Interhaltungsblatt des'Vorwärts Nl. 239. Sonntag, den 8. Dezember. r90t (Nachdruck verboten.) 2] Svin F�vennv. Erzählung von Wilhelm S e n f t I e b e n. In dem kleinen Häuschen wohnt seit seiner Verheiratung Alimann. Er hätte ja auch in eins der neuen Häuser ziehen können, allerdings ins Hinterhaus, wo man aus Stube und jlüche auf den Hof blickt. Aber er hatte keine Neigung dazu. Er liebte es, Blumen und das Grün der Bäume vor seinen Fenstern zu sehen und den Verkehr der Straße zu beobachten, wenn er abends, von harter Arbeit sich ausruhend, am Fenster saß. Es ist nachmittags und da sitzt gerade die junge Frau anr Fenster, mit dem Nähen von Sonnenschirmen beschäftigt. Das ist eine mühsame Beschäftigung. Wenn schöne, über- mütige Mädchen und Frauen unter ihnen einherstolzieren, bei lachendem Sonnenschein, von den heißen Strahlen vielleicht ein wenig behelligt, so ahnen sie nichts von dem Schweiß, den die Herstellung in dumpfer Stube für kargen Lohn gekostet. Ans der Diele liegen die Abfälle, in allen Farben schimmernde Seidenfleckchen, umher. Die junge Frau hebt den Kopf. Das Auge schweift nach der Straße. Das ist ein dunkles, glänzendes Auge und kann wohl noch einen andren Mann wie Altmann behexen. Dem Körper sieht man dagegen die viele Arbeit an. Er war wohl einnial voller und runder in der Jugend; jetzt ist er ge- schwächt. Das kani nach dem Kinde. Als es plötzlich für das alleinstehende Mädchen hieß, für zwei arbeiten, da wurden die Kräfte doppelt angestrengt. In der Saison ging es manchmal von früh um vier bis nachts um elf, sogar zwölf. Solche Arbeit zehrt au den Gliedern. Jetzt geht es Lene wieder besser. Sie braucht lange nicht mehr so viel zu arbeiten. Sie hat ja einen Manu, der Geld verdient, und von diesem Geld verthnt er nichts für sich, der Gute. Einen Mann! Manchmal sinnt Lene still vor sich hin: einen Mann? Er war ihr wohl mehr ein guter Freund. Damals, wo sie das Unglück betraf, ja. das war eine Leidenschaft gewesen, die über sie kam wie eine Gewalt, der nicht zu entrinnen war, und die sie niederdrückte und in ihre Fesseln schlug. Jetzt bleibt sie ruhig. Aber freu'n thut sie sich, daß ihr Kind versorgt ist, und sie will auch Altmann dafür am Bart zupfen, wenn er sich mit ihr neckt und ihr dabei die breiten Lippen zum Kuß hinreicht, so seltsam ge- spitzt, daß sie darüber lacht und er auch damit schon zu- frieden ist. Lene blickt wieder hinaus, und da sieht sie Erna, ihr Töchterchen. Den Namen hatte sich der vornehme Vater gewünscht, in Erwartung, daß es ein Mädchen sein würde. Das Mädchen kam, aber der Vater war verschwunden. Lene ruft das hochaufgeschossene blasse Mädchen ans .Fenster heran. „Geh' dem Vater entgegen, Erna." „O ja!" jubelt diese und springt fort, daß ihr die Mutter warnend nachruft: „Nicht so schnell, Erna l Nicht so schnell!" Erna hatte ihren neuen Vater lieb. Der erste war bei ihr tot. Ein Vicrtelstündchcn noch dauert's und Altmann tritt herein. Freundlich wünscht er seinen„Guten Abend" und setzt sich auf den Fensterplatz, den ihm Lene geräumt. Diese sucht die Flicken zusammen und macht sich dann daran, das Abendbrot zuzurichten. Dabei bleibt es still, bis Erna herein- kommt. Diese erzählt dem Vater sehr eifrig mit lebhaft leuchtenden Angen, was in der Schule vorgekommen und ww sich's auf der Straße gespielt hat. Freundlich hört Vater z ihr hin und wieder die kleinen Patschhändchen streichelnd und drückend. Beim Abendessen fäilgt Altmann. während er noch auf beiden Backen kaut, plötzlich ail zu erzählen. Von der schweren Arbeit erzählt er nicht; die drückt seine breiten Schultern noch nicht so sehr. Aber von dem Aergcr. denen die Arbeiter ausgesetzt, davon erzählt er. Dadurch. daß er hin und wieder noch einen Bisjen dem Mund zuführt, kommen größere Pausen in seine Erzählung, und mit stärkerem Nachdruck als vorher beginnt er immer wieder noch einmal mit dem Letztgcsagten. Jetzt scheint er mit seinen Berichten zu Ende zu sein. Doch nein, leiser fügt er nach längeren Vorsichhinsinnieren noch hinzu:„'s scheint doch noch zum Streik zu kommen." „Und Du? Machst Du mit?" Zum erstenmal unterbricht ihn seine Frau und sieht ihn fragend an. Dann, ohne eine Antwort abzuwarten, steht sie auf und fängt an den Tisch abzuräumen. Altmaun sieht Lene bei ihren Worten groß an. Der letzte Bissen, den er im Mund hat, ruht still. Dann schluckt er ihn hastig hinunter und sieht hinweg. Langsam, schwerfällig steht er auf und tritt zum Fenster. Was hat Lene damit sagen wollen? Er hätte sie ja fragen können, aber ein un- bestimmtes Gefühl, daß er mit ihr in dieser Sache nicht übereinstimmte, daß sie nicht mit ihm gleich dachte, hielt ihn davon ab. Der Zusammenhalt mit seinen Arbeitskollegen schien ihm etwas so Selbstverständliches, etwas so Pflicht- gemäßes, wie ungefähr zu Hause jeden Streit zu verineiden, um keinen Riß entstehen zu lassen, der ein friedliches Zusammen- leben unmöglich macht. Altmann. Du bist ein Thor! sagte er sich wohl in Gedanken. Ist Deine Frau nicht auch eine Arbeiterin? Doch laut sprach er nach einer Weile von ganz etwas andrem. „Lene," fing er an.