von ihr abzulenken. Sie war auch in ihrer früheren Rolle als Braut niemals besonders beliebt in der Schule gewesen, und nur Octavia Dean und ein paar ältere Mädchen wußten den geheimen Zauber zu schätzen, während der schöne Rupert, geschützt durch seine Vorliebe für die nicht mehr ganz junge Besitzerin des Jndianerbrunner Hotels, sie als ein frühreifes Balg ansah, mit dem er noch weniger als den andren zu thun haben mochte. Nichtsdestoweniger hatte ihre Anwesenheit etwas Auf- regendes für den Lehrer— um so mehr, als sich daran die Erinnerung an ihre thörichte Liebesgeschichte knüpfte. Er ver- suchte sich einzureden, daß dies nur eine Phase in dem Grenzerleben sei, die ihm Vergnügen machen sollte. Allein das that sie nicht. Die Zudringlichkeit dieses unvornünstigen Mädels schien die Disciplin seiues Lebens wie seiner Schule störell zu wollen. Die ungelvisscu. in die Ferne schweifenden Träumereien, denen er sich während der Schulstunden hinzugeben pflegte und die vielleicht durch die Abgeschiedenheit seines Wohn- ortcs und eine gewisse stille Sympathie für seine kleinen Pflege- befohlenen erweckt wurden, für deren Nöten und Schwächen er Verständnis zeigte— diese Träumereien schienen nun auf immer dahin. In der Pause hatte sich Octavia Dean zu Cressy gesellt. ihren Arm der Aclteren um die Taille gelegt, hatte sie mit einem Lächeln schnellen Verständnisses angeblickt und war dann mit den andren davongegangen. Der Lehrer an seinem Pult blieb mit Cressy allein, die in dem Gange stehen ge- blieben war. „Ihre Eltern haben mir noch keine Mitteilung davon gemacht, daß Sie wieder in die Schule kommen würden," begann er.„Aber sie haben das wohl so gewollt?" Ein unbestimmter Verdacht, daß eine Verabredung nnt ihrem früheren Liebhaber dahinter stecken könnte, ließ ihn das Wort besonders betonen. Mit zager Verwunderung schaute das Mädchen ihn an. „Ich denk', Pa und Ma werden nichts dagegen haben", cnt- gegnete sie mit der nämlichen Nichtachtung der elterlichen Autorität, welche Rupert Filgen am Tage zuvor geoffenbart hatte und die eine lokale Eigentümlichkeit zu sein schien.„Ma wollte wohl niit Ihnen reden, aber ich sagte ihr. sie brauche sich keine Müh' zu geben." (Fortsetzung folgt.) Ma»druck verboten.! vev Meli dev Ausgestotzenrn. Ueber Sibirien und das sibirische Verbamiuiigsshstein gicbt es zwei Werke, die sich hohe» Ansehens nnd ivciter Verbreitung erfreuen und ivenigstens dein Namen nach allgemein bekannt sind. Das eine rührt von dem Amerikaner George Kcmran her und erregte vor zehn Jahren ungeheueres Aufsehen ivegen der furchtbaren Anklagen gegen den russischen Absohitismus, die aus seinen Seiten sprachen und ihm vielfach die unbegründete Anklage der Uebertreibnng zuzogen. DaS andre hat einen Russen zum Verfasser nnd reiht sich, während Keuuans Auch auf sonderlichen litterarischcn Wert nicht eben Anspruch erheben kann, den llassischcuMeisterwerken derrussischcnLitteratur eben- biirtig an. Auf einer Höhe mit Dostojewskis„RaSkolnikow" stehen seine .Erinnerungen auS einem Totenhause". Wie der„Raskolnikoiv" bekanntlich eine nichts weniger als aufheiternde Lektüre darstellt, so haben auch die„Erinnerungen aus einem Totcnhanse" etivaS un- endlich Peinigendes und Niederdrückendes an sich mit ihren endlosen Schilderungen menschlichen Leidens, menschlicher Erniedrigung, mensch- sicher Verkommenheit, lasien eine» aber doch nicht los wegen ihrer packenden Lcbcuswahrhcit und wegen der durchdringenden, bis in Herz nnd Nieren blickenden Schärfe in der Schilderung nienschlichen Seelenlebens, die Dostojewski eigen ist. Er spricht hier freilich ans persönlicher Erfahrung, hat in jenen Blättern, wen» auch in dichterischer Verkleidung, ein gut Stück seiner eignen Vcr- gangenheit zur ergreifenden Darstellung gebracht. Zur Zeit hcS Zaren Nikolaus' l. Ivegen Verwicklung in die kommunistische Verschwörung Petraschewskys zu vierjähriger Verbannung»ach Sibirien verurteilt, hätte er die Freuden des Lebens im„Ostrog", in» sibirischen Zuchthaus, von ihm.Totenhaus" genannt, an sich selber zu kosten bekommen. Wer sein Bild dcS sibirischen Sträflingslebeus kennt, dem wird es lebhaft