Interhaltungsblatt des vorwärts Nr. 1. Mittwoch, den 1. Januar. 1902 «ns Kindrv jvvrdcn! Laht uns Kinder werde», aber ganz im Ernst: laszt uns Kinder werden I Die Kinder haben es hentzntasie so fliit! Es ist nicht zn sagen, Ivie gut sie es habe». Sie sind die Heiden des Tages, der Pol, um den sich das Leben dreht. Alle Welt sorgt für sie, alle Welt denkt an sie. Glückliche Kinder! Nicht blofj iiifec Süppchen kocht man ihnen, man schenkt ihnen nicht nur Puppen und Bleisoldaten, man lägt sich auch ihre Erziehung angelegen sein. Das hätte man auch sonst stbon gethan? Na ja, gewih doch, aber fragt mich nur nicht wie I Mau hat die Juugens gepnigelt, wenn sie silb Löcher in die Hosen rissen, man lehrte die Mädchen Strümpfe stricken und wenn es hoch kam auch noch Kanten häkeln. Prügel bekommen die Jungcns auch beut noch, iven» sie Löcher in die Hosen reihen, denn Löcher flicken ist keine schöne Arbeit, aber Strümpfe stricken lernen die Mädchen nicht mehr. Erstens sind die gewebten Niel billiger, man laust sie schon für sechs Dreier das Paar, und dann sieht Stricke» chinesisch aus; das hat schon der grojje Ibsen gefunden, und was der findet, muß wahr sein, denn er ist ei» Künstler.„Kunst" aber heißt das Feldgeschrei, mit dem man heut anszicht für das Kind. Kunst für das Kind. Poesie für das Kind. Theater, Malerei, Plastik, alles— fürs Kind I Und die Dichter setze» sich hin und dichten für das Kind und sie dichte» sogar in der Kindersprache. Statt Bögelcheu sagen sie„Vöselicir" und statt Mädchen:„Mädsen". Und die Maler malen für das Kind, sie male» Jrigendstil und Secession. Die Thcaterdircktoren gebe» Vorstellnngen für Kinder, und die großen Schauspieler und Schauspielerinnen, die sonst nur Ophelia und Hamlet spielen, setzen sich hin und lesen Märchen und„Max und Moritz" und verkleiden sich als Miez und Mauz, als Karo und Phylax und bellen nnd miauen— alles fürs Kind. Sogar die Berliner Stadtverordneten nehmen teil an der allgemeinen Bewegung. Große Sitzungen halten sie ab für das Kind. In heißer Rede und Widerrede känipfen sie für den Märcheiibnmnen, daß er nur ja — recht kindlich werde, von Grund ans kindlich. Und sie prüfen Pläne nnd Entivürfe und Verlversen Pläne und Entlvürfe. Was sie heute schön gesmideii haben, finden sie morgen nicht mehr schön, aber darüber kann man ruhig sein: zur Nnsfnhrnng kommt bestimmt nur der Plan, der am kindlichsten ist, am aller— allerkindlichsten. „Kindlich" ist Trumps in der»lodemeii Kilnst. Es sind noch keine zwei Jahre her, da hieß das allgemeine Schlagwort„fm de siecle";„sin de, SieZEkel", sagte der schnoddrige Berliner. Jeder Aiiswuchs in Knust und Lebe», der Dirnenroman und das Lindengigerl, die Fraisentracht und der pessimistische Dichter: alles und jedes mar— fin de siecle. Aber schließlich geht alles vorüber. Auch das Ende des Jahrhunderts fand sein Ende, nnd wir bc- käme» die Secession, den Ucberincnschcn und dnS lleberbrettl, die lleberkunst, die Höhenkunst. Jetzt, da alles„lieber" allmählich an« sängt, de» Modeschivärmern wirklich„über" zu werden, jetzt besinnt man sich ans das Kind. Prachtvoll ist diese Rückkehr zum Kinde. Neben Macterlinks Träuinen und D'Anminzios Farben- schwelgereie». Hnndcthealer und Katzensccnen. Neben den schatten- haste» Bildern der Secession, der Kamps nur das beste Bilderbuch, Die Kunst den Kindern! Sie haben bisher ja auch keine Kunst gehabt die armen Kleinen! Märchen hatte man ihnen zu lesen gegeben, einfache Volk"- Märchen. Kein symbolistischer Dichter hat sie geschrieben, kein moderner Lyriker erdacht. Elendes