Mnterhaltungsblatt Nr. 220. Sonntag, den 10. November. 1901 (Nachdruck verboten.) ß] artjctfu. Roman von Stet Harte. Zu Zeiten ließ dem Lehrer die absolute Frucht- losigkeit von Onkel Bens Bemühungen das wirklich schwere Amt Ruperts in dem rechten Lichte er- scheinen. That er das in Wahrheit aus reinem Wissens- durst? Das ließ sich nicht vereinbaren mit allem, was Jndianerbrunn von seinem bisherigen Leben und Thun wußte; er war ein einfacher Goldgräber ohne Wissenschaft- liche oder technische Kenntnisse: seine oberflächliche Bekannt- schaft mit dem Rechnen und die Krähenfüße, welche seinen Namenszug vorstellen sollten, waren für seinen Bedarf mehr als ausreichend. Mit diesen letzteren Handzeichen schien er sich übrigens ganz besondere Mühe zu geben. Eines Nach- mittags glaubte der Lehrer bei der anscheinenden Frucht- losigkeit seiner Bemühungen verbessernd eingreifen zu müssen. „Wenn Sie sich Mühe geben wollten, Ihre Buchstaben mehr nach der Vorschrift zu machen, wäre es besser. Ihr Naincnszug ist gut genug so, wie er ist." „Aber er sieht nicht richtig aus, Herr Ford," entgegnete Onkel Ben und betrachtete mißtrauisch seine Arbeit; es fehlt 'was dran." „Nicht doch. Da steht ja D A B N E I— nicht besonders deutlich zwar, aber es sind doch alle Buchstaben da." „Das ist's ja eben, Herr Ford, es sind nicht alle da. Ich schreib' immer D A B N E A. um Zeit und Tint' zu sparen, aber es sollt' heißen D A U B I G N I," buchstabierte Onkel Ben mit sorgfältiger Deutlichkeit. „Aber das schreibt man d'Aubigny I" „Ganz recht." „Und das ist Ihr Name?" „Ich denk', ja." Voll Zweifel betrachtete der Lehrer Onkel Ben. War das eine fixe Idee von ihm?„War Ihr Vater Franzose?" fragte er schließlich. Onkel Ben brauchte Zeit, um sich auf die Nationalität seines Vaters zu besinnen.„Nein." „Oder Ihr Großvater?" „Ich denk', nein. Wenigstens weiß ich nichts davon." „War Ihr Vater oder Großvater Boyageur') oder Trapper oder Kanadier?" „Sie waren aus Pike Counft in Missouri." Immer noch zweifelnd schaute der Lehrer auf Onkel Ben. „Aber Sie nennen sich Dabney; was veranlaßt Sie zu der Annahme, daß Sie eigentlich d'Aubigich heißen?" „So ist der Name immer in den Briefen von der Ve- Hörde an mich geschrieben. Halt'mal. Ich kann's Ihnen zeigen." Eifrig befühlte er seine Taschen; schließlich brachte er eine alte Börse zum Vorschein, entnahm derselben ein zer- knittcrtes Briefcouvert, strich es sorgfältig glatt und verglich es mit seinen Schriftzügen. „Sehen Sie da. Es ist richtig— d'Aubigny." Der Lehrer war unschlüssig. Schließlich war es keines- ivegs unmöglich. Er entsann sich mehrfacher Fälle von solchen Namensänderungen unter den kalifornischen Einwanderern. Doch konnte er nicht umhin, zu sagen:„Dann dachten Sie wohl, d'Aubigny wäre besser als Dabney?" „Halten S i e ihn für besser?" „Frauen würden es wohl thun. Ihre Frau würde gewiß lieber Frau d'Aubigny als Dabney heißen." Die Anspielung traf; Onkel Ben errötete plötzlich bis hinter die Ohren. „Daran dacht' ich nicht." meinte er hastig.„Ich hatte 'ne andre Idee. Ich meinte, wenn man sich was kauft und mit Geld herunihautiert, ist es besser, wenn man seinen Namen auf dem Schild stehen hat, wenn er sich gut ausnimmt, nicht? Wenn ich'mal Land oder Grubenaktien kaufe, ja— dann müßt's doch von Rechts wegen auf den Namen dÄubiguy geschehen." Mit einer gewissen verächtlichen Ungeduld hörte Herr Ford zu. Es war schlimm genug für Onkel Ben, daß er Bedeutet hier: kanadischer Bootsmann. über seinen ersten Unterricht erfundene Geschichten erzählt hatte, aber daß er nun um einer kindischen Eitelkeit willen sich als den Besitzer eines Vermögens ausgab, war ebenso kläglich wie abgeschmackt. Es war kein Zweifel, daß er be- züglich seiner Schulkenntnisse gelogen hatte; kaum an- zunehmen war, daß er wirklich d'Aubigny hieß, und aus alledem folgte— selbst abgesehen davon, daß er als arm bekannt war— daß er abermals lüge. Wie die meisten logischen Denker vergaß Herr Ford, daß der Mensch auch unlogisch und folgewidrig handeln kann, ohne unaufrichtig zu sein. Wortlos wandte er sich ab, als wolle er nichts mehr davon hören. „In den nächsten Tagen," fuhr Onkel Ben hartnäckig fort, „werd' ich Ihnen was erzählen." „Lassen Sie das jetzt und arbeiten Sie," sagte der Lehrer scharf. „Na ja," murinelte Onkel Ben und wurde wieder rot. Er ergriff von neuem die Feder und nahm seine alte Stellung ein. Doch schon nach wenigen Augenblicken wurde es offenbar, daß des Lehrers kurze Zurechtweisung oder seine eignen Gedanken ihni keine Ruhe ließen. Geräuschvoll reinigte er seine Feder, wobei er. um besser sehen zu können, ans Fenster ging und pfiff mit unterdrückter Fröhlichkeit vor sich hin. Dann ließ er sogar leises Singen hören, wobei er gelegentlich nach dem Lehrer blickte, welcher an seinem Pulte saß und ihn gänzlich unbeachtet ließ. Nun erhob er sich, nahm vorsichtig seine