Mnterhaltungsblatt des HorwSrts Nr. 215. Sonntag, den 3 November. 1901 4] Roman von Bret Harte. (Nachdruck verdolen.) Cressy hatte die Hände hinter sich auf einen Tisch gestützt und lehnte sich dagegen, während sie die Spitze ihres zier- lichen Stiefels betrachtete, der unter dem Saum ihres Kleides einen kleinen Halbkreis beschrieb. Ihre halb trotzige, halb nachlässige Stellung ließ die vollen Linien ihrer Büste nzehr hervortreten. Der Lehrer bemerkte das uird wurde noch etwas strenger. „Dann soll das also für permanent sein?" fragte er kühl. „Was ist das?" forschte Cressy. „Dann wollen Sie also regelmäßig zur Schule kommen?" wiederholte der Lehrer kurz,„oder ist das nur für ein paar Tage— bis—" „Ach," sagte Cressy voll Verständnis und richtete die blauen Augen voll auf ihn,„Sie meinen das. Ach, das ist 'vorbei. Ja," fügte sie verächtlich hinzu und beschrieb einen größeren Halbkreis mit ihrem Fuß,„das ist alle— seit drei Wochen." „Und Seth Davis— kommt der auch lvieder?" „Der!" Sie ließ ein leichtes Lache« hören.„Ich denk' nicht. Wenigstens nicht, so lange ich hier bin." Sie hatte auf dem Tisch eine sitzende Stellung eingenommen und ließ ihre kleinen Füße herunterbaumeln. Plötzlich klappte sie mit den Hacken zusammen und sprang auf.„Ist das alles?" fragte sie. „Ja." „Kann ich nun gehen?" Sie legte ihre Bücher zusammen, zauderte aber noch einen Moment. „Es ist Ihnen doch gut gegangen?" fragte sie mit flüch- tiger Höflichkeit. „Danke— ja." „Sie sehen recht wohl aus." In wiegende«: Gange, wie er den Mädchen des Südens eigen, schritt sie zur Thür und öffnete sie, dann stürzte sie plötzlich auf Lctavia Dean zu, drehte sie ein paannal im Kreise und raste mit ihr davon; einen Moment später er- schien sie Ann in Arn: mit jener auf dem Spielplatz, ohne die kleineren Kinder der Beachtung zu würdigen. Als an: Nachmittag die Schule geschloffen war und der Lehrer zurückblieb, um mit Rupert Filgen die Aufgaben für Oickcl Ben durchzugehen, forschte der reizbare Adonis: „Konunt Cressy Mc Kinstry nun alle Tage, Herr Ford?" „Ja, entgegnete der Lehrer trocken. Nach einer Pause setzte er hinzu:„Warum fragst Du?" Ruperts Locken hingen mißvergnügt auf die Stirn herab. „Nun, es ist just nicht angenehm, sie wieder zu sehen, gerade wenn nian denkt, man ist sie los mitsamt ihrem Schatz, und ausstaffiert, wie wenn sie eben von der Schneiderin kam'." „Du solltest mit Deinen: persönlichen Mißfallen zurückhalten, Rupert, und nicht so von einer Mitschülerin reden, die überdies eine junge Dame ist," wies ihn der Lehrer zurecht. „Der Wald ist voll von solchen Mitschülerinnen und solchen jungen Damen, wenn einer sie jagen will," meinte Rupert bedeutungsvoll.„Hütt' ich gewußt, daß sie wieder- konunt, ich Hütt'—" er hielt inne und ballte die sonn- verbrannte Faust,„ich Hütt'—" „WaS?" fragte der Lehrer scharf. „Ich Hütt' die Schul' geschivänzt, bis ihr die Schul' laug- weilig gewordeil war'. Es Hütt' nicht lang' gedauert," fügte er uiit unterdrücktem Kirchern hinzu. „Schon gut," schnitt der Lehrer ihm die Rede ab.„Für jetzt sollst Du Deine Pflicht thun und Onkel Ben zeigen, daß Du mehr bist als ein dummer Schuljunge, sonst," fügte er bedeutungsvoll hinzu,„könnte ihn: und:nir unser Abkommen leid werden. Sorge dafür, daß ihr beide etwas vor Euch ge- bracht habe, wenn ich zurückkomme." Er nahm seine,: Hut von dem Nagel und verließ, einen: plötzlichen Entschluß folgend, die Schulstube, uin sich zu Cressys Eltern zu begeben. Er wußte noch nicht genau, was er sagen würde, allein seiner Gewohnheit gemäß verließ er sich darauf, daß ihm der Moment schon das Richttge eingeben werde. Im schliiumsten Falle konnte er eine Stelle aufgeben, welche, wie es schien, mehr Takt und Zartgefühl erforderte, als er damit vereinbar hielt, und er mußte sich gestehen, daß seine augenblickliche Beschäfttgung— eine zeittveilige Aushilfe für einei: armen, aber wohlgebildeten jungen Mann von zwanzig Jahren— ihn dem Ziel seiner täglichen Träume kaum näher bringen werde. Denn Herr Hans Ford war ein junger Pilger, der sein Glück in Kalifornien gesucht hatte und der so ungenügend ausgerüstet war, daß er nicht einmal Ver- wandte und gute Freunde besaß. Das erstrebte Glück war ihm bereits in San Francisco aus dem Wege gegangen, hatte allem Anschein nach in Sacramento seiner nicht geharrt und schien nun in Jndianerbrunn gar nicht vorhanden. Trotz alledem zündete er sich eine Cigarre an, als er das Schulhaus aus den Augen verloren hatte, steckte die Hände in die Taschen und schlenderte mit der Sorglosigkeit der Jugend dahin, der nichts unmöglich ist. Die Kinder waren bereits ebenso schnell und geheimnis- voll wieder verschwunden, wie