Mnterhaltungsblatl des Horwäns Nr. 247. Donnerstcig� den 49. Dezember. 1901 (N&chdmck verboten) 4] Der Fluvfchükz. Roman von Alfred Bock. Chnstine trocknete sich mit der umgekehrten Faust die Augen und starrte vor sich hin. Was lag an dem elend g schlechten Leben? Wenn sie's der Soldatcnkarline nachthat und ins Wasser ging? Es krähte ja doch kein Hahn nach ihr. Aber das Kind? Wer sorgte für das arnie Wurm? Der Raben- vater verleugnete es. Und bekam die Wandlern keine Mark- stücker mehr, behielt sie den Pflegling nicht im Haus. Wo traf man denn noch gutthätige Menschen? In Nimmer- stadt und Nirgendhcim. Es mar nichts mit dem Sterbens- gedanken. Aufreckt mußte sie bleiben. Sie hing an dem Bub, gab jeden Nickel für ihn hin. Zwar Mar er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber konnte er da- für? Und wenn er lachte, sah er so wunderlicb aus. Da bobbelte einem das Herz iin Leib. Ein heller Schein flog über ihr Gesicht. Nur einen Augenblick. Gleich übennannte sie wieder die Traurigkeit. Ein Weg stand ihr noch offen— der Weg ans Gericht. Nein, dreimal nein, den ging sie nicht. Sollte sie vor den Leuten ihre Schande erzählen? Das war ihr doch zu schamerig. Und peinigen thaten einen die studierten Herren mit ihrer Fragerei bis aufs Blut. Da ließ sich nichts ver- tuckeln. „Christine Wallbott, wie heißt Dein Vater?" „Ei nichts für ungut, ich weiß es nicht." Jetzt steckten sie die Köpfe zusammen. „Wie der Acker, so die Rüben!" Nun trat auch noch der Jakob auf. Herr Jesus im Himmel! Ihr Herz stand still. Und sollte doch gegen ihn sprechen und klagen. „Mit Verlaub, Ihr Herren, das kann ich nicht. Der Jakob weiß schon, wie's zugegangen ist." Und der Jakob leugnete rundweg ab. Ja freilich, es war kein Mensch dabei gewesen. Sie brachte vor Schrecken kein Wort mehr heraus. Und zog mit Schimpf»md Schande ab.— Akkurat so wär's gekommen. Sie atmete auf. Gott sei Dank, daß sie keins beschwätzt hatte, ans Gericht zu laufen. Armut macht mutarm. sprach das alte Fräulein aus der Mühl- gasse, das als Sonntags bei der Klemmrathen den Kaffee trank. Wer gab einer bettelarmen Dienstmagd recht, die nichts zu brechen und zu beißen hatte? In Elend und Dürftigkeit war sie aufgewachsen. Die Mutter gab ihr kärgliche Kost und knuffte sie mit der ge- ballten Faust. Die Prügelsuppe hätte sie verwunden, aber daß die Mutter kalt und warm aus einem Munde blies, das konnte sie nicht ertragen. Mit sechzehn Jahren kam sie auf den Heibertshäuser Hof, zuerst als Stallmagd, dann ins Haus. Des Bauern Aeltester strich um sie herum, sie hatte den Frechen abzuwehren. Doch hielt sie's dritthalb Jahre aus. Daun trat sie beim Lehrer zu Velda in Dienst. Da hatte sie lauter gute Tage. Bei freundlichem Zuspruch schaffte man gern. Am Sonntag gab ihr der Lehrer Bücher. Da standen kuriose Sachen drin. Verstand man davon auch nicht viel, so hatte mau doch was Gescheites in der Hand und dossclte nicht ungedanksen hin wie das Vieh. Bei dem Lehrer war' sie ihr Lebtag geblieben. Der krag aber eine Stelle in Starkenburg, und nnt dem guten Dienst war's vorbei. Nun vermietete sie sich in die Stadt, als Spülmagd in die„Goldene Gans". Da machte sie mit dem Jakob Bekanntschaft. Der stand sell in der Leibcompagnie und war soweit ein manierlicher Bursch. Zuerst kam er ans Küchenfenster und erzählte Späße vom Militär. Das könnt' mau sich schon gefallen lassen. Dernacher sagt' er: „Horch zu, Christine. Du stehst da in der barbarischen Hitz'. Du mußt Dich draußen verkühlen. Wir wollen ein bißchen spazieren gehn." Das war ihr recht. So gingen sie in der Abendzeit. Sie dachte sich weiter nichts dabei. Nur daß die Leute sprachen: Das ist Dein Schatz. Jetzt war eine Soldatenfeier. Da wurde in der Kaserne mächtig getanzt. Er drangsalierte, sie sollte doch auch mitmachen. Sie schlug's ihm kurzweg ab. Um alles in der Welt hätte sie da nicht nntgehopst. Da ging's ja zu als wie in der Türkei. Da traute kein besser Mädchen sich hin. Nun hatte er auch die Lust verloren, blieb bei ihr in der Küche sitzen. Das Anhängliche that ihr wohl, sie hatte noch nicht viel Liebe erfahren. Und sie schwätzten und schwätzten bis in die Nacht. Ihr war so eigen und so wohlig zu Mut, und sie meinte nun selber: er ist dein Schatz. Sie hätte ihm sell gern was Gutes gekocht, er nahm aber keinen Bissen an. Er wollte Partu nur bei ihr sein. Auf einmal hatte er sie auf dem Schoß und herzte sie, daß ihr der Atem ver- ging.