Anterhaltungsblatt des Nr. 232. Donnerstag, den 28. November. 1901 (Rachdruck verboten.) 21] CreMk. Roman von B r e t Harte. „Ma hätte verständiger sein und Dich hinter mir durchs Fenster lassen sollen," sagte Cressy mit einem matten Seufzer. „Raufen ist nicht Deine Sache— das ist für die anderen. Der Seth wird Dir das nachtragen." „Ich werde mich schon zu schützen wissen," entgegnete Ford stolz. Dennoch hatte er das drückende Bewußtsein, daß seine zierliche Bürde seinen Heldenmut nicht eben hoch schätze. „Seth bricht Dir die Knochen im Leib entzwei. Kind," meinte sie naiv. Als er sich dann aufzurichten versuchte, fuhr sie fort:„Laß Dich das nicht kränken. Schatz. Natürlich würdest Du Dich totschlagen lassen, eh' Du weichst. Das ist aber auch ihr einziges— das ist ihr Geschäft! Das ist alles, was sie können— begreifst Du denn nicht? Darin bist Du ihnen nicht gleich— das ist's, warum Du höher stehst als fiel Darum gerad' bist Du mein Schatz— darum lieb' ich Dich!" Sie hatte sich ganz an seinen Hals gehängt und ihn wieder aus seinen Platz niedergedrückt. Die Hände um seinen Nacken gelegt, schaute sie ihm fest ins Gesicht. Die Farbe war aus ihren Wangen geflohen, die Augen schienen größer zu werden, der nämliche Blick voll Verzückung und Hingebung, welcher ihr junges Gesicht auf dem Balle so verklärt hatte, war auf ihn gerichtet. Ihre Lippen öffneten sich leicht und mehr schien sie zu flüstern als zu sprechen: „Was sind uns die Leute? Was ist Seths Eifersucht, Onkel Bens und Masters' Thorheit, Pas und Mas Zanken und Schelten Dir und mir, Schatz? Was kümniert uns, was sie denken, was sie aushecken, was sie hindern wollen? Wir lieben uns. wir gehören uns ohne ihren Beistand oder ihren Widerspruch. Seit der Zeit, da wir uns zuerst sahen, ist es so und seit der Zeit hatten Pa und Ma und Seth und Masters' und auch Du und ich nichts andres zu thun. Das ist die Liebe,>me ich sie kenne; nicht Seths erbärmliche Raserei und Onkel Bens kindische Thorheiten und Masters' dumme Einfalt, sondern nur Liebe. Und weil ich das weiß, lasse ich Seth rasen und Onkel Ben tändeln und Masters' schwätzen— und weswegen? Um sie mir und meinem Schatz fernzuhalten. Sie waren zufrieden und wir waren glücklich." Wußte er auch, daß sie nicht viel nachgedacht über das, was sie sprach, so machte die hinreißende Innigkeit ihrer Worte ihn doch schwankend. „Aber wie soll das enden, Creffy?" fragte erleiden- schaftlich. Der verzückte Blick schwand und Farbe und Beweglichkeit kehrten in ihr Gesicht wieder zurück.„Enden, Liebster?" wiederholte sie langsam.„Du hast doch nicht daran gedacht, mich zu heiraten— wie?" Er errötete und stammelte:„Ja." wenn auch sein früherer Wankelmut und sein jetziges Mißtrauen gegen sie in Blick und Ton erkennbar waren. „Nein, Schatz," sagte sie ruhig, beugte sich herab, um ihren kleinen Schuh loszubinden und Staub und Fichtcü- nadeln daraus zu entfernen,„nein! Ich bin nicht klug genug. um Deine Frau zu sein, und das weißt Du. Und ich könnte nicht ordentlich Haus für Dich halten, und anders könntest Du mich nicht brauchen. Und dann würden's alle wissen, und es bliebe nicht länger unter uns beiden. Liebster, und mit unseren einsamen Zusammenkünften wär's aus. Und wir könnten nicht verlobt sein— das wäre zu sehr wie mit mir und Seth. Das meinst Du doch auch— und Leute wie Du, die heiraten kein Hinterwäldlermädchcn, das über keine Nigger gebieten kann! Nein, fuhr sie fort, indem sie ihr stolzes Köpfchen cniporhob,„nein, Schatz, darin sind wir doch einig. Und nun. Süßer, ist's bald Zeit, daß ich gehe. Sag mir 'was Liebes— eh' ich gehe. Sag mir, daß Du mich noch liebst— erzähl mir, was Du an dem Ballabend gefühlt hast, als Du zuerst gemerkt hast, daß wir uns lieben. Doch halt -- erst kufse mich— noch'mal— noch'mall" XL Als Onkel Ben oder„Herr Benjamin Daubigny", wie er bereits in den Spalten des„Stern" genannt wurde, Fräulein Mc Kinstry auf ihrem Heimwege nach dem ersten Beweise von Zuvorkommenheit und Gastlichkeit, seit er zu Reichtum und Ansehen gekommen war, begleitet hatte, blieb er in einem Zustande verblüffter Einfalt stehen. Es war richtig, daß ihr Zusammentreffen ein zufälliges gewesen; es war richtig, daß Cressy seine Aufmerksamkeit nüt einer gewissen Belustigung sich hatte gefallen lassen; es war richtig, daß sie ihn anr Rande des Mc Kinstryschen Waldes plötzlich in einer Weise verlassen hatte, die jedem andern Begleiter von weniger unverwüstlicher Gutmütigkeit, als Onkel Ben sie besaß, höchst unziemlich erschienen wäre; allein das alles verringerte sein einfältiges Glücksgefühl nicht. Es ist sogar wahrscheinlich, daß er in dem thörichten Glauben, seine schüchterne Huldigung sei zu stürmisch gewesen, Cressys Flucht einer mädchenhaften Sprödigkeit zuschrieb, welche seine Verehrung für sie und sein Selbstbewußtsein nur erhöhte. In diesem freudigen Bewußtsein