sie gekommen. Zwischen ihm und dem zerstteut liegenden Dorfe Ji:dianerbrui:n erschien die Landschaft stumm und bewegungslos. Die bewaldete Anhöhe, auf welcher das Schulhaus staud, senkte sich eine halbe Meile weiter nach dem Flusse hinab, an dessen Ufern der Ort, von hier gesehen, wie unregelmäßig hingestrcut oder in der Eile zusammengeworfen, wie von einer Sturmflut dort abgesetzt erschien— das Kosmopolitan-Hotel war gegen die Baptistenkirche getrieben und hatte zwei Kneipen und eine Schmiede mit sich gerissen, während das Gerichtsgebäude in einsamer Pracht auf einer eine halbe Meile entfernten wüsten Stelle gestrandet war. Der dazivischen liegende Ralnn er- schien noch durchwühlt von den Werkzeugen früherer Gold- gräber. Herr Ford empfand keine besondere Sympathie für diese traurigen Zeugen vergeblicher Beinühungen— das Glück, das er suchte, schien nicht in der Richtung zu liegen— und sein Auge wandte sich schnell darüber hinweg zu den wal- digen Bergen jenseits des Flusses, die so nah und doch so ehrwürdig erschienen, oder wieder zurück auf den Pfad, den er längs des Hügels verfolgte. Hier war der halbwilde Charakter noch unverkennbar trotz der einzelnen vor dem Ort liegenden Wohnhäuser und der paar ferneren Farmen oder Ranchos. Das Land um die Häuser war noch mit Unterholz bedeckt; Bär und Bergkatze streiften noch' bis zu den rohen Zäunen der Ranchos; die letzte Geschichte des kleinen Suyder war keineswegs unwahrscheinlich oder beispiellos. Eine leichte Brise strich über den heißen Boden und ver- setzte die Blätter des Waldes rundherum in lebhafte Be- wegung. Derflimmerudc Sonnenschein und der zitternde Schatten des bewegten Laubes spannen ein phantastisches Netz um den Dahinwaudelnden. Der scharfe Duft der Waldkräuter, die seinen Schülern bekannt waren und die gewissenhaft in ihren Schulbänken aufbewahrt oder als Weihegabe an der Schwelle des Schulhauses niedergelegt wurden, erinnerte ihn an die urwüchsige Einfachheit und die köstliche Wildheit des kleinen Tempels, welchen er soeben verlassen hatte. Selbst der pfiffige Blick flüchtiger Eichhörnchen und das feuchte Auge zu- traulicher Kaninchen ließen ihn seiner kleinen Tagediebe ge- denken. Die Wälder atmeten die Freiheit, die er hier stets gekannt hatte— hier in dem köstlichen, schlichten Zufluchtsort, dessen Ruhe nun eine so lächerliche Störung erlitt. Ein Wechsel des Gefühls, wie er seinem Charakter eigen war, ließ ihn auf einmal zögern; warum sollte er sich über- Haupt dieses Mädchens wegen plagen? Warum nicht die Sache ruhig hinnehmen, wie sein Vorgänger es gethan? War es notwendig, sie unverträglich zu finden mit seinen Ansichten von der Pflicht gegen seine kleine Herde und seiner Mission ihnen gegenüber? Konnte seine Ausfassung von Wohl- anständigkeit nicht mißverstanden werden? Für die Ab- geschmacktheit ihres Schulkostüius. traf die Verantwortung nicht ihn, sondern ihre Eltern. Welches Recht hatte er, ihnen deshalb Vorhalwngen zu machen, und vor allem,>vie sollte er das thun? Mc Kiirpths Zickzackzaun ivurde bereits in einer Lichtung unfern seines Standpunktes sichtbar. Wie er noch zaudernd dastand, gewahrte er plötzlich, wie Cressys zierliche Gestalt und Helles Kleid aus einem Seitenwege austauchte, welcher feinen Pfad einige Meter weiter oben durchkreuzte. Sie war nicht allein, in ihrer Gesellschaft befand sich ein Mann, dessen Arm sie offenbar eben von ihrer Taille entfernt hatte. Er versuchte nochmals, die verlorene Chance wiederzugewinnen, allein mit einer gewandten Bewegung entschlüpfte sie ihm, während ihr halb lachender, halb zorniger Protest undeutlich herübertöntc. Zwar vermochte er die Gestalt auf die Ent- fernung hin nicht zu erkennen, allein so viel sah er, daß es nicht ihr früherer Liebhaber Seth Davis war. Ein überlegenes Lächeln flog über sein Gesicht; er zögerte nicht länger und nahm seinen Weg wieder auf. Eine Zeit lang sah er Cressy und ihren Begleiter ruhig vor sich her schreiten. An der Einfriedigung wandten sie sich dann plötzlich nach rechts, verschwanden auf einen Moment hinter einem Gebüsch, und im nächsten Augenblick erschien Creffy allein, welche quer über die Wiese dem Hause zuschritt, nachdem sie den Zaun überstiegen oder durch eine Oeffnung hindurchgeschlüpft war. Er schritt längs dem Zaune hin bis zu dem Pfade, welcher direkt zu dem Hause führte, und öffnete die Pforte gerade. als Cressys helles Gewand hinter einer Ecke des Hauses unsicht- bar wurde. Das Haus der Mc Kinstrhs erhob sich oder dehnte sich vielmehr vor ihm aus in der ganzen unschönen Einförmigkeit der landesüblichen Bauwerke. Es war eine Kollektion von Gebäuden aus Brettern oder Balken, die teils verfallen, teils