-- Das Hütt' sie selbigmal nie gedacht, daß man einen» Menschen so gut sein könnt'. Dazunial sang sie: „Mein Schatz ist kein Zucker. Was ln» ich so froh. Sonst Hütt' ich ihn gessen, Jetzt Hab' ich ihn no I" „Hei! war das ein Gepisper und ein Gedutschel, der Abend hätt' dreimal so lang sein dürfen. Und was der Jakob für Anschlg' hatte. Erst wollt' er von den Studierten was profitieren, daß er vornehme Häuser ausmalen könnt', dann wollt' er sich in Frankfurt niedersetzen mit seinem eignen Geschäft. Und die Bestellungen regneten herein. Vor lauter Arbeit that er verzwatzeln. Und Geld war da wie Heu. Seine Sprach' war, sie sollt' nur ihre Gedanken drauf richten, was sie später für ein schönes Leben hätten. Wenn man jetzt dadrüber simelierte, wie schnell die eit vergangen war, man wurde weiß Gott ganz durmelig. h' man sich's versah, kam der Jakob von den Soldaten los und machte fort ins Rheinische. Sie hatte den ganzen Sominer geweint. Nicht bloß,>veil sie von einander gehen sollten. Sie mußte ohnehin ihren Dienst verlassen. Es war hohe Zeit, daß sie bei der Mutter Unterkunft suchte. Die ließ sie aber schön anlaufen, schwur Stein und Bein, sie leide kein so verliederlicht Weibsstück im Haus. Und das war grausam schlecht von ihr, wo sie's doch selber durch- gemacht hatte, in so einem Stand allein zu sein. Der Hart- herzigen gab sie keine guten Worte, ging stracks wieder in die Stadt zurück und kam mit der Wandlern übereil», daß sie bei der ein ruhiges Plätzchen fand. Martini war das Bubchen da, ein schnegclfettcr hübscher Kerl. Alleweil war das Kostgeld aufzubringen, und sie verdingte sich als Amme beim Hauptmann von Effenberg. Da schenkte sie einem armseligen Kindchen die Milch. Die gnädige Frau kränkelte so hin. Der Hauptmann war ein halber Sparrekaspar I Der dätschelte sie und sagte, sie sollt' ihm zu Willen sein, der Maßmann. sein Blirsch, der thät' für alles aufkommen. Sie ließ sich aber nichts gefallen. Ueber'n Jahr krag das Hauptniannskindchcn die Krämpfe und starb. Gerad' suchte die Klcmmrathen eine Magd, da nahm sie von der den Mietpfeunig an. Bei den Väckerslcuten gefiel's ihr ganz gut, sie hatte für sich und ihr Bubchen genug. Manchmal vergaß sie den nagenden Kummer, denn man konnte nicht immer den Kopf hängen lassen, die Menschen wollten kein Motzgesicht.— Wie der Blitz hatte sie die Nach- richt getroffen, daß der Jakob vorgcst' durchpassiert ivar. Insgeheim hatte sie doch noch auf ihn gehofft. Jetzt wußte sie's, er war ewig hin.— Draußen hörte man jemand über die Stcinflicfcn schlurfen. Das konnte wohl die Klenimrathen sein. Christine stand auf und stellte ihre Töpfe zurecht. Die Thür ging auf und die Schnappersgritt trat herein. Christine schlug die Hände über den Kopf zusammen. „Herr Jesses. die Wäs!" „Ja. gelte. Du guckst." „Nu sag' ich nix mehr. Wo kommst Du dann her?" „Ei. diesen Morgen von Eschenrod." „Wie geht Dir's dann. Wäs?" „Wie soll's gehn! Wann mau alt ist.„hat mali alsforl zu krecksen." „No. WäS, Du trinkst doch ein Schälchen Kaffee?" „Jawohl, ich sein Dir Halbverftoren." Christine bediente flink die Wäs. Die Alte schlappte den wärmenden Trank»md tunkte drei mürbe Weck darin ein, Während dieser heiligen Handlung— als solche gilt den Bauern das Essen— sprach sie bei Leib und Leben kein Wort. Erst als sie Hunger und Durst gestillt, stand sie ihrem Schwesterkind tvieder Rede. „Was gicbt's dann Neues in Eschenrod!" „Nix daß ich wüßt'." „'s ist eine Ewigkeit, daß ich keins aus Euerm Ort ge- sehn Hab'." „Wir liegen halt abseit." .>Ja. ja." Die Alte wischte sich die Nase mit der Schürze. „Wa8 ich sagen wollt'? Es sterben etz viel Leut' bei uns." „Atrat wie in der Stadt. Das macht die Jnfallenza." „Die borige Woch' hat der Knochenmann unserm Flur> schütz seine Frau geholt. Und war erst sechsundbierzig." „So, so, dem Flurschütz seine Frau." sagte Christine schein- bar gleichgültig. „Und dessentwegen wollt' ich einmal mit Dir sprechen," packte die Gritt nun aus. Christincns Augen hefteten sich starr auf die Alte. „Dessentwegen ivillsi Du mü mir sprechen?" „Ja freilich. Als Witmann ist der Flurschütz übel d'ran. Sein Bub' ist aus der Wanderschaft und stößt sich die Hörner ab. No will er seine Sach' in Ordnung haben. Die Aecker hat er zwar berlchnt. Derweil' giebt's im Haus und im Garten noch genug zu schanzen' Bon Vieh stellt er nix ein. höchstens ein paar Ferkel Den Tag über geht er in die Ge- markung. Etz sucht er eins, wo Verlaß drauf ist. Und wie ich mit ihm dadrüber schwätz', fährt mir's durch den Kopf, das wär' justement ein Platz für Dich." „Und hast ihm das borgcstellt?" fragte Christine mit bor Erregung heiserer Stimme. „Das bersteht sich," schmunzelte die Alte.