MnterhMungsblatt des Aorivärts Nr. 237. Donnerstag, den 5 Dezember. 1901 (Nachdruck oerbvten.) 26) CveM. Roman von Bret Harte. (Fortsetzung und Schluh.) Es Wurde immer dunkler, bis der Schauplatz des letzten Kanipfes von finsteren Wänden umschlossen schien; ein kühler Luftzug, der wie ein tückisches Tier durch das Unterholz heran- gekrochen zu sein schien, bewegte die Locken auf feiner hcifien Stirn. Mit festem Griff faßte Hans das Beil, als wolle er sich gegen etwaige wilde Tiere verteidigen, und aus Vorsicht legte er den Hosenträger fester um den Verband. Nun kam ihm der Gedanke, daß er wohl sterben werde. Sic würden gewiß alle sehr betrübt sein und es würde ihnen leid tynn. daß sie ihn gezwungen hatten, sich am Sonnabendabend zu waschen. In hellen Haufen würden sie bei seinem Begräbnis auf dem Kirchhof sein, und auf einem weißen Grabstein würde zu lesen sein:„Hans Filgen fiel im Duell, sieben Jahre alt." Er würde seinem Bruder, seinem Vater und Herrn Ford alles vergeben. Doch er fühlte noch ein paar Blätter vom Baume auf seine Stirn fallen und entfernte sie mit einer schwachen Bewegung der Hand. Und dann legte er sich auf die«ioeite, um zu sterben. wie es dem Sproß eines Heldeugeschlechts zukam! Die Büunie bewegten unter dem Hauch eines leichten Wmdes ihre dunklen Arme über ilnu und weiter oben funkelten ein paar Sterne über seinem Ruherissen. Doch mit dem Winde und den Sternen kam das eilige Trappeln von Pferdehufen und das Leuchten von Laternen und Doktor Duchesne niit dem Lehrer erschien auf dem Vlatzc. „Hier war es," sagte der Lehrer schnell,„aber sie müssen ihn nach Hause gebracht haben. Kommen Sie dahin." „Halt'mal," rief der Doktor, welcher vor dem Baume stehen geblieben war.„Was ist das hier? Herr Gott, das ist ja der kleine Filgen!" Im Augenblick»varen beide vom Pferde gesprungen und hatten sich über das Kind gebeugt. Hans ließ seine fieber- haften Augen von der Laterne zum Lehrer und wieder zurück wandern. „Was ist Dir, Hans?" fragte der Lehrer zärtlich.„Haben sie Dich hier vergessen?" Bei aller Fieberphantasie kam Hans gleich zur Sache, wenn auch mit einiger Abschlvenkung. „Getroffen!" lispelte er schwach.„Getroffen im Duell! Sieben Jahre alt!" „Was?" fragte der Lehrer voll Bestürzung. Doch nach einem Prüfenden Blick in fein Gesicht hatte der Arzt den Knaben auf seinen Schoß gehoben und den un> geschickten Verband schnell entfernt.„Leuchten Sie her. Bei Gott, er spricht wahr. Wer hat das gethan, Hans?" Doch Hans schwieg. Wohl kam ihm eine Ahnung von der Ursache des Unfalles— allein seine kindlichen Lippen blieben heldenmütig geschlossen. Fragend blickte der Lehrer den Arzt an. „Nehmen Sie ihn vor sich auf den Sattel und dann zu Mc Kinstry," sagte dieser eilig.„Ich kann beide voruehmeu." Zärtlich nahm der Lehrer das Kind in die Arme. Erfreut durch die Aussicht auf einen Ritt, empsand Hans ein schwaches Interesse für feinen Leidensgefährten. „Hat ihn Seth schwer getroffen?" fragte er. „Seth?" rief der Lehrer in höchster Erregung. „Ja. Ich sah. wie er gezielt hat." Der Lehrer antwortete nicht, aber iin nächsten Moment fühlte Hans sich fest umschlungen und das Pferd wie ein Wirbelwind in der Richtung nach Mc Kinstrys Rauch dahinjagen. XIV. Sie fanden den Verwundeten im Vorderzimmer liegen, wo ihm aus Bärenfellen notdürftig ein Lager bereitet war. da er sich geweigert hatte, das Schlafgemach seiner Frau aufzu- suchen. Bei der Möglichkeit eines bedenklichen Ausganges und gehorsam einer alten Traditton der Grenzbewohner hatte er sich nicht die Sttefel abziehen lassen, damit er„in den- selben sterben" könne, wie es bei seinen Vorfahren Sitte gewesen. Hans konnte deshalb in Frau Mc Kinstrys Bett untergebracht werden, während Doktor Duchesne seine ganz« Aufmerksamkeit dem schwereren Falle zuwendete. Eifrig schaute der Lehrer nach Frau Mc Kinstry ans. Sie war nicht nur im Zimmer nicht anwesend, sondern schien auch gar nicht im Hause zu sein. Noch größer war seine Ueberrafchung, als er die auf seinen Lippen schwebende Frage durch ein warnendes Zeichen der andern zrrriickgescheucht sah. Er setzte sich neben den nun schlafenden Knaben und erwartete die Rück» kehr des Arztes, wobei fein Geist mit der befremdlichen Auf- klärnng beschäftigt war. welche ihm von den Lippen des Kindes geworden. Wenn Hans in der That Seth hatte auf Mc Kinstry schießen sehen, dann war wohl dessen Verwun» dung erklärt— allein nicht Seths Motiv. Die That war so ganz nuverständlich, so unvereinbar mit Seths Haß gegen den Lehrer, daß der Junge irre geredet haben mußte. Der Eintritt des Arztes machte feiueu Gedanken ein Ende. „Es ist nicht so schlimm, wie ich dachte," sagte er mit ermutt- gendem Kopfnicken.