Bücher zusammen, stapelte sie neben Herrn Fords unbeweg- lichem Ellenbogen auf einander und verfügte sich mit vor- sichtigen Schritten zu dem Nagel, an welchem sein Hut und Rock hingen. Als er im Begriff war, sie anzulegen, fiel es ihm plötzlich ein, daß das in der Schule unschicklich sei. und so nahm er sie denn auf dem Arm mit hinaus. Mit den Worten:„Ich habe rein vergessen, daß ich noch jemand sprechen wollte. Na, denn auf morgen!" schritt er leise pfeifend ins Freie. Tiefe Waldesstille lag über der Schule. Sie schien einsam und leer. Etwas wie Gewissensbiffe machten sich bei dem Lehrer geltend. Allein er entsann sich, daß Onkel Ben ohne Widerrede und wie einen Scherz viel schärfere Zurecht- Weisungen von Rupert Filgen hingenommen hatte, und daß er selbst aus einem Gefühl der Pflicht gegen den Mann ge- handelt habe. Doch das Bewußtsein der Pflicht, einem Menschen Uebles ztifiigen zu müssen, der sich selbst etwas auf- gebürdet hat, bringt nicht immer Befriedigung. Herr Ford fühlte sich unbehaglich und zürnte der unschuldigen Ursache dieser Stimmung. Warum sollte sich Onkel Ben gekränkt fühlen, weil er es einfach ablehnte, seinen ungeschickten Aufschneidereien Gehör zu schenken? Das kam davon, daß er es einmal gethan hatte I In Zukunft sollte ihm daS eine Lehre fein. Dennoch stand er auf uud trat in die Thür. Die Gestalt Onkel Bens war zwischen den Blättern nur noch undeutlich zu erkennen. die Bewegung der Schultern aber zeigte, daß er immer noch vorsichttg einherschntt, als sei der Boden unsicher und gefährlich. Während die Stille noch anhielt, begann der Lehrer mechanisch Tische und Bänke zu überschauen, um vergessene oder zerstreute Sachen aufzuheben und die Bücher der Kinder zurechtzulegen. Ein paar Blumen, welche die verliebte Oktavia Dean gepflückt, zierlich mit einem schwarzen Faden umwunden und wie gewöhnlich in Ruperts Tintenfaß gesteckt hatte, lagen noch am Boden, wohin sie der hochmütige Adonis mit der immer gleichen Regelmäßigkeit geschleudert hatte. Indem er eine auf dem Boden liegende Tafel aufhob, bemerkte er auf deren Rückseite eine Zeichnung. Sofort erkannte Herr Ford in ihr das Werk des jungen Karikaturzeichners Hans Filgen. Breit in der Behandlung, klar in der Absicht und frei im Detail— stellte sie Onkel Ben dar. wie er, auf dem Boden liegend, ein Buch in der Hand hielt und sich von Rupert Fügen tyrannisieren ließ, während Cressy Mc Kinstry, mit einem Doppelgesicht dargestellt, dem zuschaute. Mit kühnem Realismus hatte er jedem seinen Namen auf die Beine ge- schrieben— die wohl in dieser Absicht etwas ver- größert erschienen— so daß an der Identität nicht zu zweifeln war. Ebenso kühn, aber nicht minder effektvoll tvar die Unterhaltung zwischen zwei Personen zur Dar- stelluug gebracht, indem jeder ein Ballon an den Mund ge- heftet war. auf detn die Worte standen:„Ich lüb' Dich" und „I na nu." Ter Lehrer war einen Moment lang erstaunt über diesen unerwarteten graphischen Beleg dafür, daß Onkel Bens Schul- bestich nicht nur bekannt war, sondern auch gedeutet wurde. Die kleinen Augen der jugendlichen Beobachter waren schärfer gewesen als seine eignen. Ungeachtet seiner Vorsicht war er wieder plump hintergangen worden. Die Liebe, wenn auch mit undeutlichem Antlitz, war wieder dreist in die friedliche Schule eingedrungen und unangenehme Verwicklungen auf unsönulichen Beinen hefteten sich an ihre Fersen. V. Während dieses einfache ländliche Leben die Schule in der Lichtung zum Mittelpunkt hatte und nur gelegentlich durch einen Pistolenschuß von den Grenzen der Harrisons und Mc 5tinstrys her unterbrochen wurde, war über den mehr dem Geschäft obliegenden Teil von Jndianerbrunn eine jener unter- uchmungSvollen Perioden hereingebrochen, welche allen kali- fornischen Goldgräber-Niederlassungen eigentümlich sind. Die Eröffnung der Gurekci grübe und die Erweiterung der Post- Verbindung von Big Bluff waren Ereignisse von nicht geringer Bedeutung und wurden an demselben Tage gefeiert. Diese Doppclscier wurde selbst dem Redefluß des Rcdactcnrs des „Stern" zu viel und nötigte ihn, die schwierige Arbeit, über die Postverbindung einen Leitartikel zu schreiben, den Händen des ehrenwerten Deputierten Adner Drau anzuvertrauen. Der Umstand, daß der ehrenwerte Herr Dean in seinen früheren Kämpfen ein Auge eingebüßt hatte, hinderte ihn nicht, in die dunkle Zukunft zu schauen und mit seinem einzigen unbewaffneten Auge genug zu entdecken, um damit drei Spalten des„Stern" zu füllen.