3:r. 241. Mittwoch, den 11. Dezember. 1901 (Nachdruck verboten.! 4] Sein Fecund. Erzählung von Wilhelm S e n f t l e b e n. ©eil dem Abend, an dem sich Heinrich eine Plötzliche Bertranlichkcit gegen Lene erlaubt, hatte sichj diese reserviert gegen ihn Verhalten. Ihrem Manne hatte sie freilich nichts davon erzählt. Wozu auch? Sollte sie ihn prürrisch und mißgestimmt machen? Denn das könnte er werden, wenn er auch sonst schwer zu erregen, dachte sie sich. Und fvas konnte dann weiter werden? Lene empfand jetzt ganz wohl, wie die kleine Mehreinnahme durch das Vermieten der Kammer den Wohlstand im Haushalt doch etwas gefördert hatte. Uebrigens, war die Zärtlichkeit von der andren Seite denn vielleicht gar so ernst gemeint? Lene bemühte sich, leichter darüber zu denken. Sie be- wahrte ja ferner ihre ernstere Haltung gegenüber Heinrich, doch sah sie ihn schon wieder mit freieren Augen an. Sie vermutete auch eine tiefere Freundschaft zwischen diesem und ihrem Mann, die es nicht zu weiteren Annäherungen kommen lassen würde. Heinrich räkelte sich jetzt. Er stand auf, ging ein paar- mal das Zimmer mif und ab— das that er ganz wie Alt- Mann; die Freundschaft mit jenem schien ihm zu gestatten, sich hier wie ein zweiter Hausherr zu bewegen. Lene sah von der Seite ans ihn hin. Sie merkte wohl, daß er ihr etwas zu sagen hatte, denn auch er warf hin und wieder einen raschen Blick auf sie. Nun, lange brauchte sie auch nicht darauf zu warten, Heinrich war ein Mensch von raschen Ent- schlüssen. ..Frau Altmanu!" Er blieb vor ihr stehen und dampfte, daß der Rauch ihr ordentlich in die Kehle drang und sie zum Husten reizte. „Nun... und... haben Sie ein Anliegen?" „Ja", platzte er nach kurzer, überlegender Pause heraus. „Unt'S rnud heraus zu sagen; ich kann heilt' nicht das ganze Kostgeld abladen." Darüber erschrak Frau Leue doch. Das hätte sie am wenigsten erwartet. Seit Heinrich bei ihnen eingezogen, war er ein solider Mensch gewesen. Er schien die kurzen, üblen Be- merkungen, die Altmanu flüchtig zu seiner Frau geäußert, Lügen strafen zu wollen. Und, daß sie's nur gestand, sie hatte an ihm einen rechten Gefallen gehabt. Wenn sie auch den Eindruck, den er als Mann, als hübscher, redseliger Bursche, der er war, von sich tapser abwehrte, so spürte sie doch manchmal ein eigentümlich beklemmendes Gefühl in seiner Nähe. Saß er in kleinem Familienkreis ihr so recht nah, und seine Blicke brannten auf sie hernieder, bei Erzählung einer seiner vielen Herzensgeschichten, so war sie in einem Bann, dem sie sich aus Augenblicke hingab, der sich aber löste. sobald sie mit ihrem Mann erst wieder allein war. Dessen Gutmütigkeit rührte sie, und sie sagte sich ini stillen nur: einen Vorwurf brauchst Du Dir wegen Deiner Sympathie für Heinrich nicht zu machen;'s ist ein Mann, der alle Wochen sein Geld pünktlich entrichtet, der sich in respektierlichen Grenzen hält— also einer von denen, die Achtung verdienen. Als jener Abend kam, wo er sich eine Freiheit herausnahm, da flog ihr wohl auch ein andrer Gedanke durch's Hirn, aber sie hätte ihm dies eine Mal sein arges Thun verziehen; es war doch wohl nur eine übermütige Laune von ihm gewesen, die sollte nicht wieder vor- kommen. DaL heutige Anliegen Heinrichs rührte andre Gedanken in Leue auf. Sollte er Plötzlich auf ciue schiefe Bahn gleiten, fragte sie sich. Was hat er vor? Er hat doch sein Geld so gut verdient, wie mein Mann, in dieser Woche und in allen andern i und Altmanu, das wußte sie, würde seine Pflicht gegenüber dem Hausstand vor allen Dingen erfüllen. Dem ging die Pflicht übers Vergnügen. Heinrich war dazu trotz aller Freundschaft ihnen doch kein so Nahstehender, um solches Entgegenkommen verlangen zu können. Die Gedanken der Hausfrau, die nichts aus dem Gleich- gewicht kommen lassen null, regten sich in Lene. In dieses Sinnen vertieft, stand sie eine ganze Weile stumm, und Heinrich wußte nicht recht, wa? er aus dem stillen Weibe machen sollte. Doch bald war er wieder couragiert. Mit vielem Eifer und etwas mitleiderregendem Ton fing er plötzlich an, auf Lene einzureden: Wie er gegen einige Kollegen verschiedenerlei Verpflichtungen gehabt, wie er sich etwas Wäsche anschaffen wolle und dergleichen mehr. Er wußte zum Schluß wohl selbst nicht mehr, wo's ihm überall während seiner Rede gezwickt und gezwackt; nur das wußte er. es hatte gewirkt, denn Lene sagte: „Na, wenn's denn nich anders is, so wollen wir's dieS- mal ansteh'n lassen." Heinrich war