R �»=2 � rr-s,s'" .- S C C-;— 3ct. 251. Mittwoch, den 25, Dezember. Weihnachten IVeihnachtstraume... Tannengrün... Kerzenschimmer in der Rnnde, Und der Klang von U'lelodie'n Einer unvergeß'nen Stunde.— Doch was auch die Sehnsucht warb, Was sie suchte unverdrossen: Euer Kinderglaube starb, Denn die Thür blieb Luch verschlossen. Und die Glocke singt den Saug von Erlösung und von tiebe, Während Rad und Feder sprang In: geschäft'gen Weltgetriebe,— Während draußen Dornen steh'n, Wo einst glühten rote Rosen, Und die Winterftürme weh'n Um das Lseer der 2lrbeits losen! Rlüßig ruht im Schoß die L)and, Die jahraus, jahrein nur schaffte, Die die Rot stets überwand Und im Ringen nie erschlaffte, Die der Sorgen drohend Lseer Bisher immer konnte stillen, Sie erhebt sich nicht zur Wehr: Sie m u ß ruhen wider Willen! Arbeitslos... Das Radwerk brach Jäh entzwei in tausend Stücke... Bur der Frost baut Rächt und Tag Seines Eises blanke Brücke, Und der Sturmwind lacht um's ksaus Gell und laut sein fjohngelächter... Längst ging Brot und Kohle ans: Und der junger wurde Wächter. 1901 Unsichtbarer Ketten Last Fesselt heute tausend bsände.— Stern auf Stern erbleicht, verblaßt, Und sein Glanz verlöscht am Ende. Dunkel hält die Winternacht Rings die weite Welt umfangen, Und der eisige Wind verlacht, Was die Weihnachtsglocken sangen! Und wo sonst im l}äusermser Golden strahlten tausend Kerzen, Schlagen heute bang und schwer Tausend müde Rlenschenherzen,— Und wo sonst die Hoffnung streut Ihre weißen Silberrosen, peitscht mit Dornenruten heut fjarte Rot die Arbeitslosen!— Ihr, die satten Reichtums Pracht Lsat geschleudert ins verderben, Euer Elend wird mit Wacht Neue Kämpfer für uns werben, Denn die Kette, die Euch schnürt, Kann der Wille nur zersprengen, Der zu uns'rer Fahne führt, Die zu Recht und Licht wir drängen! Rings des Winters Leichentuch. I. Keine Kerze schimmert hoffen, wen: des Goldes schwarzer Fluch fjat ins tiefste bserz getroffen.— Eine Glocke aber singt Unsichtbar im Sturmeswehen: Eine alte Welt versinkt, Eine neue will erstehen!— rndwig XtiTctt. (Nachdruck Verbole») s] Dev it v T ch ü h. Roman von Alfred Bock. In der blitzblanken Stube saß Christine im Feiertagskleid. Die ganze Woche über hatte sie unmenschlich geschafft und das Unterste im Haus zu obcrst gekehrt. Mau konnte nicht wissen, es kam Besuch. Da sollte niemand die Nase rümpfen. Ter Flurschütz hatte dieser Generalreiniguug stillvergnügt zugeschaut. In ihrer Putzwut glich die Christine seiner Marie selig. Die saß hier freilich in ihrem Eigentum und wußte, für wen sie sich abrackern that. Ja. wnßt's denn die Christine etzern nicht? Er lachte behaglich vor sich hin. Sie war nun bald ein Jahr in seinem Dienst und galt ihm längst nicht mehr als Magd. Sie führte das Regiment wie die leib- hafte Frau. Nur daß sie für sich in ihrer Kammer schlief. In ihrer Gcscheidigkeit hatte sie ihn rein ausgeeckt, brauchte ihn bloß anzugucken, um auf die Sekunde anzusagen, was die Uhr bei ihm geschlagen hatte. �Dn Racker, dachte er oft bei sich, d» bist mit allen Salben geschmiert! Und ihre Art gefiel ihm so Ivohl, daß er danach Verlangen trug, alles vor ihr abzuladen, was ihm auf deni Herzen lag. Als Flnrschütz stand man gesondert von den Bauern. Mischte man sich unter die Kleie, fraßen einen die Säue. Alleritt Respekt vor der Feldpolizei! Das Amt brachte Aergcruis und Verdruß. Da lief einem manch- mal die Galle über. Und alles so in sich hineinzufressen, das hätte ihn ganz verzwerbelt gemacht. Er mußte seine Aussprache haben. Sie hatte eine feine Manier, ihn geruhig zu inachen, wann's bei ihm überkochte. Das Hitzköpfige riß ihn leicht mit fort. Betrachtete er's von allen Seiten, so war's gottseben für ihn ein Glück, so ein umgänglich Frauen- bild um sich zu haben.