Anterhaltimgsblatt des Horwäris Nr. 235. Dienstag, den 3. Dezember. 1901 (Nachdruck verboten.) 2i] Creissiz. Noman von Bret Harte. Nichts war Ford geblieben als seine Stimme, welche den Angreifern klar und schneidend entgegentönte: „Ihr seid zwölf gegen einen/' sagte er rrihig,„aber wenn unter Euch ein einzelner ist, der hervorzutreten und mich dessen anzuklagen wagt, was Ihr alle zusammen mir zur Last legt, dem werde ich sagen, daß er ein Lügner und Feigling ist, und hier stehe ich und will es gegen ihn ausfechren. Ihr kommt her als Ankläger und Nichter zugleich und verurteilt mich ohne Untersuchung und Verhör; Ihr kommt her als gesetzwidrige Rächer Eurer Ehre und wagt es nicht, m i r zuzugestehen, daß ich in ebenso gesetzwidriger Weise meine Ehre verteidige." Wieder ging ein leises Murmeln durch die Gruppe, doch der Führer trat ungeduldig vorwärts.„Wir haben genug von Ihrem Predigen; wir wollen Sie," sagte er rauh. „Konimcn Sie." „Halt!" ließ sich eine matte Stimme hören. Sie kam von einer stummen Gestalt, welche bis dahin be- wcgungslos neben den andren gestanden hatte. Aller Augen wandten sich dahin, während der Mann in aller Ruhe die Maske vom Gesicht nahm. „Hiram Mc Kinstry I" riefen die andren voll Vcr- wnndcrnng und Argwohn. „Der bin ich!" sagte Mc Kinstry und trat mit schwerem Schritt vor.„Ich Hab' mich am Kreuzweg Euch augeschlosien statt meines Bruders, der eigentlich kommen sollt'. Ich denk' das ist alles eins— oder vielleicht besser. Demi ich will Euch den Herrn da abnehmen." Er hob den schläfrigen Blick zum erstenmale zu dem Lehrer empor und stellte sich zwischen ihn und Harrison. „Ich will," fuhr er fort,„ihn beim Wort nehmen, er soll mir mit der Mnt' Antwort geben. Und auf alle Fälle denk' ich, ist keiner da, der ein bess'res Ztecht hat als ich. Manchen Leuten mag's nicht passen," fuhr er fort und sah langsam nach der schlanken Gestalt hinter ihm, welche einen zornigen Ausruf hatte hören lassen,„die haben's lieber, wenn eis Männer ihre Privat- Händel aufnehmen, aber trotzdem denk' ich, daß der Mann, der am meisten gekränkt ist, das erste Recht hat, zu reden, und der Mann bin ich." Mit einer Sorgsamkeit, welche für die Unzufriedenen eine doppelte Bedeutung hatte, reichte er dem Lehrer seine eigne Büchse hin und ftchr fort, ohne ihn anzusehen:„Ich denk', Herr, die haben Sie schon'mal geseh'n, aber wenn sie Ihnen nicht recht ist, wird, hoff' ich, einer von den Herren hier Ihnen die seinige borgen. Und dann brauchen wir auch nicht über die Dorfgrenz' zu geh'n, um das abzumachen; das können wir gleich dort im Busch besorgen." Welcher Art auch die Empfindungen und Absichten der andern sein mochten, das Vorrecht Mc Zinstrys gründete sich auf eine tief eingewurzelte Tradition, war also nicht ab- zuleugnen; wenn jemand dagegen Einwand erhoben hätte, so wäre der nun bewaffnete Lehrer an der Seite Mc Kinstrys nnt der Waffe in der Hand für sein Recht eingetreten. Schweigend zogen sie sich zurück, als der Lehrer und Mc Kinstry gemeinsam das Schulhaus verließen, und folgten dann hinter- her. Währenddessen wandte sich der Lehrer zu Mc Kinstry und sagte leise: Ich nehme Ihre Forderung an und danke Ihnen dafür. Nie haben Sie mir eine größere Freundlich- keit erwiesen— doch dürfen Sie mir glauben, daß ich weder jetzt noch sonst je— etwas gegen Sie im SchUde geführt habe." „Wenn Sie danut meinen, daß Sie mein Feuer nicht erwidern werden, dann sind Sie aufm Holzweg'. Denn das nutzt Ihnen nichts bei denen," bemerkre er mit einer Be- tvegung seiner verkrüppelten Hand gegen die folgende Menge, „und bei mir auch nicht." Fest entschloffen jedoch, nicht auf Mc Kinstry zu schießen, in dem Glauben, daß dies der letzte gute Gedanke seines thörichten Lebens sei, schritt er wortlos weiter, bis sie den Rand der Lichtung erreichten. Die einfachen Vorbereitungen waren bald getroffen. Die mit Büchsen bewaffneten Gegner sollten auf eine Entfernung von achtzig Meter feuern, dann avancieren und den Kampf mit Revolvern fortsetzen, bis einer von ihnen fiel. Als Sekundanten fungierten der ältere Harrison für Mc Kinstry und die bereits erwähnte schlanke Gestalt, welche sich nach kurzen: Zaudern freiwillig gemeldet hatte, für den Lehrer. Mit andren Gedanken beschäftigt, beachtete Ford seinen Sekundanten nicht weiter, der nach der Meinung der andren dieses Amt nur übernommen hatte, uni Mc Kinstry seine Er- biiterung über dessen letzte Beleidigung zu zeigen. Mechanisch nahm ihm der Lehrer die Büchse ans der Hand und schritt auf seinen Platz. Er bemerkte jedoch und ent- sann sich später dessen, daß sein Sekundant sich hinter einer dicken Fichte, welche rechts den Kampfplatz begrenzte, postiert hatte. Nicht zu bestreiten ist es, daß, dem üblichen Herkommen entgegen, er weder sein vergangenes Leben an seinem Geiste vorüberziehen ließ, noch ein