und in der wachsenden Dunkelheit rannte er gegen einen Baum, den er in seiner Vertvirrung für seine Begleiterin von vorhin ansah und den er mit ihrem Namen anredete. So geschah es, daß er allmählich vom Wege abkam und unvermutet auf die Lichtung vor dem Schulhause geriet. „Wenn das nicht die wunderlichste Geschichte ist, Fräulein," begann er, hielt aber Plötzlich inne. Ein leises Geräusch wie das Splittern von Holz erregte seine Auf- merksamkeit. Augenscheinlich war der Lehrer dort. Wenn er allein war. wollte er mit ihm reden. Er trat zum Fenster, blickte hinein, und im Augenblick war seine freundliche Stimmung dahin. Leise ging er zur Thür, versuchte sie zu öffnen und dann legte er die mächtige Schulter dagegen und drückte das Schloß auf. Er betrat den Raum gerade, als Seth Davis, erschreckt, aber voll Wut, sich von dem Pult des Lehrers aufrichtete, das er erbrochen hatte. Kaum hatte er Zeit, etwas in seiner Tasche zu verbergen und den Deckel zu schließen, als Onkel Ben schon herantrat. „Was thun Sie hier, Seth Davis?" fragte er mit ruhiger Entschlossenheit. „Und was thun Sie hier, Herr Ben Dabney?" lautete Seths freche Gegenfrage. „Na," entgegnete Onkel Ben und pflanzte sich vor seinem Gegner auf,„ich bin nicht als Scheriff hier, aber ich dewP, ich Hab' das Recht, andrer Leute Eigentum zu schützen." fügte er mit einem bezeichnenden Blick auf das erbrochene Pult hinzu. „Ben Dabney." versetzte Seth mit herausforderndem Murren,„mit Ihnen Hab' ich keinen Streit gesucht." „Dann geben Sic mir das her, ,'was Sie eben aus dem Pult genommen haben, nnd übers andre reden wir nachher," sagte Onkel Ben näher tretend. „Ich sag' Jhn'n. ich Hab' mit Jhn'n keinen Streit ge- sucht, Onkel Ben," gab Seth znrück, indem er mit boshaftem Grinsen rückwärts wich;„und wenn Sie davon reden, daß Sie andrer Leute Eigentum schützen, dann sehen Sie erst nach Ihrem eigenen— oder was Sie so nennen wollen— anstatt mit dem Mann anzubinden, der Jhn'n hilft. Hier Hab' ich die Beweise, daß der Hund von'nem Schul- meister, an den sich Cressy Mc Kinstry gehängt hat und den die Alten in ihre Anne treiben wollen, ein der- logener, niederträchtiger, scheinheiliger Verführer ist." „Halt I" rief Onkel Ben mit einer Stimme, welche daS ganze Haus erdröhnen machte. Er trat auf Seth Davis zu, nicht mehr in der gewöhn- lichen gemächlichen Weise, sondern in einem Schritt, von dem das Zimmer erbebte. Ein einziger Griff seiner mächtigen Rechten gegen die Brust des jungen Menschen drückte diesen auf den Stuhl des Lehrers nieder. Sein sonst blühendes Gesicht war grau geworden wie das Zwielicht; seine drohende Gestalt verschattete die Fenster. Eine unerklärliche Reaktion ließ ihn dann leicht in sich zusammensinken, eine schwere Hand legte er zitternd auf das Pult und mit der andren strich er in gewohnter Weise über den Mund. „Was sagten Sie da von Cressy?" fragte er heiser. „Was alle sagen," versetzte der erschrockene Seth, der bei - 9! JcB Gegners Erregung seine feige Furcht wieder schwinden suhlte.„Was jeder Jung' weisz, der hier in der Schul' sitzt und. sie zusammen sieht. Sie würden's auch wissen, wenn er und Rup Ihnen nicht die ganze Zeit ein X fiir ein U vor- gemacht hätten. Und dieweil Sie sich die Augen ausgeguckt haben nach'nem Zipfel von Cressys Rock, hat er sie ausgelacht, und Rup hat Sie hier festhalten müssen und so thun, als wenn er Ihnen Stunden giebt, indessen er mit ihr'rum- gestrichen ist und hat mit ihr gekost und sie gekützt in Scheunen und im Busch— und da wollen Sie mit mir anbinden." Er hielt inne, rang nach Luft und starrte boshaft in das graue Antlitz seines Zuhörers. Doch Onkel Ben erhob nur leicht seine Hand niit einer warnenden Geberde, schritt in seiner gewöhnlichen vorsichtigen Art zur Thür hin, schloß die- selbe und kehrte langsam wieder zurück. „Ich denke, Sie sind durchs Fenster'rcingekommen, Seth Davis, was?" fragte er, seine Erregung mühsam be- herrschend. „Was geht's Sie an, wie ich'reingckommen bin, Ben Dabney," entgegnete Seth, dessen feindselige Frechheit nnt seines Gegners Schwäche zu wachsen schien,„vorläufig bin ich hier und Hab'— wahrhaftig!— was ich wollte. Denn indessen das alles geschah und die beiden Alten ruhig zugaben, was sie sahen und nicht sahen, und sich freuten, daß sie'n feinen Herrn für ihre Tochter gekapert hatten, hat der seine Herr s i e auch zum Narren gemacht, bei Gott! Ja, der feine, scheinheilige Schulmeister hat'ne verheiratete Frau in Franzisko, dieweil er hier mit Eressy sponsiert, und ich Hab' hier die Papiere, das zu beweisen." Mit rauhem Lachen schlug er sich auf die Brusttasche und schaute seiueni Gegner in das graue Gesicht. „Und Sie haben ausspioniert, daß sie hier drin waren, und haben das Pult aufgebrochen?" fragte Onkel Ben und betrachtete aufmerksam das zerbrochene Schloß, als wäre das das Wichtigste bei der ganzen Sache. Seth nickte.