nämlich zum Schluß noch kühner geworden: er wollte heute gar nichts bezahlen. Jetzt faßte er vergeblich nach LeneS Hand; sie glaubte keine Veranlassung zu haben, sie ihm zu reichen. „Aber.. Altmann nichts sagen! Nein?" Lene schüttelte den Kopf. Das wär' ihr auch so recht, ihrem Mann mit jeder Sache zu konnnen und ihm unnötige Gedanken zu niachen! Als Heinrich weg war, fiels ihr doch schlver aufS Herz. Das war nun schon die zweite Heimlichkeit, die sie vor ihrem Mann in betreff Heinrichs hatte. Wars wohl gut so? Nun, daß sie nichts von der zärtlichen Annäherung verraten, war gewiß gut, sagte sie sich. Vielleicht hätte es ihrem Mann doch unnötige Kopfschmerzen verursacht. Aber in dieser Sache, das war eine Geldfrage! Ach, sie hatte nnn einmal ihr Wort gegeben und vor der nächsten Woche brauchte sie ja das Geld nicht. Lene war aber an diesem Abend ganz ärgerlich über sich. llnd diese Nacht geschah es, daß Heinrich zum erstenmal nicht nach Hanse kann Als er am nächsten Vormittag ins Zimmer stolperte, ging Lene hinaus, sie wollte das nicht mit ansehen. Es ging ihr durch den Kopf: Deswegen also?— Altmanu brachte den Müden ins Bett. Einige Wochen sind vergangen und an den Tag, an dem Heinrich„so schwer" war, denkt Lene schon wieder ruhiger zurück. Hatte er doch angefangen, seine Schulden zu be» gleichen und ihr bereits die Hälfte des Geldes bezahlt. Ja, seltsam, Lene dachte gar manchmal, daß Heinrich sich über irgend etwas bei ihr geärgert haben könnte und deshalb die böse Nacht gekommen sei, denn ihr Mann hatte ihn doch nicht gekränkt. Andere, schwerere Sorgen hatten sich eingestellt. Eines Abends kam Altmanu nach Hause und sagte zu Lene:„Wenn sie morgen nicht bewilligen, dann lassen wir die Arbeit liegen." Er zwang sich, so ruhig zu sprechen, wie immer, und es glückte ihm auch. Nur seine Augen sahen, etlvas verschleiert, wie gebannt ins Leere, als wollten sie erforschen, was dann kommen würde. „Was nicht bewilligen?" Lene srug es nach geraumer Weile.. Da sah sie Altmann gros; au und erwiderte:„Nu. worüber wir schon gesprochen haben— Du weißt doch.." AlS Lene still blieb und ebenso still das Essen auftrug, ohne wie sonst die Dürftigkeit des Essens zu entschuldigen, oder auch mit vielversprechendem, appetiterregendem Lächeln zu sagen:„Heute giebt's aber'mal'was Feines!" Da wandte sich Altmanu ärgerlich ab. Er ging ans Fenster, klopfte mit der Faust aufs Fensterbrett, trat dann an den Tisch heran, um sich vor seinen Suppennapf zu setzen, kehrte aber wieder um und ging mit seinem langen, schweren Schritt ein paar Mal die Stube auf und ab. Das war Lene an ihrem Mann nicht gewohnt. Sie ängstigte sich zwar nicht, da seine Gutmütigkeit erregte Scenen ausschloß, aber beklommen wurde es ihr doch zu Mut, und so sagte sie: „Aber, Mann, was hast Du denn? Wegen dieser Sache, da laß'- doch's Essen nicht kalt werden!" Und als Altmann noch zögerte, fuhr sie fort:„Setz Dich und iß!" Altmanu setzte sich nun auch, und es schmeckte ihm. Lene sah es mit Zufriedenheit. Nach harter Arbeit ist der Hunger eben das stärkste Gefühl. Als Altmann auch die legten Reste von den Tellern heruntergekratzt, lächelte Lcne ihn mit ihrem lieben, still- vergnügten Gesicht an:„Das hat wohl geschmeckt?" Solches Gesicht sah Altmann gern. Es wurde ihni wieder warm ums Herz. Mit feiner arbeitsgroben Hand tätschelte der junge Eheiuanu nach seinem Frauchen hinüber. Das sah Lene als ein gutes Zeichen für ein vernünftiges Wort an, das sie glaubte, in folgendem auszusprechen: „Sieh' mal, mein Schatz, wegen solcher Sache, wegen solch' ein paar Pfennigen— da mein' ich wirst Du mir doch recht geben?"— und sie sah ihren Manu dabei fragend an —„da lohnt's sich doch wirklich nich, auszuhören._." Altmann überwand diesmal seinen Acrger und faßte, seine Frau zu überzeugen, die Sache besser an. Er sprach von den stets höher werdenden Mieten, er hielt ihr vor, wie sie sich doch selbst darüber beklagte, daß beini Kaufniann, beim Grünkramhändler, ja überall alles stets teurer würde und darum wär's gerechtfertigt. Ja, es war' eine Pflicht, ihm, seiner Familie und den andren Arbeitern gegenüber, die teilweise doch so viel Kinder hätten, daß die Frau wegen der Masse Jähren gar nichts mitverdicnen könnte. Lene machte einen Einwand. Da wurde Altmann wieder ärgerlich. Schon daß er sich nicht so ausdrücken konnte, wie's ihm ums Herz war, daß er stockte, zögerte, ärgerte ihn ge- waltig. Und nun wiederunr das Dreinsprcchcn von seiner Frau. War die denn gar nicht zu belehren? „Du bist'ne dumme Gans!" platzte er herarrs. Da machte Lene ein furchtbar böses Gesicht und ging hinaus. „Weibsvolk I" brummte Altmann und schlug auf den Tisch, daß die Teller klapperten.