„denk Dir, heut kriegt mich Heinrich an: ob er nicht zu uns zieh'n könne?" „Heinrich?" Seine Frau wendet sich ihm erstaunt zu. „Du bist wohl nich von hier?" „Thatsache!" „Warum will er denn von Kulemanns weg?" Altmann zuckt erst mit den Schultern.„Weiß nicht I" sagt er dann.„Zu mir meinte er: Die dreck'ge Wirtschaft gefällt ihm da nicht länger." „Wird wohl was andres sein." Und Lene stellt den Abwaschnapf auf den Stuhl und legt Teller, Messer und Gabel hinein, die sie zu reinigen anfängt. Altmann legt sich eine heitere Miene zurccht.„Nu, und was meinst Du dazu, Lene? Er sagte: bei mir zu Hause könnte nian von der Diele essen, so sauber ivär's." „Wenn er da nich'mal'ne Nadel mit verschluckt, die hier'rumliegen, und sich gar in den Magen piekt." „Dann hört er wenigstens mit Saufen auf." „Oder sein Durst wird noch größer." „Spaß beiseite, Lene! Er nieinte es ernst damit." „Aber was soll'n wir uns denn diesen Menschen hier aufhalsen? Meinst D u's denn ernst damit?" Altmaun zögerte eine Weile:„Eigentlich ging's doch zu machen." kam es dann heraus.„Wir setzen in die Kammer ein Bett. Müssen doch für Erna später ein großes haben. 's ist'ne kleine Zubuße,'s wird gespart. Nächsten Sommer, dann... da... da schick' ich Dich zu meiner verheirateten Schwester in die Heimat... auf's Land... da kurierst Du Dich aus." Er hätschelte mit seiner harten Hand ihre Wange. „Ja... aber den Heinrich... ich weiß nich..." „Im Grunde genominen is'n guter Kerl. Er muß nur in die richt'gen Hände kommen." Lene kannte Heinrich. Er war schon öfter zu Besuch gekommen, hatte sich forsch und fröhlich gegeben und die Unterhaltung war immer lustig gcivesen. Nur was ihr Mann von ihm erzählt, zwar wenig, nur hin und wieder eine An- deuwng, das hatte manchen trüben Schein aus ihn geworfen. Daß er manchmal anzüglich war, wenn auch versteckt, sie hatte es wohl bemerkt. Doch vom Reden bis zur That ist ein weiter Weg, wenn eine Frau sich nicht ankommen ließ. Und sie hatte schon manchen von sich abgehalten nach ihrer ersten Liebe, Nein, nein, so weit mußte man auch die Gedanken gar nicht schweifen lassen. Wahr ist: der Heinrich kann über vieles ausgelassen schlvadronieren, das vertreibt an langen Abenden die Langeweile. Wenn sie dann noch ein wenig dabei näht, wie könnte da nicht ein Scherzwort die Arbeit würzen. Das heißt, wenn er zu Hause bleibt. Aber er kann doch auch nicht alle Abende weg- gehen! Ihr Mann selbst würde, von der allgemeinen Unkerhaltung mit fortgeZogen, redseliger werden. Er ist doch so furchtbar still und in sich gekehrt, denkt Lene weiter, und ich habe auch nicht immer Lust, ihn zum Sprechen zu ermuntern. So wandelten sich bei Lene die Gedanken günstig für Heinrich. Bei Altmann ist's umgekehrt. Heinrich ist sein Freund. Gewiß! Aber eine gewisse Abneigung hat er in Mancher Beziehung doch gegen ihn. Und nun gar ins Haus nehmen I Den Lärmenden in die fülle Stube! Wenn der mit feinem „Ding" ankam, was er doch nicht lassen konnte, was sollte die kleine Erna denken? I Nein, nein,'s wird nichts.... Da sagt schon Lene:„Hör' mal, Mann, wenn man sich's recht überlegt, so war's gar nicht so unübel, wenn man die kleine Kammer vermietete." Altmann sieht seine Frau erstaunt an.„Wenn Du denkst," meint er und wischt sich über die Stirn. „Na, wir wollen morgen noch'mal ernstlich darüber sprechen."— Als Lene im Bett liegt und die Hände unternr Kopf faltet, da wird sie von seltsamen Gedanken geplagt.... So lange war sie allein mit ihrem Kinde, und nun soll sie gar im Hause für zwei Männer schaffen und walten. Ja, warum für zwei Männer? Sie hatte doch nur den einen. Nun, so sollte es ja nicht gedacht sein! Sie hatte aber in der Wirt- schaft für den andren mit zu thun. Ach, wenn er nur blieb, wo er war, das wäre besser, das wäre gewiß besser. Na, morgen... Und sie legt sich auf die Seite, um ihre dummen Gedanken los zu werden. (Fortsetzung folgt.) Sonnkttgsplsttdevei. Longe genug hat das Unvermeidliche auf sich warten lassen. Die beiden Weltmächte waren sich immer näher gerückt, die eine, die hastig ins Unermeßliche wuchs, die andre, deren Herrlichkeit und Größe ins Sinken geriet. Es mußte z» einer Katastrophe komme». Das Gleichgewicht des Weltballs war verrückt, seitdem sich der junge Parvenü schauervoll in die Breite dehnte. Kein andrer Austveg tvar für die zurückgedrängte Macht mehr möglich, ivenn sie sich nicht den Untergang bereiten wollte: es galt, durch einen kühnen Angriff, den Feind niederzuwerfen. So brach der grimme Weltkrieg aus: Hie Masse— hie Scherl! Der Einbruch geschah dort, wo