Nmerhattmlgsbiatt des Dorwärts Nr. 233. Areitag. den 29. November. 1991 Wenn noch'n andrer Beweis gefehlt hätt', Herr Ford, daß der Brief von meiner Frau ist," sagte er,„dann ist es Ihr hochtrabendes Gered'. Das war so gerad' was für sie. Und ein Grund, warum wir beide nicht mit 'nander auskamen und warum ich fortging, war eben, daß so'was nicht meine Sach' war. Das liegt an der Bildung. Aber wenn's Ihnen nicht paßt, ihren Namen zu nennen, kann ich's ja thun, na— Lou Price heißt sie, nicht?" „Ich antworte nicht weiter", versetzte der Lehrer schnell, wenngleich er bei dem Namen die Farbe gewechselt hatte. „Ich lehne es ab, noch ein Wort darüber zu verlieren, bis das Dunkel enthüllt ist— bis ich weiß, wer es gewagt hat, mein Pult zu erbrechen und mein Eigentum zu stehlen, und aus welchem Grunde das geschah. Und sofort verlange ich die Briefe zurück." Ohne ein Wort legte Onkel Ben sie ihm in die Hand zu seiner nicht geringen Ueberraschung, und wie hinzugefügt werden muß, auch ihm zum Unbehagen, das nicht vermindert wurde, als Onkel Ben in aller Einfalt und mit der Hand auf seiner Schulter hinzusetzte:„Natürlich, weil das ja Sie an- geht und Lou Price mit mir nichts mehr zu thun hat, ge- hören sie Ihnen. Und von wegen dem Diebstahl, da haben Sie wohl keinen Verdacht auf einen, der'rum- spioniert, wie?" Sofort kam dem Lehrer Seths Gesicht am Fenster und Ruperts Warnung in den Sinn. Die Annahme, daß er ge- glaubt habe, die Briefe seien von Cressy, und daß er sie un- gelesen fortgeworfen, als er seinen Irrtum entdeckt, schien nur zu natürlich, denn wenn er sie gelesen, hätte er sie unzweifel- Haft behalten, um sie Cressy zu zeigen. Die heftige Erregung, welche Ford bei der Entdeckung von den Beziehungen Onkel Bens zu der Schreiberin der Briefe ergriffen hatte, wandelte sich in wilde Wut gegen Seth Davis. Doch bevor er an Rache denken konnte, mußte er sich vergewissern, daß Seth den Inhalt nicht kannte. Er wandte sich zu Onkel Ben. «Ich hege allerdings einen Verdacht, doch um sicher zu gehen, muß ich Sie bitten, vorderhand zu keinem von der ganzen Sache zu reden." Onkel Ben nickte.„Und wenn Sie's'rausgefundcn haben und gewiß geworden sind, daß ich mich wegen der Lou Price, wie wir sie nennen wollen, beruhigen kann, daß sie ordentlich geschieden ist und will sozusagen wieder heiraten, dann lassen Sie mich's doch wissen— als Freund. Ich möcht' Sie heut abend nicht länger stören— wenn Sie nicht noch unten eins mit mir trinken wollen. Nicht? Na, dann gut' Nacht." Langsam schritt er zur Thüre. Mit dem Drücker in der Hand fügte er noch hinzu:„Wenn Sie wieder an sie schreiben, sagen Sie ihr doch, daß es mir ganz gut geht und daß ich ihr das auch wünsch'. Adjes!" Er verschwand und ließ den Lehrer voll widerstreitender Gefühle zurück, die, wie zu fürchten, für ihn nichts Erhebendes hatten. Die Situation, die so dramatisch begonnen hatte, war plötzlich so wenig romantisch und ergötzlich geworden, ohne doch ihre aufregende Eigenschaft einzubüßen. Er war sich be- wüßt, daß er lächerlicher dagestanden hatte als der Gatte— dessen unüberwindliche und gefällige Einfalt ihn wie die schärfste Ironie berührt hatte. Einen Moment lang wollte er sich fast einreden, daß er mit der Schreiberin der Briefe gänz- lich gebrochen habe, doch das ließ sich mit seinem ritterlichen Verhalten von vorhin schwer vereinbaren. Seine Wut gegen Seth Davis schien die einzige Empfindung, die wahr und echt, und dennoch wollte ihm auch diese jetzt, da Onkel Ben fort war, nicht ganz auftichtig vorkommen. Er mußte sich in einen ge- wissen Zorn hineinarbeiten darüber, daß die Briefe von Cressy hätten sein können und daß sie durch die Berührung jenes Schurken entweiht