ins Gedächtnis zurückgerufen und in seiner inneren Wahr- heit bekräftigt durch die Lektüre eines ganz neuen Buches über Sibirien, lieber ein Menschenalter jünger, als Dostojewskis Werk, stimmt eS doch in allein Wesentlichen mit ihm überein, und wenn es sich auch in Feinheit der Psychologie und Llunst der Darstellung nicht mit ihm messen kann, so darf es doch ein nicht geringes selbständiges, sachliches Interesse in Anspruch nehmen. Auch der Verfasser dieses Buches erzählt aus der eignen Leidensgeschichte: Dichter wie Dostojewski, politischer„Verbrecher" gleich ihm, durch die barbarische Niedertracht eines gcängstigten Despotismus dazu vcr- dämmt, wie er, lange Jahre unter dem Abhub der Gesellschaft, „in der Welt der Ausgestoßeucn" zuzubringen, birgt er sich, ver- mutlich aus sehr triftigen Gründen, hinter dein Pseudonym Melchi».*) Er wurde im Jahre 1887 samt 2V andren Angeklagten in einen politischen Prozeß verwickelt. Das Kriegsgericht erklärte ihn schuldig, ein aktives Mitglied des revolutionären JugendbundcS gewesen z« sei», in Dorpat bei der Einrichtung einer Gchcimdruckerci mitgewirkt und unter einem falschen Namen gelebt zu haben. Für diese grausigen Verbrechen wurde er nebst 14 seiner Mitangeklagten ?um Tode verurteilt. Während sie gehängt wurden, hatte der Vcr- affer unsreS Buches das Glück, zur Zwangsarbeit auf Zeit in Sibirien begnadigt zu werden. Auf dem Leidenswege dahin begleiten wir ihn zunächst. Nach- den» ihm ordnungsmäßig der Kopf abrasiert und die Kette an die Beine geschmiedet worden ist und nach einer herzzerreißenden TreunuügSsccne von seiner Mutter führt ihn zunächst die Eisenbahn von daimen; bald aber beginnt die langwierige Barkcnfahrt auf der Wolga und der Kania, dann weiter auf dem Jrtisch, dem Ob und ihren Zuflüssen bis Tomsk und sodann der Monate in Anspruch nehmende Marsch auf drr 3500 Kilometer langen Etappenstratze TomSk- Stretensk. Dieser Zug der unbekannten Zukunft entgegen war gewiß reich a» Strapazen und Entbehrungen, an Erniedrigungen und Scelcnqualcn— letzteres zumal für die weiblichen Angehörigen der Kolonne—, aber er gab doch nur einen schwachen Vorgeschmack dessen, was Melchin bevorstand am Orte seiner Bestimmung, dem neu angelegten, als„Musteranstalt" gedachten Zuchthaus« von Schclaj**) im Bezirke von Nertschinsk, der nämlichen oft- •) L. Melchin«, Dans Ig rnondc des reprouves. Souvenirs dn bagne siberiea. Traduit du russo par Jules Legras. Paris 1901. •*) Der wirklich«, anderslautende Name wird vom Verfasser ver- schwiegen. sibirischen Landschaft, wo einst der erste unter den socia» listischen Theoretikern Rußlands, N. G. TichernischewSky, feine Leidensjahre zugebracht hat. Während Melchin nämlich auf der Flußfahrt und dem Marsch über die Etappenstraße mit den andren Politischen zusammen sich einiger Rücksichtnahme er« freut hatte, insofern sie unterwegs und in den Etappengefängnissen von den gemeinen Verbrechern gesondert gehalten worden waren, wurde er mm von seinen bisherigen Gefährten, deren Ziel ein andres war, getrennt und tauchte unter in der Masse der Sträflinge, ohne irgend welchen Vorzug vor ihnen zu genießen. Welches feine Empfindungen waren, als er den ersten Abend in Schclaj noch lange wach lag inmitten der abgehärteten, verhärteten Stnbengenvssen, die auf den hölzernen Pritschen längst schliefen, das beschreibt Melchin also:„Ich hatte noch keine Lust zu schlafen: ich dachte nach. Ich dachte an den Ort. an den ich geraten war, und daran, was mir die Zukunft vorbehalte; ich litt besonders bei dem Gedanken an meine Vereinzelung imnittcn dieser Menschen. Dieser Abend allein und die Unterhaltungen, die ich angehört, hatten genügt, um mich begreifen zn lassen, weicher ungeheure Unterschied vorhanden war zwischen unsren Ideen über Leben und Menschenwürde. zivischcn diesen Leuten»nd mir. Un- willkürlich fragte ich mich, ob ich in Pabrowski*) glücklicher gewesen sein würde als hier.... Würde ich meine Gefährten begreifen und sieben können? Würde sich einer darunter finden, der Mitgefühl mit mir empfände? Welche Beziehungen würden wir schließlich zu- sammeii haben? Es schien mir klar, daß, selbst