die Lebensadern dieser Königreiche des Geistes strömen: im Inseratenteil. Der Annoncenpächter Masse erklärte dem Annonceneigner Scherl den Krieg. Es war ähnlich »vie bei dem Milchringc. Masse sagte zuerst die Fehde an; er erließ in den Tageszeitiuige'n ei» gewaltiges Ultimatum, in dem er erklärte: „Mit der Firma August Scherl G. in. b. H. einen geregelten gc- schäftlichen Verkehr z»»uterhalten, wie er zwischen der gesamten deutschen Presse und niehreren Annoncenexpeditionen besteht, hat sich für uns als unmöglich eriviesen. Wir haben daher mit den» heutigen Tage die Beziehungen zu dieser Firma abgebrochen. Anzeigen für die in genanntem Verlage erscheinenden Blätter werden fortan in unsrcn Bureaus nicht mehr angenommen." Ich weiß nicht, ivas de» entscheidenden Anlaß zn diesem Abbruch der diplomatischen Beziehungen gegeben hat. Gewährte Scherl nicht den genügenden Zwischenhändlerrabatt? Oder verteilte er die Inserate allzu willkürlich in seine verschiedenen Blätter?� Jedenfalls lvird bei Mosse kein Inserat mehr für Scherl aufgenommen. Aber August der Weitestverbreitete ließ sich nicht schrecken. Warum sollen die Mnsscurinnen nicht direkt zu ihm skommen, wozu müsse» sie sich des Mosse als Vermittler bedienen? So verkündete denn Scherl mit freudig erregtem Pathos den Krieg gegen Rudolf Mosse und erklärte, er werde uunmehr ohne Zwischen- Händler in eigenen Centralen die Annoncen entgegennehmen: „Der Annoncen-Expedition Rudolf Mosse haben wir schriftlich mitgeteilt, daß wir jede» Versuch dieser Firma, uns Bedingungen für den Geschäftsverkehr mit ihr vorzuschreiben, zurückweisen müßten. Dies veranlaßt nun die Firma Rudolf Mosse zu einer öffentlichen Erklärung, wonach sie Anzeigen für uusre Blätter nicht mehr auf- nehmen will. Uns liegt daran, dieser Erklärung die denkbar weiteste Verbreitung zu geben und das verehrliche inserierende Publikum darauf aufmerksam zn machen, daß wir seit ca. IV- Jahren eine eigne Annoneen-Expedition haben und in folgenden Städten Deutschlands Geschäftsstellen unterhalten." Es folgte die Angabe der Städte, und da»n unterschrieb sich Scherl mitten im trauten Kreise seiner zahlreichen Familie, des „Berliner Lokal-Anzeiger", der„Woche", des„Tag", der„Berliner Abendzeitung", der„Weiten Welt",„Vom Fels'zum Meer", des »Berliner Wohnungs-Registcr"; dazu kamen eine Anzahl Mündel, wobei er gleich vernet, daß er vom 1. April 1902 auch die Vormund- schaft über das Cottasche„Buch für Alle" übernehme. Mosse hat vorläufig nicht wieder geantwortet. Der Konflikt ist aus dem Stadium undiplomatischer Noten in den offenen Kriegs- zustand übergegangen. Das Blut fließt in Strömen. Die beiden Feinde iverden sich keinen Pardon geben, doch bemüht sich jeder so viel Inserenten gefangen zu nehmen, wie er nur irgend vermag. Der Mosse-Scherl-Krieg ist nun keineswegs bloß eine lustige Geschäftsbalgerei zivischen zwei Profitkonkurrenten. Es steckt hinter ihm ein nicht uninteressantes Stück Sittengeschichte der Berliner und der deutschen Bourgeoisie. Im Niedergang Mosses und im Auf- schwnng Scherls spiegelt sich die intellektuelle und moralische Ent- ivicklungsgefchichte unsres Bürgertums. Als Masses„Berliner Tageblatt" begründet Ivnrde und bald eine bis dahin beispiellose Verbreitung gewann, verachtete das gute, solide Bürgertum, das sich bei der gebildeten„Bossischen Zeitung" langiveilte, das lännende, ordinäre Skandalblatt Mosses. Zwar schwor auch Mosse zn den ewigen Idealen des Liberalismus und zur freiheitlichen Gesinnung des mannhaften Bürgers, aber das Blatt brachte zu viel Sensationen, Pikantcrien, es war zu reklamehaft und oberflächlich; es galt als unfein. Auch war es vielen anstößig. daß das„Berliner Tageblatt" neben den Redacteuren für's Ideale auch diplomatische Rechercheure unterhielt, die die Windeln jedes Prinzleins feuilletonistisch ausbeuteten und die edlen oder witzigen Züge ans höchsten und allerhöchsten Mündern fabrikmäßig betrieben. Allmählich aber gewöhnte man sich an das „Berliner Tageblatt" und die krankhaft anständige„Vosfin" ver- schwand von dem Tisch des guten Hauses. Dem freigesinnten Bürgertum gefielen die verlogenen Gesinnungslosigkeiten, byzanti- nischen Albernheiten und schoflen Niederträchtigkeiten seines Leib« blatte»; hat doch keine Zeitung nichtsnutziger gegen die Socialisten gehetzt als das„Berliner Tageblatt" in der Atlentatszeit. Die Ge- fimnmg der emporgekommenen Bourgeoisie fand im„Berliner Tage- blatt" ihre» Ausdruck. Da plötzlich erschien eines Tages Scherls„Berliner Lokal-Anzeiger" anf dem Plan, als bescheidenes Wochenblatt, von niemandem ernst genommen. Statt des verblödeten Freisinns gab er die Parole des absoluten Stumpfsinns aus. Er war der zum Wochenblatt ge- wordene Kolporlageroman. Mosse lachte stolz und hochmütig über den kleinen rüdigen Köter, der sich anmaßte, neben dem