Mnterhaltungsblatt des Horivüris Nr. 238. Freitag, den 6� Dezember. 1901 (Nachdruck verbotene i] Sein Freund. Erzählung von Wilhelni Senftlebeir. I. Die Bahnhofsuhr zeigte auf Sechs. Auf der längs des Bahnstranges neu entstehenden Straße ertönte ein schriller Pfiff. Die Arbeiter rafften die Werkzeuge zusammen und schafften sie in die auf nahem Feld errichtete Bretterbude. Es war nun Feierabend. Zwei waren fertig. Ueber die nervigen braunen Arme zogen sie die aufgekrempelten Hemdsärmel herunter, dann wurde das mit Staub und Erde bedeckte Jackett unter den andern hervorgesucht. Die gleiche Arbeit hatte auch die Kleidung fast gleich gemacht. „Das war ein heißer Tag und wir sind noch im Früh- jähr," sagte Altmann. Dabei rückte er mit der linken Hand am Mützenschirm, während die rechte über die noch schweiß- tropfende Stirn strich, so daß schwarze Streifen darauf zurück- blieben. Sein Gefährte Heinrich, schlanker und größer als er, schob sich seinen heruntergekrempten weißen Strohhut mit rotem Band, wie ihn Feldarbeiter tragen, über das schwarze wollige Haar in den Nacken. Er schwitzte nicht weniger. „Verflucht!" kam es zwischen seinen zusamniengepreßten Lippen hervor. Dann:„'s wird im Sommer hier noch'ne Schinderei werden." „Ich bin froh, daß ich so bald wieder Arbeit habe," ent- gegnete Altnrann. Sie waren auf der Brücke, die über die Bahn und nach dem Bahnhofsgebände führt, angekommen. Altmann niachte Halt. Er sah die Schienen entlang, die zwischen frischgrünenden Feldern nach der Stadt liefen. So stand er abends hier immer eine Weile. Seltsame Gefühle bewegten ihm dann die Brust: etwas schmerzhaft-wehmütig— und doch konnte er sich nicht von ihnen trennen. Heimats- gedanken haben eine süße Gewalt über den Menschen. Trotz- dem der Zug hier nicht nach der Heimat fuhr, sah er dem ehernen Danipfpferd, das die mit teilweise sorglos-fröhlichen, teiliveise mit müde von der Arbeit Heimkehrenden Menschen voll besetzten Waggons zog. gern nach. Heinrich, der jetzt langsam weiter ging, hatte ihn schon bespöttelt: Was habe er denn noch in der Heimat? Seine Eltern seien ja seit einem Jahr tot, und er seit einem halben Jahre von dort>veg. Ja, Heinrich! Der hatte auch einen ganz andren Charakter. Er Ivar mit ihm aus dem kleinen Städtchen nach dem großen Berlin gekommen. Trotzdem er ein Liebchen gehabt, hatte er bald nicht mehr an zu Hause gedacht. Waruni auch? Lustigkeit würzt das Leben— und ein bißchen Lustigkeir ging ihm über alles. Altmann, der auf das eiserne Brückengeländer seine Arme gestemmt hatte, schloß jetzt plötzlich seine Augen. Aus»inem blauen, einsamen Wolkengebirge kam die Sonne hervor. Ein rotglühender Klunipen Goldes. so neigte sie sich dem Horizonte zu, noch einmal alles mit verschwenderischer Lichtfülle überstrahlend. Glänzende Lichter tanzten auf den blanken Schienen, tanzten vor Altmanns Augen, wenn er sie ab und zu öffnete. Er ging darum weiter. Während die Sonne hinter dem fernen schwarzgrünen Waldessaum verschwand, erfrischten sich seine Augen an dem satten Grün der Felder. „Wo bleibst Du Maulaffe denn?" Mit diesen Worten empfing ihn sein Begleiter. Er saß auf einem Holzgeländer jenseits der Brücke und schlenkerte mit den Beinen. Ein gutmütiges Lachen und ein kräftiger Schlag auf Heinrichs Bein war die Antwort. Sie gingen nun beide ins Dorf, einem Vorort Berlins. hinunter. Schweigsam, wie gewöhnlich. Altmann war kein Freund von vielem Reden, und Heinrich hatte sich es ab- gewöhnt, die Kosten der Unterhaltung allein zu tragen. Vor dem ersten Wirtshaus blieben sie stehen. Das Ivar nun schon so. Heinrich ging hinein und Altmann ging weiter. Heinrich sagte:„Ich mnß erst'was Festes zu mir nehm'. Meine Schlafmutter kann ja nichts Gescheidtes kochen.". Dann nahm er wohl noch'was Flüssiges zu sich. Aber Altmann fragte ihn danach nicht, aber Heinrich er- zählte hin und wieder selbst von den„gemütlichen Abenden". Altmann hatte eine Schlafmutter, mit der er zufrieden war, was das Kochen anbetrifft, und auch manches andre. Beim Abschiednehmen zögert Heinrich. „Traust Dich wohl heute nicht da'rin?" frägt Altmann. „Oho! Immer haben wir Traute!" entgegnet dieser. Die steinernen Treppenstufen ist er dabei schon empor und hat die Hand an der Thürklinkc. Er kommt noch einmal herunter.„Alter Freund", sagt er und faßt Altmann zugleich unterm Arm,„wir woll'n uns heut' mal'n Schnack erzähl'n. Konim' und sauf'n Kleenen mit." Altmann, erstaunt, sträubt sich erst. Heinrich wird energischer und stößt die Drohworte aus:„Steck' heut nich 'n Nagel'raus, sonst bist Du verloren. Man könnt' Dich ja mit Deiner Schlafmutter schon für verhcirat't halten." Dieser Appell an die Mannbarkeit wirkt, und so sitzen denn bald beide am Wirtstisch bei einer großen Weißen und einem Nordhäuser. Altniann passierte dies zum drittenmal, während der drei Wochen, die er mit seinem Landsmann in der neuen Arbeit beschäftigt ist. „Im Ernst— ich hab's hier gehört", beteuert Heinrich während der Unterhaltung, die beide jetzt führen. „Und wenn's nun wäre?" Ein herausfordernd froher Ausdruck kommt bei diesen Worten auf dem gutmütigen, breit und stark geforniten Gesichte Altmanns zur Geltung. Die Augen zwinkern, und dann sagt er wie ein in sein Schicksal Ergebener:„Einmal kommt's doch!" „Nu— ja, ja I" meint Heinrich. Dann lacht er Plötzlich laut auf.