Mittwoch� den 6 November. 1901 (Nachdruck verboten� 0] CvcJTix. Noiuan von Drei Harte. Nicht besonders befriedigt setzte der Lehrer seinen Weg fort. Wenn er auch nicht bereute, daß er an Cressys Statt der Ucberbringcr der Waffe war. so war er sich doch be- wüßt, daß er sich stillschweigend in den Kampf zwischen Leuten mischte, die ihn wenig oder gar nichts anginge». Wohl w ar es richtig, daß die Harrisons ihre Kinder in seine Schule schickten, und daß bei den heftigen Parteikämpfen am Orte diese einfache Höflichkeit leicht mißdeutet werden konnte. Allein er war sich bewußt, daß seine Mission, soweit Frau Mc Kinstry in Betracht kam, kläglich gescheitert war. Das eigentümliche Verhältnis zwischen Mutter und Tochter erklärte vielleicht manches in dem Wesen des Mädchens, allein es ließ für die Zukunft keine Besserung erhoffen. Würde der Vater, der sich nnt dem Vieh und den Grenzstreitigkeiten abplagte — ein Mann, der gewohnt war, gordische Knoten mit dem Vowienicsser zu lösen— sich verständiger zeigen? War die Sympathie zwischen Vater und Tochter größer? Doch sie hatte gesagt, er werde Mc Kinstry in der Lichtung treffen; sie hatte recht, denn da kam er in vollem Galopp daher! III. Wenige Schritte von dem Lehrer sprang Mc Kinstry, ohne anzuhalten, ans dem Sattel und entließ das Pferd mit einem scharfen Hiebe feiner Peitsche nach Haufe. Beide Hände in die Taschen des langen Leinwandrockes versenkt, ging er sporenklirmid dem jungen Manne langsam entgegen. Er war mittelgroß und untersetzt und trug einen dichten röt- liehe» Bart; seine blaßblauen, von schweren Lidern bedeckten Augen schauten schläfrig drein; und nach einem ersten Blick auf den Lehrer richteten sie sich auf alles andre, nur nicht auf ihn. „Ihre Frau wollte Ihnen durch Cressy Ihre Büchse schicken," begann der Lehrer,„aber ich erbot mich, das zu besorgen, da es mir für ein junges Mädchen nicht passend schien. Hier ist sie. Ich hoffe, Sie haben sie nicht ver- mißt, und werden sie jetzt nicht mehr nötig haben," fügte er hinzu. Einigermaßen verwundert nahm Mc Kinstry das Gewehr, lehnte es an die Schulter und griff dann mit derselben Hand, ohne die andre aus der Tasche zu ziehen, nach seinem weichen Filzhut; auf ein von einer Kugel herrührendes Loch in dem Zlande desselben zeigend, entgegnete er darauf ge- mächlich:„Vor einer halben Stunde dachten die Harrisons, sie hätten mich, aber sie Ivaren zu hitzig und haben schlecht gezielt." Der Augenblick war augenscheinlich für die Absichten des Lehrers wenig günstig, doch»var er entschlossen, die Sache zu Ende zu bringen. Er zögerte einen Moment, als der andere, der in gleicher, nur etwas schwerfälligerer Verlegenheit war, in gedankenloser Hast die mit einem blutigen Tuch umwickelte rechte Hand aus der Tasche zog und sich in alter Gewohn- heit mit zwei steifen Fingern nachdenklich den Kopf zu kratzen versuchte. „Sie sind verwundet," rief der Lehrer wirklich erschrocken, „und ich halte Sie hier auf." „Ich hatte meine Hand aufgehoben— so," erklärte Mc Kinstry bedächtig,„und die 5kttgel ging durch den Hut und nahm nachher den kleinen Finger weg. Aber das wollt' ich Ihnen nicht sagen, deswegen Hab' ich nicht gehalten. Ich bin noch nicht ruhig." entschuldigte er sich ohne alle Aufregung, „und ich Hütt' beinahe vergessen," fügte er in äußerster Ruhe hinzu.„Aber ich wollt' eigentlich fragen"— und er legte vertraulich die verbundene Hand dem Lehrer auf die Schulter —„ob Cressy heut in der Schule gewesen ist." „Allerdings," entgegnete der Lehrer.„Aber wollen wir nicht nach Ihrem Hause gehen? Wir können ja darüber weiter reden, wenn Sie nach Ihrer Wunde gesehen haben." „Und sah sie nett ans?" fuhr Mc Kinstry fort, ohne sich zu rühren. „Sehr." „Und Sie denken, daß die neuen Kleider ihr gut stehen?" „Ja", versetzte der Lehrer.„Sie sind vielleicht ein lvenig zu fein für die Schule," fügte er mit leichter Anspieluug hinzu,„und—" „Nicht für sie— nicht für sie," unterbrach Mc Kinstry. „Es wird wohl noch mehr davon zu haben sein. Sie brauchen keine Angst zu haben, so was kann sie tragen, so lange Hirain Mc Kinstry für sie zu sorgen hat." Hoffnungslos starrte Herr Ford bald den häßlichen Ranch in der Ferne, bald den Himmel an und die Straße vor ihm; dann fiel sein Blick auf die noch immer auf seiner Schulter liegende Hand und er suchte mit einer letzten Anstrengung loszukommen-„Ein andermal möchte ich des längeren über Ihre Tochter nnt Ihnen sprechen, Herr Mc Kinstry." „Nur los," entgegnete Mc Kinstry und schob ihm die ver- wnndete Hand unter den Arm. Ich hör' Sie gern reden. Sie sind so ruhig, und das thut mir gut." Dennoch merkte der Lehrer, daß sein eigner Arm kaum so sicher war wie der seines Begleiters. Doch nun war es nutzlos auszuweichen, und mit so viel Takt, als er auf- zuwenden vermochte, steuerte er auf sein Ziel los. Den Blick auf den Verband vor ihm gerichtet, sprach er von Cressys früherer Aufführung in der Schule, der Gefahr eines Rück- falles, der Notwendigkeit, daß sie sich als gewöhnliche Schülerin betrachte, und hielt selbst nicht mit dem Rat zurück, sie in eine bessere Schule zn schicken, wo sie unter gereifteren Lehr- kräften ihres eignen Geschlechts stehen würde.