Unterhaltungsblatl des Horivärts *iz. 221. Dienstag, den 12. November. isoi (Nachdruck verboten.) 10] artjetfu* Roman von Bret Harte. Wenn der Bürger von Jndianerbrunn um neun Uhr vor- mittags die Post besteigt und um zwei Uhr vierzig Minuten Big Bluff erreicht, kommt er am selben Abend mit dem Exprehzug nach Sacramento und trifft mit den Palastdampfern der Dampf- schiffscompagnie zeitig genug in San Franziska ein, um am andern Nachmittag um drei Uhr dreißig Minuten den Postdampfer nach Iokohama zu benützen." Obgleich kein Bürger von Judianerbrunn jemals diese prächtige Ge- legcnheit würde benützen wollen, hatte doch jeder das un- bestimmte Gefühl, daß die Möglichkeit allein schon eine un- schätzbare Wohlthat sei, und selbst der Lehrer, welcher den Artikel durch Rupert Filzen laut vorlesen ließ und Er- läuterungen über die Aussprache der mehrsilbigen Worte daran knüpfte, blieb davon nicht unberührt. Hans Filgen und Jimmy Snyder sahen darin ein wunderbares Etwas, das sie die fernen Inseln mit Gedankenschnelle erreichen ließ, und hörten mit großen Augen aufmerksam zu. Und die Mitteilung, welche der Lehrer schließlich machte, daß das Ereignis durch einen freien Nachmittag ge- feiert werden solle, ließ den Anlaß der einfachen Schule in der Lichtung in demselben prächtigen Lichte erscheinen, wie er in der eleganten Kneipe in der Hauptstraße betrachtet wurde. � Und so kam der wichtige Tag heran mit den beiden neuen Postkutschen aus Big Bluff, welche die besonders ge- ladenen Redner brachte, die bei solchen Gelegenheiten inimcr besonders geladen werden und, seltam genug, nie vor- her die hohe Wichtigkeit und den Vorzug so tief empfunden haben wie gerade diesmal. Dann gab es Böllerschüsse und Blechmusik, eine neue Flagge wurde am Freiheitspfahle gehißt und später folgte die Eröffnung der Grube, wobei ein vornehm aussehender Redner mit durchaus nicht arbeitsmäßigem hohem Hut. schwarzem Frack und weißer Binde, die ihm das Ansehen eines fest- lich gekleideten Totengräbers verliehen, aus der Hand eines anscheinend frohgesiimniten Leidiragenden den Spaten nahm und die ersten Spatenstiche that. Böllerschüsse, Blechmusik und ein Festmahl im Hotel kamen danach. Aber überall— die höchsten Erwaickungen übertreffend— herrschte unbezähmbare Jugend- und Unternehmungslust, jener Geist, der Kalifornien groß gemacht, der tausend solcher Unternehmungen in der Wildnis hervorgerufen und die Unternehmer in den Stand gesetzt hatte, mit guter Laune ihre dürftigen oder fehl- geschlagenen Erfolge zu betrachten, ohne Furcht und Zagen und voll Mut und steter Hoffnung den Blick auf ein neues Feld der Thätigkeit zu richten. Was that's daß Jndianerbrunn die verlassenen und zerstörten Gruben früherer Ansiedler stets vor Augen hatte? Was that's, daß der überschwengliche Lobredner der Eurekagrube erst vor wenigen Jahren ebenso verschwenderische Glücksverheißungen dem fruchtlosen Werke gespendet hatte, welches ihm auf der andren Seite des Flusses gegenüberlag? Die fröhliche Ver- geßlichkeit der Jugend achtete nicht der Warnung oder be- trachtete sie als Scherz. Der Lehrer, eben von seiner kleinen Herde verlassen und durch die Berührung mit ihr sich älter erscheinend, fühlte etwas wie Neid inmitten dieser kaum älteren Enthusiasten. Ganz besonders denkwürdig war der bewegte Tag für Hans Filgen, nicht bloß wegen der köstlichen Leistrmgen der Musilbande, bei denen er zwischen Tronibone und Pauke energisch standhielt, nicht bloß wegen der halb schreckhaften Böllerschüsse und des anregenden Pulvergcruchs, welcher seine kindliche Seele zu unnötigen Freudenrufen veranlaßt hatte, sondern wegen eines besonderen Vorkommnisses, welches seine ohnehin scharfe Beobachtung noch erhöht hatte. Während er auf der Veranda des Eureka- Hotels unverantwortlicherweise allein gelassen war. indes sein"Bruder Rupert voll Ergeben- heit der hübschen Wirtin den Hof machte, indem er sie in ihren Obliegenheiten unterstützte, gab sich Hans allerhand Beob- achtungen hin. Die Rosetten der sechs Pferde, das neue Ge- schirr, die lange Peitsche des Kutschers, seine enormen Leder- Handschuhe und die Art, wie er die Zügel führte, der berückende Duft des glänzend lackierten Wagens, der goldene Knopf an dem Stocke des ehrenwerten Abner Dean, das alles nahm Hans in die geheimen Fächer seines Gedächtnisses aus als gleichgültige Dinge, die er so nebenher in seinen geräumigen Taschen barg. Doch als aus dem zweiten Wagen mit den eigentlichen Passagieren ein junger Mann ausstieg und in der Veranda auf und nieder spazierte, als ginge ihn das alles nichts au, da wußte Hans mit einem Gefühl der Be- friedigung, daß er einen Prinzen gesehen habe. Angethan mit einem weißen Leinenanzug, mit einem Diamantring am Finger, einer goldenen Kette an der Uhr und einem Panamahut mit schwarzem breitem Bande auf dem parfümierten Lockenhaar, war er eine Erscheinung, wie sie Hans glänzender nie gesehen. Er