?b. 230. Dienstag, den 2G. November. 1901 (Nachdruck verboten.) 191 CvcM!. Roma» von V r e t Harte. Plählich hörte er Geschrei und Pferdegctrampcl. In den Scitentvänden des oberen Raumes gab es zahlreiche Spalten, durch welche Ford, ohne selbst gesehen zu werden, die Ebene bis zu den Bäumen überblicken konnte. Plötzlich kamen fünf Männer von links hervor und liefen auf die Scheune zu. Mc Kinstry und seine Leute kamen zu gleicher Zeit etwas mehr nach rechts zum Vorschein und galoppierten hinterdrein, um sie abzuschneiden. Doch, obwohl beritten, langte» sie der gröberen Entfernung wegen auf der Hintcrscitc erst an. alS der Trupp der Harrisons eben vor den verschlossenen und verbarrikadierten Thören der sonst offenen Scheune überrascht Halt machte. Diese Täuschung der letzteren wurde von dem — freilich nicht weniger überraschten— Trupp der Mc jlinstN)s mit Hohngeschrci bcgrüjjt. Doch in dem kurzen Moment erkannte Ford in dem Führer der HarrifanS die wohlbekannte Figur des Scheriffs von Turlumnc. Nun war er nicht mehr ein gesetzloser Streiter gegenüber einem ebenso gesetzlosen Feinde, sondern sah sich in Wahrheit im Kampfe gegen das Gesetz selbst. Nun begriff er die Situation. ES war eine blödsinnige Dummheit von Onkel Ben, tvelcher die ganze Geschichte verschuldet hatte. Die feindlichen Parteien machten sich schon kampfbereit, wenngleich die Scheune gleichsam einen Wall zwischen ihnen bildete. Doch ein gewemdter Parteigänger der Mc Kinstrys. schlich sich durch das hohe Gras und suchte den Harrisons i» die Flanke zu kommen, als diese eben im Begriff waren, die Thür zu stürmen. Ein drohendes Geschrei von feiten der ini Hinterhalt liegenden Partei licff sie eilig zurückweichen. Eine Pause entstand und dann begann das homerische Schauspiel! „Warum geht ihr nicht loS auf die Thür, ihr-- 1 Sic thut Euch nichts!" „Er hat Angst, der Riegel könnt' zurückschießen!" Lachen erscholl bei den Mc Kinstrys. „Komm doch aus dem Gras'raus und zeig Dich, Du schwarzer Dreckfresser." „Er kann nicht. Er hat seinen Gripps verloren und sucht ihn nuV Höhnisches Lachen ertönte bei den Harrisons. Jeder harrte des ersten Schusses, welcher den Kampf eröffnen mußte. Selbst in dieser Gesetzlosigkeit hielt man sich an Kampfregeln. Der Beamte des Gesetzes erkannte, daß ein Zusammenstoß allein Erfolg haben konnte, allein er zögerte, einen seiner Leute zu einem Angriff gegen die Scheune zu opfern, welcher das Feuer der Mc Kinstrys zum Eröffnen bringen mußte. Als tapferer Mann hätte er eS selbst gewagt, aber seine Klugheit ließ ihn bedenken, daß seine in der Eile zusammengeraffte Exekutivtnippe aus Parteigängern bestand, und wenn er fiele, würde der Konflikt in einen Parteikampf ausarten und kein unparteiischer Zeuge übrig bleiben, der sein Vorgehen in den Augen der Oeffentlichkeit hätte recht- fertigen können. Der Lehrer wußte das; eS hatte ihn davon abstehen lassen, seinem ersten Impuls zu folgen und die Vermittlung zu versuchen; nun mußte er sich allein auf Frau Mc Kinstrys Schweigen und des Scheriffs Vorsicht vcr- lassen. Doch im nächsten Moment schon schien beides gc> sährdet. „Na, warum geht ihr nicht'rein?" höhnte Dick Mc Kinstry, „tvcr kann denn in der Scheun' versteckt sein?" „Das will ich Euch sagen," ließ sich eine leidenschaftliche, rauhe Stimme vom Hügel her vernehmen.„Crcssy Mc Kinstry und der Schulmeister sind darin." Beide Parteien wandten sich nach dein Ankömmling um. der sich unbemerkt genähert hatte. Doch noch mehr wurden sie überrascht, als Frau Mc Kinstry sich aus der Scheune vernehmen ließ:„Sie lügen, Seth Davis I" Die kurze Aussicht, welche sich dem Schsriff bot, daß Seth Davis als unparteiischer Zeuge gelten könnte, wurde nun völlig zu Schanden gemacht durch den Umstand, daß Frau Mc.Kinstry in der Scheune anwesend war. Das Schicksal war offenbar gegen ihn l Ein Weib im Kampf, rmd noch dazu ein altes I Eine weiße Frau sollte gewaltsam Vertrieben werden! DaS war ihm noch nicht bor- gekommen. „Bleibt zurück," sagte er univillig All seinen Begleitern. „bleibt zurück und läßt die verdanunte Scheune in Ruhe. Aber Sie. Hiram Mc Kinstry. ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit, um den Unterrock ans dein Wege zu schaffen!" Er wurde nun auch erregt— teils wegen seiner momentanen Schwäche, teils weil er sich überlistet glaubte. Wieder schien das verhängnisvolle Zeichen in Ans- ficht, wieder blieb eS aus. Denn mit Sporengcklirr und die Flinte in der Hand trat Hiram Mc Kinstry hinter der Scheune hervor und stellte sich vor seinen Gegnern auf. „Wegen der fünf Minuten." begann er in seiner lässigen Art,„da ivollen wir doch sehen, wann die Zeit um ist. Aber eben sind Worte zwischen meiner Frau und Seth Davis gefalle». Eh' die Geschichte hier weiter geht, soll er fort. Meine Frau sagt, er lügt, ich sag' auch, er lügt, und dafür steh' ich." Das Recht, persönliche Beleidigungen zuerst abzumachen, war ein zu eingefleischtes, als daß es hier außer acht gelassen wäre. Beide Parteien traten zurück und aller Augen richteten sich nach der Stelle, Ivo Seth Davis gestanden hatte. Allein er war verschwunden. Wohin? Als Frau Mc Kinstry ihre Entgegnung aus der Scheune haste hören lassen,, benutzte er sdic allgemeine Ueberraschung, war ans ein Heubündel gesprungen, das an der Scheune lag, und von dopt, zwischen den Brettern hindurch ins Innere ge- krochen. Der Lehrer, der bei dem Ton seiner Stimme über das lose Heu nach der Hinterseite gegangen war, hatte diese in demselbenMoment errcicht, als Seth hindurchkroch. Ihre wütenden Blicke begegneten sich, doch bevor noch Seth einen Ruf hören lassen konnte, hatte der Lehrer seine Flinte fallen lassen, ihn am Halse gepackt und ihm eine Handvoll Heu in den offenen Mund gestopft. Ein wütender, doch wortloser Kampf folgte; das weiche Heu, ans welches sie beide niederfielen, dämpfte jeden Ton und verbarg sie vor den Blicken; die von dem Eindringling lose gemachten Massen begannen durch die Oeffnung auf die Erde zu fallen. Der Lehrer, der Seth noch fest bedrückte, ließ sich nütglciten und schob seinen Gegner vor sich her; der außer sich geratene Missonricr erkannte seine Absicht, machte einen verzweifelten Versuch, seine Stellung zu ändern, und es gelang ihm, sein Knie dem Lehrer gegen die Brust zu drücken. Ford begnügte sich damit, das Knie in der Stellung festzuhalten, und gab damit univisjentlich Seth Gelegenheit, sein Bowiemesser aus dem Stiefel zu ziehen. Seinen Fehler erkannte er erst, alS Seth mit Gewalt seinen Arm frei machte und ihn zum Stoß erhob. Er vernahm den Ton der das Heu durchschneidenden Stahlklingc und ivarf sich verzweifelt auf den erhobenen Arm. Diese Bewegung war seine Rettung. Denn der lose ge- wordene Körper SchtS glitt rasch durch die Oeffnung, einen Moment lang nur aufgehalten durch den Lehrer, welcher den erhobenen Arm noch festhielt, und stürzte dann schwer herab. Wohl hätte das vorauSgefallene Heu den Sturz gemildert, allein sein Kopf traf mit voller Heftigkeit ein an der Wand stehendes Wirtschastsgerät und ohne einen Ton siel er be- sinnungslos zu Boden. Der ganze Vorgang spielte sich so schnell nnd geräuschlos ab, daß nicht nur Mc Kinstrys Aufforderung sein Ohr nicht mehr traf, sondern er anch durch das nach» fallende Heu den Augen der draußen Stehenden verborgen wurde, die einen Augenblick später nach ihm ausschauten. Eine Heumasse, welche anscheinend von Frau Mc Kinstry bei ihren"Vertcidigungsanstaiten dahin geivorfen worden, war alles, was sie sahen; selbst die Frau hatte keine Ahnung von dem tödlichen Kampfe, welcher sich über ihr abgespielt hatte. Der Lehrer, halb erstickt und halb geblendet von dem Staube, richtete sich erhitzt aus, doch unversehrt und mit dein Gefühl dcsSiegcrs, der nichts zu bereuen hat: Ohne zn ahncm was Seth zugestoßen war. griff er wieder nach seiner Flinte und harrte eifrig einer Erneuerung des Angriffs.„Er wollte mich töten; und er würde es gethan haben; wenn er wieder- kommt, muß ich ihn töten." sagte er sich. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß das mit seinen Gedanken von vorhin wenig übereinstimmte— ebenso wenig wie mit seinen Ansichten übcrhanpt. Schließlich wird der friedlichste Mann, dessen Leben einmal von einem Gegner bedroht worden, der diese Drohung in dem Auge seines Feindes gelesen hat. das eigene Leben und das seines Gegners nicht niehr so wert halten wie zuvor. Alles war nun still. Die Unterbrechung brachte ihn auf. Ihm bangte nicht mehr davor, er sehnte sich nach dem ersten Schuß, der die Feindseligkeiten eröffnen würde. Was thaten sie? Planten sie unter Anführung Seths einen neuen Angriff? Als er genauer hinhorchte, vernahm er fernes Rufen und den Hufschlag von Pferden. Eine plötzliche zornige Be- fürchtung, daß die Mc Kinstrys geschlagen und auf der Flucht wären— eine Befürchtung und ein Zorn. die ihn zum erstenmal ihre Sache als die seinige erschienen ließen— kamen über ihn. und er kroch eilig nach der Oeffnnng unten. Doch der Ton kam näher und eine Stimme ließ sich vernehmen. „Halt, Herr Scheriff!" Die Stimme gehörte dem Agenten Staccy. Ein widcrwilliges Murren ließ sich hören. Doch die Mahnung wurde durch einen Befehl von einer andern Stimme bekräftigt— einer matten. wenig heldenhaften, doch bekannten Stimme:„Ich bcfehl, daß Ihr aufhört— sofort!" Ein spöttisches Lachen folgte. Die Stimme gehörte Onkel Ben. „Zurück I wir haben keine Zeit zum Scherzen," rief der Scheriff barsch. „Er hat recht, Herr Scheriff," sagte Stacey hastig.