„Das wollte ich heute auch Frau Mc Kinstr-y sagen," schloß er,„doch sie wies mich an Sie". „Natürlich, natürlich," nickte sein Begleiter zustimmend. „Sie ist ein gutes Weib im Ranch und draußen, und in all' solchen Dingen," dabei bewegte er leicht den verwundeten Arm,„giebt's keine bessere, wenn ich's auch sag'. Sie»var Blair Rawlins Tochter; sie und ihr Bruder Clay waren die einzigen, die mit heiler Haut davonkamen nach ihrem zwanzigjährigen Kampf mit den Mc Entees in West-Kentucky. Aber sie versteht die Mädels nicht so ivie Sie und ich. Nicht, daß ich grad' viel davon versteh'. Und die alte Frau hat ganz recht, wenn sie sagt, sie hat mit Cressys Verlobung nichts zu thun. Das hat sie nicht. Und, wie das nun ein- mal ist, auch ich uicht, oder Seth Davis, oder Cressy." Er hielt inne, und indem er die schweren Lider erhob und den Lehrer zum zweitenmal anblickte, fuhr er nachdenklich fort: „Sie müssen mir das nicht übel nehmen— ich red' wie ein Mann zum Manne— aber der einzige, der an der Verlobung und an dem Bruch schuld ist, das sind Sic!" „Ich?" rief der Lehrer voll Bestürzung. „Sic!" wiederholte Mc Kinstry in aller Ruhe und hielt den Arm fest, den Ford eben zurückziehen ivollte.„Ich sage nicht, daß Sie's wüßten oder darauf spekuliert haben. Aber es war so. Wenn Sie's hören wollen und noch'n bißchen mitkommen, will ich's Ihnen erzählen. Meinetwegen können wir auch noch zurückgehen, denn wenn ich auf den Ranch zu- gehe und die Hunde kriegen mich zu sehen, machen sie gleich Skandal und bringen die Alte heraus und dann ist's mit'ner gemütlichen Zwiesprach' zwischen uns alle. Ich bin auch ruhiger hier draußen." Langsam ging er den Weg hinab, vertraulich seinen Ann in den Fords legend, wenngleich er sich den Anschein gab, als stütze er mehr jenen mit seinem verletzten Gliede. „Wie Sie zuerst nach Jndianerbrunn kamen," begann er, „gingen Seth und Cressy in die Schule wie Kinder, sonst nichts. Sie kannten sich von jung auf— die Davis waren unsre Nachbarn in Kentucky und-wanderten mit uns von St. John aus. Seth und Cressy paßten zusammen, und weil die Familien nichts dagegen hatten, hätten sie sich ja heiraten können. Aber davon ist nie die Red' geivesen, auch nicht von Verloben." „Aber," unterbrach ihn Ford hastig,„mein Vorgänger, Herr Martin, erzählte mir ausdrücklich von der Verlobung und daß Sie Ihre Einwilligung gegeben hätten." „Das war bloß, weil Sie etwas merkten, wie Sie am ersten Tag mit Martin in die Schule kamen.„Pa," sagt Cressy zu mir,„der neue Lehrer ist aber zu komisch, er hat 'was gemerkt zwischen mir und Seth, und ich denk', es ist besser, Du sagst, wir sind verlobt."—„Aber seid Jhr's denn?" frag' ich.—„Es wird Wohl schließlich dazu kommen," sagt' Cressy.„und wenn der neue Lehrer hergekomnien ist mit seinen feinen Ideen aus dein Norden, dann können wir ihm ja zeigen, daß wir hier in Jndiancrbrrmn nicht so ganz im Hinterwald liegen." So sagt' ich denn ja. und Martin erzählte Ihnen, Cressy und Seth wären verlobt und Sie sollten das gut sein lassen. Sie haben dann das nicht gewollt und gesagt, daß so etwas nicht in die Schule passe." Mit einiger Unruhe richtete der Lehrer seinen Blick auf "das Gesicht seines Begleiters. Es war ernst, doch gleich- mutig. „Jetzt, wo's vorbei ist, kann ich Ihnen ja sagen, was weiter geschah. Das Schlinime bei nur ist, Herr Ford— ich bin'n bißchen hitzig, und Sie find's nicht, und das hat's mir an- gethan. Denn lvie ich hört', was Sie gesagt hatten, da sprang ich aufs Pferd und ritt nach der Schule und wollte Sie zwingen, daß Sie in fünf Minuten aus Jndianerbrunn fort sollten. Ich weiß nicht, ob Sie sich arrf den Tag noch besinnen. Ich wollte Sie absangen, wie Sie aus der Schule kanren, aber ich kam zu früh. Ich strich von weitcni herum, und dann band ich mein Pferd an'neu Baum und lugte ins Fenster. Es war alles still und ruhig. Eichhörnchen saßen auf dem Dach, Käfer und Bienen summten herum, die Vögel zwitscherten auf den Bäumen, und es lag wie Schlaf in der Luft. Sie gingen zwischen den Mädels und Jungens herum und hoben hier und da einem den Kopf auf und sprachen so ruhig und freundlich mit ihnen, als wären Sie auch einer davon. Und sie sahen alle still und zufrieden aus. Und einmal— ich weiß nicht, ob Sie noch dran denken— kamen Sie dicht