„Wo hast Du Klotzkopp blos plötzlich die Weiber- gedanken her?" Altniann niachte ein erstaunt einfältiges Gesicht. Solche Frage I„Dahin komnit doch jeder einmal I" spricht er wieder. „Soll ich denn stets cinspänmg in der Welt'rumkutschieren? Wenn zwei an der Arbcitskarre zieh'n, fällt's leichter, und man kommt auch weiter." Einen Augenblick sieht er wie in Gedanken vor sich hin.„'s wird schon geh'n—" fkommt's dann wie im Selbstgespräch über seine Lippen.„So, wie wir's uns vorgenommen haben, geht's!" „Warum soll's nich geh'n?! Du bist ja'n richt'ges Arbeits- Pferd! Du wirst schon verdien'!" Bei diesen Worten stopft sich Heinrich eine Pfeife. „Und sie arbeitet auch." Heinrich dampft. Er blinzelt Altmann von der Seite an und sagt in gezwungen gleichgültigem Ton:„Sie hat doch aber ein Kind—" Altmann hatte die Thatsache, daß Lene Günzel, bei der er logierte und die er zu heiraten beabsichtigte, sich bereits des Besitzes eines jetzt sechsjährigen Mädchens erfreute, bisher noch keine seelischen Beschwerden bereitet. Daß Heinrich die Sache jetzt als etwas Besondres anführte, versetzte ihn aber doch in eine unangenehnle Stimmung. Der verdeckt ironische Ton, mit dem Heinrich seine Bemerkung gethan, bohrte sich in sein Hirn und reizte es zum Denken. War's denn was Schlechtes, das hier dazwischen lag? Das sich zwischen ihn und die Frau drängen wollte, an der er Gefallen ge- funden? Daß solch ein Gedanke martern kann und Herzklopfen verursacht, spürte er heute zum erstenmal. Aber er schüttelte sich. Erst ruckte er sich an der Weste, als ob er da drunten etwas weghaben wollte. Dann trank er hastig, als wollte er den kleinen Aerger hinabspülen, sein Gläschen aus, und nun verzog wieder das gutmütigste Lächeln sein breites Gesicht. „Kann denn das Mädchen dafür, wenn sie's Kind und keinen Mann hat?" wendet er sich an Heinrich. Und nun wird er ordentlich eifrig:„Kommt so ein Schubjack daher, hängt sich dem Mädel an den Hals— und wie er'was angerichtet-- heidi-- auf Nimmerwiederseh'n--" „Nein, das Mädchen kann nichts dafür," beteuert Heinrich langsam im ruhigsten Tone. Und dabei huscht doch ein so verdammt malitiöses Lächeln über sein scharfgeschnittenes Gesicht, daß Altmann, der ihn beobachtet, bot Grimm die Hände ballt. Aber, was wird er sich argem! Und gar erst streiten! Das fällt ihm nicht ein. Er steht auf und nimmt seine Emaillekanne, worin er sich Kaffee zur Arbeit initgenommen, vom Tisch. „Gute Nacht, Heinrich!" „Willst schon geh'n? Na denn— adjes, alter Freund! Und laff' Dir von Lene ein hübsches Süppel zur Abend- Mahlzeit kochen." Er kann die verfluchte Spötterei nicht lassen, denkt Alt- mann beim Hinausgehen. Ja. Heinrich, das ist auch so einer, so ein Luftikus! Aber er, Altmann, wird sich nicht abhalten lassen, sich sein Glück zu gründen, so. wie er denkt und wie's ihm bchagt. Und auf der Straffe fängt sein sonst schwer in Wallung zu bringendes Blut plötzlich an, schneller durch die Adern zu flieffen. Ihm wird warm. Er denkt an die kleine, freundliche Stube, und er denkt an sie, an sie. wie er sie umfassen wird, den weichen Leib mit den starken Armen— Und so sollte es immer sein, immer und stets bis ans Ende. 2. Das sah seltsam aus. Zwei hochstrebende, vierstöckige Häuser; dem Auge ordentlich aufdringlich in ihrer Neuheit, so glatt und weißglänzcnd waren sie. Die Fassade reich niit Stuck verziert, mit teilweise vergoldeten Balkons und Loggien. Sitzt nicht auf dem einen Haus hoch oben an der Border- front sogar ein pausbäckiger Engel und bläst die Posaune? Na, es ist erfreulich, die Posaune des jüngsten Gerichts bläst er den Bewohnem noch nicht. Auf dem andem Haus macht sich da oben ein Uhu breit. Er soll Wohl die angenehme Nacht versinnbildlichen, die hier im Haus den Mietern ver- sprachen wird. Richtig, unter dein Uhu grinst auch mit seinem breitesten Lächeln der Mond herab. Durch die Glas- scheiden der schweren eichenen Hausthüren sieht man, wie Marniortreppcn, belegt mit dicken Teppichläufern, zu den Wohnungen hinaufführen. Und zwischen diesen beiden protzen- Haft ausschauenden Häusern die armselige Hütte init dem roten Ziegeldach, auf dem grünes Moos wuchert, den Holz- lüden vor den niedrigen und kleinen Fenstern, an denen jedoch wie ein freundlicher Gruß blühende Gramen und Fuchsien stehen. An der Wand rankt sich üppig wilder Wein empor. Die schönste Zierde ist jedoch das Keine, wohl- gepflegte Bordergärtchen. Und doch sieht man's dem Hänschen an, daß es auch bald ausgedient haben wird. Dann wird sich