— Auf der Schleifwiese jubilierte das junge Volk. Vcr- halten klang die Tanzmitsik herüber. Den Kopf zurück- gebogen lauschte Christine und ihre Augen leuchteten auf. Einer wunderlichen Vorstellung gab sie Rauni: Der Jakob war zurückgekommen und sah gar hübsch und stattlich aus. Sie gingen niitsammen in die Krone und führten einen Schwälmer ans. Die ganze Bauerschaft guckte zu. Potztausend I Was' die zwei hopsen konnten. Und die Burschen sangen im Chor dazu: „Seng der da die Hosebängel Länger bi die Streinpe, Es der da des rechte Ben Knrtzer bi des lenkte." Jetzt tanzte jedes ein Weilchen allein, danit wieder rcchtsuni, linksum als Paar, dingel ringel hopsasa! Das Herz hüpfte ihr vor Freude im Leibe. Jakob, Jakob, bist wieder da I— Sie fuhr zusammen. Liebes Gottchen! Was waren das für Hirngespinste. Für sie gab's keinen Jakob niehr, sür sie waren Kinnes und Tanz vorbei.— Der Flurschütz saß, seine Pfeife schmauchend, am offenen Fenster und sah verstohlen zur Christine hinüber. Die bunte Tracht stand ihr gut zu Gesicht. Für wen hatte sie sich so herausgeputzt? Öb sie heut auf die Wiese ging? Tanz- burschen fanden sich genug. Ein bitteres Gefühl stieg in ihm auf. Es hätte ihn: den Tag verdorben, sie um den Kirmes- bauni fliegen, zu sehen. Ei, ei,>var er gar eifersüchtig? Narrenpossen! Wer sprach von Eifersucht? Nur, weil sie sonst nicht gelüstrig war und niit ihrer Gesetztheit in den Spektakel nicht paßte. Uebrigens hatte sie ihren freien Willen. Mochte sie immer zuni Tanzen gehen. Er war der letzte, ihr's zu verwehren.— Jemand kam die Straße herauf und schwenkte von fern schon lustig den Hut. Es war des Sägmüllers Oberknecht, der schöne Konrad, in vollem Wichs. Nun stolzierte er in die Stube hereitl: einer von den hochgewachsenen, sehnigen Burschen, wie sie im Hessenland häufig sind. Dem Brauch gemäß setzte ihm Christine Kuchen vor und schenkte ihm ein Glas Aepfelwein ein. Der schöne Konrad hatte ein Auge auf die Christine und brachte gleich sein Anliegen vor. Sie solle seine Tanzmagd sein, jetzt komme man noch gerade recht. „Ich Hab' Dir's Vorgest' schon gesagt," beschied ihn die Christine freundlich,„ich mach' hau' keine Kinnes mit," Der Konrad wollte keine Ausslucht gelten lassen. „Etz sperr Dich doch nicht, Christine, und komm." „Nein, Konrad. ich geh'» nicht aus dem Haus." „No guck eins so eine Hartköpfigkeit." Sie lächelte. „'s muß halt auch Hartköps' geben." Er ließ nicht nach, sie blieb bei ihrer Weigerung. Da zog er endlich ttaurig ab, die Kirmesfreude war ihm ver- dorben. Der Flurschütz hatte unterdessen mächtig gepafft und nicht das mindeste dreingeredet, doch konnte man in seinem Gesicht lesen, wie angenehm ihn des Mädchens entschiedene Haltung berührte. Kaum war der schöne Konrad gc- gangen, wurde er mit einem Male redsprächig und erging sich in Heitren Erinnerungen an die Kinnesfeste während seiner Bnrschenzeit. Selbigmal war's gemütlicher wie jetzt. wo alles einen neumodischen Anstrich hatte. Aus der Mitte der Dorffugeud heraus wurden neun„Platzburschen" gewählt, die den Wirtschaftsbetrieb auf eigene Fanst über- nahmen und auch für die Musik aufkomnien mußten. Ein Hauptspaß>var, wenn die Platzburschen auf einem mit vier Pferden bespannten Wagen in der Stadt das Kirmes- bier holten. Ein Vorreiter mit langem, weißem Kittel, roter Weste und Stulpenstiefeln ritt voran. In der Stadt wurden die Pferde ausgeschirrt. Der Bierbrauer