„Es ist nicht zu viel gesagt," bemerkte er mit reizender Bescheidenheit,„daß Jndianerbrunn durch sein eignes, vorzüglich organfficrtcs Besörderungswescn, den Zusammen- fluß seines Stromes mit dem Sacramento und dessen Ausfluß in das unendliche Stille Meer selbst nnt den fernsten Märkten der Antipoden in direkte Verbindung gebracht ist. lFvrtsetzung folgt.) SonntKgsplAudrrei« Bei ineincr Rückfahrt von Wien las ich die Telegrannuc über dle� fast unerwartet große» Sicgc der Berliner und Charlottenburger Soeiaidcmokrotic über den Äoiuinunalfreipun. und die er- srculiche Botschaft verstärkte in nur die Anschauung, daß es sich zwar über die Maßen gut acht Tage in Wien leben läßi. daß es aber doch schließlich für einen ndrdläudischen Murrkopf am besten ist, lue«» er reuig wieder iu die an grniigsaincr Heiterkeit unfruchtbaren Gefilde der Mark hennlehrt. Ii, Berlin hat der Socialismus dein Liberalismus den Garaus gemacht.? er lebt nur»och als Asylist des Privilegieii-Wahlrechts, aber freilich auch in dieser traurige» Verfassung verfügt er»och über die ausschlaggebende Macht und uennag das freie Spiel der Hausbefitzer und Altiaigesellichasten triumphieren zu lassen. Dennoch ist der moralische Einfluß der Socinldcmokratie in der Komnnme der Reichsdo upistadt fest und unbesieglich gegründet und»irmmid kann sich ihm ganz entziehen, zumal die Socinldemokratie nicht mir gegen das freisinnige Manchestertnm. sondern auch gegen den Atisokritismus den Willen des Proletariats darstellt. Auch in Wie» ist der. Liberalismus überwunden, ja ausgerottet. Jedoch abgelöst bat ihn nicht dos befreiende Weltbürgertum des zu semer geschichtlichen Mission reif gcivordeuen Proletariats, sondern jenes cughirnige, unwissend« Äleinbürgcrluni des Kramladens und der Küchcnmadäme. das sich vor dem nnvenueidlichcii Untergang durch Schimpfworte inid Faiistschläge zu rclien sticht. Der rcichshanptstädtische LiberalisnuiS ist zwar mit allen Lastern behaftet, er ist kurzsichtig, feig und habgierig, aber er hat doch ein gewisses Maß von IiUclligcnz und Bildung, er ist auch nnicrhalb der Grenzen seines dürre» Mancheftertmns arbcits- fähig und er ist wenigstens im stände, der technischen Eilt- wiäiuiig eüwr modernen Weltstadt«uuigcrmoßen gerecht zu werde». Das Klenibürgertuui. das im Wiener Rathaus umimfchränkt herrscht, ist ganz und gar urteilsloS und unfähig. Es ist überhaupt nur ei» Chönis. der seiueur Vorsänger, dem allmächtigen König Wiens, dem edlen Kart Luegrr mißstimnng nachplärrt.� S'm hat nicht nur eine kleinbürgerliche Sonianmolherrschaft. sondern es ist auch als Millionenftadt dcS 20. Jahrhunderts eine kleiabriigerliche Stadt geblieben. Ken, größerer Gegensatz ist denkbar als zw-ichen Berlin uiid Wien. Dort der üppige Eniporkönimliug. der nicht rasch und protzig genug seinen hastig erworbenen Reichtum zur Schon stellen kann. dem keine historische Pietät eine empstiid- same Rücksicht auferlegt, dessen unbändiger Thätigkcits- drang sich im lleberladenen und Ucberhasteten mistobt. Wien dagegen ist noch iunner die Stadt der bescheiden-behaglichen Bürgerlichkeil, tn der ei» Staimmrd trotz aller chnstlich-socialcn Bcr- blödung auch heute nicht als Frenidllng aus entlegenen Zeiten er« scheinen würde. Ein- und zweistöckige Hänser mit schlichten Iveißgrauen Fassaden sind vorherrschend. Der moderne Prunkbau aus Eisen und Spiegel- scheiden taucht erst vereinzelt aus. Die Wohnungen des wenig be« mittelten Kleinbürgertums sind schmucklos, dunkel und eng: in wenigen Räumen drängt sich die Familie zusammen. Die Miets- preise find dabei selbst gegen Berliner Verhältnisse außerordentlich hoch, während die Erwerbsperhältnisse schlechter sind. Man nimmt die Wohnungsnot als ein rmabwendbares Schicksal hin, über das man raisonniert, das zu ändern aber natürlich die christlick-sociale Herrschaft nicht gewillt ist. Auch die wohlhabenderen Schichten be» gnügen sich mit wenigen Wohnräumen, deren Ausstattung von patrizischer Einfachheit ist und von moderner Kunst und Dekoration wenig oder nichts weiß. Das Warenhauswesen steckt in den ersten Anfängen. Der kleine Zwischenbändler haust überall in seinen engen Läden. Der kapitalistische Fortschritt in dein Warenvertrieb ist kaum bemerkbar. Der Zwergbetrieb mit seiner Deccntralisation und seinem kllmmer- lichcn ängstlichen Erwerb versorgt fast ausschließlich die Bedürfnisse der Wiener Einwohncrschaft. Aus der unübersehbaren Zahl der Kaffeehäuser, in denen sich das öffentliche Leben WienS abspielt, heben sich nur ganz wenige durch eine» mäßigen Prunk hervor. Die große Mehrzahl ist bescheiden ausgestattet und wirkt mehr durch Behaglichkeit als durch Glanz. Nicht anders steht es mit den Restmirationeii. Zwischen neu» und zehn Uhr veröden selbst die Hauptverkehrsstraßen. Die zehn Kreuzer— das.Sechserl"— die der Hausmeister nach zehn Uhr für die Orffmmg der Thore Hess cht, bewirken einen soliden Lebens- Wandel. Nach Mitternacht sterben auch die Kaffeehäuser aus. und wenn zähe Bimnnler oder Fremde, deren Wiffensdurst das Wiener Nachtlebeu zu ergründen bemüht ist, bis zwei Uhr nachts von den Marmvrtffchen nicht weiche», dann wird die Beleuchtung energisch vermindert, der Boden mit feuchtem Kaffecgrund— dem hier beliebten Rciuigungsnriltel— bestreut und die nachtwandelnden