besonderer Gedanke ihn erleuchtete, er auch nicht seine Seele seinem Schöpfer empfahl, sondern daß er ganz in der Gegenwart lebte und den Gedanken festhielt, nicht auf seinen Gegner zu schießen. Und dabei hatte er das erhebende Gefühl, daß er ganz recht handle und nicht nur nicht ein schlechter Mensch sei, sondern sogar einer, dessen Tod die Ueberlebenden betrauern könnten. „Fertig? Eins— zwei— drei— Feu..." Die Schüsse fielen auffallend gleichzeitig— so sehr, daß es dem Lehrer erschien, als habe seine in die Luft gefeuerte Büchse einen doppelten Knall gegeben. Eine kleine Rauchwolke lagerte zwischen ihm und seinem Gegner. Er war unverletzt — so schien auch sein Gegenüber, denn wieder ertönte das Kommando: „Avancieren I— Holla I— Halt I" Er hob schnell den Blick und sah, wie Mc Kinstry taumelte und schwer zu Boden fiel. Mit einem Schreckensruf, der ersten und einzigen Regung, die er empfunden, eilte er auf den Gefallenen zu, an dessen Seite eben auch Harrison getreten war. „Um Gottes willen." rief er wild und warf sich neben Mc Kinstry auf die Knie,„was ist geschehen? Ich schwöre Ihnen, ich habe nicht auf Sie geschossen. Ich habe in die Lust gefeuert. Reden Sie 1— Sagen Sie es ihm," wandte er sich voll Verzweiflung au Harrison,„Sie müssen es ja ge- sehen haben— sagen Sie ihm, daß ich es nicht war!" Ein halb erstauntes, halb ungläubiges Lächeln huschte über Harrisons Gesicht.„Natürlich hatten Sie nicht die Ab- ficht", sagte er trocken,„aber lassen Sie das. Stehen Sie auf und machen Sie, daß Sie fortkommen, solange es noch Zeit ist", fügte er ungeduldig hinzu und mit einem bezeichnenden Blick auf ein paar Männer, welche nach dem plötzlichen Aus- einanderstieben der Menge nach Mc Kinstrys Fall noch zögerten. „Fort— wollen Sie?" „Nein!" entgegnete der junge Mann lebhaft»„nicht eher, bis er weiß, daß der Schuß nicht von mir war." Mc Kinstry stützte sich mühsam auf den Ellenbogen.„Es traf mich hier", sagte er langsam und wies auf seine Hüfte, „und es warf mich hin, als ich aufs zweite Konmmndo vorwärts wollte." „Aber ich war es nicht, Mc Kinstry. ich schwöre es Ihnen. Hören Sie doch I Um Gottes willen, sagen Sie, daß Sie mir glauben!" Mc Kinstry richtete seinen müden Blick auf den Lehrer, als denke er an etwas.„Geht'n Augenblick fort," wandte er sich an Harrison mit einer matten Bewegung seiner ver- krüppelten Hand.„Ich Hab' mit dem Mann hier zu reden." Harrison entfernte sich ein paar Schritte und der Lehrer versuchte die verwundete Hand zu fassen, wurde aber durch eine Bewegung daran gehindert.„Wo haben Sie Cressy ge- lassen?" fragte Mc Kinstry langsam. „Ich verstehe Sie nicht," stammelte Ford. „Wo haben Sie sie versteckt?" wiederholte Mc Kinstry schmerzvoll.„Wo haben Sie sie hingebracht, und wo treffen Sie sie, wenn das hier vorbei ist?" „Ich habe sie nicht versteckt! Ich gehe nicht zu ihr. Ich weiß gar nicht, wo sie ist. Ich habe sie nicht gesehen, seit wir uiw heute früh getrennt haben ohne eine weitere Ver-. abredung", sagte der Lehrer hastig, doch mit einein Staunen, welches selbst dem matten Begriffsvenuögcn des andren nicht entging. „Ist das wahr?" fragte Mc Kiustry, indem er dem Lehrer die Hand ans die Schulter legte und ihn fest ansah. „Es ist die volle Wahrheit", entgegnete Ford eifrig, „und wahr ist es auch, daß ich meine Hand nicht gegen Sie erhoben habe." Mc Kiustry winkte Harrison und den beiden anderen, welche bei ihm standen, dann sank er zurück, die Hand auf die Seite gepreßt, aus der das Blut langsam hervor- drang. „Ihr könnt mich nach dem Ranch bringen," sagte er ruhig,„und ihm," fuhr er, auf Ford weisend, fort,„gebt das beste Pferd, daß er den Doktor holt. Ich brauch' gewöhnlich keinen Doktor, aber das ist'was, das die Alte nicht versteht." Er hielt inne, dann drehte er sich dem Lehrer zu und raunte ihm ins Ohr:„Wenn ich die Kugel in meiner Hüfte zu sehn krieg', werd' ich— werd' ich— schon ruhiger sein." Bedeutungsvoll blickte er auf. Der Lehrer verstand ihn augenscheinlich, denn er erhob sich schnell, eilte zu dem Pferde, schwang sich hinauf und jagte davon, während Mc Kiustry die Angell schloß und besinnungslos zlirücksank. XIII. Als Rupert Filzen an dem nämlichen Tage ans der Schule heimkehrte, war er nicht wenig überrascht, Onkel Ben auf deni Zaune vor der Thür des bescheidenen väterlichen Hauses sitzen zu sehen, wo er anscheinend aus ihn wartete. Langsam stieg er herab, als Rupert und Hans näher kamen, und blickte mit geheimnisvollem Lächeln den elfteren an. „Rup, alter Junge, Du hast doch Deine Lumpen alle zusammengepackt, was?" Ein freudiges Erröten huschte über des Knaben hübsches Gesicht. Doch warf er einen hastigen Blick auf den pfiffigen Hans. „Denn wir woll'n heut um vier mit der Post nach Sacramento," fuhr Onkel Ben fort, sich an Ruperts halb skep- tischeiil Staunen ergötzend.