Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 246. Mittwoch den 18 Dezember. 1901 (Nachdruck verboten.) eZ Vvv Roman von Alfred Bock. Unter derlei Gedanken war der Flurschütz in die Gemarkung herabgestiegen. die er pflichtmäßig abzuschreiten hatte. Im Winter war daS bald gethan, denn die Bauern hoben sich den Feldfrevel für die gute Jahreszeit auf. Er setzte über den Hollerbach und trat gleich darauf in den Gemeindewald. Das war ein gemischter Bestand von Eichen, Buchen. Fichten und Kiefern, so gut bewirtschaftet, mß es auch Wintertags eine Lust war, sich darin zu ergehen. Das thaten freilich die Eschenroder nicht. Die hockten lieber leim warmen Ofm oder rekelten sich in den Wirtshäusern scruin. Nicht so der Flurschütz. Er liebte die Natur auf feine Art und hatte für die Waldespracht Herz und Sinn. Wie ltaats und still lag vor ihm der Forst, das Gezweig der Laub- sölzcr überzuckert, die Fichten und Kiefern von der Schneelast beschwert. Da nun die Sonne den Nebel durchbrach, vermeinte uan sich in einem funkelnden Saal. Das Auge war geblendet non all dem Glanz. Kein Menschenwerk war so herrlich wie btrß. Und von den Stämmen rannen die blinkenden Tropfen, ber jeder Baumart mit eigenem Ton. Ja, wenn man horchte, klangs wie Musik. Da ward einem seltsam wohlig zu Mut, als schlüpfte mau aus der alten Haut. Und der Brast zerging wie rings der Schnee.— Als der Flurschütz gegen Mittag in leine Behausung zu- rückkehrte, setzte ihm die Schnappersgritt Kraut mit Speck und Salzstücke vor. Es schmeckte ihm. und er forderte auch die Alte enif, zuzulangen. Diese lehnte mit den Worten ab, es sei ihr nicht just, sie bringe keinen Bissen herunter. „Q ha l" machte der Flurschütz. Die Alte schupperte sich. „Hab's Magendrücken und Reißmatismus." Ter Flurschütz sah sie teilnehmend an. „Du wirst Dich verkältet haben." „Möglich." „Du mußt einmal geherigd schwitzen. Das treibt's heraus." „Ja schon, aber wer soll dann bei Dir die Arbeit thun?" Der Flurschütz kratzte sich hintenn Ohr. „Freilich, das paßt etz schlecht." Die Schnappersgritt nahm auf der Ofenbank Platz. „Ich will Dir was sagen, Daniel. Ich sein alt und klapperig. Ich hab's halt probiert, ich kann mich nicht so strabezieren." „Sei doch nicht eppsch. Wer schwätzt bann von strabe- zieren Die Glitt runzelte die Stirn. „Ihr Mauuslcut ästemiert das nicht: cnz auf' in Boden, cnz aufm Hof, bald in der Stub', bald in der Kiich' und alles blitzebauk. Das will geschafft sein." „Ja. ja." „Gelte? Da braucht eins gesunde Knochen. Ich Pack's nicht, Daniel. Hier herein gehört eine kräftige Weibsperson." Ter Flurschütz erhob sich und sagte besorglich: „Du wirft mich doch nicht im Ungerück stecken lassen?" „'s pressiert nicht auf Stund' und Mirnit'," versetzte die Alte,„ein paar Tag' schrackel' ich noch hin." „Das heiß' ich ein schön Geheugnis," sagte der Flurschütz verdrießlich.„Wo krieg' ich dann schnell eins her?" Die Alte zuckte die Achseln. „Ja, Daniel, Du thust Dein Gottcsbestcs und guckst Dich um." Sie gingen die ganze Dorfschaft durch, Haus für Haus. Die Tochter eines wohlhabenden Bauern gab sich gewißlich nicht dazu her, dem Flurschützen die Wirtschast zu führen. Da waren einletzig ein paar arme Weiber, allein denen konnte man nicht um die Ecke trauen. Guter. Rat war teuer. Sie sannen hin und her. Zuletzt schlug die Gritt sich vor die Stirn. „Etz fällt mir was bei." „No V" fragte der Flurschütz erwartungsvoll. „Da ist meiner Schwester ihr Kind, die Christine. Wallbott schreibt sie sich und ist von Freienstein. Die dient beim Bäcker Klcmmrath in der Stadt. Die hat was zuzu- setzen und fleiizt sich nicht, wann's arbeiten heißt." „Ja, geht dann die aufs Dorf?" „Das ist die Frag'. Sie hat nix, ist arm wie'ne Kirchenmaus—" „Arm mit Ehren kann niemand wehren." „Und geht dem Verdienst nach. Du bist ja bei Geld, kannst schon was ausgeben. Am End' daß sie kommt." Ja, ausgeben l Da berührte die Alte einen wunden Punkt. Zwar war der Flurschütz nichts weniger als ein Geizhammel und hatte für die Bedürftigen ein warmes terz. Aber einer Dicnstmagd ins Blaue hinein hohen ohn verwilligen und noch nicht wissen, wofür? Das ging ihm gegen die Natur. Das mußte weislich überdacht sein. Indessen lobte die Gritt ihrer Schwester Kind durchs ABC. Die Hauptsache war, die Christine wußte haus- zuhalten und kam mit wenig aus. Dabei war sie eine leid- liche Person. Freitich hatte sie bei aller Manierlichkeit einen Klotz am Bein. Der Flurschütz