war imposanter und weniger unverständlich als der ehrenwerte Abner Dean, eindrucksvoller als der Lehrer— weit schöner als jedes Bild, das er bis jetzt gesehen hatte. Hätte er ihn im Vorbeigehen gestreist. Hans wäre zusammengefahren: hätte er ihn an- geredet, er wäre stumm geblieben, das wußte er. Nun denke man sich sein Staunen, als er sah, wie Onkel Ben— wirklich Onkel Ben— sich diesem Ausbund von Vollkommenheit näherte, freilich mit einiger Verwirrung, und nach ein paar unverständlichen Worten mit ihm davon schritt! Darf man sich wundern, daß Hans, seineu Bruder, die Pferde und das Festmahl mit seinen etwaigen Abfällen vergessend» uuverzüg- lich folgte? Die beiden Männer bogen in eine Seitenstraße, welche auf einen Platz mündete, der von den Gruben und Furchen früherer Goldgräber durchzogen war. Hans, der zeitweffe hinter diesen Unebenheiten verschwand, hielt sich dicht hinter ihnen, schlenderte, sobald er von ihnen gesehen werden konnte, kreuz und quer hin, wie es kleine Jungen zu thun pflegen. und that so, als wisse er von nichts und suche irgend eüvas auf der Erde. So bald rechts, bald links von ihnen auf- tauchend, folgte ihnen Hans bis an den Rand des Waldes. wo er sich schon mehr in ihrer Nähe halten konnte. Ohne den unbedeutenden kleinen Jungen, der ein paar- mal furchtsam ihren Weg kreuzte, weiter zu beachten, setzten die beiden ihr anscheinend vertrauliches Gespräch fort. Nur die Worte„Aktien" und„Anteile" waren zu verstehen. Hans hatte die Worte während des Tages schon mehrfach ver» nommen, allein er war erstaunt darüber, daß Onkel Ben sich von diesem Prinzen Bescheid erholte, der so ungewöhnlich höflich und zuthunlich war. Doch seine Verwunderung stieg noch, als sie nach einer halbstündigen Wanderung auf dem Grundstück anlangten, welches das Streitobjekt der Harrisons und Mc. Kinstrys bildete. Da ihm besonders eingeschärft worden war, den Platz nie zu betreten, wußte Hans dort natürlich genau Bescheid. Aber was wollte der unbegreif- liche Fremde dort? Brachte ihn Onkel Ben dahin, um den streitenden Parteien mit seinen Vorzügen zu imponieren? War es ein Sheriff, ein junger Richter, oder am Ende der Sohn des Gouverneurs von Kalifornien? Oder war Onkel Ben so dumm, daß er den Platz nicht kannte? Hier bot sich eine günstige Gelegenheit für Hans, sich bemerklich zu machen und sie über die Gefahr aufzuklären, mit der leisen Anspielung darauf, daß er alles genau kenne. Doch leider, als er eben hinter einem Baume seinen Eni- schluß faßte, wandte sich der Fremde um und sagte mit einer Geringschätzung, die ihn trefflich kleidete: „Na, ich würde in dem ganzen Ranch nicht einen Dollar für den Acre geben. Aber wenn Sie durchaus irgend einen Preis zahlen wollen— meinetwegen; das ist ja Ihre Sache." Nach Hansens bereits vorgefaßter Meinung nahm Onkel Ben diese ganz gerechte Verachtung mit gebührender Demut hin, dennoch aber murmelte er etwas„Dummes" dagegen, auf das zu hören Hans nicht der Mühe wert hielt. Sollte er nicht vortreten und dem Prinzen mitteilen, daß er seine Zeit an einen Mann vergeude, der nicht einmal ordentlich buch- stabicren konnte und der bei seinem, Hansens, Bruder schreiben lerne? Der„Prinz" fuhr fort: „Natürlich wissen Sie, daß der angekaufte Vesitztitel für das Land Ihnen noch nicht den wirklichen Besitz sichert. St» werden ebensogut sich mit den Squatters und dem andre» - 882 OoTk herumzubalgen haben. Statt zwei wird es da'ttn drei Parteien geben— weiter nichts." Onkel Bens kindische Antwort interessierte Häns gar nicht. Er hatte nur Ohren für den höheren Intellekt von ihm, und der fuhr fort: „Nun lassen Sie mich Ihren Vorrat sehen. Ich habe nicht viel Zeit, da ich noch andre Geschäfte besorgen muß— und ich denke, Sie wünschen die Sache noch geheim zu halten. Ich begreife nicht, wie Sie das bisher haben thun können. Ist Ihre Grube weit? Sie wohnen dort auch, nicht wahr?" (Fortsetzung folgt.) MakttvmMenfchÄfklicho Mebevstchk. Von Curt Grottewitz. Es ist eine niederdrückende Erscheinung, daß oft»ach wenigen Jahren schon die Wisienschaft das Gegenteil von dem behauptet, was sie ein für allemal als feste und gesicherte Thatsache gewoniien zu haben nieinte. ES giebt ja Forscher genug, die in diesem Wandel der Anschauungen eine erwünschte Abwechselung sehen, die forschen nur um deS Forschens willen und in dem Forschen ihre Hauptbeschäftigung und Hauptunterhaltung sehen. Wer kennt nicht den Ausspruch Lessings, der nicht die Wahrheit, sondern das Suchen nach Wahrheit für das Glück des Menschen hält, und wie viele giebt es, denen nicht das Ziel, sondern die„Bewegung", die Entwicklung alles ist. Gewiß, jeder, der auf irgend einem Gebiete geistig thätig ist, wird einen hohen Genuß an der geistigen Arbeit an und für sich finden. Aber ein Arbeiten, bei dem nicht die Hoffnung auf ein Resultat der Leitstern ist, kann tvohl kaum jemand befriedigen. Oft. gar zu oft wird diese Hoffnung