�„Du trittst sozlisagen Deinen Dienst als Privat- und Geheimsekretär mit sünfundsiebzig Dollars den Monat und Station dann gleich an, was?" Ruperts Grübchen vertieften sich in fast mädchenhafter Verlegenheit.„Aber Pa—" stammelte er. „Mit dem ist alles in Ordnung. Ter hat nichts da- gegen." „Aber—" Onkel Ben folgte Ruperts Blick ans Hans, welcher ganz in die Betrachtung von Onkel Bens neuen Hosen ver- tieft schien. „Das ist in Ordnung," sagte er nüt einem bedeutsamen Lächeln.„Wir mieten'neu Chinesen, der kann die schweren Arbeiten besorgen." „Und der Lehrer— Herr Ford— haben Sie es dem gesagt?" fragte Rupert froh gestininst. Onkel Ben hustete leicht.„Der hat auch nichts dagegen, denk' ich. Das heißt," er wischte sich nachdenklich de» Mund, „vor'ner Woch', da hat er's so gut lvie erlaubt." Ein flüchtiger Schatten des Argwohns trübte den Blick des Knaben.„Geht sonst noch einer mit?" fragte er schnell. „Diese Reis' nicht," entgegnete Onkel Ben gefällig.„Hör 'mal, Rup," fuhr er fort und zog ihn mit geheinliiisvoller Miene beiseite.„Diese Sach' gehört in das Privatdepartement des Geschäfts. Wie wir erfahren haben—" Fortsetzung folgt.) Die geöMe Sünde. (Lessiiig-Theater.) Aucki nach„Jugend von heute" und nach„F'ach-Zmann als Erzieher", de» beiden Stonlödie». die dein Harnburger Otto Ernst jungst zu so starker Popularität verhalfen, ist die„größte Sünde" eine arge Enttäuschung. Die beiden Lnstfpiele sind Ivohl ohne künst- lerische Qualitäten, aber sie zeigen— wie wäre auch anders der überraschende Vcisall, mit dem sie ansgenoniinen ivurdeii, zu erklären— Blick für das BiiKnenlvirksgnic. Dazu sind einige Sccncn ivirklich amüsant imd erfreuen durch eine muntere, originell geprägte Sprache. Der„größten viinde" lassen sich nicht einmal diese Vorzüge nachrühmen. Ohne den Ilingende» Kasstnerfolg der beide» ersten Stücke lockre dieses Schau- spiel— ein, lvie es heißt, nmgearhcitetcS Jugendtverk— wohl niemals mehr vor das Licht der Rainpen gekommen. Daß sich Bühnenleiter fanden, die jetzt, nachdem der Raine Otto Enist solchen Kredit beim Theatervnblikinn gewonnen hat, den Versuch einer Ans- führung ivagen wollte», ist bei der herrschenden Dürre der drania- tischen Produktion schließlich begreiflich. Es war ja vielleicht nicht ansgcschlossen, daß die freiheitliche und darum, bei uiisreii Ceustir» Verhältnissen, ans der Bühne nngetvohnte Tendenz dem Stücke zu einem äußeren Erfolg verhelfen werde. Aber unverständlich ist es, wie_'der Dichter, bei dem mg» billigerweise doch andre Niicksichtcn vorausznsctzen hat, zu einem solchen Versuche die Hand bieten konnte. Wir sind gciviß die letzten, die dem Dramatiker die Tendenz, dass Eintreten für das, was ihm als Mensch und Staatsbürger ivert und teuer ist, verwehren möchten. Und wie gut eine solche männliche Streitbarkeit sich mit stark dramatischer Be- wcgmig vereinen läßt, das hat erst jetzt wieder das Beispiel von Bricux'„Roter Robe" swenigstens in ihren beiden Mittelakten) klar gezeigt. Je ernster es jeniaud mit einer Wahrheit meint, um so mehr wird er von dem Dichter, der sein Werk in den Dienst derselben zu stellen denkt, die vollste künstlerische Hingabe an die große Aufgabe verlange».„Bilde Künstler, rede nicht", heißt es auch hier. Um über die Wahrheit z»„reden", dazu bedarf es deiner nicht, das besorgen andre. Du sollst das Allgemeine, wenn es dir wirklich am Herzen liegt, in die Farbe des Lebens kleiden, es in Charaktere, in Handlung, in Bewegung umsetzen. Nur in dem Ringen»ach einer solchen, immer lebensvollere» Gestaltung kannst du als K ü« st l e r den Ernst, mit welchem dn dein Allgemeinen dienst, erweisen. Die Flüchtigkeit, mit welcher die beiden Lustspiele gearbeitet waren, mochte hingehen. Sie halten die Eutschnldignng eines leichten, meist auf bloße Unterhaltung abzielenden Genres. In der „größten Sünde" gelten diese mildernden Umstände nicht. Gerade weil die UeberzengnngStrcue, die der Dichter hier als höchstes Gut des Mamics feieri, wirklich etwas so Hohes und Großes ist. ver- mißt man um so peinlicher, mit innerer Erbitterung, die künstlerische Hingabe an den Gedanken. Man hat den abstoßenden Eindruck dcS ganz wahllos, ja sogar ganz ohne Rücksicht auf.die eleinentarste äußere Bühnenwirksamkeit Znsamniengestoppclten. Papierne Reden, papiernc Personen, papierne Konflikte! Nicht einmal d i e Mühe hat sich der Autor genommen, einen einigerinaßcn glaubhaften Konflikt zu ersinnen, durch den sein Held zu dem Verrat an seiner Uebcrzenginig gebracht wird. Wolfgang Behring, ein junger Freigeist und Journalist. hat sich mit einer reichen Kanfinmnistochler verlobt. Seine Weigerung, sich kirchlich trauen zu lassen, bringt die Eltern der Braut, korrekte Bourgeois, natürlich sehr in Harnisch. Er schlägt sich dann eine Zeitlang durch Stundengebe» und Schriftstellerci mit seiner jungen Frau durch, bis infoige