ans Fenster mit den Händen auf dem Rücken und sahen so ruhig aus, und Ihre Gedanken waren so weit weg, als wenn draußen nichts vorhanden war'. Da hätt' ich wer weiß was drum gegeben, wenn meine Alte Sie gesehen hätt'. Es kam mir vor, Herr Ford, als wär' da kein Platz für mich und mn End' auch nicht für meine Cressy. So ritt ich weg und ließ Sie in Ruh' und die Vögel und die Eichhörnchen. Den Abend redete ich mit Cressy, und sie sagte mir. daß Sie alle Tage so seien und daß Sie auch zu ihr ebenso nett seien wie zu den andren. So war's ihr denn recht, daß sie nach Sacraniento ging, da allerhand Sachen einzukaufen, denn im nächsten Monat sollte sie mit Seth Hochzeit macheu, und sie dacht' nicht mehr dran, Ihre Schule oder Sie zu inkommodieren. Hören Sie nur zu Ende, Herr Ford," fuhr er fort, als der junge Mann eine Einwendung machen wollte.„Na, mir war's recht! Aber wie sie in Sacraniento war und hatt' da allerlei gekauft, da schrieb sie niir und sagte, sie hätt' sich die Geschichte ordentlich überlegt, und sie dächte, sie und Seth wären»och zu jung zum Heiraten, und man möchte lieber die Verlobung wieder aufheben. Und das that ich denn für sie." (Fortsetzung folgt.) �Nachdruck oerboten.) Vinlk, nmrm, law! Skizze von K o z m a. Deutsch von C. L a n g s ch. Doktor Csapp hatte das uiicrivartcte Glück, i» einer weltfernen Gegend ein muvirtliches Grundstück von einer Großtante zu erben. Es gab dort nichts weiter als einen Brunnen, aber dieser Brunnen verlieh dein Grundstück seit undenklichen Zeiten einen geivissc» Wert, da sein Wasser sehr kalt und sehr reichlich Ivar. Die Nachbarn schickten daher ihre Dienstboten zur Sommerszeit dorthin zum Wasser- holen und vergalten die Gefälligkeit dadurch, daß sie alle zivei, drei Jahre mit einem Korb voll Waldfrüchten, Heidelbeeren oder frischen Eiern kamen, um sich erkenntlich zu zeigen. Dr. Csapp betrachtete nachdenklich das brunnenbehaftete Grund- stück. Was sollte er damit beginnen? Den alten Zustand konnte er unmöglich belassen, denn Walderdbeeren aß er nicht, und die frischen Eier faulten sicher schon, che die Brunnensteuer bei ihm anlangte. „Heureka!" rief er plötzlich, sich an die Stirn schlagend.„Wozu haben wir das viele kalte Wasser? Ich werde einfach eme Kalt- wafser-Heilmistalt hier gründen." Da Dr. Csapp kci>i Geld besaß, konnte er in der That etlvas Klügeres nicht ausdenken, und jedem, der zu wenig von diesem Metall sein eigen nennt, kann nian nur anraten, eine Kaltivasscr-Heilanstalt ins Leben zu rufen, da es die billigste und dabei doch einträglichste Einnahme der Welt ist. Was braucht man dazu? Kaltes Wasser, ein Dutzend Leinen- tücher, einige Pferdedecke», eine Baracke, mit ungehobelten Bänken möbliert, einen schonungslosen groben Burschen, den man Bade- »leisicr oder Masseur benennen kam«, eine in Oclfarbe hergestellte Firmentafel mit der Aufschrift„Kaltwasser-Heilanstalt", sowie einige Annoncen und etliche Gefälligkeitsnotizen in der Zeillmg. Das braucht man und nicht mehr. Dr. Csapp aber hatte höhere Absichten mit seinem Grundstück im Sinne, daher formulierte er die Aufschrift in zwei Worte, so daß sie jetzt lautete: . Kaltwasser-Heilanstalt und Sanatori u m." Zivei solchen imposanten Worten war die heutige Welt, deren Hanptlebeiiszwcck das„Kurieren" ist, unfähig zu widerstehen. Dr. Csapps Anstalt gedieh den» auch bald dermaßen, daß nach Verlauf von kaum zwei Jahren folgende Art von Annoncen auS den Ein- knnften des ererbten Brunnens möglich«varen: Nur kalt? Härten wir unsren Leib ab I Stählen«vir nnsre Nerven I Benützen wir Dr. Csapps Kaltwasser- Heilmethode, die einzig und allein mir in der Kaltbnmncr, mit einem Sanatorium verbundenen Wasselheilanstalt, unter persönlicher Aussicht und Leitung Dr. Csapps erfolgen kann.— Kalt- brunnen. an einem der schönsten Punkte der Karpathen gelegen, ist eine Eisen. Arsen, Jod, Schwefel, Kohle, Phosphor. Saiier- stoff. Salz, Chlor und Lithium enthaltende, natürliche Quelle. Ozonreiche Lust. Ausflüge nach allen Richtungen. Eisenbahn- Sintion in nächster Nähe, in kaum zivei Stunden zu erreichen. Unfehlbar sichere Heilung bei Rheumatismus, Glieder- und Nervenschwäche, katarrhalischen Beschwerden, Blutarmut, Bleich- sucht. Vollblütigkeit. Nieren- und Magenkrankheiten und Frauen- leiden. Vorzügliche Küche, schöne Wohnungen, mäßige Preise. Näheres durch den Bade-Jnspektor. Das Publikum strömte in die Kaltbrmrner Anstalt, uin sein Leben auf Erden zu verlängern. Dr. Csapps Heilmethode war auch äußerst anlockend. Diejenigen Menschen iiämlich, die sich nicht heilen lassen wollen, lieben es, freundlich behandelt zu werden? jene bin- gegen, die ernstlich irgend eine Heitknr durchzumachen gedenken, halten es für nötig, daß der Arzt sie gnäle