„Es ist dicht au'ner Arterie vorbeige» gangeu, aber wir haben die Kugel, und in'ner Woche ist er lvieder aus Deck. Beim Zeus l Doch— dem alten Feuerjresser lag mehr an der Kugel wie an Leben oder Sterben! Gehen Sie hinein— er will Sie sprechen. Lassen Sie ihn aber nicht zu viel reden. Er hat eine Meng« Bekannte rufen lassen, ich weiß nicht, weshalb— und Sie finden da drinnen eme große Versammlung. Gehen Sie und schaffen Sie die Leute fort. Inzwischen will ich nach dem kleiuen Filgen sehen— mit dem Bengel steht's nicht schlimm." Einen Blick der Erleichterung warf der Lehrer dem Arzte zu und dann trat er in das Vorderzimmer. Es war mit Männern angefüllt, welche der Lehrer iustinkti» als seiue Gegner von vorhin erkannte. Doch sie machten ihm nnt einem gewiffen rauhen Respekt und verschämter Sympathie Platz, als Mc Kinstry ihn an feine Seite rief. Der Ver- wundete faßte ihn bei der Hand.„Heben Sie mich'a bißchen auf." flüsterte er ihm zu. Mit Anstrengung richtet« der Lehrer ihn auf. „Männerl" sagte Mc Kinstry mit einem charakteristische« Schwenken seiner verkrüppelten Hand gegen die Menge, während er die andere dem Lehrer auf die Schuller legte, „Ihr habt mich vorhin reden gehört! hört jetzt zu. Dies« junge Mann hier, den wir überfallen und dem wir unrecht gethau haben, hat die Wahrheit gesagt— allemal! Ihr könnt Euch auf ihn verlassen, das ist gewiß. Ihr braucht natürlich nicht zu fühlen, was ich fühl', aber iver mtt ihm anbind't— der hat's mit mir zu thun. Damit gut— und idj inrnf Euch für Euren Beistand. Nu geht. Leuten und laßt mich.'uen Augenblick allem mit ihm." Die Männer schoben sich langsam hinaus» einige schüttelten dem Lehrer mit gewichtigem Ernst oder halb lächelnd, halb verschämt die Haud. Der Lehrer nahm die angebotene Versöhnung der Männer, welche ihn vor nur wenigen Stunden mit gleichem Eiser gelyncht hätten, mit Fühler Verwunderung entgegen. Als die Thür sich hinter ihm geschloffen hatte, wandte er sich zu Mc Kinstry. Der Verwundete war wieder zurückgesunken und betrachtete mit schläfriger Befriedigung eine Kugel, welche er zwischen den Fingern hielt. „Dce Kugel hier, Herr Ford," sagte er mtt leiser Stimme, deren Schwäche sich nur aus der bedächtigen Art erkennen ließ,„ist nicht aus der Flink' gekommen, die ich Jhiceu gab — und ist nicht von Ihnen geschoffen." Er hielt üme und fügte dann in seiner alten zerstreuten Weise hinzu:„'s ist lang' her. daß ich mich so— ruhig gefühll Hab'." Bei Mc Kinstrys körperlicher Schwäche lvagte der Lehrer nicht, ihm von Hansens Enthüllung etwas mitzuteilen, und er begnügte sich damit, ihm einfach die Haud zu drücken, doch im nächsten Moment fuhr der Verwundete fort: „Die Kugel paßt grad in Seths Revolver— und der Hund hat sich fortgemacht." „Ader welche Vercuttaffung konnte er haben, bei solcher Gelegenheit aus Sie zu schießen?" fragte der Lehrer. „Er dacht' sich, entweder ich schieß' Sie tot, und dann war' er uns beide los. ohne daß es einer merk': oder wenn ich Sie nicht getroffen hätt', dann würden die anderen Sie aufhängen— wie sie auch wallten— weil Sie mich tot» geschossen hatten. Die Idee kam ihm, wie er hört', daß Si« aus mich nicht schießen wollten." Schaudernd empfand der Lehrer, daß 9)ic Kiwtrh in der T'hat das Richtige getroffen habe. In der augenblicklichen Erregung wollte er schon erzählen, was Haus ihm mitgeteilt hatte, doch ein Blick auf den Verwundeten, bei dem das Fieber im Anzüge war, hieß ihn davon abstehen.„Reden Sie nicht mehr davon," sagte er hastig.„Mir ist'S genug, daß ich gerechtfertigt vor Ihnen stehe. Ich bitte Sie nur noch, sich ruhig zu verhalten, bis der Doktor zurückkommt— da Sic allein zn sein scheinen und Frau Mc Kinstry—" verwirrt hielt er inne. Eine eigne Bestürzung zeigte sich auf dem Gesicht des Kranken.