Htnterhaltungsblatt des vorwärts Mr. 218. Donnerstlig. den 7. November. 1301 (Nachdruck verboten.) TZ CreMz. Roman von B r e t Harte. „Aber wie?" fragte der Lehrer verblüfft. „Eigentlich mit dieser Flint'", entgegnete Mc Kinstry mit Ernst und Würde und zeigte auf das Gewehr in seiner Hand „denn ich bin ein bißchen hitzig. Ich ließ dem alten Davie sagen, wenn ich Seth und Cressy wieder zusammen sah', dann schösse ich ihn nieder. Destvegen haben wir uns'n bißchen erzürnt, und das hat dann wieder die Harrisons gefreut; aber ich denk', mich das Gesetz läßt mir meine Vater rechte. Und nun sagte Cressy, wie der Seth aus dem Wege ist. da könnt' sie wieder in die Schule gehen und noch mehr Bildung lernen. Und ich denke, sie hat recht. Und wir beide dachten, weil sie aus der Schule gegangen ist, die feinen 5Ueider zu kaufen, da wär's ganz in der Ordnung, daß die Schule nun mich'was davon Hab'". Tie Sache erschien immer verzweifelter. Der Lehrer wußte, daß der Mann neben ihm einen zweiten Einwurf von seiner Seite nicht so ruhig aufnehmen würde. Allein vielleicht gerade das veranlaßte ihn, jetzt, da er die Gefahr kannte, noch mehr dies für seine Pflicht anzusehen, und sein Stolz empörte sich dagegen, daß hinter Mc Kinstrys Bekenntnissen eine Drohung versteckt liegen könnte. Dennoch beganil er voll Ruhe: „Werden Sie es aber auch nicht bedauern, daß Sie diese .durch den Bruch des Verlöbnisses und die Ausstattung Ihrer Tochter gebotene Gelegenheit nicht benützt haben— um sie in einem größeren Pensionat in Sacramcnto oder San Franziska unterzubringen? Glauben Sie nicht, daß es ihr langweilig sein und sie der Gesellschaft bloßer Kinder müde werden wird, nachdem sie bereits erfahren hat, wie an genehm—" er wollte sagen„ein Liebhaber", besann sich indes und fügte hinzu:„einem jungen Mädchen die Frei heit ist?" „Herr Ford", entgegnete Mc Kinstry, der in seiner schwerfälligen Einseitigkeit den Gedanken deS Lehrers nicht schnell genug zu folgen vermochte,„wenn ich eben sagte, wie ich in Ihre stille, friedliche Schule sah, das schien mir kein Platz für Cressy. so wollte ich daniit nicht sagen, daß ihr so'n Platz nicht dienlich wäre. Was sie nie als kleines Mädchen bei mir und meiner Alten gefunden hat und nie in'ncm Pensionat finden kann—'ne Stelle, wo sie Kind ist; die Lust am kindische» Spiel und das kindliche Wesen, die sind ihr aus dem Reisewageu auf den Prairien verloren gegangen oder in St. John zunickgeblieben. Sie war ein erwachsenes Mädel, das heiraten konnte, aber ein Kind ist sie nie gewesen. Die jungen Kerls haben ihr die Cour geschnitten, aber gespielt, wie es Knaben und Mädchen thun, hat sie nie. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Blair Rawlins' Tochter es nicht verstanden hat, ihrer Tochter 'was Bess'res beizubringen, denn sie hatte genug mit mir zu thun. Wenn's Ihne» also recht ist, Herr Ford, wollen wir über'ne große Schule nicht»veiter reden; ich nwchte lieber, daß Cressy wie ein kleines Mädchen ist unter den andern Kindern. Mir wär' ein gut Stück wohler, wenn ich wüßte, daß sie mit Ihnen dasitzt und den Vögeln und Bienen und Ihnen zuhört, wenn ich fort bin hinterin Vieh her oder mich nnt den Harrisons herumraufe. Vielleicht hat's hier zu viel Zänkerei gegeben, seit sie Kind war, vielleicht muß sie auch mehr wissen als ein Bursch, der ihr die Cour schneidet und sich für sie rauft." Der Lehrer schwieg. War dieser einfältige, schwerfällige Raufbold auf eine Wahrheit gestoßen, welche ihm mit seinem schärferen Verstand niemals gedämmert hatte? Einen Augenblick schwankteer; dann fiel ihm Cressys ncuesteLiebeleimitJoe Masters ein, nnt deni sie vor ihrer Mutter hinterm Berge hielt. Hatte sie auch den Vater getäuscht? Oder täuschte ihn der Vater nnt seinem wechselweisen Hervorkehren von Drohung und Freundlichkeit— Kraft und Schwäche. Mit der schwächlichen Sophisterei des Cynikers mißtraute er dem Guten, das seinem Skeptizismus unverständlich war. Dennoch mochte er. wenn er die schlunimernde Wildheit des Mannes an seiner Seite und dessen verwundete Hand betrachtete, seinen Mangel an Vertrauen nicht offenbaren. Er gab sich zufrieden mit dem ebenso schwächlichen Auskunftsmittel schwacher Menschen in solchen Fällen— gutmütigem Gehenlassen.„Gut," sagte er leichthin,„ich werde sehen, was sich thun läßt. Aber werden Sie auch allein nach Hause gehen können? Soll ich Sie be- gleiten?" Als Mc Kinstry das mit einer Geberde ablehnte. fügte er, wie um der Unterredung ein Ende zu machen, hin- zu:„ Ich werde Ihnen von Zeit zu Zeit Bericht erstatten, wenn's Ihnen recht ist." „Mir," betonte Mc Kinstry,„aber nicht da unten," fuhr er mit einer Handbewcgung nach dem Ranch fort. „Vielleicht ists Ihnen recht, wenn ich'mal beim Vorbeireiten au der Schule ins Fenster sehe? Ah— Sie wollen nicht," setzte er hinzu und sein Gesicht färbte sich dunkler.