Gäste sacht und höflich hinausgekehrt. Kleinbürgerlich sind auch die VerkehrSverhältniffe. Neben den Fiakern, denen das Gesetz der festen Taxe ein Greuel ist und die lieber auf dem Wege jedesmaliger besonderer Vercinbanmg das Fahrgeld gewinnen, findet sich eine Stadtbahn, die ein wenig im Verborgene» blüht, und ganz neuerdings die elektrische Straßenbahn, die aber bei weitem nicht der Aufgabe genügt, daß jeder Wiener von jedem Punkte der Stadt in ein paar Minuten ein Verkehrsmittel erreiche» kann. Das Zu-Fnß-Gehen ist angesichts dieser Verhältnisse immer noch sehr beliebt und führt schließlich noch am raschesten zum Ziel. Ein paar Oimiibuslinien zeichneu sich durch Billigkeit aus. Die innere Stadt wehrt sich bisher gegen jedes durchquerende Schiencngeleise. Um den Ring, an dem sich die herrlichsten öffent- lichcn Gebäude der Welt— eine wahre Straße der steinernen Schönheit— drängen, trotten in langsamem Schritt von»rüden Gänlcii gezogene uralte Pscrdebahnwagen, deren Benntzung nur sec- festen Leuten anzuraten ist. Uebrigrus ist die Straßenbahn zwar städtischer Besitz, aber a« eine Privatgesellschaft verpachtet. Merkwürdig ist es, daß das vordem so beliebte Radfahren in und um Wien fast ganz aufgehört hat. Das Automobil ist nock eine große Seltenheit. Aber ans den Landstraßen des Novclpraters sausen i» geschwindesten, Laufe die gimmiirädngen Equipagen des Adels und der hohen Finanz dahin, und die schlanken, feurigen, vornehme» Pferde stürmen so leicht vorwärts, als wäre die Last der Wagen nicht vorhanden. »« » Alle christlich-sociale Frömmigkeit und Tugend bat die Wiener Staubplagc nicht zu deseitiaeu vermocht. Karl Lueger teilt sich mit dem Stand in ,die Herrschast Wiens, da? das Paradies für Schwind- suchts-Bazillen alter Art sei» muß. Der Staub wirbelt aus den Gassen, er dringt ein m die Wohnungen, uud auch in den öffent- lichcn Gebäuden, den, ReichSrat, de» schimmernden Marino rpälästen des Bnrgthraters und der Hofoper, de» Museen ist die trockene Luft voll beizende» Standes;»ach kurzen« Verweilen beginnt der HalS zu schmerzen mrd verlangt nach spülenden Flüssigkeiten. Die Art, wie man des S taubes sich zu ciittcdigcn trachtet, ist charakteristisch für die kommunale Thätigkeit des Kleinbürgertums. Ich benrerlte zwei gleich sinnreiche Methode». Die eine beruht ans cincii, sahrcnden Wassersaß. die zweite auf einer Gießkanne. Das Wassersaß, das von einem Pferd gezogen wird, hat hinten in der AnZflußöffninig einen Gunmiiichlauch. der wie ein Elcfautcnrüffcl aussrcht. Hinler dem Faß schreitet im- ermüdlich ein Mann, der das Ende des Rüssels abwechselnd nach links und rechts schivingt, so daß das aus dem Schlauch fließende Wasser einen zarten Trapfensall über die ganze Breite der Fahr- straßc ergießt: die sonderbare Operanon ist nugenscheiiilich der gcist- lichcn Handluug des WeihwafferipritzenS nachgeahmt, und sie ent- fcrut cbenso wenig den Staub, wie daö Weihwasser etwa den Körper wäscht. Für den Wiener Mittelstand ist die Masch!»: Tcnfelslvcrk und der Handbetricb gottgefällig. Es ist also zn oermuten, daß noch für lange Zeit der Mann mit dem Elefantenrüssel in den Kampf gegen den Staub geschickt wird. Noch einfacher und für die H e b n n g deö SiaubcS zweckmäßiger ist die Methode der Gießkanne. In diesem Fall geht ei» dcdäanigec Mann die Straßc mit einer Kanne entlang, aus der er in Zwischen- räumen von je einem Meter einen Tropscn des köstlichen Nasses oer- - 87 spritzt. Hinterher stürzt eine Schnr beherzter Männer, die mit kühn fegenden Reisigbesen den anmutig betauten Staub gen Himmel schleudert; eine Herde von tausend Schasen, die aus trockener Chaussee wallt, kann keine gröbere Wirkung hervorbringen, mid alle Echwiudsuchtsbazillen schmunzeln. In dem gewaltig wirkenden gotischen Bau des Rathauses sitzen die Leute, die mit Elefantenrüsseln. Gießkannen und Reisigbesen die Kommunalpolitik des Staubaufwirbelns treiben. Wien leidet nicht an höfischer oder ministerieller Bevormundung. Es ist eine freie, selbständige Republik, deren Entfaltung keine äußeren Schranken gesetzt sind. Aber innerhalb der Republik herrscht der klerikal verdummte Absolutismus. Niemals hat eine Regierung unnnischränkter geherrscht als Herr Lncgcr, der in diesen Tagen Ehrenbürger Wiens ward, als der schöne Karl, aus den die begehrlichen Augen aller frommen Frauen und Jungfrauen gerichtet sind. Als Oberbürgermeister ist er zu- gleich Vorsitzender der Stadtverordneten-Veriammlung. die ihrerseits einen Ausschuß wählt, den, die Geschäfte des Magistrats ovliege». Im Luegerschen Parlament ist die regierende Majorität fast identisch mit der Körperschaft selbst. Zwei Socialdemokraten und ein paar Wilde bilden die ganze Opposition. Es gehört sehr viel Mut und Opferwilligkeit dazu, in der Horde des christlich-socialcn Kleinbürgersums Opposition zu treiben. Denn Herr Lueger winkt und die