wenn ich mich nicht bei ihnen verhaßt machte, ich wenigstens in absoluter Vereinzelung leben und empfinden würde, und daß, im Vergleich mit ihnen, meine Leiden im Bagno zweimal, tausendmal schlimmer wären,..." Und als er dann das Schreckensregimcnt des Gefängnisdirektors Lntschcsarow, die unfruchtbare Arbeit in den nahegelegenen Silber» minen, die miserable Nahrung nnd vor allem seine Kameraden, von deren Gesellschaft er doch nicht loskommen konnte, durch längere Erfahrung näher kennen gelernt hatte, da Ware» seine schlimmsten Erwartungen von der Wirklichkeit über» troffen:„Für mich war das Leben in Schclaj unsäglich hart. Eine widerwärtige und wenig nahrhafte Kost, die Arbeit in den feuchten und kalte» BcrgwerkSbrnnnen, diese Art Dasein in einer Art erniedrigender Kaserne, Ivo alle nnsre besten Gefühle und unser bestes Streben in den Kot gezerrt wurden, die Freiheitsberaubung und die Vernichtung alles Zusammenhangs mit der gebildeten Welt, ein cngcS Znsammcuivohncn mit Menschen, die mit mir fast nichts gemein hatten, bittere Tage und Nächte voll marternder Schlaf- losigkeit und voll wüster Traumbilder: ach, jetzt noch, nach so viel Jahren, schaudere ich, wenn ich an all' das zurückdenke..." Was ihm unter den entnervenden und entsittlichenden Eindrücken einer Umgebung von Entarteten, von Häschern und kleinen Tyrannen als Halt»nd Trost diente, das war in erster Linie der Unterricht im Lesen und Schreibe», den er einer Anzahl seiner Stubengefährten gab, und dann später der Umgang mit zwei„Politischen", die dem Zuchthaus von Schclaj überwiesen Ivurdeu. Was jenen Unterricht anbetrifft, so war sich Melchin über den praktischen Nutzen dieser Thätigkeit sehr im Zweifel, aber er hielt doch fest daran, weil sie ihn selber vor dem Grübeln behütete und seine Mitgefangenen dem böse», verbrecherischen Gedankenkreise entzog, in dem sie ge- wöhnlich lebten. Dabei und im sonstigen Umgang mit ihnen, unter denen wenige waren, die nicht einen Mord oder wenigstens einen schweren Straßenraub auf dem Gewissen) halten, lernte er„selbst diese erschreckenden Menschen begreifen und lieben, in ihnen die nämlichen Kennzeichen des Menschentums finden, die ich in mir hatte, die nämliche Fähigkeit zu leiden und das Leiden zn fühlen. Unter den gegebenen Umstünden sah ich in ihnen ebensogut Opfer wie Henker." DaS ist freilich durchaus nicht der Staiidpunkt des Gefängnis- dircktors Lntschcsarow, ebenso wenig wie der seiner vorgesetzten Be- Hörden. Seine und deren Meinung über die Gefangenen und ihre Behandlung setzte er Melchin folgendermaßen auseinander, als der Gefangene Bücher aus der Heimat geschickt und von Lntschcsarow persönlich ausgehändigt bekam und diesem gegenüber die Absicht aussprach, seinen Mitgefangenen daraus vorzulesen', um sie zu bessern:„Augenscheinlich", meinte der Gcsängnisgcwaltige,„die Sträflinge besser», das ist sehr nett. Ich strenge mich selbst in dieser Richtung an; aber dies ist das erste Mal. daß ich sagen höre, dies Volk sei für etwas andres empfänglich, als für Furcht»nd Strafen aller Art. Um die Wahrheit zn' sagen, bin ich zum Beispiel weit davon entfernt, für die körperlichen Züchtigungen einzutreten; das habe ich den Gefangenen oft gesagt. Wenn Sie wollen, bin ich sogar im Princip Gegner von Peitsche und Ruten: wozu dient däs?.Was machen sich Gesellen, wie die hier, daraus? DaS Arsenal von Strafen, das ich in Händen habe, genügt wohl ohne das... Ich wiederhole es, von Natur bin ich keineswegs grausam. Nur halte ich mich in allem an die strikte Gefctzlichkeit, an den Buchstaben des Gesetzes. Darum sehe ich keine andren Bcsscrungsmittel, als die mir die Instruktionen angeben. Alle, die sich gegenwärtig praktisch mit der Sträflings- frage beschäftigen, erkennen mir einen Antrieb an: die Furcht, und ich' bin ihrer Meinung. Alles übrige, alles, was Sie hinzufügen, sind einfache Annahmen. Nein, mit diesen Büchern hier werden Sie Leute, wie die hier, nicht bessern� Ich lebe seit 10 Jahren in Sibirien und keime sie besser als Sie: es sind Kanaillen, die bis *) Miucnort im Bezirke Nerlschinsk. ins Marl der Knochcu verdorben find." Das waren also die