lud zu einem Fäßchen ein und setzte ein zweites und drittes darauf. Die Ausgelassenheit war unbeschreiblich. Zuweilen gab's auch eine Prügelei. Spät abends trat mau die Rückfahrt an. Das ganze Dorf war aufgeblieben und begrüßte die Heimkehrenden mit lautem Hallo. Den sonntäglichen Kirmes- zug eröffnete der Hammellciter mit einem feisten Hammel. Auf dein Hammel ruhten begehrlich aller Augen, denn er wurde später herausgespielt und dem glücklichen Gewinner niit Musik ins Haus geführt. Während der Kirmeszeit war es den Platzburschen verboten, ihr Bett zu berühren. In einer Stube wurde Stroh gestreut, darauf sich Platzburschen und Musikanten lagerten. Aber wehe dem, der sich heinilich in sein Quartier entfernte, er wurde in aller Frühe mit derben Schlägen ans den Federn getneben und angeseilt von Ziveien fortgeführt. Ein schöner Brauch war auch vcr- schwunden, die Kirmes am Dienstag zu begrabe». Die Burschenschaft zog vor das Dorf, ein alter Kochtopf wurde in die Erde verscharrt, ivobei ein Schalk die Grab- rede hielt. Die Musik spielte einen Trauermarsch, und friedlich ging man auseinander. So erzählte der Flurschütz in breitein Erguß. Christine lauschte mit halbem Ohr, denn ihre Gedanken ivarm ganz wo anders. Der Nachmittag dünkte ihr endlos lang. Gegen abend richtete sie das Essen, heiite lauter Lecker- bisseii. Der Flurschütz ließ sich ivohl sein dabei und schmauste >vie gewöhnlich für zivei. Nun wischte er sich übersatt den Mund und setzte die Pfeife wieder in Brand. Die Christine saß ihm gegenüber. So geschnatzig hatte sie nie ausgeschaut. Und die schwarzen Gnckelchen und das feine Gesicht: da wurde eineui ganz artlich zu Mut. Auf der Schleifwiese hätte sie das Geriß gehabt. Dagegen verzichtete sie auf Trubel und Tanz und leistete lieber ihm Gesellschaft. Sie spürte, daß sie zu ihm gehörte.' Das Herz schlackerte ihm wie vor dreißig Jahren. Ja, auf was wartete er noch? Er hätte sie doch nimmer fortgelassen. Die Gelegenheit niußte man beim Schopf erwischen. Er war doch wahrhaftig Manns genug. Wozu das Gezäppel? Jetzt frei heraus. Da legte er die Pfeife beiseite, ränsperte sich und sprach: „Wie sie gest' abend die Kirmes augespielt haben, sein ich droben auf dem Ribbachertveg gestanden. Guck, wann ich als Musig hör'n und's drückt mich was, dadebei werd' ich ganz griebclig. No Hab' ich an vielerlei denken niüssen und Hab' so vor mich hin simeliert: Da sitzst Du einzling in Deinem Gehöft, hast Gott sei Dank Dein bißchen Brot. Was thust Du Dir hier als Maulwurfsjäger weh, wo Du für keins zu sorgen hast? Geb' in Gottesnamen den Flurschütz ab. Gönn' die. paar Kreuzer einem armen Schlucker. So Hab' ich in mich hineingcsprochen. Etz mein' ich,'s Hütt mir eins zu- gepispert: Ei, Daniel, hast Du das Zählen verlernt? Wer spricht dann von einzling? Ich schätz', da sein zwei— die Christine und Du. Wann die Christine allegar bleibt, dcrnacher überleg' Dir's noch einmal und schmeiß' den Flurschütz nicht so fort." Er hemmte seinen Redefluß und sah Christine forschend an. Die Christtne hatte Grütze im Kopf. Die mertte doch, wohinaus er wollte. Vielleicht, daß sie ihm entgegenkam und ihm das letzte Wort ersparte. Doch that sie's nicht, sah regungslos vor sich hin. Da brachte er seinen Antrag heraus. „Das Gcmummel, mein' ich, hat weiter kein' Wert. Hau' sein ich mit inir einig worden. Ich setz' Dich hier als Bäurin ein. Heißt, wann Du Dein Jawort von Dir giebst." Ein Blutstrom schoß ihr ins Gesicht, und sie vermeinte umzusinken. „Herr Jcsses im Hinimel!" stammelte sie. Er weidete sich an ihrer Verwirrung. Ja freilich, als Bäuerin aufzusteigen, darauf war sie nicht gefaßt. Gestern blutarm, heut in der Wolle: der Glücksfall könnt' eins dusselig machen. Was war dann das? Jetzt stand sie auf und schauperte sich, als überlief sie ein Frost, und kehrte ihm den Rücken zu. Da sollte sich eins einen Vers drauf machen l Hatte sie.das Sprechen verlernt? Ein Gedanke durchblitzte sein Gehirn; ihr Kind. Er näherte sich ihr zutraulich.