Mehrheit ist zu jeder Schandlhat bereit. In den Gcmeinderats- Sitzungen beherrscht Herr Lueger die Scene von Anfang bis zu Ende. Er füllt die ganze Sitzung durch seine Monologe ans, seine Leute begnügen sich mit de», Abstimmen und den, Beschiinpfc» der vereinsamten Minderheit. Lueger diktiert völlig uunbhängig»ach eigner Willkür Wien seine kommunalen Daseinsbediugungeu. Lueger hat die hinreißende Schönheit eines eleganten Konfeklionärs. Seine körperliche Herrlichkeit ist heute freilich krankhaft gedunsen, sein wohl krisierter Kopf ergraut, seine Auge» sind müde und erschöpft— ein im Niedergang begriffener Lcbecommis, der sich zufällig nicht damit begnügt, zugängliche Weiber zu beherrschen, sondern einem maßlosen politischen Strebertum ftöhnt. Wenn dieser gewissenlose, geistig völlig rohe Mensch mit dem süßen, sentimentale» Schmelz seiner wienerisch gefärbten Stimme, voll würdcreicher Größe in de», Bürgermeistersessel stehend, den Gemeinderatsmitgliedern erzählt, was sie gutzuheißen haben. so flieht man, vom Ekel ergriffen, den schönen Saal, der von den mißgeborenen Dummköpfen, Narren und Bculepolitikcrn des christlich- socialen KlcinbürgertnmL zu einem pathologische» Musen», umgestaltet wird. Kein Parlament auf Erden hat so viel widerwärtige Fratzen, so viel unheilbares Jdiotcnlu», wie daS Wiener Rathaus, und einen Bürger- meister, der so ganz Bauch ist. wie dieser Vicebnrgcnneister Wiens, Strohbach, findet auch nicht seines gleichen. Indessen, es knistert bereits tröstlich in der christlich-socialci, Burg Wiens. Die Socialdemokratie klopft gebieterisch an die Thore, und über kurz oder lang muß auch hier die Erlöscrkraft des Prolc- tarials das Lucrgersche Elend verdrängen.— Joe. Kleinos �eurllokon» ie. Das Parfüm im Altertum. Die Kenntnis und die Bc- Nutzung von Parfüms war schon im Altertum allgemein, vielleicht sogar allgemeiner als heute. Die älteste Litterntnr der Menschheit überhaupt enthält bereits häufige Veziehnngeii auf Ivohlriechende Oelc und Spczcrcicn, die zur Parftüuicrmvfl des Körpers und der Wohnräume gebraucht wurden, und sogar ans einer Zeit jenseits des Beginnes der Litteralur sind uns Sagen überliefert, die von dem verschwenderischen Gebrauch kostbarer, ivohlriechendcr Stoffe bei jeder festlichen Gelegenheit berichtet,. Die griechischen Sagen verlegen den Urspning des Parfiiins in die Toilette der Benus, und Rezepte wohlriechender Essenzen wurden, auf Marmor- tafeln geschrieben, in den Tempeln der Gottheit aufgehängt. Der große Markt für alle Arten von' Parfüms war Aegypten. Dort vcr- schönertrn sich die Frauen durch den Gebrauch von Essenzen, und der Empfang von Gästen fand in Räumen statt, die der Wohlgernch von überallhin verstreuten Blumen durchzog. Sogar die Toren wurden nicht vergessen, denn die einbalsamierten Mmnieu wurden mit Parfüms und Spezereien getränkt, und süßes Räuchcrwerk wurde vor ihren Statuen verbrannt. Wer zur Erfüllung solcher Bräuche z» arm war. malte wenigstens die Bilder von Riechfläschchen auf die Gräber. Die Alten legten gewissen Parfüms einen medizinischen Wert bei. Plinius erwähnt 85 Arzneien, die von der Rautcnpflanze gewonnen iverde» können, 32 von der Rose, 41 von der Minze, 21 von der Lilie und 17 vom Veilchen. Thymian galt als anregendes Mittel, Lavendel als beruhigend. Patchouli ist anreizend, Jasmin schmeichelnd, Heliotrop aufregend. wem, es nicht in sehr kleinen Mengen benutzt wird. Sandelholz wird noch heute vielfach für ein tonisches Mittel gehalten, und seine Vorzüge ivaren den alten Griechen wohlbekannt. die sich mit einer den Riechstoff des Sandelholzes enthaltenden Salbe zu den olympischen Spielen salbte». Die Vor- liebe der falten Inden für Wohlgcrüche war so groß, daß sie morgens und abends süßes Räuchcrwerk von Myrrhen verbrannten und ihre Betten»lit Aloe und Zimmt parfümierten. Für eine Brauttoilcite wurde» Parfüms für so unerläßlich gehalten, daß 9 ein Zwölftel der ganzen Aussteuer für ihren Ankauf bcstlimnt wurde. Der berühmte Balsam von Gilead wurde aus einer buschartigen Pflanze destilliert, die srüher die Berge von Gilead bedeckte. Neuerdings ist jedoch der Strauch so selten geworden, daß mir noch der Sultan mit den, kostbaren Balsam versorgt werden kann. Der Handel mit Parfüms war auch bei den Griechen enorm. Gleich den Aegypten, hatten sie eine Leidenschaft für den Wohlgeruch von Blüte», und ein Athener parfümierte nicht nur sein Haus, sondern sogar seine Trinkgefäße mit Myrrhen, dem Gummisaft eines in Arabien wachsenden Baumes. Die Liebhabereien für Wohlgerüche wurden soweit gc- trieben, daß man für jeden Körperteil eine besondere Salbe aus- wählte, für das Haar süßen Majoran, für Hals und Knie wilden Thymian. für Wange» und Brust Palmenöl und süße Salbe» für Füße und Schenkel. In der That waren die Parsümerieläden in Athen das Rendez-vous aller Elegants, wo Politik und Stadtklatsch verhandelt wurden. Aus Griechenland ging die Schätzung des Parfüms auf das römische Reich über, und bald wurden die römischen Parfümerien so begehrt, daß die Besitzer ihre Läden durch ausgehängte Salbeibüschcl schon von außen kenntlich machten. Es ist bekannt, daß eine römische Daine der Kaiserzett eine besondere Sklavin nur zur Parfümierung ihres Haares haben mußte.