„Gleich is se tücksch!" Er war es auch. An diesem Abend erklang nur noch Ernas Stinime in dem kleinen Zimmer laut und lebhaft wie sonst. Aber da auf ihre Fragen nur kurze Antworten erfolgten, wurde auch sie bald still. Die Zeit zum Schlafengehen war herangerückt, als die Hausthür aufgestoßen wurde. „Ah, da kommt Heinrich noch!" sagte Altmann vor sich hin. Er zog sich seine schon heruntergcstreisten Hosen wieder an. Lene, die noch angekleidet war, dachte sich: Na, was hat er denn mit dem noch zu besprechen? Laut sagte sie:„Der kommt ja heut so spät." Altmann wunderte sich, daß seine Frau wieder'was sagte. Ehe er jedoch antworten konnte, trat Heinrich schon herein. Um nach seiner Kammer zu gelangen, niußte Heinrich stets durch das Schlaf- und Wohnzimmer der Altmannschen Eheleute gehen. Da Lcne dies genierte, hatte sie sich einen bunten Kattunvorhang vor ihr Bett gezogen. „Na, der hat ja einen unter der Krone l" flüsterte sie, als sie Heinrich in vollem Sturm hercintreten sah. „WaS sagt'r denn nu dazu? I" sprach dieser und dabei reckte sich seine hohe Gestalt noch höher, sodaß der Hut au die niedrige Decke stieß. Und nun wurde es in dem bis jetzt so ruhigen Zimmer laut. Das wetterte gegen die widerspenstigen Köpfe der Meister, die alles nur in ihren großen Sack stillen möchten, und schimpfte auf die beschränkten Schädel der Kollegen, die gar nicht recht wüßten, was los und was zu thun sei. „Na, ich denke doch, wir werden alle an einem Strick zieh'n l" warf Altmann mit einem etwas mißtrauischen Blick auf Heinrich ein. Ihm konnte dos Gewetter und Geschinrpfe nicht behagen, er hätte lieber ruhig mit ihm ein paar Worte über die ernste Sache gesprochen. „Auf mich kannst Tu Dich verlassen— ich bin sicher! Und wenn ich noch welche aus dem Dreck mit'rauszichen soll!" Heinrichs Stimme klang hierbei gar überzeugend und pathetisch. Er erfaßte Lenes Hand und zog sie ein paar Schritt die Stube hin, als wenn er s i e aus etwas herausziehen sollte. Dann begaim er seiner Siegeszuversicht in langer Rede Ausdruck zu geben. Nur ein paar Tage könnte es dauern, dann wäre alles erreicht. Das klang Lenes Ohren hoffnungs- voll. Und wenn ihr auch Heinrich heute nicht besonders imponierte, so wußte er, indem er ganz geschickt nur die günstigen Momente hervorhob, doch besänftigender auf sie einzuwirken, als ihr Mann mit seiner ernsten Auffassung von der ganzen Sache. Und als Heinrich nach seiner Kammer hinübergegangen und Lene allein war mit ihrem Manne, zog sie ihn in ihre Arme und gab ihrer nengewonneuen Ueberzeugnng in den Worten Ausdruck:„Es wird ja nich so schlimm werden.—" Das, worüber diesen Abend in der Altniannscheu Woh- nung gesprochen worden, war andern Tags eine Thatsache. Die am Straßenbau beschäftigten Arbeiter ließen von Mittag ab die fleißigen Hände ruhen. Verhandlungen am Vormittag mit den Arbeitgebern hatten sich zerschlagen. Schroffe Zurückweisung hatte eine Gärung unter den Arbeitern hervorgerufen, die zur sofortigen Einstellung ihrer Thätigkeit führte. Und alle handelten sie in voller Einmütigkeit. Das gab der Sache, die sie vertraten, einen großen Zug. Die Bc- rechtigimg dessen, was sie von ihren Wünschen in engbegrenzte Forderutigen festgelegt, markierte sich dadurch auch de» Fern- stehenden. Altmann war von der Arbeitsstätte gleich nach Hanse ge- gangen. Seiner Frau war dies ja kein plötzliches Erscheinen, doch geriet sie immerhiu ein wenig in Ausregnng, die sich aber bald wieder legte. Die Versicherung Altmanns, daß sie alle eins in ihrer Ansicht seien, alle einundzwanzig Manu, die bei der dortigen Arbeitbeschäftigtgewesen, undjedenfalls auch dieKollcgen an den anderen Stellen, beruhigte sie. Wo viele fiir etwas einstehen, muß cS doch auch erreicht iverden, sagte sich selbst ihr zaghafter Sinn. Altmann schnitt sich ein Stück Brot ab und kante daran. Er hatte aber keinen Appetit. Seinen guten Rock zog er sich an und sagte zu Lene: „Heut komm' ich wohl etwas spät nach Hanse. Ich muß zur Versammlung." Lcne wunderte sich, daß ihr Mann so gar nicht besorgt aussah. Das ernste Gesicht schien ihr. wenn auch keine heitere, doch eine mehr wichtige Miene aufgesteckt zu haben. Jedenfalls erschien ihm das ganze Vorkomnuns als ein außer- ordentliches, aber kein außerordentlich schlinuues. (Fortsetz, mg folgt.) Gvnbbe. (Zu seine», huudrrtste» Geburtstag: 11. Dezember 1901.) In Detmold als der Sohn eines ZuchthanßverivalterS lunrde Chriflinn Dietrich Grabbe geboren.