„Sie ist vorhin'ranßgegangen wegen der Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und mir. Sie werd'n bemerkt haben, Herr Ford, daß sie Ihnen nicht grün ist I 's giebt kein Weib, das Blain Rawlius Tochter gleichkommt, wo's heißt, dem Mann beistehen und ihn zum Kampf an- feuern, aber was Sie und Cressy angeht, so saug' ich an zu glauben, Herr Ford, daß sie nicht ganz— ruhig ist. Da Sie selbst ruhig sind, werden Sie alle Unannehmlichkeiten nicht so übel aufnehmen. Was Sie auch von ihr deswegen hören, oder auch von ihrer Tochter— denn ich nehm' den Unsinn zurück, den ich gered't Hab', daß Sie mit Cressy durchgehen wollten— vergessen Sie nicht, Herr Ford, daß sie oder Cressy nichts gegen Sie hatten—'s war alles bloß, weil sie nicht Ruh' und Besonnenheit hatte. Manchmal kommt mir's vor, als haben die Weiber das überhaupt nicht. Und weil Sie selbst ruhig und verständig sind, werden Sie das einsehen und sich damit zufrieden geben." Der alte schmerzensmüdc Blick brach wieder so deutlich aus seinem Auge, daß der Lehrer sich veranlaßt fühlte, ihm sanft die Hand über die Augen zu legen und mit mattem Lächeln ihn zu bitten, er möge zu schlafen versuchen. Das that er denn auch schließlich, nachdem er leise versichert, daß er sich nun ruhiger fühle. Die Hand auf die Augen des Kranken gelegt, saß der Lehrer eine Weile da. und ein seit- sames Gefühl der Vereinsamung schien aus den offenen Sparren des öden Hauses auf ihn herabzusinken. Zeitweise blies der Wind klagend durch die offenen Spalten und schien den Ton sich entfernender Stimmen herüberzutragen. So stark war der Eindruck, daß der Lehrer, als der Arzt mit Mc Kinstrys Bruder wieder eintrat, neben dem Bette mit eben jenem Gefühl der Verlassenheit sitzen blieb, welches selbst des Arztes ennutigeudes Lächeln nicht zu verscheuchen vermochte. „Das geht ja Prächtig." sagte er, als er die ruhigen Atemzüge des Schlafenden vernahm,„und ich rate Ihnen, nun auch zu gehen, Herr Ford, ehe er erwacht, sonst könnte er versucht sein, wieder viel mit Ihnen zu reden. Jetzt ist er aus aller Gefahr heraus, Gute Nacht! Ich spreche bei Ihnen im Hotel vor, wenn ich heimkehre." Noch in halber Betäubung schritt der Lehrer zur Thür und in die Nacht hinaus. Heftig bewegte der Wind die Baumwipfel, doch die fernen Stimmen schienen allmählich schwächer zu werden und schließlich für immer zu verstummen. ** ♦ Wieder war der Montag da, und der Lehrer saß schon früh am Morgen im Cchulhause au seinem Pult, mit drr noch feuchten neuesten Nummer des„Stern" vor sich. Der frische Duft der Fichten wehte durch das Fenster herein, und von fern ließen sich die Stimmen seiner herbeiströmenden Herde vernehmen, während er folgendes las: „Ter Thäter des feigen Einbruchs in die Akademie von Jndianerbrunn am vorigen Donnerstag, der infolge unglücklicher Mißverständnisse zur Aufbietung von mehreren unsrer vor- nehmsten Bürger und schließlich zu einem höchst bedauerlichen Rencontre zwischen Herrn Mc Kinstry und dem ansgezeichneten und hochachtenswerten Dirigenten der Schule führte �— hat [ich leider der verdienten Strafe entzogen, indem er mit den Seinigen das Land verlassen hat. Wenn er, wie man sich glaubwürdig erzählt, sich auch einer beispiellosen Verletzung der ritterlichen Ehrengesetze schuldig gemacht hat, die ihn für immer davon ausschließt, vor dem Ehrengericht sein Recht suchen zu dürfen, dann werden unsre Mitbürger nur zu froh darüber sein, daß sie nicht weiter genötigt sind, sich mit ihm zu besudeln. Diejenigen von unsren Lesern, welche den trefflichen Charakter der beiden Herren keimen, die so zu einem feindlichen Rencontre gezwungen gewesen sind, werden sich nicht wundern,!ve»n sie erfahren, daß auf beiden Seiten das weitestgehende Entgegenkommen an den Tag ge- legt und die entento corclialo völlig wiederhergestellt worden ist. Die Kugel— welche eine hochwichtige Rolle bei den nachfolgenden Auseinandersetzungen gespielt hat und die dem Revolver eines Unbeteiligten entstammen soll— ist aus der Wunde des Herrn Mc. Kinstry entfernt, und dieser befindet sich auf dem besten Wege schneller Heilung." Nicht gerade unwillig lächelnd über diesen wertvollen Bei- trag der Presse über jene Affaire richtete er seinen Blick aus den folgenden, vielleicht weniger erfreulichen Passus: „Herr Benjamin d'Aubigny, der in wichtigen Geschäften nach Sacramento gereist ist, wird sich, wie wir hören, in kurzem mit seiner Gemahlin wieder vereinigen, welche durch das ihm letzthin widerfahrene Glück in den Stand gesetzt ist, ihren bisherigen Wohnort in den Staaten zu verlassen und die ihr gebührende Stellung an seiner Seite einzunehmen. Wie wir erfahren, soll Frau d'Aubigny eine schöne und feingebildete Dame sein, so daß wir nur bedauern können, daß ihr Mann durch seine Geschäfte gezwungen ist, für die Zu- kunft in Sacramento seinen Wohnsitz zu nehmen. Herr d'Aubigny ist von seinem Privatsekretär Rupert begleitet, dem ältesten Sohne des Herrn H. G. Filgen, welcher ein hervorragender Schüler unsrer Akademie gewesen ist und unsrer Jugend zum Vorbilde dienen kann. Zu unsrer Freude erfahren wir, daß sein jüngerer Bruder sich schnell von einem kleinen Unfall er- holt, welcher ihm in letzter Woche infolge unvorsichtigen