— — Zwei vulkanische Hanvtlinicn der Vifcl, eine westliche und eine östliche, auf denen zahlreiche Vulkanberge, sowohl Vulkan- kuppen als auch echte Kraierberge und Maare, geordnet sind, charakterisieren dieses Gebirge. Manche Bulkanberge liegen auch auf Querlinicn. H. K e r p giebt hiervon eine Schilderung im 10. Baude der Monographien zur Erdkunde„Am Rhein"(Bielefeld und Leipzig. Vclhageu'u. Klasiugs. Die westliche vulkanische Hanptlinie deginnt bei Bertrich in der Nähe der Mosel init der Falkenlei. Sie streicht in nordnordivestlichcr Richtung über Daun und Hillesheim und eudet erst in der Schneifel, wo noch der Goldbcrg liegt. Zwei wichtige vulkanische Onerlinien auf dieser Hauptlinie find die von Mander- scheid und Gerolsteiu-Birresborn. Als die höchste Kuppe ragt dort der 700 Meter hohe Ernstberg auf. Sehr zahlreich treffen wir die inerk- würdigen Kraterseen, in der Eise! Maare genannt, an. Mau hält sie für Vulkane, die ftiih zur Ruhe gekommen sind, ehe ihnen die Lava entquoll, die sich bei andren Vulkane» entweder zur Kuppe aufwölbte, wenn sie in der Ascheubülle stecken blieb, oder sich als ein Lavastrom hinabwälzte in die Thäler. ehe sie völlig erstarrte. Sehr verschieden ist das Bild der Maare. Das Pulvermaar bei Gillenfeld ist von hohen Kraterwänden, die mit schönen Buchen bewachsen sind, umgeben. Lieblich blinkt uns der See- spiegel aus dem Grün der Landschaft entgegen. Ein völlig andres Bild zeigt das Weinfelder Maar. Kein Leben, kein Pflanzcnschmnck, kein Laut! Todesruhe! In der Nähe von Dann, wo das Wein- selber Maar liegt, treffen wir»och das Schalkenn, chrencr nnd Gcmündener Maar an. Von andren bekannte» Maare» im west- lichen Vnlkangebiele der Eifel sei noch das Maarfeldcr Maar bei Manderscheid genannt. Einige von ihnen, wie das Pulver-, Wein- felder und Gemündener Maar, habe» keinen, wenigstens keinen ficht- baren, Zu- und Abfluß. Auf den gleichen Ursprung wie die Maare führt man auch zahlreiche Kessclthäler der Eifel zurück. In der östlicbcn vulkanischen Hauptlinie bildet den Hanpthcrd der vulkanischen Thätigkeit der Laacher See. Au seiner Stelle be- fand sich einst ein riesiger Kraterschlund. Etwa 40 Lavaströme nahmen von ihm ihren Ausgang. Ungefähr ebenso groß ist die Zahl der Bulkanberge, die in der Umgegend dcS Laacher Sees liegen.— Mustk. Friedrich-Wilhelm städtisches Theater. Die Be- strcbmige» der musikalischen Theater Berlins, von. Vorrätigen und leicht Zugängliche» zu zehren und dafür wenn möglich große Be- zeichnungc» anzuwenden, nehmen allerlei Formen an Eine besonders rührende Großartigkeit war der sogenannte„Lortzing- Cyklus" des Königlichen Opernhauses. Entschieden mehr verspricht der jetzt beginueude„O s f e>, b a ch- C y k l„ s" in de», Theater unsres Nordens. Hier sollen eben auch»icht-landläufige Stücke ihre Auf- erstehung feiern. Ein besonderes Risiko, eine große Fortschrittsthat hat jedoch damit jenes Theater nun gerade nicht aus sich geuominen. Jacques Offenbach, der parisicrte Kölner Synngogcnkantors-Sohn, liegt weder den Jahreszahlen nach(er würde jetzt erst 82 Jahre alt sein. U'cmi er nicht vor 21 Jahren gestorben wäre), noch der Qualität seines Schaffens»ach weit hinter uns. Dieses Schnffcn— so eine Art symmetrischer Umkehrung des Melle, becrschen Schaffens nach unten— ist so recht darauf aus, den, schwerfälligeren Teil unsrer Alltngsmeuschheit eine leichtflüssige und leichtgefällige (zum Teil auch leichtfüßige) Unterhaltung zu biete». Die Pariser Pastete, ibäckcrin samt Man» und ihre Verwandten in andern Städten finden dabei vortrefflich ihre Rechnung: luftige Bühnenfabeln mit gehemmten Braut- nnd Ehegeschichten und jener zum natürlichen Leben kontrastierenden Pikanterie, die, um sich treu zu bleiben, über ihre Halbheiten nicht hinausgehen darf; ein Verleugnen des Dramas zu Gllnften des Leicrliedes, ohne doch wirklich lyrisch zu werden; eine Musik, reich an Gefälligem, Geschicktem, zum Teil selbst Künstlerischem, ohne jemals dorthin zu dringen, wo wahr- hafte Kunstanfgaben beginnen würden; über alles der Schleier einer schwer ivieder erreichten Grazie gebreitet: so haben sich diese Werke, uuerschüttert durch Besseres nnd Schlechteres, bis heute erhalten. Ja»och mehr: sie hoben, und zwar pornchmlich die frühesten von ihnen, etwas in sich, daß sie zum Ausgang einer etivaigen neuen Entwicklung machen kann. Sie zielen, wie gesagt, nach einer scheinbaren Lyrik hin. die eine wirkliche vortäuscht. Sie deuten auf die Möglichkeit hin, eine wirkliche Bühnenlyrik zu