„Meine Wiege." so erzählt der unglückliche Dichler.„stimd im Znchthanse des OrtS, und zwar in Zimmern, über und„eben denen sich die Zellen der Verbrecher er- streckten, und in welche man erst gelangte, weun man an Swild- wachen und mit eisernen Stangen verriegelten Thören vorbeigegangen war. Da icki ein schwächlicher Knabe ivar. so lieg man mir i» allem den freieste» Wille». So bildete sich in mir ein Ileberschuß von bunten Launen, bizarre» Einfällen, Plötz- lichste» Sprüngen ans den, Himdrnjten ins Tansendsle, denen der freieste Spielraum geboten war. Die fröhliche Kiudenvclt schaute ich in dem einsamen Hanse mir von fern". Auch die Jugendjahre standen unter keine», freundlichere» Stern. Die dummdreiste Ueberhebnng, der der Zuchtnieistersohn dränge» io oft begegnete, ließen Haß, Zorn und Mißtrauen früh in seiner Seele sich festsetzen. Sein Wesen schwankte zwischen Schüchternheit lind einer wunderliche» Großmannssucht. Müwiig regte sich, von außen her noch durch de» damals herrschenden romantischen Zeitgeschmack degülistigt, der eingeboiene Phrnitasirtrieb. Er lebte ein heimliches Leben in einer frcniden Zanbcrwelt. TaS Seltsame, Abenteuerliche, das Zertisscne und Ironische, ebenso wie das Große und Pathetische wirkte auf die unendlich sensible Knabenscete mit gleicher Magie. Den Heide» mid Originalen, von denen er las, so erzählt er, habe er es als Schüler schon gleichthnn wollen. So sei er der Reihe nach ein Hamlet, ein Falstaff, ein Faust. ei» Don Juan(in der Einbildung) gewesen. Hier i» der Welt der Träume war ieine Laune unumschränkter Herr, vier konnte er, Ivos er in, Augenblick aufgebaut, im Augenblick stürzen, i,ud mit Windcsflügeln alle gewaltsamste» Extreme»nb Kontraste durcheilen. Und das Bedürfnis nach einen, solchen spriing» hast schnellen Wechsel stärkster Emotionen lag tief in seiner Natur begründet. Diese flackernde Unnihe, die ihm das äußere Leben mit seiner festgesügten Ordnung, mit der eintönigen Reihe kleiner und kleinster Forderungen doppelt unerträglich erscheinen lassen mutzte, ist weder der Mann, noch der Dichter später los geworden. Die Flamme seiner Dichtung war ein Wiederichci» des� wilde» Feuers, das in seinem Herze» verheerend brannte. Jede Schranke dünkte ihm unerträgliche Vergewaltigung. So wnrde er, nach deS befreundete» Jmineriiiaiuis treffendem Wort,„der seltsamste, bizarrste, launenhafteste, kühnste Dichter, den die deutsche Litteratnr ailfzu« weisen hat. Sein Geist ist riesenhaft, aber ihm fehlt daS Maß. Er erscheint wie ei» Gigant, der den Himmel stürmen will, aber er geht darüber zu Grunde. Er hat die Kraft, aber ihn, fehlt die Einsicht. Alles wird bei ihn, Ueberfülle. Soll ein leiser Reger» träufeln, so wird eS ein ttlierfrtmuiueudes Siunnwettcr. Denkt er em Säuseln zu erregen, so tritt ein Orkan ein." Die Neigung zu alkoholischen Exeessen, die gleichfalls schon in de» Schuljahren verhängnisvoll hervortrat und seine ohnehin schwache Gesundheit vor der Zeit völlig untergrub, wird, wie sie jenen im- ruhige» phantastischen Hang und die bizarre Laune immer mehr verstärkte, zu einem guten Teil in eben diesen Zügen der Grabbescheu Natur ihren Grund gehabt habe». Der Becher war ei» Mittel, dem schleppende» Gange der nüchternen Allläglicbkeit zu entfliehen. ein Schlüssel zu neuen Emotionen, wenn die Phantasie in ihrem Spiel erlahmte. Sein Witz, durch diese Reize angestachelt, entlud sich in grotesken Einfällen und beißenden Sarkasmen. Aber der flüchtigen Belebung folgte schon auf der llniversilät dann regelmäßig um fo tiefere Niedergeschlagenheit.„In meiner Seele," so schildert er sich selbst,«ivar alles zerrissen, sprunghaft,»»beständig. Ich fühlte mich stetZ aufgeregt, oft um den Himmel zu stürmen, oft um i» das Nichts zu versinken. Mein abgespannter Körper konnte nur durch neue Genüsse zu neuen Schwingungen gereizt werden." Gleich daS Erstlingswerk, das Trauerspiel„Der Herzog von Gothland", noch ans dem Detmolder Gymnasinm begonnen und i» dem Treiben der Berliner Studienzeit z» Ende geführt, zeigt jene eigentümliche Mischung des Grandiose» und Frauenhaften, die für die Grabbesche Phantasie so charakteristisch ericheint. Es ist ein tvildes bluttriefendes Stück, welches daS elementarische Wüten einer blinden Rachsucht