„Sic Handeln in seinem Auftrage i ihm gehört das Land." „Was? Dem Ben Dabney?" „Ja; er ist der d'Aubigny, der den Rechtstitel von uns gekauft hat." Erst trat eine kurze Stille ein, dann begann ein eifriges Murmeln. „Das heißt, Leute." ließ sich Onkel Bens Stimme vcr- nehmen,„dieser junge Mann hat's ja ganz gut gemeint, aber er ist'n bißchen zu hastig gewesen, daß er gleich die Obrigkeit mitgebracht hat. Bei m i r ist das nicht nötig. Leute. Da sind keine große Rechtstitel nötig und keine Flinten oder sonst was. Das können wir ganz gemütlich beim Glas be- reden. Wenn hier einer Schaden gehabt hat oder sonst was geschchn ist, ich tret' sür'n Scheriff ein und werd's schon glatt machen. Ihr kennt mich, Leute. Ich bin's— Dabney oder Daubigny, ganz wie ihr wollt." Doch bei dem Schweigen, das nun folgte, schienen sich die Leidenschaften noch nicht ganz abgekühlt zu haben. Es wurde durch Dick Mc Kinstrys sarkastische Worte unterbrochen: „Wenn die Harrisons sich nichts daraus machen, daß'n paar Weiße über ihre Wiese geritten sind, na—" „Der Scheriff kann nichts dafür," unterbrach Onkel Ben hastig. „Und wenn Tick Mc Kinstry sich nichts daraus macht, daß er sich die Hosen zerrissen hat, wie er durch's hohe Gras meiner Flint' aus'm Weg' kroch," gab ihm Harrison zurück. „Das bring' ich schon in Ordnung. Leute," meinte Onkel Ben froh. „Aber wer bringt das hier in Ordnung?" hörte man den älteren Harrison hinter der Scheune her fragen, wo er über das herabgefallene Heu gestolpert war:„hier liegt Seth Davis im Heu mit'm Loch im Kopf. Wer wird das be- zahlen?" Alles eilte nach der Stelle und gab seine Ueberraschuug zu erkennen. „Wer hat das gethan?" fragte die Stimme des Scheriffs mit amtlicher Strenge. Der Lehrer ließ einen ärgerlichen Ton hören, glitt auf die Scheunentenue herab und wollte die Thüre öffnen und sich als den Thätcr bekennen, doch seine Absicht erkennend. trat Frau Mc stinstry ihm plötzlich in den Weg und hieß ihn mit einer befehlenden Geberde schweigen. Dann erscholl ihre laute Stimme aus der Scheue: „Na. wenn das der Schuft ist, der sich hier'remdrängen wollt', dann trifft das ni i ch!" X. Am nächsten Tage erfuhr ganz Jndiancrbrunn zu seinem großen Vergnügen, daß ein ernstlicher Kanipf auf dem be- rüchrigten Grenzlande durch das dramatische Dazwischentreten von Onkel Ben Dabney verhindert worden sei, der nicht nur als Friedensstifter, sondern auch als Herr Daubigny und rechtmäßiger Besitzer jenes Landes erschienen war. Man hörte mit vielem Ergötzen, daß die„alte Ma'm Mc Kinstrh" allein und ohne Unterstützung die Scheune verteidigt habe mit— wie[vielfach zugesetzt wurde— einer Heugabel. einem alten Stallbefcn und einem Eimer voll schmutzigen Wassers, und das nicht nur gegen die Harrisons und ihre Sippschaft, sondern gegen die ganze Exekuttvtruppe des Scheriffs von Turlumne, wobei kein andrer Schaden geschehen war. als daß Seth Davis, als er durch Frau Mc Kinstry mit Hilfe des erwähnten Besens von dem oberen Boden der Scheune hinabgeworfen worden, eine Wunde am Kopfe davongetragen hatte. Man gestand allgemein zu. daß der Ankauf des Landes durch einen bis dahin mittellosen Bürger von Jndianerbrunn als ein Triumph der Angehörigen des Ortes über fremde Einmischung anzusehen sei. Was man aber nicht wußte, war. daß der Lehrer an dem Kampfe teil- genommen hatte, und ebensowenig, daß er dabei anwesend gewesen. Auf Frau Mc Kinstrys Verlangen hatte er sich auf dem oberen Räume verborgen gehalten, bis die beiden Parteien und auch der immer noch bewußtlose Seth fort waren. Als Ford dagegen Einwand erhob mit dem Bemerken. daß Seth doch gewiß mit der Wahrheit nicht hinterm Berge halten lvcrde, sobald er wieder zur Besinnung gekommen. lächelte Frau Mc Kinstry grimniig:„Ich denk', wenn er hört. daß i ch mit Jhn'n in der Scheun' war, wird er doch lieber sagen, daß ich ihn gehauen Hab' und nicht S i e. Ich sag' nicht. daß er's Jhn'n schenkt und nicht wieder wird mit Jhn'n anbinden woll'n, aber er wird nicht'rumerzählen, weslvegen. Aber," fuhr sie noch grimmiger fort,„wenn Sie denken, daß Sie nun die ganze Geschichte erzählen können— was Sie hier gesucht haben, und daß Seth nicht log, als er's gesagt hat— na. ich werd's nicht hindern." Der Lehrer sagte nichts weiter. Und in der That schien es ein paar Tage lang, als sei Seth ebenso schweigsam. Dennoch war Hen: Ford mit dem Erfolge seines Abenteuers keineswegs zufrieden. Seine Beziehungen zu Cressy waren der Mutter bekannt, und wenn sie auch nicht weiter darauf angespielt hatte, so war es doch wahrscheinlich, daß sie ihrem