Weltgeschäft eines Rudolf Mosse zu bellen. In der That war das„B. T."»eben dem neuen Emporkömmling ei» Erzeugnis reinster und höchster Kultur. Aber August Scherl tvar ein Genie, das die Bedürfnisse der Bourgeoisie voraus ahnte. Er»ahm die Entwicklung des Bürgertums voraus, das los von der Politik strebte und ungestört seinen Geschäften nachzugehen wünschte. So fraß sich der kleine rüde Köter durch. Die unpolitisch gcivordene Bonrgoisie verschlang das von jeder ernste» Bestrebung sorgfältig gereinigte Organ Scherls. Die Abonnenten wuchsen in die Hunderttausende. Die Inserenten risse» sich um die Ehre, von Scherl berücksichtigt zu werden. Der „Lokal-Anzeiger" wurde der Hansfrenud von Generalen, Geheim- räte» und Ministern. Die Regierung zitterte vor jeder Bemerkung des„Lokal-Anzeigers". Scherl hatte es in der Hand, einen Staats- mann nnniöglich zn machen, und aus Furcht gab man fihm— Jn- forniationcn. Er ivurde bei Hofe gelesen. Dieser letztere Umstand brach Mosses Herz vollends. Das„B. T" ist niemals bei Hofe gewürdigt worden! Mosse verfluchte sein Schicksal, freisinnig zn sein. Keine Parteimacht hinter sich und von den Herr- schende» Gewalten gemieden— tvelch ein Jammer I Die liberale Bourgeoisie, die noch am„B. T." hing, Iväre ja längst auch for- mell konservativ und feudal geworden, tvenn die Konservativen sie nur gemocht hätten. Dieser erzrcaklionäre, servile Freisinn, ivar nicht standesgemäß, und so mußte er ans der Not eine Tugend machen und— ach I— freisinnig bleiben. Das„Berliner Tageblatt" konnte sich durch alles emsige Tanfe» nicht von dein Fluche seiner Geburt loslösen. Beneidensivert dieser August Scherl, der das Amcrikanerglück hatte, keine Vergangenheit zu besitzen, der in seinem Reiche nicht durch die lästigen Ruinen politischer Ueberzeugungen gestört Ivurde I Aber Mosse behielt einen Trost und einen Stolz. Seine Leute stellten, im Gegensatz zu der Scherlschen Rüben- und Kartoffel- zucht, Geist her, sehr viel Geist. Man war gebildet, witzig, modern. Man war gesättigt mit dem Ideengehalt der Jahrtausende, man war philosophisch, poetisch, talentvoll. Das konnte der Scherl dem Mosse doch nicht nachmachen. Scherl aber verdroß es anf die Dauer, den Ruhm zu haben, der Besitzer des ungebildetsten und geistlosesten Blattes zu sein. Wozu hatte er seine Millionen? Wie, man beschuldigte ihn, sein Blatt hätte keine llebcrzeugung— Kleinigkeit, binnen einem Monat macht der Scherl ein Blatt, in dein nicht eine, nein, gleich tausend Prima- Ueberzeugungen und tadellose Weltanschauungen zu finden sind! Man verdächtigt ihn, er töte den Geist— Verleumdung. er kauft Euch den raffiniertesten Geist ccntnerwcise. So ward der„Tag". Der Geist kam zwar Scherl sehr teuer zu stehen, die Ware fand keinen Absatz, aber das Ziel war erreicht: Mosse war auch im Geist, in der Weltanschauung und in der Modernität von Scherl geschlagen. Daneben hatte August im Vorübergehen noch die populärsten Familienjouruale niederkonkurriert. Er zog die Zeitgeschichte auf Trockcnplatten und mit der„Woche" zwang er Cotta auf die Kniee. Er beherrschte die Kriegervcreiue durch die„Feldpost" und drang in die Pastorenhäuser ein durch den„Pfarrboten". Kurz, Scherl wurde der Monopolist für alle Bildungsbedürfnisse des Bürgertums und die Schriftsteller und Künstler gerieten in Scharen in die Abhängigkeit Scherls. Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung von 16 oder 20 Millionen wurde richtungaebietend für Littcratur und Kunst. Mosse war auf allen Gebieten geschlagen. Nur auf einem war er»olb allmächtig. Seine Zeitungen waren zwar unterlegen. aber seine Jnseratenfirma, um deretiville» ja die Blätter überhaupt nur gegründet waren, blühte noch. Vom Weinreisendcn, der ein Engagement, bis zum Grafen, der eine Millionärin wenn auch fehlerhafter Konfession als Frau suchte, konnte jeder nur mit Hilfe Rudolf Mosses die Oeffentlichkcit aufsuchen. Jetzt hat Schert auch hier die grimme Fehde angesagt. Im Mossepalast auf dem Leipzigerplatz schleicht die bleiche Sorge. Was wird Scherl, der Unbesieglichc, der Fürchterliche, beginnen? Rudolf ivittcrt Unheil, und in bangem Zukunstsgrauen überlegt er sich, ob er nicht ziveck- mäßig die Gehäller und Honorare um 20 Prozent kürze» soll. Was wird aus der renommierten Jnseratenfirma, wenn nun Augujt Scherl seinerseits eine europäische Annoneen-Agentur organisiert?... Einstweilen tobt der Kampf. Mosse streitet mit schlotterndem Heldenmut um das letzte Stück seiner einstigen Allmacht. O August, laß dem greisen Mann doch den Trost seines Alters— das Jnseraten- geschäft. Was will das werden?... Eines Tages aber, da der Frühling kam, kehrten die Schwerter in die Scheide zurück. Es ward Frieden auf Erden, das Blnt war in der mütterlichen Erde gnadenvoll eingesickert, lind siehe da, Rudolf Mosse ging hin, still und wehmütig, und trat ein als Ge- sellschaftcr bei— August Scherl G. in. b. H.