Um- gehens mit Feuerwaffen widerfahren ist." Tief in Gedanken starrte der Lehrer auf das Papier und erwachte erst aus seiner Träumerei, als das Schulzimmer ge- füllt war und alles ihn verwundert anblickte. Hastig wollte er nach der Glocke greisen, als er bemerkte, daß Octavia Dean aufstand. „Ach, Herr Lehrer, Sie haben ja noch nicht gefragt, ob wir was Neues wissen!" „Wahrhaftig— ich vergaß," meinte der Lehrer lächelnd. „Nun, hat jemand etwas zu erzählen?" „Ja. Herr Lehrer. Cressy Mc Kinstry kommt nicht mehr in die Schul'." „Wirklich?" „Ja, Herr Lehrer, sie hat sich verheiratet." „Verheiratet?" wiederholte der Lehrer mit Anstrengung und in dem Bewußtsei», daß aller Augen auf sein bleiches Gesicht gerichtet waren. Verheiratet— mit wem denn?" „Mit Joe Masters, in der Baptistenkapelle in Big Bluff, am Sonntag, und Ma'm Mc Kinstry war auch da." Eine kurze atemlose Pause folgte. Dann erhoben sich die Stimmen seiner kleinen Schüler zu einem hellen Chor: „Ach, das haben w i r schon lang gewußt, Herr Lehrer l"— kNnchdruck verboten.) MiivltiMes Funkevknm dev VevgÄNgenhetk. Die Junker pochen bei uns heute mehr als je auf Stand und Vorrecht. Im wirtschaftlichen Leben und in der Gesetzgebung möchten sie eine besondere privilegierte Stellung einnehmen gegen- über dem Masse des Volkes und diesen ganz ihren Sonderinteresscn dienstbar mache». Jeder Erfolg steigert nur ihre Begehrlichkeit. Den gesunden Appetit und die Lust zum Zulangen, die die Junker heute wieder zeigen, haben sie all' ihre Tage gehabt; durch diese Eigenschaften sind sie grotz geworden. Sie wären eben nicht das Ivos sie sind, wenn sie nicht immer rücksichtslos von ihren Ellen- bogen Gebrauch gemacht, die andern znrückgestotzen und die Masse des Volkes als für den Junker und seine Jntcresscu geschaffen, be- trachtet hätten. Es erscheint heute, da die Begehrlichkeit unsres Junkertums alle Welt beschäftigt, ivohl an der Zeit, historische Stückblicke auf die Entivicklung unsres Junkertums zu werfen. Dazu sei hier eine Sittenskizze geliefert, die sich auf das märkische Junkertum be- schränkt und auf eine Zeit, da dasselbe machtvoll emporschoß: das 16. Jahrhundert. Bon der Art, wie damals die Junker sich protzig gegenüber dem „Plebs" zur Geltung brachten, legen bei uns zumal die„Luxus- Verordnungen" Zeugnis ab. Zwar entsprangen sie häufig, wie all- gemein in Deutschland den Nöpscil der Natshcrren, die mit dem Erlaß politische und sociale Motive verbanden. Die kurfürstliche Verordnung, die 1551 in Berlin erlassen wurde, war ganz offen- bar auf den Einfluß der märkischen Junker zurückzuführen, die sich über den stolz zur Schau getragenen Reichtum der„Pfeffersäcke" ärgerten. Der märkische und insbesondere der Berliner Bürger waren durch die bedeutende Entwicklung, die Handwerk und Handel genommen hatten, zn beträchtlichem Reichtum gelangt. In den eiscnbeschlagenen Truhen der Bürger lag mehr Geld als in mancher märkischen Burg, deren Besitzer stölz auf den Bürger herabsah. Der Bürger aber zeigte seinen Reichtum durch den Luxus, den er und seine Angehörigen entfalteten, durch den Prunk und die Ver« schjoendling, die er bei seinen Festen trieb. Und da konnte das Junkerlein, welches mir seine mageren Schollen halte und die Leibeignen, die es plackte und schindete. oft nicht mit. Der Glanz des„Standesherrn* wurde verdunkelt durch die flott rollen- den Thaler des Bürgers. Durch Luxnsverordnnngen. zu denen der märkische Adel den Kurfürsten veranlatzte,»injzten daher der bnrger- lichen Prunkentfaltnng Grenzen gesteckt werden. 1S51 regelte eine Berliner Verordnung den Luxus nach „Ständen". Aus der Beschränkung sieht man, wie übermäßig die Verschwendung gewesen sein muß. Bei seinen Hochzeitsfeste» wurde dem Bürger die' Aufstellung von zehn Gasttischen erlaubt für zu« sammen 120 Personen; zur„Brautsuppe" durfte nur noch ein halber Ochse verkocht werden. Die Dauer der Festivität beschränkte man ans drei Tage. Nur dem Junker war erlaubt, bei seinen festlichen Gelagen diese Grenzen zu überschreiten. Auch in Bezug auf die Kleidung sorgten alsbald Verordnungen dafür, daß der Bürger den Junker an Glanz nicht überstrahlte. So wurde der Gebrauch des kostbaren Zobelpelzes dem Adel vorbehalten, während zur bürgerlichen Kleidung nur noch„ehrlich Tuch", die„Elle zu zwei bis drei Thalern" genommen werde» durfte. Freilich konnte auch diesen Luxus sich nur der reiche Bürger erlauben: das Proletariat jener Zeit lief in dürftigen Lumpen einher. Jetzt konnte der Junker der„Kanaille" so recht zeigen, wie hoch er über ihr stand. Der„Pfeffersack" durfte