getäuscht. Viele müssen schließlich die Arbeit ihres Lebens als unnütz, als verloren betrachten. Wüßten sie aber im voraus, daß ihre Thätigkeit unnütz ist und forschten sie trotzdem weiter fort, so wären sie'arme Thoren. Es dürfte wohl auch im Ernste niemand geben, der, wenn er die Wahrheit vor sich sähe, nicht sofort nach ihr griffe, wenn er dadurch auch die Freude des Forschens sich verkürzte. Meist sind freilich die Tranben zu sauer, und dann tröstet sich der Mensch damit, daß man irrt, so lange man strebt, oder, daß alles Wissen Stückiverk sei. Ist das aber ein Trost? Die unaugenehme Thatsache bleibt aber bestehen, daß auch die Wissenschaft nicht fest steht, daß auch sie schwankt wie alles andre. Es machen sich viele Zeichen bemerkbar, daß die gesanite Natur- Wissenschaft wieder einmal an einem Punkte angelangt ist. Ivo sie korrigierend, umgestaltend, revolutionierend in die Resultate und Anschauungen der großen LOjährigen Blütezeit eingreift. Die Physik sieht in der Jonenlehre eine neue Erklärung der Wcltkräfte winken, die Chemie gelangt von der Atomistik zur Energetik, die Physiologie sieht,' wie erst neulich auf der Naturforscher Versammlung W. Ostwald betonte, in den Erscheinungen der Enzym Wirkungen einer neuen Blütezeit entgegen, die Biologie kämpft gegen die Thesen Darwins an und nun rauchen auch in der Geologie Strömungen gegen die bisherigen Anschauungen auf. Die Geologie steht noch heute hauptsächlich unter dem Einflüsse Lyells. Nach ihm vollziehen sich alle Veränderungen der Erdoberfläche durch kleine, aber stetig anhaltende Wirkungen. Berg und Thal, die Grenzen von Wasser und Land, die abgelagerten Erdschichten sind durch die tag- liche Arbeit des Wassers und andrer geologischer Faktoren entstanden. Lyell verbannte den Gedanken an Katastrophen vollständig auS der Wissenschaft. Die stüheren Geologen glaubten alle Vorgänge auf der Erde durch plötzlich wirkende gigantische Kräfte entstanden. Vulkanische Mächte hatten die Berge und Gebirge emporgeschleudert, alle Gesteine waren auf einmal als Niederschlag aus einer wässerigen Lösung oder als Produkte gewaltiger vulkanischer Eruptionen entstanden. Seit Lyell glaubte man nicht mehr an plötzliche Unigestaltungen der Erd- oberflache, selbst den Erdbeben schrieb man keine besondere Bedeutung zu. Sah man es doch als erwiesen an,' daß die Bnlkanberge selbst nicht durch einen einmaligen Ausbruch aufgetürmt find, sondern daß sie wie Schutthügel dem wiederholten Aufhäufen eruptiven Materials infolge sehr vieler Ausbrüche ihre Existenz verdanken. Neuerdings erhoben sich Stimmen, welche die alte K.ilastrophenlehre wieder zu Ehren bringen wollen. Gerade bei dem Vulkanismus hat die Kritik der Lyellsch'cn Anschauungen begonnen. Schon Stübel hat durch sehr langjährige Beobachtungen unzweifelhaft nachgewiesen, daß dem Vulkanismus eine weit größere Bedeutung zukommt, als mau ihm bisher einräumen wollte. Sehr wichtige Ergebnisse hat, wie Johannes Walter kürzlich in der„Naturwissenschaftlichen Wochen- schrift"(6. Oktober 1901) anschaulich darlegt, die wissenschaftliche Untersuchung der geologischen Wirkungen geliefert, welche das große indische Erdbeben vom Jahre 1897 im Gefolge hatte. Ohne irgend- welche vorherige Ankündigung erzitterte plötzlich die Erde und etwa IVs Minuten laug bewegte sich der Erdboden in meterhohen Wellen wie ein vom Sturm in Aufregung gebrachtes Meer. In dem ganzen Distrikt Assam, welcher sich über ein Stück des südlichen Himalayas und der bengalischen Tiefebene erstreckt, zerfielen Städte und Dörfer in Trümmer' und Taufende von Menschen verloren hierbei ihr Leben. Geologisch ist es nun äußerst bedeutsam, daß hei diesem furchtbare» Erdstoß die Rücken des dort sehr tief gefalteten Gebirges vollständig von aller Vegetation, vSn den gewaltigen Urwäldern samt der ganzen Berwittenmgserde auf einmal entblößt wurden. Affam ist eines der regenreichsten Gebiete der Erde, infolge dessen ist das Gestein bis sehr tief ins Innere hinein verwittert, die gewaltige. von Waffer und Wärme cmporgetriebene Urwaldvegetation hält jedoch das lockere Material gut zusammen. Allein das Erdbeben schüttelte von allen diesen Berghängen Bäume und Erdreich ab, un- geheure Massen von Schutt und Pflauzenmaterial rollten die steilen Wände hinab und verschütteten die Thäler. Die denkbar größte Ueberschwcmmung hätte nicht den Hundertsien Teil dieser entsetzlichen Wirkung gehabt. Die Berge sind vollständig kahl bis auf das harte Gestein, aus dem sie bestehen. Wie viele Jahrtausende würde daS Wasser dazu gebraucht haben, um die Berge in dieser radikalen Weise abzuwaschen, das Wasser, das für gewöhnlich Sand- korn für Sandkorn, Stein für Stein vom Berge ins Thal trägt! Joh. Walter weist auch darauf hin, daß manche Ablagerungen früherer Erdepochen wahrscheinlich ebenfalls auf die jähe Wirkung von Erdbeben zurückzuführen sind. Bei den, indischen Erdbeben entstanden