horchte auf. „Wieso dann?" Die Gritt strich ein paarmal über die Schürze. „Ei, da hat fie's vor zwei Jahr mit einem Soldat gehabt, einem Erzlump. Der ist auf und davon. Und etz hat sie natürlich ihr Kind." „Wo ist dann das?' forschte der Flurschütz. „Bei braven Leut'. Dem geht nix ab." „No, wann ich sonst mit ihr einig werd', das Kind thut mich nicht schenier'n." Da sie noch weiter dischkerierten, kam von ungefähr der Geometer aus der Stadt. Dieser wohnte auf dem Marktplatz dem Bäcker Klemmrath gegenüber und kannte die Christine gut. Wenn die den Dienst bei dem Flurschützcn annehme. meinte er, könne er sich gratulieren, ein forsches Mädchen, früh bei der Hand und arbeitsam bis in die Nacht. Und treu wie Gold. Das hatte die Klemmrathen ihm selbst gesagt. Solcherlei Rede lvar Wasser auf die Mühle der Schnappersgritt. Bei dem Flurschützen aber war's nun be- schlossene Sache: Wenn die Gritt Sonntag halbwegs auf den Beinen war, sollte sie mit dem Milchwägclchen in die Stadt. Und forderte ihr Schwesterftnd nicht gar zu viel, so nahm er sie als Magd ins Haus. HI. Seit Urväterzeiten stand der steinerne Neptun auf dem Marktplatz der Stadt und gebot, den Dreizack erhoben, dem feuchten Element, das zu seinen Füßen aus Drachenmäulern in ein geräumiges Becken rann. Hier füllten Städter und Städterinnen, Knechte und Mägde ihre Eimer und wetzten ihre scharfen Schnäbel dabei.— Sonntags in aller Frühe war es, daß Christine, die Magd aus Freienstein, ihre Kameradinnen, die Fränz und die Lene am Brunnen traf. Selbdritt waren sie vom Lande in die Stadt gckonuuen, hatten mancherlei Unbill in hartem Dienste erfahren und auch in den Liebeshändeln ihr Herz er- probt. Die Lene hielt einem Fuhrknecht die Treue, der Fränz gefiel die Abwechselung. Mit der Christine hatte ein Wicht sein Spiel getrieben; aus ihrem Gesicht sprach ihre Leidens- gcschichte. Sie war mittelgroß, von schlankem Wuchs. DaS kastanienbraune Haar hatte sie hoch aufgesteckt. Aus ihren tiefen, dunklen Augen leuchtete verhaltene Leidenschaft. Um ihren Mund hatte sich eine Kummerfalte eingegraben. Wenn sie sprach, sah man ihre schönen weißen Zähne. Ihre Hände waren klein, aber von harter Arbeit rot und gequollen. Ob- gleich man ihrem wohlgebauten Körper Kraft und Frische zu- trauen konnte, trug ihre ganze Erscheinung etivaS Schlaffes, Müdes zur Schau.— „Du wirst Dich Verstannen, Christine." sagte die Fränz und setzte den gefüllten Eimer auf das Pflaster. „Ei, weißt Du's dann nicht?" ftagte die Lene. „Nix weiß ich," versetzte Christine ahnungslos. „Dein Schatz ist Vorgest' hier durchgemacht." „Der Lnmpsack!" fügte die Fränz hinzu. Der Christine glitt der Zuber cuiS der Hantr „Wer Hut ihn gefefj'u?" „Ei. der Schneider Üllcemann." .Und mein Hannes. Ter hat ihn gesprochen. Er ist Mit dem Neuimhrzng fort." Aus dem Gesicht ChristinenS war jeder Blutstropfen ge- wichen. Mit zitternder Hand strich sie das Haar zurück und sagte unter der Wucht eineL gewaltigen Schmerzes: „Bei mir ist er nicht gcwest." Die. Franz rind die Lene fielen über den Treulosen her. „Verraniischiercn müszt' man den schlechten Kerl." „Der hat kein Herz und keine Ehr' im Leib." „Psuil Wann man drei Jahr' mit einem Mädchen ge- gangen ist." „Und so'n teuer Andenken dagelassen hat." „Ich sei» soll nlsfort an Dir gewcst. Du sollst Dich mit dem Musketier nicht einlassen." „Svldotenlicb' und Lindenblüh blüht nur und zeitigt nie." ..Mordsapperment I Ich an Deiner Stell' thtit esz an ihn gehn. Der mus; doch blechen, Gott weiß, wieviel." „Man sollt's nicht glauben, aber Du hängst alleweil noch an dein Schmagllckes." „Treusinnig bist Du, daS muß man Dir lassen," spöttelte die Fränz. „Und Dein Bubchen mutiert sich." sagte die Lene.„daS hat auch schon so vernättcrte Guckerchen." Der Christine stieg die Röte ins Gesicht, aus ihren Augen sprühten Funken. ..Halt' doch Euer Mäuler l Was geht Euch dann mein Bübchen an?" „Nix," that die Lene beleidigt. „Das sollst Du alleins sür Dich behalten," stichelte die Fränz. Die Christine setzte mit einer kraftvollen Bewegung den gefüllten Zuber auf den Kops und schritt ohne Abschiedsgruß über den Platz, dem Haus des Bäckers zu. Die Fränz rief ihr nach: .Herzallerliebstes Schä�cbe. Ach ivart' doch»och ein Jahr, Wann ans der Weinrcb' tkirsche wachse, Da frei' ich dich fürwahr." „Die ist noch hochnäsig obendrein," raisonnierte die Lene. „Und steifköpfig. sonst thät' sie ans Gericht gehn und den Mensch verklagen." Die Lene lachte auf. „Da kennst Du die schlecht.. Ehnder die ein' Fuß ans Gericht setzt, verhungert sie lieber mitsamt ihrem Kind."