„Ich sah heut' nachmittag durchs Fenster, wie er sie durchlas, und ich nahm mir vor, daß ich sie haben müßt' und sollt' ich's Pult aufbrechen. Und ich that's!" fügte er mit triumphierenden Lachen hinzu. „Und Sie thaten's— ordentlich I" bemerkte Onkel Ben mit gewisser Bewund erung und strich mit seiner schweren Hand über den zerspl ittcrten Deckel. Und Sie meinen. Seth, wenn Sie das weitererzählen, daß dann alles aus sein wird zwischen ihm und der— und dem Fräulein— Fräulein Mc Kinstry?" fuhr er mühsam und förmlich fort. „Ich denk', wenn der alte Narr Mac Kinstry ihn nicht übern Haufen schießt, dann sind noch Leute genug in In- dianerbrunn, die den hochmütigen, giftigen Schleicher aus'm Dorf hinausjagen I" „Das ist wahr!" sagte Onkel Ben sinnend nach einer kurzen Pause des Nachdenkens, während welcher er sich mehr mit dem zerbrochenen Pult als dem zu beschäftigen schien, was sein Gefährte sagte. Dann fuhr er vorsichtig fort: „Und weil die Geschichte verdammt schlau angefangen werden muß, Seth, ist es besser, wenn Sie die Papiere mir geben." „Was! Ihnen?" murrte Seth und machte voll Argwohn einen Schritt rückwärts;„fällt mir nicht ein!" „Seth," sprach Onkel Ben, die Ellenbogen auf das Pult gesetzt, mit mühsam erzwungener Ruhe,„als Sie die Gc- schichte zuerst anfingen, da wußten Sie nicht, daß ich so- zusagen Anrechte an diese junge Dame besitz' und die Rechte schützen will. Mir scheint drum, daß die Papiere m i r zu- kommen— denn Sie haben sozusagen kein Recht wahr- zunehmen, weil Sie mit der jungen Dame auseinander sind und mit ihr nichts zu thun haben. Und wie ich vorhin sagt', muß die Sach' sehr sch lau angefangen und die Papiere mit Verständnis gebraucht werden, und drum, Seth, muß— muß ich schon sehr bitten." Mit einem raschen Blick nach der Thüre sprang Seth auf die Füße, allein Onkel Ben hatte sich zu seiner ganzen be- ängstigenden Größe erhoben. Schon glaubte jener Onkel Bens mächtigen Arm znm Hiebe ausgestreckt zu sehen. Plötzli ch fiel ihm ein, wenn er die Ausführung des ganzen Rncheplans Onkel Ben überlasse, müsse auch der Verdacht des Diebstahls auf den fallen, der die gestohlenen Briefe im Besitz habe. Dieser Vorteil wog bei ihm mehr als die Ge° fahr, daß Onkel Ben dieselben dem Lehrer wieder ausliefern könnte. In letzteren! Falle konnte er, Seth, noch das Ge- rücht verbreiten, er habe die Briese gesehen, welche Onkel 8— Ben in einem Anfall von Eifersucht gestohlen— eine An- nähme, welche dessen Bekanntschaft mit dem Schulhause und seine Eifersucht Cressys wegen, nach deren Besitz er nun als wohlhabender Mann strebte, um so richtiger erscheinen ließen. Mit scheinbarein Widerstreben faßte er in seine Brusttasche. „Natürlich," sagte er,„wenn Sie den Kampf um Ihre Rechte aufnehmen wollen, und weil Eressy nichts für mich ist, sollen Sie die Beweise haben. Geben Sie sie bloß nicht dem Hund zurück. Sobald er sie wieder hat, läßt er Sie wegen Diebstahls einstecken. Das wird ihm Spaß machen. Ich würd' sie zuerst i h r zeigen— was meinen Sie?— und ich denk', da sie Ma'm Mc Kinstrys Tochter ist, wird sie's ihm schon eintränken." (Fortsetzung folgt.) ILO Nilomekev in dev Skunvo. Uebcr die von der„Stndiengcscilschaft fiir elektrische Schnellbahnen" vorgenommenen Versuche: festzustellen, welche Einrichtungen sowohl an der Bahn wie auch an den Fahrzeugen getroffen werden müssen, wen» die Geschwindigkeit der letzteren erheblich bis über die bisher eingehaltenen Grenzen hinaus(bis 200 Kilometer in der Stunde) gesteigert werden soll.— über diese Versuche berichtet das „Ccntralblatt der Banverivaltung" jetzt in ausführlicher Weise wie folgt: Die Schnellfahrversuche fanden auf dein Geleise der Militär- Eisenbahn von Marienfelde bis Zossen statt. Die günstige Linien« führung dieser Strecke, die bei rund 23 Kilometer Länge nur weuige Krümmungen(mit 2000 Meter kleinstem Halbmesser) und einige geringe Steigungen(1: 200) aufweist, ließ sie zu der- artigen Bcrsiicheii' als besonders geeignet erscheinen. Die Beschaffen- heit des Oberbaues entsprach freilich nur derjenige» der älteren Ge- leise der Staatseisenbahncn; die llnterschwellung und der Bettungs- ftoff waren grösstenteils sogar recht minderwertig. Nach dieser Richtung lies; sich aber ohne allzu groste Schwierigkeiten eine wesentliche Verbesserung hcrveiführc», indem man die ältesten Teile der Strecke ganz umbaute, im übrigen die Bettung durch Ein- bringung erheblicher Mengen von Steinschlag vcrbcffcrte und die Zahl der Schivellen vermehrte. Alle diese Arbeiten sind auf Kosten der Stndicngesellschaft nuter Leitung von Offizieren der Militär-Eisenbahu ausgeführt worden. So ist es denn ge- lungcn, dies Geleise in einen solchen Stand zu setzen, daß man un- bedenklich eine bedeutende Steigerung der Fahrgeschivindigkeit in Aussicht nehmen durfte. Immerhin hatte man, um sich nicht in