nicht mehr, wenn er von dem Prunk und der Völlerei eines Festes auf einem märkischen Herrensitze hörte, dies überbieten durch größeren Aufwand. Er mußte sich der Standesordumig, wie sie in den Lnxnsedikten fest- gelegt war, fügen, lind auch im Prunk der Kleidung sah sich jetzt der märkische Junker genügend gewürdigt. Darnnter wuchs sein Stolz, seine Anmaßung und zeigte sich in erhöhter Plackerei und Händelsuchen. Wenn' die Landjunker zn Wagen oder hoch zu Stoß nach Berlin kamen, um ihre blanblüligen Verwandteii z» besuchen, die es sich in irgend einer Sinekure bei Hofe wohl sein ließen, so schwärmten Landjunker»ndHofjnnker i» den Berliner Trinkstuben umher. Auf der Bank, wo die Junker saßen, wurde kein Bürger geduldet. Wenn das Herrentum des sauren Weines genug genossen hatte und der Kopf benebelt tvar, begann die Hänselei des Stadthandwcrkers. Wagte der ein Wort des Protestes, so ward er mit Hohn und Spott überhäuft oder ans der Trinkstube verjagt, in der dann die lärmenden Junker die alleinigen Zecher waren. Brach dann das Dunkel der Nackt herein, so stürzten die Bezechten tobend durch die Gassen; die Degen klirrten und oft ereignete es sich, daß ein Junker- schwärm in seinem Uebermnt wohl Bürgerhäuser stürmte, die Bc- wohncr verlachte und mit der Klinge hinaus auf die Straße trieb. Nächtliche Schlägereien, Roheiten und Ver- gcwallignngcn von Junkern verübt, waren, wie»ns die Chronisten schildern, in jener Blütezeit des Junkertums keine seltenen Er- scheinnugen. Hatten sie ihr Mütchen am„PlcbS" gekühlt, so kamen Ivohl die edlen Ritter auch untereinander selbst i» Streit und in den dunklen Gassen klirrten die Degen bis einer blutend auf dem Pflaster blieb. Die tvillkürlich vom- Zaun gebrochenen Raufereien mit den Bürgern wnrde» so schlimm, daß die Bürger sich ver- pflichteten, sich untereinander wider die adligen Raufbolde zu unter- stützen. Sie führten sörnilichc Kämpfe mit dem- Adel und wenn nachts das Geschrei:„Bürger heraus I" erscholl, dann griff nimicher zur Waffe, um sich der Junker zn erwehren. Nicht selten nahmen solche Prügeleien ein blutiges Ende. Die rohe Sittenlosigkeit der märkischen Junker kommt recht treffend in einer uns erhaltenen Predigt zum Ausdruck, die ein an- gesehener märkischer Geistlicher jener Zeit und zwar als Leichenrede am Grabe eines Edelmannes hielt. Darin nennt er die Herreu Junker„epiknräische Weltsäne", die da könnten„fressen, saufen, martern, swüten, fluchen, Unzucht treiben, sich unflätig und garstig stellen". Sie seien meist Leute,„die da viel aufborgen und wenig zahlen," die, wenn sie gemahnt werden,„die Nase rümpfen, die Stirn kraus machen, das Maul auswerfe», das Messer stürzen und die Klingen zücken,"—„Und ist oft." so schließt dieser Sittenschildcrer entrüstet,„ist solchen Junkern ohne Geld eine große, breite Gasse zu enge, einen andren gemeinen Menschen neben sich lassen her- zugehen" I Freilich besaßen ivohl nur einzelne der Amtsbrüdcr jenes Redners den Mut, derart von ihren Brotherren zu reden. Viele hatte» kaum die Qualitäten dazu, denn damals tvar mancher Jünger der Gottes- gelahrlheit, der sdem Junker predigte, nicht besser wie der Junker selbst. Es wäre sonst nicht zu verstehen, daß Andreas von Röbell, als er 1577 die einträgliche Pfründe im Stifte Havclberg erhielt, folgenden Revers unterschreiben mußte: „Ich will mich auch des Volljanfens enthalten und bei jeder Mahlzeit mit zivei ziemlichen Bechern Bieres und Weines zufrieden fein. Sollte ich dies übertreten und einmal trunken befunden werden, so will ich mich in der Küche einstellen und mir vierzig Streiche weniger einen, als dem heiligen Apostel Paulus geschehen, von dem sie Jhro kurfürstliche Gnaden dazu verordnen worden, mit der Rute geben zu lassen." Uni dieselbe Zeit schrieb Daniel April an§ Berlin: „Wunder habe ich gehört wie sich unsre Pfaffen schlagen, schelten und zanken, daß es Sünde und Schande ist. In der St. Nikolaus- kirche haben � sie sich mit den Leuchtern wollen schlagen. Die zu St. Marien haben sich auf dem Neuen Markt einander mit Steinen geworfen, daß man sie mit großer Mühe hat von einander bringen müssen und ist nur alles um das leidige Geld zu thun, das sind ihre gute» Exempel in diesen gefährlichen Zeiten." Was konnte man da noch vom Junker erwarten k Es würde durchaus verfehlt sein, zu glauben, die Roheit der Funker wäre in der vorhin geschilderten Art nur zum Ausdruck ge- iommen, wenn sie in Berlin des sauren Weines und des Bernanischen Bieres zn viel genossen hätten. Sic waren vielmehr auf der heimischen