„He hat erst gemeint, wann eins in der Stadt ist, geht's nicht mehr aufs Land." Das kommt drauf an, Hab' ich gesagt, für Geld und gute Wort' kann man alles haben. No, spricht er. hundert- fufzig Mark und ein Christkindchen thät' er ausgeben. Etz überleg' Dir's, Christine. Kriegst Du den Dienst in Eschen- rod. sitzt Du wie die Katz' auf dem Speck. Der Flurschütz ist noch in guten Jahren und gilt im Ort als bermöglicher Mann. Ja, Du bist doch auch nicht bon Dummbach." Christine bastelte an ihren Schürzenbändern herum und sagte die Augen niederschlagend: „Du hast keine Gedanken daraus gehabt, Was, ich gehör' doch bei mein Kind." Die Schnappersgntt erhob sich behebt. „Christine. Du mußt wissen, was Du thust. Ich mein', Du machst nach Eschenrod und das Kind bleibt wo's ist. Und wann Du Sonntags als nach dem Schnuckeschen guckst, legt Dir der Flurschütz nix in den Weg." Die Alte humpelte hinaus, in der Stadt ihre Geschäfte zu besorgen, bersprach aber, gegen Mittag tviederzukommen. Christine lies mit hochrotem Gesicht in ihre Kammer, aus der Kammer in die Küche und hatte schier den Kopf berloren. Draußen läuteten die Glocken den Gottesdienst ein. Un- willkürlich holte sie ihr Gesangbuch herbei. Darin stak das Buchzeichen, das ihr der Lehrer zu Velda geschenkt hatte. „Ich log in schlvcren Bonden, Du kommst und machst mich los, Ich stund in Spott und Schondcn, Du kommst und machst mich grotz." Seiidem sie der Jakob im Stich gelassen hatte, hatte sie einen wahren Zorn auf den Herrgott gehabt, weil er ihr das angethan. Offenbar sah er die Sache jetzt mit andren Augen an, denn er hatte ihr in ihrer Herzensangst die Schnappersgritt geschickt. Das war gar tröstlich. Da wurd' es einem leicht, wieder fromm zu werden. Und dankerfüllt faltete sie die Hände um ihr Gesangbuch und sprach wie betend bor sich hin: „Lieber Vater im Hinimcl. ich sein dir ganz bcr- zwerbelt gewest, dieweil du dich gar nicht mehr um mich gekümmert hast. Du mußt, scheint's, gedacht haben: was die Christine sich eingebrockt hat, soll sie auch ausessen. Mein! ich sein zu dem Kind gekommen uud weiß nicht wie. Sonst hast Du mir doch gar nix borwerfen können. Und ich Hab' als gelurt und gelurt. Du follt'st einmal dreinschlagen und dem Jakob den Kopf zurechtsetzen. An was soll man dann glauben, wann einer einem armen Mädchen so mit- spielen darf und dcrnacher nix mehr bon sich hören läßt? Ja und dessentwegen sein ich in keine Kirch' niehr gegangen. Etz seh'n ich aber doch, daß der Lehrer zu Velda recht behält. Ter hat als gesagt: Gott grüßt manchen, der ihm nicht dankt. DaS hätt' ich nur nichr träumen lassen, daß ich noch einmal als Magd zum Jakob seinem Vater kommen thät'. Lieber Gott, das hast Du so eingericht'. No, ich werd Dir keine Schand' machen. Und arbeiten will ich, wann's sein muß, für zwei. Etz möcht' ich nur für niein Leben gern wissen, wie Du Dir das alles ausgeklugt hast, wo der Flurschütz doch kein Arg bon nix hat und ich nicht als Heiniducksern dasteh'n will. Stät, stät! sprichst Du, wer fällt dann gleich mit der Thür ins Haus? Ich denk' akrat, wie Du, lieber Gott. Ich mein' so: ich thu'n ebenst meine Arbeit und sein murestill. Der Jakob strunzt nicht ewig herum. Auf einmal kommt er wieder heim und macht Augen so groß wie zwei Teller. Etz hol' ich flink daS Bubchen bei. Und wie das„Babbe, Babbe l" ruft, da geht's dem Schlechtkopp doch an die Nieren. No hört sein Vater, wie's zugegangen ist. Ja so berschmäh kann he nicht sein, daß er gegen Dein' heiligen Willen ist. Wann er auch erst ein wink unschier thut. dernach giebt er sein' Segen und richt' die Hochzit. Gelle, lieber Gott, so hast Du's bor? Etz merk' ich erst, wie gut Du bist. No bringt mich auch nix bon der Kirch' mehr ab. und die ander' Woch' nehm ich das Abend- niahl. Amen!" iFortsetzmig folgt.) (Nachdruck verdotcu� In dev Avboiksptnbe. Von R. L e o n t j e>v. fSchluß) Alles in der Arbeitsshibe erstarrt, wird still wie vor einem Siurm. Nur das Weinen Alijutkas ist zu hören. Sie sitzt auf einer niedrige» Bank im Winkel, ganz behängt mit den weißen Säumchen. Vorsichtig trocknet sie ihre Thranen damit die Arbeit nicht schmutzig tvird. Plötzlich fliegt wie ein Sturmwind die Prinzipalin in die Stube. Im schivarzeu, festgeschnürten Arbeitskleid sieht sie ungleich anständiger aus. als am Morgen; in der rechten Hand hält sie die unglückselige Rotunde. „Da, ergötzt Euch daran I" zischt sie mehr, als sie spricht, indem sie die Rotunde mit dem Pelz nach unten auf den großen Arbeits- tisch der TaillennäHcriiine» wirft.