Gatten davon Mittheilung machte. Dennoch konnte er nicht umhin, mit einen: seltsamen Gemisch von Erleichterung und Mißtrauen zu bemerken, daß sie eine geringschätzige Gleichgültigkeit der Sache gegenüber an den Tag legte. Er konnte kaum annehmen, daß Mc Kinstry mit seinerschwer- fälligen, blinden Ergebenheit für Cressy sich ebenso gleich- gültig verhalten werde. Im Gegenteil hatte er die Ueber- zeugung gewonnen, ohne aber zu versuchen, der Sache auf den Grund zu kommen, daß ihr Vater es nicht ungern sehen würde, wenn er Cressy heirate, denn dazu mußte es doch schließlich kommen. Und hierbei fiel ihm wieder ein, daß er nie daran gedacht, was ihr Verhältnis eigentlich für einen Sinn und Zweck habe. In dem sorg- und gedankenlosen— doch bis dahin unschuldigen— Genüsse ihrer gegenseitigen Liebe hatte er nie von Heiraten gesprochen und— das fiel ihm mit demselben wunderlichen Gemisch von Erleichterung und Unbehagen jetzt ein— s i e ebensowenig. Vielleicht mochte bei ihr. halb mit Aberglauben, halb mit Zartgefühl gemischt, die Erinnerung an ihr früheres Verlöbnis mit Seth Davis daran schuld sein, aber ihm fiel nun ein, daß sie nicht einmal die üblichen Gelübde ewiger Treue ausgetauscht hatten. Es mag seltsam erscheinen, daß bei den wenigen verstohlenen und entzückenden Begegnungen der Liebenden niemals die Zukunft berührt worden war. noch jene köstlichen Pläne von späterer Ver- cinigung. welche in solchem Alter nie zu fehlen pflegen. Sie hatten nur der wonnigen Gegenwart gelebt, ohne über das nächste Stelldichein hinauszudenken. Bei diesem wunder- samcn Aufgehen ineinander schien nicht nur die Ver- gangeuheit, sondern auch die Zukunft vergessen worden zu sein. Diese Gedanken gingen ihm am folgenden Nachmittage durch den Sinn, als er der friedlichen Ruhe genoß, welche das vereinsamte Schulhaus einflößte und welche auf Mc Kinstry und Onkel Ben einen so tiefen Eindruck gemacht hatte. Der letztere war zu der üblichen Stunde nicht erschienen; es war möglich, daß er jetzt, da sein Glück bekannt geworden, durch andre Dinge davon abgehalten worden war; der Lehrer war allein, und nur dann und wann wagte sich eine dreiste Elster herein, um die umherliegenden Brosamen aufzusuchen. Es that ihni leid, daß Onkel Ben nicht da war, denn er hätte gern mehr über seinen Anteil an dem Angriff der Harrisons und über seine cttvaigen Absichten erfahren. Seit der Lehrer die Scheune verlassen und unter dem Schutze der Dunkelheit nach seinem Hotel zurückgekommen war, hatte er die abentcuer- lichsten Gerüchte vernommen und direkt zu fragen vermied er absichtlich. Er hatte es vorausgesehen, daß Cressy an diesem Morgen nicht zur Schule kommen würde— in der That hatte er in seiner gegenwärtigen schwankenden Stimmung das Gefühl, daß ihre Anwesenheit störend und verwirrend gewesen wäre, allein es berührte ihn unangenehm, daß sie nach ihrer eil- fertigen Flucht in jenem kritischen Moment in der Scheune nicht das geringste Verlangen kundgegeben hatte, das Resultat jenes Intermezzos kennen zu lernen. Was glaubte sie wohl, daß zwischen Fran Mc Kinstry und ihm vorgefallen sei? Hatte sie vertrauensvoll erwartet, daß ihre Mutter sich sofort in die Lage fügen und bannt einverstanden sein würde? War das der Grund, weshalb sie die Unter- brechung so leicht genommen hatte, als wäre sie bereits seine verlobte Braut? Hatte sie überhaupt darauf spekuliert? hatte sie— Er hielt inne, seine Wangen glühten vor Erregung unter diesem Verdacht und vor Scham über seine Vermessenheit, dergleichen zu denken. Er öffnete sein Pult und begann mechanisch die Papiere zu ordnen, wobei er mit dem Gefühl leisen Verdrusses die Entdeckung machte, daß er Cressys Strauß— nun trocken und welk— in das gleiche Fach nnt den geheininisvollen Briefen gelegt hatte, niit welchen er sich in früheren Tagen so oft be- schäftigt Mit einem halbbitteren Lächeln nahm er sie nach kurzem Zögern hervor, und in der Absicht, die alten Er- innerungen wieder zu beleben, versuchte er, sie abermals zu lesen Allein sie verniochten seine umherirrenden Gedanken nicht zu bannen, noch hinderten sie ihn. einen auffallenden Vorgang zu bemerken. Die niedrig stehende Sonne zeichnete nach ihrer alten Gewohnheit die Aeste der Fichten ans der Wand ab. Doch plötzlich schien der Schatten größer und schärfer geworden, und mit dem Gefühl, daß jemand am Fenster stehen müsse, wandte er sich schnell dahin. Richte» war indessen zu sehen. Doch das Gefühl war so deutlich, daß er zur Thür hinaus trat, um zu erspähen, wer es gewesen. (Fortsetzung folgt.l Kleines �enillelon. —„DaS Jilng-PZicuce Dhcatcr zum lieben Nugnsiin" ist bereits verkracht. In der Wiener Wochenschrift„Die Waage" finden