verlassen oder zu bloßen Nebenhäusern degradiert waren und so mit eigentümlicher Offenheit die Neigung ihrer Erbauer zum Nomadenleben erkennen ließen. Reparaturen waren vorgenommen worden, die keineswegs Verbesserungen waren und die lediglich die ursprüngliche Häßlichkeit auf einen weiteren Raum auszudehnen schienen. Die Dächer bestanden aus rohen Schindeln oder Brettern und Latten und Sparren einzelner Nebengebäude waren einfach mit geteerter Leinwand überspannt. Wie um jede Möglichkeit zu beseitigen, daß diese heterogene Masse einen malerischen Eindruck mache, hatte man ein kleines Gebäude aus Wellblech in die Mitte gesetzt, dcffen einzelne Teile von außerhalb hergeschafft worden waren. Der Ranch Mc Kinstrhs war dem Lehrer lange ein Dorn im Auge gewesen und noch an diesem Morgen hatte er sich im stillen darüber gewundert, wie aus dieser abscheulichen Puppe der prächtige Schmetterling Cressy hatte ausschlüpfen können. Mit der gleichen Neugierde hatte er sie eben dahin zurückflattern gesehen. Ein gelber Hund, welcher ihn voll Zlveifcl darüber, wo er eintreten würde, betrachtet hatte, gähnte, erhob sich von her Stelle, wo er sich gesonnt hatte, näherte sich mit lästiger Höflichkeit und wandte sich darauf dem eisernen Hause zu, als wolle er dem Lehrer den Weg zeigen. Herr Ford folgte ihm vorsichtig, mit der peinlichen Uebcrzeugung, daß sein schein- heiliger Führer nur die Gelegenheit ausnützen wolle, um ins Haus zu gelangen, und die Schuld an dem unfteundlichen Em- pfange auf ihn schieben würde. Seine Erwartung verwirklichte sich in der That auch schnell genug; mit den Worten:„Da ist der verdammte Hund schon wieder I" ließ sich aus dem anstoßenden Raum eine schrille Frauenstimme hören und sein gescholtener Begleiter eilte beschämt wieder hinter ihm hinaus. Herr Ford befand sich in einem einfach ausgestatteten Zimmer, aus welchem eine offene Thür in einen andern Raum führte, und in dieser erschien nun eine Frau, welche ein Tischtuch vor sich hergeworfen hatte. Es war Frau Mc Kinstry; sie hatte die Aermel an den roten, aber noch wohlgcformten Armen empor- gestreift, und wie sie so dastand und mit vorgestreckten Ellen- bogen die Anne mit der Schürze abtrocknete, während die ge- ballten Fäuste sich abwechselnd erhoben, sah sie einem Faust- kümpfcr nicht unähnlich. Diese Aehnlichkeit wurde noch erhöht, als sie beim Anblick des Lehrers sich mit erhobenen Händen rückwärts bewegte, als suche sie einen gedeckten Standpunkt. Rücksichtsvoll zog sich Herr Ford nach der Thür zurück. „Ich bitte um Entschuldigung," begann er, voll Zartgefühl die gegenüberliegende Wand anredend,„aber ich fand die Thür offen und folgte dem Hunde." Das ist wieder so eine von seinen Dummheiten." ließ sich Frau Mc Kinstry von drinnen hören.„Erst vorige Woche hat er'nen Chinesen hereingelassen und bei der Hetzerei nachher kroch er in den Schweinetrog. Das Becst ist wahr- hastig noch düninler wie alle andren Hunde." Doch nun erschien sie mit herabgezogenen Aenneln und glattgestrichenem schwarzen Wollenkleide, und ein mattes, aber nicht unsrcund- liches Lächeln umspielte ihren Mund. (Fortsetzung folgt.) Vriof. Eine Stunde bevor der Zug in Prag einlaufen sollte, mußte nach den Vorschriften des Kalenders die Sonne aufgehen. Aber der Morgen weigerte sich aufzuwachen, der blieb verschlafen unter der grauen Decke liegen, räkelte sich und gähnte: Fran Zeit muß am letzten Abend bös gebummelt haben, daß sie durchaus nicht aus den phantastischen Rebeln des Dämmcrns heraus wollte. So sah ich Prag nur recht teilweise. Die gewaltige Masse des Hradschin am andern Ufer der Moldau, die das künstlich gestaute Wasser zu einem gewaltig wirkenden Strom umschafft, erschien nur um die Mittagszeit entschleiert, als es der Sonne mit vieler Mühe gelang, einen runden, bleichen Goldteller in das cüiförniige Grau der Wolken zu brennen. Aber was thnt's I Weim ich einsam reise, still für mich lvandre, beginnt mir die Welt nen zu lebe». Jedes Menschenantlitz erzählt mir seine tiefen Geschichten, seine schweren Schicksale und befreite» Seligkeiten. Jede Gasse plaudert mir die wunderbarsten Begebnisse, und jedes Haus erzählt die tollsten Romane. Soll man eS glauben? Selbst der östreichische Offizier i» Civil, der mit mir von Berlin aus zusammenfuhr, erweckte mein Interesse. Als er von seinem jungen Weibe, das in Berlin znrückblicb, Abschied nahm, erbebte die Halle des Anhalter Bahnhofs unter dem Sturm semer Gefühle. Nicht anders, als wenn es in eine Schlacht ginge I Und die Fran lächelte traurig und scheu mit den dunklen Auge» und nift ihm leise zu:„Leb' wohl, Liebling I" Einen Offizier, den«in junges schönes Weib bei kurzer