Scholle' noch viel brutaler; es ist»innchmal geradezu schrecklich zu lesen, wie sie ihr Mütchen an dem armen Leibeignen kühlten, der ihnen mit seiner Familie mit Leib und Leben überliefert war. Auf der Ausbeutung der„herrschaftlichen Unterthanen" baute sich ja die Existenz des Junkers auf und die Auswnchenmg nahm vom 16. Jahrhundert ab immer mehr zn bis in das ig. Jahrhundert hinein, da der Leibeigne durch den„freien" Landarbeiter abgelöst wnrde. Auf den Gütern der Mark wnrde während der Zeit der Leib- eigenschaft fast überall gleichmäßig verfahren. Zu gewissen Jahres« zeiten trieben des Junkers Vögte alle„dienstfähigen Unterthanen- linder" auf dem Gntshofe zusammen. Der Junker wählte sich die Tauglichen aus; die mußten ihm sechs bis acht Jahre diene».„Du mußt auf den Hof," war das Schrcckenstvort für diese„Leute« linder". Kaum fünf bis acht mal das Jahr hindurch Fleisch oft von krankem oder halb krepiertem Vieh, sonst nur Graupen, Hirse, Erbsen und auch davon nicht immer satt zu essen— das tvar die Kost, die der Junker dem Arbeiter gab. Der Geldlohn reichte kanni, um die Kleidung zu kaufen. I» Obcrschlcsie», Ivo die Zustände noch schlimmer waren als in der Mark, sagten die Unter- thancu den Junkern:„Lieber zehn Jahre im Spiiinhaus arbeiten, als zwei Jahre Ew. Gnaden llntcrthan sein I" Neben den Ackerdiensten verlangte der Junker vielfach Fischerei« dienste. Die herrschaftlichen Teiche wurden mitte Oktober oder No- vember ausgefischt. Zn diesem Zweck mußte der Unterthan ins Wasser steigen, das oft schon mit einer dünnen Eiskruste bedeckt war, und die Fische mit Netzen oder mit den Händen fangen. Wenn die Leute dabei völlig erstarrten, wurden sie heraus an ein Feuer ge« führt und man goß ihnen gewärmtes Bier, mit Pfeffer vermengt, ein; oft mußte ihnen aber erst„das Maul aufgebrochen tvcrdcn". Wie elend waren damals die Locker, in denen der Junker in der Mark wie in allen andern Teilen Preußens den„Unter- than Hansen ließ". Flickte der Unterthan an dem Bau- fälligen herum, gleich machte der gierige Junker daraus eine neue dauernde„Verpflichtung", vor der sich der Bauer um so mehr fürchtete, weil er mit Lasten überladen war. So ließ er's laufen und der Junler ließ erst recht den armen Bauern im größten Schmutz Hansen. Die Lchniwände der Hütten tvaren durchlöchert, das Strohdach drohte einzustürzen; oft konnte man die morschen Bretter des Eingangs kaum mehr eine Thüre Neimen und auf dem bloßen Erdboden in der Stube wälzten sich die Schweine mit den zerlumpten Kindern im Kot. Auf solchem BanerneleNd baute der Junker seine Herreu-Existenz.„Der Bauer lebte von der Hand in den Mund," schreiben die Chronisten,„und konnte von Glück sagen, wenn es seine Lasten, gntsherrliche und öffentliche, richtig abtragen konnte." Von den märkischen Junkern Ivurden namentlich die Kossäten erbärmlich schlecht gehalten. Von einem Jahr zum andern mußten sie sich dnrchqnäleii. Oft hatten sie zn Weihnachten bereits kein Getreide mehr; dann kamen sie iveincnd und bettelnd ans den Gntshof und erhielte» von der Herrschaft, nach Prügeln und Schimpfen, einiges Getreide. Manchmal mußte sie ihnen selbst das Salz geben, so arm ivaren die„Unterthanen" durch die Junker geworden. Prügel, Sckimpfworte, Fußtritte, Ucberarbeit, unzureichende Nahrung, unmenschliche Roheit— das war die Art, wie der Junker den Bancrn gegenüber trat. Wenn er vor dem Bürger in der Stadt die Klinge zückte, was brauchte er da Umstände zn machen mit dem Bauern, der ihm doch ganz preisgegeben tvar! Zwar sind uns von der Mark keine solchen Ungeheuerlichkeiten überliefert wie von Ober- schlesien, Ivo die Bancrn das Fleisck von krepierten, lebendig ver« brannten, mit Schutt bedeckten Kühen aus Hunger verzehrten, oder wo der Gutsherr den toten Bauern in eine aus Mistbrcttern genagelte Kiste werfen und verscharren ließ— aber. vielleicht sind sie uns mir deshalb ans der Mark nicht übermittelt, weil hier die zuverlässigen Chronisten fehlten, die den Junkern auf die Finger sahen. Aber auch in der Mark ist das zutreffend, womit ein Hochadliger selbst, Hermann Graf zu Dohna, einmal die Zeit der größten Junkcrinackt charakterisierte: „Es war die gute alte Zeit, wo die Gutsherren den größten Teil ihres Lebens der Jagd und der Gastfreiheit für ihre Standes- genossen widmeten; wo sie eine Ehre darin suchen mußten, ihre Gäste unter den Tisch zu trinken; wo ans den Fenstern deS herrschaftlichen Schlosses Jubel und Becherllang ertönte und unter den Fenster» der Stock des Fronvogts schwirrte." K B. Klsinvs �sseuillekon. h. o. Heruntergekommen. Alles