unerschwingliche Kosten zu stürzen, notgedrungen den grössten Teil der minderwertige»(Sand-) Bettung und auch die meisten eisernen Schwellen(von teilweise sehr knapper Länge und veralteter Bauart) im Geleise belassen müssen. Dabei war man sich vollkommen darüber klar, das; dies eine um so schärfere Beobachtung und sorg- fältigere Nnterhaltung der Strecke bedingen und dast trotzdem ver- mutlich die Beschaffenheit des Oberbaues der Erhöhung der Fahr- geschwindigkeit schtietzlich eine Grenze setzen würde. Die beiden Vcrsuchsfahrzeuge sind von van der Zypc» und Charlier in Köln-Deutz in etivas verschiedenen Formen erbaut. Der eine Wagen ist von Siemens n. Halske, der andre von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin mit der elektrische» Ausrüstung versehen worden. Die beiden Firmen haben ganz uu- abhängig von einander nach wesentlich verschiedenen Plänen gearbeitet. Das Laufwerk der Wagen bilden je.zwei dreiachsige Drehgestelle, auf deren erste und letzte Achse die Moloren wirken. Der Abstand der Drehgestelle von Mitte zu Mitte beträgt rund 14 Meter, die Länge des Wagenkastens ungefähr 23 Meter. Als Antriebskraft dient Drehstrom mit einer Spannung bis zu 12 000 Volt, der von dem Werke Ober- Schöneweide der Berliner Elektneitälstverke mittels einer 15 Kilometer laugen Speise- leitnng der Versuchsstrecke zugeführt wird. Die in den Wagen angebrachte» großen Umformer setze» die Spanunng ans 500 bezw. 650 Volt herab, für die die Antricbmotore berechnet sind. Die Arbeitsleistung der letzteren kann für jeden Wagen von 1000 auf 3000 Pferdekräftc gesteigert werden. Die Fahrleitung zeigt drei senk- recht über einander liegende Drähte von je 100 Qundratmillimeter Kupferqucrschnitt, von denen der Strom mittels dreier die Fahr- drähte seitlich berührender Bügel abgenommen ivird. Diese ganz neue und sehr sinnreiche Anordnung ist von Siemens«. Halske ent- worfen, durch eine Reihe von Vorversuchcu erprobt und dann auf der Versuchsstrccke ausgeführt Ivorden. Die Wagen sind mit Westiughousc-Luftbremse und mit Handbremse versehen; der eine von ihnen kann auch elektrisch durch Gegcnstroni gebremst werbe«. Eine große Zahl der verschiedensten Meßvorrichtungen ist in den Wage» und mif der Strecke angebracht. Mit diesen Mitteln sind nun die Versuchsfahrten im September dieses Jahres begonnen worden. Sie fanden zunächst unter Vor- spann einer Lokomotive statt, um die Wagen einzufahren und in ihre» einzelnen Teilen prüfen und nötigenfalls nachbessern zu können. Darauf wurde zum Fahren mit elektrischem Antrieb geschritten und die Gcschlvindigkeit stufenlveise von 60 Kilometer an noch und nach auf lOO, 120, 180, 140 Kilometer in der Stunde gesteißert. Alsdann fanden einige Fahrten statt, bei denen für kurze Zeit die Höchstgeschwindigkeit bo» ISO Kilometer, in einein Fall sogar von 160,2 Kilometer erreicht wurde— das sind Geschwindigkeiten, mit denen bisher noch niemals ein Mensch gefahren ist. Dabei stieg die Spannung des elektrischen Stromes in der Speiseleitung über 10 000 Volt und wurden die bis dahin sehr mähigcn Bewegungen des Fahrzeuges schon etwas un- ruhig. Dies gab den Anlaß, eine Pause in der weiteren Steigerung der Geschwindigkeit zu machen. Das Geleis war selbstverständlich während der Versuche genau beobachtet und stets sofort sorgfältig wieder in Stand gesetzt worden, wo sich ein Mangel zeigte; hierbei hat sich die scharfe, sachkundige Beaufsichtigung der Strcckcnarbcitcu durch die Offiziere der Militareisenbahn vortrefflich bewährt. So wurden denn nach dem Erreichen der vorerwähnten hohen Fahr- geschwindigkeiten auch alsbald ihre Einwirkungen ans das Gestänge sehr genau festgestellt. Eine Anzahl verbogener Schienen ließen ins- besondere den ungünstigen Einfluß des Wechsels von Schotter- und Sandbettung deutlich erkennen. Wenn nun auch eine noch cttvas weiter— vielleicht bis auf 170 Kilometer— gehende Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit nach dem Urteile einiger der die Versuchsfahrten ausführenden Fachleute zulässig gewesen wäre, so beschloß man doch, hiervon zunächst Abstand zu nehmen, die Versuche vorläufig niit den als unbedenklich erkannten Gcschivindigkeiteu bis zu 140 Kilometer zu wiederholen und dabei die Untersuchungen über das Verhalten der Leitungen und Motoren, über denZStromverbrauch, die Anfahr- und Bremswege, den Luftwiderstand usw. fortzusetzen. Es sind zwar schon eine Menge wertvoller Wahrnehmungen über alle diese Punkte gesammelt worden; zir einem entscheidenden Urteile reichen sie aber doch bei ivcitcm noch nicht aus. Dies ist der augenblickliche Stand des einzig in seiner Art da- stehenden Unternehmens. Noch nie ist wohl ein so großartiger Versuch mit solcher Opserivilligkeit und Thatkraft in Angriff ge- nommen worden. Schon jetzt trägt dieses Vorgehen reiche Früchte, lange bevor die Versuche zu ihrem Ziele