„Na, meinetwegen." „Sie werden einsehen, daß das die Kinder bei der Arbeit stören würde," erläuterte freundlich der Lehrer, dem es durch den Sinn ging, welch unendliches Vergnügen das gerötete, einfältige Gesicht Mc Kinstrys am Fenster dem kleinen Hans Filgen bereiten würde. „Schad't nichts." gab Mc Kinstry gedehnt zurück.„Kommen Sie mit nach dem Hotel,'nen Schluck zu trinken?" „Ich möchte Sie nicht einen Augenblick länger Ihrer Frau entziehen," sagte der Lehrer mit einem Blick auf die verwundete Hand des andren.„Danke sehr. Adieu." Sie schüttelten sich die Hände, wobei Mc Kinstry sein Ge- wehr unter den Arm schob, um die gesunde Hand hinreichen zu können. Der Lehrer sah ihn langsam den Weg nach dem Ranch einschlagen. Mit einem Gefühl, halb unruhig, halb an- genehm, daß er einen Schritt gcthan, dessen Folgen wichtiger waren, als er im Augenblick übersehen konnte, wandte er sich in entgegengesetzter Richtung dem Schulhause zu. So in Gedanken versunken war er, daß er an Onkel Ben erst dachte, als er dort angekommen war. Wie Mc Kinstry es einst gethan, näherte er sich dem Hause durch das Dickicht an der Hintcrseite und schlich sich ans Fenster, um einen Blick hinciuzuthun. Aber fern davon, die Stille und Abgeschiedenheit zu zeigen, welche den �vilden Sinn Mc Kinstrys so seltsam berührt hatte, tönte das Schulhaus wieder von den lauten Scheltworten einer jugendlichen Stimme, der- jenigen Rupert Filgcns, welche scharf an das Ohr des Lehrers schlug. „Sie brauchen gar nicht Dobell oder Mitchell gegen mich auszuspielen— verstehen Sie! Was wissen Sie denn von den beiden, was? Sehen Sie'mal Ihr Geschreibsel an. Wenn Hans das nicht besser fertig kriegt', dann gäb's Haue. Natürlich ist's die Feder— nicht Ihre steifen Finger— Gott bewahre! Sie verlangen wohl die schönsten Federposen und goldene Federn für zwei Bits die Stund'? Ich will Ihnen 'was sagen! Hol' der Henker Ihren ganzen Kontrakt! Da ist schon wieder'ne Feder entzwei! Sie sollten lieber'n Zaunpfahl in die Hand nehmen!" Der Lehrer trat vorsichtig ans Fenster und schaute ins icre. Einer wunderlichen Eingebung folgend hatte der schöne Rupert Onkel Ben dazu veranlaßt, vor einem der kleinsten, wahrscheinlich seines Bruders, Tische auf der Erde Platz zu nehmen in einer Stellung, welche seinen Ellenbogen genügend Raum ließ zu allen Verdrehungen, wie sie bei angehenden Schriftgelehrten üblich sind, und wobei sein junger Lehrer ihn überragte, so daß er auf seinen großen Schüler herabschießen konnte wie eine boshafte, aber graziöse Elster. Was dem Lehrer aber am meisten ins Auge fiel, war, daß Onkel Ben, ohne das Unwürdige seiner Lage zu empfinden, seinen Quälgeist nicht nur mit unvcrwiist- licher Laune, sondern mit unverhohlener Bewunderung be- trachtete und nicht die geringste Neigung zeigte, seinen Vcr- zicht ernst zu nehmen. „Immer langsam voran, Rup," sagte er launig,„Du bist ja auch'n nial klein gewesen. Natürlich steh' ich für allen Schaden ein. Das nächste Mal bring' ich nur meine eigenen Federn mit." Er nahm die Feder zwischen die Zähne, stellte sich lang- sam auf seine Füße, beschattete die Augen und blickte aus einer Entfernung von sechs Fuß bewundernd auf sein Werk herab. Die Hände in den Taschen und den Rücken dem Fenster zugekehrt, that Rupert nnt spöttischer Miene dasselbe. „Was ist das fik'n krankes Wurm da unten auf der Seite?" fragte er. „Was meinst Du wohl?" forschte Onkel Ben strahlenden Gesichts. „Es sieht aus wie'ne Schlangenwurzel, die Sie so'raus- graben, mit'n bißchen Schmutz dran," entgegnete Rupert kritisch. „Das ist mein Name." Den Kopf auf eine Seite geneigt, blickten beide darauf hin:„Es ist nicht so schlecht, wie das andre, was Sie gc- schrieben haben,'s könnt' wohl Ihr Name sein. Das heißt, es sieht ganz anders aus wie alles andre," meinte Ruperck, dem der Gedanke kam, es möchte mehr seines Amtes sein, den Schüler zeitweise aufzumuntern.„Mit der Zeit wird's schon gehen. Wozu thun Sie aber das alles?" fragte er plötzlich. „Was denn?" „Na, hier in die Schul' kommen, wo sie doch keiner hin- schickt und wo sie gar nicht hingehören als großer Mensch." Onkel Ben wurde rot bis hinter die Ohren.„Was giebst, wenn ich's Dir sage. Rup. Am Ende möcht' ich'mal Lust haben, unter die seinen Leute zu gehen? Vielleicht wollt' ich mich auch mit den andern Burschen auseinandersetzen, wenn die Zeit kommt? Am Ende auch Gedichte machen und Ge- schichten lesen— was?" Ein Ausdruck unendlicher Verachtung trat in Ruperts Augen.„Sie? Hör'n Sie'mal," fuhr er langsam und mit Stach druck fort,„ich werde Ihnen sagen, warum Sie bloß herkommen!" „Nun?" „Es ist—'n Frauenzimmer I" Onkel Ben brach in ein Lachen aus, bei dem das ganze Dach bebte, und stampfte in dem Zimmer umher, daß der morsche Boden krachte. Dann erschien der Lehrer an der Pforte und machte der Scene ein unwillkommenes Ende. lFortsctzung folgt.) Wtauis MsgÄnIeunt (Deutsches Thcater.) Mehr als fünfzig Jahre sind ins Land gegangen, seitdem der junge Hebbel, damals noch mitten in seiner Stnrm- und Drang- Periode die„Maria Magdalena", sein„bürgerliches Trauerspiel" schuf. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine künstlerische That, der sich nur wenig andres aus jener Zeit zur Seite stellen lätztl Und Hebbel selbst hatte von der Kühnheit und Originalität des Wurfes das lebhafteste Bcwusztsei» t er suchte und proklamierte es stolz in dem merkwürdigen philosophischen Vorivort, niit welchem er das Drama in die Welt schickte, daß hier etivas Neues, die Grenzen des damals so beliebten bürgerlichen Rührstücks weit Ueber- schreitendes geschaffen sei. „Maria'Magdalena" und der wenige Jahre später entstandene „Erbförster" von Otto Ludwig sind in der älteren deutschen Theaterlitteratnr des neunzehnten Jahrhunderts die einzigen Werke von wirklich littcrarischer Bedeutung, die in gewisser Hinsicht als Vorläufer und Ankündiger des neuen bürgerlichen Bühncii- Naturalismus betrachtet werden können. Aber eben darum, weil die Entwicklung in den durch diese Werke angestrebten Bahnen, wenigstens in verivandten Bahnen, erfolgt ist, fühlt man bei der Lektüre den Abstand der Jahre um so deutlicher. Was damals— und zivar mit vollem Recht— als ein tiefer Bruch mit der dem Leben entfremdeten konventionellen Theatersprache und Scenenführung, als kühne naturalistische Neuerung empfunden wurde, klingt»nsrem durch die intinie Wahrheitskunst der Tolstoj, Ibsen und Hauptmann so verwöhnten Gehör heute bereits vielfach wieder als theatralisch und konventionell. Wie höhnisch verurteilte Hebbel die„schönen Reden", mit Ivelchen die Verfasser bürgerlicher Schauspiele ihre Figuren„aus ihrem eignen Schatze" ausstatten, so daß dieselben„uns zum Teil als verwunschene Prinzen und Prinzessinnen vorkommen, die ein Zauberer aus Malice in Bäckennädche» und Schneidergcscllen vertvandelt hat"; wie energisch Weist er darauf hin, daß die Sprache des Alltags auch auf der Bühne ans die Bilder und Gleichnisse, die der Alltag mit seiner Arbeit und allgemeinen Lebensverhältnissen bietet, sich halten soll! Aber er selbst, der diese Forderung auf- stellt, ist, für unser heutiges Empfiuden, um ein weites hinter ihrer Erfüllung zurückgeblieben. Nur aus den Worten des Meisters Anton weht uns bei der Lektüre so etivas wie wirklicher Erdgeruch entgegen, in den Reden der andern Personen tönt noch immer all zu stark vernehmlich die fremde Stimme des reflektierenden Dichters durch. Wie viel von außen hereingetragene Rhetorik, wie viel offenbare Absichtlichkeit noch in diesem Dialoge, wenn man ihn mit dem Dialog etwa der besten Ibsen-Dramen vergleicht l Wie unnatürlich muten im Vergleich mit dieser leiS andeutenden, sich eng an die„Bescheidenheit der Natur" anschmiegende. Art, die die reflexionsreichcii Auslassungen der Hebbelschen Personen, ihre Erzählungen und breit ausmalenden Monologe den Leser an! Und auch die andre Forderung, die der Dichter in jenem Vor- wort erhob, daß der in einem bürgerlichen Trauerspiel zu schildernde Vorgang nicht ein zufälliges Schicksal sein dürfe, sondern einfache, große Züge aufweisen müsse— Züge, durch welche er für die allgcnieine Lage und Sinnesweise des darzustellenden Standes charakteristisch sei, wird man in dem Drama schwerlich er- füllt sehen. Der tragische Konflikt, den der Dichter behandelt, kann sich ebenso gut in andren, als fin den specifisch kleinbürgerlichen Schichten, die der Dichter uns im Bilde vorführt, ab- spielen. Jene„schroffe Geschlossenheit, mit der die Individuen sich im beschränktesten Kreise gegenüberstehen", jene„schreck- liche Gebundenheit des Lebens in der Einseitigkeit", von denen Hebbel spricht, sind ebensowenig wie dann weiter die Vcräußcrlichnng und bornierte Verhärtung des Ehrgefühls aus- zeichnende Charaktermerkmale dieser einen Gesellschaftsschicht. Doch das ist schließlich in dem Stück kein Schade. Dadurch, daß Meister Antons enge Denkart im Punkt der Ehre weniger aus seinem Stande, als aus persönliche», vom Stande unabhängigen Eigenschaften herauswächst, wird der dichterische Wert dieses wunderbar gezeichneten Menschentypus Ivahrlich nicht herabgemindert. Er hat'Größe und Einfachheit. Aber leider ist es dem Dichter nicht gelungen. dem- entsprechend auch die Handlung, die sich um den alten Tischler- meister gnippiert, in einfachen und großen Striche» mit typischem Charakter zu entivickeln. Hier spielen jene„Zufälligkeiten", die Hebbel an dem bürgerlichen Drama seiner Zeitgenossen so bitter tadelt, störend und verwirrend hinein. Meister Anton, der die Ehre— die eigne und die seines Hauses — als den Nerv seines Lebens empfindet, wird in dem Schicksal seiner Kinder getroffen. Auf