worden. Vielleicht hatte er sie gelesm und sie fortgeworfen, damit andre sie fänden. Er sah sie auf- merksam durch, um sich zu vergewissem, ob sie dem unbetei- ligten Leser Verdacht einflößen könnten. (Fortsetzung folgt.) ,»Vev rotv AHäHn** von Grrhort Houptmonn. (Deutsches Theater.) Das Theaterjahr ficht unter keinem GliickSzeichen. Wie viel ärgerliche Mißerfolge hat es schon gebracht I Tie größte Eni- täuschung, weil mau die größten Ertvariuugcn gehegt hatte, aber war der—„rote Hahn". Die alte» dogmatischen Jinnstvvrurtcile, mit denen Hauptmanns junge,»»gebrochene Kraft einst zu kämpfen hatte, sind längst zerstreut und in die Flucht geschlagen. Er ist als Sieger aus dem Kampf hervorgegangen. Er bat ein Publikum herangebildet, daß gern und willig auf alle seine Intentionen eingeht und das Gebotene mit keinen» freniden Maß- stab»uißt. Aber nun, Ivo die Bahnen völlig geebnet, scheint die Kraft, die in dem Kampfe so viel Großes nnd Schönes schuf, zu stocken. Es wäre nach diesem Reichtimi der Produktion kein Wunder. Grenze» sind jeder künstlerischen Persönlichkeit gesetzt. Felder, die so viel schwere Fnichl getragen, bedürfen zur Enicucrung der schaffenden Säfte auch der Brache. Dann mag nach stiller Ruhe wieder eine neue Saat auf auf ihnen zu fröhlicher Reife emporiprießcn. Aber Hauptmann pflügt und ackert seinen Boden Jahr ein Jahr ans. um ihm gewaltsam Ernten abzuzwingen. Schon mehr als eiunial hat er gerade seine herzlichsten Verehrer bitter enttäuscht, aber kaum je so bitter wie durch den.roten Hahn", diese Tragikomödie ohne Lustig» kcit und ohne Tragik. Wie wir bereits berichteten, ist das neue Werk als eine Fort- setzinig des.Biebcrpclz" gedacht; Mutter Wolff und Anitsvorsleher Wehrhabn kehren an das Licht des Tages zurück. Es ivar gefährlich, so zmn Vergleich mit einen» der stärksten Erfolge aus des Dichters erster Periode heransznfordcri». Aber trotzdem, ivarun»— hätte die Fortsetzung nicht schließlich ebenso originell und Instig ausfallen können »vie da? erste Stück? Freilich, in einer Hinsicht war das damals angeschlagene Thema völlig erschöpft. Dw kleinen Spitzbübereien und die verschmitzte Schlagferligkeit der Wolffen. ebenso»vie die grandiose richterliche Einfalt des Anitsvorstchcrs ließen sich nicht mehr überbieten. Dreimal sahen wir die Alte dicht vor der Gc'ahr der Entdeckung: zuerst,»vie der gewesene Herr Forstadjnnkt in ibrer Hütte der Wildererbeute nachspürt; dann wie der aufgeregte Krüger ebendort, dicht vor den gestohlene» Holzknülteln stehend, der Wolffen die Geschichte dieses Diebstahls voll Entrüstung vorklagt; endlich, wie es zu der gerichtlichen Haupt- und Staatsaktion in Sachen des gestohlenen Biberpelzes konimt— und dreimal zog sie sich glänz- voll aus der Schlinge. Oester ließ dieser komische Effekt, wenn er die Wirkung nicht verlieren sollte, sich keinesfalls»viederholen. Aber ein anderes, nicht weniger fruchtbares Moment ivar in dem Lustspiel nur flüchtig oben hin berührt: AnitSvorsteher von Wehrhabn als Politiker, als Stütze von Thron und Altar I Es ist das nur insofern in die eigentliche Handlung mit einbezogen, als Wehrhabn den Dr. Fleischer als einen königsungetreuen und gottvergessenen Demokraten im Verdacht hat und folgerichtig gegen dessen aufklärende Zeugenaussage in dein Diebsprozesse von vornherein eingcnonnnei» ist. Aber ichon jene kleinen, eingestreuten politischen Streiflichter Ivirken auf der Bühne elektrisierend. Wie lustig»väre es, wenn dieses junkerliche Vollblut mit der engen Stinie uns dann ein andermal in voller poliliicher Aktion gezeigt worden wäre: er, der Besiegte der Mutter Wolff, als der trimnphierende Organisator eines konservativen Wahlsieges k Mutter