zahlreiche Spalten und Riffe im Erdreiche, an mehreren Stellen traten sogar sogenannte Verwerfungen auf, das heißt, ein Stück Erdboden wurde weit über das bisherige Niveau emporgehoben, so daß es nun den innigen Zusammenhang mit dem benachbarten Lande verloren hat, gleich wie eine abgetrennte und cmporgestülpte Eisscholle gegenüber' der ge- samten Eisdecke verschoben ist. In allen Gesteinen und Ablagerungen finden wir derartige Schollen und Verwerfungen wieder. Wenn wir irgend einen steilen Felsen betrachten, so können wir sehen, wie sein Gestein von Spalten durchzogen ist. Er macht einigermaßen den Eindruck einer Mauer, die aus kolossalen Stein- blöckcn aufgebaut ist. Diese Zerklüftung des Gesteins ist eine ganz allgemeine Erscheinung. Walthcr meint daher. daß diese überall die Folge von Erdbeben gewesen sei. Denn im Laufe der Erdperioden dürfte an jeder Stelle der Erde einmal ein Erdbeben stattgefunden haben, und ein einziges genügt, um meilcn- weit das Gestein in Klüfte zu zerspalten. Bedeutend seltener, aber immerhin häufig genug, kommen die Verwerfungen vor, bei denen Erdschichten nicht nur zerspalten, sondern die zerspaltenen Teile auch gegen einander vertikal verschoben wurden. Auch horizontale Ver- schicbungen wies daS indische Erdbeben auf, Eisenbahnschienen wurden teils ineinander verbogen, teils weit auseinander gczcrrt. Und auch Erscheinungen solcher Art zeigt das Gestein früherer Erd- epochen ziemlich häufig. Bei der normalen täglichen Wirkung der geologischen Kräfte geht die Erdbildung nur ungeheuer langsam vor sich. Im Unter- lauf selbst schnellfließender Gebirgsflllsse lagert sich in einem Jahre nur eine recht geringfügige Menge von Schutt und Sand ab. Wer aber etwa die Verheerungen gesehen hat, welche die lieber- schwemniungen von 1899 im Riesengebirge und in der sächsischen Schweiz angerichtet haben, wo die ungeheuren Schutwiassen in den Thälern, die breiten, glatt abgescheuerten, von Bäumen entblößten Streifen an den Bergen gesehen hat, der muß zu der Ueberzeugung kommen, daß eine' einzige solche Katastrophe weit mehr erd- umgestaltend wirkt als Jahrhunderte normaler Entwicklung. Nun finden aber in jedem Jahrhundert mindestens eine, oft mehrere solcher Katastrophen statt, und demgemäß wird auch die katastrophale Thätigkeit des Wassers weit größere Endwirkungen hervorbringen als die normale. Die allmähliche Thätigkeit des Wassers ist schon deshalb so wenig wirksam, weil an sie die Vegetation vollständig angepaßt ist. Diese bildet eine ganz vorzügliche Schutzdecke für den darunter liegenden Boden. Selbst in den regenreichsten Gegenden und au den steilsten Abhängen vermag, wie jiiugst die Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft nach einem Vortrage C. Sappers berichtet, das Wasser seine abspülende Wirkung nur sehr wenig zu äußern, da gerade der Urwald, der hier gedeiht, die Kraft des Wassers voll- ständig bricht. C. Sapper, der während 12 Jahre Beobachtungen in Südmexiko und Mittelamerika augestellt hat, macht vor allem auf den etageuartigen Aufbau des Urwaldes aufmerksam, indem die Baumkronen, die auf den Aeste» schmarotzenden Epiphytcn, die Schlingpflanzenregion und das Unterholz den Aufprall des Wassers ab- schwächen, so daß dieses seine ganze Kraft verloren hat, wenn es schließlich von der untersten Etage auf den Boden fällt. Aber die Stärke der uugehcuereir Wassermassen, welche der tropische Gewitterregen herab- sendet, wird auch dadurch bedeutend gemildert, daß die fallende Be- wegung der Tropfen durch die Luftwurzeln und durch die Kletter- pflanzen mit ihrer treppcnartigen Blätterauordnung in eine gleitende umgewandelt wird. Rosetteuärtige Gewächse auf dem Boden sorgen schließlich dafür, daß die Wassermcngen festgehalten werden und sich so nicht zu plötzlich abstürzenden Wasserläufen zusammenfinden können, welche das Erdreich hinwegspülen würden. Selbst an Hängen, die eine Neigung von 70 Grad besitzen, vermag der Urwald den Boden vor Abtragung zu schützen. Dagegen wäscht das Wasser die bereits bestehenden Flußbette immer fieser aus. Es ent« stehen kainieuartige Flußschluchten mit hohen, fast senk- rechten Uferwänden. Bisweilen stürzen diese Wände ein, wenn sie zu hoch werden oder wenn das Wasser sie unterspült. In diesem Fall verändert sich das Ufer sehr schnell, es sind doch also schließlich auch hier die Katastrophen, welche die größten Wirkungen hervorbringen. � Es wäre gewiß nicht richtig, nun alle geologischen Ereignisse, die sich auf der Erde abspielen, auf Katastrophen zurückführen zu wollen. Aber ohne Zweifel haben diese in vielen Fällen eine weit größere Bedeutung als die allmähliche Entlvicklung. Eine Thätigkeit kann ganz im' stillen vor sich gehen und fast gar leine Wirkung haben, bis sie plötzlich auf einen Punkt gerät, wo gewissermaßen eine Explosion statifindet, die nun ans eine» Ruck alles um sich herum verändert. In den Erdschichten finden vielfach