auch ein so hohes, glänzendes Gebäude hier erheben, so hoch, wie die Nachbarn es sind. Das große Berlin streckt seine Arme weit hinaus auf die stillen Dörfer, sie städtisch ausputzend und in den Bereich des Verkehrs ziehend. Und während dieser Periode der Entwicklung fallen die Gegensätze zwischen Dorf und Stadt manchmal gar so seltsam auf. lFortsetzung folgt.) NeptrotL. (Zu seinem hundertsten Geburtstage: 7. Dezember.) Man spielt Johann Nestroy noch immer in Wien. Nicht nur an Gedenktagen und zur Beruhigung des litterar-historischen Ge- tvisieiis, sondern im gewöhnliche» Spieljahr und zum unermetzlichen Bergnüge» des Publikums. In diesem«onimer»och hat ein Älcin- bürgcr-Thcater im Prater eine cyklische Aufführung Nestroyscker Possen veranstaltet und seinen Finanzen damit tüchtig aufgeholfen. Jni Repertoire der Sonntagnachmittage auch der grotzen Bühnen spielt Ncstroy eine bedeutende Nolle. Und wie das Publikum, so belvakiren auch die Wiener Schauspieler die Neftroy-Tradition. Die bedeutendsten Ehnrakterkomiker fetzen ihre» Ehrgeiz daran, in der Verkvrpennig der Gestalten aus dem„Luinpacivagabmidus" deu Beifall der Wiener zu erringen. Dem Geschlecht, das den Stil der Nestroyschen ttoniik noch im Zusaninicnwirken mit ihrem Schöpfer erworben hat und das heute nur noch durch den siebzigjährigen, jugendlich-frischeu Blaschel repräsentiert wird, ist nacheifernd das jüngere Geschlecht der G i r a r d i und T h a l l e r gefolgt, und auch die einzige Komikerin Wiens, die urwüchsige Niese, hat sich am„Schuster tlnieriem" mit Glück versucht. Die Tbatsache dieser Popularität belveist, daß in den fünfzig- und sechzigjährigen Possen Nestroys ein Gehalt vorhanden sein mntz, der trotz dein Wechsel des Geschmacks und der Entwicklung der drama- tischen Technik noch heute lebendig ist. daß die WicncrSecle hier in eiiicin wesentlichen Grimdelcment ergriffen wird, lind eben darin liegt die Größe Nestroys, die ihn auch Über den echlen Poeten Raimund stellt. dessen Popularität wiederzucrwecken man sich mit immer geringerem Erfolge müht. Die phantastische Geisterivelt, die in der Ralniinid- scheu Zaiibcrlomödie die Geschicke der Nienscheu bewacht, ist das Produkt einer Illusion, die sich über eine jammervolle Wirklichkeit er« hoben hat und der ernsten Fragen des Lebens nur mit schmerzlicher Resignation gedenkt. Ein Voll kann sich aber auf die Dauer nicht vergessen und im Erwachen vergißt es seine Träume. Nestroy er« faßt das Wieiiertum in einer Selbstbesinnung, wie es zum ersten« male bewußt seine Stellung zu deu Dingen der Welt findet. Daß das Bild kein erhebendes ist, ist nicht seine Schuld. Und zum Glück für ihn spüre» das die Wiener gar nicht. Der geniale psychologische Naturalismus der Nestroyschcn Pofien ist die Quelle ihrer Wirkung und diese wird so lauge nicht vergehen, als der Wiener Charakter seine Grundzüge behält. Nestroys Jugend fällt in die Zeit, in der der Name des „europäischen China", den Ludwig Börne dem östreichischeu Staate verliehen hat, noch viel zu schmeichelhaft erscheint. Der„gute" Kaiser Franz ficht als wichtigste Aufgabe seiner Regierung die Be- kmupfuiig der„Revolution" a». Und Revolution ist alles, was nur halbwegs wie unabhängiges Denken in politischen oder religiösen Fragen oder auch nur wie die Lust zu einer nicht in den unzähligen Hofdekretcn und Verordnungen vorgesehenen Thätigkeit ans irgend einem Gebiet eanssieht. Die Reaktion gegen die Anfllärung hat schon mit Leopold II. begonnen und seit' der Hinrichtung Mario Antoinettens, mit der die Schicksalshand der Revolution die Habsbnrgische Dynastie traf, hat die von einer nnnnfhörlichen Angst angetriebene Wnt des Herrschers die josefinische» Schöpfungen mit Stumpf und Stiel ausgerottet. In der anSgezeichnete» Geschichte Oestreichs von Anton Springer, dem berübmtcn Kunsthistoriker, findet man eine vorzügliche Charakteristik Franzens und seines Regimes. Die unerträglichste, annseligste Nüchternheit senkt sich bleischwer über den ganzen Staat. Alles ist„verdächtig", die Wissen- schaft, die Dichtung, ja felbst der Patriotismus, indem er sich allzu- viel um das Land und seine Bewohner kümmert und sich dauiit in Privatangelegenheiten des Monarchen einmischt. Der Zusainmenhang von illnfionäreni Pbrascntum n»d jämmerlich serviler Praxis läßt sich nickt besser darthu» als durch die Thaisache, daß die mystisch und historisch gestimmte» Romantiker, die I a r ck e, Friedrich Schlegel, Geutz, Zacharias Werner beflissene Diener des durch und durch nnbistoriicheu und plattrationalistiiche»„Wohlfahrt- staates" wurden, desien Geschicke Metternich leitete. Zwei Freiheiten nur gestattet die Hobe Polizeiweisheit dem Volke: Die Leichtfertigkeit i» gcschlechlkichcn Dingen und das Theater. Kaiser Franz, der selbst, sei es infolge seines dürftigen Temperaments oder seiner berechnenden Bigotterien, ein spießbürger- liches Fontiliciileben fübrle, dessen