Wolff, die uns i» allen ihren Künste» schon bekannte, hätte sich gut und gerne dann mit der Nebenrolle begnügen dürfen. Das hätte eine Fortsetzung des„Biberpelzes" und dennoch etivaö völlig Neues, eine»virkliche politische Komödie, wie sie uns lange not lhut,»Verden können I Aber Hauptmann macht nicht einmal den Ansatz dazu. Er bleibt im Engen stecken. Statt des roten Gespenstes der rote Hahn. Zivar figuriert der neue Gemahl, den sich die Wolffen nach dem Ableben ihreS.unvergeßlichen Julian" erobert hat. auf dem Theaterzettel als.Schuhmachermeister und Polizeispion". Aber in dem Stücke selbst bleibt der Schuster leider allzusehr bei seinen Leisten l Er soll— das ist alles, ivas man voi» jener zivcitcn, doch sicher sehr viel iutercssanteren Seite seiner Thätigkeit erfährt— vor Jahren einmal eine» Dr. Boxer unter dem Ausnahmegesetz denunziert haben; und dann wird er von Wehrhahn als Claquenr und Bravorufer zn einer Flottenvcrsammlung engagiert. Und ähnlich ist es um Wehrhahn selbst bestellt: Hin und wieder eine politisch schillernde Redensart, die einem wie eine Reminisccnz auS dem„Biberpelz* in die Ohren fällt, aber nirgends politische Aktion, Jntrigue und Bewegung. Statt dessen eine neue und dies- mal wirklich recht fatale Spitzbüberei der Wolffen. eine neue Gc- richtsverhandlniig, und unter neuen richterlichen Dummheiten des Amtsvorstehers ein abermaliges Entwischen der Schuldigen, bis endlich der Tod, vor dem es keine Ausrede mehr giebt, ein Ende macht I Verwandte Motive und Situationen, wie in dem„Biberpelz*. nur ins Gemeine und Gewöhnliche vergröbert, und darum auch ohne jeden Schimmer versöhnenden Humors. Schon der„Biberpelz* war bei allem Glänze humoristi- scher Charakteristik nicht allzu reich in der Erfindung und Verknüpfung rasch wechselnder Situationen. Noch ivcniger der„Kollege Crampton*. Aber was dort ein relativer, durch die Fein- heit der Psychologie leicht ausgeglichener Mangel war, wird in dem neuen Stück zu wirklicher Armut. Die Handlung rückt und rückt nicht von der Stelle, in jedem Akte werden neue Fäden angeknüpft, aber nur um im nächsten wieder abgerissen zn werden. Was sich zu einem reichverschlungenen, stetig aufsteigenden Ganzen gliedern soll, fällt in einen Haufen los und willkürlich verbundener Scencn ans- einander. Es kommt alles anders, aber darum nicht besser, wie sich's der Zuschauer in seinem Geist zurechtlegt. Der erste Akt zeigt uns die alte Wolfs in ihrem neue» Eheglück bei Schuster Fielitz, einem armseligen Mittelding von Troddel und Verbrecher. Ganz wie in ihrer ersten Ehe führt sie das Regimcnt; und wie sie ihrem Julia« früher zum Wildern. Holz- und Pelze- stehlen aufgeputscht, hetzt sie den ziveiten Mann, er solle Feuer in der eignen Werkstatt anlegen. Mit der Versicherungssumme wird man dann ein grosies Haus mit Läden usw. errichten können! Er sträubt sich angstvoll, aber gievt zugleich sachkundigsten Rat, wie man die heikle Sache Ivohl am besten ins Werk setzt. Man denkt: er möchte wobl und traut sich nicht— das iimfe doch von Bedeutung fein. Er wird die Frau die That vollbringe» lassen und dann, sobald die Sache schief geht, scheinheilig alle Schuld auf ihre Seele schiebe», lamentiere», zankeil und hadern. Doch nichts— davon. Wehrhahn kommt in die Werlstatt. fängt von Flotten- Versammlungen, wo Fielitz seinen Mau» stehn müsse, zu reden au. Wieder denkt nian: da? innsi doch von Bedeutung sein. Aber wiederum umsonst.