chemische Prozesse statt, die keine besondere Be- deutung besitzen, aber bisweilen in ein Stadium kommen, wo sie sich sehr fühlbar machen. Bei der Verwandlung des Holzes in Kohle wird infolge der chemischen Zersetzung Wärme erzeugt. Diese Zersetzung geht nun zwar sehr langsam vor sich, aber schließ- lich gelangt die Erwärmung auf einen Punkt, wo sie plötzli-b eine neue starte Kraft geivorden ist. H. Hoefer hat ein Kohleuflötz in der Nähe von Teplitz in seiner Schrift.Die Wänneverhältnisse ini Kohle führenden Gebirge" sLeoben 1901) zum Gegenstand seiner Beobachtung gemacht. Dasselbe erhöht die Temperatur der sich anschließenden Schichten ganz wesentlich. Man hatte früher die Meinung gehabt, daß diese Gegend durch einen Wasserlanf erwärmt würde, der sich von den Teplitzer Heilquellen hierher abzweigte. Man hatte hierin auch die Ursache dafür sehen wolle», daß im Jahre 1894 die Teplitzer Quellen plötzlich zu versiege» drohten. Allein Hoefer weist nach, daß das Kohleuflötz ei» eigner Wärnicherd sei. Die Wärme mag immerhin sehr bedeutend sein, da die Temperatur beim Eindringen in den Erdboden in der Richtung des Flötzcs sehr rasch steigt. Nun ist allerdings in diesen« Fall das Kohleuflötz zu unbedeutend, als daß seine Wärme, wäre sie auch noch so hoch, sehr bedeutende Erdvcränderungen hervorrufen könnte. Aber man sieht doch auch hieraus, daß selbst bei langsam sich vollziehenden Prozessen mitunter Rebenlvirkimgen eintreten, die von einem gewissen Zeitpunkt au plötzlich thätig sind. Dann hat z. B. das Wasser, das in solch einem Kohleuflötz oder in der Nähe davon vorhanden ist, einen bestimmten Wärmegrad erreicht, so löst es plötzlich Substanzen in dem Gestein, die es noch kurz vorher nicht gelöst hat. Dadurch aber wird plötzlich ein neuer Prozeß zur Zersetzung des Gesteins, also zu einer weittragenden geologischen Veränderimg eingeleitet. Solche Nebenwirkungen mag es nun in Menge geben, aber auch die bereits bekannten und die Erscheinungen bei Erdbeben und bei vulkanischen Vorgängen lassen es sicher er- scheinen, daß die Entlvicklung der Erdoberfläche nicht immer in ruhig verlaufenden Prozessen, sondern bisiveilen in gewaltigen Katastrophen vor sich geht. Und gerade die Katastrophen bringen so große Wer- änderungen hervor, daß sie vielleicht im ganzen ebenso sehr, wenn nicht mehr, an dem Ausbau der Erdoberfläche beteiligt sind.— Kleines Feuilleton» nc. Die Insel LcsboS und die Anfänge der griechische» Lyrik. Die augenblicklich wegen der politischen Vorgänge des Tages vielgenannte Insel Lesbos spielt gegenwärtig nicht zum crstcnmale eine bedeutsame Rolle auf der Weltbühne. Ans der Geschichte der Insel ist besonders bekannt ihr Abfall von Athen im Verlaufe des peloponnesischen Krieges: die Athener wurden des Aufstandcs Herr und faßten dann in der ersten Erbitterung den berüchtigten Volks- versanmilungsbeschlnß, sämliche erwachsenen Einwohner der lcsbischcn Hauptstadt Mytilene hinrichten zu lassen, begnügten sich aber nachträglich mit der Exekution von 1909 Rädelsführern (427 v. Chr.). Diese Vorgänge sind mit allen Einzelheiten vor der Vergessenheit bewahrt worden durch die klassische Darstellung des großen griechischen Geschichtsschreibers Thucydcs, tvürden der Insel aber doch keinen Anspruch geben ans eine besonders hervorragende weltgeschichtliche Stellung. Deren ist sie nur teilhaftig geworden durch ihre große Bedeutung für die Entlvicklung nicht der griechischen Litteratur allein, sondern überhaupt der Weltlittcratnr. Demi ans diesem Eiland hat die Lyrik ihre erste Stätte gehabt: Lesbos hat die ersten großen lyrischen Dichter hervorgebracht, die von Wein, Liebe, Naturleben, Tagesereignissen in kunstvoll gebauten Liedern sangen. Das dabei gebrauchte Begleiiinstrument, die Leier oder Lyra, nach der die ganze Dichtungsart benannt ist, hat von der Hand eines Lesbiers eine wichtige Verbesserung erfahre». In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. wandelte Tcrpander aus Antissa auf Lesbos die bis dahin viersaitige Leier in eine sicbensaitige um, sodaß sie nun eine ganze Oktave umfaßte. Von den Dichtungen Terpanders sind uns nichts geblieben als ein paar einzelne Verse, die sich übrigens nicht sowohl auf dem Gebiet der eigentlichen Lyrik, als der religiösen Hymnendichtung be- wcgten. Kein günstigeres Geschick hat geblüht dem ähnliche Vor- würfe behandelnden Arion aus Methymna auf Lesbos(gegen 699 vor Christi), dessen Person uns wohlbekannt ist durch ein beliebtes Gedicht unsrer eignen Litteratur: „Arion war der Töne Meister. Die Zither lebt in seiner Hand; Damit ergötzt' er alle Geister, Und gern' empfing ihn jedes Land.. Das also anhebende Gedicht von August Wilhelm v. Schlegel schließt sich in seiner Behandlung der Sage, wonach Arion, bei seiner Rückkehr von Italien nach Griechenland von den raubgierigen Schiffern gezwuiigen, sich ins Meer zu stürzen, von einen« inusil- empfänglichen