An- schauungen,!naa> denen die Musteranstalt Schclaj vcrlvaltet wurde; wie sie wirkte», das sei in Melschins nicht für Schelaj oder für Ruhland allein geltenden Worten beschrieben:„Das Lebe» verlief im Gefängnis nach der am ersten'Tage festgesetzten Ordmmg. Der Appell, die Mahlzeit, das Ende der Arbeit, der Schlaf, alles hatte seine Stunde. Alles war darauf eingerichtet, ans uns Maschinen zn machen, die nur auf Befehl und„den Instruktionen gemäh" lebten. Diese Instruktionen rechneten augenscheinlich überhaupt gar nicht mit der Annahme, dah im Innersten der Existenz jedes so reglementierten Sträflings noch ein kleiner Winkel blieb, wohin sie nicht dringen konnten. Dieser kleine Winkel, dies ANerheiligste, das bei den Verdorbcnsten existiert. Ivar bei nnsrcn Sträflingen die Er- inncning an die Vergangenheit, die Vorstellungen von der Freiheit, der instinktive Hast gegen' die Soldaten, gegen die Wärter, mit einem Wort gegen alles,' ivas„Vorgesetzter" hiest... Die Regeln be- rührten nur das Aeußere, man hatte gut Reinlichkeit, vollständige Arbeit, Grüßen in den Regeln fordern, indessen wandelte man nicht die Seele auch nur einem einzigen Gefangenen um. Die VorstellNiigc» über Zweck und Sinn des Lebens blieben immer dieselben, und wenn der Sträfling bedingnngsiveise freigegeben wurde, so begann er sein neues Leben nach dein nämlichen Muster wie das voraufgegangene, mit dem einzigen Unterschiede, daß er sich jetzt anstrengte, reinlicher, vorsichtiger zn„arbeiten", in- dem er so wenig Beweise wie möglich zurückließ... Die äußerliche Furcht verdirbt den schon verdorbenen Menschen nur noch iveiter und endgültig bis aufs Mark, ivcil sie ihn zwingt, List und Heuchelei zu verwende». Sie vernichtet nicht in seiner Seele die gefährlichen Bacillen, die darin die Krankheit dcS Verbrechens hervorrufen, sondern bewirkt nur ihre Verbcrgnng in den geheimsten Winkeln, wo sie indes nicht minder gefährlich sind. Der brave Hauptmann Lntschesarow, der sich auf rein äußerliche Um- tändc stützte, auf den Umstand, daß in dem ihm anvertrauten Ge- ängtiis alles gut gehe, daß es Iveder Kkirtcnspicl, noch Effekten- verkauf, noch Trunkenheit, noch Lärm darin gebe, konnte ganz natürlich denken, daß er nichts von den neuesten Entdeckungen der kriminalistischen Wissenschaften vernachlässige, und daß in seinen Händen das Strafsystem blühe:„ich aber, vor dem sich hier und da die Tiefen der Verbrccherseele öffneten, sah klarer und begriff, unter schnierzlichcm Zusammenziehen des Herzens, daß dies Schreckens- regimcnt nichts Positives und Gutes schuf. Ein interessantes Bild davon, wie im Mnstcrgcfnngnis von Schelaj die Dircllion ihre Gefangenen erzog und die erzieherischen Absichten Außenstehender förderte, und wie sich die Sträflinge dabei ans- »ahmen, bietet die Scene, in der ein deutscher Missionar im Zucht- hause erscheint.„Am folgenden Abend erschien auf sehr nnerlvartcte Weise der fremde Missionar mit seinem Dolmetscher. Da Lnlschcsaroiv nicht da ivar, so führte der Oberwärter den Besucher. Dieser war ein großer, gebeugter Greis mit grauem Barte; er ivar in schwarzem Ueberrock und trug unter dem Arm eine Fracht Evangelien. Er ging die Säle rund, indem er mir auf Deutsch eine Ansprache hielt, die ein Dolmetscher Wort für Wort ins gtnssischc übersetzte.„Dies Buch ist ei» großes Bind, gleich notwendig für den Bauer wie für de» Kaiser. Die Lehre, die cS enthalt, ist wahr: sie ist nicht allein wahr, sondern in hohem Grade praktisch, nützlich. Es genügt, ans- richtig an Gott zu glauben und ihn zn bitten: er wird alle nnsre Gebete und alle nnsre Wünsche verwirklichen..." Kaum hatte der Missionar diese Worte anSgcsprochc», als wir das betäubende Kommando„Stillgestanden l" erschallen hörten und unser» Saal wie ein Sturmwind Lntschesarow betrat, gerötet und außer Atem, von seinen Wärtern umgeben. Der Fremde hielt verwirrt ein.„Der Direktor des Gefängnisses von Schclaj, Hauptmann zur Disposition Lntschesarow," sagte Sechsauge sich vorstellend. Der Greis nannte seinen Namen, verbeugte sich, reichte die Hand und holte alSbald ans der Tasche das Papier, das von dem Zwecke seiner Reise handelte und die Erlaubnis enthielt, die Gefängnisse zu besuchen.