eines freigeistigen Vortrags ein allgemeiner gesellschaftlicher Boykott Über ihn verhängt ivird. Seine Erwerbsquellen versiegen, sein Kind stirbt, die Frau wird todkrank und kann, wenn überhaupt, nur durch eine kostspielige Reise nach dem Süden gerettet werden. Es ist verständlich, daß er, unter diesen Umständen, seinen Stolz besiegend sich für die Frau an die reichen Eltern nm Hilfe wendet. Und nun soll man glauben, daß er diesen Eltern Geld für die Rettung der Tochter mir dadurch abzuringen vermag, daß er feierlich auf jedes weitere Wirken für seine Neberzeugung verzichtet und nachträglich die kirchliche Training vollzieht! Wie ausgesucht koiistruiert, ivie unnatürlich und nntypisch ist das alles! Und weiter soll man glauben, daß dieser jugeiidkräflige Mann, statt dann später wenigstens das schimpfliche Joch abzuschütteln und in die weite Welt zu neuem Wirken hüiausziiziehen, stündig«der seiner größten Sünde brütet, nm schließlich, Ann in Ann mit seiner Fra», in einen frei- gewählten Tod zu gehe». So falsch und schief wie die Voraus» setziingen, ist dieser Schluß. Und fast noch schliminer als die Fabel sind die überall eingestreuten, endlos erinüdcnden Episoden- ichilderiingen; es ist. als ob man meilenweit durch losen Sand zu waten hat. Fndesseii war das Publikum geduldig und ließ die Beifallsstürme, die auch hier nicht fehlte», ohne Widerspruch Über sich ergehen. Otto Ernst konnte inehrinals erscheinen.— —dt., Kleines �enillekon. — Hanptiiianuö Niedergang und die Berliner Litteratnr- Tyraniiei. In der„Kölnischen Zeiluiig" lesen wir:„... Der Mißerfolg des„roten Hahns", der dem Mißerfolge des„Michael Krämer" folgt, läßt kauin noch die Hoffnung übrig, daß Hauptinann über seine früheren Werke zu einer großen Dramalik aufsteigen wird. Es ist vielmehr ziemlich sicher, daß er bestenfalls sich»och einmal auf halber Höhe aufrichtet, aber der Hauptinann, Über den eine ganze Litteratnr entstanden ist, der Hauptmann, in dem nian die Zukunft des Deiitschen Dramas ahnen wollie, dieser Hauptmann ist gewesen, und die deutsche Litteratnr geht über ihn hinweg, weil sie schon über inaiiche» kurzlebigen SIern. der an dem Theaterhiinmcl glänzte, hinweggegangen ist. Aber Hauptmanns Niedergang bedeutet,' wie die Dinge einntal liegen, noch' mehr. Hauptmann war ohne seinen Willen der große Neuerer, nni den sich ein ganzes Programm, eine ganze Bewegung gebildet hat: er ivar der heimliche Diktator der deutschen Theaterlilteratur. Das alles hat ein Ende, und mit ihm bricht ein Gebäude zmainme», in dem eine gmize Schur schwächerer, aber sehr lauter Geister Obdach gefunden hat. Der Durchfall des»roten Hahns" ist so etwas ivie ein litterarischer Börsensturz, tvie eine Katastrophe, die ihre Wirkung ausübe» muß, tvemi auch noch frecher als»ach dem„Michael Krämer" der Versuch gemacht werden sollte, das deutsche Publilm» über die Wahrheit zu täuschen. Die Berliner Litteratur-Tyraunei hat am 27. November ihr Endegefunden."— ss. Wirkung des ThceS auf die Nerven. Daß übermäßiger Theegenuß gesundheitsschädlich wirkt, ist oft betont tvvrden. neu avcr sind die direkten Aeußeruugen der Nervenbeeiuslussuug durch den Thce, die G o r d o u vor der Pariser Neurologischen Gesellschaft beschrieben hat. Selbstverständlich handelte es sich nur um solche Kranke, die de» Thee in unvernünftig großen Mengen, nämlich 10—15 Tassen zu sich nahmen. Es stellten sich bei ihnen Erscheinungen ein, die eine direkte Eiulvirkung des im Thee enthaltenen besonderen Stoffs auf das Rückenmark bewiesen. Zunächst machte sich eine schnelle Er- niüdnng der Beine, verbunden mrt Unsicherheit des Ganges bemerkbar. Die nervöse Wirkung von Schlägen auf dieKnicscheibe, die gewöhnlich zur Prüfung des Nervenznstandes mit benutzt ivird, war besonders stark. An gewissen Körperstellen tvar die Empsindlichkeit abgestumpft, an andren übertriebe». Die beiden Pupillen zeigten sich»nigleich geöffnet. In einzelne» Fälle» stellte sich sogar das sogenannte Augenzittern ein, derjenige Zustand, bei dem die Augen nicht mehr gleichzeitig auf einen bestimmten Punkt gerichtet werden können, sondern fortwährend hin- und hergeben. Ein Arzt mnß bei solchen Krankheitserscheinungen freilich sorgfältig prüfen, ob sie allein dem Mißbrauch des ThcegenusseS au sich zugeschrieben tvcrdeii können, oder ob vielleicht noch cltvas andres dabei mitspielt. Es kann sich nämlich gleichzeitig auch in» eine Bleivergiftung bandeln, da es gar nicht so überaus selten vorkommt, daß eine gewisse Menge von Blei mit dem Thce vermischt ist, falls auf dessen Behandlung und Ber- Packung nicht die nötige Sorgfalt verwandt worden ist.