— Christine trat in das Bäckerhaus. In der Küche nahm sie den Zuber vom Kopf und ließ sich auf der Herdbank nieder. Das Herz schlug ihr zum Zerspringen, und die Thränen schössen ihr aus den Augen. Gab's denn auf der Gotteswelt noch einen Menschen, der so grundschlecht war wie der Jakob? Schwerlich. Drei Jahre hatte er sie ab- geschmatzt, hatte wie verrückt mit ihr gethan und das Blaue vom Himmel herunter versprochen. Sie war so blind. so vernarrt gewesen und hatte auf sein Wort gebaut. Jetzt saß sie da mit ihrem Kind und greinte sich die Augen aus. Ja, war's denn nicht auch sein leiblich Kind? Und scherte sich den Teufel drum. Einen Brief über den andern hatte sie an ihn geschrieben. es war keine Zeile von ihm gekommen. Nun war er gar in seiner Heimat gewesen und hatte sich nicht nach ihr umgethan. So eine Schuftigkeit I Drunten in der großen Stadt hatte er sicher mit andren Mädchen angebändelt. Das Scharwenzeln verstand er. War ihm die erste ungemächlich, führte er die zweite bei der Nase herum. Das Schlangcnfreundliche machte die Weibsleute kirre. War's ihr selbst doch nicht besser ergangen. lFortsetzung folgt.) tNacbdruck verboten.» Zit dov Avbeitspknbe. LZon N. L e o n t j e iv. lFortsetzung.) ES wird bald sechs schlagen. In der Arbeitssiube ist es noch ganz dunkel. Hinter der schlecht schließenden Thür hört man die eben anfgestaiidene Köchin mit dem Samovar poltern. Die in der Arbeitssiube schlafenden Lehrmädchen beginnen sich zu bewegen und sich zu strecken. Sie löime» sich noch nicht eiitschlietzcn, in der kalt 'gewordenen Werkstalt aufzustehen. Aber ans der Küche tönt unter» dessen fortwährend die©limine MarjaS: „Na, das sollte mir fehlen, mich auch noch mit Euch herum» zuärgcrii! Was geht's mich an? Liegt so lange Ihr wollt! Mir ist's egal, ob die Arbeitssiube geheizt ist oder nicht... Natürlich. gcslcrii hat man wieder kein Holz raufgeholt, und jetzt ist eS voll Schnee,'s wird nicht leicht brennen." „Anjutka, hör' doch! Steh' anf l Du mußt nach Holz gehen, ich bin gestern gegangen," sagt Mauka, ihre Nachbarin ansiotzeiid. „ES muß bald sieben Uhr sein. Die Mädchen werden gleich koinmcn." „Ich siehe schon auf... O wie kalt! Meine Strümpfe sind ganz zerrissen. Ich kann jetzt nicht stopfen, ich habe keine Nadel bei mir. Gieb mir doch Deine, Manka; ich ziehe das Loch irgendwie znsammcii... Die nackten Zehe» kommen raus und ans dem Hofe ist's so kalt l" sagt Anjutka mit vor Thränen zitternder Stimme. „Was weinst Du? Mußt Dich dran gewöhnen I Da ist'ne Nadel: näh' zu! Ich stehe indessen ans und helfe Dir beim Holz: dann wird's schon gehen." Sie steht schnell auf, zieht sich an, packt ihr primitives Bett zusammen«nd trägt es auf den Hängeboden. Dort sind Nadja und Katka ebenfalls schon wach und ziehen sich langsam an. „Hör', Manka, ist schon eine von den Arbeiterinnen da?" fragt Nadja. „Nein, noch ist niemand da." „Na, dann brauche ick» mich auch nicht so zu beeilen. Ich Hobe mir im Laden Staub zu wischen, damit werde ich schon fertig, bis Madame aufsteht." „Und ich muß noch die Maschinen rein machen und ölen, bis die Arbeiterinnen kommen." „Ich werde die Lampen füllen und die Chlinder putzen: die find gestern schrecklich beränchert." Als sie in die Werkstatt kommen, arbeiten dort schon die Rock- nrbeiieuii Katja imd Tailleimäherinnen Ammschka und Natascha. Von Zeil zu Zeit geht die Thür und läßt verspätete Arvcile- rinnen ein oder Lehrmädchen, welche heiße Plätteisen bringe». Ge- dämpfter Lärni erfüllt das Zimmer. Im trüben Morgenlicht er- scheinen die Gesichter der Arbeitenden ganz erdig. „Nadja, hast Du den Laden aufgeräumt?" fragt die älteste Arbeiterin Lisa;„wenn nicht, dann thn' es gleich I Trage auch die Puppen mit den Kleidern bincin. Ich muß ein Cbcmiiett an die Taille anstecken. Nimm also von einer Puppe das Kleid und hänge eS in den Schrank." „Gleich. Fräulein Lisa! Ich muß nur noch ans dem Schrank Staub wischen." „Und Du, Anjutka, mach', daß Du nnt Deiner Rotunde fertig wirst, und trage sie in den Laden, damit sie hier nicht noch schmutzig wird. Hast gestern den ganzen Abend daran gesessen und noch inimer nicht die Heftfäden ansgezogen." „Ich habe alles ausgezogen, nur ein paar Fäden sind noch ge- blieben.... Ich habe mich ja erst eben an die Arbeit gesetzt", antwortet Anjutka, in deren Augen schon wieder