lief in der Richtung nach dem Menschenhaufen, der sich vor dcni kleinen, baufälligen Hause angesammelt hatte, Selbst jene, die es eilig hatte», nach dem Jahr- markt zu kommen, blieben stehen, kehrten um und gingen zögernd oder auch eilig zurück. � Das laute Gekreisch und Gelächter, das aus dem Menschen- Haufen drang, übertönte gellend den Lärm der hinter dem Hause rangierenden Güterzüge und das Getute, Geblase und Georgle deS mitten in der Stndt sich abspielenden Jahrmarlt-Trubels. Daß man aber auch in der Dämmerung der wenige» Laterne» nichts Be- stinimtes erkennen konnte I Der Menschenhaufe» ivar zu dicht Jetzt verstummte das Gelächter. Eine gebrochene Frauenstimme schalt laut:„Schämen sollt Ihr Euch! Schämen 1 Na— na, laßt mal den 5i!orb stehen I Meine Psefsernüsse.— Ach. meine Pfeffernüsse!... Was geht es Euch denn an, wen» ich auf meinen Mann schimpfe? Warum schließt er denn das Haus ab und geht fort? Warum geht er den» fort und kommt nicht ivieder? Warum kommt er nicht wieder?!" Ihre Stimme überschlug sich gellend und sie endete im Schluchzen. Das wurde erstickt von dem höhnische» Gekicher und Gelächter, das sich sofort wieder erhob. „Weil ihm der Kiinunel besser gefällt als Du I" schrie einer die Alte an. Sie zuckte zusammen und strich sich heftig mit zitternden, gichtigen Hände» das Haar ans der Stirn: „Was— was? Weil ich ihm nicht gefalle? Weil der Kiinunel ihm besser gefüllt? Meine Pfeffernüsse, laßt meine Pfeffernüsse stehen 1" Sie wendete den Kopf hin und her und schlug um sich unter den Kinderschwarui, der sie umdrängte. Die meisten Zuschauer lachten. Hei, Ivar das mal ein Jahr- markts-Vergilügeu I Als die Frau ihre kleine» Quälgeister ein wenig zurückgetrieben hatte, wandte sie sich an den, der ihr zngeschrieu:'.Weil ihm der Kümmel besser gefällt als Du!" „Nein," sagte sie,„er geht darum trinken, weil ihn alle aus- lache»! Alle sagen sie, der ist ja heruntergekommen. Ja. das find wir auch I" schrie sie stolz,„das sind wir auch! Wir batten mich mal Pferde und Kutschen. In einei» Landauer bin ich sogar gefahren. Wir hatten Mädchen und Diener. Wie eine Fürstin habe ich gelebt! Aber Ihr? Ihr kennt das nicht, Ihr kennt das nicht Bei mir haben die Diclistlcute wie Herren gelebt, ja. bei mir. Ich konnte das Geld fortwerfen! Hier, wie die Pfeffernüffe." Und sie griff in ihren Marktkorb und warf mehrere Hände voll unter die Kinder, die wie verhnngcrt darüber herfielen und sie von dem feuchte» Pflaster auflasen. Ais aber ei» paar ganz verwegene Jnngeil selbst i» den Korb greife» wollten, wurde die Alte wieder böse und äugstllch. „Meine Pfeffernüsse, meine Pfeffernüsse!" jammerte sie.„Ist das nicht schrecklich, eine alte Frau so zu ärgern; ist das nicht schreck- lich? Und wer ist der Hauptanstister? Der Paul, der Junge von dem Mann, dem wir das Geld zn seinen Spekulationen geliehen haben, der erst mit unseri» Geld was geworden ist. Und nachher hat er uns noch das Letzte abgejagt. Und jetzt hetzt er seine Kinder mif uns, wie die Hund« ans ein rändiges Schaf'" Sie schlug die eine Hand bor das Gesicht und knickte fast zu- sammen, während sie herzbrechend stöhnte. Der Paul, der seine Hand wieder nach dem Korb ausstreckte, um ihn ganz umzureißen, blieb plötzlich so stehen. Er vermochte nicht zuzugreifen. Blöde lächelnd sah er der Alien von unten herauf in das halbverdeckte Gesicht. Die andre» Junge» hinter ihm stießen ihn vorwärts und schrien. Ein Herr, der mit seinem eleganten Kösferche» wie ein Geschäfts- reisender aussah, meinte:„Sie ist ja betrunken!" „Nee," sagte ein Bahwcrbeiter,„nee. betränke» ist sie nicht. Aber ich glaube, sie is man uich so jauz richtig im Koppe. Det is ihr in't Hirn jestiegen, det ihre besten Freunde, denen sie erst uff die Beine jeholfen, sie um ihr Letztes betrogen haben; die Gesell- schaft I Und im falle» uock die Kinder über se der nff den Jahr- markt, wo se mit Pfeffernüffe handelt. Det is doch jemein!" Paul stand immer-»och mit der ausgestreckten Hand da. Was die alte Jette da redete— so'» duuuues Zeng! Und wozu heulte fie nur so?... Der GeschäskSreisende antwortete dem Bahnarbciter be- lehrend:„Aber ich bitte Sie, wenu man nicht richtig im Kopf ist, hat man doch nichts im Marktlnibet zu suchen! Sie sehen doch, was so'» Weib davon hat. Die sollte doch wahrhaftig zu Hause bleiben und Strümpfe stricken." „Was— ich soll die einzige Gelegenheit, wieder empor z» kommeii, so vorübergehen laffen?" fragte die Alte mit leuchtenden Auge» dazwischen und trat ans den Herrn zu. Er sah sie bestürzt, mit offenem Munde an. Daun