— — New Dorker Gehälter. Welch' eine Macht der erste Bürgermeister von Groß-New Dork ist, erkennt man, wenn man die GehaltSliste derer betrachtet, die der Bürgermeister ein- und absetzen kann. Da ist vor allem der„Korporatiousanivalt" mit 15 000 Toll. Jahrcsgehalt und dessen 23 Gehilfen mit einem Gesamtgehalt von 148 000 Doll., von 10 000 absteigend bis zu 5000. Der Polizei- kommissar imd seine ztvci Assistenten beziehe» znsammeu 17 500 Doll., der Brüekeulonmiissnr mit einem Assistemcn 12 500 Doll., und so geht es die lange Ikeihe von„Kommissaren" hindurch, denn es giebt Kommissare für Straßenreinignng, für Feuertvehr-, Docks und Dampf- fähre», öffentliche Wohlthäligkeit, einen Gesundheitsrat, ein Parkdepartement. ein Steuer- mid eiuRechnuvgsdepartenient, und wenn man nur die Stellen von 5000 Toll, und darüber zusammenrechnet, über die der Bürgermeister wahrer Meister ist, so erreiche« wir die stattliche Zahl von 54 mit einem Gcsamlgehnlt von 337 000 Doll, Das sind aber nicht alle hochbezahlten Aeinter der Stadt Netv Jork; der Bürger- meister selber bezieht 17 500 Doll. und ebenso viel die verschiedenen Mitglieder des städtischen Obergerichts, und dazu kommen � noch weitere, wie der Staatsanwalt mit seinen Gehilfen, die Polizei- ober» usw. Es ist ausgerechnet worden, daß die Unionsregierung für ihre hochbezahlten Beamten, d. h. für solche, die ein Gehalt von über 4000 Doll. beziehen, rund 175 000 Doli, weniger auslegt, als die Stadt New Aork allein.— Theater. Sch a u spi e Ih a n s.„Das große Li cht." � Schauspiel in 4 Akten von Felix P h i lip p i.— Das Problem, welches PhilippiS neues Stück anpackt, ist interessant genug. Ein wirklicher Künstler mit reich quellender Schöpferkraft. ein unermüdlich seinem Werke hingegebener Meister, großzügig in Wollen und Boll- bringen, frei von jeder Eitelkeit, doch ganz durchdrungen von dem naiven Selbstbewußtsein seiner Größe, dabei ein robuster, fröh- sicher Naturmensch, offen bis zur Uugeschliffenheit— ein solcher Künstler entdeckt ein junges, glückverheißendes Talent. Mit stürmischem Enthusiasnius ergreift er die Partei des Neulings imd trotzt es dein Widerstande stumpfsinniger Philister ab, daß ibm der Unbekannte als Mitarbeiter bei seiiici» großen Werk zur Seite gestellt wird. Nun soll der junge Künstler schaffen, aber Hand und Aiigc verlieren bei der Arbeit ihre frühere Sicherheit. Die Höhe, auf welche ih» die Kraft des Meisters gestellt hat, läßt ihn schwindeln. Alle Grenzen verrücken sich ihm. Die Dankbarkeit, die er dem älter» Freunde gegenüber empfand, verwandelt sich in nagenden Neid und fiiistercs Mißtranen. Ein kleinlich hastender, impotenter Dekadentenehrgeiz— das äußerste Widerspiel zu des Meisters großer und fest in sich gegründeter Persönlichkeit— frißt ihm am Herzen und zerstört alles Echte imd Ursprüngliche seines künstlerischen Eiiipfiiidens. Er zermartert seilt Gehirn, rim in dem letzten Kapellenbilde, das er für des Meisters Domban zu malen hat. etwas unerhört Neues, eine raffinierte Sensation herauszubringen. Je ninvahrer und ausgeklügelter die Idee— er will Sonne und Mond, das große und das kleine Licht, als miteinander ringende Niesen darstellen—, um so grandioser erscheint sie seiner rnhmlechzenden Eitelkeit, lind als der Meister ihm sorgend die Augen öffnen möchte, da sieht er. der Verblendete, hinter seinem ehrlichen Worte die. Fratze hämischer Mißgunst. Alle Heminmigsvorstellungen überflutend, bricht der heimlich genährte Größemvahn nun' laut in ivild phantastischen Prahlereien und wüsten Rachedrohungen aus. Vergebens, daß der Freund ihn retten will, die wirren Phantasien treiben den Unglück- liehen, der den Triumph des Stärkeren und Besseren nicht überleben kann, in einen selbstgeivahllen Tod. I» den Händen eines Dichters hätte ans diesem Stoff ein fein- gestimmtes psychologisches Drama, realistisch und doch zugleich von symbolistischer Größe, werden können. Wie bedeutsam ist dieser Kontrast ruhiger künstlerischer Vollkraft und ohnmächtig, ntit neid- verzerrten Mienen ringender Originalilätssucht gerade in unsrer Zeit. der„Ucbermenscheil"-Mode und mystisch-sinnlosen Knnstgestaminels l Philippi hat, ivie zu erwarten war, kein Drama geschaffen, wohl aber ein geschicktes und inmanchenPartiendirekt wirkungsvolles Theater- stück findig zurechtgeziinmert. Sehr hübsch ist neben der Figur deS Meisters(von M a t k o w s k i prächtig gespielt), der Organist und Bach- Verehrer Goldner herausgekommen, ein knurriger alter Junggeselle, grob»nd bescheiden zugleich, mit seinen sechzig Jahren noch ein echter, jugendlich überströmender Enthusiast für alle wahre Kunst. Jedenfalls so, tvie ihn P o h l spielte, nmßte»>a» den weltvergessenen Alten liebgeivinnen. Am stärksten wirkte der zweite Akt. Der dritte, in dem der Größenivc.hn des junge» Künstlers(von Christians wirkungsvoll gespielt) zum Ausbruch kommt, litt schon beträchtlich an innerer lln- Wahrscheinlichkeit. Im Schlußakt gar war alle geistige Munition verschossen. Klug kalkulierte dekorative Wirkungen sein prmikvoller Kuppelsaal des neuerbauten Doms, ein Aufzug der Gewerke vor dem „Meister". Ansprachen und Hochs auf die deutsche Kunst, ein von unten heraufschalleilder Hallelnjagesang usw.) sollten die innere Blöße verdecken. Der Beifall war stark; auch nach dem ganz verfehlte» Schlußakt drang die Opposition nicht durch.