Trennnng seinen Liebling zitternd nennt— kann man sich ein solches Exemplar in Preußen vorstelleil? Freilich, die östreichischcn Militärs unterscheiden sich von den preußischen darin, daß sie auch bloß Menschen sind»»d zu erkennen geben, daß sie das fühlen. Mein Held trägt seine» Säbel in einer Leinwandhülle, außerdem hat er eine Reiscdecke und einen Lederapparat mit Kämmen und Bürsten, daS ist sein ganzes Gepäck. Im Co upö streckt er sich unverzüglich iveit aus, hüllt sich biö über die Ohren in seine Reisedeckc und schläft ein. Ich hüte andächtig seine Träume; bis Prag ist er nicht wieder anfgclvacht, nur in Bodenbach gab er schlaftruulcu dem Zollbeamteu eine mild abweisende Autivort; sein Säbel war nicht zollpflichtig. Uebrigens die Menschen sehen, wenn sie schlafen, zumeist auffällig dumm aus. Und der Offizier, den die junge Frau als Liebling empfand, ver- blödete sogar erschrecklich. ES ist also vermutlich mir meine Eitelkeit daran schnld. daß ich niemals im Eisenbahnzuge schlafe. Der Offizier verlor, je fester er den, Schlaf verfiel, um so mehr mein Jnterefie. Dafür lauschte ich der Sprache der Schienen und Z tader, der Lokomotiven und Brücken. Die Eiseiibahngcräusche haben ihre nationale» Verschiedenheiten. Jenseits der sächsischen Grenze begann meine Lokomotive statt zu pfeifen, zu schreien. Es lvaren förmlich Hilfeschreie. Und wenn es in das lveite Dunkel hinaus- schallte, dieses erregende„Haoh. haoh", dann glaubte ich de» Geist der Nacht selbst zu höre», wie er klagte unter all der Pein der Mcnichengewalt... In Prag gerate ich in die auferstehende Arbeit. In einen, Cafö- hanS, in den, die Stühle noch übereinander geschichtet sind, finde ich Zuflucht. Und hinter den Scheiben blick« ich auf das eilende Leben draußen. Zumeist find es junge Mädchen, die ins Geschäft gehen. Zu zweien und dreien untergefaßt plaudern sie. Keines, das nicht schiiell »och in der Spiegelscheibe meines Cafös die löckchcnreichc Frisur mustert. Ein zigeunerhaftes Wesen, ei» schwarzer Feuerbrand, ei» flinkes Teufelchen mustert sich ausfällig lange in der Scheibe.„Schad', so ein schönes Mädchen!" sagt der Zählkellner zu mir, indem er mich aus das Fräulein aufmerksam gemacht; feine Stimme ist schmerzlich bewegt. „Was schadet die Schönheit?" frage ich verwundert.„Sie geht jeden Tag mit einem andre» Artilleristen"— seufzt der Zählkellner. „Ach so." Armer schwarzer Feuerbrandl Jetzt bringst Du die Artillerie zur Explosion, überinorge» bist JDu selbst ausgeglüht I ES ist nicht leicht, sich in Prag znrecht zu finden, wenn man in Berlin auf der Schule incht czechisch gelernt hat. Die Stadt ist in den letzten beiden Jahrzehnten völlig czechisch geworden. Eine aiifwnrts strebende und steigende Nation übt hier ihr Herrenrecht ans. Alle Straßenschilder sind ausschließlich czechisch. die Plakattafcl» czechisch, die Schilder der Straßenbahnen czechisch. die Geschäfrsfirmen czechisch. Auf den Gasse» hört mau nur czechisch. Es giebt in Prag jetzt weniger deutsche GeschästSbezeichnunge» als in Berlin russische. Nur die vornehmsten Hotels tragen deutsche Namen. Wären die Schaufenster nicht, die verraten, was i», den Läden zu verlaufen, kein un- böhinischer Mensch wüßte. wo er seine Einkäufe zu machen hat. Dabei hat daS czcchische Idiom die Eigentümlichkeit, daß die in ihm getaufic» Straßennamen immer das Gegenteil von dem wirklich bedeuten, was man in ihnen vermutet. Wen» man sich in einem deutschen Führer orientiert, so ist es unmöglich jemals z», wissen, ii, welcher Straße man sich eigentlich befindet. Man will beispicls- weise zu der dcrühmtcü Siraße„Am Grave»". An der Ecke buchstabierst du unter groven Aiistreu�nii�en:„via prileopö". Wer komurt auf die kühne Vermutung, das; das gleich- bedeutend mit„Am Graben" ist? Unsre trefflichen Präger Parteigenossen freilich, die in der Wirrnis des NationalitätenstreitS das allein schöpferisch gestaltende Programm der Socialdemokratie klug, opferwillig und unermüdlich durchzusetzen bemüht sind, haben auch auf diesem Gebiet den Weg der internationalen Verständigung eingeschlagen: unser Partei- Organ haust in der vlvsliltova. tilice. Es ist nicht schwer, in diesem Namen die deutsche Mhslik-Gafle zu entdecken. Sonst aber ist eine zweistündige Wanderung in Prag wie eine Vorbereitung zu einem Examen in philologischer Hilter- pretation. « Prag ist die Stadt der architektonischen Sagen und Märchen. Die Menschen sind nicht viel anders als in großen industriercichen Orten sonst. Die bunten Kopftücher der vom Lande kommenden Frauen sind die letzten Reste einer Volkstracht. Die Schutzleute trogen an den steifen Kilzmützen flotte, dunkelgrün schillernde Federn, und vor