patriarchalische Einfachheit gern« dem Volke als erhabenes Ideal unter die Augen geführt wurde, sah es ganz gerne, wenn sich seine Bertraiitcu fexuellen Ansschweisiingen Hingabe»; hatte er sie dock gerade dieser Schwächen wegen um so besser in der Hand. Die Unsittlichkeil, die von oben immer tiefer eindrang, begegnete der naiven Lebensirendigleit, die von jeher stn östreichischeu Volks-Naturell gelegen hatte. Aus dieser Verbindung entwickelte sich ein allgeineiner CyuiSniuS, eine Freude an der Zote, deren offene Kundgebung in einer Zeit des engherzigsten Polizcitrcivens zunächst seltsam anmutet, bei näherem Anblick sich aber als ihr logisches Produkt erivcist. Der sexuelle Witz war eine gute Ab- lenkung der Geister, der fich sonst zur politischen Satire angereizt gesehen hätte. C a st e l l i erzävlt in seinen Memoiren behaglich von der Zotenfabritation in der L u d l a m s h ö h l e. der beühnite» Vereinigung der Wiener„Intellektuellen", der n. a. auch Grill- p a r z e r angehörte. Die Gesellschaft bestand übrigens nicht lange. Eines Tages wurde sie von der Polizei ausgehoben. Sie halte nach ihrem Präsidenten, dem Bnrgichaiifpieler Schmu rz, der eine Trinkernase hatte, den Wahlspruch:„Schwarz ist rot und rot ist schwarz". Schwarz und rot lvareir aber die Farben der Carboimri. DaS genügte, um sie in den Verdacht des Berschwörermms zu bringen. Die zweite Freiheit, die dcS Theaters, darf mir in einem sehr beschränkten Sinne verstanden iverden. Das Thcatergewerde ersrente fich einer besonderen Proteknou von oben. So durften z. B. in Wien bor Scklnß der Vorstellungen kerne andren öffentlichen Lustbarkeiten begiinien. Dadurch kam doL Theaicriocse», das fich damals in ganz Europa rasch entwickelte, in Oestieich zu besonderer Blüte, was schon in den relativ sehr günstigen Gagen- Verhältnissen zu Tage iritt. So bezog Restroy als Schauspieler in Provinzstädten wie Brünn und Graz zusaiinnen mit seiner Geliebten Dcmoisellc Weiler Jahresbeziige von 3000 Gulden. Auch die gesellschaftliche Stellung der Schauspieler wurde allmählich eine bessere, besonders als das Theaterjpielen auch beim Adel in die Mode kam und die Vernfsichaiispieler ciliert wurden, die vomehinen Dilettanten abzurichten. Jedenfalls war es teiue Ungeheuerlichkeit mehr, wenn eS auch nicht eben nach dem Wunsche der polizeilichen Eltern sein mochte, als der junge Advokatensoh» Johann Ncstroy nach dein vierten Semester ans dein jnristischcn Stiidinm anssprang und zum Theater ging. Ans diese Art wurde eine Thcatersimpelei gezüchtet, die die Gedanken und Leidenschnfteii des Publikums in den nichtigsten Dingen verzettelte. Mau kann heute ein Journal jener Zeit, ctiva die B ä u e r l e sche„Theoterzeitnng", nicht durchblättern, ohne von einem tiefen Ekel über das schale ästhetische Geschwätz und den un- endlichen Theaterklatsch erfaßt zu werden. Einen rüchtigeu Teil dieser Theatemarrheit hat das heute lebende Geschlecht noch über- kommen. Aber die TKeatersreihcit hörte beim Gegen st and des Theaters, dem dramatischen Wert. ans. Man leimt die zahllosen Anekdote» von den Thaten der vormärzliÄen üstrelchisüen Ecufiir. Bornierte Bureaukroten sahen über die Dichter zn Gericht und strichen nicht nur, was ihnen staatsgefährlich schien, sonder» möglicher- weise einem Vorgesetzten gefährlich scheinen konnte. Der eine Cenior duldete das Wort„Gott* nicht auf der Bühne und ersetzte es überall durch„Himmel*, ein andrer entzog Lear die KönigSivürde, da es sich nicht schicke, daß ein König wahnsinnig werde. In den Räubern wurde Franz zum Reffen des alten Moor gemacht und Karl donnerte gegen den„Oheimmord*. Die seelische Reaktion auf die Bosheiten und endlosen Quälereien dieses Systems muhte je nach dem indiniduelle» Charalier verschieden ausfallen. Zog sich ein Grillparzer zu verbissene» Schiveigen in sein Studierzimmer zurück, so hatte die große Mehrzahl eine andre Auffassung. Heroische Ausdauer im Widerstand ivar nie des impulfivcii Ocstreichers Sache. Und damals schien die Befreiung so. ferne und der Spielberg war so nahe. Was wnnder, daß ein rücksichtsloser Cynismus die Seele» ergriff, eine Lust, die materiellen Genüssen der Welt bis auf die Neige zu genießen und die idealen Regungen des eigne» Herzens in einem höhnischen Gelächter zu ersticken. Es giebt Nestroy-Biographien. die in dem cynifchen Pcssimisinns des Possendichtcrs mehr als eine Grundstininncug seiner Zeit erblicken. die ihm am liebsten zu einem planinäßig verfahrenden, revolutionären Zerstörer von veralteten Werten stempeln möchten. Wir halte» derlei Konstruktionen für verfehlt. Man hat Nestroy auch den Wiener Sristophanis genannt, hauptsächlich darnni, iveil er im Jahre 1848 die von witzigen und geistreichen Ausfällen sprühende, revolutionäre Tendeuzposse„Freiheit in K r ä h>v i n t e l* geschrieben Hot. Siichts kömite abgeschmackter sein als dieser Vergleich mit deni genialen athenischen Reaktionär. Nestroy