— So gcbt's im zweiten Akte ivciter. Da giebt's eine Schmiede, einen Meisler und Gesellen»iid einen Doktor, der, von einer Weltreise zurückgekehrt, das Schurzfell umgebunden, mit den beiden endlos plaudert, bis endlich in dem Hause des Fielitz das lang erwartete Feuer ausbricht. Der Doktor ist etivas Polizei- Ividrig, Langheinricy, der Schmiedemeister, und sein Geselle gleichfalls. Wieder denkt nian— aha, das muß doch Folgen haben, da spinnt sich irgend etwas Neues an. Wieder umsonst. Der ganze ziveite Akt könnte ebenso gut auch Ivegfallcu.— Im drilteu Akte große Unterfuchungsicene vor Wehrhahn. Die Wolsien, wieder mit ihrer scheinheiligsten Unschuldsmiene, heult und jammert über den schrecklichen Verlust. Der Verdacht lenkt sich auf einen schivachsinnigen Burschen, eine im hellen Rampenlicht un- sagbar peinlich wirkende Figur. Vergeblich wehrt sich der Vater, ein ariner, zerlumpter preußischer Gendarm a. D. für ihn. Da flüstert der Schmiedemclster, der bcini Löschen half, dem Doktor zn. er habe drinnen im Keller die sicheren Spuren der Brandstiftung gefunden. Die Wolffen erbleicht; sogar Wchrbahn scheint einen Augenblick stutzig zu werden. Wieder denkt man: aha ul'w. Wieder umsonst! Der arme Junge ivird eingesperrt, doch kein Mensch, auch der Doktor nicht, bringt das Geheimnis vor den Richter.— Aber Ruhe läßt es der Alten darum doch nicht. Ztvar den Neubau, das Ziel ihres Ehrgeizes, sieht sie stattlich in die Höhe wachsen; doch bringt er keinen Segen. Der Schuster schnappt völlig über, ein windiger Schwiegersohn betrügt sie um das letzte Geld, und der ewige ruhelose Kampf mit dem fortwuckcrnden Verdachte zermürbt ihre Kräfte. Alles ist eitel, diese Weisheit des gebrochenen Levensmutes zieht endlich auch ins harte Herz der alten Wolffen ein. Immer hat sie„vorwärts" ivollen, heraus aus dem„Matsch" der ärmlichsten Verhältnisse, aber„man langt und langt", und schließlich ist das Ende immer neuer Kummer. Eben als sie ihren ärgsten Feind mit listigem Zuspruch schon halb geivonnen hat, bricht sie in ihrem Sessel tot zusammen. Auch diese letzte Scene, vielleicht der Keim, aus dem das ganze Stück erivachsen ist, ließ, unvcmiittelt und abrupt, wie sie sich au das andre anschloß, völlig kalt.— Conrad Schmidt. Kleines Feuilleton. b. Reinigung von Trinkwasser«Nittels Qzon. Der eigen- tümliche Geruch, der bei elektrischen Entladungen auftritt und ivohl jedem bekannt ist, der schon einmal Versuche mit einer kräftigen Elektrisiermaschine angestellt hat, wird einer Unnvandlung des atmosphärischen Sauerstoffs in Ozon zugeschrieben; Ozon ist reiner Sauerstoff, ivobci aber jedes Molekül drei Atome enthält, nicht wie geivöhnlich, zwei Atome. Gerade deswegen ist Ozon ein sehr kräftiges chemisches Reagens, das auch auf alle Arten von Mikro- organismen als kräftiges Gift wirkt und dann völlig harmlose Stoffe, wie Sauerstoff, Kohlensäure, Wasser zc. bildet. Wegen dieser Eigen« schaft scheint das Ozon außerordentlich geeignet zur Reinigung des Trinkwassers, dem es keine gesundheitsschädlichen Eigenschafte» ver- leihen kann. Schon in den achtziger Jahren sind von der Firma Siemens u. Halste Versuche in dieser Richtung angestellt worden. Gegenwärtig wird ein Versuch in großem Maßstäbe in einen, besonderen Versuchsiverk zu Martinikenfelde bei Berlin ausgeführt. Das zu reinigende Waffer ivird der Spree nach ihrer Passage durch ganz Berlin entnommen und zunächst nur oberflächlich filtriert; dann läßt man es in einem Turme über Kieselsteinchen herabrieseln, ivobei es einem von unten eingeführten Ozonstrome begegnet, der sich verinögc seiner gasigen Natur in den Zivischenräumen zwischen den Steinchen nach oben durcharbeitet. Somit ist eine große Ober- fläche des Wassers der Ozonwirkung unterworfen, und an, unteren Ende des Turmes fließt das Waffer fast völlig keimfrei in ununter» brocbeuem Betriebe den Verbrauchsleitungen zn. Das Werk in Martinickenfelde liefert 10 Kubikmeter pro Stunde, was etwa dem durchschnittlichen Wafserverbranch von öOOO Menschen entspricht. Die Kosten des Verfahrens sollen»ach der Angabe der Unteniehmer die- jenigen der älteren Einrichtungen nicht übersteigen. Ob das Verfahren aus den, Stadium des Versuchs treten und zu ausgedehnter Anwendung gelangen wird, kann freilich erst die Zukunft lehren.