und durch seine souveräne Grobheit die Besserung ihrer Gesundheit befördere. Dr. Csapp aber war grob wie Bohnenstroh, und daS Haupt- priucip seiner Heilniethode bestand darin, daß die Kranken alles aushalten müßten, ivas peinigend und unangenehm ivar. In Kaltbrnnnen mußten die Leute barfuß gehen, bis ihnen die Sohlen bluteten; man jagte sie, wenn die Sonne glühend schien, ohne Hut in die sengenden Strahlen; die Hungernden bekamen nichts zu essen, den Durstigen ivar daS Trinken verboten, die Müden sollten nicht schlafen, iver sich aber vor dem kalten Wasser entsetzte, wurde unaufhörlich damit begossen. Hielt er auch das standhast aus, so geriet er in die unbarmherzigen Hände des Masseurs. Da das Unternehmen Dr. Csapps sich so angenchm entwickelte, ließ er seine crgraneiiden Locken bis zur Schulter wachsen, rasierte sich nach Art der westeuropäischen Gelehrte», ging immer in Schwarz und namite sich Prvfesior. Endlich engagierte er einen jungen Assistenzarzt Dr. Csepp, der unter dem Vorwande heilgymnastischer Prozeduren sich an den Kranken im Boxen übte. Das alles hielten die Patienten ans, denn der Mensch ist ein unglaublich stark organisiertes Wesen. Er erträgt das alles, ja, je mehr er gemartert ivird, desto leichter gesundet er. Eines Tages sagte mm Dr. Csepp zu Dr. Csapp: „Herr Professor, ich habe in Erfahrung gebracht, daß Sie eine töjährige Tochter in dem Institut der englische» Fräuleins besitzen. Nun, ich liebe Ihre Tochter..." „Was der Tausend? Sic haben sie ja»och nie gesehe»?" „Das macht nichts. Ich liebe also das Fräulein, lvie gesagt, und bitte uin ihre Hand." „Mit welchem Recht?" „Mit dem Recht, daß ich nicht bis ins Unendliche nur zu Ihrem Nutzen arbeiten möchte. Ich will Ihr Schiviegersohn und dadurch Ihr Geschäftsteithnber werden. Das Unternehme» ist glänzend genug, daß sich auch zwei in die Einnahmen teilen können. Ich bin meiner 1200 Gulden überdrüssig, da ich weiß, daß Ihnen zwanzig-, dreißigmal soviel im Jahr durch diesen nichtswürdig kalten Brunne» und meine fachgemäße Hilfe in die Tasche fließt." Dr. Csapp geriet über diese offenherzig« Ansprache seines Assistenten in heftigen Zorn und warf ihn kurzer Hand zur Thür hinaus, Dr. Csepp schwur Rache. Schon nach wenigen Tagen las Dr. Csapp in einem medizinischen Fachblatt einen Artikel:„Die Ge- fahren der Kaltwasserkur. Bon Dr. Csepp. ehemaligen« Assistenzarzt der Kaltbmnner Wasserheilanstalt." In dieser Abhandlung schilderie Csepp mit großer Objektivität, daß seine durch viele Jahre in Kalt- brunnen gesamnielten Erfahrungen ihn mit schweren Bedenken gegen die Kaltivasserkur erfüllten. Die unendlich vielen Nerven-, Ge- Hirn- und Herzleiden, die Kahlköpfigkeit, Gicht, das Gliederzittern und unzählige andre körperliche Uebel seien zweifclohne durch die Kalt- ivasserbehandluiig gezeitigt worden. Es sei nötig— so schloß der Artikel— daß man nicht länger die Augen verschließe und schleunigst zur Warmwafferbehandlung zurückkehre. Alls dieser Fachschrift gelangten AuSzüge in die Tagespresse und erregten die ernstliche Besorgnis Dr. Csapps. Ja, selbst Separat- abzüge des Artikels erschienen unter dem Motto:„Nur warm l" und wurden kostenlos an sämtliche Patienten des Kaltbrunner Sana- torumis verschickt. Die Unzufriedenen unter ihnen— d. h. die Gesunden, die eine tägliche Vcfscrung ihres Zustandes nicht konstatieren konnten— be- gaunen zu murren:„Freilich, freilich! Die Kaltivasserheilmethode taugt wirklich nichts. Mau müßte einen Versuch mit marinem Wasser machen." Und eines Tages erschien über dem Thor der seit langem stillstehenden, aber noch mit brauchbaren Äefieln versehenen! Spiritusfabrik in Kaltbrunnen ein frisch gestrichenes Schild mit der Aufschrift:»Dr. Csepps Warmivasserheilaustalt und Sanatorium." Von nun an trat in dem Aunonceiiteil der Zeitungen dem Kalt- brunner:»Nur kalt!" überall das Kaltbrunner:»Nur warm!" entgegen und die der Kaltwassermetkode überdrüssigen Patienten gingen in Mengen von Dr. Csapp zu Dr. Csepp über. ' Das Ansehen des neuen Unternehmens hob sich von Tag zu Tag. Die durch die Kälte gequälten Menschen vernahmen von de» zur Wärme zurückgekehrten Gefährten voll Neid, daß Dr. Csepp noch schrecklichere Kuren mit scincir Patienten unternehme, als Dr. Csapp. Hatte nrau in der alten Heilanstalt die Menschen ansfrieren lassen, so wurden sie in der»enen wahrhaft gekocht; wahrend dort mir Fleisch zu essen erlaubt war, durften hier nur Gemüse und Mehl- speisen genossen werden. Wurde» die llcidcndcn bei Dr. Csapp ein- fach geknetet, mußten sie hier nun Holz spalten und Kohlen tragen, das Feuer unter dem Kessel anzünden und es unterhalten. Dr. Csapp sah nrit der Zeit ei», daß Dr. Csepp das Kalle mit dem Warmen zu Grunde konkurriere. Wenn