Delphin auf den Rücken genommen und wohlbehalten an Land gebracht tvorden sein soll, an eine Ueberlieferiing beim Vater der Geschichte, Herodot, an. Während also schon zu dessen Zeiten, kaum anderthalb Jahrhunderte nach Arion, die Gestalt des Dichters von Sage» umrankt war. stehen dagegen noch für uns im helle» Licht der Ge- schichie und sind auch, obwohl nur spärliche Reste ihrer Werke er- halten find, in ihrer dichterischen Persönlichkeit erkennbar, die beiden größten Dichtergestalten, die Lesbos hervorgebracht hat. die eigent- lichen Koryphäen der griechische» Lyrik: Alcäus und Sappho. Sie waren beide Kinder der lesbischen Hauptstadt Mytilene, die zu ihrer Zeit, um 699 v. Chr., von den heftigsten inneren Wirren er- füllt war. Nachdem das übermütige Adelsgeschlccht der Penthcliden, die mit dem Knüppel ihr Regiment über die Canaille behauptet hatten, schließlich von der aufsässigen Bevölkerung ausgerottet worden war. hatte sich Myrsilins zum' Tyrannen aufgeschlvungen. Nach dessen Sturz und Ermordung hatte sich Mclanchrus der Alleinherrschaft bemächtigt, der dann aber auch getötet wurde. An der Spitze dieser Revolution hatte Pittacus, namhafter elegischer Dichter und einer von den sieben Weisen Griechenlands, gestanden, der sich bei seinen Mit- bürgern solchen Ansehens und Vertrauens erfreute, daß sie ihn auf zehn Jahre zum Gesetzgeber wählten: er legte nach Erledigung seiner Aufgabe mit seltener Entsagungsfähigkeit die ihm übertragene Macht freiwillig nieder. 1lii..r solchen Verhältnissen war Alcäus groß gc- worden und nahm nach seinem Heranwachsen alsbald mit That und Wort lebhaften Anteil am öffentlichen Leben seiner Vaterstadt, vor allem indem er seine politischen Streitliedcr in den Kampf schleuderte. Während der Willkürhcrrschaft des Myrsilius hatte er von dem lecken Staatsschiff gesungen: „Nicht mehr zu deuten weiß ich der Winde Stand, Denn bald von dorther wälzt sich die Wog' heran, Und bald von dort, und wir inmitten Treiben dahin, wie das Schiff uns fortreißt, Mühselig ringend wider des Sturmes Geivalt; Denn schon des Masts Fußende bespült die Flut, Und vom zerborstneu Segel trostlos Flattern die mächtigen Fetzen abwärts." Und als Myrsilins getötet war, jubelte er:«Jetzt darf nian sich berauschen, jetzt den Tafelgcnosscn zu unmäßigem Trünke ermahnen, da der Tyrann Myrsilins gestorben ist." Wie er dann an dem Sturz des Melanchrus mitwirkte, im Bunde mit Pittacus, so wurde er zu dessen erbittertem Gegner, als Pittacus Gesetzgeber wurde, weil der Dichter in dem Weisen einen werdenden Tyrannen argwöhnte. In seinen politischen Liedern setzte Alcäus dem Pittacus derartig zu, daß er selber zeitweilig ans Mytilene verbannt tvurde. Zwischendurch hatte er einen Kriegszug gegen die Athener mit- gemacht, bei dem er nicht eben glänzend abschnitt', es passierte ihm nämlich das Pech, auf der Flucht seinen Schild einzubüßen, was für äußerst schimpflich galt. Alcäus aber nahm die Sache nicht tragisch: Geh. melde meinen Leuten: gerettet ist Alcäus zwar, doch ist er der Waffen bar; Im Tempel der Glaukopis") hangen Sie zu Athen nun zusamt dein Schilde." Natürlich hat Alcäus auch Liebcslieder gesungen; eines davon begann also: „Sanftlächelnde, keusche, vcilchcnlockige Sappho, Gestehen will ich dir etwas, Scham nur hindert's." Darauf antwortete der Gegenstand seiner Wünsche, seine jüngere Zeitgenossin, die große Dichterin Sappho: „Wenn deine Sehnsucht zielte auf Edles hin, Die Zunge Schlechtes nicht zu gestehen dächt', So füllte Scham nicht deine Augen, Sondern du sprächest Dich aus in Ehren." Man darf aus diesem merkwürdigen Körbchen nicht schließen, daß sie zimperlich gewesen sei. So singt sie z. B.: „Zu Thale schon ging Selene—) Und ihr, Plejaden 5 es rinnen Die Stunden; ach! Mitternacht schon! Ich aber— ich schlaf' alleine I Vielfach wird ihr eine krankhafte Verirrung zugeschrieben, die wegen ihrer weilen Verbreitung im alten Lesbos gewöhnlich nach der Insel benannt wird, und in der That möchte die übermäßig Ivarme, schwesterliche Liebe, mit der Sappho iu ihren Gedichten von den Freundinnen spricht, einen solchen Verdacht begünstigen. Andrerseits aber ist sicher, daß sie wenigstens einem Manne ihr ganzes Herz zugelvandt hat. Wie mau sich zu der unerquicklichen Frage, die schon im Altertum viel erörtert wurde, auch stellen mag, keinem Zweifel unterliegt es, daß Sappho eine der größten, wenn nicht die größte Dichterin aller Zeiten ist: noch die wenige» Trümmer ihrer Werke, die uns geblieben sind, lassen das erkennen, vor allem der herrliche Sang an' Aphrodite, die Liebesgöttin: Die du thronst auf Blumen, o schaumgebor'ne Tochter ZeuS', listsinnende, hör' mich rufen, � Nicht in Schmach und bitterer Qual, o Götsin, Laß mich erliegen, *) Glaukopis,„die Eulenäugige", wurde die Göttin Athene »mint. "J Der Mond. Sonder« huldvoll neige dich mit. wenn jemals Du mein Fleh'n willfährigen Ohrs vernommen. Wenn du