„Christine, brauchst nicht so verstabbert zu sein. Gelt glaubst, ich Hütt' nicht an das Kind gedenkt? O ja. Laß nur die Hochzeit verstrichen sein, dernacher gehört das Bubchen mir. Das Geschwätz von den Leut' inscheniert mich nicht." Sie stand noch immer abgekehrt. Er sah. daß ihr Körper krampfhaft zuckte und dachte: kurios, wie eins vor Freud' verschrocken sein kann! „Wer wird dann so vergeistert sein?" sprach er ihr freundlich zu.„Verzünpern willst Du Dich doch uicht? Guck', ich sein auch kein Heimlicher, ich sein gradaus. Das schwörn ich Dir zu: ich halt' Dich wie nieine Marie selig." Da wandte sie sich uach ihm um, ihr Gesicht war angst- verzerrt und bleich wie der Tod. „No gilt's?" streckte er ihr die Hand entgegen. Sie sah mit irren» Blick zu ibin auf. „Nehmt's nicht für ungut, es kann nicht sein." Er ließ betroffen die dargebotene Rechte sinken. „Das sprichst Du ungedanksen hin." Sie schüttelte wehmutig den Kopf und wiederholte: „Es kann uicht sein." Er zog die buschigen Brauen zusammen, in seinen Pupillen loderten Flammen. Den Korb hatte er bei Gott nicht erwartet. Sie»vilßte doch, wie gut er ihr war. Nun wies sie seine Werbung ab. Ein Ivütender Schmerz durchdrang seine Brust. Was war ihr in den Sinn ge- kommen, daß sie den Einsitz im Haus verschmähte? Hoffte sie auf einei» jungen Dachs? Er stellte auch noch seinen Mann. Nein, mannsi'ichtig war sie nicht. War ihr Thun und Reden Spitzfindigkeit? Fast schim's, als Ivollte sie was vertnckeln! Ja, lver stildicrte die Weibsleut ans? Wenn er in sie drang, bekannte sie's ivohl. Nein, fragen lvürde er sie nie und nimnier. Der Stolz des Bauern regte sich. Ilm alles iil der Welt durfte sie nicht merken, wie nahe ihm die Ablveisung ging. So zwang er seine Belveguug gewaltsam nieder und sagte: „Ja. wie man einmal über so was schlvätzt.'s ist als gut, wann nian weiß, wodran man ist." Und griff zur Mütze und schritt hinaus. IX. Christine starrte wie betäubt vor sich hin. Draußen senkten sich die Schatten der Nacht. Ueber das Thalgebreite trieb dunkles Gewölk, und es entlud sich ein schweres Ge- Witter. Blitz um Blitz und Dounergctöse, Schloßen pi'asselten Wider die Scheiben. Der Aufruhr der Elemente berührte sie nicht. Ihre Gedanken kreisten um einen Punkt: sie hatte des Flurschützeu Antrag kommen sehen, hatte nichts gethau, ihn abzuwehren. Was ihr geschwant, hatte sich erfüllt, nun war kein Bleiben mehr für sie. Der Herrgott droben hatte sie hierher geführt. Der Glaube wurzelte fest in ihr. Was er dabei im Sinn gehabt, das hatte er freilich nicht verraten. Da fragte man tausend Meilen hinauf, es kam aber keine Antwort herunter. Daß sie die Mummerei so lang mit sich herumgeschleppt. war sicher nicht Gottes Wille gewesen. Darum traf sie jetzt sein Strafgericht. Ein Strom von Thränen löste ihre Er- starrung. Jüngsthin hatte der Pfarrer gepredigt: wer Sünde thut, der ist der Sünde Knecht. Das paßte auf sie. Eine Heimliche war sie ins Haus gekommen. Ihr Recht wollte sie fordern, wenn der Jakob sich zeigte. Darüber war bald ein Jahr vergangen. Dem Flurschützen galt sein Sohn als ver- schollen. Sie aber hatte beharrlich geschwiegen. Beim Flur- schützen war ein guter Platz, sie konnte