den; Rathaus— es sind gerade Stadtverordiietcn-Wahlcn— stolzieren in riesenbohe» Pelzmützen mit langen, blitzblanken, silberglänzenden Gewehren zwei Bürgergardisten, denen das Ehrenamt zu teil geworden, die Wahlfrcihcit symbolisch zu schützen. Im übrige» entdecke ich keine besonderen Kennzeichen in der Einwohnerschaft. Aber in den Gebäuden der Stadt wird die Geschichte nmnder- sam lebendig. Die zahllosen Kirchen künden stolz die ungebrochene Herrschaft der katholischen Weltmacht. Durch die Spitzbogen der Thorlnrme schaut man in winklig verschnörkelte Gasse». Hinter den mächtigen HauStbüren offnen dunkle Flurgewölbe den Blick in ge- beimnisvollc Höfe und Gänge. Doch über dem alten grauen Prag spinnen sich bereits die Lritrmgsdrähte der elektrischen Bahn alsTrägerder modernen Zeit. Bald werden auch hier nur noch die Staats- und Prmikbauten von der Vergangenheit erzählen, die Heimstätten der Menschen aber wandern ins Gerade und Lichte, wenn Prag auch Niemals die immer srischgesirichcue Stadt von 20 Jahren werden wird, ivic es das heutige Berlin ist. Schoir lichtet sich das alte Juden viertel. In das dunipfe, er- stickende Gemäuer wehen befreiend zugleich und zcl störend die Forderringen der Hygiene und der— Begierden der Grundstücksspekulanten. Auch das Prager Ghetto ist dem Abbruch verfallen, ivie das in Frankfurt a. M. bereits verichwrmden ist. Indessen ein krauses Rest eng verschlungener Jndengassen existiert hent»och. Und wie vor Jahrhunderten sitzen imd stehen vor den schwarzen, übel riechenden Gräften der Trödellüde» die armseligen Söhne und Töchter Israels— erinnernd air die Zeit grciizcnloscn Elends. Ihre Ge- sichter haben nichts von dem Reiz der Schönheit»nd der Jugend. Der Geist der traurigen Waren, mit dcncil sie handeln, hat sich in ihren Mienen eingegraben. Es sind alte modrige Kleider in dunklen Kerkern,„getragene Sachen", diesl zn- fällig Mensch werden. Dennoch knice ich erschauernd vor Eurer Häßlichkeit— Märtyrer der Jahrhunderte I Und diese Welt dumpfer, öder, verkümmerter Tage und niedrig quälender Sorge endigt in einem Garten voll seltsamer Weihe, voll erhabenem Ernst und fast lieblicher Schönheit: der alte Friedhof, in dem die Prager Juden bis ins 18. Jahrhundert hinein des ächtenden, gelben Zeichens ledig wurden. Zu tanienden ragen hier die verwitterten grauen Grabsicine hervor, schief, gesunken dicht nebeneinander, eine Anzahl immer wie ans einer gemeinsamen Wurzel ausciuanderstrebend anfwuchenid. ES Wurden immer fünf Tote über einander gegrabe»; darum drängten sich die Male. Auf de» Steinen sind Tierbildcr eingemeißelt, Name» kündend: Wölfe und Hirsche, ein Karpfen zeigt an, daß ein Karpeles in der Erde niht. Zwischen den Hügeln und Steinen des Todes aber wachsen üppig die noch grünen Hollunder- dusche. Ei» alter Mann sitzt zwischen zwei Steinen. in seinem Schoß ein Drahtgeflecht. ans dem er die schwarz- roten Hollundertraiiben liest. Warmn soll man auch nicht nährendes Mus kochen aus den Früchte», die der Menschendünger vieler Jahr- huilderte reifen ließ. Mau darf nichts umkommen lassen— außer die Mensche». » �« Die Wcltanschammg. die Prag beherrscht und die da betet zu dem allmächtigen, allgnädigen imd allgegenwärtigen Gott Trinkgeld, sorgt dafür, daß ich mich nicht z» tief in die bannende Mystik des alten Judenfriedhofs vergrabe, obivohl ich an diesem trüben Herbsttag n»r der einzige Gast bin. Die Toten werden mir gegen Entree gezeigt, und ei» lästiger Fremdenführer hetzt mich in wenigen Minuten durch die„Sehenswürdigkeiten" des Tvtengartcns. „Deutsch oder vöhnnsch?" so beginnt der Kerl rätselhaft die Unter- Haltung. Erst nach einigen Mißverständniffen begreife ich. daß er mir die Wahl der Umgangssprache freistellt. Und nun leiert er mir Deutsch, ivas zu ivissen ich niemals begehrt. Ich Thor, warum verlangte ich nicht die böhmische Erklärung! Dann hätte der Man» schwatzen können und ich wäre durch seine Wissen- schuft nicht gestört worden, die zudem längst entlarvten Schwindel mir ausreden wollte, wie etwa der Leickienstein a»S dein f>. Jahrhundert. der doch mir einem Lesefehler seine Existenz verdankt und tii Wahrheit dem 1«. Jahrhundert angehört. Mein Fremdenführer hat in seinei» Vortrag eine fatale Tendenz. All' die zahllosen armen Inden übergeht er schivcigend. Aber auf '.die Großen von nuser» Lcnlc»' weist er stolz hi», die es auch in der Ghetiozeit schon zu Ehren»nd Wurden gebracht. Da ist ein kaiserlicher Rat, der zu dem Hof irgend eines Habsburgers gehörte. da ein Kriegsmnim, der Prag gegen die Schmede» verteidigte, selbst eine geadelte Jüdin ist vorhanden; denn der Frau Hcndele SchmiclcS Gemahl ivard von Ferdinand II. Anno 1022 zu einem von Treuenberg erhoben. Vennntlich gehören die heutigen Nachkommen der braven Henkele Schmieles zum hochkatholischen antisemitischen Feudaladel. Vor allem aber ist da der Grabstein eines gelehrten Rabbi, um den seine 33 Lieblingsschüler gelagert liegen. Dieser Rabbi war ein Freund des großen Tycho de Brahe, der den Himmel eroberte. Des Rabbis Totenmal ist mit viele» kleinen Steinen übersäet, die Zeichen der Verebrung; denn es ist eine orientalische Sitte, daß jeder, der an das Grab' eines bedeutenden Mannes tritt, ein Sleinchen auf das Mal legt. Eine tiefsinnige Huldigung.... Der Ruhm steinigt!