— Musik. Mit Josef Rheinberger ist wieder ein Veteran der„guten alten Schule" gestorben, einer der Epigonen der älteren Meister, ein Musikpfleger im besten Sinne des Wortes, einer von denen, die in unsrer modischen Zeit ungerecht vernachlässigt werden. Als weit- berühmter Kompositionslehrer an der Münchener Schule, der für sie Besucher aus den weitesten Fernen anzog, hat er Jahrzehnte hin- durch so und so viele Stndicngenerationcn ansgcbildet, ein Hüter der strengen Lehre, vielleicht manchem zum Anstoß, von seinen Schülern mit dem tiefsinnigen Namen des„Fugen- Seppl" geschmückt. Seine Kompositionen zeigen, daß jene Hervorhebung seines Epigonentums mir mit der größten Vorsicht zu gebrauchen ist. Nheinbergcr's„Sinfonisches Tongemälde Wallenstein*, ox. 10. ist längst als ein Denkmal von Toucharakteristik anerkannt; sollte es auch jetzt nicht wieder hervorgezogen werden, so möchte man an ein böses Gewissen der Schuldigen glauben. An, berühmtesten sind seine Orgelsonaten, reichhaltige Schöpfungen, die jedenfalls in der Entwicklung dieser Art von Musik bedeutungsvoll mitzählen. Verzichten wir hier auf eine Andeutung des Umfangs seines vokalen und instrumentalen Schaffens, so hoffen wir doch, durch einen Hin» iveis auf seine Kammermusik, z. B. auf das wenig bekannte Klavier» qniutett, den Freunden echter Kunst eine Freude machen zu können. Mag kommen, was da wolle: man kann nur wünschen, daß es auf jeden, Schaffensgcbiet viele Personen von solchen, Können und solcher Eigenart gebe ivie eben Rheinberger. Unter den sogenannten Epigonen war er weniger ein Fortsetzer der Romantik als der vor dieser liegenden Mächte. Die Fortsctzer der Romantik sind freilich zahlreicher. I iv a n K n o r r, geb. 1883, Tbeorielehrer am Hochschen Konservatorium zu Frankfurt(Main), zeigt in seinem, hier anscheinend noch nicht oft gehörten Klavier» quärtett Ls-dur, op. 3, die bekannten Vorzüge und Schivächen dieser Richtung: eine anmutige Bewegtheit in, Stil Mendelssohns, ein frischer vorwärtsdrängender Zug. eine Melodienkraft mit weit a»S- ladenden Zügen, eine ennüdende EinförmigZeit»ud Fignrenfülle Um dieses Quartett zn hören, mußten wir uns wieder mal erinnern, daß hinter den Bergen auch noch Menschen wohnen, d. h. daß in Schöneberg ebenfalls Musik gemacht wird. Es war eine wohlihuende Abwechslung, daß man einmal, statt immer in den wohlbekannten Konzertsälen, in der Aula des prangenden Reformgymnasiums jener Nachbarstadt zn sitzen kam, inmitten einer Gymnasial- jugend, die also anscheinend in die moderne Strömung nach„ künstlerischcr Erziehung der Jugend* hineingelotst werden soll. Es galt de», zweiten Kammermusik-Abend des Klavierqnartcttes Egidi, Seuffert, Werner, Dechert. Wesentlich Neues ivllrde durch eine nähere Kritik des dort Geleisteten nicht eben zu Tage gefördert werden, wohl aber könnte etwas Neues zum Vor» schein kommen, wenn der Klavierspieler jener Gesellschaft anfinge, Vortragslehre zn studieren oder ivenigstens der Vortragsknnst seiner Partner von den Streichinstrumenten nachzukommen. Es ist kein dankbares Geschäft, einzusehen, auf welcher BildungS- höhe hcnlzutage ein ivabrhnfter Musiker stehen mutz, und nun von dieser Einsicht ans daS viele gute Wollen und viele halbgnte Können zu beurteilen, das uns in der Ueppigkeit unsrer Konzerte entgegen- tritt. Frl. E l l y B e r» n ist. nach ihrem ersten Auftreten