„Solch ein teurer Gegenstand verdorben! Ganz und gar verdorben! Rücken, Schultern... nicht eine ganze Stelle in- Plüsch! Was soll ich blos thun? Was soll ich blos der Kundin sagen? Wer hat die Heftfäden ausgezogen? Anjutka. Du? Uud warum haben Sic nicht aufgepaßt? Sie sind die älteste Arbeiterin I Sie haben die Verpflichtung... I Na, mit- wortc doch irgend jemand I Warum schweigt Ihr' alle? Habt Ihr Wasser ini Munde, wie?" „Wir haben genug mit«nsrer eignen Arbeit zu thun und können nicht auch noch die Lchrnüidchen beaufsichtigen. Wer konnte ahnen. daß sie nicht einmal tveiß. wie man Heftfäden aus Plüsch auszieht? Fragen Sie sie doch selbst, warum sie so ausgezogen hat? Sie Ivolite Heftfäden sparen, die Fäden sollten ganz bleiben I" sagt leise und erbost, ohne sich dirckl an die Prinzipalin zu wenden, ganz blaß vor Schrecken, die Arbeiterin Sascha, die am Abend vorher Anjutka die Rotunde gegeben hat. So, so I Daun bin ich wohl allein daran schuld, und Sie und überhaupt Ihr alle gar nicht!... Du denkst villcicht, das wird Dir so hingehen, Anjutka? Ein so teures Stück... viele hundert Rubel... verdorben. Denkst, das schadet nichts! Weinst!! Als wenn das was helfen soll I Na wart', ich hole die Polizei I" � „Verzeihen Sie!.. Ich w... wußte»irbt... Immer hat man... mich so gelehrt... und ich bemühte mich.. daß die Hcitfädcn ganz bleiben I" sucht Anjutka sich unter Thränen zu recht- fertigen. „Schweig I" schreit das wütende Weib, holt aus und läßt die Hand schwer auf die Schulter des unglücklichen Mädchens fallen. ivelchcs unter diesem Schlage zusammenknickt.„Mach' nnch nicht raseiid 1 Danrit die Heftfäden ganz bleiben, verdirbt sie solch ein teures Stück! Ach, ich werde ivahrhaftig noch ganz verrückt!" „Vielleicht kann man's ausplätten? Wir haben das schon mal gemacht, uud es wurde ganz gut! Wenn es erst glücklich aus dem Laden heraus ist.. Sotvie die Dame es einmal bei Frost trägt, hebt sich der Plüsch und wird wieder wie neu," schlägt die älteste Arbeiterin furchtsam vor.„Die Rotunde kann ja gegen abend weg- geschickt werden, dann bemerkt man es noch weniger." „So? Glauben Sie? Na meinetivegen: versuchen Sie, was Sie ivollen. Ich komme gleich wieder." Kaum hat sich die Thür hinter der Prinzipalin geschlossen, als ein großer Teil der Arbeiterinneu sich auf die Rotunde stürzt. „Ach, ach, aber auch so zu bemerken! Nein! Ich glaube, daS wird sich nicht ausplätten lassen. Der Plüsch hat sich zu sehr gelegt I Uud dazu noch hellblau! So zu bemerken. Na, das ist'ue nette Geschichte!" entsetzen sich die Arbeiterinnen, indem sie sich tief über die Rotunde beugen. „Na, Anjutka, da hast Dil mal Ivas Schönes angerichtet! Sie wird Dir schon geben: Dein ganzes Leben lang wirst Dn daran denken!" „Vielleicht muß ihre Mutter den Schaden ersetzen?" „Selbstverständlich 1 Wer die Schuld hat, muß den Schaden ersetzen," Mit offenem Munde, mit vor Schreck erweiterten Pupillen Hort Anjutka zu, während dicke Thränen ihr in den Augen stehen. Plötzlich als alle sich noch um den Tisch drängen, legt sie hastig ihre Säume auf dem Bänkchen zusammen und schleicht leise ans dem Zimmer. „Und unsere Arbeit? Soll die sich etlva von selbst machen? Ist das Verstand, was?" erinnert sich zuerst die älteste Arbeiterin. „Katka, Nadja, macht mir den Tisch zum Plätten rein! Bringt'ne Tasse Wasser und ein nasses, reines Handtuch l Seht nach dem Plätteisen, dast es bald glühend wird! Aber etwas fix I" Sie erteilt ihre Befehle und breitet die Rotunde auf dem Tisch ans. Einige Minuten später ist alles fertig, und die Arbeiterin be- ginnt ihr Werk. Nachdem sie die Enden des nassen Handtuchs zwei Lehnnädchen zu halten gegeben hat, die es ganz straff über der Rotunde anziehen müssen, führt sie das glühende Eisen über das Handtuch und verfolgt ängstlich die Wirkung des sich entwickelnde» Dampfes auf die verdorbenen Stellen im Plüsch. Als nach zwei bis drei Touren des Eisens über das Hand- tuch letzteres trocken geworden ist. feuchten die Lehrmädchen es wieder reichlich an, wechseln das Plätteisen gegen ein heijjeres um, uud alle drei setzen die Arbeit fort, bis die ganze Rotunde bearbeitet ist. Als Lisa zwei Stunden später den Plüschmantel einem Lehr- mädchen umhängt und sorgfältig das Resultat ihrer Bemühungen prüft, erhellen sich ihre Züge. „Na seht mal, Herrschaften I Nicht wahr, schon viel besser? Jetzt sind die verdorbenen Stellen kaum noch zu bemerken... Na, Anjutka. freu' Dich I Geh schnell, rufe Henriette Ludwigowna l Dir wird nichts passieren I... Wo ist sie denn?" fragt plötzlich Lisa, als sie Anjutka nicht in der Arbeitsstube erblickt. „Ja �wo steckt sie eigentlich? Die