— öoe. Mlvines JfcttiHefrni;. es. Nutcr Spiritisten. An einem Tische der vordersten Reih« waren iroch einige Stühle frei. Sie ging mit raschen Schritten darauf zu und verneigte sich leicht vor den Zunächslsitzeudeii:„Die Herr- schaften erlauben Ivohl?" Die„Herrschaften" hatten nichts cinzuiveiidcil, und so ließ sie sich nieder. Es schienen übrigens wirklich„Herrschaften" zu sein. Ein alter Herr mit einer Denlerstir», der Doktor angeredet wurde, ein junges Ehepaar, ein elegantes ältliches Ftäiileiil und eine Dame mit roten Haaren. Die Rothaarige war von sehr vornehmen Müreit, gesucht vor- nehm und daher etlvas zweifelhaft. Sie musterte die fremde Dame durch ihr Stiellorgnon mit einem raschen Seitenblick:„Es ist voll hier, nicht wahr?" sagte sie.„Ja. wir Spiritisten haben Zulauf." „Wo Je ist ist, sammeln sich die Jeister", berlinerte der Doktor etwas ironisch. Die fremde Dame lächelte amüsiert:„Wirklich, ihmr sie daL?" „Sie sind ivohl nicht Spiritistin?" fragte das ältliche Fräulein. „Offen gestanden noch nicht." „Dann liegt es bloß daran, daß Sie noch nichts erlebt haben" — die Rothaarige gab sich ein Air—„wenn man erst etwas erlebt hat, ist man gleich Spiritist." „Ach und Sie? Haben Sie etlvaS erlebt?" „Furchtbar viel! Wir haben jeden Mittwoch Sitzung, mein Dienstmädchen ist Medium»nd spricht! Deuten Sie nur, jetzt spricht sogar der Geist von einem Kaiser aus ihr. der Geist von Kaiser Heinrich— wie heißt er weiter?" Sie sah daS ältliche Fräulein erivartnngsvoll an. „Heinrich der Finkler", ergänzte die. „Ach ja, Heinrich der Finkler, und er sagt, er liebt unS und kommt zn»ms, weil wir einen Finken im Baiier haben. Gestern war er auch wieder da." „Wie nett", staunte die Fremde,„kommt er mit Sccpter und Krone?"" „Ja, wir sehen ihn doch nicht." Das ältliche Fräulein lachte. Bei manchen Medien sieht man ja die Geister, aber imsres spricht und schreibt bloß. Sie fällt in eine Art Verzückung, wiffcn Sie, und spricht; oder sie nimmt Papier und Bleistift und schreibt. S i e ist es aber nicht, die schreibt imd spricht, es sind die Geister. Weim Heinrich der Finkler kommt, redet sie richtig wie ein Kaiser, so pathetisch. Nein, Sie können sich gar nicht denken, was der für schöne Reden hält." „Aber manchmal spricht er auch furchtbares Blech," gestand die Rothaarige offenherzig. „Na also," sagte der Herr mit der Denkerstirne, Kaiser, der Blech redet, wird'» schöner Kaiser sein." „Als. ob das nicht ganz natürlich wäre!" DaS ältliche Fräulein warf ihm einen empörte» Blick zn. „Na eben!" lachte die fremde Dame.„Warum sollte dieser Kaiser nicht auch mal Blech reden dürfen, das darf ja schließlich jeder Dienstmann." Dann machte sie plötzlich ein ernsthaftes Gesicht und wandte sich vollends zn dem Doktor:.Höre» Sic, ich finde über- Haupt, im Nilsinn leisten diese sogcnnmiten Geister etwas. Ich habe ein paar spiritistische Sitzungen mitgemacht, wir hatten ein Schreib- meditttn, was ihre„Geister" schrieben, war aber meistenteils auch mir dummes Zeug." „Dann haben Sie es vielleicht nicht richtig angefangen," sagte die junge Frau; sie hatte bisher schweigend gescffen, mm wurde sie lebhaft:„Sie haben wohl nicht gebetet und gesungen. Das muß man thim, sonst kommen unr böse Geister." „Das ist eine ganz schändliche Gesellschaft." fiel die Rothaarige ein:„Sie machen sich ein Vergnügen daraus, die Spiritisten zn äffen und zu narren." „Aber nicht, wenn man fromm ist." beharrte die junge Frau. „Bei irnS kommen niemals böse Geister." „Frau Hendrichs ist nämlich selber Sprech-Mcdinm," erklärte der Herr mit der Dcnkerstirn,„cS spricht ein Geist aus ihr, der heißt Eginhard." „Der von Eginhard und Emma?" fragte die fremde Dame._ „Es ist ein sehr hoher Geist! Frau HcndrichS nahm eine gekränkte Miene an; sie hielt die Frage offenbar für eine Be- leidigung.„Er läßt niemals böse Geister in unsren Zirkel." „Aber worcm erkennt man die bösen Geister?' fragte die fremde Dame. „Die thini sich schon ganz von selber kund,' erklärte die Rot- haarige,„eben dadurch, dah sie nur Unsin» treibe»." „Sie bieten auch niemals Gott zum Grub,' mischte sich Herr Hendrichs in die Unterhaltung.