von vor- gestern zn rechnen, ebenfalls nach diesem Typus geraten. Durchans musi- kaiisch, mit einer vollen, etivas dunklen Stimme begabt und anscheinend in, Besitz einer längeren musikalischen Bildung und Routine, läßt sie doch eine Reihe stimmlicher Mängel recht sehr bedauern— nicht solcher Mängel, die eine falsche Richtung, sondern solcher, die eine Unachtsamkeit auf die Gebote der Ausreifnng bedeuten. Daß sie vieles, zunial einzelne Konsonanten,„unter den Tisch fallen* ließ, zeugt zunächst von einer manches entschuldigenden Befangenheit; keineswegs ist es aber allein auf diese zurückzuführen, daß sie die Konsonanten überhaupt zu wenig würdigt und daß sie sich in den höheren Tonlagen zu viel zumutet. Die Milde, die ihrem stark dramatischen Ton immerhin zum Teil eigen ist. verliert sich gar zu häufig; namentlich in der ohnehin kritischen Gegend des sogenannten Stimmbruchs Um-bcn bic Töne beim Forciere» oft reckt bcrbe. T ie Säliqerin scheint z» einem Bevorzuge» der AnSdruckSsttidie» zn Ilngiinsien der technischen Studien zn neigen! ein Fehler, der dein andren Fehler vom Vernachlässigen de? Slnsdrncks als des Wesens aller Kirn st nicht? nackgiebt noch vorgiedt. Das Programm>vnr so bunt, lvie die meisten derartigen KÖnzertprograinnie: aicher einer Arietta deS noch iveuig iviebewrtverfte» Neapolitaners F. Dnrante befand sich darunter nichts den üblichen Nahmen UederschreitendeS.— 6Z, Ans dem Tierlelien. — Die W a u d e r m n s ch e l. Dr. Chr. Linde m a» n schreckt in der Wochenschrift„Rerthus": Jeder Naturfreund kennt die Geschichte der Wanderratte, dieses höchst schädlichen NagerS ans dem Osten Europas, die erst in jüngster Zeit sich ans die Wände- rung nach Westen begab, sich nach allen Richtungen hin ausbreitete und jetzt wohl überall im Westen Europas mehr oder iveniger i;ahl- reich sich findet und oft geradezu zn einer Landplage>vird. Bei einem so widerstandsfähigen und so sehr beweglichen Tiere ist die Möglichkeit, das; es sich in kurzer Zeit über Iveite Strecken verbreitet und infolge seiner Fruchtbarkeit bald zu den häufigsten Tieren gehört, verständlich. Ganz anders liegt die Sache bei der Wanderinnschel(Dreissensia polymorphia), die ebenfalls in relativ kurzer Zeit ans ihrer Heimat. Sndrujzland, bis in das Gebiet der Donau. der Saale und Elbe und von da weiter zum Rhein und den Rebeuflüssen der groszen Ströme gelaugte. Es ist sicher nachgelviesen, das; die Waudermuschel in Gewässern. in denen sie heute Pfähle, Holzplanken und SchiffSwände in dicken Tchickie» bedeckt, in früheren Fahren nicht vorhanden war. Die Schale der Wandermuschel ist lvie der Artname polymorph. vielgestaltig. eS ausdruckt, nicht konstant in der Form, die je nach der Oertlichkeit und wohl auch nach den Strömimgeu und NahrnngS- Verhältnissen ivechselt. Die Schale ist dreikantig und mehr oder weniger aufgeblasen. Die sogenannten Anwachsstreifen derselbe» treten als erhabene Leisten hervor. Die Färbung der Sckale ist Krünlich-gelb mit braunen Wellen- und Zickzäckbändern. Letztere sind bei jüngeren Stücken schärfer markiert nl? bei alten Tiereu, bei denen die Zeichnung oft fast ganz verschlvindet. Die Färbung variiert auch sonst sehr. Von den Wirbeln der Schale verläuft bis zur VereinigmigSstelle des Ober- und Hinterrandes ein anfangs scharfer, weiterhin stumpfer stiel. Der rechte Schalenraud trägt nahe dem Wirbel einen schwache» Zahn, der in eine Grnbe der linken Schalenhälfte eingreift. Daö Tier selber ist dunkel- orangefarben. Der der Schale anliegende Mantel des MölluSk ist diinii, weijstich gefärbt und mit schwarzen Strichen und Flecken ver- sehen. Jederseits findet sich ein Paar strohgelber stiemen. Die Wanderinnschel lebt nicht. lvie die Teich-, Maler- und Erbseumusckeln im Bodeugrnnde unserer Gewässer, sondern euttvickelt am Fuste eine Reihe von dunkel gefärbte», hornigen Fäden. Diese sind anfangs iveich und klebrig, nnd mit ihnen heftet sich daS Tier an einer Unterlage fest. Derartige, sogenannte Byssnsfäden finde» wir aufier bei der Wanderinnschel auch bei einer Reibe von Meere?