ganze Zeit, während wir plätteten, habe ich sie nicht gesehen." „Hat jemand Anjutka fortgeschickt? „Nein, ich glaube nicht. Sic hat hier die Säume genäht, da liegt ja noch ihre Arbeit! Wahrscheinlich ist sie hinausgegangen und wird gleich wieder kommen." „Dann laus Du. Manka, in den Laden nach Madame. Sie möchte unsrc Arbeit sehen kommen," sagt die älteste Arbeiterin. „Gott sei Dank, dafi es noch so abgegangen ist I" seufzt Sascha. „Wirklich, viel besser geworden I Kaum noch z» sehen! Ich habe mich aber nicht schlecht erschreckt... Hab' ich denn Zeit, auf das Lehrmädchen aufzupassen, wenn einem hier das Feuer auf den Nägel» brennt... Man vergißt alles..." „Still I Madame kommt I" „Na also, wie ist's? Zeigt mal! Hat's geholfen?" fragt eilig eintretend die Prinzipalin. „Ja. ich glaube, es geht. Seh'n Sie doch I" „Hm hm I Es geht. Aber Sie müssen noch einmal plätten. So kann ich mich noch nicht entschließen, es abzuschicken. Besonders hier in« Rücken, an der mittlere» Naht, ist noch ziemlich viel zu sehen, da muß noch einmal geplättet werden! auch vorne, wo der Kragen endigt, bis ganz nach unten am Saum der Rotunde, da ist auch noch stärk zu sehen," sagt, mit de» Fingern ans die bezeichneten Stellen iveisend, die Prinzipalin.„Na, Anjutka, noch glücklich ab- gelaufen I... Wo ist sie denn?" „Einen Augenblick ransgegangen." „Beeilen Sie sich, beeilen Sie sich.... Machen Sie schnell I" Und die Arbeiterin beginnt ihr Werk von neuem. „Herr Gott im Himmel I Solch' ei» Unglück I... Ein Unglück Wo ist Madanie?... Ach mein armer Kops!..." brüllt ans voller Kehle die Köchin durch die geöffnete Thür der Arbeitsstnbe. Die ganze dicke Figur ist in Aufruhr. Ihre Haube ist auf die Seite gerückt, uud ein Büschel rötlichen Haares fällt ihr auf die Stirn. Die runden, kleinen Augen scheinen aus den Höhlen heraus- zuquellen. „Was? Was ist denn los? Brennt's?" fahren die Arbeiterinnen Von ihren Plätzen in die Höhe und stürzen in die Küche. „Was giebt's hier? Wohin, wohin ivollen Sie?" erklingt die zornige Stimme der eintretenden Prinzipalin. „Madanie, Madame! Schnell, schnell l Im Stall... die An- jutka, Anjutka hat sich aufgehängt!" „Was? Hat sich aufgehängt? I Gott, solch' eine Strafe!" „Ich gehe in den Stall nach Kohlen, und da hängt sie im Winkel, schon ganz blau I" „Anjutka hat sich aufgehängt? Anjutka? Die Aermste!" ertönt es ans der Mitte der Arbeiterinnen, die sich auf einen Haufen zu- sammendrängen. „Das ist der Rotunde wegen, nur darum I Hat Furcht be- kommen I Ja, wie soll sie auch nicht Furcht bekommen, wenn Madame ihr so bange niacht l Und wir alle sind auch schuld! Stehen bei der Rotunde: ach I uud oh I Hätte noch'ne ganz andre als Anjutka Furcht bekommen I Und sie war immer so schnell eingeschüchtert, so leicht verletzt!" „Die Aermste I"... Im Stall, unter einem alten, verrostete» Nagel, hängt Anjutka, 'mit den Füßen beinahe den Boden berührend. Das kurze Röckchcn reicht nicht bis zu den Knien und läßt die blaitgelvordenen mageren Leine sehen. Traurig blickt ihr fast noch kindliches Gesichtchen, von spärlichen blonden Haaren umrahmt. Polizei ist nock nicht da, nur der älteste Hausknecht geht schweren Schritts im Stall hin und her, ohne jemand zu erlauben, den Körper zu berühren, und selbst nur von Zeit zu Zeit ängstlich hinblickeud. „Der Polizeilieutenant I Schutzleute konrnien! Polizei kommt!" geht es durch die Menge, welche Platz niacht. Nach Aufnahme des Protokolls, zu welchem alle Arbeiteriuuen mit Madame an der Spitze antreten müssen, wird der Körper der Selbstmörderin abgenommen und auf eine breite Bank gelegt. „Wird sie lange hier bleibe»? Wann holt man die Leiche ab, Herr Lieutenant?" fragt bittend Madame. „Gleich, gleich, Frau Jlitschkin. Ich habe schon nach dem Wagen geschickt," sagt angenehm lächelnd der etwas geckenhafte Lieutenant. „Ich verliere einen ganzen Tag Arbeit, und die Zeit ist vor dem Fest sehr kostbar, wie Sie ja wissen." „War das Mädchen eine Waise? Hat sie keine Verwandten?" „Da! Da ist die Mutter! Macht Platz I Ach wie vergränit sie aussieht!" flüstert's in der Menge. Laut jammernd fällt eine reinlich gekleidete, ältliche Frau vor der Selbstmörderin nieder. Lange bemüht sich der Lieutenant ver- gebcns, sie von der Leiche fortzubringen, um mit ihr das Protokoll aufzunehmen. „Kinderfrau... Ich bin Kinderfrau beim Direktor der fran- zösischen Bank." antwortet sie unter Thränen.