— �foo. Kleines Iseuillekon. er. Vocrenfreunde. Der Stamnitisch stand in der Ecke, er war dicht besetzt. Trotz der frühen Stunde hatten sich bereits alle eingefunden. Die Unterhaltung ivar sehr animiert. Man sprach von der letzten Sitzung im Hansbesitzcrverein; die Aendernng der Miels- kontralte, die der Seifenfabrikam in Anregung gebracht, wurde noch einmal diskutiert. Der dicke Schlossermeistcr war auch dafür, daß die Miete eigentlich gleich vierteljährlich im voraus bezahlt iverden müßte. Der Droguist meinte, das ließe sich nicht durchführen; man stritt hin und her, nur der Rentier saß still. Die ringgeschmiickten Hände über dem dicken Bauch gefaltet, sah er behäbig schläfrig in das Lokal; dann auf einmal kam Leben in sein Gesicht. Seine kleinen Blinzelangen weiteteu sich etwas. Mit einer lässigen Hand- bewegnng wies er nach der Wand:„Sch'll Se doch mal— hat ja jetzt auch'iic Büchse aufgehängt, der Wantner— für die Boeren." Die ll uterhaltung stockte wie auf Befehl. Alle die mehr oder weniger kahlen Köpfe flogen nach der Wand herum, an der die schwarz-weiß-rot gestreifte Sammelbüchse hing. „Ach so, die von dem Verein," sagte der Schlosscrmeister,„den seine Kastens hängen ja jetzl in jeder Budike." Der Seifenfabrikant nickte beifällig:„Js auch recht! Die Bocren, das sind Kerle, alle Welt niüßte'für sie eintreten, mit Gut und Blnt." „Mit Gut und Blut!" schrie der Droguist und schlug niit der Faust auf den Tisch.„Bravo! Bravo!" „Bravo!" fielen die andern ein. Man ivar auf ein dankbares Thema gekommen. „'ne Gemeinheit is es, wie man se behandelt," empörte sich der Kanfmann.„Gestern Hab' ich erst zu meinem Lanfjungen gc- sagt, die Engländer sind Hunde, Hab' ich gesagt, znsannnenichießen müßte man sie. daß es kracht!" „Na, das besorgen ja schon die Boeren." „Ja, das besorgen sie ihnen." „Brave Kerls I" Der Schlossernieister wurde ordentlich gerührt. „Habt Ihr gelesen, ivie De Wet mal tvieder uich da war, als Kilsch'ner schon dachte, er hätte ihn?" „Jawoll— hat ihm schon!" Man lachte. „Schließlich unterliegen se ja doch!" meinte der Rentier gering- schätzig. Das Wort wirkte wie ein kalter Wasserstrahl; es trat eine Pause ein. Erst nach einer Weile nahm der Kaufmann die Unter- Haltung wieder auf. Er brummte:„Verfluchte Bande— die Engländer mein' ich! Jetzt holen sie schon wieder Truppen nach." „Die iverden de Boeren schon fertig kriegen!" Der Droguist lachte siegesgewiß. „Nee nee— nee— glaub' ich nicht." Der Schlosscrmeister schüttelte den Kopf; er»ahm die Cigarrc ans dem Munde und blies ein paar Rauchwolken in die Luft.„Na ja,'n kleen Wcilekin, da seh'n sc's ja»voll noch mit an, auf de Dauer halte» se's ja doch »ich ans." „Wenn Ihnen keiner zu Hilfe kommt, nicht!" nickte der Seifen- fabrikant. »3» Hilfe! Na ja. da können sie lange ivarten! Wer denn?" Der Schlossermeistcr lachte ans.„Darum werden sich Andre in Un- gelegenheitcn stürzen?" höhnte der Rentier. „'ne Gemeinheit ist es," wiederholte der Kaufmann und schlug noch einmal auf den Tisch:„So'» Volk, so'n Voll, das kämpft nun für seine Freiheit und für feine Ehre und— und für— für— ," seine Stimme schnappte über vor Wehmut,„und das läßt man so— so untergehen!" „Ja es ist'ne Schande!" nickte der Seifenfnliriknnt,„das Blut empört sich einem!" rief der Kanfmann ingrimmig.„Freie Männer! Und die werden so gehudelt! Die Schamröte tritt einem ins Gesicht I Freie Männer! Sind wir nicht freie Männer? Alle Freien müssen sich bis in die Seele schämen." „Wenn ich könnte, wie ich wollte, schmiß ich den ganzen Krempel beiseite und ginge zu De Wet." Der Droguist ballte die Fäuste. „Wenn ich keine Braut hätte, wär' ich schon da!" Der Kauf- mann schlug die Hand auf das Herz; selbst der Seifenfabrikant geriet in„schönes Feuer".„Wenn man ihnen nur helfen könnte; ich sag's ja: Gut und Blnt für die Boere», Gut und Blut I" „Gut und Blut! Gut und Blnt!" Der Rentier schrie auch mit. Seine Blinzelaugen funkelten vor Begeisternng. „Legen Sie doch jeder etwas in die Sammelbüchse I" sagte del Wirt, der eben urit einem Stoß Gläser vorüberging.„Geld können die Boeren auch brauchen. Geld erst recht. Kriegsühren kost' Geld!" „Famoser Einfall!" schrie der Schlossenneister.„Legen wir jeder fünf Groschen rein, das macht im ganzen zwee Mark fünfzig." „Dafür kriegt noch kein Boer''ne Flinte," sagte der Rentier; es klang merklich kühler. „Und fünf Groschen brauchte» es ja auch nicht gleich zu sein," meinte der Droguist cttvas von oben herab. Es kam ihm zur Erinnerung, daß der Schlossermeistcr eigentlich doch nur ein Hand- werter sei.