Zeug war es, rohe Volksdichtung, vom Volk geschaffen, als es selbst noch Kind war. Ist das vielleicht Kunst'{ Und daneben die Lieder, die man den Kleinen sang. Schlichte Aninieurcimc waren es, Reime, die schon Nrähne ihren Kindern sunnnte! Kein„Vöselsen" und kein„Hündsen" kamen drin bor, kein Fitzebutze und lei»„kleiner lieber Doli". In ganz geivöhnlichein Deutsch drückten sie sich ans. im Deutsch— der Großen. Soll das etwa Kunst sein? Und endlich die Bilderbücher I Na ja, die Bilder- büchcr! Aber jetzt wird da? anders werden, jetzt schafft man den Kindern ihre Kunst, die Kiuderiunst. Sie haben sie so nötig. Furchtbar »ölig haben sie die Kunst, deshalb her mit der Knust für das Kind! Das Kind braucht die Kunst. Es soll in Kunst erzogen werden, Kunst sehen, Kunst hören lernen. Knust ist den Kindern so nötig, wie das liebe Brot. Die Kunst öffnet das Auge für nie geahnte Schönheiten, sie schärft das Ohr für die leiseste» Harnionien, sie reißt die Sinne empor aus dem Getriebe des Alltags, freier, reiner niacht fie die Seele. Was ist der Mensch, der nichts von Kunst versteht? Ein Jammerlappen ist er; er kann nicht mal ein lleberbrettl von einem Brettl unterscheiden. Und darum soll das Kind Kunst lernen, nnd darum heißt das Schlagwort der neueste» Zeit, das Schlagwort von heut bis über« morgen: Kunst für das Kind I Es ist ei» gutes Schlagwort, ein brillantes Schlagwort, ein Wort, das alles ausdrückt, was unsre Zeit an ethischen Fordernngen auszustellen hat. Herr Doktor Lehmann findet das auch. Herr Doktor Lehmann lvohnt drüben jenseits des Platzes; er gehört zum Verein für Volkserziehnng, er hat ihn sogar, glaube ich, selbst gegründet, zusammen mit Herrn Doktor Schulz und Herrn Doktor Meyer. Herr Doktor Lehmann ist sehr für Volkserziehnng, für gute Erziehung, für die Erziehung zur Kunst. Woche hält er eine große Rede im Verein, für künstlerische Ansstattin'a p�'diert er. für stilgerechte» Wand- schmuck i-11 den Kinderstuben, für künstlerische Bilderbücher, für küustlerisi� Lektüre. Kunst für das Kind, das ist auch seine Losung. �DWWW Und all die eleganten, geputzten Mama?, die andächtig seineil Worten lanscheii, klatschen Brävo, wenn er fertig ist und stimmen ein in sein Feldgcschrei:„Kunst für das Kind I" Und dann gehen sie hin und kaufen gute Bilderbücher nnd stil» vollen Wandschmuck für die Kinderstuben. Es sieht ja so schön aus und ist Kunst für das Kind. «Kunst für das Kind ist die Hauptsache," sagte Herr Doktor Lehmann, als er gestern nachmittag bei mir Ivar.„Ich sage Ihnen, das Alpha und Omega aller Erziehung heißt: Kunst für das Kind." Da kam gerade Leuchen. Leuchc» ist nämlich die Aelteste vom Portier. Sie sitzt in der zweiten Klasse der Gemeiudeschule; sie kam, um Briefe abzugeben." „Na, Lenchcu," sagte Herr Doktor Lehmann,„da Du gerade mal oben bist, Lenchcu, sieb doch mal ans dein Fensterbrett nach, ob»och 'ue Meise ans dem Futterplatz sitzt." „Nee," sagte Lcnchen,„Maise sin»ich da I" „Aber, Leuchen, tver spricht denn von Mäusen! Nach'ner Meist habe ich gefragt. Weißt Du denn nicht, was fiie Meise ist? Kannst Du nicht'ne Meise von'nein Spatz unterscheiden?" „Nee," sagte Leuchen zum zweitenmal,„nee, solvat ha'm Iva in unse Schule noch nie»ich schabt." „Gräßlich," seufzte Herr Doktor Lehmann,„nun verwechselt sie auch noch die Fälle I Gräßlich, diese Gemeindeschüler, nicht ein- mal richtig deutsch können sie sprechen I Davon, wie sie's schreibe», will ich gar nidit reden. Aber wo waren»vir stehen geblieben? Ja l Ach ja, sehe» Sie, wie ich Ihne» sage, künstlerische Bilder für die Schule I Nur mit der Kunst werden wir ettvas erreichen. Es... ja. hml... ES liegt eben alles in dem einen Wort: Kunst für daö Kind!"