war boshaft »nd witzig nicht nm eines politische» Zieles willen. sondern iveil Bosheit und Witz in seiner Natur cxplvsivusbcreit lagen und iveil— prosaischer, aber sehr natürlichcriveise— Erfolg und Geld dafür zu haben waren. Seine Laufbahn kann diese nüchterne Auffassung nur bestätigen. Als Zwanzigjähriger geht Ncstroy zum Theater. Er debütiert als— Saraslro in der Wiener Oper und singt noch ein paar andre Baß- Partien mit gnteni Erfolg. Als Bassist geht er dann nach Ainsterdam, von da in die östreichische Provinz. Gelegentlich tritt er aurd in Lustspielen nnf. In Graz entdeckte er cigentlicti erst seine komische Kraft»nd sein dichterisches Talent. Eine Bearbeitnng von Angclys „Sieben Mädchen in Uniform* macht sein Glück. Er kommt alS Dreißigjähriger nach Wien zurück, noch immer seiner Bestiuimnng ungewiß. Zu- fällig gelingt es dein Direktor Carl vom Leopoldslädter Theater, ihn der Oper wegzuschnappen. Erst von dieser Zeil an l eginnl Nestroy mit Eifer Stücke zu schreiben. Er hat deren in Lt) Jahren über 60 fertig- gebracht. Eigentlichen dichterischen Ehrgeiz scheint er nicht besessen zu haben, gast immer lehnc er sich an französische Originale an. Es sind die damals üblichen Berivechslnngskoucödien, in der Hand- lung möglichst, durchsichtig gemacht. Wo er selbst eine Handlung erfindet, ivie in der„Freiheit*, ist sie geivöhnlich plump und läppisch. Aber seine eigentliche schöpseiilche Kraft zeigt sich in den Charakteren. Da kann er von grimmigstem Realismus sein, trotzdem ihm seine parodistische» Neigungen oit durchgehen. Er nimmt über- Haupt nichts und niemand ernst, sich selbst so wenig wie irgend einen andern. Im Vorspiel zum„Lunipaeivagabnudus* parodirt er den Goetbeschen„Prolog im Himmel*, im„K a m p l" hören wir einen lrave stierten Satz ans„klabale und Liebe*:„Iii meinem Kops ist ei» Fleckel. wvhi» das Wort Vernunft noch nicht gedrungen ist. anf diciem Flecket ist ein Nadel usw.* Jnnner aber sacht er de» größten Effclt gleichgüliig gegen die Mittel. Uiibeinnmiert nm die Charakterzeichunng hetzt er Plötzlich ein Wort nach Saphir scher Ar? zu Tode, dann wieder legi er. der Mode folgend, ein langes fiimloies„O.nodlrbet* ein. Dabei bat er seinen eignen, imnachahinlichen Witz, eine fabelhaste Kunst, erhobene und geuicinc Woric in der lächerlichsten Weise anciuauder z» koppeln oder aus fürchterlich gespreizleii Phrasen«inen erschütternden Unsinn auseiiiander zu setzen. In Restroy hat sich die Enlwicklung der Wiener Thcaterkoinik vollendet. Vom ursprünglich— dummen Hauswnrst des vor- theresianifchen klerikalen Ocstreich ging sie über seine Nachfolger S labert und Thadädl und die massive Philisteralbernhcit de» Wenzel Scholz bk. zum bissigen n»d höhnuchen Nejtrvy. lieber ihn hinaus konnte sie nicht komme». Die beste» Wiener Schauspieler leben»och von seiner Technik, das Komische zu sprechen und das Unanssprech- licke anzudeuten, und die Wiener Pofiendichlnng ist in die Hände von unsaribereu Schmöckeu und bestensalls von geschickten Machern ge- fallen. Tie Schuld liegt in der politischen Enllvicklnng. die Ocstreich ans der Not des alten nackten Abioluiisinns herausgeführt har,»m es rn dem Sumpf der geistigen Unfreiheit stecken zu lasse». Die Wiener Volksdichtung ivar mir noch einer Weudung zunr Tragischen hin sähig. Ein Genie. Ludivig A u z e u g r u b e r, Hai sie gefunden. Die rymsche Vcrheirlichimg der Verluuipiuig, i» der uns Rcstroys„Haudiverker* erscheiiieu. verlehrt sich in die furchlbarc An- klagetragödie des„Vierten Gebots*, so wie sich in der Politik die knechtische Gesinnungshörigleit des Vormärz lichen Bürgertuins in die gedaukeulose Roheit des demagogischen Klerilalisinus ge- waudeU hat.— O t t o P o h l. Kleines �euillekon. olc. Eine Jbscu-Statiftik. Ein iuteressautes Bild von der internationalen Bedeutung der Werke Henrik Ibsens giebt eine Biblis- graphie. die von dem dänischen Forscher I. B. Halvorie» angelegt und»ach seinem Tode von Sten Konow forigcsetzt und jetzt in Kopeii» Hägen erschienen ist. Ibsens Dramen und sei» einziger Gedichlvand sind darin in chronologischer Folge verzeichnet, mit näheren Angaben über die Entsiebiing, Auslage und Ucbersetznngen', ebenso siiid die Erlänterungsschriflen und die Eritauffnhrnugc» oder spätere de- inerkeiisiverte Aufführungen darin verzeichnet. Ans dein Material, das die„Nene Deutsche Rundschau" diesem Werke eutuinrmt, seien einige beachtensiverte Daten hervorgehoben. Ibsens erste Werke vermochten sich nur schwer drirchzukänipfen. Sein Ersilingsiverk, das der Zwcinndzwanzigjäbrige am 13. April 13S0 unter dem Pseudonym„Brynjolf Bjarme* in Kristiania in ganzen 230 Exemplaren auf seine Kosten drucken ließ, das dmaktige Trauerspiel„Catilina", blieb zunächst ganz unbekannt; der größle Teil der kleinen Auflage verfehlte als Makulatur beim Hcriiigshändler seinen Ziveck. Erst im Jahre 1875 ließ es der unterdessen berühmt geivordene Dichter in