geführt sind. So ist z. B. die Anschauung über die Grenze der zulässigen Fahrgeschwindigkeit wie mit einem Schlage gänzlich verschoben worden; glaubte doch schließlich der bedächtige Leiter der Versuche besonders vorsichtig zu sein, wenn er die Weichen der Zwischenstationcn„recht langsam" mit „i»ir" 130 Kilometer durchfahren ließ! Und die Fahrgeschwindigkeit von 160 Kilometer ist ans einer Strecke mit allem Oberbau aus leichten Schienen(33,4 Kilograium-Metcr) und zum Teil ciscruen Schwellen und in einer mehr Sand als Kies enthaltenden Bettung erreicht worden— allerdings bei außergewöhnlich sorgsamer Ueber- wachnng. Keiner der an den Versuchen beteiligten Fachleute hatBedcnkeu gegen die Fortsetzung der Fahrten mit Geschwindigkeiten bis zu 140 Kilometer. An der elektrischen Einrichtung der Wagen haben sich natürlich hier und da die unvermeidlichen Kinderkrankheiten eingestellt: es brannte mitunter eine Kleinigkeit durch«. dgl. nrehr. Im ganzen habe» sich aber auch diese Einrichtungen größtenteils bc- währt. Ein fast nnerlvnrtetcr Erfolg ist insbesondere mit der Strom- znsührnng durch die Seitenabnehmer erreicht worden. Diese hat sich bis zn de» riesigen Geschwindigkeiten von 160 Kilometer in der Stunde— 44,4 Meter in der Sekunde so ruhig und glatt abgespielt. tvic man es kaum erwarten durfte. Auch daß trvß der in einige» Fälle» erreichten gewaltigen Spannung von mehr als 12 000 Volt bisher kein Mensch zn Schaden gekommen, ist ein bemerkenswerter Erfolg. Schließlich verspreche» die Luftdrucknicssnngcn Ergebnisse von großer allgemeiner Bedeutung; denn die Schnellsnhrten bieten zum crsteuniale Gelegenheit, die Beziehungen zrvischcu der Geschlvindig- keit und dem Druck der Luft bei geradliniger Bewegung für höhere Geschivindigkeilswerte durch unmittelbare Messungen festzustellen.— Kleines Feuilleton. cy. Nuö den Mcinone» dcö Spicltcnfcls. Ein spanischer Schrisistcller der Zeit Karls V., Lucio Marinco, war über die Wer- herungcn, die er die Spielwut unter den Aristokratin des knstilianischcn Hofes anrichten sah, dermaßen entsetzt, daß er sein Lamento über das im damalige» Spanien ungemein verbreitete Laster niit dem Ausruf schloß, die Hölle sei mit Spielern gefüllt. So schrieb auch ini folgenden Jahrhundert, als besonders unter der Soldateska des dreißigjährigen Krieges das Würfelspiel allgemein im Schwang war, der große Romanschriftsteller Griminelshanfen:„Weil das Spielen des leidigen Teufels eigne Erfindung ist und ihm nicht wenig ein- trägt, so hat er auch absonderliche Spielteufel geordnet, um in der Welt hemmzuschwärnicn, die sonst nichts zu lhnn haben, als dic Menschen zum Spielen anzureizen." Wenn einer den obersten der hier an- genommenen Spielteufel seine Memoiren schreiben ließe, die Grundidee von weiland Wilhelm Hauffs unvollendeten„Memoiren des Satans" in beschränktem Umfange ivieder aufnehmend, so müßte das ein artiges Sündenregister werden, das hochnoble Name» die Hülle und Fülle und von Urväter Zeiten her enthielte. Trieb doch schon in der Jugend des Hellcnenvolkes, als die homerischen Gedichte entstanden, der Spielteufel sein tückisches Wesen, Ivie ivir aus einer Stelle der „Jlins" ersehen. Da heißt es, daß Achilles' Busenfreund Patroclus als Knabe das väterliche Haus und die Heimat verlassen niußte, weil er dort in der Leidenschaft des Würfelspiels einen Freund ge- tötet hatte. Auch in Rom war das Würfelspiel von jeher äußerst beliebt: vor allem natürlich in den vornehmeren Kneipen als Mittel gegen den Spleen. Wiederholt wurde die noble Passion freilich gesetzlich verboten, ivobci nur für den alt« römischen Karneval, die Saturnalien, eine Ausnahme ge- mache wurde. Diese Ausnahme vermochte aber nicht entfernt für die Entsagung der übrigen Zeit schadlos zn halten, sintemal''auch da bloß um Nüsse gewürfelt werden durfte, was denn freilich lein Nüttel gegen vornehme Langeweile war. Aber die bezügliche» Gesetze standen im großen und ganzen nur auf dem Papier; den» nicht nur wurde an den Saturnalien wacker um Geld geknobelt, wobei manch- mal große Vermöge» zum Teufel gingen, sondern auch zu allen übrigen Zeiten fanden sich Orte und Gelegenheiten in Menge, um in Ruhe ei» Spielchen zu machen. Es gab sogar veritable Spiel- Höllen, berufsmäßige Spieler und natürlich auch Taschenspieler, ivie zum Ueberfluß die bei den pompejanische» Ausgrabungen ge- fundenen Würfel beiveisen. Daß man sich also leichten Muts über die Gesetze gegen das Hazard hinivcgsctzte, kann wenigstens für die Kaiscrzcit weiter nicht wunder nehmen, da mitunter das Staatsoberhaupt selbst durch eifrige Pflege des vornehmen Zeitvertreibs mit gutem Beispiel voranging. Ans dein Briefwechsel des Kaisers Angnstns hat uns Sncto» ein paar Stellen aufbewahrt, die dafür in interessanter Weise Zeugnis ablegen. In einem Brief an seine Tochter Julia schreibt Augnstns:„Ich habe Dir 250 Denare geschickt, soviel als ich jedem meiner Gäste gegeben hatte für den Fall, daß sie bei Tiscb, sei es mit Würfeln, fei es Gleich— Ungleich spielen wollten." 