Ivir eine Slritit der Eröffnnngs-Vorstelluiig, deren Schluß nur bierljcr setzen wollen, weil das. was sie niit deutlicher Schärfe zum Ausdruck bringt, auch fiir Berlin Geltung hat. Max Graf schreibt i„lieber einen»ußlnngeue» Theaterabend konnte»lau mit wenige» Worten bintveggehc» Hier handelt es sich aber um mehr. Dieser Versuch, die gesmide» Instinkte des Publikums zu vcrlvirreu, ist u»r dnS letzte Glied in einer Kette von Bemühungen, den Geschmack einer kleinen Gesellschaftsgnippe, der eS nicht an Talenten, aber an Ernst. Charakter, an einem inneren Halte und wirk- sicher Bildmrg fehlt, etilem große» Kreise ernsthafter, kunstverständiger Leute und einem richtig empfindenden Publikum anfzndrängen. Jadr für Jahr haben ivir diele Versuche erlebt,»»reife Schvpftmgen einer kiiustlerischeii Experimeusierlnst, bohle, aufgeblasene Werke eines Kunstabcntenrertnins. oft auch Krankhaftes als Gipfel moderner Kirnst, moderner Bildung und nioderncr Empfindung gepriesen zn sehen. Jahr für Jahr hat man persönliche Interessen einzelner als Interessen einer neuen Kunst ausgegeben. Wer sich dem widersetzte, wurde beschimpft, verhöhnt, und selbst nacb dem Mißerfolg dieses Unternehmens haben sich Leute gesunden, die den Mut hatten, das enlriistete Publikum zn verspotten. Ich mache für dieses Tebacle. ivclchcs spät genug eingetreten ist, nicht Herrn Felix Saiten, der ja unzweifelhasl ein Man» von Begabimg ist, wenn er auch als Bühnenleiter— wie er gesehe» bat— nicht einmal ein Gabor Steiner ist, vcrantivorllich, sondern seine Ratgeber. Helfer. Hehler. Es ist der ganze Geist des Spcknlaiitentnms auf dem Gebiete der Kunst, der Phrasenhaftigkeit. des unreellen Litteratnr- Handels, der unter dem Schilde einer neuen Kunst seine eignen Gc- sckäsle betreibt, den ich hier anklage und der bei der Erössmmg des «Jiing-Wiener Theaters zum lieben Äugustin" endlich össentlich verurteil: lvorde» ist."— — DaS Spiel der Z6 Tiere. Wer jemals in einer italienischen Siadt eine Tombola erlebt und beobachtet hat, wie das Volk in ficbcr- bafter Erregung am SoimtagnachmiUag auf der Piazza Kopf an Kopf sich um das Holzgerüst drängt, auf dem mit Riescnziffern die ge- zogcnen Lottonnmmern veröffentlicht werden, der kennt das Jiitercsse der Südländer für das Glücksspiel. Ein Gegenstück hierzu bietet, nach den Berichten ftanzösischer Reisender, das Volksspiel der 36 Tiere, das in China. Siain und ganz Hinterindien weit verbreitet ist. Das Spiel ist staatlich genehmigt und wird seit Jahrhunderten von Stadt zn Stadt durch Unternehmer betrieben. Wenn sie an einen Ort gelangt sind, verteilen sie zunächst die gedruckten Spiclzettcl. Auf diesen Zetteln befindcil sich 36 Fignren, und zivar immer ein Mensch mit einem Tiere. Der Spieler begiebt sich dann in das Spiclhnns und setzt nicht mehr als höchstens 2 Frank ans eins der 36 Tiere. Täglich zwei- mal. mittags und um 5 Uhr ist Ziehung, die in der Weise vor sich geht, daß ein zuverlässiger staatlicher Beamter das Gcivinnticr be- stimmt. Der harrenden Volksmenge wird das Gelvinntier dadurch mitgeteilt, daß an der Decke des Saales oder auch am Dach des Hauses plötzlich ein Niescnbild dcS Glückstieres aufgezogen wird. Jeder, der ans dieses gegen schrift- liche Quittung über den Einsatz gesetzt hat, erhält diesen dreißigfach zurück. Alle andern Einsätze verfallen der Bank. Der Ursprung dieses Volksglücksspiels ist in China zn suchen, wie die Bilder zeigen, die überall gleich sind. Das erste stellt den Kaiser Tai-Peiig aus dem 10. Jahrhundert dar, zu dessen Unterhaltung das Spiel erfunden sein soll. Sein Tier ist der Drache. Ihm folgen große Männer aus derselben Zeit: Som-Uci. ein berühmter Staatsmann, fei» Tier ist der Affe, nach chinesischer Auffassung ein Symbol der Klugheit, dann Kong-Beng. ei» Minister des Kaisers, mit einem Pferd. Kin-Kuang mit einem Falken. Weiter folge» Tiger. Schildkröte, Hahn, Pfau, Löwe, Taube, Biene und so fort, alle niit Beziehung zn der Person, neben der sie stehen.— (.Köln. Ztg.") Litterarischcs. — Knecht Ruprecht. Illustriertes Jahrbuch für Knaben und Mädchen. Herausgegeben von Ernst A r a u s e w e t t e r. Band III. Köln. Schafstei» n. Co.— Die diesjährige Ausgabe ist nocki besser geraten als die beiden früheren: die Stoffe der Ge- schichten und' Gedichte sind einfacher, Icichtfaßlichcr, das Schielen nach dem erwachsenen Leser ist fast gänzlich vermieden. Auch die Bilder sind ruhiger in der Farbe, gleichmäßiger in der Stimmung ge» worden. Vertrete» ist wieder die balbe.Jugend": Münzer, Wallhcr Georgi. Angelo Jank, Stieth. Feldbauer, Zumbnsch, Fidus, dann der Norweger' August Berg, Ernst Kreidols. Arpad Schund- Hammer scheint mir mit seinen lustigen Sachen den Vogel abgeschossen zu habe». Wen» das Buch nur nicht 3 Mark kosten würde!