verbesserter Gestalt ans Licht treten und gab ihni ein kurzes Geleitwort mit auf den Weg. Von dieser Ausgabe, die in 3000 Exemplaren gedruckt wurde, er- schien 1878 eine llebcrsetznng des ersten Altes und die Inhaltsangabe der beiden anderen in einer englischen Sievnc; die erste und bis jetzt einzige deutsche Uebersctznng kam erst 18S6 heraus. Der erste stalte Er-olg war„Hermaendene paa Helgeland*, deutsch lznerst 187S) unter dem Titel„Nordische Heerfahrt* bekannt. Das Werl erlebte eine Reihe von Ausgaben, drei verschiedene russische, zwei denlschc, je eine französische, finnische, schwedische, isländische Ueberietzmig und zahlreiche Ausführungen in Deutschland schon 1876. Die 1864 erschienenen„Kronprätendenten* haben in erster Linie den. Namen Ibsen auch in Deutschland bekannt gemacht; Strodtmanns autorisierte deutsche Ausgabe von 1872 ist die erste deutsche Ibsen- Uebersctznng. Als ziveite folgte noch im selben Jahre Siebolds metrische liebcrtragiing von„Brand*, die 1880 eine NemAuflage erlebte. 1874 und 1876 bezenglen zwei weitere Berdentschniigs» versuche von Julie Riihlvpf und Alfred v. Wolzogen, welche Ansnierksamkcit man bei uns dem.nordische» Faust* bereits entgegenbrachte. Aver bisher ist das Werk nur im Berliner Schiller- Theaicr in Deutschland aufgeführt worden, und auch in seiner Heimat ivagle das Thealer sich zunächst wie bei Goethes„Faust* nur an Bruchstücke; fast zwanzig Jahre dauerte es bis zur ersten scknvedi- scheu, fast dreißig bis zur ersten norwegischen Gesamtaussührung. Als Bnchdrama wird die Dichtimg im Urtext dagegen in 35— 40 000 Exemplaren verbreitet sein. Mit den„Stützen der Gesellschaft* l1877> fand Ibsen sofort internationale Beachtung. In Deutschland erschienen schon 1873 gleich drei Uebersetzungen und nicht weniger als fünf Berliner Theater»ahmen das»ngewöhnliches Aufsehen erregende Stück ins Repertoir aus. Auch in London spielte man eS be- reils 1880, die Czechen machten es sich als erstes und einziges Jbsendraina schon 1879 zu eigen, inS Deutsche ivnrde es später noch zivemial übertragen, und auch die Italiener, Franzoien, Russen blieben nicht zurück. Das „Piippeiiheim* ist in der Ursprache mir in 17 000 Exemplaren ver« breitet; um so reger hat sich bei diesem Werk die Uebersetzerthätigkeit und der Eifer der Theaterdirektoren aller Länder entfaltet. England hat acht verschiedene Ausgaben. Deutschland vier Uebersetzungen, Rußland drei, Holland zwei. Italien zwei; ferner giebt es eine finnische, nngprischc, schiocdische, polnische, spanische, portugiesische, französische, serbische Uebcrtragung und auch mehrere Nachahmungen nnd Nachspiele, die den von vielen Znschanern vermißten versöhn- lichen Schlußakt ersetzen sollten:„Als Nora heimkehrte*.„Horas lecurn" usw. Das Siiick hat seinen Sicgeszng durch die Welt ge- macht; in Kapstadt so gut wie in Adelaide nnd Bnenos-AyreS hat Ibsen wider die Ebeliige von den Brettern herab gesprochen. Die„Gespenster*, die nicht minder den Streit der Meinungen erregt haben und lange Zeit mit Ceiistirschivicrigkeiteii zu kämpfen hatten, sind in der Originalausgabe in 20 000 Exemplaren abgesetzt und fünfmal ins Dcntiche, viermal ins Englische nnd je zweimal ins Französische. Russische und Spanische übersetzt. Die„Wildente* hat es auf 16 000 Exemplare gebracht; für die meisten übrigen neueren Werke, die stets sofbrt in 8—10 000 Heften aufgelegt wurden, ge- uügten bis jetzt noch die ersten Auflagen; dagegen erregte die Tra- gödie von„Klein Eyolf* so großes Interesse, daß bereits ein Jahr nach dem Erscheinen das 30. Tausend aiiSgegcbe» wurde. DaS LebenSiverl des großen Norwegers hat über fast ganz Europa Ber- breitnng gefnndeii. Nur die Neiigricchen. Slovenen, Rnthenen, Iren, Türken, Armenier haben noch keine Uebersetznng.— Musik. Ans der regelmäßigen Reihe nnsrer Mnsikberichte mit ihrer engen AnSivahl einzelner Konzerte ist es schwer, sich ein Bild zu macheu hon den täglichen»nd täglichen Vorsührnngen halb schätzenswerter, halb mitleidswerter Anfänger. Insbesondre sind es die Sängerinnen, die mit ihren ewig wiederkehrenden Mängeln der technischen Aus» bildnng die geduldige»„Freiberger" aus harte Proben stellen. Man möchte nicht nur immer zu den berühmten Großen gehe», möchte auch hinabsteigen zu denen, die noch um die Anerkennung ringen, und muß linn seine demokratische Menschenliebe büßen. Auch der Liederabend, den wir am Dienstag in der Singakademie hörten, nrnchtc davon keine Ausnahme, Ztvei Sängerinnen traten a»f: Marie Gscheidel und Clara Lands- berger- Wenzel. Beide voll von den typischsten technischen Fehlern: der falschen„hohen" Atmung; dem swohl zu- meist durch diese Atmung verschuldeten) Unfeste», Flimmernden, „Scheppernden" der Töne, zumal der hohe»; dem Produzieren der hohen Töne mit einer in der Brust statt im Kopfe sitzenden Rcso- »anz; dem Sich-Uebernehme» und Schreien; dem qualitätslosen, häufig ordinären Bilden der Vokale und