250 Denare sind 175 M. An seinen Sohn Tiberius schreibt er:„Wir haben, lieber Tiberius, die QninqUätrus(das Fest der Göttin Minerva) ziemlich angenehm verbracht. Wir haben nämlich an sämtlichen Tagen gespielt und das Würfelbrett ordent- lich ivarm geHallen. Dein Bruder hat bei der Sache ein lautes Geschrei erhoben. Im ganzen hat er nicht viel verloren; sondern nach großen Verlusten hat er sich allmählich wider Erwarte» wieder herausgezogen. Ich habe für meine Person 20000 Sestcrzicn(— 3öOOM.) verloren, aber bloß, ivcil ich beim Spiel äußerst freigebig war. ivie ich meistens zn sein pflege. Denn, ivenn ich auf den Würfen, die ich jedem erlassen habe, bestanden hätte oder behalten, lvaS ich jedem geschenkt habe, so hätte ich sogar 50 000<� 8750 Mark) gewonnen. Aber ich mach's lieber so. Denn nieine Güte lvird mich zu himm» lischcm Ruhme erheben." Ans dem letzten Satze spricht der ganze, geriebene Egoismus des Angustus. Die Spicllvut gehörte also auch zu den Verfallsymptomen der römischen Aristokratie. Wenn aber sonst der große Geschichtsschreiber Tacitus seinen entarteten StaildeS- genossen in der„Germania" das unverdorbene Barbarentum der alten Deutscheil als Sittelijpiegel vorhält, in Bezug auf die Leiden» schast des Würfelns kann er das nicht, sondern er muß zugestehen: „Das Würfeln, worüber man sich wundern muß, betreiben sie nüchtern nnter den ernsthaften Dingen, mit solchem Mangel an Ueberlegung in Bezug auf Gcivinn und Verlust, daß sie, ivenn alles andre ver- spielt ist, beim letzten und weiigeheudsten Wurfe ihre persönliche Freiheit einsetzen: der Verlierer geht srciivillig in die Sklaverei: Mag er auch jünger und kräftiger sein, er läßt sich geduldig binden und verkaufen. So groß ist ihre Hartnäckigkeit auch in einer schlechten Sache: sie selbst iicnucnrs Treue." Deutschland blieb auch später ein gesegnetes Erntefcld für den Spielteufel, trotz aller ivelllichen und kirchlichen Verbote. Jenes„tilinbe Brüdcrlcin" im Volkslied des 15. Jahrhunderts, dessen Wappen»eben„sechs hübscher Freulein zarte"„drei Würfel und ein Karte" tvaren, fand würdige Nachfahren in den Landsknechten des 16. Jahrhuuderls und in den Soldaten des dreißigjährigen Krieges, deren Ivüstcs Treiben beim Spiel Grinunelshausc» im „SjmplicissimuS" ausführlich schildert. Besonders interessant ist die eingehende Schilderung des förmlich in System gebrachten Schivindels mit den falschen Würfeln. Da gab es„Niederländer", die man schleifend hiurollen mußte:„diese hatten so spitzige Rücken, darauf sie die Fünfer und Sechser trugen, als ivie die mageren Esel, darauf man die Soldaten setzt." Etliche tvaren von Hirschhorn, leicht oben und schtver unten gemacht. Andre waren mit Quecksilber oder Blei, wieder andre mit zerschnittenen Haaren, Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert usw.„Und crlle diese Gattungen waren auf nichts andres als auf Betrug verfertigt, sie thalcu dasjenige, wozu sie gemacht tvaren. man. mochte sie gleich wippen oder sanft schleichen lassen; da half kein Kuüpfcns, ganz von denen zu schtveigcn, die entweder zween Fünfer oder zwcen Sechser und im Gegenteil entweder ztvei Asse oder zwei Dause hatten. Mit diesen Schelmeubeiuern zwackten, lauerten oder stahlen sie einander ihr Geld ab, ivelches sie vielleicht ebenfalls geraubt oder ivenigstens init Leib- und Lebensgefahr oder sonst saurer Mühe und Arbeit erobert hatten." So mächtig war der Spiel- tcufel über die Seelen der Soldaten, daß alle militärischen Verbote nichts nutzten:„Die Spieler kamen anderwärts in heim- liche» Winkeln und hinter den Hecken zusammen, gewannen einander das Geld ab, entzweiten sich und brachen einander die Hälse darüber, also; daß man solcher Morde und Totschläge halber, und vornehmlich auch, weil mancher sein Gewehr und Pferd, ja, sogar sein weniges Kommißbrot verspielte, das Spielen nicht allein Ivieder öffentlich er- lanbe», sondern sogar diesen eigenen Platz dazu widmen niußte. damit die Hauptwncht bei der Hand wäre, die allem Unheil, so sich etwa» ereignen möchte, zuvorkäme, welche doch nicht allezeit verhüten kann, daß nicht einer oder ander auf dem Platz bleibt." Man sieht, jene feinen Herren, die heutzutage dem Hazard mit soviel Eifer und Erfolg obliegen, daß hin und wieder etliche nnter ihnen vor dem Strafrichter erscheinen. Iviirdcn sich zwar nicht immer in standes- gemäßer Gesellschaft liefinde», mitunter aber sogar in solcher vo» allerhöchste» Herrschaften— wenn der Spielteufel seine Memoiren schriebe. Theater. oe. Thalia-Theater. Das„tolle Geschäft" hat sich trotz Süßeren Aufwandes nach knapp einem Vierteljahr abgewirtschaftet. und so kam denn vorgestern eine neue Firma heran.