dieser Kampf noch lange dauerte, würde bald aller Wert aus dem von der Großtante ererbten Brunnen ausgepumpt sein. So entschloß sich denn der Dollar zudem großen Schritt, und eines Tages erschien er bei seinem ehemaligen Assistenzarzt und jetzigen Konkurrenten. »Lieber Kollege." erklärte er,»da bin ich, um Ihnen Frieden anzubieten. Ich erkenne an, daß Sie mich besiegt haben. Sie haben recht, Ihre Methode ist die wahre. Daher teile ich Ihnen mit, daß ich noch beute die»öligen Kessel bestellen werde, um zu Ihrem Kurstzsteui überzugehen." Dr. Csepp erschrak jetzt, verlor aber seine Geistesgegenwart nicht. »So? Dann kaufe» Sie lieber mein Unternehme n, denn ivcnn Sie, lieber Kollege, wann werden, wende ich nüch sofort der Kälte zu. Z iv e i Warmanstalten an einem Ort können nicht gedeihen." »Darin haben Sic ebenfalls recht, lieber Kollege. Aber ich Ivill Ihnen noch etwas sage», was vielleicht der beste Ausweg wäre." „Und?" »Sie wissen ja, daß ich eine Illjährigc Tochter bei den englische» Fräuleins habe. Dieses reizende Kind liebt Sic— nnbekannteriveise. Falls Sic diese Liebe erwidern und ich die Freude hätte. Sie als meinen Schwiegersohn begrüßen zu dürfe», so könnten wir die beiden Unternehmungen vereinigen." „Hand darauf!" entgegnete Dr. Csepp erfreut. Die beide» Aerzte kämen nun überein, daß es soivohl mit der Kälte wie mit der Wärme genug sei. Beide Heilmethoden ivare» so- zusagen erschöpft und der noch nicht unterminierten dritten, der «Lauen", gehörte die Znknnft. Die dazu nötigen Fachartikel, Zeitungsberichte»nd Annonce» ließen auch nickt ans sich warten, und in der nächsten Saison apostcltcn Dr. Csapp und Dr. Csepp gemeinsam nnler der Devise: »Nur lau!" Die Kaltbrunner»Vereinigten Sanatorien für Lanwasser« behandlung" konnten kaum die Menge der Kranken fassen. Der geerbte Brnmren Dr. Csapps goß unaufhörlich seine kalten Wasser- Massen mit dem heißen Wasser der ehemalige» Spiritnsfabrik-Kessel zusammen, zum Heile der leidende» NtcnschhcitI „Beruhigen wir unsre Nerven! Besänftigen«vir das Allgemein- empstnden unsrcs Körpers I Dies empfehle» jedermann Dr. Csapp und Dr. Csepp, die alleinigen Entdecker und Amvender der Lauivajjer- Heilmethode." Beide wurden binnen kurzem Millionäre. Tauscnde von Geheilte» segneten ihre Namen; denn wenn die Menschheit das Kalte und Warme aushielt, warum sollte sie nicht auch das Laue vertragen?— Kleines JTeiiillekim» — Zl»s der römischen Campagna. In Inlins Rodenbergs »Deutscher Rundschau"(Berlin, Gebrüder Pütel) vcröffenllickt Richard Boß Schilderungen ans der Campagna. Eine Stelle möge hier Platz finden:»TnscnlanischerBlnntenzauber! Es ist März— Frühling. Der Berg ist blau von Veilchen, von jenen großen pnrpurviolctten, starkdnftenden Veilchcib, die bereits Plinins gekannt und„viola tusculana" genannt hat. Ans den Olivcteii der Villen Falconieri und Tnsculana steigt eine Flut von Vlnmendüften heraus, höher und höher, bis sie die Trümmer der Tibcrsvilla, die Stätte des Forum, die Sccne des griechtschen Theaters überschwemmt hat und den braunen Felsen- gipset umwogt. Zu diesem Frühlingslied der jungen Erde eine Sinfonie von Lcrchenjubel hoch oben in den Lüsten I Dann ist auch die Zeit, wo aus Rom der Forcssicre in laugen Cavalcade» ans den einsamen Berg zieht, wo schon im Morgengrauen die römische» Veilchensucher droben eintreffen. Sie plündern die Höhen, tragen ihren Raub nach Rom auf den spanischen Platz, Ivo sie, auf die Blntenhanfen weisend, den Nu? ihrer Ahnen wiederholen können: „Lecolo, Duscolo!" Wenn die Veilchenzeit vorbei, erlebt TnScnlum eine Blntenperiode nach der andern. In allen Farbe» erglänzt der Berg. Der Mohn hüllt ihn in Cardinalspnrpnr ein; die Cistnsrosen kleiden ihn schneeweiß, bis der Juni ihm auS blauen Wicken und dnnkelroten Disteln das prächtige Sonnnergewand webt. Aber den Knisermantel wirft Tuscnlnm erst um, wenn nur das braune, in Felle gekleidete Volk der Hirten es sieht... Wenn die Sonnengluten in der Ebene Gräser und Blumen vcr- dorren, beginnt der ganze Berg goldig aufzuleuchten von blühendem Ginster nnd den hohen feierlichen Bimnendolden der Königskerzen. Ruinen nnd Fels strahlen. Es ist, als ob die Geister Tibers und Neros ein Blütbcnbacchnnal feierten. In der Tiefe brütet der schwere Brodcm der Hitze, daraus der glanzvolle Berg aussteigt, wie ein Zanberfels aus Nebel nnd Rauch. Erst im Herbst kriecht die Dürre auch hinauf nach Tuscnlnm und versengt mit feurigem Odem alles Blühen. Erloschen stehen die Fackeln der Königskerzen. Es ist xosb festmn! Wer jetzt den Berg ersteigt, versinkt bis zu de» Hüsten in dem dürren braunen Farrcnkraut, durch welches große smaragdgrüne Eidechsen rascheln. Ans den Albanerbcrgcn ruhe» die Muten der herbstlichen Kastanienwäldcr wie dunkle Abendröte, und das Antlitz der Campagna ist niemals so erhaben, wie um die schwermntsvolle Jahreszeit, wo sich das Land noch nicht von dem Wnjtcnhanch des Somm-rS und des Scirocco erholt hat."