drehte cr sich von einer Seite zur andern und meinte verächtlich:„Ist den» kein Schutzmann da, daß dieser unerquicklichen Sceue ein Ende ge- macht wird?" Die Alte sah ihn immer herausfordernder au:„Ich soll also arm und elend bleiben!" Da stieß den Paul sein Schulkamerad, der mit der gelben Sextanermütze bedeckte Sohn des Superintendenten, an:„Du, schmeiß' doch den Kram um. Jetzt sieht es ja keiner, die Inckm alle nach dem Herrn da." Und da schämte sich der Paul, daß er so lange gezögert. Ja. morgen würden ihn die Sextaner schön anstachen! Und erst die Quintaner und Quartaner, die so schon aus ihn herabsehe», und dazu die kleinen Jmigcn ans den Vorschnlklasseii. Ree— lumpen lassen wollte er fich nicht. Er packte schon zu, da ging die Alte zurück nach ihrem Korl' und jammerte: „Ach, wir bleiben ja doch elend! Da! da l Nehmt mir alles I" Die Thräncn liefen ihr über die ausgedörrten, faltigen Backen, während sie den Korb den Kindern hinhielt. Panl blieb wie erstarrt stehe». Er wich zurück vor der Alten. Aber die folgte ihm und drängte ihm mit Gewalt die Pfeffernüffe auf. Er wollte sich i» die Menge hineindrängen, in ihr ver« schwinden. Aber sie gab nicht nach. Endlich. Die Menge, die jetzt still dastand, löste sich. Und im Nu drückte sich Panl hindurch. Von weitem sah er, wie die Menschen zögernd vor der Alten zurückwichen. die ihnen die Pfeffernüffe hinhielt. „Mensch," sagte da sei» Freund nebe» ihm.„dumm warst Du. Hättest doch gehörig zufasse» sollen I..„Ach ivat, iveim sie die Dinger los iverden will. Dem Weibe kann geholfen iverdc» I" Und der Sohn des Superintendenten lief hin und stopfte sich die Tasche» voll mit dem Kram der Alten. Die ivar froh, daß sie alle? los wurde. Als sie aber die Hand hinhielt, um Geld zu empfangen — sie hatte inzivisckicn schon ivieder vergessen, daß fie die Pfeffer- misse verschenken wollte—. da rief der Junge höhnisch:„Wat jeschenkt is, bleibt jeschenkt!" Und mit vollem Munde mntauzte er die Alte, die wütend den leeren Korb nach ihm schwang.— r>uinl>rtktiscdeS. Modernste Dichtung. ......... Ich sitze........ ....... Am Alexandcrplatz....... ..... Bei Aschinger aus dem Balkon..... ........ Und zähle........ ......... Die ....... Elektrischen........ ... Nr. 1095, Nr. 764, Nr. 113.--... ...... Vor mir stehen...... ....... Brötchen....... ..... Brötchen des Leibes I..... ..... Aber meine Seele..... ...... Leidet Hunger...... ....... Und....... .... Flu. er zum Müggelsee..... .. Dort die Schwingen zn netzen.. .... Wie die Trauenveide.... ... Die Blätter im Morgentau... .. Mein Denken denkt: Dina.. ... Mein Auge äugt: Dina.., ... Mein Ohr ohrt: Dina... .. Mein Mund mundet: Dina.. .. Mein Herz herzt: Dina.. Ha I...'.' . Em Pfis— i— f— f— f— f t. . Lo-. . ko-. .. mo-.. .. ti-.. »•«• .. i.. ... Und wieder sitz' ich... ... Am Alexandcrplatz... . Bei Aschinger ans dem Balkon.—, .... Kellner! Zahle» I.... (..Lust. Ol.') Notizen. — Banernfeld-Preis. In der Montag'fitznng dcö öst- reichifchen Abgeordnetenhauses interpellierten die aildeuliche» Ab« geordneten de» Untcrricvtsuiinisler über die Vcrleibnug des Bauern« seld-Prcises an den Schriftsteller Dörmauu. Die Interpellanten fragen, ob der Minister geneigt ist, darüber Auskunft zn geben, wie er es als Vorsitzender der Kommission verantivorten könne, daß durch solchen L i t t e r a t n r s ch a ch e r die deutsche Dicht» knnst herabgewürdigt wird, und dafür z» sorgen, daß dergleichen nicht mehr vorkomme.— — Eine Biographie des Komponisten Franz Schubert von Richard Hellberger erscheint noch vor Weihnachten im Harmonie-Verlag(Berlin). DaS Werk wird Illustrationen von Max Klinger n. a. bringe».— „Der Sonnenstrahl" von Robert Wach, ein Ein- akter, der in dein PreiSansschretben von„Bühne und Welt" neben zivei andren Stücken den ersten Preis erhielt, ivurde bei seiner Ans« führnng in Karlsruhe i. B. abgelehnt.— — Richard Strauß' Oper„FenerSnot", Text von Wolzoge», wird Ende Januar in der Wiener Hofoper in Scene gehen.— — Bogumil ZeplerS Musikschöpfnng„Brautmarkt von H i r a" wurde bei der Erstaufführimg im Deutschen Landestheater zu Prag freundlich ailfg'eiiommen.— — GeorgJarnos Oper„D e r R i ch t'e r v o» Z a l a m e a" erzielte bei der Aufführung im Alteuburger Hoftheater einen großen Erfolg.— — Henry van de Velde eröffnet mit einem Bortrag „Zu neuer Kunst" am 8. Dezember, abends 7 Uhr(Theatersaal der Urania, Juvalidenstratze), den von der N e u e n G e m ein« schaft veranstaltete» VortragschkluS.— Verantwortlicher Nedactcm.: Carl Leid in Berlin. Druck und Vertag von Max Badtnz in Berlin.