„Reue Wirtin" heißt es häufig an den Ladenfenstern solcher Erquickinigsinstitute, die mit polizeilicher Konzession eigens für die große Schar derer ein- gerichtet sind, die nicht alle iverden. Ins Thalia-Thcatcr geht nun durchweg ein Publikum, das sich grnndgescheit dünkt; aber geivitzigt vielleicht durch die Erfahrung, daß Neuheit und Güte sich selten vereint finden, ließ es sich gern die Ucberiaschung gefallen, daß ihm in der„Badepuppe" ein aus holder Jugendzeit bekanntes Wesen präsentiert wurde. Als„Riniche" erblickte das liebe Kind von vorgestern schon vor langen Zeiten das Licht der Welt. Das Unglück dieser Theaterprinzessiii ivar ihre Vergangenheit; und um die viele» kleinen Sünden vor ihrem alten Esel von Geniahl zu verbergen. brachte sie drei Alte hindurch recht tolle und unterhaltende Capriole» zu Wege. Diese drolligen Dinge wirkte» auch in der neuen Ans- lackiernng, aber da sie nur Beigabe waren nnd keinesivegs für den Abend ausreichten, so wurden nnbarmherzig alle Nequisilcn der Aus- stattungsbühne und noch einiges mehr herangeschleift. Ja. die Ver- legenhcit um Stoff war im ersten Akt so stark, daß Paula Wornr nach dem Bortrag einiger andrer Conplelverse sogar den lieben Herrgott um Beistand für die Boercn anflehen mußte. Unterhaltender war der zweite Akt durch eine wohlgelnngene Parodie auf die„Note Robe" gemacht worden, und da der dritte Akt so ziemlich ausreichte, um den üblichen Ver- Wechslungs-Knddelinuddcl zu entwirren, so kam im ganzen ein Stück zu stände, das dem Pnbliknm, ein bißchen Toleranz voransgesetzt, für die Dauer der Saison genügen kann. Bei einem so eingeführten Personal ivie das des Tbalia-Theatcrs ist das Spiel natürlich allemal über jedes Lob erhaben. Guido Tielschers Hauptaufgabe war, als Bademeister vo» Blanken berghe im Tricot zu strahle» und Paula Wann als Dame mit der Vergangen- heit zeichnete sich mehr noch durch Spiel und Vortrag als durch den Effekt ihrer Kostüme ans. Und das will an dieser Kunststälte schon was bedeuten. Ein famoser Kerl war auch Herr Helmcrding in der Rolle eines zum Theaterdiener ausgewachsenen Schmiereukünstlcrs.— Meteorologisches. d. Erlebnisse nnd Ergebnisse der höchsten Ballonfahrt teilte Dr. Süring am Mittwoch in der Urania mit. Diese Fahrt hat er am 31. Juli dieses Jahres znsannnen mit Dr. B e r s o n nnternominen und dabei die Höhe von 13 533 Meter «reicht; damit wurde der Höhcnrekord des Herrn Vcrson vom Jahre 1894— derselbe stieg bis zu 9153 Meter Höhe empor— noch beträchtlich geschlagen; vermutlich ist man hiermit an der äußersten Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit angelangt. lieber die Gefahren und Abenteuer von Hochfahrten sind ziemlich unklare Borstellungen und Märchen verbreitet, zum Beispiel wird vielfach geglaubt, bei der dünnen Lust der oberen schichte» und dem schwachen Druck, den die Luft dort ausübe, dringe das Blut ans den Poren des Körpers, sowie ans Nase und Mund. Es beniht das auf Erzählungen von Luftschiffern, die dem Sensationsbedürstiis ihres Publikums Rechnung tragen wollten. In Wirklichkeit ist nichts davon der Fall, vielmehr wird die Gesichtsfarbe eine außerordentlich bleiche. Ueberhaupt handelt es sich in den oberen Luftregionen nicht »mi irgend welche Abenteuer nnd mcrkivürdigen Erlebnisse, sondern um sehr nüchterne Beobachtungen, Ablesungen von Instrumenten, nm den Dnick, dit Temperatur� den Feuchtigkeitsgehalt, die Windstärke festzustellen. Der Laie wird als» durch die nüchternen Berichte von wissenschaftlichen Hochfahrten etwas enttäuscht sei»; für den Meteorolozien aber ist es sehr wichtig, die physikalischen Ver- hältuisse in den oberen Schichten nnsrer Ätmosphäre zu erforschen. Ganz ungefährlich sind solche Hochfahrten übrigens nicht; 1877 stiegen Sivel, Corsö-Spinelli nnd T i s s a n d i e r bis zu einer Höhe von 8633 Meter empor, die Lust- fahrer wurden trotz der Atmung aus mitgesührtcn Sauerstoff- apparaten sämtlich ohnmächtig, und als der Ballon wieder fiel, «wachte nur T i s s a n d i e r. die beiden andern hatten den Er- stickungstod gefunden. In jener Höhe hat die Lust nur etwa den vierten Teil der Dichte, wie am Erdboden, bei jedem Atemzuge «hält man also nur den vierten Teil des Sauerstoffs, den man am Erdboden einatmet, wodurch der Lnftmangel und das Ersticken erklärlich tvird. Durch die wissenschaftlichen Hochfahrten des letzten Jahrzehnts find unsre Anschauungen über den Zustand der Ätniosphäre in den höheren Schichten sehr wesentlich umgestaltet worden. Die berühmte Hochfahrt von G l a i s h e r aus dem Jahre 1863 hatte diesem Forscher eine Höhe von etwas über 11 333 Meter ergeben; aus seinen und den Beobachtungen andrer Luftschiffer glaubte man schließen z» müssen, daß die Abnahme der Temperatur mit zu- nehmender Höhe, welche bei dem ersten Aufstieg von der Erde eine sehr schnelle ist, später viel langsamer wird, und man berechnete sogar für die