— •• Soweit die Zuschrift, die uns dieser Tage zugegangen. Unsre Leser werden auf den ersten Blick sehen, wo der berechtigte Zorn in Uebcrtrcibung umschlägt.— D. N. Kleines Fenillekon. — Die Bndiäkcrsche. Es war damals, als wir das Brot kerbte»; nicht, um unser Heim zn schmücke», sondern an? einem andern Grunde. Am Rande des Schcuueuviertcls, in einem Keller, aus dem man, wenn man am Fenster saß, genau»och die Knöchel der Bor- überhastenden erkennen konnte. Vom Wirt sagten sie, er habe einen Lötkolben zwischen Mund und Augen. Beschwert hat er sich nie- rnals; weder über die Schreihälse der Koppelkuechte, noch über das Treiben der Chabrusleute, die aus dem nahen Leihhause herüber- kamen, um unter sich ihre letzte Auktion abzuhalten; nahm nur immer und innner wieder einen Klccucn, der Gute, die Reibe durchs alle 6t Flaschen, damit er auch wußte, was er seinen Gästen vorsetzte: ein stiller Märtyrer seines Diensteifers und Pflichtgefühls. DaS schlagende Herz der Kneipe war die Wirtin. Sic stammte aus Schlesien, also schlug sie. Wie eine Wachtel. Aber gewöhnlich erst nach dem Abendessen. Bei Weißbier mit Hiwbeer. Hinten, au einem runde», blitzblanken Tisch saßen die Stock- Jung- gesellen nnd freute» sich, daß ihnen jemand das Reden abnahnr. Zwei surrende Gasflammen wäre» weniger galant, ober die Wirtin hatte das Wort inid behielt es, bis zum Feierabend. Ab und zu ging auch einmal die Tochter der Wirtin durch den Raum. Aus der Nebenstube in die Küche oder umgekehrt. Daun knackte a» dem nrnde» Tisch ein Stuhl, oder der Sand knirschte unter einer hart aufgesetzten Sohle.„Gott ja, wer weiß denn, was i» so einem Jung- gesellen- Herzen vorgeht I" In der Nationalgalerie hängt oder hing das Bild einer jungen Frau. Um das blasse, etwas volle Gesicht ivellt sich dichtes, aschblondes Haar; große, runde Augen sehen Dich an; ein roter Schmuck vorn auf der Brust.... Vor einigen Tagen ging ich nach der Markthalle, um einen Stock- fisch zu kaufe». Aus den Leuten redete schon die WeihnachtSsrende; jedes Mundwerk Ivie geölt. Ich schleuderte durch eine Gemüse-Gasse. Da... dort... vor der roten Krautkops-Wand... war das nicht meine Aschblonde? I Im ersten Augenblick gab es mir einen Riß, als hätte man mir dünnen Redaktions- Kakao eingegossen. Dann begann ich an den Fingern zn zählen.... Nicht möglich!■•. Siebzehn, beinahe achtzehn Jahre I... Die lauge, lange Zeit.... Aber!... Das Licht konnte ja täuschen!... Oder etwas andres.... Ein Dickes. Rnndcs, Kugeliges, das in einem weiten, schwarzen Theatermantel stak, versperrte mir die Gasse. Ich mußte eine Scitenbewegnng ansführon. Endlich sah ich das liebe Gesichtchen wieder. Es schien aber mit einem Male etwas breit geworden zn sein, fast schlapp, und die Augen müde. Roch ein Blick er genügte. „Gnädige Frau, gestatten, daß.... damals im Keller... Am Abend, ivenu die Frau Mütter.. Ein Heller Schein flog ihr über das breite Gesicht. „Sie sind es? I... Sehr erfreut I" Sie wies nach der Kohl. Wand. '.M-ine Tochter Cloire. �. We aeht eZ Ihne«?' „So... so... Und Ihne»?' „Dmike!' Wir Inmeii i»s Plouder» Sie hotte schon wno» hjK«ga- mm... rrineu Bockel oder Schlöchtcr oder gor ciiie» Grünkrnnihöiidlcr. Etwas Nahrhaste»>var es... Es ging ihnc» gilt....