Thränen glänzen. Thränen sind ihre gewöhnliche Antwort ans alle Verweise und Vorwürfe der Arbeiterinnen und der Prinzipalin. Sic kniet wie gestern vor der prachtvollen blauen Sanimirotimde, indem sie die- selbe vorsichtig, fast ehrfurchtsvoll mit ihren dünnen Fingern hin und her wendet. „Nadja, mach' mir die Patten für den Rock zurecht l' ertönt eS vom Tisch, an dem die Nockarbciteriniicn sitzen. „Nadja ist nicht hier... sie ist im Laden. Die Patten hängen dort an der Wand, aber ich glaube, sie sind noch nicht geplättet." „Schnell, Katka, plätte! Ich miiß sie sofort amiähen... Oder gieb lieber mir das Eisen. Du versengst sie womöglich noch, der Stoff ist so dünn." „Was soll ich thim, Lisa? An meiner Taille fehlen Spitzen. Alles übrige ist fertig, und Madame schläft noch." „Legen Sie das cinsvveilcii fort. Aiiiinschka, und nehmen Sie hier die plissierte Taille vor. Ich denke, sie wird bald aufstehen... Warum giebt Marja keinen Thee? ES ist sicher schon zehn vorbei.... Manka, lauf' mal in den Laden und kauf' nur zwei Kringel."- „Und mir kaufe zlvei Pfnnd Schwarzbrot I Auch für fünf Kopeken Schafkäse, aber ganz frischen, weißen, hörst Du?" Von allen Seiten kommen die Aufträge der Arbeiterinnen. Zn bewundern ist das Mädchen, welches all diese kleinen Aufträge behält und nur in den seltensten Fällen irgend etwas vergißt. „Kommen Sie Thee trinken I" hört man die Stimme der Köchin. „Geh'. Katka, mach' alles znrecht I Indessen kommt auch Manka mit dem Einkauf zurück." „Fräuleiii Lisa, ich habe nichts zu thnn: ich habe die Rotunde gereinigt und im Lade» aufgehängt.". „Komm! Komm hierher, Anjutka l Ich gebe Dir Arbeit. Hier habe ich zugeschnittene weiße Streifen zn Sänmchen: näh' sie zu- sammcn. Aber nimm Dich in acht, daß kein Fleckchen drauf kommt! Stecke Dir hier dieses Tischtuch im Gürtel fest und lege alle Sänmchen hinein. Gott behüte, daß Du ein Stückchen verlierst: Dieser Atlas ist ein knapper Rest, und ich brauche zwanzig Ellen Säume, um das Kleid hier zu besetzen," sagt die blasse, anämische Sascha, indem sie Anjutka einen ganzen Haufen schmaler weißer Streifen übergicbt. „Madame ist aufgesianten I" flüstert Nadja, durch eine Seite»- j thür aus dem Lade» i» die Arbeitsstube stürzend.„Wo sind meine' Patten I Ah, sie kommt gleich, und ich habe keine Arbeit!" Unruhig läuft sie in der Werkstatt umher, „Da, da... nähe in diesem Rock Tasche und Haken ein I" schiebt ihr eine der Arbeiterinnen einen schweren Chemotrock zu. „Nu hat man endlich Thee, da heißt es wieder warten, bis sie alle Arbeiten angesehen hat!" hört man einige unzufriedene Stimmen. In der Arbeitsstube wird es still. Alles wartet auf Madame. Nur die alten ausgearbeiteten Nähmaschinen erfüllen das Zimmer mit ihrcin klappernden Geräusch. Die eintretende Prinzipalin findet ihr Personal eifrig bei der Arbeit. Sie ist eine mittelgroße Frau in den Dreißigern, ziemlich korpulent, in einen nachlässig über- geworfenen Flanellrock gekleidet. Mit einem forschenden Blick über die Mädchen und die an der Wand hängenden Arbeiten nähert sie sich langsam, mit schlürfende» Pantoffeln, der ältesten Arbeiterin. „Was. Sie sind noch nicht mit der Taille fertig? Ich rechnete bestimmt darauf, daß Sie heute schon das seidene Kostüm anfangen sollten. Uebermorgen mittag muß es fertig sein; es wird sehr dringend zu einem Konzert gebraucht I" zischt sie unzufrieden durch die Zähne. „Ich habe nur noch das Chemisett anzunähen, dann ist es fertig. Madame." „Ist der Umhang fertig? Er muß heute abgeschickt werden. Katja. Sie haben ihn genäht,' uichl ivahr?" „Ja. er ist fertig, nur noch auszuplätten." „Na worauf warten Sie denn?" „Das Eisen ist noch nicht heiß." „Haben Sie schon etwas fertig? fragt sie die Nockarbciterin Sascha. „Da. den blauen Chcviotrock macht Nadja jetzt zu Ende, und hier diesen mit den Palten kann man auch bald in den Laden nehmen." „Schneller, schneller. Es ist noch eine Masse Arbeit bis zu den Feiertagen! Warum klappern die Maschine» so? Sind sie denn rein gemacht? Katka, sind die Maschinen nicht gereinigt?" „Ja, Madame, heute früh." „DaS ist gelogen! Das merke ich am Rasseln!" sagt sie im Fortgehe». „Na Gott sei Dank! Sie ist fort. Hast Dn alles eingekauft, Manka? Dann Ivollen wir Thee trinken." In einem Winkel der Kiiche, gegenüber dem Herd, verzehren die Arbeiterinnen an einem langen Kiichenlisch, auf dem ein großer Samowar, Tassen und Gläser stehen, ihr armseliges Frühstück. „Wcmüs nicht so eilig