— Neu aufgelegt hat derselbe Verlag„Fitze bn tz e". Allerhand Schnickschnack fiir Kinder von Paula und Richard D e h in e l. Mit Bildern von Ernst K r e i d o I f. Neber dieses Buch ist nichts Neues zu sagen. Man freut sich über das Schöne, das darin steckt und ärgert sich über daS gemachte Gethne, das sich an manchen Stellen breit macht.— Das ebenfalls bei Schafstein er- schicncne Märchen„Die schlafenden Bäume" von Ernst Kreidols ist nichts für Kinder.— Musik. Wie sich nnsre geistigen und materiellen Verhältnisse seit einigen Jahrhunderten vom Individuellen zum Massenhaften, vom HanS zur Oeffenllichkcit, von der Handarbeit zur Fabrikprodnktion. vom Innerlichen zum Acnßerlichen, von eingeschränkter Sachlichkeit zn nncingc-chränktcr Nnsachlichkcit, vom Entweder-Oder zum Anch-Auch entfaltet haben, das erhielt neulich eine nierkwürdige Bestätigung durch eine» Vortrag auf einem Gebiete, das dafür zunächst nicht eben in Betracht zn kommen scheint. Allein:„Jede Zeit hat ihr Klavier." Mit diesem Grundgedanken hielt am letzten Sonnkäg in- mitten des„Berliner T ö» k ü n st l e r- V e r e i» S" Professor QSkar Fleischer, Vertreter der Mnnkwiffcnschaft an der Berliner Universität, einen Vortrag:„Die Entwicklung des Klavier s", und zwar im Rani» der berühmten königlichen Sammlung alter Mnsikinstrumente. Sind ivir gleich außer stände, in nnsrcn wenigen Zeilen auch nur eine Skizze des Gehörten zu geben. so darf doch mit um so mehr Gewicht Eines hervorgehoben werden: die Erkenntnis der Einbußen für den Mnsiknnterricht, die ans der Alleinherrschaft der jetzigen Konstrnktionsart des Klaviers folge». In der Entwicklung dieses vom 15, Jahrhundert an, von dem Klavichord mit Metallzniigcn über das Clavicymbcl mit Feder- kielen bis zum Pianoforte mit Hämmern sind viele Ausdrucks- Möglichkeiten gewonnen. manche verloren worden. Zusammen- gerechnet crgiebt jedoch die? alles specicll für die Gelvöhnnng des Schülers an das Verständnis der Musik als eines Ausdrucks und der Musikstücke als systematischer Fonnbauten eine solche Bcdentiing mancher Vorteile von früher, daß wir das Mechanische und geradezu Kunstvcrbildcnde de? heutigen Klaviers noch energischer als bisher fühlen und erkennen. Waren früher die einzelnen Klaviere niiter einander Jiidividucii. so daß der Kompouist anders für sein eignes und anders fiir dieses oder jenes fremde Klavier komponierte, so sind sie jetzt die tansende und tansende Exemplare von Fabrik- arbeit, kaum mit kleinen Verschiedenheiten zwischen den Leistinige» verschiedener Firmen: und dieser Jndimdnalitätslosigkeit entsprechen denn auch die meisten heutigen Klavierkompositioiicii. Ulffree Klage über diese Enge im Kiavierivesen wird vielleicht die Klavier i n d u st r i e antworten, sie sei schon längst auf Erwcite- rnngen dcS Pimiofortcbancs aus, doch das Publikum gehe daraus nicht ein. Mag sich dies als richtig bcivähren. so scheint uns eben der springende Punkt anderswo und zwar im Mnsit n n t e r r ich t zu liegen. Professor Fleischers Vorschlag, in diesen das Klavicchord wieder einzuführen, ist jedenfalls ein wertvoller Beitrag zur Sache. Uns kann es nur freuen, wen» sich, wie eben ans einem Durchdenke» des in jenem Bortrage Gebotenen, als der beste Ansatzpunkt zur — 920 Ucbcviuitibimn ücnümibcm- Ncbcl die NntrNvcisniig der lieran- 1 Kundiger, der die heiligen Schriften lesen kann, und c? hestcht eine ivachsendcn Generation enveift: und zwar sowohl in der Anslnldtnig zinn Musiker von Beruf wie auch in der zum„Dilettanten", also zum mitthuendcn Liclchaver»nd zum zuhörenden Kunstfreund. Für den nenlichen Fesisonntag hatte das Friedrich- W i l h e I m st ä d t i s ch e Theater eine einmalige Aufführung an- gesetzt: die Operette„Der H o f n a r r", und zwar als Neu- einstudicrung. Der Text ist von den vckannten Wiener Geisthabern W i t t m a n n und Bauer, die Musik von Adolf Müller j» n. Unter diesem Namen haben wir uns wahrscheinlich den Sohn des fruchtbaren Komponisten für Nestroh und andre, Adolf Müller sen., zu denken. Zum 100. Geburtstag des Alte», 7. Oktober 1901, hatte der Sohn den grvsjteu Teil des väterlichen Nachlasses an die Stadt Wien gegeben.