den Sohn lenkt sich der Verdacht dcS Diebstahls, und die Tochter hat dem Drängen eines Liebhabers nicht widerstehen können. Mit namenloser Angst fühlt sie ei» neues, junges Leben in ihrem Schoß sich bilden und bewegen. Sic war der Liebling des Vaters, und sie weiß, daß. wenn die Schande offenbar wird, er, dessen Kraft schon durch den Gram über die Schande des Sohnes ins Mark getroffen ist, den Schlag nicht überleben wird. Einmal bereits ist ihm der Argwohn aufgestiegen, und da hat er, zitternd in Erregung und furchtbaren Grimm, gcschivorcn, wenn er das je erleben sollte, dann griffe er zum Messer, um ihr Platz zu machen. Dies grausige Bild verläßt sie nicht, sie weiß, der Vater ist der Mann, mit seinem Worte Ernst zu machen. Er oder sie— einer muß sterben. Nur indem sie sich selbst den Tod giebt, kann sie das Geheimnis vor ihm und vor der Welt bewahren. Und in ausivcg- loser Verziveislung, durch die entsetzliche Drohung des eigenen Valcrs gelrieben, vollbringt sie das grausige Opfer. So in seinen allgemeinsten Zügen betrachtet, ist der von Hebbel hier entrollte kkonflikt von einfacher und erschütternder Tragik. Aber die Wucht des Grundgedankens geht in der konkreten Aus- gestaltung der seltsam verästelten Handlung dann zu einem großen Teil verloren. Das Mädchen, dessen Kindesliebe eines solchen Opfers fähig war, soll sich— diese Annahme mutct der Dichter uns zu— einem ungeliebten Manne, einem elenden Schurken hin- gegeben haben, und zwar gerade in einem Augenblicke, Ivo in ihr die alte Liebe zu einem Jugcndgespieleil init neuer Kraft erivacht war. Ihr Fehltritt war nicht eine That sich aufbäumender Leiden- schaft, sondern ein ans plötzlicher Vertvirrnug aufsteigendes, völlig passives Gelvährenlasscn, an welchem das Herz keinen Anteil hatte, eine Art bösen Zufalls, der mit dem Wesen des Charakters, wie ihn der Dichter cntivickelt, gar nicht in einen inneren organischen Zusammenhang zu bringen ist. Man wird den Eindruck des Konsirnierten hier nicht los. Hebbel brauchte die Vor- aussctzung, weil nach dem Plane des Stückes der Verführer und Bräutigam des Mädchens ein erzgemeiner und berechnender Schuft sein mußte, dein dann im letzten Augenblick ei» edler Bewerber, eben ieiier Jugcndgeliebte, strafend gegenüber treten sollte. Ershat durch diese Figuren im Stücke selbst einen beivegtercn und spannenderen Wechsel der Situationen erzielt, aber doch auch nur auf Kosten innerer, organischer Geschlossenheit. Die schleichende Canaille Leonhard und der Rächer, der im letzten Augenblick erscheinende idealistisch-kühne Sekretär können uns— wenigstens ist das der Eindruck, den der Leser erhält— cbensoweuig von ihrer inneren Naturwahrheit über- zeugen, als der Fehltritt Maria Magdalenas. Die Aufführung im Deutscheu Thcater war ein Wunderwcrk. Nicht nur, daß sie das Große in dem Draina zu kraftvollster Wirkung herausarbeitete, auch das, lvas sonst uns heute als tot und kalt in dem Stücke anmutet, vermochte sie>vie mit warmem Lebens- blute zu erfüllen. Die bilderreiche Sprache, die beim Lesen vielfach so geschraubt, so zäh und dickflüssig erscheint, sie klang in der minutiös durchgeführten Beseelung, die ihr die Schauspieler gaben, leicht und frei, oft wie der natürlichste Ausdruck innersten Einpfindens. Im Banne dieser Wiedergabe, die den geheimsten Intentionen des Dichters nachging, ja sie aus Eignem merkwürdig ergänzte und vertiefte, erschien alles groß und bedeutsam; die Macht des unmittelbaren Eindrucks schlug siegreich alle sonstigen Be« denken nieder.— Dieser Maria Magdalena, die Irene Driesch spielte, konnte man sogarjenen in d�r Dichtung so ganz und gar nichtmotivierteu verhängnisvollen Fehltritt glauben; so sehr hatte sie den Zug des Hilflos- Rührenden, des liebenslvii'rdig Schwachen, und einer leisen, halb un- bewußten Shntlirälcit in ihrem Spiele teitiefi. Und wie wußte sie, überall in den Grenze» überzeugendster Natürlichkeit verblcibeud, die ganze furchtbare Tragik ihres Fraueuschictsals in Ton und Bewegung zu enthüllen; wie verstand sie, selbst wen» der Körper unter den Schmerzen des verborgenen neuen Lebens sich wand, die sanfte, schlichte Anmut, ans weiche der Ton der Rolle gestimmt war, zn bc- wahren! Ebenbürtig stand ihr Herr R i t t n e r als Meist crAnton gegenüber. Er hatte den harten Fanatiker der bürgerliche» Ehre ins menschlich< Mildere abgewandelt. Durch das rauhe Acnßere schaute überall ein zartes und eben darum so besonders schmerzhaft reizbares Gefühl hin- durch. Das Straffe und Gewallsame trat mehr, als Ivohl der Dichter gewollt hätte, hinter dem Sympathisch-Rnhrenden zurück. Aber nicht zum Schaden. Man konnte ihn lieben, den Alten I Und darum glaubte man auch Magdalena, daß ihre Scelcnqnalen nicht sowohl ans blinder Furcht vor einem finstern Tyrannen, sondern zn tiefst aus ihrer kindlichen