——dt. — n. Freie Volksbühne.„H e i m g' f u n d e n". Wiener Weihnachtskoinödie von Lildwig An zeug ruber.— WaS Anzengrnber in seiner Weihnachtskomödie, für die er 1887 den Gnllparzer-Preis erhielt, darbietet, ist ein Stück vom Thema „Vorderhans und Hinterhaus", nur daß hier die Beziehungen ztvischen diesen beide» Welten etwas enger geknüpft sind, als bei unsren Modernen: einer Mutter kehrt der jahrelang schmerzlich entbehrte Sohn wieder, da? Vorderhaus findet den Heim« weg zum Hinterhaus. Die Art, in der dieses Heim- finden vor sich geht, ist freilich keine komplizierte. Der Dichter hat es sich beim Aufbau des Stückes nicht allzu schlver iverden lassen; er hat die Kontraste scharf gegenübergestellt: den zusainmenbrecheiideii Reichtum und die Armut, die mit hellen, zufriedenen Augen in die Welt sckant, den ehrgeizigen Leichtsinn des zur Höhe klinimende» Strebers und die ruhige Heiterkeit eines Menschen, der nur de» Platz anSsüllen will, auf den ih» das Lebe» gestellt hat. Alle diese Gegensätze hat der Dichter auf zivei Personen seines Stückes gehäuft, auf die beiden Brüder. Dem einen, dem Repräsentanten des Hinterhauses', gab er alle Lichtseiten, dem andern, durch eigne Schuld Hernntergekommenen, alle Schattenseiten. Ilud diese beiden, einander so fernstehenden Naturen finden sich, als der Bankrotteur zur Pistole greift, im Ge- danken mid in der Liebe zu ihrer alten Mutter. Die lichte Lebens» Heiterkeit deS Jüngeren siegt. Ter Aeltere saßt den Mut, sein Leben wieder von neuem aufzubauen i er kehrt ins Haus der alten Mutter zurück. Mit der Aussicht � auf eine durchgreifende Besserung des reuigen Sünders entläßt uns der Dichter. Die Regie hatte sich alle Mühe gegeben, das an ivirksameit Sceuen so reiche Stück ivirkungSvoll auszugestalten. Ihre Höhe er- reichte dieses erfolgreiche Bemühen in der Weihnachtsuiarkt-Seene, die an realistischer Treue nichts zu wünschen übrig ließ. Auch von der Aufführung selbst läßt fich nur Gutes sagen. Die beste Leistung, die alles andre in den Schatten stellte, bot Arthur Wehrt in als Thomas. Er legte m seine Rolle alle Frische, Liebe und Herzcnsgüle, die der Dichter in dieser Person vereinigt hat. Er ivar auch der einzige, der den Wiener Dialekt einigermaßen beherrschte. Die andren Darsteller fielen zu oft ins Hochdeutsche. E r n st P i t t s ch a>« (Dr. Arthur Hannner) spielte die vom Dichter am schlechtesten und parteiischte» bedachte Rolle des heimkehrenden Sohnes; sein Spiel wirkte, meinem Empfinden nach, noch kälter, als es lvohl in der Absicht des Dichters liegen dürfte. Antonie B a u m e i st e r gab die alte Hannner vielleicht etwas zu weich auf der einen und etwas zn burschikos auf der andern Seite. Gut spielten ferner noch Conrad L'Allem and(Buchhalter Fähnlein), Franz Schläger(Florian) und Klara Wenk(Frau Taudl).— — Neue freie Volksbühne.„ O st e r g l o ck e n", Schauspiel in einem Aufzug von Paul R e m e r.— Ein Streit mit Worten um ein Kind. Ilm ein Kind, das kommen soll. Um das Kind eines Weibes, das keine» angetraute» Mann hat. Die Mutter freut sich über das Kind, mit dem sie geht. Der Pastor schimpft. Die alte Marieken findet so was natürlich, accurat dasselbe ist ihr passiert, vor Jahren. Kandidat Johannes freut sich, daß die Kiiidsniutter sich freut, findet seinen Glauben n» Gott und die Menschheit wieder und geht i» die Welt, um das Evangelium der Liebe zn predigen. Amen! Zwischen hinein klangen immer wieder die Osterglocke». War furchtbar synibolifch I Die Schauspieler gingen ins ZeNg. Der Autor ließ sich zweimal anschauen. Soll bei seinen Liedeni und Stimmnngsbildern bleiben. Nochmals Amen!— x. Musik. Es ist für den Kritiker nicht leicht, einem Komponisten daS paradoxe Wort zn sagen, daß zu seiner Eigenart auch ei» Mangel an thematischer Erfindungskraft, ein Mangel an Eigenart gehört. Die Bruchstücke ans Siegfried Wagners zweiter Oper „Herzog W i l d f a» g die wir jetzt i» einem Konzert der Wag>i er- Vereine gehört, sind es, was uns zu diesem Urteil veranlagt. Was wir seiner Zeit über S. Wagners„Bärenhäuter" gesagt, würden wir jetzt vielleicht genau zu wiederholen haben. Mit jener negativen Eigenart verbindet sich nun des Koniponisten vor- uchmste' positive Eigenart: die Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Echt- heit dessen. was er darbietet. Er giebt wenig, aber von Herzen. All das uns gerade in neudeulschen Kompositions- weisen oft so Bedrückende, Forcierte, Hinaufgeschraubte, initUebermasscn von Mitteln wenig Erreichende— das ist Siegfrieds Sache