„Ach Du mein armes Waisenkind, warum hast Du mich Verla— äffen? l Du warst mein einziger Trost! Mein armes Vögelchen, mein armes Vögelchen l Ins Unglück haben sie mein Töchterchen gestürzt, das arme Wurm I... Ach, ach, ach!" schluchzt sie, sich vor der Leiche ans der Erde windend. „Laß sein. Tantchen, laß sein I Da ist nichts mehr zu machen. Die Leiche muß fortgeschafft werden!" versucht ein Schutzmann sie in die Höhe zu richten. „Was? Fortschaffe»? Wohin? Abwaschen muß man sie!" sagt die Frau erschreckt, am ganzen Leibe zitternd. «Nein, Mütterchen I Jetzt kommt sie erst nach der Anatomie; wenn Du sie von da rausbekommst, kannst Du sie begraben, wie Du willst." „Ich werd's, ich werd's l Meine Herrschaft wird-für mich ein- treten I Nicht fortbringen... nicht I" beginnt sie von neuem zu schreien. „Hier bleiben? Auf keinen Fall I Was fällt Ihnen ein? Ich habe'ne Arbeitsstube, ich erlaube nicht, daß sie hier bleibt! Schon genug Unruhe ohnedies!" bemerkt Madanie streng, indem sie den Lieutenant anblickt. „Angefaßt I Da ist weiter nichts zu reden I Wenn sie's erwirkt, die Papiere bekommt, mag sie die Tochter begraben," bemerkt an- treibend der Lieutenant. Und ohne auf das Schreien des Weibes zu achten, tragen die Schutzleute den Leichnai« in den Wagen. Langsam zerstreut sich die Menge. Einigen stehen die Thränen in den Äugen; ander» thut es leid, daß das Schauspiel schon zu Ende ist. daß man von neuem zu der Arbeit zurückkehren mutz. Traurig gehen die Arbeiterinnen, eine nach der andern, in die schon ganz dunkle Werkstatt. Viele von ihnen weinen aufrichtige Thränen; jede sieht im Geiste die eignen Lehrjahre, da sie auch mehr als ein- mal hat zum Strick greifen wollen.— Wieder ergießen die Lampen ihr gelbliches Licht, wieder hämmern die Nähmaschinen ihren rhythmischen Takt. Und ivieder werden die Arbeiterinnen bis in die späte Nacht hinein arbeiten, bis zur voll- ständigen Erschöpfung aller ihrer Kräfte.— Kleines Jfcuillekon. ck. Witz und Humor drr Kinder. Ucber„Kiuderwitz" bringt die„New Liberal Review" einen Artikel von Dr. Maonamara, der zu diesem anziehenden Thema eine Reihe neuer Beispiele bringt. So erzählt er folgendes: Als Mrs. B. Mrs. A. besucht und von ihr mit überschwenglicher Verzückung empfangen Ivorden ist, macht sich der kleine Tommy A. an Mrs. B. heran' und fragt:„Wohnen Sie in einem hübschen Zimmer?"«Was für eine merkwürdige Frage, warum fragst Du danach?" erwidert Mrs. B. Tommy antlvortet: „Als Sie den Garten herauskamen, sagte Mama, daß Ihr Zimmer besser als Ihre Gesellschaft wäre." Folgende Definition einer Lüge war wahrscheinlich die Frucht einer guten Erfahrung:„Eine Scvändlichkeit in den Augen Gottes, aber eine augenblickliche Hilfe in den Zeiten der Not." In der Vogelkunde sind Stadtkinder keine Sachverständigen, aber es ist doch zu viel, wenn sie erklären, daß unsre„gefiederten Freunde"„Engel" und„Rote Indianer" sind. Einige Kinder wissen jedoch etwaS über Vögel, wie folgende Anekdote zeigt:„Als der Lehrer zum zweitenmal die Geschichte von Jakobs Traum durchnimmt, fragt ein Knabe:„Warum gingen die Engel die Leiter empor, da sie doch Flügel haben?" Der durch diese Frage in die Enge getriebene Lehrer fragt nun:„Kann einer von Euch die Frage vielleicht be- antwortend" Darauf meldet sich ein andrer und sagt:„Weil sie in der Manserung waren".„Wer hat die Welt geschaffen?" fragte einst ein Inspektor in einer Klaffe sehr kleiner Knaben. Keine Ant». wort. Mekreremale iviedcrholte er seine Frage und wurde immer eindringlicher. Schlichlich schluchzte ein armer kleiner Kerl, indem er seine Augen kräftig mit seinen Knöcheln bearbeitete:„Ich bin es aber nicht geiv'esen." Auch folgende Geschichte ist sehr hübsch:„Warum geht die Sonne niemals in den englischen Be- sitzungen unter?" fragt der Lehrer.„Weil die englischen Besitzungen im Norden, Süden und Osten liegen und die Sonne immer im Westen untergeht." Originell sind auch folgende Definitionen: Das Zebra ist ivie das Pferd, nur gestreift, und wird hauptsächlich ge- braucht, um den Buchstabe» Z' zu illustrieren.— Die Heirats- gebrauche bei den alten Griechen ivaren. dost ein Mann nur eine Frau heiratete, und das nannte man Monotonie.— Glaube ist jene Eigenschaft, die uns befähigt, das zu glauben, wovon wir wissen. daß es unwahr ist.— Das Parlament ist der Ort, wo sie nach London gehen, um über Birmingham zusprechen.— Eine beschränkte Monarchie ist eine Regierung durch eine Monarchie, die im Fall eines Bankrotts für die ganze Nationalschuld nicht verantwortlich wäre. Im Privatleben hat man dasselbe bei einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung.— Ein Ketzer ist jemand, der niemals glauben wollte,>vas man ihm sagte, sondern nur. nachdem er es mit eignen Augen gesehen oder gehört hatte.