Liebe herauswuchsen. Auch die Nebenrollen waren trefflich besetzt. Hans Fischer und Otto S o ni m e r s- t o r f f gaben den beiden Liebhabern, was ihnen überhaupt gegeben" werden kam». Es war ei» künstlerischer Ehrentag des deutschen Theaters. Conrad Schmidt. Kleines Fcuillekon. th. Ein Junge. Fritzchen heißt er und zehn Jahre ist er alt; ein kleines Kerlchen, aber frisch und voller Kraft. Kein vermickertcr Großstadtjnuge! seine Augen blitzen und seine Backen sind voll und rot. Das macht der Wald, der dicht vor seiner Thüre wächst, das macht der Wind, der von der Miiggel kommt, Wasscrwind ist es, der pfeift um die Ohren und macht die Seele froh und den Leib gesund. Unten am Bahnhof sah ich ihn da? erste Mal. Wenn die Züge aus Berliit ankonimen, stehen da viel solche Jungens; sie stehen und passen auf die Leute mit den großen Paketen, und haben sie so einen anfgeslöbcrt, drängen sie sich alle um ihn henim und strecken ihre Hände ans: „Terf ick Ihnen tragen helfen? Jeden Se't mir l Ach ick bin ja ville jrößer! Jeden Se't mir doch!" Und es kriegt auch jeder immer sein Teil, aber Fritzche» wird zurückgeschnbst, Fritzche» ist viel zu klein. Das verdirbt ihm jedoch die Laune nicht. Er kommt immer wieder, zn jedem Nachmittagsznge ist er da, denkt ivahrschcinlich: mal wird doch schoir etwas für dich abfallen. Gestern kriegte er mich an:„Sie, haben Se denn»lischt zn tragen? Jeden Se mir doch'n Paket, ick bring's Ihnen zu Hanse for eenen Sechser. Ihnen alleine is ja das alles zn schiver." Es war eigentlich nichts zu schwer, aber Fritzchens große Blau- äugen jummeltcn; er hatte schon drei Züge abgewartet und nichts bekommen. Sei's also! Er bekam das Buch. Zu Haufe fand sich, daß iiock etwas einzuholen war, und Fritzchcn sprang. Schließlich gab es dann eine Tasse Kaffee und eine Bntterschrippe,— und zwei blanke Nickel fielen anch noch ab. Fritzche»» saß au» Ofen und kaute mit vollen Backen, der ganze Bengel ivar ein Vergnügen. Zlvei Groschen, ein Ricseiigeschäft! „Was machst Du denn mit dem Geld, Fritzchen? Kansst Du Dir Schokolade dafür?" „Ach ncc!"— er war ordentlich empört—„dett leg' ick in meine Sparkasse." .Soo? da ist wohl schon sehr viel drin?" „Ecne jaiize Mark," sagte er stolz,„und denn noch fnfzig Pfennige, aber wenn die von heute znkoimneu, sind es siebzig Pfennige." „Das kaiinst Du Dir so schnell ausrechne»?" „Och na: ztvanzig und fufzig—" er ist ganz und gar verletzte Würde—„und in Rechnen Hab ick immer jut." „DaS ist ja nett von Dir Fritzchen, und das ganze Geld hast Du Dir ans der Bahn verdient? Hat wohl Mutter doch mal'» Sechser zugelegt,»vas?" „Nee! Die hat»lischt I" Er schüttelte den Kopf.„Aber auf die Bahiie is»ich viel. Da nehme»» sc immer de Jrvßcn, und wen» nial wat is, denn jeden se»lischt. Und die feinen Damcns ans de Villen jeden man knapp'n Sechser." Er war gesprächig geworden:„Aber Sonntags jch ick an'»» See, wo de Boote liegen nnd helfe se abbinden und ranziehn, wenn se nach Haus kommen, nnd dafor jicbt mir der Schiffer immer fuszehn Pfennige, und manchmal jcben»nir die Fräuleins anch noch'»» Sechser, wenn ick se helfe aussteigen, und besonders, wenil's'n Liebespaar is, ick jch iminer zu de Liebespaare." „Die kennst Du ivohl schon ganz genau raus?" „O ja," er biß in seine Schrippe,„dett sind intiner die, die Dollhcitcn machen, und je döller se sind, desto eher jebcir de Frälileiiis'n Sechser, und wenn Eis is, nnd»mm schiiallt ihnen Schlittschuh an, dann jeden se och'n Jroschen." „Also Schlittschuh anschnallen gehst Du auch, Fritzche»?" „Ja, aber ick kann man bloß nich," er wurde ordentlich betrübt, „weil»vir doch Schule haben bis Biere und dann ist'S dufter nnd'S looft keener mehr— aber Sonntags hell' ick denn iunner." «Fritzchen, Fritzche»», da mußt D»l ja bald reich werden. Jch komme zu Dir und pumpe Dich an." Er lachte, der Gedanke machte ihm offenbar Spaß.„Aber da- vor jch' ich denn abends nach's Strandhotcl nnd helfe de Gläser aus'»»» Saal holen, und in de Küche trock'ne ich ab, nnd denn jiebt mir die Köchin'n Teller Braten und manchinal krieg' ich auch noch 'n Sechser zn." „Aber der Braten ist das Beste, tvaZ?" „Nee, der Sechser; aber der Braten is fein und de Wirtin derf'S nich»Visse»», denn schimpft sc." „Möchtest Du denn nicht aber lieber spielen gehen?" „Nee, Geld will ick haben", er sagte es sehr bestimmt, dann richtete er sich lebhaft auf:„Sie, derf ick Ihnen morjcn tvieder was einholen?" „Kannst ja mal nachfragen kommen, Fritzchen." „An ja!" Er klatschte in die Hände.