- Als sie sich cntsemlc». Witflc ich ifmcu langc»och. Es war nur rtivaS flau. Als hotte ich de» desogle» Kakao n»ch»virklich gc- tAiiikci!. Daun sah ich au mir hinuutcr, soweit es ging. N»d plötzlich mahle ich lache». „Nee!... Ein Ehebett für linS zivci Beide, so etwas hätte kZ ja gor nicht gegeben!..." K. Gefährliche llutcrsuchuugcn an den Augen wilder Tiere hat der englische Forscher Dr. Liudsay Johnson nunmehr zum Ab- schloß gebracht. Es handelt« sich für ihn zunächst darum, ob Affen den als„gelber Fleck" bekanutcn besonderen Fleck in der Netzhaut besitzen. Bei seinen Untersuchungen i» Menagerien fand er, dah alle Affen ebenso wie der Mensch jenen Fleck besitzen, aber dah er bei jeder Gattung wechselte. Er folgte dieser Spur und entdeckte, das; jede Familie der Säugetiere ihre besondere deutliche Erscheinung im Aiijte hat, so dag, ivenn»»an die Hintere Wand des AngcS >nit ciiiem Augenspiegel und Licht untersucht, man nicht mir die Familie, sondern auch das Genus des Tieres erkennen kann. Nunmehr untersuchte er shsteinatisch alle Tiere in den Zoologischen Gärten zu London. Antwerpen, Amsterdam und in andern grohen Städten. Die verschiedenen Entdeckungen, die Dr. Johnson gemacht hat, sind in den Berhandlnngsbcrichten der„Royal Society" zu finden. Allgemein interessanter ist jedoch seine llntersnchnngs- Methode. Ilm die Augen der Tiere zu prüfen, muhte der Käfig ver- dunkelt werden und der Forscher neben dem Tier, hinter dessen Kopf sich eine Lampe befand, sitzen und durch den Augenspiegel in einer Entfernung von einem halben Zoll von dem Auge des Tieres seine Beobachtungen anstellen, iiiid dies manchmal zwei Stunden laug. Im ganzen beschäftigte er sich mit jedem Tier acht bis sechzehn Stunden. Er untersuchte die Augen von ctiva tausend Tieren und machte Zeichnnugen von etwa 250. Bei den grösteren Tieren muhte natnr- lich die Betvegungsfreiheit aufgehoben werde». So wurden die Elefanten gefesselt. lieber die Bären wurde» acht Fuh lange Säcke gezogen und sie dann init"Seilc» festgebunden; die geschlossenen Enden der Säcke Ivnrdc» mit einem Messer aufgeschlitzt, und wenn Meister Petz seinen Kopf vorstreckte, bekam er einen Maulkorb und lvnrdc zur Angenuntersuchung auf den Tisch gehoben. Bei Löwen, Leoparden, Tigern und gröhen Katzen konnten keine Maulkörbe gebraucht Wörde», da sie die Tiere tödlich erschreckten! der Forscher muhte sich daher an Menagerien ivcnden, in denen die Tiere weniger wild waren. Er fand es ratsam, den Tieren den Bart abzuschneiden, da bei einer Be- uihrmig desselben während der Untersnchung die Bestien zu- schnappten. Dr. Johnson und seine Assistenten waren unerschöpflich in ihren Hilfsmitteln. Einige Vögel wnrden dazu gebracht, ihre Schnäbel in grohe Korken zu stohcn; die Wafferlicre nmhtcn sehr sorgfältig behandelt werden, damit sie nicht erstickten. Die Loa coustriotor und die Tigerschlange wurden in Sacke geworfen und ihre Köpfe aus de» Säcke» heraus von Wärter» gehalten, während über Wölfe, Biber, Otter». Robben»nd Seclötvc» Netze geworfen wurden, so dah die Tiere sich in den Maschen verstrickten. Chloro- form wurde nicht gebraucht. Geduld und Schmeicheleien machten bei den»leisten Tieren den Gebrauch bau künstliche» Mitteln zur Beruhigung unnötig»nd nur bei gröberen Tieren wurde» Netze. Seile und Säcke angewandt. Dr. Johnson beschäftigt sich jetzt mit der Ansarbcilung der Ergebnisse seiner Nutersuchungen.— Litterarisches. n Dort, wo die Lilleratur anfängt, ein Schachergeschäft zu werden, tunimelt sich seit einiger Zeit Herr Robert Hey m a» n. Er giebt bettlnchzrohe„Witzblätter" heraus, schickt den Nedaktiaucn Sanunclbäude icmcr Zeitschriften, ans denen Dntzcnde von Blättern herausgerisicu sind. Iaht sich von andern ansingen und schreibt Bücher über Bücher. DaS fünfte im letzten Jahre ist„Lais, die Hetäre. Erstes Buch: Die Brantnacht der Priesterin".