- nmscheln wieder, z. B. bei der bekannten estbaren Miesmuschel, die sich mit Hilfe der ByssuS an einer feste» Unterlage be- festigt. Die Wanderinnschel ist in der Wahl ihre? AnhcflmigS- pimtles sehr verschieden. Bald überzieht sie in grostcn Massen dicht unter der Oberfläche das Holzwerk, bald sitzt sie in dicken stlnmpe» ans seinen, die oft in mehreren Schichten von den Tieren bedeckt sind, bald findet nia» sie einzeln oder auch zn mehreren ans den Schalen der großen Teich- und Malermuscheln. Im allgemeinen sind die Drcissensien an ihren einmal gewählten Platz gednnden, ist dieser aber ganz tingünstig oder werde» die Tiere von ihrer Nüterlage losgerissen, so sind sie einer geringen Ortsbelvegnug fähig und heften sich dann au eineil ihnen zusagenden Platz von neuem au. Bei der geringen Beweglichkeit ist die Schnelligkeit ihrer Ber- brcitlmg über iveite Strecken Landes wunderbar, aber damit ist mich die Art dieser Verbreitung erklärt. Die Muscheln sind sicher durch de» Handel mid Verkehr der Menschen fortgeführt ivordeu iiiid habe» sich dann i» dem iicucii Wohnort stark vermehrt mid eingebürgert. Wie ich schon oben erwähnte, benntze» die Tiere häufig Schiffs- wände und Holz als AiiheftinigSstellen. stonnnt dann ein mit Muschel» besetztes Schiff oder Flöße von Bauholz in ein iicijc? Gewässer, so ist cS mir nötig, daß, iveim die WasserverHältnisse de» Tiere» sonst zusage», ihre' Foripflauzung stattfindet, oder daß einzelue Stücke losgelöst werden, sich wieder anhefte» und vermehren. Der Zeitpuult, in dem die Waiiderniuschel ihre Ausbreitung nach Westen bcgami, wird in das Ende deS 18. oder de» Anfang deS 19. JahrbmidertS zu legen sein. 1825 erwähnt E. E. voii Bär ihr masienhafteS Auftreten im Frischen und stnrischen Haff, 1835 trat sie zahlreich bcidrrPsauciünscl beiPotsdainans, aiiSderTmianhat nian seit 1824 die ersten Nachrichten, el'enfalls 1824 trat sie in den Londoner DockS ciiif, von denen sie in verschiedene Flüsse Englands»nd Schoitlaiids gelmigte. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich heute über ganz Nord- dentschland, Holland, England und Schottland,.den westlichen Teil Frankreichs nnd auck in Südeuropa ist sie au vielen Orte» ein- gedrungen. Die Wandernmichel ist ein Süßwassertier, ivelcheS nnr gelegentlich in leicht brackige? Wasser vordringt. Deshalb»mß man annehmen, daß sie»ach England an SchiffSbauholz im.Inner» von Schiffen überführt Umrde.— Leraiiimortlicher ReSactenr i Earl Leid in Berlin. Meteorologisches. — lieber die Frage, ob ei» W a l d kl i ni a vorhanden ist, da? in derselben Weise wie das Seeklima von dem Klima des dem Waldeiiifluß entrückte» Laude? sich durch geringere, allmählich nach dein Walde zu abnehmende Teniperatnrschlvanliiiigen kennzeichnet, hat Prof. I. Schubert in de»„Abhandl. des preuß. Meteorolog. Instituts" lintersuchungcn angestellt, die zn einem verneinenden Er- gebni? geführt haben. Allerdings ist unter den Bäumen des Waldes die mittlere tägliche Schivanknng der Luftteinperatnr geringer als ans der benachbarten freieli Feld- oder Lichtnngsfläche. Der Unterschied ist im Winter mid Frühjahr am geringsten, steigt dann aber stark und beträgt in der Zeit seiner stärkste»'Entwickliing, im Angnst nnd September, in Folge des Schutze?, den die Bäume der Erdoberfläche gegen Ein- niid AnSstrahlungoii