„Haben Se schon Ihr Holz für'n Winter da? Für unse Wirtin hol ick Holz von'n Zimmerplatz, da jiebt's ville mehr»vie beim Kohlenhändler, da jiebt's für drei JroschenS'n janzen Kinderwagen voll, darf ick Ihnen nich anch was herfahren?" „Fritzchcn, Fritzchcn.»vas bist Du geldgierig! Ja, Du darfst mir auch Holz einfahren, bekommst einen ganzen Nickel dafür, aber sag' mal, was machst Du mit all' Deinen Reichtümern, willst Du sparen, bis hundert Mark zusammen sind?" „Nee," er schüttelte energisch den Kopf,„aber'n Dahlcr will ich haben." „Und dann kansst Du Dir Pfefferkuchen?" „Nee, so wat ja nich. Mutter sagt: zivee Mark nimmt se zn for Stiebels. Aber denn krieg ick ooch janze feine, sone mit Stulpen,»vie se de Jungens aus de rote Villa tragen, und Mutter kooft se alt in Berlin, da jiebt's se billig, nnd»ilit neue Sohlen. Aber mit dein,»vas über is, kann ick mäche»», Ivat ick lvill." „So? Und was wirst Du dann»vollen?" Er sah etwas zaghaft zu mir herüber:„Mutter sagt, ivat muß ick von haben,»vcil ick doch for gearbeitet habe, und ob ick mir nich'ne war>ne Mütze koofen»vili, so eine mit Ohrenklappen—" „Das wäre doch auch sehr fein, Fritzchcn!" „Ja, ja", er ist ganz kleinlaut geivordei».„Und ich möcht' eS auch, aber eigentlich möcht' ich auch»nal»nit der Bahne fahren,'n janzen Vormittag innner hin und her nach Berlin." „Fritzchcn, ich glaube, die Mütze möchtest Du lieber—* „Ja, det möcht' ich schon, aber, aber— det andre möcht' ich auch mal gerne, nnd in die zlvcete Klasse müßt' es sein und auf 'ne Bänke von rotem Sammt." Seine Augen leuchten auf. „Sie, glanbcn Se nich, daß det furchtbar fein wäre, auf so'ne Bänke von rotem Saunnt?"— c. Ein konsequenter Ratnralist. In Paris hat man sich in diesen Tagen wieder viel mit Guy de Maupassant beschäftigt, anläßlich des Erfolges, den seine dramatisierte„Dvette" im Vaudeville gehabt hat. Aus der Jugend des Dichters wird bei dieser Gelegenheit eine Anekdote erzählt, die bei allen strengen An- Hänger»» des Naturalismus Beachtung zu finden verdient. Flanbert forderte seinen Schüler unaufhörlich auf, nur nach der Natur zu arbeite»», wie er selbst zn thiin mit größter Konsequenz bemüht war. Eines Tages behauptete der Meister, daßes, weniimandieSensationen und Em- pfinduiigeii, die durch einen Fußtritt— Ivo, braucht nicht erst gesagt zu Iverden— hervorgerufen»vürden, kennen lernen wollte, das beste »väre, eine Person, die eben das Opfer einer solchen Behandlung ge- worden wäre, genau auszuforschen. Maupassant nahin sich den Rat seines Lehrers zu Herzen, ging hinaus auf das Feld von Bautcleux und richtete an einen jungen Burschen die Frage:„Willst Du Dir einen Frank verdienen?"„Aber natürlich, mein Herr."„Run, so dreh Dich>»»>, ich will Dir einen Fußtritt geben, aber ohne Dir allzusehr »vehe zu thnn; alsdann»virst Du mir genau beschreiben, was Du dabei einpfnnden hast." Beide wurden handelseinig, und die Operation ging vor sich. Aber der Vater des jungen Bauern hatte durch eine Hecke die Scene mit angesehc», er eilte herbei, mit einer Heu- gabel belvaffnet, und versetzte dem wissensdurstigcn jungen Dichter einige wohlgezielte Püffe. Angesichts dieses väterlichen Zornes- ausbruchs verzichtete der Dichter darauf, die Impressionen deS Sohnes kennen zu lernen und nahm schleunigst ReißauS.„Nun, hast Du etivaS ausgerichtet?" fragte ihn Flanbert, als er ihn wiedersah.„Ja, dnrwanS genug." Als Maupassant darauf sein Abenteuer erzählte, mußte Flaubert Thräncn lachen, und er erzählte die Geschichte allen seinen Freunden. Uebrigens liebte Maupassant sein ganzes Leben lang körperliche Gewalttourei». Sein Mitarbeiter, der Dichter Jacques Normand, veröffentlichte vor kurzem einen merkivürdigci» Brief, den Maupassant Ivcnige Monate vor seinem Tode an ihn gerichtet hat.„Ich fühle mich sehr ivohl," schrieb der Dichter darin;„beunruhigeil Sie sich nicht ineinetwegen. Heute habe ich gerade auf meinem Dreirad das Haus Voltaircs'in Fcrucy besucht; hin und zurück von Divonne nach Ferney, 28 Kilometer in zwei Stunden zehn Minuten, alle Wagen bei auf- und absteigenden Wegen überholend. Bei der Rückkehr habe ich mich in diesen Fischteich, die Divonne, gestürzt, die so kalt ist, daß»vir nur drei oder vier von Dreihnndcrt es wagen. Jch»nachc einen Kopfsprung in das Loch, von Ivo diese eisige und heftige Flut auS« tritt. Das Wasser hat hier 5 Grad. Die Douche des Morgens hat 0 Grad. Es sind die ersten Douchen der Welt, da kein Wasser an diese Kälte heranreicht, die immer, Winter wie Sommer, gleich ist. Es ist ein wahres Phänomen. Jch bin hier wie ein Fisch in das Wasser, in sein Wasser gekomnien, und ich bin sicher, daß eine Saison, alljährlich in diesem Eiswasser verbracht, mich noch lange flott halte» wird. Auch das eisige Wasser, die Diwime, war indessen nicht im stände, Maupassant zu heilen.