wäre, könnte man sich vielleicht ein paar Würstchen kochen, das wäre mal schön I" sagt Katja, sich halb fragend an Lisa weiidcnd. „Was nicht noch? Sie haben doch gehört, was sie zu mir gesagt hat? Da ist gerade Zeit, Würstchen zu kochen l Die ganze Seele hastet man sich bei dieser Arbeit aus dem Leibe; fast zwei Taillen müssen tagüber fertig werden, und noch immer nicht genug! Wie kann man da an sich denken?" Schnell schlucken die Arbeiterinnen ihren heißen Theo herunter. Noch keine zehn Minuten sind vergange», da sitzen sie, noch die letzten Bissen Brot kauend, schon wieder in der Arbcitsstnbe. „In, Laden find Danren zur Anprobe gekommen l" stürzt Katja hinein. „Wer zum Teufel hat die so früh hergebracht? Es ist ja noch nicht mal zivölf I Ist Henriette Ludwigowna schon angezogen?" „Ja, sie ist schon im Laden. Sie hat selbst so früh zur An- probe gebeten... Die eine Dame ist eine ganz neue... zum erstenmal hier..." „Vielleicht'ne neue Bestellung? Na das fehlte gerade noch! Geh' doch, Manka, horch' ein bißchen!" „Warte I Ich rnuß ohnedies das Chemisett auf der Puppe an- heften, da höre ich gleich," sagt die älteste Arbeiterin, ihren Platz verlassend und über die Bank steigend, um die»eben ihr sitzenden Arbeilerinnen nicht zn stören. „Wo ist das Ceutiuictermaß? Der eine Rock ist zu lang, muß kürzer gcinacht werden!" ruft, aus dem Laden hereinstürmend, ein Lehrmädchen. „Nimm, nimm, da liegt es ja I... Also da? ist die erste Aenderung!"... sagt seufzend die Nockarbeiterin Sascha. „Der Teufel hol's I Ich iverfe alles hin und gehe I Eine neue Bestellung I Sie läßt sich, weil's so eilig ist, 25 Rubel bezahlen; dafür müssen wir dann alle Nächte bis zu den Feiertagen durchsitzen und bekommen nichts, gar nichts I" hört man plötzlich die erzürnte Slimmc der wiedereintrctendcn Arbeiterin. „Ist das Heliotropkleid nicht zu ändern, Lisa?" „Nein, alles in Ordnung. Nur am wollenen Kleid muß der Rock kürzer gemacht werden." „Da kliugelts schon wieder! Es ist zum Verrücktwerdc» heute I Wahrscheinlich nach dem blauen Kleid. Ist der Rock fertig, Sascha!" „Ja. Nadja macht ihn gerade zu Ende.... Bist Du so weit Nadja?" „Ich nähe eben den letzten Haken an, dann bleiben nur noch die Aufhänger." „Wißt Ihr schon das Neueste? Der Nadmantel ist verdorben I Alle Heftfäden sind auf dem Plüsch zu sehen! Madame hat bloß so gezittert, als sie es bemerkte. Vor den Knuden ließ sie sichs natür» lich nichts ansehen!" Manka hat diese beunruhigende Botschaft in die Werkstatt gebracht. „Ach Unsimil WaS redest Du da für dummes Zeug! Wer soll denn da etwas verdorben haben?" Ich habe gestern abends selbst den Radmantcl gesehen, als er Anjutka gegeben' wurde... Nichts war zu bemerken!..." ..Schwatz' hier keine Dummheiten l" hört man gleichzeitig einig, erregle Stimmen. „Ja, was kann ich denn dafür? Die Dame, welche das wollene Kleid anprobierte, besieht den Nadmantel und sagt:„Ach, WaS für ein schöner Plüsch I Das ist eine Stotuiide I" Geht näher und dreht sie hin und der. llnd Madame sagt:„Jawohl... hundert Füchse sind drin. Eine durchreisende Dame hat's bestellt!" Und die Kundin sagt:„Aber warum sind denn hier alle Fäden zu sehen?" Ich lese gerade von der Erde Nadeln auf. Ich blicke verstohlen nach der Rotunde, und wahrhaftig: alle Heftfäden zn sehen I Madame geht näher und wird ganz blaß, sagt aber gleich:„Ach. das ist''ue Kleinigkeit... nur einmal auszuplätten!" Und sie beginne» von den neuen Stoffen zn sprechen; aber man sieht's ihr an, daß sie schrecklich verstimmt ist." „Anjutka, Anjutka, ivas hast Dn angerichtet? I Wie hast Dn denn ausgezogen? Einfach ausgezogen wohl, ja?" �„Man hat mich doch gelehrt, die Heftfäden immer ganz ans- zuziehen," sagt unter Thränen die am ganzen Körper zitternde Anjutka. „Herr Gott! Wie kann man denn ans Plüsch Heftfäden ganz ausziehen! Der Faden ninß bei jedem Stich durchgeschnitten werden, damit er nicht über den Plüsch gezogen wird I" „Ich w... w... wußte das ja nicht!" schluchzte Anjutka. „Da klingelt's schon wieder. Jetzt gehen die Damen, gleich ivird „sie" erscheineit..." (Schluß folgt.) Kleines �euillekon» Rote Nasen. Mit der rauhen Jahreszeit mehrt sich wieder bei nuscreu Damen die Klage über rote Nase», und manche gefall- süchtige Schöne wird jetzt z» einer wahren Plage für ihren Arzt. der natürlich nicht in der Lage ist, init der erivünschten Schnelligkeit Schäden auszugleichen, welche eine langjährige Unvernunft veranlaßt hat. Denn eine