schaffen, und sie haben ein gut Teil der Mittel zu einer solchen geschaffen. Dast ein Drama nicht nur Thaten und Geschehnisse, sondern auch Zustände und Dispositionen, speciell Stimmungen, geben kann, dieses dunkle Gefühl existiert seit langem. Es steckt hinter den Offcnbachungen der„Bonikss Parisiens" und dieses oder jenes „Tbeatro lyrique"; es steckt hinter den versuchten Offenbarungen unsrer„Lebenden Lieder". Dem neuen Anlauf, den diese jetzt zu nehmen scheinen, kann in besagtem Sinne mit Interesse ein- gegengesehen und den Vertretern dieser erhofften Znkiinst recht sehr geraten werden, sich den Offcnbach wieder einmal und gründlich anzusehen, soivohl ivegcn des Positiven, das in ihm steckt, wie auch wegen seines Negative». Seit Offenbach kurz nach der Mitte des 19.' Jahrhunderts mit„ F o r t u n i o s Lied"(damals als Einlage zu einem Stück von Milsset gebracht) seinen ersten Bühnenerfolg fand, ja selbst seit seinen Erfolgen der 60er und 70er Jahre ist man ja in musikalischen und dichterischen Ansdrncksmitteln weit genug vorgeschritten, dah ihre Anwendung auf das, was Offenbach zu wollen schien, eine gar fruchtbare Sache Iverden kann. Das Fricdrich-Wilhelmstädtische Theater ist nun kein Kunst- tempel, der das Zeug hätte, die Spuren von Lyrik bei jenem Operettenkomponisten in neuer Weise herauszuarbeiten. Für Musteranffnhrungen wäre freilich auch er noch zu entdecke»; vielleicht verbleibt diese Aufgabe für die Zeit, da ans den„Lebenden Liedern" ein„Lyrisches Leben" geworden sein wird. Man hat dann vielleicht auch aus dem Reichtum der heutigen Bestrebungen»ach einem deutschen Knnstgesang so viel getvonnen, daß besser gesungen tvird, als es in jenem Theater durchschnittlich geschieht. Einstweilen seien die Anregungen des ersten Abends im Cyklus dankend quittiert. Dem Fortuniolied folgten zivei andre Einakter(an denen Offenbach überhaupt reich ist):. F r i tz ch e n und Lieschen" und jene„Dorothea", deren Hervorholung vor einem Jahr in einerMatinee der„Berliner Presse" als ein glücklicherGriff bezeichnet werden konnte. In der Titelrolle dieses Stückchens ist Hansi Reichsberg(soweit man einem Erinnerungsvergleich trauen kann) noch um einen künstlerischen Betrag vorwärtsgeschritten. Nenne» ivir unter den übrigen Mitwirkenden A n n a C a l i c e, die zwei wichtige Rollen gut spielte, so mag es für eine kurze Andeutung genug sein.— Erziehung und Unterricht. — Schule u n d Psychiatrie. Vor Vertretern des„All- gemeinen deutschen Vereins für Sckmlgesnndheitspflege" machte der Leipziger Psychiater, Professor Flechsig, in der letzten Leipziger Vertretersitznng interessante Mitteilungen über wichtige aus der Entwicklungsgeschichte des Gehirns für die Pädagogik sich ergebende Gesichtspunkte. Um einer Erinüdung des kindlichen Gehirns vorzubeugen, die auf rein mechanischein Wege, durch die Anhäufung der Stoffwechsel- Produkte auf der grauen Hirnhaut erfolgend, eine innere Vergiftung des Gehirns herbeiführe, sei in allererster Linie eine harmonische Aus- bildung des Geistes von der Schule zu verlangen. Die neuer» Physiologen seien von der Ansicht, dast jede geistige Thätigkeit das Gehirn in seiner Towlität ermüde, daß also auch jeder Teil des Gehirns bei jeder geistigen Thätigkeit mit beteiligt sei, abgekommen und hielten dafür, das; es geistige Thätigkeiten gebe, die nur durch einzelne Teile des Gehirns ausgeübt werden. Es sei zum Beispiel eine Thatsache. das; die Sprache nur durch die linke Hälfte des Gehirns vermittelt werde. Auch das Wortgedächtnis sitze aussckiliestlich in der linken Hirnsphäre, ebenso est, grofeer Teil des Rechnens und das musikalische Gehör. Hierzu komme die Rechtshändigkeit des Menschen, die ihr Willens- centrum gleichfalls in der linken Gehirnhälfte habe. So erscheine diese überbürdet. Nun arbeitet aber, so bald zu Worten, Zahlen, Tönen eine Vorstellung der Phantasie hinzukomme, auch die rechte Hälfte mit. Eine Ueberbürdung werde sicher vermieden, wenn beide Hälfte» gleichmäßig belastet würden. Dies geschehe durch die Be- rücksichtignng mechanischer Arbeit, Handfertigkeit, Spielen, Turne», Wandern usw. Die neuere Wissenschaft teile sogar jedem Sinnes- organ des Mensche» ein besonderes Stück des Gehirns zu, natürlich nicht nach Art der alten Phrenologie. Es würden Centren für die einzelnen Sinne und für die einzelne» Gedächtnisse unterschieden, ivas sehr wichtig für das Ausivendiglernen sei. Eine Grenze dieser Einteilung sei aber dadurch stets gezogen, daß zum Sinn auch die Aufmerksamkeit komme. Diese sei eine Willenseigenschaft und wirke ausgleichend zivischen den verschiedene» Centren. Sie ermatte hauptsächlich und am leichtesten. Gelte das Gesagte vom Intellekt, so sei es eine tveitcre imchtige Aufgabe der Schule, noch mehr aber des Hauses, das Gefühlsleben des Kindes zu fördern, denn ohne Gefühl gebe es keinen rechten Willen.