sich keinen besseren wünschen. Sonst hatte sie als Magd gehorcht, der Flurschütz ließ ihr freie Hand. Und sie hörte von ihm kein rauhes Wort. Wenn sie rückwärts sah, wie sie sich hatte ducken müssen, wie viele Stümper sie abgekriegt, so hatte sie wahr- lich hier goldene Zeiten. Solch schönen Dienst gab man willentlich»»icht auf. Für die Mannsleute im Dorf hatte sie gar nichts übrig. Dieser und jener schielte uach ihr. Immerhin, sie machte sich keine Gedanken darmn und ließ sich mit Bauern und Knechten nicht ein. Die Kameradinnen hatten sie einstmals verspottet, weil sie so arglos und weichherzig>var. Ja, wie einen der liebe Gott geschaffen, so mußte man sich verbrauchen lassen. Der Jakob hatte sie elend geinacht, aus ihrem blutenden Herzen wollte sie ihn reißen und hing»uit allen Fasern an ihm. Da konnte der Schönste, der Reichste kommen, sie hatte für sein Freien kein Ohr. iFortsetzung folgt.) «Nackidrult verbot«».) Nindev. Eine Weihnachtsgeschichle von Dorothee Gocbcler. Gerade vor de», Hanptcingaug dcS großen Warenhauses hatten die Kinder ihren Platz. ES Ivar ein hübscher Platz, das ganze Leben »nid Treiben der Lcipzigerstraße flutete hier vorüber. Dabei übersah nian die großen glänzenden Fenster des BazarS. Der zoologische Garten»var darin aufgebaut. Die Lölven drehten sich, beim Eis- bärc» hing ei» gedrucktes Schild:„Bitte nicht niit Knochen zu füttern, in der Voliere hoppsten sogar ein paar lebende Knnarien- vögel ans und ab. Die kleinen, geputzten Mädchen. die mit ihren geputzten Mainas vom Potsdamer Viertel her die Leipziger Straße heranskainen, jauchzten jedesmal laut auf vor Entzücken. Das ivar ivas für Kiiiderangrn. „Die Kinder" sahen trotzdem nicht danach hin. Sie kannten die Sachen schon, hatten sie die ganzen letzten acht Tage vor Augen gehabt. Außerdem ivar es gleich Neun, dasHeimgehen zuckte ihnen in den Gliedern. Sie fingen an, ihren Kram zusammenznränmen. Ihrer fünf ivaren es: zivci Jungen nnd drei Mädchen; aus allen Vierteln der Stadt hatten sie sich hier zu einander gesellt. Von den Jungen handelte der eine mit Hampelmäuncru, der größere ließ Blcchmäuje an einer Strippe lausen. Die Mädchen hielten es mit der Poesie, zivei hatten Ständer mit Glaskugeln nnd Engelshaar: die kleinste trug einen Henkellorb voller Schäfchen. Es ivaren ganz unmoderne Schäfchen. solche, ivie man sie vor Jahren unter den Christbai»» stellte, aus Holz nnd Watte, mit einer Bauchbinde von Buntpapier, die beides znfainineuhiclt. Es sah kein Meiisch nach der Kleinen mit den Schäfchen. Aber nach den Blcchniäiiscn sahen sie, die„liefen von ganz nllccne", nnd der Jnnge, der sie feilhielt,»var ein„schnoddriger" Junge, er konnte Witze machen Ivie ein Alter; seine Mäuse, das ivaren Mäuse,„Ucbermänse", sie fraßen nicht'mal Kirchensenster an. Die Leute blieben stehen nnd lachten und kaufte». Der große Junge »lachte Geschäfte; anch der mit den Hampelmännern und die beide» Mädchen ivaren zufrieden mit dem Handel.„Morgen komme ich nicht ivieder," sagte die rote Käte. „Nee, fällt mir gar nicht ein! So nötig haben»vir'S»ich, nnd ich hab's nur gethan, um Weihnachten in'» Cirkns zu gehen. Konnnt ihr noch»>al ivieder?" „Ich jeh' morgen'ne Stunde»ach'S Kotlbnser Thor." nicintc der Ha»lpcl»iännerj»nge, hierher komm' ich«ich mehr; komm' man anch nach's Thor, Liese, da verkooft man noch für'» paar Jrosche»!" Das zweite Mädchen iiickte und lachte; dann stieß sie plötzlich die andre an:„Du, de Ziniperlotte»veent schon wieder." .Zimperlotte ivar die Kleine mit den Schäfchen. „Ja wahrhaftig, se iveent." Die rote Käte lachte: Wahrscheinlich friert se wieder. D» frierste?" sie gab der Kleinen eine» freund- schaftlichen Schubs,„jeh nach Hause nnd setz' Dir hinter'» Ofen, wenn De«ich frieren kannst, kannste ooch»ich handeln." „Wenn De plinst, kooft Dir kec» Mensch was ab," belehrte die Kleinere etivas altklug.