solche ist die ursprünglich orientalische Sitte des Schleiers bei uns geworden, und wenn nnsre Frauen durch das voll- kommen zivecklose' Tragen eines Schleiers die Gesichtshaut ver- weichlicht haben, mögen sie sich auch nicht wundern, wenn bei kälterein, windigem Wetter, besonders bei kaltem Regen und Schnee, die den Schleier durchnässen, die Haut ans Wangen und Lippen springt, n»d die Nase als unerfreuliches Thermometer sich rötet. Aber auch direkt ernste Erkrankungen, so schreiben die„Blätter für Volksgesuudhcitspflcge", kann ein Schleier veranlassen, und so manche schwere Gesichtsrose ist allein darauf zurückzuführen gewesen, daß beim Färben des Schleiers schädliche Stoffe Verwendung ge- funden hatten. Ganz thöricht ist es schließlich, wenn als Schleier nicht nur glcichmaschiges dünnes Gewebe benutzt wird, sondern wenn man dazu mit Arabesken verzierte oder mit Tüpfelchen versehenen Mull wählt. Durch diese Beeinträchtigung seines Sehfeldes kann das Auge ernstlich Schaden nehmen, und gilt das vor allem für die in der Entwicklung begriffenen Mädchen, die sich auf eine solche Weise leicht das Schielen oder wenigstens den sogenannten„falschen Blick" angewöhnen. Wir brauchen weder im Sommer noch im Winter einen Schleier, dessen angebliche Verhütung von- Halskrankheiten mindestens eine zweifelhafte ist, und wer ohne Scheu sein Gesicht jeder Witterung aussetzt, Ivird zum Lohn dafür die schönsten und reinsten Gesichtsfarben anfzuweisen haben, weil seine Hautgefäße nicht ihre zusammenziehende und erweiternde Kraft verloren haben, und damit der Haut die Anpassungsfähigkeit an jede Witterung er- halte» worden ist. Blasse, welke Gesichter, spröde Haut und rote Nase» rühren oft nur von dem gewohnheitsmäßigen Gebrauch eines Schleiers her, den deshalb unsre Damen möglichst bald in ihrcin eigenen Interesse aus der Liste ihrer Toiletteartikel streiche» sollten.— Theater. Deutsches Theater.«Die Jüdin von Taledo." Historisches Trauerspiel von Grillparze r.— Das halb ver- gessene Stück Grillparzcrs ist schon seit Jahren in den Spielplan des Deutschen Theaters ausgenommen. Joseph Kaiuz und Agnes Sorma b ibcn in den beiden Hauptrollen Triumphe gefeiert. Aber dainit, daß die Tragödie großen schauspielerischen Jndividnalitätcu mannig- fache Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Darstellerkunst gewährte, sind auch die Vorzüge der Dichtung in der Hauptsache erschöpft. Die Glut der Leidenschaften, die wir auf der Bühne fehen, läßt uns selbst kalt. Es fehlt die siegende Macht, die Fülle der Phantasie, welche die Illusion in de» Herzen der Zuschauer heranfzwingt. Mit klugen Wendungen, wohl überlegt wird die Fabel eingeleitet, entwickelt und einem äußerlich befriedigenden Abschluß zugeführt, aber a» diese kluge Uebcrlcgung wird man eben überall erinnert. Nirgends, trotz so mancher sein beobachteten Charakterzüge und Nuancen etwas, das mit der Gewalt einer genialen Intuition überraschte, das aus der Trägheit eines matten Interesses uns zum Stannen, zur Beivunde- rung aufrüttelte! Und ivie die Handlung so die Sprache. Es ist kein kraftvoll persönliches Gepräge in ihr, glatt und eben, aber darum auch eindruckslos. rauscht der Strom der fünffüßigen' Jamben an unsrem Ohr vorüber. Bei aller Bildung, allem Verstände Epigonen- kunst I Auch die aiisgezeichncten Schauspieler, welche das Deutsche Theater diesmal ins Treffen geschickt, halfen über diesen Eindruck nicht hinlveg. Alfons VIII., den jungen König von Kastilic», der, seiner allzu sanften, unmäßig tugendhaften Königin überdrüssig, von Raheis gaukelnden Zauberrcizen bethört wird, spielte Herr B a s s e r- man n. Es war kein Wunder, daß sich der treffliche Lang-Heinrich aus dem«Rothen Hahn" in seiner neuen Fürsten- und Hcldenrolle am Anfang nicht ganz wohl befand. Das hell und hart klingende Organ und die hastige Sprcchiveise ivollten, das Ivar der erste Eindruck, zu den Grillparzcrsche» Versen tvcnig passen. Doch verlor sich diese störende Empfindung dann mehr und mehr. Schon iin zweiten Akt. bei der Begegnimg mit Rahel und in den unmittelbar anschließenden Scencn tvuchs die Gestalt zusehends. Sehr gut gelang der Ausdruck des jugendlich Schüchternen und Schanlhaftcn. Zur vollen Größe aber erhob sich das Spiel gegen Schluß des Stückes, als Alfons auf das Gerücht, daß eine Empörnng im Lande ausgebrochen fei, von Rahels Seite zu der verlassene» Königin zurückeilt. Das Hin und Her der Stimmimgcn in dem Gespräch mit