zum Gegenstande hat, kühn, aber formlos und aller drn- malischen Regeln spottend. Ein Hymnus ans die regellose Kraft und zugleich ein empörter Ansschrei de? Wellekels:„Der Mensch trägt ptdler in dem Haupte, und stecht Mit seinen Füßen tief im Kot. Wer Ivar so toll, daß er ihn schns? Wer würfelte ans Eselsohren und aus Löwenzähnen ihn zusammen? Was ist toller als das Leben? Was ist toller als die Welt? AQiuächt'ger Wahnsinn ist's, der sie er- schaffen hat____ Wahnsinn? Nein! So gräßlich iväre Watmsinn nicht.. Die Sprache strotzt von großartigen Bildern aber auch von leeren, sim überschreienden Hyperbeln, so daß der Eindruck des Erhabenen hier und dort nnwillliirlich ins Kvmiiche umschlägt. Ans jener Zeit stammt auch ein„Lustspiel", das einzige, das wir von Grabbe besitzen. Es nennt sich, schon im Titel seltsam:„Scherz, Satire. Ironie und liefere Bedenlnng". Das Werkchen, jo dnrchanS eö der eigensten Natur GrabbeS entspricht, ist unverkennbar zugleich auch unter dem anregenden Einfluß jener romantischen Theorie entstanden, nach welcher der Port seine souveräne Freiheil dem Stoffe gegenüber darin z» offenbaren habe, daß er nnl den eigenen Erzeugnissen seiner Phantasie ironisch spiele und die Jllnsionen, die er geschaffen, selbst immer wieder auflöse. Das ivar eine Freiheit, ganz nach dem Sinne GrabbeS, da konnte er seiner springenden Lanne völlig frei die Zügel schießen lassen. Seine Komödie ist das ivnnderlichste, mutwillig alles von»nie» nach oben»inkehrende Phantasiespiel— eine Persiflage ans Schulmeister, Natnrivisseiijchasller, ans daS Genielreiben, ans die Liebe, ans den Teufel, ans die Wassersuppen der damaligen Litteratnr und schließlich ans den Dichter selbst. Ter Teufel, den seine Großiiintter bei einem großen Reinemachen in der Hölle ruf die Erde heranfgeschiekt hat, wird hier halb er- froren von ein paar Natnrforschern anfgeftinden, giebt sich als Kanonikus ans, fädelt boshafte Jntrigne» bei einer Liebesaffaire ein, wird von einem vernnkte» Sa ii nieisler eingefangen n»d endlich ans Ji.terventivn seiner besorgten Großmutter in Freiheit gesetzt. Jeder Z» sainmenhang. der sich a»z»l»üpsen scheint, wird sofort wie de r abgerissen. Das Ganze stellt sich als eine bnnie, loie an- einande, gefädelte Sirihe burlesker Einfälle dar, die aber in eben dieser soiiniosen Ungebmideuheit das lebhafteste Bild von der Eigen- an des Grabbeschen Witzes geben, wie er ivildjprndelnd, höhnisch, nichts verschonend. im Kreise der Zechgesellen sich zn entfalten pflegte. Die Komödie ivirkt wie eine halb geniale. halb verschrobene Jinpiovisation, der es vor allem nin ein Berblüffeii philisterhaft verständiger Znhörerseelen zn thnn ist. Hier nur eine Stilprobe. Zum Schlnsie, als nach Berabschiednng deS Teufels, ein mächtiges Gelage anheben soll, sieht der Schulmeister durchs Fenster und nieldet den Dichter in höchst- eigner Person:„O, so schlage der Henker darein. Kommt mir der Kerl noch so spät in der Nacht durch den Wald, um uns den Punsch ailssaufen zu helfen! Das ist der vermaledeite Grabbe, oder, wie man ihn eigentlich nennen sollte, die zwergigte Krabbe, der Verfasser dieses Stucks. Er ist jo dninm wie ein Kuhfuß, schimpft ans alle Schriftsteller und taugt selber nichts, hat verrenkte Beine, schielende Augen und ein fades Affengesicht..." Von dem Komödienscherz wandte er sich dann unmittelbar wieder dem großzügigen Tranerspiel, als seinem eigentlichen Element, zn. Der Gegensatz der Charaktere und der Kampf von Sulla und Marius lockte ihn zn dramatischer Gestaltnng. Das kühn gedachte Werk ist leider ein Torso geblieben. Natürlich zog ihn die trockene Jurisprudenz die er studieren sollte, herzlich ivenig an. Er dachte Schauspieler zn tverden oder eine dramaturgische Stellung— etwa bei Tieck in Dresden— zu er- halten; Pläne, die sich aber schnell zerschlngen. Schließlich ging er in seine Vaterstadt zurück, absolvierte dort die Priifniigen und erhielt in dem kleinen Nesideuzstädlcheii das Amt eines Äuditenrs. Und um das Elend voll zu machen, verliebte er sich in die Tochter eines alten Freundes und wußte die Heirat, allen Eimvendungen zum Trotz, durchzusetzen. Die Ehe war, wie es bei GrabbeS Temperament und seinen.Lebens- gewohuheiten nicht anders sein koinite, äußerst nuglückkich. Seine Amtsführung— was sollte eine Natur wie Grabbe in dem engen militärischen Käfig?