„Unser Eginhard sagt immcr Gott zum Grub! Die bösen sagen einfach, das ivärc Mumpitz.' „Man kann sie auch beim Schreiben kontrollieren', meinte die Rothaarige,„die guten Geister ziehen beim Schreiben die Bogen von rechts nach links, die bösen mache» es gerade umgekehrt.' „Und dann tragen die bösen auch keine Gewänder', ftigte Frau Hendrichs hinzu. „Aber die guten tragen lvekche?' „Na natürlich,' sagte der Herr mit der Denkerstirn..Weihe Seide, eine Mark das Meter, Jnndorf hat die Lieferung.' „Herr Doktor, das ist wirklich abscheulich von Ihnen,' entrüstete sich das ältliche Fräulein:„Die Geister haben wohl Gewänder, die sind aus Aether. Aber nur die gute» bekommen welche, die bösen nicht." „Ihr armen Weibsleute I' rief der Doktor. Das Fräulein überhörte den Spott, sie erzählte weiter:„Da? Geisterreich hat mehrere Stufen, auf der untersten stehen die bösen Geister; die sehen schwarz ans, je besser und klüger aber ein Geist wird, je Heller wird er; erst grau, dann lichtgrau und dann ganz weih.' „Mein Eginhard ist schon beinah ganz tveih', rühmte Frau Hendrichs.„Er gicbt nns auch lauter gute Lehre»; dah mein Mann Bier trinkt und raucht, will er nicht. Er sagt, das wäre ein Laster, und wenn mein Mann es doch thnt, wird er wütend.' „Dann schinipft er mächtig", bestätigte Herr Hendrichs. „Ja, er ist bald ganz iveiß", wiederholte die junge Frau. „Weiher sogar, als unser Finkler', sagte die Rothaarige.„Der, sagt er, wäre noch dunkelgrnu.' „Daher redet er auch noch manchmal Blech I' „Gewih redet er es daher, Doktor", nickte das ältliche Fräulein, „das habe ich ja gleich gesagt: jeder Geist redet, Ivic er klag ist, auch der von einem Kaiser. Gestern sagte er—' Die Rothaarige legte ihr die Hand auf den Mund:„Seien Sie doch stille, der Vortrag beginnt."— Archäologisches. — Das Instrument, dessen sich die römischen Feld- messer zum Visieren und Abslecken rechter Winkel im Terrain be- dient haben, die G r o in a, hat mit den bisher zu Gebote stehenden Hilfsmitteln nicht überzeugend rekonstruiert werden können. Eine Beschreibung deS Apparates von der Hand eineS Fachmannes ist nicht erhalten, und auch die einzige bisher nachgewiesene Abbildung ans einem römischen Grabstein hat die Lösung der Frage nicht gc- bracht. Neuerdings ist jedoch bei den Ausgrabungen am Linie? ein wohlerhaltenes Exemplar der Groma selbst an den Tag gekommen. Wie nun Hermann Schönc-Charlottenbnrg im neueste»„Jahrb. des deulschen archäol. Jnstivits" nachweist, stimmen jene Abbildung, solvie einige littcrarische Angaben mit dem gc- fundenen Instrument so zusammen, dah»ran nunmehr in der Frage der Konstruktion zu einem sicheren Ergebnis und in der Frage der Handhabung zu einer sehr wahrscheinlichen Hypothese gelangt ist. Danach bestand die Groma aus einem eisernen Stativ, dem„Fcrramentum" und einem Paar fest mit einander verbundener, sich rechtwinklig schneidender Lineale, der„Stella", von deren vier Enden Perpendikel mit Gelvichten herabhingcn. Dieses Doppcllineal lag mit seinem Kreuzungspnukt wagerecht auf dem Stativ und lieh sich bei senkrechter Stellung des letzteren in horizontaler Ebene drehen. Das Instrument wurde nun in folgender Weise gchandhabt: Es wurde zunächst aufgestellt, dann wurde die„Stella" wagcrecht ge- stellt und ungefähr' gerichtet. Hierauf blickte- der Feldmesser von einem Feld zum nächsten und winkte, sobald die beiden Perpendikel sich deckten, die Nichtlatten ein.— Meteorologisches. ie. Die Wetterbeobachtungen ans der Spitze des S t r a h b u r g e r Münsters, die seit 1892 von Professor ergesell eingeführt worden sind, haben jetzt für die ersten fünf ahre der Aufzeichnungen eine Bearbeitung durch Proscsior Hann in Wien erfahren. Die Mcsinngen, die unmittelbar unter dem Kreuz des Münsterturms in 136 Meter Höhe durch normal aufgestellte und sorgfältig geprüfte Registriernpparate gewonnen werden, sind neben den Tempcrnlurbeobnchtuugeu auf dem Eiffelturm in Paris für die Lkenntuis der Wänneverteilung in den tieferen Luflschichten das wichtigste Zeugnis. Professor Hann hat besonders die Verhältnisse in den lvärmsten und kältesten Monaten des Jahres, sowie in der Zeit der Tagundnachtgleichen in seine Untersuchungen hineingezogen. Die Mittelwerte der Wärmcbcobachtuugen zeigen, daß im Winterhalbjahr auf der Spitze des Münsterturms während des ganzen Tages eine höhere Temperatur herrscht als am Erdboden, und zur Nachtzeit ist es auf der Höhe des Turms in 136 Meter sogar das ganze Jahr hindurch um 1—2 Grad wänncr als am Boden. Bei Tage dagegen nimmt die Wärme'während des Sommerhalbjahres um die Mittags- zeit und in den darauf