„Gut!" sagte Lutschcsarow nach einigen Sekunden beschaulichen Stillschweigens, das noch andauerte, nachdem er die Papiere zurückgegeben, hatte: „Sie habe» schon mit ihnen gesprochen?" Als der Greis von seinem Dolmetscher den Sinn dieser Frage erfuhr, nickte er zustimmend mit dem Kopfe und machte sich' daran, seine Evangelien zu verteilen, indem er jeden Gefangene» fragte, ob er lese» könne oder nicht. Natürlich erklärten alle, sie könnten lesen, selbst Ivenn sie kaum das Alphabet kannten. Dann gingen die Besucher weiter in die andern Säle, wo ihnen jedesmal voraufging das Kommando„Stillgestanden I" Wahrschcin- lich machte es dem Fremden wcnig Vergnügen, unter solchen Umständen seine Rede zn halten. Er beeilte sich' wegzukommen, und die Sträflinge begannen ihre Bemerkungen über ihn. Ich hörte nicht ein einziges Wort, daS seine Ansprache oder den Zweck seiner Reise betraf. Man sprach von seinem Acnßern, seinen Kleidnngs- stücken.„Ha, sag' doch, Ivenn man auf der Straße einen Kerl wie den träfe," sagte mit seiner Bramarbasmiene Andrnschn Powar,„der würde sicher, wenn man ihm nur ein Wort sagte, alles geben, was er am Leibe hat, Uhr, Ueberzicher und Geld."„Ja, er muß doch einige Groschen haben", bestätigten die andern.„Das wäre ihm zu teuer gekommen, uns 10 oder 20 Rubel zn.geben? Hier Kinder, macht Euch ein gutes Essen, auf meine Gesundheit I Er ist geizig, das ist klar." Es war traurig, solche Worte zu hören und zu denken, *) Spitzname den die Sträflinge Lntschesarow gegeben hatten. daß für ei» solches Ergebnis dieser Greis Tansende von Kilometern zurückgelegt hatte, derbielleicht aufrichtig an dieHeiligkeit und Nützlichkeit seiner Mission glaubte, und der vielleicht von ganzem Herzen' diese Menschen liebte, von deren Aufklärung erträumte.... Aber andrer- seits, wen mußte man anklage»?' Die Evangelien, die er an die Gefangenen verteilt hatte, dienten größtenteils anderen Zwecken, als diejenigen, für die sie bestimmt waren..." Endlich kaum auch für Melchin der Augenblick der Auferstehung aus dem„Toteuhans": er wurde in Freiheit gesetzt, freilich nur bedingungsweise, daß heißt, auf Widerruf, unter ständiger Kontrolle und mit Unterwerfung unter die Zwangsarbeit. Nach seiner Ver- sichernng empfand er keine übermäßige Freude über seine Erlösnng: „cS schien mir, daß die frohe Stunde der Befreiung zn spät ge- schlagen habe, als meine Seele schon Müdigkeit fühlte und mehr als einen Riß bekommen hatte." Und nach den Sträflingen, der Hefe der Gesellschaft, unter denen er so lange hatte leben müssen, sehnte er sich sogar manchmal zurück; noch in seinem„Nachwort" schreibt er:„Wenn ich den Blick auf meine„Erinnernngen" richte, so sehe ich von neuem ans dem Dnnkcl»dcr Vergangenheit die kleinste Einzel- bcit alles dessen heraustrete», was ich empfunden habe. Und sie er- scheinen mir von neuem so nahe, alle diese hungrigen, wilden, un- wissenden, grausamen Menschen, alle diese Unglücklichen, diese unendlich Unglücklichen, ja vor allem und in erster Linie diese U n g l n ck- l i ch e n I Mein Herz leidet von neuem in solchen Augenblicken, und ich möchte mich wieder in ihrer Mitte befinden, von neuem ihr bitteres Los teilen, indem ich versuchte, einen Lichtfnnken inmitten der Finsternisse ihrer Seele aufzufinden." Er war eben auch allmählich auf den Standpunkt gelangt, den Dostojewski in den„Erinnernngen aus einem Totcnhanse" ciinnal so andeutet:„Wer weiß? Diese Leute sind vielleicht gar nicht um so viel schlechter, als jene andren, welche draußen, außerhalb des Ostrop geblieben sind! Ich dachte dies und schüttelte selbst den Kopf über meinen Gedanken und— Gott— hätte ich damals schon ahnen können, wie richtig dieser Gedanke warl" Gegen Schluß seines Buches faßt Dostojewski dieselbe Idee noch ein- mal deutlicher:„Wieviel Jugend lag hinter diesen Wänden tot ver- grabe», wieviel herrliche Kraft verkam hier ungenützt I Freilich gab cS hier ein ungewöhnliches Volk, aber es war wohl vielleicht das begabteste und stärkste Volk aus unsrcr ganzen Nation. Und wer trug die Schuld am Verkommen desselben?"