„Nee Du, Ivcn» De etwa denlst, anS Mit- leid— darin» kooft kecncr! Witze mußte»lachen." „Olle Quarre," neckte der Hanipelinännerjnnge,„olle Quarre, quarrt wie'ne Knarre!" Na n» weenc man»ich, im ivecne»lau»ich, In die Röhre steh'» Klöße, Du siehst se bloß»ich." „Aber laß doch mal det Kind in Stühe," mischte sich der große, Jnnge in das Geschwätz.„Jmmerzu ncrgelt Ihr dcl Kind, ivat soll den» det cijentlich beißen. Se handelt doch's erste Mal." „Se braucht«ich innner zu heulen," sagte Liese. „Ick heule ooch»ich nnd habe ooch nur'n dünnen Nock an." „Wenn se heult, geht's Dir gar nichts an, laß se zufrieden, sonst jicbt's ivat." „Ujeh I Otto macht sich um die Zimperlotte zu th»n T Die rote Näte kreischte. „Halt'n Mund!" sagte Otto,„und denn adjö ooch, ick jeh jetzt. Verjnügte Feierrage!' „Verjniigte Feiertage 1* Sie schüttelten sich alle die Hände. „Adjö Mieze/ die rote Käte drehte sich nach dem Mädchen mit den Schafen um, jetzt in der Scheidestnnde brach ihre Gut- mütigkeit doch hervor. �.Sie ist schon fort," sagte Otto. Ja, sie war fort. Während die andern sprachen, hatte sie sich heimlich davon gestohlen. Drüben im Häuserschatten lief sie hin, die Jernsalemerstraße hinauf, über den Hausvogtciplatz, in die Wall- strasie hinein und immer weiter über die Linden iveg nach der Roscnthaler Gegend zu. Sie rannte fast, dabei schluchzte sie vor hin: O, Gott nee. und nun hatte» die gedacht, sie weinte nur die Kälte und um den Regen, und sie weinte doch nur, weil nichts verkauft tvar. Zwei Groschen brachte sie nach Haus, bloß zivei Groschen. Ach nee! Wenn Mutter man nu von der Rätiir das Geld für die Wäsche be- kommen hatte, denn konnte sie wenigstens Schmalz ansbraten und es gab noch üie geschmierte Stulle, aber nee, die hatte es»ich bekommen, ganz gewiß»ich I Sie hatte ja schon gesagt, joüi Abend vor Weihnachten, da habe» die Dameus so viel zu thun, da denken sie»ich an so'ne Läppereien. Und im brachte sie auch noch die Schäfchen wieder, und nur grade zwei Groschen und Väterchen würde wieder'n trauriges Gesicht inachen, und sich in die Ecke setzen rind den Kopf in die Hand stütze», so wie die ganzen Wochen schon, wo er nichts zn thun hatte. Das arme Vaterchen, das arme, arme Väterchen. Die kleine Marie weinte immer mehr. „Du, renn doch nicht so!" rief eine Stimme hinter ihr. Sie fuhr zusammen und drehte sich um, über den breiten Dann» der Oranieuburgerstraße kam Otto gradenwcgS auf sie zu. Er mußte gleichfalls gelaufen sein, er war ganz außer Ateni:„Warum hast De denn noch nie gesagt, dett De hier draußen ivohnst? Denn konnten wir ja alle Abend zusammen gegangen sein.' „Ach,— Du?'... Sie'war ganz verblüfft, dieser Junge, dieser große, kluge Junge, zu dem die andern alle anfsahcu, der hatte mit ihr gehen wollen, mit der Zimperlotte! Er stapelte neben ihr her:.Du.' wo wohiist De den» nu eigentlich? Ich wohne Acker- straße neben Meiers-Hof." „Ick— ick— in de— Bernaner— bci's Krankenhaus.' Sie Ivar noch ganz verschüchtert, aber sie iveinte nicht mehr. „Denn wohnen wir ja dichte bei'«ander. Du, dett wir uns noch nie gesehen habe» I' Sie betrachtete ihn mit einem scheuen Seitenblick. „Ick— ick jlaube— ick Dich doch,— mal wie De Mus holtest bei Schulzen an die Ecke.' „Ja, dett kann schon jewesen sein, Mus esse» wa jerne.' Er warf sich in die Bnist. Dann musterte er ihre» Henkeltorb.