„Fünf Groschen I Ich bitte Sie, wenn joder zivei Groschen reinlegen würde, icki meine jeder, der solche Büchse ficht, da käme schon was zusammen." „Ach und wenn jeder'n Groschen gicbt I" meinte der Kauf« mann,„das machte ja schon'n Vermögen!" „Legen wir jeder'» Groschen hinein." „Wo bleibt eigentlich das Geld?" fragte statt aller Autwort der Seifenfabrikant. Die andern sahen sich an. „Na ich denke, der Verein schickt es den Boeren?" sagte der Schlossermeister etwas kleinlaut. Der Droguist lachte ironisch:„Die Boeren, na ja, die Boeren wer sind'n die Boeren? IS'ne unsichere Adresse." „Und wenn sie es dreist bekommen, helfen kann eS ihnen doch nicht," meinte der Rentier,„is ja doch eine verlorne Sache. Dafür gcb' ich kein Geld. Nee!" „Ja,'ne verlorne Sache is es. Leider!" Der Kaufmann seufzte. „'ne ganz verlorne Sache," nickte wehmütig der Droguist. Es entstand eine kleine Panse. Jeder sah vor sich hin. Dann auf einmal stand der Seifenfabrikant auf, schlug an sein Glas und sprach:„Meine Herreu, ich bitte um Silentium. Meine Herren, die Boere» liegen uns am Herzen, das ist richtig. Da wir ihnen aber doch nicht helfen können, lassen Sie uns lvenigstens aus das Wohlergehen De Weis Eins trinken!"— — Bluinenktiltur an der Niviera. Dem„Garten Europas' lvidmet W. Hörstel-San Rcmo in der Dczembernummer von„Vel- Hägen und Klasing« Monatsheften" eine eingehende Betrachtung, der wir einige Einzelheiten entnehmen: Während die Grundstücke (Felder) eine mehr als zweijährige Nelken- oder Rosenkultur nicht gut ertrage», Iverden sie der lieblichen gefüllten Veilchen nicht so schnell überdrüssig. Man braucht dieselben nur alle fünf Jahre etwa zu verpflanzen, ja, es giebt Gärten, die 16 Jahre hinter- einander die reichste Veilchenernte lieferten. Wer im Winter von Genua nach San Nemo fährt, dem sende» etwa eine Viertelstunde vor seinem Reiseziel bei Riva Ligure und Taggia die Veilchenfelder ihre duftigen Grüße in das geöffnete Coupöfenster hinein. Am üppigsten blühen die Veilchen im Februar und März. Da sind die Blätter wegen der Fülle der Blüten kaum zu sehen. Die höchsten Veilchen- preise, deren man sich in Taggia erinnert, betrugen 20— 24 M. für das Kilogramm, und zwar war das vor etlva 20 Jahren zu Weih- nachten; die niedrigen Preise waren 0,80— 1,20 M. In der Morgen- frühe werden die Blüten geschnitten, aber niemals im nassen Zu- stände verschickt. Ist der Tausall stark gcivese» oder hat eS ge- regnet, so müssen die feuchten Blumen vor der Verpackung getrocknet iverden. Die Nelken hängt man zu diesem Zwecke mit den Stielen an horizontal ausgespannte Fäden und beschleunigt ihr Trocknen durch Fächeln mit Palmblättern. Den Rosen entzieht man auch wohl die Feuchtigkeit in der Weise, daß man sie schichtenweise auf Seiden- papier legt' und im Notfall mit dem Palmfächer nachhilft. Deutsche Gärtner haben wesentlich zur Hebung der Blumenzucht an der Riviera beigetragen. Es ist dort wohl kein bekannterer Ort. wo nicht deutsche Haudelsgürtner ansässig wären. Außer Rosen, Veilchen und Nelken gelangen besonders Orangcnblüten. Margneriteii(Maßlieben), Levkopen, Narzissen, Ranunkeln, Freesieu, Anemonen. Reseda, Mimose» und Tuberosen zur Versendung. Man verschickt die Blumenschachteln als Muster ohne Wert bis zum Gewichte von 360 Gramm für 1,00— 2,40 M., je nach Inhalt und Jahreszeit, Schachtel und Porto einbegriffen, und zwar nur mit Schnellzügen, wobei dann auf den betreffenden Grenzstationen die Spediteure für die schleunigste Weiterbeförderung Sorge tragen. Der Hauptblumen- markt der' Reviers wird in Nizza abgehalten. Zahlreiche Groß- Händler habe» dort ihren festen Stand, kaufen die Blnine», welche die Züchter ihnen bringen, und vertreiben sie mit beträchtlichem Gewinn. Vor den Festtagen geht es auf den Blnmemnärkten be- sonders lebhaft zu. und der Lärm ist dann kaum geringer als auf den Börsen der Großstädte. Zu Weihnachten und zum Jahres- Wechsel ist die Nachfrage uiigebeucr. Jin großen n»d ganzen ist die Sonne der Preisregnlator. Sendet sie besonders warin« Strahlen hernieder, so öffnen diese viele Tausend Knospen zugleich und de- wirken ein sofortiges Sinken der Preise, oft bis auf,' ja unter de» vierten Teil des bisherigen Standes. Kältere Nächte und trübe Tage dagegen führen eine Preissteigerung herbei. Daß man den Duft der Blumen auch ans Flaschen ziehen kann, ist bekannt. Den LZorrang hat in dieser Beziehung vor Nizza und Cannes das Städtchen Grasse mit 34 Fabriken; hier widmete sich schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts der Florentiner Tombarelli der Parfüm- fabrikation. Die Fabriken in Grasse liefern nur die Nohmatcrialien, aus denen dann die Parfümeure in den Großstädten die bekannten feinen„Boiiquets* durch Mischung herstellen. Für die Nohmatcrialien sollen jährlich vier Millionen Mark nach Grasse gehen. Für die Parfümgclvinnung kommt besonders das Macerationsverfahrcn und die Enfleurage in Betracht: man verbindet die Blinnendüfte mit Fett und entbindet sie dann wieder ans der so entstandenen Poinade mit Hilfe von Alkohol. Den Neilchenextrakt gewinnt man aus den gefüllten Parmaveilchen. Man schneidet die Veilchen in der Morgen- faihe, streut sie in reines 40— 50 Grad C. warmes Fett und erneuert dieses Verfahren so oft, bis das Fett vollständig mit Neilebenduft gesättigt ist. Die Poninde wird dann so lange in Weingeist ge- schüttelt, bis sie den lieblichen Duft ganz und gar an ihn abgegeben hat. Es gehört eine ungeheure Zahl Veilchen dazu, um 1 Kilogramm Extrakt zu gewinne», das mit 28—30 M. bezahlt wird.