—(?. Kleines �euillekon. <%. Trollittchen. Wer ist Trolliltchcn? Ein Gnom oder ein niedliches Elfenkind, das im Vollmondschcin über blumige Wiesen tanzt? KeinS von beiden, Trollittchen ist entfach ein Hund. Und in» es gleich ganz genau zn sagen, Trollittchen ist mein Hund, ovcnein ein Dackel. Ein waschechter, krummbeiniger Dackel. Trollittchen wäre kein Dackelname? Was schadet denn das? Muß ich meinen Dackel Männc nennen, weil jeder Dackel Manne heißt? Fällt mir gar nicht ein. Also: Trollittchen. Es ließen sich Geschichten von ihm erzählen, ohje, ohje I Zum Beispiel, daß er immer auf dem Sofa liegt, obgleich er doch seinen „Platz" am Ofen hat; aber das ist noch nicht das schlimmste, dafür ist er eben ein Dackel. Neulich hat er mir ein Stück Leberwurst vom Tisch gemaust, für fünfzehn Pfennige gute Leberwurst einfach vom Teller weg, ist das nicht eine Frechheit?' Ja, ja I Eigentlich müßte Trollittchen etwas mit dem Nohrstock bekommen, aber gar nicht unsachte, nicht wahr? Wenn er nur nicht —„so nett" wäre. Und er ist wirklich„nett". Kaum daß man anfangen will zu schelten, liegt er auf dem Boden und hebt das Pfötchen und die Augen kann er drehe» und das Schwänzchen fliegt-- 1 Die dicke Kanfmannsfrau aus dem Nebcnhanse hat ganz recht: „'s is'u freundliches lleenes Luder." Aber die Menschen! Die Menschen I Da kommt zum Beispiel der Herr Geheimrat. Trollittchen empfängt ihn niit einem Frendengeheul, legt sich vor ihm auf die Erde, macht vor Vergnügen förmlich Kotau. Aber der Herr Gehcimrnt ist entrüstet:„Nein, der Hund! Das ist ja ein schrecklicher Hund! WaS will denn der von mir? Jagen Sie doch den Hund fort, immer springt er mir vor die Füße!" „Marsch, hinaus, Trollittchen I Kommst heute nicht mit in die Stube." Da klemmt er daS Schwänze! zwischen die Beine und drückt sich. Der Herr Geheimrat jammert:„Nein, nun haben Sie wieder einen Hund. Warum haben Sie denn wiederj einen Hund? Sehen Sic. ich bin ein großer Hundefrcund, aber nur nicht im Hause solch' ein Vieh. Ja, es sind ja netto Kameraden, wenn sie nur nicht so.. so.. hm so gewisse kleine, braune Tierchen bei sich hätten. Ach, ich liebe die Hunde so unsagbar. Aber die kleinen braunen Tierchen! Nein, ich habe zu meiner Frau gesagt:„bloß keinen Hund." Da ist Frau Trude ganz anders. Sie zieht Trollittchen gleich auf den Schoß.„Ach, was haben Sie denn da? Der ist ja süß, den möchte man ja abknutschen. Und Augen hat er. richtig wie ein Mensch. Ach Trollittchen. wenn Du mein Hund wärst, kämst Du Tag und Nacht nicht von meiner Seite. Ich habe ja die Tiere so lieb, sie sind ja viel besser, wie die Menschen! Ich lönnte ihnen alles zu Liebe thun Trollittchen bekomint wahrhastig einen Kutz. Trollittchen ist ganz Begeisterung, wo man Küsse bekommt und„zum Abknutschen' ist, da werden von der Abcndtafel auch sicher ein paar delikate Wurstpellen herunterfallen. Aber Frau Trude legt die Wurstpellen ruhig auf den Tellerrand. Frau Trude schwärmt gerade von neuen Winterkleidern. Trollittchen begreift das offenbar nicht. Er sitzt und sieht sie an; fie erzählt weiter von Homcspunhüten und von der gelben Atlastoilette, die sie beim nächsten Wohlthätigkeitsball tragen wird. Trollittchen hebt sich auf die Hinterbeine und butzt mit seinem spitzen Naschen bescheiden an ihren Arm. Aber Frau Trude schreit auf:„Was will denn der Hund? Wie kannst du denn betteln? Jetzt will ich dich nicht! Marsch weg I Nein, das macht mich ganz nervös, wenn der Hnnd mich so ansieht. Geh I' Frau Trudes spitzes Sticfelche» bohrt sich in TrollittchenS feistes Bäuchlein. Ja, siehst du, Trollittchen: Worte und Thaten." Frau Doktor Schweiger hat mir ihre Freundschaft gekündigt und das kam so: Frau Doktor Schweiger besuchte Nlich mit ihrem Häuschen, der ist fünf Jahre alt und— ein Engel. Seine Mutter sagt es wenigstens. Der Engel liebt nichts so sehr wie kleine Hunde. Er„spielt" mit Trollittchen.„Ist das Btld nicht süß?" fragt verzückt die Mama. Trollittchen findet es nicht süß. er schreit auf und rennt davon. Der Engel hat ihn in die Nase gelniffen. „Komm her", ruft der Eugcl und stürzt ihm nach, jetzt hat er ihn richtig am Sclnvanz erwischt und reiht ihn daran in die Höhe: Trollittchen quietscht, als ob er am Spicjze stäke. Des Engels Fäuste sausen auf seinen Rücken. „Aber Hans! Wirst Du mal!" Ich reiß ihm den Hund fort. „Lassen Sie ihn doch!" Die Mama will sich todlachen.