— JeucS Stück selber gehört zu den merkwürdigsten Beispielen eines frühen Neberganges von Operettenblödsiun zn dramatischer Wahrhaftigkeit. Ein so krasses Rebencinanderstehen von litterarischem wie musikalischem Wert und hintvieder von oberster Oberflächlichkeit kommt nicht bald wieder. In der Anlage des Spieles selber steckt geradezu künstlerisches Gold. Die zwei Personen aus einer Mädchenschar, deren eine ein Prinz ist. und deren andre dafür gehalten wird; Konflikte einer Mutterliebe, die da einen falschen Aufschluß giebt: ein halb tragischer Hofnarr! ein König, der spielend daS Verderben über sich herankommen läßt: es bedarf»nr mehr des Feslhaltcus an den künstlerischen Werten, die man in der Hand hat, um GroßcS, vielleicht Einziges zu schaffen. Der Komponist nimmt denn auch nicht selten Anlauf dazu doch ebenso sicher kann man darauf rechnen, daß er uns kurz nachher in die absurdetze» Unmöglichkeiten und widerlichsten Läppereien der thpischen Operette hineinwirft— von der Arbeit der Autoren und insbesondere ihrem Ersetzen dramatischer Energie durch allerlei Hinauszichercien gar nicht zu reden. Die erste Wieder- begegnnng jener zwei, dem KindeSalter erst kurz cnlwachsencn Per- fönen ist dem Komponisten so glänzend gelungen, daß das betreffende Duett seinesgleichen nicht bald wieder findet. In zahlreichen Fällen ferner sind Musik und Situation, Musik und Ereignis so eng in einander verarbeitet, daß eS sich trotz der Magerkeit der thematischen Erfindung ganz nett anhört. Jene weiterhin' erwähnten wertvollen Bestandteile der Anlage hat der Komponist leider so gut wie unauö- gcnützt gelassen—' unbegreiflich zumal für das unheimliche Skatspiel vor dem Znsamuienbruch des Königs, das ja zn einer Charakteristik der Situation geradezu herausfordert. Und im ganzen ist die Musik so schablonenhafte Wiener Opcrcttemnache und hintvieder in der Jnstrnmcnticrnug so geschickt und reichhaltig, daß man schließlich sich an den Kopf greift mit der Frage, wie denn diese Gegensätze möglich seien, nnd daß man angesichts dessen, was sich der Komponist entgehen und Ivos nicht cnt- gehen läßt, ivohl nur mehr den Wienerischen Ausruf findet:„Wana tunnt' ma'!" Die Aufführung Ivar größtenteils in schmicrenhaft schlechter Weise einstudiert, die Regie mit den ewig retardierenden Autoren im Bunde, blind gegen deren sccnischc Unklarheiten und unklar selbst da. wo diese klar sind. Die Besetzung der Hauptrollen brachte den Mißgriff, den aus den Mädchen herausgenommenen Prinzen einem Dar- stcllcr, G n st a v K a i t a n, anzuvertrauen, der für robuste Buffos, nicht aber für eine sich ans kindlicher Mädchcnhaftigkcit hcranscntivickelndc Jünglingsseele taugt. Seine Partnerin H a n s i Ne i ch s b e rg war um so mehr in ihrem Element, von Maria F o r e s c n weuigstenS im Spiel gut sekundiert. Die Titelrolle wurde von Theo S i c g- in n n d iui allgemeinen gut, aber doch nicht mit dem Temperament dargestellt, das sich da entfalten ließe. Einen drolligen Maul- und Anekdotenhcldcn gab E d m u n d Ha n n o recht lustig. Endlich Sigmund Steiner. Es ist im ganzen immer eine Freude, diesen rontiniertcn Obcroperettentenor zu hören. Zwar hat seine Stimme zum Teil etwas Gewaltsames, sonst aber entschieden Sympathisches. Und eins kann man von ihm gut lernen: daß Töne zum Betonen da sind.— sz. Völkerkunde. — Üeber das Nomadenleben der inongolischen Völker sprach kürzlich A. A. K l e m e n z in der„Anthropologischen Gesellschaft" bei der Universität St. Petersburg. Der„Globus" schreibt über den Vortrag: Nach Klemeuz' Meinung beginnt das Nomadenleben, wenn der Jäger anfängt, ansschließlich eine Art der Tiere zu jagen. In diesem Stadium befinden sich die nord- amerikanischen Indianer, die von einem Ort zum andern gehen hinter den Bisons her. Wäre der Bison ein zähmbares Tier, so würden die Indianer wahrscheinlich Nomaden werden. Der wirkliche Umschwung beginnt mit der Nntzbarmachnng der Milch, und der Erwerbung von Verfahren, die Milch zn konservieren in Gestalt von Käse, Butter und berauschenden Getränken. Das Vieh, als das erste Beispiel eines rasch wachsenden Reichtums, mackit die Existenz großer Familien möglich. Im Vcr- hältnis zu den Jägern sind die Romaden materiell mehr gesichert, fester zusammengefügt. ivaS z» der Notwendigkeit einer Hierarchie führt, und haben mehr Zeit, sich mit abstrakten Ideen zn befassen. DaS Leben der mongolischen Völker zeigt, daß bei ihnen die Wissen- schaft blüht— freilich nicht eine Wissenschaft in unsrem Sinne, aber eine solche der scholastischen Erforschung der Dinge, ganz ähnlich wie die europäische Wissenschaft des Mittelalters war. Bei den Mongolen ist in jeder Familie wenigstens ein des Lesens und Schreibens ganze Klasse von Lamas, die ihr ganzes Leben der Wissenschaft widmen und die eine"große Gelehrsamkeit nnd eine erstaunliche Fähigkeit besitzen, �Kommentare zn schreiben. Der scholastische Charakter der mongolischen Wissenschaft hält sie im Slillstand, aber jetzt kann man manchmal hören, daß die Mongolen Geschichten von Turgenjew und Korolenko wieder erzählen, die von ihren ans