— — Taö Skelett Do« Hcn Reffst, einem altägyptische» König aus der dritte» Dynastie, welcher ungefähr im Jahre 4000 vor Christus regierte, wurde zusammen mit Töpfergefäßcn im laufenden Jahre bei Girgch entdeckt. Ch. S. M y e r s gicbt in der Zeit» schrift»Man"(Öltober 4301) eine kurze Schilderung dieses ältesten bisher bekannt gewordenen ägyptischen Königßskeletts, woraus her- vorgeht, daß es sich um einen ungewöhnlich großen Mann von 1870 Millimeter Höhe handelt, während die Dnrchschnittsgröße der Alt- ägyptcr mir 1670 Millmictcr beträgt. Die langen Knochen zeigen einen negroiden Charakter, wie er an Skeletten der vorgeschichtlich- ägyptischen Zeit nnd in den folgenden Perioden des frühesten Reiches hänfig beobachtet wird.' Der kräftige und geräumige, sehr breite Schädel ist beinah brachikcphal. Schon Manetho nnd EratofthencS berichten von einem riesigen ägyptischen Könige, allerdings mit verschiedenen Namen. Anthropologisch von Interesse ist, was sich an diesen Fund anschließt. Nach den Meffmigcn von Staiidnll-Mac Jvcr drang nämlich zur späteren prähistorischen Zeit ein Volk mit breitem Schädel und langer Nase unter die lang- schädlige Bevölkerung von This ein nnd bildete dir herrschende Klasse der ersten Dynastien; diese Eindringlinge sollen nach der Tradition Memphis gegründet haben, wo sie sich zu hoher Kultur entwickelten. Bis zur Zeil des Hcn Nekht wurden die breitköpfigen Könige, welche als Thiiillcn bezeichnet wurden, bei This begraben; als aber Memphis This verdunkelte, wurden die folgenden Könige ni den Pyramiden von Sakkarn, Gizeh und Abnsir beigesetzt. Mutmaßlich stammten die Breitschndel ans Asien.—(„Globns.") — Eilt teures Ei, ein Ei des großen Alk, eines vor fast 100 Jahren ausgesiorbcneii Wasservogels, wurde, der»Kol». Ztg." zufolge, in diesen Tagen in den Anktionsrämneu von Stevens in Kings Street CoveMgarden i» London für 5010 M. zugeschlagen. Der große Alk war ei» Verwandter deS Papageitauchers und der nördlichste Vertreter der Pingninsannlie. Er war hauptsächlich in Nensnndlmid, an der benachbarten ftiiste des amerikanischen Festlandes, aus den Hebridcn und in Schweden nnd Norwegen heimisch, hatte Flügel, die zimi Fliegen nutzlos waren, besaß dafür aber Schwiminfüße nnd war ein ausgezeichneter Schwimmer und Taucher. Nur der Umstand, daß seine Gattung ausgestorben ist, hat die Eier des großen Alk auf einen so hohen Marktpreis getrieben. Die noch vorhandenen smd alle bekannt wie die Gemälde eines großen Meisters vergangener Tage, nnd es wird sorgfältig über ihren Verbleib Buch geführt. Es sind ihrer noch 73 übrig, 23 im Besitz von Museen, 44 in Privatsaum, lunge». Ein Ei befindet sich in dem tlnsonm Loebdecüeanmn in Düsseldorf. Der Käufer des nun- mehr versteigerten Eies, ein Herr Mnssey. hatte auch vor etiva Jahrcssrist ein Alk-Ei, das als besonders schönes Exemplar bezeichnet wurde, erivorben und mit 7300 M. bezahlt. Das war der höchste Preis, der bisher für ein derartiges Ei angelegt wurde.— Tie geheiiuniSDollc Notbremse. Man schreibt der„Tägk. Nimdsch," aus Tondern: Sitzen da vor einigen Tagen ein paar Herren im Zuge und fahren ihrer Heimatstadt Tondern zu. Die Unterhaltung dreht sich um die Notbremse»nd ihre Aiiwendimg. Der eine Herr geht an die im Abteil besindliche Bremsvorrichtung nnd macht dem ander» durch einige blinde Handgriffe klar, wie man dieselbe im Notfälle zn bedienen hat. Dieser steht nun auch auf und da ihn die Sache interessiert, so macht er, aber auch ohne die Bremse zu berühren, die blinde» Handgriffe nach. Da mit einem Male machen die Räder der Wagen— schurr, schnrrr— die Lokomotive pfeift, der Zug hält. Totenblaß steht der Bremsen-Mimiker da, er glaubt, daß die Vorrichtung schon durch die bloße Mimik in Thätigkcit getreten ist.»Na. na, Mensch, wat ward dat nu blots warr'n," stottert er hervor.„Ja, dat kost't hnnnerl Mark," erwidert sein Genosse mit großer Gemütsruhe,»wenn Du «ich genoch bi Di hest, so kann ick Di nthelpen."— Mittlerweile kommt ein Schaffner vorbeigelaufen.»Wat is denn ccgcntlich los?" fragt der gcmlltsrnhige Herr zum Wagen hinaus.»Wi hewwe» drei Schaap äwerföhrt," lautet die Antwort.— So nach und nach bekommt der andre Herr seine gesunde Gesichtsfarbe wieder, er trocknet sich mit einem erleichterten Seufzer de» Angstschiveiß von der Stirn und meint:„Mensch, h e>v ick m i ä» g st, bot Ding." damit zeigt er auf die Bremse,„kiek ick von hüt af an»ich mit e en O o g m ehr au."