Grenze der Ätmosphäre eine Temperatur von nur 45 Grad Kälte. Die Hochfahrten aus dem Anfang der Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. neunziger Jahre erweckten starke Zweifel an der Richtigkeit der Glaisherjchcn Resultate, er ist sicher nicht Über 9333 Meter empor- gekommen; auch wird die Temperatur andauernd geringer, und ist bei 13 333 Meter Höhe schon auf 53 Grad Kälte gesunken. Der Grund der Irrtümer Glaishers und der andern früheren Forscher liegt in der Art der Ablesung der Instrumente; dieselben befanden sich in dem Korbe unterhalb des Ballons, der auch die Luftfahrer trug; da der Ballon gleichmäßig mit der Lnft sich bewegt, herrscht in ihm durchaus keine Luft- cirkulation; deshalb macht sich die Ausstrahlung, die von dem menschlichen Körper in der Gondel ausgeht, in starkem Maße geltend und fälscht alle Beobachtungen, indem die Ablesungen der Temperaturen stets erheblich zu hoch ausfallen. Jetzt benutzt man besonders konstruierte Aspirationsthcrmometer, die durch be- sondere Vorrichtung einen ständigen Lnftstrom am Quecksilber des Thermometers vorbeiführen. Auch befindet sich das Thermometer nicht in der Gondel, sondern ist in einer Entfernung von etwa zwei Metern an einem Galgen frei in der Luft aufgehängt>md wird von der Gondel ans mittels eines Fernrohrs beobachtet. Der Ballon, den Dr. Süring und Berson am 31. Juli benutzten, faßte 8433 Knbikmcter Gas; er hatte einen Durchmesser von 25 Meter und eine Höhe von 43 Meter, überragte also das höchste Haus Berlins noch beträchtlich. Sein Gewicht betrug 3333 Kilo- granini und 7333 Kilogramm vermochte er in die Höhe zu nehmen. An der Erde herrschte damals eine Temperatur von 25 Grad und ein Luftdruck von 762 Millimeter. Der Ballon stieg mit rasender Geichwindigkeit empor und hatte bereits nach 43 Minuten eine Höhe' von etwa 5333 Meter erreicht, also eine größere Höhe, als die Spitze des Mont-Blanc in de» Alpen, der höchsten Bcrgspitze in Europa. Das Befinden der Luftfahrcr blieb ein gutes, nnd auch bei weiterem Aufstieg bis zu 9333 Meter Höhe zeigte sich nichts andres als eine große Müdigkeit nnd Erschlaffung, doch wurde in 13 225 Meter Höhe noch mühelos eine Ablesung gemacht. Die Kälte betrug bereits 43 Grad, das Barometer zeigte eine» Druck von 232 Millimeter, woraus sich die Höhe zu 13 533 Meter berechnete. Da Süring in Ohnmacht fiel, zog Berson das Ventil, um den Ballon zum Abstieg zu bringen; dann sank auch er in Ohn- macht. Die Luftfahrer erwachten wieder in einer Höhe von 6333 Metern. Räch achtstündiger Fahrt landeten sie in der Nähe von Kottbus. Ballons ohne Mannschaften, die lediglich mit sclbstregistricreuden Apparaten versehen sind, haben Höhen bi's zu 18 333 Metern erreicht. Die geschilderte Hochfahrt' kann zur Kontrolle der mit unbemannten Ballons erhaltenen Resultate dienen; sie zeigen, daß die Witterungs- Verschiedenheiten, die an der Erdoberfläche herrschen, bis in sehr hohe Regionen der Atmosphäre zu verfolgen sind und daß die Er- forschnng der Zustände in den oberen Schichten auch manch helles Licht auf die Vorgänge in den der Erde benachbarten Schichten zu werfen geeignet ist.— Humoristisches. — Höhere Töchterweisheit. Erna sim Aquarium beim Anblick eines Tintenfisches):«Ach, sieh mal, Paula, dieses entzückende Secesfionstierchen>"— — Der langersehnte Moment. Verehrer(der die ältere Schwester in Gegenwart der jüngeren geküßt hat):„Nicht wahr, Elschen. Du wirst doch Mama nichts davon jagen?" «Ach wo, das sagt ihr Trudi schon selber"— — Der Hofmusik ns. Leierkaftenmanu:„Also Sie find der Architekt dieses Hauses. Daun gestatte» Sie mir wohl die Bc- merkuug, daß die Akustik Ihrer Baiilichkeit eine äußerst mangelhafte ist!"— l.Lust. Bl.') Notizen. v. Henryk S i e n k i e w i c z hat einen neuen Roman„A u f dem Gipfel des Ruhmes" vollendet, der im Orgclbrand- scheu Verlag in Warschan erscheinen wird. Der Verlag hat dem Dichter 23 333 Rubel stir sein Werk gezahlt.— —«Die größte Sünde" von Otto Ernst gelangt Sonntag im Lessing-Theater zur Erstaufführung.— — Wolzogens„Ueberbrettl" bringt in seiner heutigen Eröffnungsvorstellung:„Die Medaille" von Ludwig Tboma.«Die Proteslversammlung" von demselben Verfasser,„Der Aachbar" von Hanns v. Gnmppeuberg u. a.— — Das Weihuachtsmürchcn„Frau Holle" tvird im De- zember als Mittwochs- und Soiniavends-Nachmittagsvorstellung im Berliner Theater gegeben werden. Auf jedem Platz darf ein Mud mitgebracht werden.— — Alfred S o r m a n u L Oper«Sibylle" wird noch in diesem Winter im Opernhaus in Scene gehen.— —«Das süße Mädel", eine Operette von A. Rein- Hardt, Text von Leo Stein nnd A. Landsberg, geht am 21. De- zember im C e n t r a l- T h e a t e r in Scene.— — Die Premiere von Wein gart ners Oper„ O r e st" im Leipziger Stadt-Theate'r ist Mitte Februar in Aussicht genommen.—__ Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.