— ' Hygienisches. — Hygiene des T h a l s p c r r e n w a s s e r s. Die Frage, ob das Wasser der Thalsperrcn von dem Verdarbt frei sein kann, gelegentlich Äraukheiten. Infektionen zu veranlasse», ist angesichts der grogen Zahl dieser schon fertiggestellten und im Bau befindlichen Bauwerke von größerer Bedeutung. Einige halten das Wasser schon für gefährlich deshalb, weil es Oberflächenwasser ist, in das die Krankheitserreger leicht hinein- geraten können. Dieser Gefahr sucht man dadurch zu begegne», daß mau darauf sieht, die Stauweihcr in möglichst wenig bewohnten Gegenden zu erbaue», und das Niederschlagsgebiet' nicht der landwirtschaftlichen Kultur dienen zu lassen, vielmehr möglichst aufzuforsten. Soweit Wiesen und Acckcr vorhanden sind, strebt man dahin, sie anzukaufen oder die Eigentümer durch Vertrag zu künst- sicher Düngung derselben zu verpflichten. Verunreinigte Zuflüsse, die man nicht von den Staubecken ganz ableiten kann, unterzieht man einer Reinigung auf dcnr einen oder ander» Wege. Es ist vor- geschlagen ivorden, überhaupt alle den Staubecken zuströnienden Bäche vorher durch Ricselung zu reinigen. Von der Kostspieligkeit dieses Verfahrens abgesehen, ist die Durchführung schon nach jedem starken Regen unmöglich. D>e Fragen, ob das Thalspcrrenwafser Krankheileu veranlassen könnte, und ob es als appetitlich zu bc- zeichnen ist, behandelt Prof. Kruse im„Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege". Er kommt dabei zu dem Ergebnis, die erster« Frage im allgemeinen zu bejahen, den» loci», auch z. B. auf den llhs Quadratkilometer Ricdcrschlagsgcbict der Solinger Thalsperre etwa 100V Menschen wohnen, so geschieht doch die Reinigung des Bachwasscrs von Bazillen durch die Scdimenticrnng, Absetzung, und besonders durch das Absterben infolge von Nabrungsniangel, Luft- und Lichtcinflnß. Alle, besonders die kraukheiterrcgenden Mikro- organisme», sterbe» mit der Zeit in reinem Wasser ab; die Typhus- und Cholerabacillen z. B. behalten ihre Lebensfähigkeit einige Wochen und der Aufenthalt des Wassers in de» Staubecken beträgt, da man dafür sorgt, daß keine Zuflüsse in der Nähe der Sperrmauer münden, in der Regel mehrere Monate. Der Bakteriengehalt des Rcinschcidcr Thatsperrenlvassers betrug tväbrend einer achtmonatlichen Be- obachtungszeit von Juli bis Februar 1901 durchschnittlich nur 35 Keime in dem Kubikcentimeter. Allerdings zeigten die vierzehn Tage nach Beginn der Schneeschmelze entnommenen Proben des Wassers 3000 Keime, die sich nach acht Tagen auf die Hülste, nach sechs Wochen auf die normale Zahl vermindert halte. Bezüglich der Appctitlichkcit� gelangen die Untersuchungen Kruses zu folgenden Ergebnissen. Das Oberflächcnwasser, das den Thal- sperren zuströmt, erleidet in den Staubecken Veränderungen. die es zu einem unverdächtigen Ecmtßmittel machen. Es befreit sich darin von seinen Bakterien, klärt sich von ficspendicrtcn Bestandteilen n»d erfährt einen Ausgleich seiner Temperatur. Die Selbstreinigung des Wassers im Stanweiher kann bei Hochwasser Störungen nnterliegen, die um so weniger ins Gc- wicht fallen, je bedeutender die absolute Größe und Tiefe des Staubeckens, je günstiger das Verhältnis des Bcckcninhalts zu der Menge des zu- und abfließenden Wassers, je weiter die Mündnngs- stellen der Zuflüsse von der Sperrmauer entfernt sind. Es ist im übrigen Aufgabe des Technikers. Einrichtungen z» treffen, um den Wafserkörper der Sperre vor plötzlichen Erschnlternngcn zu betvahre». Wenn die Stanweiher flach sind, wenn sie unreine Zuflüsse empfangen nnd der Beckcnboden vor der Fiillung nicht gründlich von allen organischen Resten gesäubert ivorden ist, kann das Wasser innerhalb der Sperre zu gewissen Jahreszeiten unappetitliche Eigenschaften an- itchtnen. Es bleibt dann meist nichts übrig, als das Thalsperren- wasser durch Rieselnng oder Sandfiltration zu schönen. Die Frage, ?b Grundwasser oder Thalsperrenwasier für die Versorgung einer Stadt vorzuziehen ist, läßt sich nur im einzelnen Fall beantworten. Unzweifelhaft ist aber das Wasser gut angelegter und betriebener £halsperrcn dem Wasser vieler Grmidwasseriverke durchaus gleich- mstelleu.— Aus dem Tierleben. en. DerGeruchderSchmettcrlinge. Ein amerikanischer Naturforscher hat kürzlich beachtcnsiverte Versuche mir Schmetterlingen vorgenommen, uin die Frage zu entscheiden, ob diese Insekte» mehr durch den Geruch oder mehr durch das Gesicht in der Ansübnng ihrer Lebensgewohnheiten geleitet iverden. Er verschaffte sich über 400 Puppen einer in den nördlichen Vereinigten Staaten häufigen Schmetterlingsart sLallosamia prometlrea). und brachte sie bis nach Florida, das mehrere hundert Kilometer südlicher gelegen ist, als das natürliche Verbreitungsgebiet des Schmetterlings reicht. Nachdem die Schmetterlinge die Puppe verlassen hatten, machte der Forscher Beobachtungen über die Art, wie die Männchen von den Weibchen angezogen lverden. Wenn er die Weibchen in Kästen mit durchsichtigen Wänden, aber mit luftdichtem Verschluß hielt, Ivurden sie von den Männchen nicht aufgefunden. Andrerseits versammelten sich die Männchen in Mengen icin die Käste», lveiin diese mit