— Astronomisches. bt. Morgen, den 11. November, findet eine S onnen- v e r f i n st e r n n g statt, deren Ende auch in Berlin, morgens um 8 Uhr 5 Minuten, sichtbar sein wird. Es giebt wenige Ereignisse, die so unbeachtet an uns vorübergehen, wie solche gelegentlichen Lerfinsteruiigen der Sonne, namentlich, wenn die Sonne, wie morgen, nur zu einem kleineren Teile verfinstert erscheint; aber selbst vollständige Verfinstennigen regen uns nicht besonders aus. Selbst im rückständigsten Teile Deutschlands, wird die ver- dunkelte Sonne nicht mehr als Vorzeichen großen Unglücks, als Merkmal für den Zorn Gottes angesehen, sondern jedermann ist sich über den Zusammenhang der Erscheinung klar und betrachtet sie demgemäß als natürlich und selbstverständlich:„Der Mond tritt zwischen die Sonne und Erde, und der Schatten des Mondes zieht über die Erde hin", diese einfache Erklärung genügt heute, uns gleich» gültig gegen ein Ereignis zu machen, das früher nur Furcht und Grauen erweckte. Der ungeheuere Fortschritt, welchen die Menschheit in mehreren Jahrtausenden gemacht hat, tritt in solchen Momenten klar zu Tage. So gering auch die Ausbreitung der Erkennwis und des Wissens unter der großen Volksmasse ist,' wenn wir unsre Wünsche als Maßstab anlegen, sie ist geivaltig, Ivenn wir frühere Zeiten zum Vergleich heranziehen, und erfüllt uns mit froher Hoffnung für die Zukunft. In wissenschaftlicher Beziehung bietet die morgige Finsternis ebenfalls kein besonderes Interesse. Der Anblick der verfinsterten Sonne tvird ostwärts von Sizilien, und iveiter in Arabien und Süd- indien ei» sehr schöner sein; denn der Mond befindet sich in seiner Erd- ferne und deshalb bleibt die Spitze des Schattens in einiger Entfernung von der Oberfläche der Erde, so daß keine vollständige Bedeckung der Sonnenscheibe stattfindet, der Mond läßt vielmehr einen schmalen Rand frei, der als goldglänzender Ring erscheint. So prachtvoll dieser merkwürdige und seltene Anblick ist, so wenig bietet er doch dem Forscher, weil der Mechanismus der Erscheinung vollständig erkannt ist. Für die wissenschaftliche Forschung kommen nur noch totale Verfinsterungen der Sonne in Betracht, bei denen der zarte»nd noch immer völlig rätselhafte Lichtschimmer der sogenannte» Corona rings um die dunkle Sonnenscheibe erscheint.— humoristisches. — Gemütlich. Ein Fremder wurde anläßlich einer Sonntags- rauferei beim„Adlerwirt" ans Versehen unschuldig mit hinaus- geworfen und will jetzt dem Wirt einen eingeschriebenen Beschiverde- brief schicken. „Sakradi", sagt der Herr Posthalter,>vie er davon hört,„einen Einschreibbrief I Sakradi! Kost't 23 Pfennig' I... So, so! A' Marli haben S' blos? Legen Sie's nur da her! Sie könne» Ihnen dös, ivas S''rauskriegen, nachher später holen!.. So, und jetzt wann S' so gut wär'n und thät'n den Brief da in d' List'» eintrag'n... Und dann schreiben S' Ihnen gleich den Schein... Gcb'n S' d' Feder her... So, jetzt ivär' er schon unterschrieben auch!.. Jetzt pappen S' mir noch die Wapperlu d'ranf— gut naßmachen fein! ... Und's Einschreibzettcrl!.. So, schön haben Sie's g'macht l ... Und jetzt tragen S' halt den Brief gleich'»über zum„Adler- ivirt"— sicher is sicher I.. B'hüt Ihnen Gott!—— Js dös a' Plag' l Hoffentlich kommt heut' net noch amal so'was Pressant's aus I"— — Vorschlag zur Vereinfachung der Aufschriften in st ä d t i s ch e n Anlagen. Erlaubt ist: Das Atmen, Das Gehen, Das Setzen auf die Bänke, Das Sprechen, Das Schweigen. Alles Andre ist bei 10 M. Strafe oder 8 Tage Haft verboten.—(.Flieg. Bl.') Notizen. — Otto E r n st' S umgearbeitetes Schauspiel„Die größte Sünde" wird am 1. Dezenlber im Lessing-Theater zur Aufführung gelangen.— — Wolzogens nenerbauteSTHeater(Köpnickerftraße) wird am 21. November eröffnet.— — Der Charakterdarsteller Josef Giampietro vom Deutschen Schauspielhause in Hamburg ist für das Neue Theater engagiert worden.— — H e rm a n n Vahrs neues Drama„Der A P o st e l", wurde bei der Erstaufführung am Wiener Burg-Theater abgelehnt.— — Die kgl. Oper veranstaltet voni 20. bis 25. November ein M o z a r t f e st. Außer Mozarts Hauptopern gelangen auch die C-moll-Mefse und mehrere Sinfonie» zum Vortrag.— — Eine öffentliche Generalprobe des 2. Großen sinfonischen Abonneinentskouzertes des Ber- liner Tonkünstler-Orchesters(Dirigent: Richard Strauß) findet am 17. November(mittags 12 Uhr) bei Kroll statt. Der Eintrittspreis ist auf 1 M. festgesetzt.— — Das R e i ch s st i p e n d i» m zum Besuch des Vota« irischen Gartens in Buitenzorg auf Java ist dem Professor Dr. G. Völlens von der Berliner Universität verliehen ivorden. Er ist unter ander», beauftragt. Sämereien der ivichtigsten Nutz- pflanzen des Malahischm Archipels zu beschaffen und diese von Java aus direkt sowohl an die staatliche« Versuchsgärten, wie an sich darum bewerbende Private zu versenden.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.