„Lasten Sie ihn doch, er spielt ja nur, er spielt Trommel." „Na, erlauben Sie. er quält den Hnnd!" „Ach, wie können Sie denn da»„Quälen" nennen, und über- Haupt einem Kind da» Vergnügen zu stören um so einen alten plundrigen Hnnd." Frau Doktor Schweiger und ihr Engel besuchen mich niemals wieder.— Aber draußen in der Küche sitzt die alte Waschfrau, sie ist eben mit dem Mittagessen fertig geworden,»eben ihrem Teller, sorgsam auf Zeitniigspa'pier, liege,! die Karbonadenknoche», die hebt sie hoch: „Komm mal her, Trollittchen, die sind for Dir." „Haben Sie ihm richtig wieder etwa? aufgehoben, Frau Schulz?" „Na, wo wer ick denn nich? Allemal. Wo'n kleener Köter tn's Haus is. muß er de Knochen kriegen, det wird sich woll so je« hören," Und da sitzt Trollittchen richtig auf ihrem Schoß. „Er drückt Ihnen ja das Kleid, Frau Schulz." Na, denn iiehinen ivir det Kleid einfach hoch. Sehen Se. so, nu kann er sitze» bleiben. Denken Se, ick lver'n Tier znrückschubsen, det sich zu mir freut? Nee, so ruppig is de Schulzen nu doch nich." „Aber viele Menschen mögen das nicht." Sie blinzelt mich mit ihre» kleinen trüben Aeugelchen au:„Nee viele Menschen mögews nicht, aber wissen Se: Det sind denn ooch Menschen..." Und nach einer Pause:„Ja, se sagen imnier, wer nich jut is zu de Tiere, der is ooch nich jut zu de Menschen und manchmal is's jrade umjekchrt, und se sind jntcr zu de Tiere als zit de Menschen. Aber det Hab' ick auch immer jesagt. det können Se man glauben, lver»u schon auch'n Hund wegschubst, der taugt überhaupt nischt, der taugt überhaupt nischt, der is'» Rnppsack. Hoppla Trollittchen I"— Musik. —„In der That wird die augenblicklich klare Erfaffung einer ganzen Leidenschaft auf der Bühne bei weitem erleichtert werden, wenn sie eben ganz niit allen Ncbengefühlen und Nebenempfindniigen mit einem festen Striche in eine jklarc faßliche Melodie gebracht wird, als wenn sie durch hundert kleine Kommentationen, durch diese und jene Hannonische Nuance. durch das Hineinreden dieses und jenes Instruments verbaut und endlich ganz hinweggeklügelt wird." In diese Worte faßte Richard Wagner im Jugendalter von 24 Jahren eine Auseinandersetzung über italienische u»d französische Opern und zumal über Bellini zusammen. Ob damit nicht eine Kritik des späteren Wagner oder wenigstens nianches von seinen Nachfolgern gegeben ist? Jedenfalls freuen wir uns, in diesen Tagen auf das Leben eben des Tollkünstlers zurückblicken zu können, an den Wagner bei jenen Worten ganz besonders dachte. Wir freuen uns auch dessen, ivas diese Tage an Wiederbelebungen des GedächtnisteS jenes Kompo- nisten bringen. Seit längerem rüsten sich die Städte Italiens, zumal die an V i n c e n z o B e l l i n i besonders beteiligten, um die Erinnerung an seinen Geburtstag würdig zu feiern(3. November 1801). Namentlich sollen einige frühere Werke Bellinis hervorgeholt werden. In Deutschland sind für diese Gedächtniszeit die . M u s i k e r- B i o g r a p h i e ii" der R e c l a m scheu„ U n i v e r« s a l- B i b l i o t h c i", die trotz mancher Ungleichmäßigkeiten im all- gemeinen mit Recht gut angeschrieben find, um ein 23. Heft, um das über Bellini von Paul Boß, vermehrt worden. Auch diesmal können wir vernieiden, die hier und sonst leicht zu findenden Verantwortlicher Nedactcur: Carl Leid in Berlin. Lebensdaten und Charakteristiken des MauneS wiederzugeben. Uns obliegt es vielmehr, zu fragen, waS in unfrer Nähe geleistet wird, um einerseits die zu unserm Gegcnwartsbesitz gewordene Ver« gangenheit und andrerseits die in unsrer Gegenwart sruhende Zukunft zn pflegen. Es finden in diesen Tagen nicht nur mehrere Neu» Erweckungen Bellinischer Opern, sondern auch, eben dem Toten zu Ehren, niehrere Anfführungen modernster Opernnovitäten statt, damit auch wir unfern Bellini bekommen. Nur glaube man nicht, daß dies in den Opernthcatcrn Berlins geschieht; es geschieht lediglich in der — Phantasie des