— Knust. K. Kunst und Spekulation. Ans Paris wird berichtet: Auf eine wenig erfreuliche Wandlung im inodernen Kunstleben lenkt der Kunstkritiker des„Figaro", Arsene Alexandre, die Anfinerksam- keit. Der Sanmiler von heute hat einen völlig andren Charakter angenoininc» als sein Borgänger. Der alte Amateur sammelte die Werke, die seinem persönlichen Geschmack zusagten, auch wenn sie von gänzlich unbekannten Künstlern herrührte». Der moderne Sammler dagegen wird immer mehr zum Spekulanten. Die Ber- kaufe der letzten Jahre, bei denen so oft Werke, die von ihren ersten Besitzern für eine Kleinigkeit erstanden worden waren, um ein Vielfaches dieses ursprünglichen Preises»vieder- verkauft wurden, mögen den Trieb, mit Kunstwcrke» zu spekulieren, immer stärker entwickelt haben. Man kauft die Bilder„a la baisse", man verkauft sie„a la hausse". Auch früher gab es Sammler, die auf den Quais für IS Frank einmal einen Chardin erstanden, der heute Iviedcr so hoch geschätzt wird, aber sie kauften diese Schätze. um sich selbst daran zu erfreuen. Der moderne Sannnler sucht dagegen einen Künstler zu„entdecken", von dem er voraussetzen kann, daß er in» Werte steigen ivird. Der Sammler alten Schlages suchte dem vou ihm geschätzten Meister neue Freunde zu erwerben; er war ein Apostel. Der Sammler neuer Art würde sich wohl hüten, sich Konkurrenten zu verschaffen, er sanunelt Werke als Anlagekapital, mit der Absicht, einen„coax" damit zu machen.— Kulturgeschichtliches. — Trusts im alten Indien. Der„Franks. Ztg." ivird geschrieben: Wir leben in einer Zeit der Trusts. Gerade eben schicken sich die Vereinigten Staaten an. ans gesetzgeberischem Wege gegen die Trusts vorzugehen. Daher dürfte es von Interesse sein, zu er- fahren, daß diese Erscheinung durchaus nicht erst ein Gebilde nnsrer Zeit, sondern eine uralte Einrichtluig ist. Schon die alten Inder haben Trusts gekaimt. In dem sehr wichtige» Gesetzbuch des Yajnavalkya, das neben dem Gesetzbuch dcS Manu»och heute iu Britisch-Jndien der Rechtsprechung für die Eingeborenen zu Grunde liegt, findet sich(II. 249 f.) folgende Bestinunung: „Für Leute, die sich vereinigen und den Preis b e- st im inen znin Nachteile von Handwerkern und Künstlern, ob- ivohl sie das Steigen' und Fallen des Preises kennen, gilt die h ö ch st e Geldstrafe. Für K a u f l e u t e, die sich verbinden und eine Ware durch unrichtigen Preis ansschlietzeu oder sie dazu verkaufen, ist die Höch'ue Gelbst a f c festgesetzt." Das Ges'tzbuch fällt etwa iu das dritte nachchristliche Jahr- hundert. Das Merkwürdige der Stelle liegt darin, dag sie zeigt, bis zu ivclcher Höhe schon in so früher Zcit'das Wirtschaftsleben der Inder entwickelt ivar. Andrerseits aber ist sie. insofern sie das Trust- verbot ausspricht, ein Beweis für das sociale Denken jener Zeit. Man darf darin vielleicht einen Einfluß des Buddhismus erblicken, der ja in ebenso hohem Maße eine sociale wie eine religiöse Revolution darstellt.— Aus dem Tierleben. LS. Neue Seidenraupen. Schon seit längerer Zeit ist man in Süd-Frankreich mit den Leistungen dcS aus China ein- geführten Manlbeerspiuncrs(Bornbyxrnori) in der Seidenerzcugnng nicht inchr zufrieden. Trotz der großartigen Arbeiten Pasteurs, der die Krankheiten dieser wertvollsten aller Raupen aufgeklärt hat, hat man kein vollkommenes Heilmittel gegen die unter ihnen herrschenden Epidemien gefunden. Es lag daher nahe Versuche mit andren Seidenspinnern vorzunehmen, und Mvneville lenkte die Aufmerksamkeit auf den indischen Ailanthnsspinncr(Katurnia oyntbia), den chinesischen Eichenspinner (Katurnia Pornyi) und den japanischen Eicheiiseidenspinner(Saturnia Yarnamay«), Wie die Name» anzeigen, lebt die erste dieser Ranpen auf dein Götterbanm tzABaiitims), die beiden letzten auf Eichen. Diese drei Seidenivünner besitzen vor der Raupe des cigentlilben Seidenspinners den bedeutenden Vorzug, daß sie weit Widerstands- kräftiger sind, weniger Fürsorge verlangen und in ihrer Ernährung weniger wählerisch sind. Dagegen bleiben noch immer einige Mängel an ihnen haften. Die japanische Raupe erzengt eine sehr schöne und kräftige Seide, aber sie findet in Frankreich keine sichere Fort- Pflanzung und hat außerdem die üble Geivohnhcit, sich zuweilen früher zu verpuppen, als die für ihre Nahrung nötigen Bäume Blätter getrieben haben. Die Raupen der beide» andren Arten geben dagegen nur eine minderwertige Seide. Seit mehreren Jahren hat sich daher de Labonnefon mit noch andren Seidenraupen abgegeben, die vielleicht mit Nutzen nach Frrmkreich eingeführt werden konnten. Seine Versuche find schließlich auf einem Insekt haften geblieben, das in Mexiko heimisch ist, dem Mtaeu!, (Saturnia) Orizaba. Der Schmetterling dieses wilden Seidenspinners ist ein prachtvolles Tier von 14—16 Centimeter Flügelspannivcite. Seine Färbung ist in» Grnndton