„Hast ivoll nischt verkooft? Nee? Wat kommst'« ooch mit soue dämlichen Schafe? Die kooft keen Mensch mehr.' „Vater sagt doch...' sie war zutraulicher geworden, sie fing an zu erzählen:„Vater sagt, er hat se ooch verkooft, wie er'» kleener Junge war.' „Wird ivoll'ue Weile her sein!" Otto lachte:„Wo baste denn die Biester ieberhanpt her, so'ne Tiere jicbtS ja jar wich!' „Vater hat sie selbst gemacht." Das klang sehr stolz. „An ja!— na— er wollte sagen, so sch'u sc auch aus, der- schluckte aber da? Wort. Mit einer Art neugieriger Aerwunderimg maß er das kleine Hutzclchen au seiner Seite:„Du, Dein Vater, wat is'n der eijcntlich?' „Drechsler, aber im hat er ja keenc Arbeit»ich, schon acht Wochen »ich!' sie schluckte wieder. Er antwortete nicht, schweigend schritten sie nebe» einander hin, die lange Ackerstraße' hinauf. Der Junge rieb sich die Hände. „Kalt is es, Du, und Hab' Dir man nich, weil die Bäljer Dir genergelt haben, und morgen frieren wir auch nich auf die Straße, morsen um die Zeit brennen schon de Bäume.' „Ja." Das dünne Stimmchen zitterte, der gutgemeinte Trost verfing offenbar nicht. Der Junge kam ins Erzählen:„'» klcencn Baum haben Iva man immer, aber Vater sagt, diesmal hat er nich geraucht von Oktober an, und nu nimmt er ooch'nc Doppcltauue mit Zapfen: und Mutter hat'n paar Repfcl gekooft und von meine drei Mark von de Blechmänse kann ick fünf Groschen behalten, da kaufe ick Vätern Cigarren vor, weil er so lange nich geraucht hat, und ick koof sie im Aus- verkauf, da jicbt cS sechse for'n Fröschen, und Mutter kriegt'n Pfund Zucker, denn trinken Nur Weihnachten süßen Kaffee unterm Baum und Vater sagt'11 Dutzend Lichter kommt ran. Du, habt Ihr ooch'n Baum mit'n Dutzend Lichter?' „Dismal— gar keenen.' „Gar-- gar keenen? Er blieb stehen und starrte sie an: „Aber— aber gar keenen— Du— Du— und denn kricgstc woll ooch nischt geschenkt?" „Nee— gar nischt." Nun war es kein Schluchzen mehr, nun war es ein regelrechtes Aufweinen, aber fast als schämte sie sich ihrer neuen Thräncn, drehte sie sich im gleichen Moment um und lief in die Bernauerstraße binein— mir von weitem rief sie noch cinnial hin- über:„Du. renn' man, sonst wird zugemacht I' Verantwortlicher Redacreur: Carl Seid in Berlin. Er„rannte" aber nicht, er stand und sah vor sich hin, nischt ge» schenkt— keenen Baum und nischt geschenkt— gar nischt I— Der Gedanke verließ ihn nicht wieder, die Nacht nicht mid den ganzen iiächstcn Tag nicht mehr, und dabei gab es doch soviel andres zu denken. Vater hatte den Baum gebracht und es war richtig eine Doppel- tanne mit Zapfen und Schaumgold hatte er auch gekäust, und nun mußten Leuchter eingedreht und ein Pfund Aepfel vergoldet werden, und Mutter hatte sogar verraten, daß nicht nur was an der Tanne hängen, sondern auch darunter liegen würde. Was das wohl sein konnte? Die kleinen Geschivister rutschten beide auf der Diele hin und her. zerrten die alte Puppe und riete» auf einen Baukasten und ein neues Bilderbuch. Otto saß anf dem Fensterbrett und sah in die Nacht hinaus. Ein frostklarcr Winterabend, am Himmel funkelten die Sterne scharf und hell, als wären sie geschliffen. Aus einzelnen Fenstern drang schon Lichtcrschciu, still und ruhig war es ringsumher, beinahe feierlich überkam es den Jungen. Aus der Nebenstnbe drang gedämpftes Flüstern. Bater war eben nach Haus gekommen und tuschelte mit der Mutter. Nee, was es bloß geben mochte? Vielleicht'n neuen Kragen, so einen mit Klappecke», wie sie unten beim Posamcntier lagen oder'ne Krawatte, oder am Ende gar'n Taschenmeffer. Nein, das war doch zu viel, soviel