— Volkskunde. — Storch und Schwalbe i m V o I k s m n n d e. Storch und Schivalbe sind dem Landniann die Propheten für de» Lerlanf des Sommers, für Witterung und Ernte. Besonders bedeutungsvoll hierfür ist der erste Storch, der dem Landmann zn Gesicht kommt: ist sei» Banchgesieder iveiß, so gicbt es ein trockenes Jahr, ist es fahl oder schwärzlich, so kommt ein nasser Sonuner.(Martin Braeß: „Uiifre gefiederten Freunde". Leipzig. Henna»» Seemann Nachfl.) Der Storch ist der Vogel des Donnergottes; er hat Gewalt über Blitz und Feuer; deshalb ist das Hanö, ans dem er sei» Nest er- baut, vor jeglicher Fenersgcfahr geschützt. Jeder uiöchte daher diesen Glücksvogel gern auf seinen» Dache nisten sehen; um ihn» den Nest- bau zu erleichtern, legt man Wagenräder(das Nad ist ein Symbol des Sonnenfeuers) aufs Dach usw. Auch die Gabe der Weissagung besitzt der Storch; durch unruhige Gebärden kündet er Krankheit und Tod. Naht ein Unglück, so verläßt er den Ort, Ivo er nistet.(Bei der Belagerung von Aqiiilcja durch die Hunnen verließen die Störche die Stadt.) Endlich sei noch der Rolle gedacht, die der Storch in der Heilkunde spielt. Der Genuß seines Magens oder seines Hirns schütz» gegen Schlangenbiß und gegen de» Biß toller Hunde. Wer lange zu leben ivünscht,»mß Storchblut trinken. Die Sehnen seiner langen Beine leisten vor- zügliche Dienste als Bandagen bei Verrenkungen und Berstanchnngen und ein Storchenbraten vertreibt„Podagra», ziperlin, lendinwee". Schließlich sei»och darauf hingewiesen, daß die Bezeichnung„Storch- Apotheke" heute noch sehr häufig zn finden ist. Die Schwalbe ist der Liebliiigsvogel fast aller Völker, deren Länder sie bei ihrer. Reise vom Norden zum Süden, und umgekehrt, durchfliegt. Die Schwalbe ist der„Herrgotts-Bogel" im nördlichen Deutschland, der„Vogel der Madonna" im südlichen; der Araber ueuuiit sie„Vogel des Paradieses", der Norditaliener„Mnttergottcs- Vögelei»" usw. Wo die Schivalbe nistet,»vohnt auch das Glück; kehrt sie in» Frühjahr nicht»vieder ins alte Nest zurück, so zieht lln- glück ins Hans ein. Als Wetterprophet spielt die Schwalbe eine sehr große Rolle. Segelt sie hoch in den Lüften, so wird das Wetter schön, flattert sie unmittelbar über dem Boden, so bedeutet das Regen. Schwalbenbraten gilt als bestes Mittel, sein Gedächtnis zn stärken. In Milch aufgeweichte Schwalbennester helfen beim Augen- siaar. Das beste Mittel gegen ein Augenleiden aber ist der Schwalben- stein, nur ist er sehr schwer zu haben— ein Schwalbeupärcheu. das sieben Jahre hintereinander im selben Nest gebrütet, hinterläßt ihn aus Dankbarkeit.— Völkerkunde. — D i e K n s k o k>v i n»- E s k i in o in» s ü d iv c st l i ch c»> Alaska. Während seiner Anfnabmethätigkeit im südivesllichen Alaska im Sommer 1898 ist I. E. S p u r r vielfach mit dem Stamm der Knskokwim-Eskimo in Berührung gekommen, die er in seinem Bericht im„20. Annual Report of thc U. S. Geologieal Survey" (Bd. 7: Alaska, S. 73) näher schildert. Der„Globus" berichtet darüber: Der Stamm wohnt über ein sehr ausgedehntes Gebiet zerstreut, zählt aber heute höchstens nur 2000 Seelen und ist im schnellen Aussterben begriffen, da die Todesfälle die Zahl der Ge- bnrteii weit übersteigen, über die Hälfte der Leute an schiveren chronischen Krankheiic» leidet und Hungersnöte nicht selten sind. Die D»» t s(d. h. das„Volk"),»vie sie sich selber nennen, sind im allgemeinen Nomaden, doch etwas seßhafter als Indianer des Innern, und haben zahlreiche beträcht- liche Dörfer von oft einigen hundert Einwohnern. Jedes bedeutendere Dorf besitzt ein großes, wohlgebautes Hans (ttaschga), in dem die Versammlniigcn, Spiele und Festlichkeiten ab- gehalten werden. Hier schlafen auch geivöhnlich die Männer des Dorfes und fremde Gäste. Es herrscht fast vollkommener Socialismns und Kommnnismlis, da es niemand möglich ist, ivohlhabcnder zn Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid n» Berlin. »verde», als der andre es ist. Dementsprechend find die wichligsten Festlichkeiten(Jgruskies) der Duts nichts andres, als ein Wettstreit im Verschenken: es laden sich zwei Dörfer dazu ein, und dasjenige ist Sieger, das das meiste fortzugeben vermag; es ist stolz darails, und wenn es sich auch völlig arm macht. Eine ähnliche Ceremonie ist der„Potlatsch" bei Begräbnissen,»vobei die Vcrivandten alle