nicht. Er hat sich vor allem auf einen bestimmten festen Boden gestellt: auf die Geschichte und Stiinmnng seines Bahrenther Heimatlandes. Ans diesem Boden entnahm er Stoff und Färdiing seines„Bären- häutcrS" und nun auch seines„Herzogs Wildfang"— bei diesem, wenn ich recht sehe, ans einer um etwa ein Jahrhundert späteren Zeit als bei jenem. Sein jetziger Held ist Herzog Ulrich, einer der Rokokofürsten der Markgrafschaft Bayreuth, sein jetziges engeres Milien der Zusammenftöße zwischen dem damaligen wildfängerischcn Fürstentum und dem frischen Volksleben. An die Charaktere beider Welten, an vornehme Rokokokomponisten einerseits und an das Volkslied andrerseits erinnert linn auch S. Wagners Musik, unbeschadet moderner BerarbeitungSknnst. Ein Zug des Frischen, Temperainentvollen, Naiven geht durch all das, was wir da hörten. Die Kunst, etwas unverfälscht Natürliches zu charakterisieren, bewährt sich wohl am besten in dem einen der diesmal gehörten Bruchstücke:»Von ReinhartS junger Liebe".— Der Komponist dirigierte selber. Ein Vergleich mit Dr. K. Muck, der das übrige Konzert dirigierte, ist bei der Verschiedenheit der be- treffenden Bedingiingen nicht leicht: im ganzen wird doch wohl der Eindruck nicht verfälscht gewesen sein, dag S. Wagner das Orchester mehr animierte als unser Hofkapellmeister. Noch eine Erschwerung gab es dadurch, dast den Wagner-Stncken die einstündige E-aur-Siiifoiiie(Nr. 7) von Anton Bruckner voranging. Natürlich nicht ohne eine schriftstellerische Beigabe, die wieder einmal der bösen Welt verriet, was sie an dein braven Bruckner gesündigt habe; ihre Unterzeichnnugs- Chiffre„B. St." deutet auf einen allerbekanntesten Namen. Diese 7. Sinfonie dürfte im Kompositionenkranz Bruckners die auch historisch hervorragendeste Rolle spielen. Was mir besonders auffiel, war dies, daß sie gar nicht so neudeutsch-eigenartig ist, wie es nach dem Geschrei der Bruckner-Partei zu vermuten wäre. Prächtige, langatmige Melodien, warm gefühlt, sind wohl daS Charakteristischte an ihr. Oder sollte die lastende Breite, mit der daS Werk sich und unS dahinzieht, charakteristischer sei»? Wesentlich anders steht es mit Bruckners einziger Kaminemiusik, seinem Streichquintett. Da geht es so, als sähen wir in einer Karre, die allaugenblicks in eine andre Richtung geworfen wird; wertvolle Themen, doch so durcheinander gebeutelt, daß eine sehr weite Umbildung uiisres Geschmackes nötig sein würde, um dies wenigstens als Kaiiunermnsikstil zu empfinden. Einstweilen giebt es für Berlin noch genug unausgeführte Kammer- musik von der Art, die wir eben unter diesem Namen erwarten dürfen.— sz. Aus dem Tierleben. ie. Die Geburt der Bienen. Dzierzon, ein Meister der Bienenzucht, dem auch die Wiffenschaft eine Fülle von Belehrungen über das Lebe» dieser nützlichsten aller Insekten verdankt, hat vor Jahren die Behauptung aufgestellt, daß sich die Geburt der ver- schiedenen Geschlechter der Bienen auf verschiedene Weise vollzieht. Die weibliche» Bienen, also die Arbeiterinneu und die Königin, gehen aus Eiern hervor, die eine Befriichtung erfahren haben. Die Männchen dagegen werden ans Eiern geboren, die unbefruchtet geblieben sind, und man hat diese wunderbare Erscheinung bei de» Bienen und bei andren Tieren als„jungfräuliche Zeugung'(IPartbenoAvaesö) bezeichnet. Die Naturforscher Sicbold und Leuckart haben die Angabe Dzierzons nachgeprüft und bestätigt gefunden. Dagegen ist sie von Bienenzüchtern oftmals in Zweifel gezogen worden. Der berühmte Zoologe der Universität Frcibnrg. Profcsior Weisiiiann, hat es daher für wichtig gehalten, eine nciie Uiitersuchnng der Frage vorzunehnicn, ziniial neuerdings von Dickel ans Darmstadt behauptet worden ist, dnh sämtliche Eier der Bienen befruchtet seien, und daß es demnach eine jungfräuliche Zeugung bei diesen Insekten nicht gebe. Dickel hatte diesen Schlich aus der Beobachtung gezogen, dah die in den Zellen der Drohnen niedergelegten Eier weibliche Bienen hervorbringen, wenn sie in die Zellen der Arbeitsbienen gebracht werden, und inngekehrt. Dickel erklärte sich die abweichende Ansicht der früheren Forscher durch die Annahme, daß die Eier nicht soiort nach dem Legen, sondern erst nach einigen Stinidcn untersucht wären, nachdem die Zeichen der Befruchtung verschwunden gewesen waren, was nachweislich schon nach 15 bis 20 Miunten geschehen sein kann. Professor Weismaun hat sich nun von Dickel selbst Bieneneier liefern lassen und zwei seiner Schüler mit deren Beobachtung beauftragt. Ziniächst war es wichtig. denjenigen Zeitpunkt in der Entwicklung der Eier herauszufinden, in dem die Thatsache der Befriichtung am sichersten festgestellt werden könnte. Nach erfolgter Befriichtung tritt in der Umwandlung des Kerns der Eizelle ein Stadium ein, während dessen bic_im Innern vor sich gehende Körnchenstrahluiig