hatte Vater ja gar nich übrig. Aber'n Taschenmesser wäre fein, dann konnte man sich selber die Bleie schneiden und radieren und schnippern und schnitzen. Wenn es doch'n Taschenmesser wäre I Gar nischt... nee gar nischt... Da war es wieder, und er sah das kleine Hutzelchen im Regen stehen und hörte das klägliche Stimmchen. Da drüben irgendwo mußte sie jetzt sitzen, und alle Weihnachtsbäume sah sie brennen und hatte selber,— ach nee, das war ja ne Tollheit I Warum mußte er denn nu immer wieder an die kleine Kröte denken, lieber- Haupt die mit ihre Bählämmcr, ganz verrückte Biester waren's ge- Wesen, er lachte vor sich hin, wie die Springböcke im Tnrnsnal sahen sie a»S,'n viereckigen Bauch hatten sie und Beine wie Streichhölzer, und dann die bunte Bauchbinde, und Hals und Kopf saßen zusammen, wie MntternS Beil am Stiel, und die wollt' se in der Leipziger« straße verkloppen? In der Leipzigerstraße, wo all die feinen Dameus kamen? Verrückt war sie, ganz einfach verrückt. Ja nun saß sie zu Haus mit ihren dollen Schäfchen und hatte gar nischt. „Kommt Kinder!' riek der Vater. Und nun ging die Thür anf und die Tanne glänzte und die Kleinen fanden richtig iihren Baukasten und ihr Bilderbuch, und vor Otto lag ein Kragen und eine rote Krawatte, und— ja wahrhaftig ein Taschenmesser. Warum er die Hand nicht danach ausstreckte? Warum er so ganz starr stand und n»r darauf hinsah? So viel war das, so viel imd gar nischt— gar nischt— Qnasselkopp! Jetzt wurde er wütend. Quassclkopp, da stehste und denkst au die dämliche Jöhre mit ihre Bählämmer und hast doch'u Kragen und'ne Krawatte und'u Taschenmesser dazu!— Gar nischt— Wenn man ihr noch was schenken könnte, damit se was hätte, damit man den Gedanken los wär! Och, ua ja! Schenken, was denn? Qnasselkopp I „Na, Otto, Du bist wohl janz baff!' sagte die Mutter;„ja Vater hat'» extra jutes Trinkgeld gekriegt, bei die, wo der Blumen- tisch hinkam, und nu hol' uns man'n paar klecne Weißen und hier hast'n Rapp und bring'» Pfund Mohn mit; uu machen wa Mohnpielen." Ja nu auch noch Mohnpielen, war das'u Weihnachten, und die hatte— gar nischt. Nein, jetzt dachte er nicht mehr an sie, nu erst recht nicht,— und er nahm den Napf in die Linke und das Taschenmesser in die Rechte und lief hinab.— Die Mutter hatte anf dem Weihnachtsmarkt ein paar grüne Zweige geschenkt bekommen. Die waren vor dem Spiegel aufgestellt und in einem Sandhäufchen brannte ein Licht davor. Es war wirk- lich kein Weihnachtsbaum, aber es roch doch danach, und die kleine Marie sah ganz entzückt darauf hin. Mutter hatte von der Rätin zugutcrletzt doch noch ihre zwei Mark bekommen, nun war wenigstens das Zinnner warm. Das Ivar ein schöner Weihnachtsabend, besser als sie alle gedacht. „Mieze,' sagte der Vater,„Dir ruft eener, hör doch mal, draußen anf dem Flur, jetzt wieder, Mieze." Er saß neben der Frau am warmen Ofen. Hand in Hand saßen sie bei einander und dachten besserer Zeiten. „Mieze, Mieze!' die Stimme draußen rief immer lauter, und die kleine Marie lief an die Thür und riß sie auf. Draußen ans dem halbdnnkleu Bodenflur streckte sich ihr ein Arm entgegen. Irgend etwas Hartes wurde ihr in die Hand gedrückt und eine halblaute erregte Stimme flüsterte:„Du, und ich halt's»ich so aus, und da- mit De man wenigstens wat geschenkt hast, und's iS mein Taschenmesser und ich hali's erst eben bekommen, und wenn se mir wichsen, denn schadt's nischt, ich sagerich hab's verloren. Aber D u darfst et nich verliere», und es is'u furchtbar schönes Messer,'s hat soja'n Proppenzieher."— Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.