— ließ selbstverständlich auch zn tvünschen übrig. Die pnrodistische Laune, mit der er. ganz im Stil seiner Komödie, den hohen Amtsgeschäften, oft bei einem Glase Rmn und in wunder- lichstem Kostüm, oblag, konnte ihn nach oben hin nur ivenig enipfehlen. Schließlich, durch Tadel gereizt, erbat und erhielt er seinen Abschied. Er trennte sich nunmehr von seiner Frau und verließ Detmold. Immer- mann, der berühmte Schriftsteller und Leiter des Düsseldorfer Theaters, lud ihn ein und nahm sich in der ersten Zeit sehr tvarm des kranken, mit aller Welt zerfallenen ManneS an. Bald traten auch hier, da Jinmermann den Ton der Grabbeschen Schauspiel- kritiken übel vermerkte, Zerwürfnisse ein. Ein Freund schickte den» Mittellosen Reisegeld, um nach Detmold zurückzukehren. GrabbeS Leiden hatte sich zn unheilbarer Rückeumarksschwindsucht ausgebildet. Er wußte. daß der Tod seinem elenden Leben, das er so oft freiwillig hatte von sich werfen wollen, nunmehr bald ein Ende bereiten würde. Ans Drängen von Frennden nahm den Gebrochenen die Frau auf; aber herzlos ließ sie bis zur letzten Stunde ihn den Groll, mit dem sie seiner gedachte, fühlen. Schreckliche Scenen zwischen ihr und GrabbeS alter Mutter, die den Sohn noch einmal iehen wollte, spielten sich dicht vor dem Sterbebette ab. So schied Grabbe von der Welt; am 17. September 1833 hatte er ansgernngen. Fnnfnnddreißig Lebensjahre— mehr hat das Schicksal der Eni- wicklnng dieses wnnderbareii. rastlose» Geistes nicht gegönnt. In der Zeit seines Detmolder Ansenthalts entstanden in rascher Reihenfolge zwei Hohenstaufen-Dramen und dann seine beiden berühmtesten Werke:„Don Juan und Faust" und „Napoleon oder die hundert Tage." Sein letztes, schon im Angesicht deS nahen Todes geschrieben, war„Hannibal" und„Die Hermannschlacht". Allen gemeinsam ist der Zug ins Große und Weite, aber auch das Formlos-Zerfließeiide in dem Ausbau der Handlung und der Scenenführung. Den Gipfel Grabbescher Dramatik bezeichnet unzweifelhaft„Napoleon".„Don Juan und Faust" kann sich mit dieser durch und durch originalen Schöpfung nicht im entferntesten messen. Mit einer erstaunlichen Fülle nachbildender Phantasie sucht Grabbe hier den Inhalt einer mächtigen. eben erst geschlossenen Geschichtsepoche ans- znschöpfe». Im Fluge reiht sich Bild an Bild. In die Straßen und auf die Plätze von Paris führt uns der Dichter. Napoleonische Grenadiere, die der Wiederkehr deS verbannten Kaisers sehnsüchtig entgegenharren, Aristokraten des irncrsn rögsimo, Herren der Hofgesellschaft, Jakobiner. Ausrufer, Advokaten nsiv.— alles zieht in bunt bewegtem Gewimmel, redend und handelnd, an uns vorüber. Dann öffnen sich die Tuilerieu, die Gemächer des armseligen Ludwig XVIII. Er zeigt den Kriegsrat des restaurierten Königtums und dann au Elbas Strand de» einsamen großen Verbannten. Der Kaiser kehrt zurück. Wir sehen ihn, wie sein despotisches Genie von neuem die Zügel der Regierung ergreift, im alten KönigSpalast und ans dem Marsseld, Ivo er mit feierlichem Pomp die neue Konstitution beschwört, und inmitten seiner Grenadiere unter dem Kanonendonner von Waterloo. Endlich das Kriegslager der Ver- bündeteu, Blücher, Gneisenan, Wellington, das tagelange Ringen und die Wechselfälle der Schlacht I Es ist ein Werk, ganz einzigartig und unvergleichlich, dessen Kühnheit, trotz aller inneren Zerfahrenheit, trotz aller Willkür und Willkürverherrlichnng noch immer Bewnndernng und Staunen erregt. So Ivie er sich hier nnsren Blicken darstellt, so hat ihn Freiligrath in seinen prchtäige» Strophen:„Grabbes Tod" gefeiert. C o n r a d S ch m i d t. Kleines„AenMekon» er. Nnf der Suche. Mit einer Miene dumpfer Resignatiou legten sie das Zeittingsblatt zurück: nichts darin. Die Frau nahm ihre Flickarbeit wieder ans, sie nähte aber nicht, sie that nur so, nnt scheuen Blicken»insterte sie den Mann, der im Zimmer ans und nieder ging:„Du wirst ja schon tvieder Arbeit finden, gräm' Dich doch mir nicht I" »In. ja." „Vorläufig Hab ich ja noch'n paar Groschen von dem Geld für Deinen Neberzieher, und wenn's schlimm kommt, verkaufen tvir Marthas Bett i dann muß sie mit Lieschen znsammenschlafen." „Und wenn das alle ist: den Schrank. Nicht wahr?" Seine Stimme zitterte vor Hohn. „Das werden wir ja doch nicht brauche». Du wirst doch in- zwischen was finden." Sie zog den Faden durch die Arveit.„Das in Moabit ist, glaube ich, auch nichts." „Moabit?" Er hielt in seiner Wandenmg inne.