der Königin, die Mäßigung, das Entgegenkommen, dann das Erwachen des Trotze» und erneuter Begierde, der Zorn über den Widerstand der Granden, endlich die flierieiide Angst und die wilde Rachsucht, als er den gegen Rahcl geplanten Mordanschlag zu ahnen beginnt, all das brachte ' Basse rmann in großen und echten Tönen heraus. Die Rahel von Irene Trief ch hatte den. xiuc» großen Fehler, daß sie die Liebesrascrci, die sie dem Könige einflößt, uns unerklärt ließ. Es ist wahr. Grillparzer hat diese Mädchengestalt mit einem Uebermaß von Weiblichkeit im schlechten Sinn des Wortes ausgestattet. Kein ernster Gedanke hat Rahel je gestreift, nur die Begierde und die ewig springende Lauue des Augenblicks bestimmt sie. In der Liebe reizt sie der Trieb des Blutes, aber»och mehr die Sehnsucht nach Macht. Geliebt werden, heißt für sie quälen und im Quälen daS Bewußtsein ihrer Macht genießen dürfen. Unerntüdlich ist sie bedacht, die Schlingen ihrer Koketterie»ach neuen Opfern anszliwersen. Die ganze Welt soll ihrer Schönheit huldigend zu Füßen liegen. Und dieses tückisch-gefährliche Wesen mit den ver- borgencn scharfen Krallen ist dabei schwach, schreckhaft, wehleidig und kindisch furchtsam bis zum äußersten. Je höher die Last ihrer Fehler gehäuft ist. einer um so reizenderen Jugendammit bedarf die Gestalt, ivenn ivirdieZaubcrmacht, diedicDichtnngihrnachrühmt, glauben solleir. Das Spiel des Frl. Triesch gab all' die inneren Gebrechen dieier Natur, das pathologisch-ncrvöse derselben, vortrefflich wieder. aber der verklärende Schmmtcr. der die Gebrechen selbst»och licbeus- wert erscheinen läßt, der fehlte leider. Gleich in der ersten Sccne, Ivo sie schreiend ans die Bühne stürzt und des Königs Knie um- klammert, trat das hervor und der Eindruck wich auch später nicht. Wie sie die zitternde Aengsllichkeit des Mädchens hier spielte, daS war an sich vortrefflich, aber die Aengstlichkeit halte nichts Rührendes, nichts was in die Herzen unwiderstehlich sich einschmeicheln konnte. Frl. Dumont, der die kleine Rolle der Esther zugefallen, war im letzte» Akt von tragischer Größe. Machtvoll und erschütternd klang der Fluch, den sie den Mördern Rahels, den Großen der Erde, die achtlos mit dem Leben der Nicdriggeborcnen spielen, nachruft. Sehr hübsch und ohne jede Spur von Uedcrtreibung, die gerade bei solchen Rollen so nahe liegt, spielte Hanns Fischer de» alten Jsaac, Rahels und Esthers Batcr. Lotti Sarrotv war, wie sie sollte, eine blcichsüchtigc und tugendhafte Königin.—— ät. — n. Wolzogens„Buntes Theater".— Die Japaner kamen am Montag mit einem neuen Drama«Der S h o g n n". Eigentlich war es gar kein Drama, sondern nur ein Akt eines Dramas, dessen Handlung, nach Wolzoge», in das Jahr 1357 z» legen ist. Der Shogun. Titel eines japanischen Unterfürsten, hat den Aufstand seines jüngeren Bruders siegreich niedergeschlagen. Die Strafe des Empörers soll seine Hinrichtung sei»: altein ein treuer Diener erleidet den Tod für seinen Herrn. Bei cineni Masken- tanz im Palaste des Shogun ivird der vermeintlich Hingerichtete in der Verkleidung eines Mädchens, nach dessen Besitz es de» Shogun schon lange gelüstete, dein Despoten zugeführt. Erfreut heißt der Shogun die Würdenträger und Tänzer hinausgehen, da wirst der Verkleidete die WeibeMcider von sich: die feindlichen Brüder flehen sich gegenüber. Und nun beginnt ein wilder Kampf, in dem die Dolche nur so durch die Luft blitzen. Keiner bleibt Sieger! beide sinken tot zu Boden. Da erscheint noch im letzten Augenblick die ob der Kunde von der Hinrichtling wahiisinuig gewordene Gattin des Jüngeren. Beim Anblick des Geliebten dönunert ivicder das Bewußtsein in ihr ans, allein die große Freude ivird auch ihr Tod. Sada Dacco gab die Wahnfinnige. Ihr Wahnsin» äußerte sich tiiehr in graziösen Tänzen, als in Worten. Für europäische Be- griffe Ivar da« immerhin etivas seltsam. Rur die Schliißscene zeigte die große Künstlerin: im Lächeln, im Minenspiel, in de» Bewegung«». Kaivakami und Fuji ja Iva, die beiden feindlichen Brüder, standen in ihrem Spiel dem Zuschauer näher. Äawatami. der bei erregten Stellen nur mit Fistelstimme sprach, gab den asiatischen Despoten mit kalter Hartherzigkeit. Fujisawa war die Verkörperung Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. des persönlichen Hasses. Der Kampf der Brüder, ihre Wut. ihre Todeszuckungen ivaren ein Prachtstück von realistischcr Treue. Jnter» essant war schließlich noch der Maskentanz.