dunkclgelb beim Männchen und etwas Heller beim Weibchen. Das obere Flügelpaar ist durch ein in der Mitte verlaufendes dunkles Band und auf dem Vorder- Berantivortlicher Nedacteur: Earl Leid in Berlin. rande durch drei im Dreieck stehende schlvarze Flecke ausgezeichnet. Die untere» Flügel haben außer verschiedenen Punkten einen drei- farbigen Rand in den Farben schwarz, iveiß nnd rosa. Außerdem befindet sich in der Mitte jedes Flügels noch ein großer glasartig schillernder Fleck von dreieckigem Umriß. Nicht weniger stattlich ist die Raupe, deren Kopf mit einer Krone citronengelver Höckerchc» besetzt ist. Die Oberseite ist von einer lebhaft hellgrünen Färbung mit einem braunen Streifen auf jcdcnr Ring nnd vier Reiben orangefarbener Warzen. Die Unterseite ist tiefgrün und mit weißen Sammethaaren bedeckt. Der letzte Leibesring hat einen citroucn- gelben Rand und ist mit hellgrünen, schwarz umrandeten Scknlderil verziert. Diese Raupe ist sehr widerstandsfähig nnd scheint in Frank- reich auf Buchen und Flieder leicht fortzukommen. Nach 45 bis 59 Tagen spinnt sie einen rötlichgraueu glänzenden Cocon von 4— 5 Centimeter Länge, in dem eine Ocffunng zum Ausschlüpfen des Schmetterlings bleibt. Die Seide ist glänzend und stark. Die ersten Versuche in Frankreich haben allerdings einen Iveit geringeren Ertrag an Seide ergeben, als die in Mexiko angestellten, aber die späteren sind bereits von besserem Erfolg begleitet gewesen, und man rechnet darauf, daß sich die Einfnhrmig des mexikanischen Seiden- spinners bewähren und der Seidenzucht in Frankreich neues Leben zuführen wird.— Hilmoriitisches. — Der ominöse Titel. Der Herr Lehrer muß auf kurze Zeit das Klassenzimmer verlassen nnd betraut den Klassenersten mit dem Auftrag, wäbreud seiner Abivesenheit auf Ordnung zu sehen.— Als er aber zurückkehrt, findet er ein allgemeines Durcheinander nnd das Ordnnngsorgan im lvildesten Handgemenge. Auf die erzürnte Frage, ob das Ordnung halten heiße, kommt die Antivort: „A n f s i ch t s r a t iv e r d' ich mich doch nicht schimpfen l a s s c n I"— — Ersatz. Herr(in einem Cigarrenladen auf dem Lande): „Haben Sie eine gute Import cigarre?" Geschäftsmann:„Jmporlcigarre habe ich leider nicht; aber eine ganz echte Habanna können Sie bekommen!"— — Nichtiger Platz. W e i n h ä n d I e r:„Bitte, bringen Sie die Anzeige in Ihrer Zeitung, daß ich morgen nicin Wein- geschäft eröffne— aber bitte in einer passenden Rubrik." Redakteur:„Ja, nntcr Vermischtes."— („Meggend. Hum. Bl.") Notizen. — Von Otto Julius B i e r b a n m s Gcdichtsainmlnng „Irrgarten der Liebe" sind bis heute drei Auflagen. 16. bis 25. Tausend, erschienen, außerdem befinden sich, wie der Insel- Verlag mitteilt, das 26. bis 36. Tausend in Vorbereitung.— — Adolf L'ArrongeS Lustspiel„Die Wohlthätcr" wird in Berlin im L e s s l n g- T h c a t e r zur Aufführung ge- langen.— '— S a d a Dacco und Los Füller werden mit ihren Ensembles vom 18. November bis zum 1. Dezember im Central- Theater gastieren.— —„II e b e r den Wasser n", ein neues Drama von Georg Engel, ist vom Lessing-Theater zur Aufführung erworben worden. Die weibliche Hauptrolle ivird Agnes Sorma geben.— — Richard Franz' Lustspiel„Der er st e Liebhaber" wurde bei der Erstanfführnng am Dresdener Hoftheater freundlich aufgenommen.— — Charpentiers Oper„Luis e" ivird Mite Januar im O p e r n h a n s e die erste deutsche Aufführung erleben.— — In der engeren Konkurrenz um das Berliner W a g n e r- D e n km a l erhielt Professor Gustav Eberlein den ersten, Bildhauer Ernst F r c c s e und Architekt Wilhelm B r ü r e i n den ziveiten und Bildhauer Her in a n n H o s a e u s den dritten Preis.— — Dem k u n st h i st o r i s ch e n I n st i t n t in Florenz soll für die nächsten Jahre eine Unterst ü tz u n g ans Reichs- mittel» im Betrage von 16 000 M. zugewendet werden.— — Zur genaueren Bestimmung d e s magnetischen Nordpols wird eine neue n o r iv e g i s ch e P o l a r- expedition vorbereitet. Zum Leiter der Expedition ist der Nor- weger Aniundsen, ehemaliger erster Schiffsoffizicr de Gerlaches, ans- ersehen. Man nimmt au. daß der ningnetische Nordpol im Laufe der Jahre seine Lage verändert hat. Er ivurde 1831 � von James Roß auf der Insel Boothia Felix gefunden, doch sind seit jener Zeit keine neuen Beobachtungen ausgeführt worden.— t. Die Länge der Londoner U n t e r g r u n d b a h n- Tunnel beträgt jetzt über 30 Kilometer, und gcgeinvärtig bewerben sich noch 7 Gesellschaften um den Bau neuer unterirdischer Bahnen beim Parlament.— — Die Frauen der amerikanischen und englischen Milliardäre versuchen die Falkenjagd neu zu beleben. Ein gut abgerichteter Falke ist nicht unter 2000 M. zu haben.— Druck und Verlag von Max Baoing in Berlin.