„Ach so, wo Arbeitslose Erwerb finden sollen? Unsinn. Verkauf eines gang- baren Artikels? Jaivohl, die Gangbarkeit kennt man." Er lachte höhnisch. „Es ist auch so weit raus nnd bei d e m Wetter." Die Frau seufzte:„Nein, geh mir gar nicht erst hin." Er antivortete nicht. RnheloS schritt er bon neuem ans und ab; dann blieb er plötzlich stehen:„Versuchen könnte man es doch am Ende mal, was meinst Du? Ihre trüben Angen leuchteten ans: — Üö-l— „5S(i, iveini. Du denkst, ick moiit? ja äilA.' sc> eine kleine?l»smgc,.. lmd eigentlich mit dein Weg ucvfünmft®u jn nichts!" „Vielleicht gicl't es mich ivns Festes." Er nxichtc sich schon zum Ausgclicii fertig.„Nnchfrngen iverde illi»nf nlle Fälle," „Du könntest ja auch eine Strecke fahren," sie kramte in ihrem Portemonnaie,„'n Groschen ha den wir schon noch übrig." „Nee, las; man!" Er ivchrle ab, dmi» nahm er ihn doch:„Na gieb her, ransreiben kann der un-Z sch lieblich mich nicht, und vielleicht finde ich etivaS für mich," „Wcmüs doch nian der Fall sein möchte!" Sie sah ihm nach. wie er nnten über den Hof ging: sie stand noch so, die Stirn an die Scheiben gepreßt, als er schon lange verschwunden lvar; erst nach einer ganzen Weile kehrte sie an ihre Arbeit zurück. Er ging nnterdcssen durch die Stadt, ES lvar ein Ivcitcr Weg vom Andreasplatz nach der Wilsnackerstraße: er über- legte einen Moment, ob er nicht fahren sollte; den Groschen hatte er ja in der Tasche, aber nun, da er ihn ausgeben sollte, that ihm der Groschen leid. Ein Groschen, das gab schon vier Schrippen oder sechs Salzknchen, und die Kinder ahen Salzknchen so gern, besonders wenn sie mit Biittcr geschmiert waren. Ob sie in diesem Jahr noch einmal Salz- luchcn mit Butter würden essen können'{ Er seufzte. Wenn'S doch nur Ivos sein möchte! Er Iviederholte die Worte seiner Frmi, Sechs Wochen ohne Arbeit, das riß ein Loch, lind nun war Weihnachten vor der Thür, Er streifte mit einem halben Blick die Schansenster: überall Wcinachtsjachcn, Puppen»»d Spielzeug, Baumbehang. Gold- Lametta, Christbmimsteriie,,. Ja darauf hieß es also verzichten für dieses Jahr, Na ivrr Iveis;: auch vielleicht nicht.— Er warf den Kopf zurück: nein, wenn mich sonst nichts, den Baum sollten die Kinder haben, und ive»» er sich einen erbettelte I Und den Groschen de» verfuhr er nicht! Nein!, Für den Groschen kaufte er Buntpapier sund heute abend klebte er Ketten, Da§ lvar dann lvcnigstcnS ein Anfang für Weihnachten. Würden die Kinder sich freuen! Er wurde beinahe selber lustig, Net», die Frau hatte recht: nur nicht verzagen! Es unitde schon alles wieder ins Geleis kommen: imd der„gangbare Artikel" konnte ja ivirklich- gangbar sein I Das svllte aber dann ein Weihnachten werden! ES ivurde ihm ordentlich warm bei dem Gedanken. Er be- schleimigte seine Schritte. Und so halte er denn Moabit erreicht und bog in die WilSnacker- straße ein, Nummer sechzehn sollte eS sein. Er musterte das HauS: ein eleganter Neubau, gar nicht von dem Eindruck, als ob»in» hier „gangbare Artikel" seil halten könnte. Aber doch neben der Hansthür hing ein Schild: C. Werner I. stand darauf: das sah nach Geschäft ans: na. wer weiß, was eS war. Jetzt da er am Ziel stand, schlug seine frohe Slinnuung jäh wieder inu; mit zagenden Schritten stieg er die Treppe empor, Ein elegantes Comptoir mit breitem Schreibtisch und bcgucincin Lehnsessel: der kleine dicke Herr, der darinsaß, strotzte von Brillanten, er richtete sich auf, als die Thür ging. Mit einem langen Blick musterte er den Eintretenden:„Was wolle» Sic?" „Ich— ich komme wegen der Annonce." „Ach so!" Der kleine Dicke sprang ans:„Ja, bitte, kommen Sie nur näher! ohne Arbeit? Was'< Oh, oh. oh! TaS ist sehr schlimm, aber lvarten Sie nur, Sie solle» Verdienst haben, sehr guten Ver- dienst. Ich habe etwas für Sic. gerade für Sie paßt e? aus- gezeichnet, Sie werden ein Bombengeschäft machen, passen Sic ans! Jeden Tag habe» Sie drei Mark." „Ich habe schon sechs Wochen keinen Verdienst". Er sagte eS leiser, ihm schwindelte fast.