— Eine Interjektion ist ein Ge- schrei oder Gekreisch von einer Person, die zu überrascht oder erschreckt ist, um mit ihren Gedanken einen Satz zu bilden. Es ist nicht ganz eine menschliche Sprache. Die niederen Tiere sagen nur Jnter- jektionen. Infolge dessen nähern sich bösartige und ärgerliche Leute sehr den Tieren.— Ei» Bacnum ist ein in eine Schachte! geschlossenes Nichts. Man kann die Luft auspumpen. Wenn alle Luft und alles sonst ausgeschlosien ist, kann man natürlich dort, Ivo vorher die Luft war, nichts einschließen.— Das Kind, das folgende Anweisung gab, um ein Zimmer auszufegen, war wahrscheinlich als Hausniädchcn für einen gelehrten Mann' geschaffen:„Mau bedecke die Möbel mit Staubbezügcn. streue feuchte Theeblätter auf den Teppich, fege dann das Zimmer sorgfältig in die Müllschaufel und werfe es ans dem Fenster."— Musik. Wenn man nach Aussichten ans eine Weiterentwicklung der Kunst- form der Sinfonie sragt, so werden neben solche» länger anerkannten Namen, wie denen eines Brahms, Draesekc u. A., ganz besonders Bruckner und. als dessen Nachfolger, Gustav Mahler genannt. Mahler. ein Operndirektor, wie er uns tu Berlin ausgerechnet fehlt. der führende Geist der Wiener Oper, ist bei uns bereits durch einige Orchestcrlieder eingeführt, die ein alt- volkstümliches Gepräge mit modernem Raffinement verbinden. In der neueste» Musikgeschichte ist er vornehmlich durch drei Sinfonien eingezeichnet. Die 1. wurde 1891 gebracht und ist romantisch pastoral; die 2. kam 1893 und enthält im Finale Chor und Soli(„Auf- ersteh». ja Anferstehn"), dadurch an Beethoven nnd Berlioz anknüpfend! die 3. ist von 1896 und wird als Prograinmmnsik bc- zeichnet. Die 4. wurde am letzten Sonntag und Montag hier zum erstenmal aufgeführt, im Konzert des„B e r l i n e r T o n l n n st I c r- Orchesters" sR. Stranß-Uonzert) und zwar unter des Komponisten persönlicher Leitung. Sie ist kurz gesagt das Aenßcrste, was wir bisher an moderner Behandlung der Kompofitioustechnik gehört haben, und wurde nnd wird denn auch„nach Roten" zusammen- geschimpft. Zur Bequemlichkeit der kritischen Stimme» wäre es wohl praktisch gewesen, Neudrucke zn veranstalten nnd zu verteilen von den Urteilen, die seiner Zeit über Mozarts und besonders Beethovens Kühnheiten vorgebracht wurden. Ulibischcffs Entrüstmigen über Beethoven könnten da wieder ausleben. Dürfen wir den Eindruck, den uns jenes eigenartige Werk machte, bereits nach dem einen Hören zusammenfassen, so ist es folgendes: Wie Beethovens 7. Sinfonie eine„Apotheose des Tanzes" genannt wurde, mag es auch Mahlers 4. Sinfonie werden. Man stelle sich all das vor, waS man sich bei der Erinnerung an alte süddeutsche Tanzweisen, an den„lieben Angustin", an Schuberts und Bolkmanus, aber auch an Bruckners östreichische Stimmungsbilder vorstellen kann! man denke sich das alles ausgedrückt von einem Komponisten, der über alle modernen Mittel der Polyphouie und Instrumentation verfügt und mit seinem Können virtuos spielt, bald schmeichelnd, bald verblüffend, bald lockend, bald lassend, meist graziös schwebend, oft von gewaltigster Größe, stets originell; und endlich das Ganze ausklingend in ein Sopransolo-Lied aus des„Knaben Wunderhorn' von den himmlischen Freuden der Englein: dann hat man eine kleine Ahnung von der großen Mahlerei. Der neue Opccnstcrn. Fräulein ThilaPloichinger, sang das Soprausolo. Es war wirklich eine Freude, eine solche Stimme in der Ausführung einer solchen Aufgabe zu hören. Was uns ganz besonders beachtenswert erschien, ist dies, daß wir hier, nährend sonst gute Töne der Höhe meist nur von den mehr lyrischen Sopranen mit den zarleren Stinuncn zn hören sind, solche Töne von der breite» Fülle einer dramatischen Stimme zu höre» be- kanien.— Frl. Piaichinger sang außcrdein drei Lieder mit Orchester- beglcitung von Hugo Nösch. also eine Musikgattuug, die an sich schon mehr Pflege verdient, als ihr bisher in den gewöhnlichen Konzerten mit dem Klaviergesang und mit den herausgerissenen Opernarien zu teil wurde. Rösch hat sich bereits— erst Rheinberger- Schüler. dann auf verschiedentlich!:» Gebieten der Musikp siege thätig. und ein Hauptgründec der„Genossen- schaft deutscher Komponisten"— durch Ehorlicder und durch Musikschriftstellerei in modernem Sinne einen Namen gemacht. Jene Lieder entfalten nicht etwa eine Mahlersche Originalität und erinnern an manches bei Schumann und bei Liszt. Aber an Innigkeit deS Ausdrucks stehen sie ganz be- deutend da; und dies fühlte wohl auch das Publikum, als es das erste(„Und Hütt' ich nie gesungen") zur