ihre Habe den Besuchern schenken. Eigentümlich ist ferner die Vorliebe der Ints für Dampfbäder, für die es überall besonders ge- baute Badehäuser giebt. Die»»eisten Gerätschaften bestehen aus Knochen und Stein, vdch hat»»an die Herstellung von Steinlampen jetzt aufgegeben und auch die Erinnerung an die Herkunft der noch vorhandenen vergesse»: so glaubt man, daß diese Steine von Geistern gebracht oder durch Wasser allsgehöhlt worden seien. Einige rohe Anfänge der Töpferei sind vorhanden; sie erstreckt sich be- sonders auf die Herstellung der heutige» Lampen. Eine Vor- stellung von einem höchsten Wesen existiert nach Aussage der unter den Ynts mit geringem Erfolge tvirkendei» Mährischen Brüder nicht, dagegen herrscht allgemeiner Glaube an Geister, Teufel, Heinzelmännchen und Feen, die hauptsächlich als Schützer von Tieren gedacht werden. Man glaubt, daß ein besonderer Schntzgeist über jeder Tierart wacht, so über den Fischen, Bären und Wölfen, und daß diese Geister sehr mächtig und geneigt sind, denjenigen Menschen zn helfen, die sich mit ihnen auf guten Fuß stellen. Die daraus entspringenden Gewohn- hciten sind nicht leicht zn erklären; der Kopf deS Bären»vird z. B. niemals von der Jagd nach Hanse gebracht, sonder» niit der Nase nach Osten begraben, und es wäre eine Beleidigung deS Bärenschutz- geistes, die Knochen des Tieres mit der. Säge zu zerkleinern. Achn- sicher Gebräuche, die von» Jäger und Fischer beachtet»verde» müssen, giebt es sehr viele, und ein Verstoß dagegen»viirde ihm. wie man glaubt, viel llnannehmlichkeiten eintragen. Wenn bespiclswcise der Fischgeist irgendwie beleidigt würde, so würde er nicht gestatten, daß der Betreffende oder selbst ein anderer ans dem Doric die Fische fängt. Der Glaube an persönliche Geister ist nicht so scharf ausge- bildet, außer daß auch die Unts an der bekannten Vorstellung fest- halten, daß Wahnsinnige von Teufel» besessen sind, und daß sie unter wlinderlichen Ccreinoiiien die bösen Geister ans solche» Leuten aus- zutreiben versuchen. Die Schamanen der Duts stehen im Bunde mit diese» Geistern. Nebrigens glauben die Eskimo an der Südknste von Alaska und am Prince-Willianisnnd, die von de» Dnts vcr- schieden sind, daß ibr Geist nach ihren» Tode in Tierpörpcn», bc- sonders große Walfische, hineinfährt, und wenn sie ein Rudel dieser Tiere sehen, so sannncln sie sich am Ufer, rnfen ihr Begrnßungs- wort„Tichnnimai" und werfen Nahrungsmittel ins Wasser als Gabe für die Geister ihrer Vorfahre».— Biologisches. — Die Beuteltiere wurden bekanntlich sonst für uralte Charaktcrtiere Australiens gehalten, die ans der Kreidezeit stamnie» und beweise» sollten, daß Änstralieu seit jenen fernen Zeiten von der übrige» Welt abgeschlossen gewesen sei, da es keine höhere» Säuge- tiere(mit Ausnahme von Fledertieren und des wohl von» Menschen eingeführten Dingo) aufwies. Diesen Ansichten tritt B. A. Bensley im„American Naturalist" entgegen, indem er ausführt, daß die Beuteltiere elst in der Mitte der Tertiärzeit in Australien ein- gewandert seien, und daß ihre Ahnen wahrscheinlich den anicrikaui- scheu Beutelralten(Opossums) verwandte Tiere gcivesen seien. Diese nocki heute die ursprünglichen Züge der Ordnung darbietenden Bentier seien dainals Banmtiere gewesen, seien aber, da sie in Australien ein von höheren Säugern freies Gebiet antraten, durch Eroberung aller Nährstcllen einer rapiden, vowohl etwas kurzlebigen Entwicklung— so fern die Formen meist keine lange Dauer hatten — anheini gefallen. Die Kürze dieser Entivicklmigszeil bilde einen der Faktoren, die sich in der primitiven Stufe, selbst der speciali- siertc sten Beutler, ausprägen. In der Fvubildimg der anfangs drci- höckrigci»(tritilbe» knlaren) Backzähne zu Mahlzähnen findet BenSlcy einen eigentümlichen Pnrallclismns zwischen Bentlcrn und höheren Säugern. Nehme mau an. daß opossumähnlicke Beutelralten die Ahnen der aitstralischei» Beutlcrhcrrlichkeit seien, so könne»na» Lydekkcrs Hypothese beistimmen, wonach sie von Asien über Nen-Guinea»ach Australicu gekommen seien, doch läßt sich diese Frage vorläufig nicht entscheiden, da es auch Anzeichen für südliche Einwanderung(über Südamerika) gicbt.—(„Prometheus".) Humoristisches. — In Verlegenheit. Oberkellner(in einem lieber- brettl-Reftaurant):„Bin ich nuu ein Ober-Ueberkellner oder ein Ueber-Oberkellner? I— — Merk>v ü r d i g e Z e i t b e g r i f f e. Mutter:„Das sag' ich Dir schon, Emil, die Freundschast»nit dem Rechtsrats-Willi niiiß ein Ende haben; alle halbe Stund' kommt er, bleibt dann innner eine ganze Ewigkeit, und in» nächsten Mo m e n t ist er s ch o n wieder da!"— — I ii» Eise r. Kunde:„Verdeckt die Hose aiich meine O-Beine?" S ch neider(eifrig):„Mehr als das l Sie sehen ans, als wenn Sie.P-Beine hätten!"— _(„Flieg. Vl") Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.