die Gestalt eines Sternes an« nimmt. Da dieser leicht zu erkennen ist, so wird der Zeitpunlt seines Berantivortliche: Redacteur: Carl Leid m Berlin. Vorhandenseins die beste Aussicht auf einen sicheren Nachlveis der stattgefimdencii Befruchtung darbieten. Die Beobachtungen haben inni ergeben, dag jener Stcni bei 62' Eiern ans den Zellen der Ar- beitsbienen stets bemerkbar war, während er bei 272 Eiern aus den Zellen der Männchen nur in einem Fall wahrgenommen'werden konnte. Diese Ausnahme erklärt Wcismanii durch die Annahme, dah die Königin eben einen Jrrtimr begangen und versehentlich ei» befruchtetes Ei an eine falsche Stelle gelegt hatte. Die Er« fahrung der Bienenzüchter bestätigt,' daß solche Irrtümer vorkommen und daß daher zuweilen auS einer männlichen Zelle eine Arbeitsbiene statt einer Drohne hervortritt. Die Lehre von Dzierzon und die darauf gegründeten Beobachtungen von Sie« bold und Leuckart haben also eine vollkommene Bestätigung erhalten und die jungfräuliche Zengiing der männlichen Bienen bleibt als Thatsache bestehen. Die Forschungen von Dickel haben aber eine andre Eigentümlichkeit bei der Geburt der Bienen ins rechte Licht gesetzt. Wen» die Eier von der Königin in die Zelle gelegt sind, lassen nämlich die Arbeitsbienen ihnen eine sonderbare Behandlung z» teil werden, indem sie sie belecken und mit Speichel anfeuchten. Auf die Bestimmung des Geschlechts der Eier hat diese Behandlung jedenfalls keinen Einfluß, aber sie scheint doch von einer wesentlichen Bedentung zu sein. Wenn die Eier nämlich sofort nach ihrer Ab- läge derart verwahrt werden, daß die Arbeitsbienen nicht mehr au sie heran und sie also auch nicht belecken können, gehen sie stets zu Grunde, auch wenn sie ihre Entwicklung bereits begonnen haben. Das Belecken der Eier durch die Arbeitsbienen hat daher ohne Zweifel den Zweck, sie vor dem Ver- trocknen zu schützen. Die Thaisachen über die Bicnengcburl lassen sich also in folgende Sätze zusammenfassen: Das Geschlecht hängt ausschließlich von der Befruchtung ab. Das befruchtete Ei ergicbt entweder eine Königin d. h. das einzig vollkommene, nämlich zur Fortpflanzung bessimmte Weibchen des ganzen Volks, oder eine Ar- beitsbiene d. h. ein Weibchen mit verkümmertem Geschlechtsapparat. Die Entwieklung der Königin wird erreicht durch eine besondere Er» nährung. Aus den unbefruchtet bleibende» Eiern entstehen die Drohneu.— Notizen. — Dieser Tage erscheinen die drei ersten Bände einer Samm» lung von Meisterwerken der Weltlitteratnr. Die Sammlung führt den' Namen„P a n t h e o n- A u s g a b e". Das Werk erscheint bei S. Fischer in Berlin.— — Als Lehrer der Rhetorik soll der Vortragskiinstler Milan an die Berliner Ilniversität bernfen werden.— —„Der Schatzgräber", eine Bauernkomödie von C a r l o t R e u l i n g, wird noch in diesem Winter im Deutschen Theater aufgeführt werden.— — WolzogenS Buntes Theater bringt demnächst „Die P r o t e st v e r s a m m l n n g' von Dr. Ludwig T h o m a zur Aufführung.— — Halbes„Haus Rosenhagen" wurde bei der Auf- führung im Deutschen Volksthcater zu Wien abge» lehnt.— — Louis Weinerts Dorftragödie„Die Mühlhof- b ä n e r i n", das mit dem Konkordiapreise gekrönte Stück, trug bei der Erstaufführung im Neuen deutschen Theater zu Prag einen starken Erfolg davon.— — Im Friedrich-Wilhelm städtischen« Theater wird demnächst eine neue Operette„Der rote Kosak" von Victor Holländer in Scene gehen.— — Für den Ankauf der Galerie Vorghese bewilligte das italienische Parlament 3 600 000 Lire.— — In einer Versammlung von 30 Berliner Musik- r e s e r e n t e n. die am 29. Novbr. stattfand. ist ein Ausschuß gewählt worden, der die Aufgabe hat, zu Aerufsfragen im gegebenen Fall Stellung zu nehmen.— — Preise von 800 M., 450 M. und 250 M. für die besten Plakateiitn'ürfe„Barme n und das©ergische Land' schreibt der Barmcr Biirgerverein(VerkehrS-Verein) ans. Letzter Einliefernngstermin ist der 25. Febniar 1902; alles Nähere durch Wilhelm Hyll, Barmen, Neuer Weg 43.— — Die AuSstellnng„Zeichnende K ü n st e'(Berliner Secession) wurde am 30. November, mittags 12 Uhr, eröffnet.— c. Pierpont Morgan aus New Dorl bezahlte während seines Londoner Aufenthaltes 105 000 M. für ein Exemplar des . P f a l m o r u m Codex", 1459 von Fust und Schöffer gedruckt. Dies soll der h ö ch st e Preis sein, der je für ein einzelnes Buch gezahlt wurde. Von diesem Buch sind nur nenn im Jahre 1467 gedruckte Exemplare und zwölf im Jahre 1459 gedruckte bekannt. Letztere enthalten ausschließlich das alhanasianische Glaubens- bekenntuiS. Nach der Meiming der Bibliophilen wurden von jeder der beiden Auflagen ursprünglich nur vierzehn oder fünfzehn Exemplare gedruckt.— — Bei einer Treibjagd im Tranpler Walde(Wcstpreußen) wurde ein selten schönes Exemplar einer Wildkatze erlegt.— Druck und Verlag von ivtax Bading in Berlin.