dem Verwischen der Konsonanten und dergleichen mehr. Von jenen zwei Sängerinnen zeichnete sich in all dem die erstgenannte ganz besonders aus; die zweitgenannte ivar darin um— sagen»vir: eine halbe Nuance besser. Dann der Vortrag! I» ihm ivar hinwieder die erstgenannte Dame der zweiten um eine drei« viertel Nuance itberlege». Sie hat entschieden irgendwo etivas von tiefergehender Vortragskniist gehört und ver- sucht nun, die Formbestandteile der Lieder hübsch ab- znrunden und je nach dem Inhalt mit verschiedener Klangfarbe z» bringe». Ein solches Wollen ist in diesen Verhältnissen schon viel; um so traurigeren Eindruck aber macht das Wollen ohne Können. Verfügt jemand nicht über technische Vollendung, so scheitert er eben auch mit den Ansdrucksbemnhnngen; und er wirkt nur unruhig, wenn er die Bewegtheit nicht zutreffend verivendet. Die„zweite" besitzt nun nicht einmal das Ansdnicksbemühen der„ersten". Man sehe Mörickes, von Schumann komponierte„Soldntenbrant", ein Prachlstttckchen, höchst dankbar und einen Ausdruck geradezu er- zwingend!»ran ivird kaum begreifen, dag es jemand so teirrperament- los singt, wie's bei jener Sängerin der Fall war. Im übrigen „übernahmen" sich die Zweie nicht nur im„Loslegen", sondern auch darin, daß sie sich nrauche Lieder znmuteten, denen sie nicht ge- wachsen waren, statt— wie wir oft genug vorgeschlagen haben — durch unbekannte, leichte Stückchen den Hörern doppelte Freude zu bereiten. Im selbe» Konzert gab es ungedruckte neue Lieder von Julius Michaelis. Was soll man von einem solchen Wirken mit längst bekannten kleinen Mitteln und Mittelchen sagen I Das Gedicht von M. Stona,„Elfenrcigen", gleich den meisten andren vom Komponisten arrSgelvählten Gedichten ein recht mattes Produkt, war wenigstens zu einem hübschen kleinen Ausdruck verarbeitet. Uebcr all solche Vorführungen eines geringen Könnens vermag man immerhin mit einiger Ruhe hintvegzugehen. Weniger gilt dies von Fällen, in denen ein entschiedenes Können auf Gering- wertiges verwendet wird. Paul Sakolowski zeigt sich in seinen beiden Büchlein(des Verlages H. Seemann Nachf. in Leipzig):„Roll- wenzelei und Eremitage" und„Bayreuther Nächte" als ein feder- gewandter Mann, der für das Publikum der heute dominierende» Journal-Litteratur amüsant schreibt. Er weist auch manches nicht allgemein Bekannte ans der künstlerischen Geschichte Bayreuths. Ver- nünstige Erörterungen über Wagners Schaffen und merkenswerte einzelne Mitteilungen über dies und das sind zlvischen Plaud- und Plauschereien so nachlässig eingestreut, dah sich nur noch dem nach Vollständigkeit strebenden Litteräturfrennd das Auflveilden müstiger Minuteir auf die Lektüre empfehlen läßt.— sz, Kulturgeschichtliches — Zur Geschichte des Tabaks. Ein Engländer, W. A. Penn, hat auf Grund umfangreichen Materials eine Geschichte des Tabakrauckiens geslbrieben, die nicht nur für den Rancher. sondern auch für den Nationalökonomen hervorragendes Interesse bietet. Bekannt ist ja, schreibt die„Köln. Ztg.". dast du meditierenden Orientalen, die jetzt ohne Wasserpfeife kauni zu denke» sind, den Tabak dem Abendlande verdanken, vom Tabak ist in Tausend und eine Nacht»och nirgends die Rede. De» Tabak brachte erst 1SSS ein Spanier nach Europa, und er wurde zuerst in Spanien an- gebaut. Schon lööl rühmte der französische Gesandte am Hofe von Portugal, Jean Nicot, das neue Gewächs seiner Herrin, Katharina von Mcdici, so sehr, dast es auch in Frankreich als vioobiano eingeführt lvurde. Erst mehrere Jahre später lernte England den Tabak direkt von Amerika her kennen, und er fand in der goldenen Zeit Englands so gewaltige Verbreitung, dast ein volles Zehntel der Staatseinnahmen von ihm herrührte. Uin 1650 ivar die Sitte des Tabakranchens auf ihrem Höhepunkt angelangt. Man rauchte in der Kirckic. im Parla- mcnt, überall. Frauen rauchten ohne jedes Bedenken, Mütter schickten ihre Kinder mit Pfeife und Tabak in die Schule, denn die Kunst des Rauchens gehörte damals ganz ernsthaft zum Unterrichtspensum. Im achtzehnten Jahrhundert liest das Rauchen gewaltig nach, es gab Zeiten, wo es verächtlich war. zu rauchen. Man tröstete sich be- kaimtlich mit der Schnupftabaksdose und Penn erzählt, dast der englische Staatsmann Lord PeterSham eine besondere Dose für jeden Tag des Jahres besäst und sehr böse werden konnte, wenn sein Kaminerdiencr ihm nicht jeden Tag die richtige brachte. Die heutzutage sehr verbreitete Sitte des Cigarettenrauchens ist zn nns erst durch den Krimkrieg gekommen, in dem die französischen und englischen Offiziere diese bequeme Art des Rauchens von. ihren türkischen Bundesgenossen erlernten und mit in die Heimat «ahmen.