folgenden Stunden nach oben sehr rasch ab, und zwar um mehr als 1 Grad auf je lOOMeterSteigrnig. Der Eintritt der höchsten Tagestempcratur erfolgt auf dem Turm um volle zwei Stunden Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. später als nuten, und zwar ebenso im Sommer wie im Winter. Die Schwankungen der Wärme während des Tages sind oben selbst- verständlich erheblich geringer. Aus diesen Ergebnissen, die durch den Vergleich der Beobachtungen auf dem Turm mit denen an der 6 Meter hoch gelegenen NniversttätS- Sternwarte in Strahburg er» zielt worden sind, leitet Hann einige Schlüsse von allgemeiner Be- dcntung ab. Die erste wichtige Folgerung ist, daß selbst im Mittel aller Wittenuigszustände während des ganzen JahreS die Luftwärme in einer Höhe von 13V Metern über dem Bode» in der Nacht höher ist als am Boden. Der Erd- bodcn wirkt also zur Nachtzeit abkühlend ans eine über 13V Meter mächtige Luftschicht, ein Satz, der durch die Beobachtungen auf dem Eiffelturm bestätigt wird. Die zweite wichtige Folgerung bezieht sich auf den verspäteten Eintritt des täglichen Wärmemaxfmums und auf die rasche Verminderung der täglichen Wärmeschwanknngen mit zunehmendem Abstand vom Bode»'. Jedoch gilt dies nur für die Erhebung in der freien Atmosphäre, da auf Berggipfeln der tägliche Gang der Temperatur noch fast ebenso wie an der Erdoberfläche stattfindet. Die Beobachtungen auf dem Obir in Kärnten»md auf dem Sonnblick haben erwiese», daß auf den Bergspitzen selbst die geringe Bodenflächc noch dazu ausreicht, um den Einiritt der täglichen Wärme-Extrcme zu derselben Zeit wie über dem Boden der Ebene erfolgen zu lassen. Auf den Bergen ist der Umfang der Temperalurschivnnknngen ebenfalls geringer, aber auch nicht in gleichem Grade wie bei der Erhebung im freien Lnft- meer.— Humoriftislstes. — Ersatz.„Die Kuh, die ich gestern von Ihnen gekauft habe, giebt ja keine Milch I' „Aber seelengut is s' und treu Ivic GoldI'— — Noch schlimmer.„Ist es wahr, daß die neue Oper des jungen Komponisten vom Publikum ausgepfiffen wurde?" „Das scheint ein Mißverständnis zu sein! Das Publikum hat bloß alle Melodien gleich m i t g e p f i f f c n!'— — Die Dame ohne Unterleib. Schaubuden- b e s i tz e r(zu einem Schusterjungen, der ohne Bezahlung eintreten will):„Zur Kasse, junger Herr, zur Kasse l Jede Person zahlt nur zehn Pfennige!" S ch u st e r j u n g e:„Na, mir lassen Se man so'rin. Herr Direkter— ick bringe man bloß de Stiebet f o r be Dame ohne Unterleib."—(„Flieg. Bl.') Notizen. — Erich Schlaikjer hat mit 1. November das Theater- refcrat an uusrcm Blatte auf eignen Wunsch niedergelegt.— — Ein sprachliches Werk von grundlegender Bedeutung. ein dänisches Wörterbuch, das den Wortvorrat der dänischen Sprache von 1700 bis zur Gegenwart und mit Angabe des Ur- sprungs, der Aussprache, Vedentnug usw. jedes einzelnen Wortes enthalten soll, ist in Kopenhagen in Vorbereitung begriffen. Es wird vom Docente» Werner D a h l e r n p redigiert und vom Nordischen Verlag herausgegeben.— — B a u s e w e i» hat W o l z o g e n zlvei„Brettlkräfte' fort« geschnappt: Oskar Strauß und Frl. B r a d s k h.— — Felix P h i l i p p i s Schauspiel„Das große Licht' wird Ende November seine Erftauffuhrnng im Schau spielhause erleben. Rosa Poppe, Matkowsky, Christian und Pohl spielen die Hauptrollen.— — Die November-Matinee der Neue» Gemeinschaft findet Sonntag, den 3. November, mittags um 12 Uhr im Architektenhause, Wilhelnislr. 92. statt. Ansprachen werden halten Julius Hart und Felix H o l l a e u d e r über„Leben und Kunst". Zu- tritt frei.— — Im 2. Sinfonischen A b o u u«in entskonzert (Dirigent: Richard Strauß) gelangen folgende neue Werke zur Auf- führnug: li.i korbt encliantbe. sinsvuische Legende von Bincent d'Jndy: Der Woywode, sinfonische Ballade von Peter Tschaikowsky, und Dionysische Fantasie von Sigmund Hausegger.— — In der Nähe von Torreblauca(Spanien) fände» Landarbeiter 192 prächtig erhaltene römische Goldmünzen. Die Münzen lagen in einer ziemlich großen Urne und sollen der Zeit von Nero bis Hadrian angehören.— Bücher-Einkauf. — Gabriele Reuter:„F r a u e n s e e l e«.' Novellen. 2. Auflage. Berlin. S. Fischer.— — Margarete v. Bucholtz:„Sein eigner Feind." Erzählung aus den Jahren 1312—13. Leipzig. Sächsischer Volks- schriftcuvcrlag.— — Gabriele d' A n n u n z i o:„Die Jungfrauen vom F c l s e n." Roman. Berlin. S. Fischer.— — Thomas M nun:„Buddenbrooks. Verfall einer Familie." Roman. 2 Bd. Berlin. S. Fischer.— — Maxim Gorki:„Drei Menschen." Roman. Einzige autorisierte deutsche Ausgabe. AuS dem Russischen von Aug. Scholz. Berlin. Bruno Cassirer.— Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.