je, zur Hilfe bereit, des Baters Halle verlassen. Raschen Flugs auf goldenem Wagen zog dich Durch die Lust dein Taubengefpann, und abwärts Floß von ihn, der Fittiche Schatten dunkelnd Ueber den Erdgrund. So, dem Blitz gleich, stiegst du herab und fragtest, Sel'ge, mit unsterblichem Antlitz lächelnd: „Welch' ein Gram verzehrt dir das Herz, warum doch Riefst du mich, Sappho?' „Was beklemmt mit sehnlicher Pein so stiirmisch „Dir die Brust? Wen soll ich ins Netz dir schmeicheln? „Welchem Liebling schmelzen den Sinn? Wer wagt eö „Deiner zu spotten? „Flicht er: wohl, so soll er dich bald verfolgen, „Wehrt er stolz der Gabe, so soll er geben, „Liebt er nicht: bald soll er für dich entbrennen, Selbst ein Verschmähter." „Komm denn, komm auch heute, den Gram zu lösen! „WaS so heiß mein Busen ersehnt, o laß es „Mich empfahu. Holdselige, sei du selbst mir „BundeSgenosfin 1" Sappho war nicht die einzige Dichterin ihrer Zeit und ihrer Heimat, Ivo den Fronen mehr Bewegungsfreiheit und Entwicklnngs- Möglichkeit eingeräumt war, als i», größte» Teil deS übrigen Griechenlandes. Ihre gleichzeitige Landsmännin Erinna z. B. preist ein ungenannter späterer Dichter: „Als Dir eben ein Lenz voll duftiger Lieder entsproßte, Und Dein Mund, wie des Schwan's Weise, so schmelzend erklang, Trieb Dich die Möra"), die Herrin der fadenumwuudencn Spindel, Ueber des Acherons Flut hin zu der Toten Bereich. Laut verkündet jedoch Dein dichterisch Schaffen: Erinna Lebt, und den Musen gesellt singt sie und tanzt sie im Chor." Aber diese Gefährtinnen in Apollo reichten doch nicht daö Wasser der Sappho, die mit Alcäns zusammen das unerreichte Vorbild aller späteren griechischen und römischen Liederdichter blieb. Sappho und AlcäuS fmd die Eltern der Lyrik, die Insel LcsboS ist ihre Heimat.— Mufik. In der wogende» Flut der winterlichen Konzerte ist nicht bald eines alljährlich ein so fester und bedeutungsvoller Rtthepunkt wie das des Berliner Lehrer-Gesaugvercins. Man kann einen, solchen Verein schon aus pädagogischen und fast auch aus poli- tischen Gründen Sympathie entgegenbringen und würde dabei selbst mittelmäßige Leistungen zu verstehen wissen. Um so erfreulicher. wenn ein derartiger Verein auch künstlerisch Hervorragendes leistet! Der genannte Verein leistet es nicht nur, sondern ist auch ob solcher Leistungen anerkannt. In seinem vorige Woche gegebenen Konzert konnte er neben andern Neuheiten drei Kompositionen zum ersten- mal bringen, die ihm selber gewidmet sind. Unter diesen und den übrigen neuen und alte» Stücken des Abends befanden sich just einige„wilde Jagden" und dergl. Das eigens als„Wilde Jagd' bezeichnete Chorlied von Rudolf Burk ist zweifellos ein Zeugnis von besonderem kompositorischen Können und ganz geeignet, ein Paradestück leistungsfähiger Chorvereine zu werden, wie es denn auch neulich lebhaft und mit Dacapo- Erfolg begrüßt wurde. Eine andre Frage ist, ob man dieser Komposition auch Geschmack und feineres Künstlertun, zuschreiben kann; wenn nicht. so ist daran jedenfalls auch der nicht eben ungewöhnliche Text von O. F. Gcnsichen schuld. Einige andre, analoge Konipositionen entfalteten ein ge- ringercs Aufgebot von Kompositionstechnik und von Darstellungs- geschick in» einzelnen, machten mir jedoch zum Teil eine» küustlerisch volleren Eindruck. So die neue„Spanische Weise" von Otto mar Neubuer— auch eine Vcranschaülichung eines Dahinfliegens; gerade dieses scheint mir hier mehr direkt dargestellt zu sein als i andreu diesmal gebrachten Kompositionen solcher Vorwürfe. G o, t f r i e d Angerer's. Germauenzug" erwies sich trotz mancher gewöhnlicher Wendungen ebenfalls als gute Gesamtleistung; und der gewichtige Schritt, in welchem dieses Stück— zunial mit seinen weiten Jnter- walle»— dahinschreitet, ist eine intercffante»insikalische Charakte- ristik. Als Solosäugeriu vervollständigte den Reiz des Abends Frau Rose Ettinger. Seit einiger Zeit vielgerühmt und auch dies« mal reich an Ehrungen, fordert diese jedenfalls hervorragende Sängerin doch zu einer schärfere» Diskussion heraus. Ihre Specia- lität sind die weiche», zarten, freien Kopftöue der Hohe;»eben diesen stehen die übrigen Töne merklich zurück. Sie scheint demnach einer in Berlin oft genannten Gesangsschule anzugehören, die eben dadurch viel leistet und also in d e m Maße verdienstlich heiße» darf, als man in jener Eigenart eine besondere Stufe der Kunst sehen will; ob damit unsrer Mnsikpflege wahrhaft gedient ist, mag ebenso zweifelhaft bleiben. Ivie' es zweifellos ist, daß «vir in diesen, einen und wohl auch in verwandten Fällen reizvolle und geschmeidige Koloraturen zu höre» bekommen. *) Die Schicksalsgöttin. Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid tu Berti». Was Sangeskunst bedeutet, konnten wir tvieder einmal so recht gründlich kennen lernen, als wir von dem jetzt viel Aufsehen er« regenden Gastspiel d'Andrade'S im Theater des Westen» einen Abend besuchte». Es wurde der„ R i g o l e t t o" gegeben, jenes erste Stück aus Verdi's Blütezeit s 1851). deffen Text nach einem vielgenannten, seiner Zeit verbotenen Drama Victor Hugo's(„Le roi s'amuse", 1832) eine packende Darstellung der Leiden eines Hof» narren unter dem Treiben des Fürsten und seiner llmgebung giebt. Jener Abend zeigte den echt dramatischen Baryton des berühmte» Sängers in sehr vorteilhafter Weise. Vor allem sind es die gleichsam erzene Festigkeit und erstaunliche Fülle seines Tones und di« vollkommene, höchst deutliche Verbindung desselben mit den, Worte, die seine Kunst so groß machen. Im Hörer rührt sich da das kritische Gewissen mit der Frage, ob sein Urteil in den Zwischenzeiten zwischen den seltenen Fällen solcher Erlebnisse nicht zu lax geworden ist— wozu ja gerade das Theater des Westens leicht verführt. U», so interessanter war die Frage, wie sich mm neben diesem Gaste daS Uebrige und das Ganze bewährte. d'Andrade sang, während die andren alle beim Demschen blieben, in italienischer Sprache, aus« genommen Einen, als Antwort bedeutungsvollen, deutschen Satz. Diese Sprachenmengung ist heutzutage bereits so häufig, daß man fast versucht wird, sich mit ihr abzufinden; u», so dringlicher erscheint eine Verwahrung dagegen. Auch sonst war die Aufführung nicht recht gleichmäßig. Wir lobte« an jener Bühne mehrmals den Vorzug, daß fie nicht so wie da» königliche Opernhaus einen störenden Gegensatz zwischen lockerer Gesamthaltung und ausgezeichneten EinzeUeiftungen darbietet. Solche fehle» hier wohl ganz; im Verhältnis dazu ist der Gesamtgeist, zumal die Regie, nicht übel. Gerade letztere war dies- mal zuweilen recht sehr diskutabel und die Orchcstcrleitung ins« besondere ohne Rapport mit dem mannigfache», so charakteristischen Spielerischen dieser Musik— alles wahrscheinlich infolge des Fehlens von Zeit zum Einstudieren und von einer das Ganze bannenden großen künstlerischen Persönlichkeit. In, einzelnen hatten die Mit« wirkenden einen besonders schweren Stand zwischen de», einen Sangeslünstler und den Mängeln des Uebrigen. Louise v. B o n o in i, eine unsres Erinnerns noch nicht oder wenig hervor« getretene jugendlich dramatische Sängerin, hatte in der Rolle der Tochter des Narren. Gilda, nusangs Mühe, sich gut zu halten; allmählich aber konnte man merken, daß fie zu den Tüchtigeren ihres Faches gehört und auf die richtige Weise in ihrem Können unterstützt zu werden verdient. Auch Marg. Lieban-Groß bestand— wieder in einer ihr so passenden Rolle eines Teufelsweibes— als eine be» merkenswerte Gesaugskraft. Zu d'Andrade'S scharf bestimmten Tönen bildeten D e s i d e r A r a n y i' s wacklige, verwaschene Töne ein nn- günstiges Gegenbild.— Noch einmal sei es gesagt: nicht berühmte Gäste, nicht teuere Einzelkräfte bringen unser Operuweseu vorwärts, sondern nur die Zusammenfassung deS Vorhandenen, sei es aua» weniger excellent, unter einen künstlerischen Gesamtgeist, womöglich vertreten durch einen vollauf vortragskundigen Dirigenten oder einen ebensolchen Eesangsmeister oder eine» ebensolchen Regicküiistler, am besten durch das einheitliche Zusammenwirke» der Dreie.— SZ. «umoriMildes. — Winterbeschäftigung. Bergführer:„Heut' hat mir ein Berliner Dichter telegraphiert, ich soll sofort hin kommen und ihn anseilen, damit er nicht aufs Ueberbrettl geschleppt wird."— — I n derSchüIcrpension. PensionSvater:„Siehe, liebe Agnes, auch das Böse hat seine Berechtigung ans der Welt; man giebt den Rangen Straffaslen und spart dabei an Verpflegmigs» geldl"—(„Simpl.") Notizen. — Die zehnte russische Auflage der vollständigen Werke Tolstojs in 15 Ottavbäuden ist bis jetzt in 80 000 Exemplaren ab» gesetzt worden— eine stattliche Ziffer, denn es ist eine Art Luxus» ausgäbe und kostet 80 Fr. In der russischen Abteilung de« British Muieum befinden sich 200 deutsche Uebcrsetzungen, 150 französische, 120 englische, 50 dänische und schwedische Uebersetznngen von Totstoj» Schriften, sowie etliche Bearbeitungen in der tatarischen, in der japanischen und in der hindostauischcn Sprache.— —„Dionysische Phantasie", ein neues Werk von Siegmund v. Hau segger, kommt im zweiten Großen Sinfonischen AboiinementS-Konzert des Berliner Tonkünstler-Orchesters(Dirigent: Richard Strauß) am 13. November bei Kroll zum Vortrag.— — Aus der N e i ch e n h e i in» Stiftung wurden zwei Stipendien von je 600 M. dem Maler Paul Hildebrandt aus Tuchel und den, Maler Hans L i n d e n st ä d r aus Frankfurt a. O. für das Jahr 1901/1902 verliehen.— — Im Verein für deutsches K n u st g e w e r b e wird an, Mittwochabend im Festsaale deS Künstlerhanks Walter E l k a n einen Bortrag halten über:„Der japanische Hand« werker bei seiner Arbeit. Beobachtungen und Er» lebnisse". Der Vortrag wird durch Lichtbilder und Ausstellung japanischer Kunstwerke und Handwcrksgeräte erläutert werden.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.