— AuS dem Tierleben. u. H e i m a t s s i n II der Lachse. Bekanntlich steigen die Lachse, die im übrigen Meeresbcwohner sind, einmal im Jähre die Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Flüsse hinauf. Besonders der Rhein ist ein von diese» Fischen für ihre Wanderungen sehr bevorzugter Fluh, und sie begnügen sich nicht etwa damit, kurze Strecken in ihm zurückzulegen, sondern sie schwimmen bis in das Hochalpengebiet, verleilen sich auch in die dort eiiimündenden Nebenflüsse, und nachdem sie in den rauschenden Bergwassern den Rogen gelegt haben, schwimmen sie wieder dem ferne» Meere zu. Inzwischen kriechen in den Alpen ans den dort im Wasser abgelagerten Rogenlörnchen die jungen Lachse heraus, um nach einiger Zeit, das heistt wenn sie grost genug find, uin die Reise aushalten zu können, ebenfalls nach dem Meere zu schwimmen. In dieser Adoptivheimat halten sie sich nun den gröstten Teil ihres Lebens hindurch auf, sie verlassen sie nur, wenn nun wieder sie ihrerseits den Rogen legen wollen; zn diesem Zweck kehren sie für kurze Zeit in ihre wirkliche, im Hochgebirge gelegene Heimat zurück. Da ist nun die interessante Beobachtung gemacht worden, dast die Lachse nicht etwa wahllos i» einem beliebigen Neben- oder Quellflutz des Rheines wandern, sondern jeder in denjenigen Flnst zurückkehrt, in dem er aus dem Ei gekrochen ist; so kehren Lachse, die aus der Reust stammen, immer wieder in die Reust zurück, solche ans der Linnnat nur in die Limmat. Man hat einzelnen Lachsen metallene Bänder um den Leib gelegt und man konnte die so bezeichneten Tiere dann immer wieder an der Stelle wiederfinden, von der sie stammen. Wenn es schon merkwürdig ist, dast Zugvögel bei der Wiederkehr aus dem Süden immer wieder dieselben Stellen aufsuchen, die sie im Herbst ver- lassen habe», so ist ein solches OrientiernngSvermögen bei Fische» um so auffälliger, als diese in Bezug auf geistige Begabung und Entwicklung den Vögeln zweifellos bedeutend nachstehen. Die Mög- lichkeit, dast er mit dem Auge die Heimat wiedererlemit, ist bei dem in kaum durchsichtigem Wasser schwimmenden Fisch ausgeschlossen, auch sein GeruchSorgan ist bekanntlich wenig entwickelt— kurz, die Sache harrt noch der Erklärung.— Notizen. — Ein Lexikon, in dem alle in ZolaS Romanen vor- kommenden Personen alphabetisch aufgeführt werden, beginnt in Paris zu erscheinen. Der erste Band mit 1200 Personen- namen, die nur der Romanreihe„Die Rongon-Macquart" entnommen sind, ist bereits im Buchhandel zu haben.— c. Uni gekehrtes Verfahren. Alle Romanschreiber wissen, dah der Titel oft für den Erfolg eines Romans eine sehr groste Be- dentnng hat. Von dieser Idee ausgehend, veranstaltet ei» grotzes Londoner Blatt jetzt einen originellen Wettbewerb. Es veröffentlicht einen Roman, und zn diesem soll nach der Vollendung der beste Titel gesucht werden.— — Felix Philippis Schauspiel„Da? große Licht" wird im Oktober konnnendcn Jahres im Wiener Burgtheater aufgeführt werden. Dieselbe Bühne hat auch SudermannS neues Stück„Es lebe das Leben" erworben.— — Das neue ,. Trianon-Theater" in der Georgenstraste wird bereits am 16. Dezeniber eröffnet werden.— —„Wiener Blut", Operette von Johann Strauß, wird am 22. Dezember im T h e a t e r des Westens in Scene gehen.— — Das 3. große sinfonische A b o» n e me n ts k o n z ert (Dirigent Richard Strauß), das am 16. Dezember bei Kroll statt- findet, wird Gustav Mahlers„Sinfonie Nr. 4" zum Vor« trag bringe».— '— Professor Seite gast, der Direktor de? landlvirtschast- lichen Instituts an der Universität Jena, ist gestorben. Er war nach dem Tode Willens die erste Autorität in Viehzuchtsfragen.— — St» n st nach dem M e t e r m a ß. Im Hotel Dronot, dem bekannten Pariser Verstcigernngsloknl, giebt es einen kleinen Saal, in welchem täglich Bilder unbekannter Künstler verkauft werden. Diese Kunstwerke sind nicht signiert: es sind einfach Nummern, die nach— Maß verkauft werden. Sie erreichen einen Preis von 5—20 Franks. Die Hälfte fällt dem Auktionator zu. Rechnet man die Kosten der Leinewand und der Farben ab, so verdient der Maler an einem Bild ä 5 Frank— 1 Frank 75 Centimes.— t. K i n e m a t o g r a p h i s ch e Aufnahme einer Flut- welle. Der englische Geograph Cornish zeigte während der letzten Sitzung der Londoner Geographischen Gesellschaft die kinemato- graphische Aufnahme einer Flutwelle im Severn-Flnst vor. Wahr« scheinlich ist diese Aufnahme die erste, die mittels der Photographie von einer Flutwelle aufgenommen worden ist.— — Das R ä t s c l d e r S ch i f f s w e l l e n b r ü ch e. In der „Techn. Rdsch." weist Ernst T e j a M e y e r auf die Thatsache hin. daß die Wellenbrüche fast ausschließlich nur bei Schiffsmaschinen vor- kommen, welche die sogenannte Schlicksche Kurbelstellung haben.— t. Eine der gröstten E i e r s a m m l u n g e n stand jüngst in New Jork zum Verkauf. Sie enthält etwa' 30 000 Eier und 1000 Nester. Für die nordanierikanische Vogelwelt stellt sie sicher eine der schönsten und vollständigsten Privatsamnilungen dar.— Die nächst- Nummer des UnterhallungsblatteS erscheint am Sonntag, den 8. Dezember. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.