undurchsichtigen. aber luftdurchlässigen Wänden versehe» lvarcn. Diese beiden Thatsachen scheinen zn beweisen, daß das Auge den Schmetterlingen nur in geringem Grade zum Führer wird, während sie vermutlich für einen von den Weibchen ausgehenden Genich Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. äußerst empfindlich sind. Die männlichen Schmetterlinge fanden die Weibchen sogar dann auf, wenn der Raun» außerdem mit Däinpfen von Schwefel oder Mcrcapian erfüllt wurde. Wahrscheinlich sind die Fühler gleichzeitig die Sitze der Gcruchscmpfindung, ivenigstcns gelang den männlichen Schmetterlingen die Aliffiudung der Weibchen nicht, tvenu diese Organe mit einein klebrigen Belag verschen und dadurch in einen Znstand der Erstarrung versetzt wurden. Die von den weiblichen Schinctterlingen ausgeübte An- ziehnng ändert sich mit dein Alter. Die erst vor einigen Stunden aus- geschlüpften Weibchen wissen die Männchen»och nicht so stark an sich zu fesseln, wie die um 2— 3 Tage älteren. Andrerseits nimmt die an- ziehende Kraft nach einmaliger B efruchtung ab. Daß der Gesichtssinn in der That nur eine sehr geringe Rolle bei der Paarimg der Schmetterlinge spielt, wurde noch durch weitere Versuche bestätigt. Wenn dem mäiiulichen Schmetterling die Augen verdeckt wurden, so fand er deu-� Weg zum Weibchen trotzdem ohne jede Verzögerung. Der Bcobachlcr griff sogar zu dem grausamen Mittel, einem Weibchen die lebhaft gefärbten Flügel abzuschneiden nnd durch die dunklen mianschnlichcn Flügel des Männchens zu ersetzen, indem er letztere an dem Insekten- körper künstlich befestigte. Die männlichen Schmetterlinge ließen sich durch dicscn Betrug nicht täuschen und erkannten das Weibchen sofort heraus. Andrerseits zeigte ei» Weibchen keinerlei Befremden, tvcnn sich ein Männchen zu ihm gesellte, das künstlich mit den Flügeln eines i�eiblicheii Schmetterlings ausgestattet war. Bekanntlich sind in den letzten Jahren von verschiedenen Insekten- forscher» sorgfältige und langwierige Versuche auch darüber-äuge- stellt worden, ov die Schinetterlinge durch die Farben oder durch den Geruch zu den Bliitciikclchc» gezogen Iverden, und die Beob- achtungen des mnerikaliischeii Forschers scheinen darauf hinzudeuten, daß auch in der Beziehung zwischen den Blüten nnd den Insekten der Geruchssinn stärker wirkt als das Auge.— Humoriftnlsieö. — Boshaft. A.:„Der Doktor will gestern zwei Reh- k ä l b e r geschossen haben!" B.:„Na, die Rehe hat er aber mindestens dazngelogen I" — Zu s p ät.„Sie. Meister Metzger, was ist das bei Ihnen für eine Schweine-Wirtsckmst! Heut haben Sic mir ganz v c r- dorbcnes Fleisch geschickt. Ganz ungenießbar!" „Das muß halt-in Versehen sein. Schicken's nur zurück; ich geb' Ihnen dafür frisches!" „Jetzt ist's zu spät; jetzt haben meine Gäste schon alles verzehrt!"— — A n g c n e h m e A u s s i ch t. Patient:„Ich möchte mir einen Zahn ziehen lassen, das Geld kriegen Sie aber erst diesen N a ch n> i t t a g." Barbier:„So lang' dauert's auch!"— („Lust. Bl.") Notizen. — Die deutsche Ausgabe von E n g ö n e B r i c>l x' Drama„D i e rote Robe"(Berlin, Harmonic-Vcrlag) ist bereits in dritter Auflage erschienen.— — Teuere Büchel'. Bei der Versteigerung einer Privat-' sammlimg bei Bangs n. Co. in New Uork erzielte nach der„Frnnkf. Zeitung" die erste Ausgabe von Goethes„Faicst"(1808) mit dem Einband des.Herausgebers 140 Dollar. Galileis„Dialogi"(1632) mit einem Stich von Della Bella 41. das alte Testament von Kobnrgcr in Nürnberg(1483) mit Holzschnitten, gebunden in Schweinsleder 35, und der„Landprediger von Wakcsteld", Salis- bury(1706), gebunden von cinein der besten Buchbinder seiner Zeit, F. Bedford, 400 Dollar.— — Das Dresdener Obcr-Verwaltimgsgcricht erkannte in der An- fechtmigstlage des Thcaterdirektors Kurz gegen das behördliche Auf- führungsverbot von Hauptmanns„Weber" durch die Kreis- haiiptniannschaft Leipzig auf Anfhebinig de? Verbots und Freigabe des bisher in Sachsen verbotenen Stückes in den von Kurz angebotenen A b ä n d e r» n g e».— —„Der P a st o r s s oh N", ein»cnes Schauspiel von Ferdinand Bonn, geht noch in diesem Jahre im Reue» Theater in Sccne.— — Hans P f i tz n e r s Musikdrama„Die Rose vom Liebesg arten" gelangt am 9. November in Elberfeld zur ersten Aufführung. Der Komponist wird seine Komposition persönlich dirigieren.— — Auf Anordnung des bayrischen Kiiltnsnnnisterinms wurden 30 Gemälde nnd eine Bronzestatne von der dies- jährigen Internationalen Kunswusstellnng zu München vom bayrischen Staate aiigekanft.— — Das reine Gift. W. Rath hat die Leitimg des „Lyrischen Theaters" in München aufgegeben, um sich jjnch Wiederherstellung seiner„durch diese allerschwierigste und allerniigesundeste „Bernfsart" angegriffenen Gesundheit„ernsthafterer Produktion" hinzugeben.— Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.