europäischen Lehranstalten ausgebildeten Landsleuten in die mongo- lischen Steppen gebracht worden find. Es giebt interessante Beispiele gemeinsamen Bestehens von Nomadenleben und Ackerbau sowie von llcbcrresteii des Nomadenlebens sogar bei den kultiviertesten Völkern. So ist es Potanin und Klcmenz gelungen, versteckt unter noma- disicrcndcn Mongolen das Völkchen der C h o t o n z e>i zn finden. die schon bearbeitete Felder haben, aber sich nach der Bestellung der Saaten aufmachen, um mit ihren Herden zu nomadisieren. Nach Klemeuz' Meinung ist dieses Volk, das sich unter den Mongolen durch fast europäische Gesichtszüge auszeichnet, ans Tnrkestan zur Zeit eines Dschnnganeneinfallcs mit fortgeschleppt worden. Ganz ebenso begeben sich die tranSbaikalischcn Kosaken, die große, mir Saaten bestellte Fluren haben, im Sommer ins Innere der Mongolei, um dort zu nomadisieren. Die sogenannte Alpen- wirtichaft in der Schrveiz ist ebenfalls nichts weiter als eine Lager- ändernng nach Art der Nomaden. In der Normandie haben unter dein Einfluß der ivachscndeu Nachfrage nach Fleisch von normannischen Hammeln viele Bauern den Ackerbau aufgegeben nnd beschäftigen sich fast mir noch mit der Zucht von Hannncln auf den Heiden der sumpfinoore. So kann die Entwicklung der Großstädte zur Wieder- erweckniig des NoinadculebcnS führen.— Humoristisches. K. D i e elektrische R a s i e r m a s ch i n e. AnS Paris wird berichtet: Ein Barbier namens Bontemps, der in der Rne de Conrcelles seine Knust betreibt, erregte vor kurzem die Be- wnndernng seiner Nachbarschaft, weil er eine patentierte, schnell rasierende elektrische Maschine erfunden hatte. Das Instrument ist eine kleine Rotationsmaschinc, die anS einer Anzahl sich drehender Sichcrheitsklingcn nnd einer kleinen einseifenden Bürste mit einem Behältnis, das genug Seifenschaum zum einmaligen Rasieren faßt, besteht. Der Barbier hält die Maschine in seiner Hand, und sie wird durch einen sehr schwachen elektrischen Strom in Betvegnng gesetzt. Die Maschine scheint einige Zeit gut gearbeitet zn haben. Die Leute ließen sich ans Neugierde bei ihm rasieren, und das Geschäft des Barbiers blühte. Neulich jedoch ließ sich ein Herr eiligst rasieren, nnd der elektrische Apparat wurde in Be« wegnng gesetzt. Als aber die Operation vorbei ivar, bemerkte der Knude, daß der ganze untere Teil seines Gesichts blau geworden war und überdies hatte er cincn brennenden Schmerz. Andre auch mit dem elektrischen Rasierapparat rasierte Herren machten dieselbe Erfahrung. Merkwürdigerweise scheint zunächst niemand dies dem Rasierapparat zugeschrieben zn haben, aber eine Anzahl konsultierter Aerzte stellte fest, daß die Patienten Verbrennungen erlitten, die durch Elektrieität hervorgerufen waren. Die Folge davon ist, daß der Barbier s i c b z c h n A n k l a g e n a u f S ch a d e n S e r s a tz zn gewärtigen hat. Der elektrische Rasierapparat ist vorläufig beiseite gelegt worden, bis sein Erfinder die Ursache, ans der der Apparat feinen Dienst versagte, ausfindig machen kann.— Notizen. — Felix D ö r m a n n bestätigt in der„Münchener Allg. Ztg.', daß sein Stück„Der Herr von A b a d e s s a", als es den Bancrnfeldpreis erhielt, noch nicht in den Buchhandel gelangt Ivar. Aufgeführt war es auch noch nicht, also— hat es den Preis„unter der Hand" bekommen.— — Die„Freie Volksbühne" bringt am 12. Januar „ D a n t o n'S Tod" von Georg B ii ch n e r. insccnicrt vom Oberregisseur Hahn, im Karl Weiß-Theater zur Aufführung.— — Hermann Vahrs Komödie„KrampnS" wurde in Linz mit bestrittenem Erfolg aufgeführt.— — Den diesjährigen Vortragscyklns des Giordano Bruno- Bunds eröffnet am 27. November Dr. Her m a n n T ü r ck mit „Die Weltanschauung des Genies". Der Vortrag findet im Bürgersaale des Rathauses statt.— — Im nächsten Abonnementskonzcrt deS Berliner Ton- k ü n st l e r- O r ch e st e r S. das am 16. Dezember bei Kroll statt- findet, kommt eine Liebcsscene aus Richard Strauß' Oper „Feuersnot" zum Vortrag.— — Richard Strauß' Oper„F c u e r s n o t", Text von Wolzogcn, hatte bei der Erstaufführung an der Dresdener H o f o p c r einen großen Erfolg.— — Starkes Faulen des Obstes wird in diesem Winter allgemein beobachtet nnd in Fachkreisen lebhaft besprochen. Der Berliner städtische Obergärtner Mendc ist der Ansicht, daß infolge der Hitze das Obst 11 Tage früher als sonst gereift, aber wohl nicht rechtzeitig gcerntct und an einen kühlen Ort' gebracht sei! Wärme nnd Licht hällen zersetzend gewirkt. Andrerseits ist indessen auch daS früher gepflückte Obst dem Verderben nicht entgangen.— Verantwortlicher Redactem: Carl Leid in Berlin.. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.