gewähren, bei Kiefern fnstL Gr., bei Fichten fast 3 Grad und Buchen Grad. Aber die Feldflächen in der Nähe de? WaldeS oder die Lichtniigc» haben durchweg eine größere tag- liche Teiuperaturschivankung als die vom Walde weiter entfernten Orte. Der Unterschied beträgt etwa 0,5 bis 1,0 Grad. DaS Waldklima, iveim man von ihm sprechen soll, zeigt also in dieser Be- ziehung entgegengesetzten Charakter lvie da? Rüsteuklima! eS zeichnet sich zwar die Lust unter den Bäiuuen durch ermäßigte Temperatur- schwankiuigcn aus, aber diese Eigenschaft teilt sich der Umgebiliig deS Wäldes nicht mit. Die wesentlichste Rolle bei diesem Vorgang wird die durch den Wald für die Nmgebmig hervorgernfeile Ber- mchrniig des WindschntzeS bilden, der beivirkt, daß der Anslansch mit den höheren Luftschichten verringert und die Luft dem Einflüsse der Erdoberfläche, welche die stärksten Teniperaturschlvaiikniigen hat, näher gerückt Ivird.— Hiiiinoriftifdies. — K i n d e r»i u n d. Der kleine siebenjährige Werner steht an der Wiege deS nengeborenen Brüderchens»nd betrachtet cS mit be- denklicheni, sorgenvollem Gesicht. „Nun, gefällt eS Dir nicht?" fragt die Mutier. „Ja. aber—" „Was aber?" „Sag' Mal. Mama, kau» der Storch auch große Kinder bringen, so Kinder von sieben und ackt Jahren?" „Und warm» willst Du das wisseil?" „Ach. Maina"—»nd er sieht sie mit halb bilienden». halb ängstlichem Gesicht au—„ich möchte so gern der Aelleste bleiben!"— — Der treue Ehe m a u u. Der Fabrikant John Blnsfer benutzt die sechSwöcheiitliche Abwesenheit seiner Frau im aus- giebigste» Maße. In einem Puulte ist er jedoch gewisseiihaft: So oft er an iein„liebes Weib" schreibt, zieht er den Ehering miS der Westentasche imd st e ck i ihn an d c n F i» g c r.— („Jugend,") Notizen. — Die Buchausgabe von G c r b a r t H a n p t m n» n? »eiiem Werk„Der r o 1 e H a h n", Tragikomödie in vier Akten, ist soeben bei S. Fischer, Berlin, erschienen.— — Der erste Band von ,.A n ze n g r n b e r s Briefe n", heran?- gegeben von A» l o» B e t l e l h e i»», ist bei Gott n erschienen. Der Band enthält Briefe von der Jugendzeit bis Ende 1877.— — Gincii U h l a ii d- A b e n d veranstaltet das Schiller- Theater am 1. Dezember im Bürgersaal« des Ratymises. Dr. Rud. Steiner ivird de» eiuleitendeu Vortrag halte».— — Die Rene freie Volksbühne veranstaltet ihr die?- jähriges Winterfest am Sonnabend, den 30. November, abends 8lA> jlhr bei Keller. Koppeiistraße 29. Die Mitwirkenden sind da? Berliner Sinfonie-Orchesler, Fräulein Elisabeth Donnnel(Gesang). Fräulein Else Schiff»nd Herr Direktor Friedrich Moesl(Reci- tatton). � — Gertrud Eijsold vom Lessing-Theater ist ans drei Jahre an daS M ü n ch e n e r S ch a n s p i e l h a n S engagirt ivorden.— — Sieben neue Planeten sind im astrophysischen B c r g o b s e r v a t o r i u m K ö n i g st n h l bei Heidelberg von Professor Wolf»nd seinen beiden Assistenten Dr. E a r n e r a nnd K o p f f ans photographischem Wege entdeckt ivorden. Eine» achten Planeten hat ferner Dr. Luther von der D ü s s e l- d o r-f« r S t e r n>v arte anfgrfmiden.— n. Schwerhörige Kinde r. Bei einer in Frankreich vor- genommenen Prüfung der Hörsähigkeit der Schulkinder ergab sick. daß etlva 25 Proz. aller im Alter von 7—14 Jahren befindliche» Kinder an Schiverhörigkeit litte».— — Der Staat Sachsen hat die ihm gehörenden 8l Hektar mnfasiclidrii Weinberge bei Pillnitz imd in der Meißener' Gegend aufgegeben nnd das Land an Obstzüchtcr verpachtet. t878 hatten die Weinberge einen Reinertrag von 52 26t M., seit zivci Jahrzehnten erforderten sie Zuschüsse.— Die nächste Nummer deS UnterhaltmigsblatteS erscheint am Sonutag. den 1. Dezember. Druck ii»d Vertag von Max Bading in Berlm