Wiederholung begehrte. Noch einmal Möhler! Gleich Bruckner zeigt er eine Kunst der Stimmführung, die allein schon eine Mißachtung verwehrt. Auch seine Justrumentationskunst, wohl noch über Bruckner hinausreichend, erzwingt sich Anerkennung. Heikler steht es mit seiner Beherrschung des formalen Aufbaues. Wie dieser schon bei Bruckner, vielleicht geradezu durch einen Studienmangel, hinter seinen übrigen Fertig- Feiten zurückbleibt, so scheint es auch bei Mahler zn sein. An die Stelle der gewohnten Forme» der regelmäßigen Gliederung, Wieder- holnng usw. tritt ein anscheinendes Chaos. Indessen:„Wollt Ihr nach Regeln messen" usw. Also heißt es nach eigenen Regeln des Neuen suchen, lind da tritt aus dem einen flüchtigen Eindruck der Mahler- scbcn Sinfonie wenigstens das eine Princip hervor: das Festhalten von Grundmotiucn, Gnmdssimmnngen durch die diversesten innsi- kalischen Reden hindurch, das stete Zurückkommen auf das Eine in den buntesten Wandlungen. Das gehört eben zn MahlerS eigner Sprache. Und wer eine solche spricht, nicht stammelnd, sondern mit einem sei es auch ins Akrobatcnhnfte gesteigerten Können, der muß uns schon deshalb willkommen sein. In diesem Sinne ist unS auch R. Strauß willkommen, sogar mit jener nach dem eigentlichen Zu- samnienhang iniverstäudlichcn Licbesscene für Orchester allein, ans seiner neuen Oper„Feuersnot", die damals ebenfalls auf- geführt wurde. Wer eine eigne Sprache spricht, wird verschimpft, und wer eine fremde spricht, kann meistens auf diese gefährliche Ehre verzichten. Heinrich Reinhardt redet die alte, überall gehörte Sprache der Wiener Operette mit den unsagbar verbrauchten gewöhnlichen Melodiewcndimgcn. Seine Operette„Das süße Mädel" ist kein süßes Mädel,„das in seiner besten Laune der Herrgott g'schaffcn hat"— wie es in dem Hauptschlagcr darin heißt. Sie hat. abgesehen von der typischen lllkunterhaltnng. die sie gewährt, das Verdienst, den besserer Aufgaben würdigen Künstlern des Central-Thcatcrs Gelegenheit zn dankbarem Spiel und zn manch' ausdrucksvollem Gesaugsvortrag zu geben, im„kleinen See" und in dieser oder jener sonstigen Stelle. Einmal erhebt sich der Komponist z» etwas Bemerkenswertem: in dem Duett gegen Ende, das mit Geschick den englischen Opcrcttcnstil parodiert— wen» nicht schon damit dem Komponisten mehr zugeschrieben ist, als er leisten wollte.— Wir greifen der heutigen Premiere voraus, in- dem wir nach der Generalprobe urteilen. Anders wird's ja wohl nicht werden. Und der Direktion sei nicht gegrollt, daß sie auch das versuchte.— sz. Omnociitifrtie«. — Agrarier unter sich.(Am Buffett des Reichstags.) „Sehen Sie, lieber Kollege, das mit dem Hnngergespenst, das sind Nebertreibimgen, damit schaden die Freihändler nur ihrer eignen Sache. Meines Erachtens ernährt man sich in Deutschland reichlich und gut I"— — Verteidigung. Weltreisender: Aber Herr Meier, Sie wollen über Jagden in Indien mitsprechen? Herr Meier: Erlauben Sie mal, wo ich v o r j e d e m Bett ein Tigerfell liegen habe I—(„Lust. Bl") Notizen. — S n d e r m a n n s neues Drama wird in der dritten Januar- wocbe gleichzeitig in Berlin und am Wiener Burgtheater in Scene gehen.— —„Schall nnd Ran ch" veranstaltet am 21. und 22. De- zcmber, nachmittags 4 Uhr, M ä r ch e n v o r l e s u n g e n. Auguste Wilbrandt-BaudinS und Luise Dumvnt werden vorlesen; dazu sollen seitens der„Urania" ProjektionSbilder, die das Volks- leben in China nnd Japan darstellen, vorgeführt werden.— — L o i e Füller tritt bis Ende de? MonatS in W o l z o g e n s „Buntem Theater" als Gast auf. Sie ist auf die„ans- gefallene" Idee gekommen, allgemein bekannte Musikstücke d n r ch B e w e g n n g n n d Farbe lebendig werden zn lassen.— —„Bürgerlich n n d Romantisch" wird anläßlich de« hundertsten Geburtstages Bauer Ilfelds, mit Kostümen und Dekorationen ans der Biedermeier- Zeit, im Wiener Burg- t h e a t e r aufgeführt werden. Dieselbe Bühne wird auch S h a k e- s p e a r e s„ T r o i l u s u n d C r e s s i d a", in der Bearbeitung von Adolf Gelber, am 29. Januar bringen; Kainz und Lotte Witt werden die Titelrollen spielen.— — Zwei antike Marmorköpfe, der«ineS Aeskiilapö und einer jugendlichen Figur, sind in den Therm enj von Cara- c a l I a aufgefunden worden.— —„Freie Hochschule" uciiiit sich eine neue Berliner Volks- Hochschule, die in der zweiten Jmniarwoche eröffnet wird. Als Docenten für die ersten Bortragscyklen werden genannt: Wilhelm B ö l s ch e. Bruno Wille und Theodor K a p p st e i n.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag uou Max Babing in Berlin.