Schreibers dieser Zeilen. Jene Theater pflegen ihren Alltag gemütlich weiter,„als ob nichts geschehen wäre". Doch nein: es ist thatsnchlich etwas geschehen, das freilich nach außen kaum sehr bemerkt wurde. Der Oberregisteur unsres königlichen Opernhauses, Tetz la ff, ist auf einen Verwaltungsposten zurück- getreten und durch Herrn B r a u n s ch w e i g ersetzt worden, der bisher unter jenem und zuletzt in Bayreuth gewirkt hat. Daß damit eine tüchtige, ailgiasstallineistcriide Kraft gewonnen sei, wollen wir vorläufig annehmen; daß sie auch im besten Fall so lange nicht viel nützen werde, als überhaupt an dieser Oper die einzelne» Führer wenig zu sagen haben und der Gesamtgeist nicht steigt, müssen wir allerdings befürchten. So tief nun ein Konzert im allgemeinen unter der Vorführung eines musikalischen Dramas steht, so hoch kann die einheitliche Haltung eines Konzertes über einer Opernwirtschaft stehen. I» diesem Sinn hat uns neulich der populäre Lieder-Abend von Brigitta Thiele manii einige Freude bereitet. Vor allem wegen des guten Programms, das auch in der Dnicklegung von einer dailkenswerteu Genauigkeit war. Das eine Manuskript allerdings, Fritz Fnh r in e i st e r S„Vor der Schmiede", fiel ganz ab; vielleicht ist dadurch der Armseligkeit des Komponisten im Heraushole» musikalischen Gehaltes ans dem dichlcrischcn Gehalt zu viel Strafe widerfahren. Auch Wilhelm Bergers„Trotzdem". das beim erstenmal mächtig wirkte, möchte ich nicht gerne zu oft hören. Eigentümlich war die durchaus moderne Behandlung des tieffühlenden. Freundes" von Eichendorff in der Vertonung durch Hugo Wolf f. Der so ganz romantische Dichter würde sich nieiiieS Erachtens dagegen doch nicht gesträubt haben; er besaß genug Fein- gefühl für Eigenartiges in Natur und Kunst. Die Sängerin jenes Abends verfügt über eine geschmeidige(doch in den Registern nicht ganz ausgeglichene) Stimme, mit der sie Zarteres, wie einige feine Sachen L o e w e s und den lieblichen„Spaziergang im Sonnen- schein" von Catharina van Nenn es sholländisch) sehr gut zur Geltung brachte. Bei Kräftigerem kippt ihre Stimme manchmal um. Bei Richard I. E i ch b e r g s(eines Veteranen der Berliner Musikkapelle)„Schließe mir die Augen beide", nach Th. Storni, kam dagegen ihr schöner Stiininklang vorteilhaft heraus. V r a h m s' „Acht Zigemierlicdcr"(ox. 103) konnten mir nur wieder eine An- erkennuiig des Ernstes erwecken, in dem dieser Meister so groß ist; tiefer haben auch sie mir nicht gegriffen. Herrn Dr. Franz Kuhlos bescheidene Begleitung sei noch eigens erwähnt.— sz. Notizen. — Die erste Aufführiing von Gerhart Hauptmanns Tragikomödie„Der rote Hahn" ist für den 23. November im Deutschen Theater in Aussicht genommen.— — Arthur Schnitzlers Einakter-Cyklns, der am Deutschen Theater demnächst zur Aufführung gelangen ivird, führt den Gcsamttitel„Lebendige Stunden" und besteht aus den drei einaktigen Schauspielen,„Lebendige Stunden".„Die Frau mit dem Dolche",„Die letzten Masken" und dem Lustspiel „Lilteratnr".— — Strindbergs neue Vühuendickituug„Der Toten» tanz" geht noch diesen Winter in Berlin in Scene. Emaunel Reicher und Rosa Bcrtens werden die Hauptrollen spielen.— —„Mein Schneider", ein Einakter von Alfred C a p u s, deutsch von W i l h e l m T h a I, ist vom R e s i d e n z- Theater zur Aufführimg angenommen worden.— — Otto E r n st s umgearbeitetes Drama„Die �große S ii n d e" errang bei der Erstaufführimg im Deutschen Schau- s p i e l h a u s zu H a m b n r g einen starken Erfolg.— — Maxim G o rk i s Novelle„ F o m a G o r d e j e w" ist dramatisiert worden und geht deumächst am Neuen Theater in Petersburg in Scene.— —„Die bösen Buben" nennt sich eine neue Künstler- Vereinigung& la„Schall und Rauch", die Milte November im K ü n st l e r h a n s e vor einem geladenen Publikum debülieren wird.— — August B ungert läßt zn Weihnachten eine» Band „ R h e i n l i e d e r" erscheinen.— — Die Bayreuther Festspiele im Sommer 1002 bringen:„Parsifal",„Der Ring des Nibelnngen" und„Der fliegende Holländer".—__ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 3. November. Druck und Verlag von Ntax Bading in Berlin.