— Musik. st. Ein großer Musik preis der Stadt Paris. Die Stadt Paris hat für die französischen Musiker einen neue» musikalischen Wettbewerb eröffnet, dessen Schlußtermin auf den erste» Dezember 1903 festgesetzt ist. Die 5lo»ipositionen sollen größere musikalische Werke ernsten Charakters mit Soli, Chören und Orchester, in sinfonischer oder dramatischer Gestalt sein. Wenn das preisgekrönte Werk sinfonisch ist, wird der Komponist einen Preis von 10 000 Fr. erhalten und sein Werk ivird von der Stadt Paris im Laufe der zwölf Monate. die der Entscheidung der Jury folgen ivcrden. zur Aufführung ge- bracht. Die Kosten dieser Aufführung dürfen die Sumnic von 20 000 Fr. nicht überschreiten und der Dirigent, der von der Stadt gewählt ivird, soll eine zweite öffentliche Anfführung deS preis- gekrönten Werkes veranstalten. Wenn da? Werk in dramatischer Form komponiert ist, wird der Autor die Art der Aufführung wählen können! entscheidet er sich für eine Anfführnng in einem Konzert, ohne Jusceniermig, so wird er 10 000 Fr. erhalten und die Stadt wird es in derselben Form wie beini ersten Fall nnfsührcn lasse»! wählt er dagegen eine Anfführung auf der Bühne, so wird er einen Preis von 5000 Fr. erhallen, und dem Bühnciidircktor, der den Auftrag erhält,.das Werk anfziiführen,»verde» 25 000 Fr. ausgezahlt. Außer der Vorstellung, die für die Stadt Paris rc- serviert bleibt, wird der Direktor wenigstens sechs öffentliche Vor- stcllnngcn veranstalten miissc». Die Jury wird ans 10 Personen gebildet, von denen vier von den Wettbelverb'ern und neun von dein Stadtrat crivählt ivcrden: der Seincpräfckt wird den Vorsitz führen, Die Partitur wird vollständig orchestriert sein müssen und ein Ans- zng fiir Klavier und Gelang soll besonders geliefert werden. Die Gesamtausgabe, die in dem Budget der Stadt für diesen Wettbewerb ausgesetzt ist, soll 42 000 Fr. betragen.— ■öiiiiioctftnrties. — Billig n n d gut. Er:„Was giebst denn Du zum Liebes- mahl in Eurem Kränzchen?" Sie:„Die Unterhaltung— ich gehe nicht hin."— — Pfiffig. Bekannter zum Variötö-Vesitzer: „Wie machen Sie's nur, daß Ihr Lokal jede» Abend gestopft voll ist?" „Ja. sehen Sie. ich lasse meine nnmoderneu Plakate immer neben einem hypermodernen der Konkurrenz ankleben. Durch dieses werden die Leute angelockt, können jedoch den Text desselben nicht cutziffer», lesen das meinige und kommen zu mir."— — Wandel. Im Hexameter träumt der Held von u n st e r b- l i ch e in!>i u h m e, Im Pentameter drauf ist er u u st e r b l i ch blamiert!— („Meggend. Hilm. Bl.") Notizen. — Der Goethe-Erklärer Heinrich D n u tz e r ist zu Köln a. Rh. im Alter von 83 Jahren gestorben.— — Norde nstjöld« Bibliothek ist von der II n i v e r- s i t ä t H c l s i n g f o r s für 200 000 Kronen angekauft worden.— — Georg H i r s ch s e l d ö iiciics Drama«Der Weg zum Li ch t" ist«ine Märchendichtnng in Versen; das Stück ist dem Deutschen Theater eingereicht worden.— —„Der Siege r", ein vicraktigcs Drama von Max Dreher, fand bei der AnMhruiig iin M ü n ch e n e r S ch a u s p i« l h a u s e eilic» bestrittenen Erfolg.— — S n d e r m n ii ii 4„Ehre" erobert sich ganz Frankreich! in Marseille errang das Stück kürzlich einen dnrchschlageiiden Erfolg.— — E i ii� Ausstellung b ö n Werken Engen B r a ch t s und seiner Schüler wird anfangs Januar im K ü n st l e r h a n s e eröffnet werden. An der AnSstellniig werden sich auch frühere Schüler Bracht» beteiligen: n. a. Oskar Frenz ei, Fcldinann und Deltiiiami.— — Die Eröffnung des P r rg a in o n- M n se um S erfolgt am Freitag.— — Die Rechtsanwaltskosten in der Baron Hirsckschen Nachlaßsache sAnftciluug der Stiftmigeii sc.) betrugen 300 000 K r o ii c»! sie fielen zwei Wiener Advokaten zu.— c. Auf der JahreSversauunlnng der Gesellschaft Barnnm u. B a i I e y wurde folgendes berichtet: Während des letzten Jahre» hat der Cirkns eine Tonriisc durch Oestreich, Deutschland, Holland und Belgien gemacht. Die Bnitto-Einnahmen betrugen nicht weniger als 5 924 900 M.. denen Ausgabe» von 4 503 000 M. gegciiiiber- standen. Das Jahr hat einen Ueberschuß von 1 373 080 M. gebracht. so daß die Direktoren eine Dividende von 10 Proz. auf ein Kapital von 8 000 000 M. bezahlen, 000 000 M. für die Kosten der Ein- richtnng des EirkuS in Paris bewilligten nnd 245 340 M. auf das nächste Jahr übertrugen. Die Zahlen zeigen, daß ans je 20 M. Eintritts- geld ein Reingewinn von 4.50 M. kommt.— Druck und Vertag von Max Snding in Berlin.