„Wenn das wirklich etwas wäre! , O Gott, o Gott, Iveun das wirklich clivas wäre I" Der kleine Dicke übercifcrte sich fast �„Es ist ein prachtvoller Artikel, ein Lieferungswerk ist eS, Sie bekommen von jedem Exemplar die fünf ersten Nummern: wenn Sie die verkauft haben, gehört das Geld Ihnen. Sic verlaufen für zivauzig Mark die Woche, wenn Sie tüchtig sind." „Ja, aber, was— wie?" Der Dicke ließ ihn nicht zu Worte kommen:„Ein gutes Werk ist es, eilt frommes Werk, ein patriotisches Werk,„Die Kirchcubanlcu in Berlin" heißt es. Es sind Bilder drin, zwei Groschen kostet eS; rasende Geschäfte können Sie machen, nlle Welt will es haben, rasende Geschäfte..." Er sprach in einemfort. Bücher verkaufen also. Der andre lachte auf, aber ganz für sich. Bücher verkaufen und solche! Als ob die einer»ahm I Wenn's»och'n Schauerroman gcivese» iväre! Er stützte sich ans den Tisch: also nichts— auch' wieder nichts! Es lvar ihm als knickte etwas in ihm znsainnic». Er stmnmelte:„Wenn, wenn— Sie nur wenigstens was Festes geben könnten.'» paar Mark die Woche, nur daß man weiß—" „Waas?" Der Dicke fiel ihm ins Wort:„Festes! Nee! Festes giebts nicht! Ist auch nicht nötig! Sie verdienen doch gc- nng! So, und da haben Sic'11 Stoß Hefte. Nu mal los, sagen Sie Ihre Wohinmg, Sic sollen scheu: drei Mark habe» Sie lveiiig- stens'n Tag, Na, Sie wollen wohl nicht?" Der Mann zögerte:„Ich— ich— so ganz aufs Ungewisse— man müßte doch laufen den ganzen Tag, durch alle Hänser— man müßte— „Ach nnd das ist Ihnen wohl zu bicl?" Der Dicke schrie:„Ach und das wolle» Sie Ivo hl nicht? Was stehen Sie den» überhaupt hier und halten mich ans? Denken Sie. ich habe Zeil, hier jede» Tag mit fünfzig Mann runiziiguässeln'? Was kommt Ihr'» alle her. wenn Ihr nichts thnn wollt? Faule Baude seid Ihr, tSnn wollt' Ihr nichts, aber Euch ansspielrn als Arbeitslose! Fante Bande, faule Bande l Astronomisches. — Während der jüngste» Opposition deS Planeten Mars sind von dem französischen Astronomen Flammanon iiitcressante Beobachtungen ans der Sternwarte Jnbist, erlangt worden. Vom Lb. Oktober 100g biö ti, Jnli 1901 sind die zahlreichen Oberfläcbcn- bildniigc» des Schwesterplancte» von nnsrer Erde fortlanfciid kontrolliert worden. Die Ergebnisse sind in zivei großen Marskartcn niedergelegt, von denen die eine die Nordhalbkngel des Planeten in Merkatorpröjcktio» darstellt, die zweite die Zone von 80 Grad nördlicher bis 50 Grad südlicher Deklination, ebenfalls in Merkatorprvjektivn. Außerdem geben besondre Tafel» die beobachteten Aendennigcn an der Sckiiicc- und Eispolarregion deSPlaiieten wieder. Während der Soninicr- ivltiz hatte diese, bei einer früheren Erdnähe des Planeten gänzlich ab- geschmolzene Pvlarzone einen Dnrchniesser von 20 Graden. ES wurde ans der Rordhcuiisphäre ein dnukler Schattenzug beobachtet, der sich vom Pol bis zm» 15, Breitengrade hinzog»nd gegen Süden durch die Region der Kanäle begrenzt lvar. Bon den rätselhafte» MarSkanäle» wurden 50 beobachtet, von denen 16 mit den voir Schiaparelli bei früheren Annäbcrnnge» des MmS kartographierten übercinstiiniucn. ein weiterer findet sich auch auf der Liste der uo» Dr. Cernlli beobachteten. Nur drei Kanäle wurden doppelt gesehen, während diese Verdoppelungen bei früheren Erscheinungen pick zahlreicher vorhanden wären. Am anfsälligsten ivare» Cerberns nnd Corons. sie ivare» ohne Schwierigkeit zu sehen. Ein früher einfach erschienener bekannter Kanal, der Slhx. wurde diesmal als doppelt entdeckt, doch erschienen die beiden Komponenten nicht scharf begrenzt.— HumorisUsckies. — U» b c r f r o r e n.„Sie, diese Butter schmeckt aber ganz nach Margarine „Ja. seit die K n h in der Stadt bei der Ansstellmig lvar, hat s' lauter solche stüdiische Manier'«!"— — Lakonisch. B ra n t sauf dem Wege zum Standesamt): „Bist Du gefaßt?" Br ä u t i g a m:„ A n f all c s!" — Am Salzsee, Amerikaner:„Was haben Sic vor?" Phvtograph:„Will bloß rasch Mormoiicn-Monnmcnt» M o m e n t a n f n a h m e machen I"— („Meggeud. hui». 231.") Notizen. — Die Nobelpreise sind zur Verteilung gelangt: In den Friedenspreis teilen sich Henry Dunau t, der Gründer des„Note» Kreuzes"»nd Frsdsric Pasfy. der Vorfechter der FricdcnSliga, Der L i 1 1 e r n t u r p r e i s ivurde dein französischen Dichter S» l l y- P r o n d h o in m c. der wissenschaftliche Preis de» Gelehrten Behringv ii r tt e m bel gischen G o c t h c b n n d, die im S t n t t g a r t c r W i l h e l in a- Theater stattfand, mit lebhaftem Beifall aiisgeiionmicii.— —„Die Könige", ein dramatisches Gedicht von 5t o r f i z Holiii, fand bei der Erstansführniig im Münch euer Hof« Theater eine freiiiidliche Anfiiähme.— — Gabriele d' A» n n» z i o S neue? Drama„ F r a n z c S c a da 9t am ini" wurde bei der Eiftanfführniig in 9i o in ab- gelehnt,— — Einen Preis von 50000 Lire für die beste ein- aktige Oper hat der Mailänder Musikverleger Sonzogno ausgesetzt. Das gekrönte Werk svll während der Mailänder Aus« stellniig im Jahre 1901 aufgeführt weiden.— Beraiitivortlichcr Rcdacteür: Cart Leid ni Berlin, Druck uns Verlag von Bkaji Badina in BerNn.