(München. Verlag .Frührot".) Die AuSstattimg dieses Baches ist ein Monstrum bo» Protzen- haftigkeit und Geschmacklosigkeit: Grohgnart. Büttenpapier, einseitiger Druck, ganzseitige Illustrationen von schauderhafter Güte. ein EngroSlagcr von Gedankenstrichen usw. Hcymann muh sein Buch kurz nach' der Lektüre cincS Geographicbuches von Vorderasic» gc- schrieben haben. Orts- und Eigennamen wiimnelu nur so durch- cinander. Einen Inhalt hat das Buch kaum, wenigstens keinen, dessen einzelne Episoden durch eine Haiidlnng vcrknüpfk wäre». Dafür aber recht schniutzige Sceneii. lind alle diese„Schönheiten", zu deren.Priester" sich Heymann anfwirft. in den vcrrnippellstcn Bersfühe», in Neimen, ivic„berühmt" ans„Ziinmt", und in Bildern. die uns die Brüste der Priesterin schildern„sonncmimd, gelockt tvie Weiher Sand".— Mahlzeit'— Geschichtliches. br. D i e französische Revolution»>» d die Arbeitslosigkeit. Am 22. Floreal des zweiten Jahres der Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Republik las Bcwrvre in der Raiionakvctfaiinnkiiitg nuler der Präsidentschaft von Carnot ei» denkwürdig es Aktensinck vor. dem wir die folgeiideii Sätze entnebinc»: Während an allen nnsrcn Grenzen die Kanone lärmt, macht eine furckit- bare Landplage, die Pest der Monarchien, die Bettel-' armnt, erschreckende Fortschritte im Innern der Republik. Die Enlwickclnng dieser politischcil mtd moralischen Krankheit hat kein eifrigeres Beförderungsmittel als den Krieg, keine gefährlicheren Agenten, als die Fraktionen,' keine mächtigeren Mittel, als die lln- ordnnng der öffentlichen Angelegenheit. Die lange Dauer dieser Krankheit ist gesichert durch die Gleichgültigkeit des Gesetzgebers. Herrlich würde der Konvent Epoche machen, Ivenit er die Bettel- armut inmitten der Gräncl des Krieges abschaffen könute. Der Pauperismus ist eine nie ruhende Anklage gegen die Regierung! Vier Tage, nachdem Robespicrre über de» Gesetzeiitivnrf zur Anerkennung des höchsten Wesens berichtet hatte, rief Barrvre: Wenige Tage sind verflossen, dah Ihr diese Worte bejubelt habt. Die Elende» sind die wahrhaft Mächtigen der Erde, sie hätten das Recht, als Herren zu' den Regierungen zu sprechen, welche sich um ihr Schicksal nicht bekümmern. Ein ganzes Programin der Hilfe- leistnng cntwickelte er, es in drei Gruppen teilend: Hilfe für das flache Land, für die Städte, für die Armee.„Wir müssen wie die Natur mit dem Lande beginnen, Hilfe bringen, de» Bearbeitern des Landes, den invaliden Arbeitern, den Frauen und Witwen, mit zu vielen Kindern und den Schivaitgercu! Arweit den Kräftigen, in den Zeiten der Arbeitslosigkeit... Schwöre» wir. dah wir nicht mehr aiierkeimcn wollen, Klaffen von Menschen, die dem Unglück gciveiht, dem Elend überantwortet sind, schwören wir. die beschämende Annnt abzuschaffen, die die Würde des Mannes schänden, die die Natur des Menschentums beleidigt." Larochefviicanld-Liaiicourt entwickelte ei» ganzes System von WohlfahrtSeiiirichtnnge» in der Nationalversanimlnng gleich nach ihrem Zusamuienlrilt.„Keine Klasse von Unglücktichen. von Heimats- »nd Arbeitslose», soll anherhalb des Bereiches der öffenlticheu Wohlthäligkcit verbleiben. Annut und Arbeitslosigkeit sollen ver- schwinde» von der Erde, so weit sie erleuchtet wird durch die Thate» der französischcu Revolution!" Es ist gut, einmal auch an diese Worte zu crinnern. da die meisten misrer Geschichtsschreiber und vor allein die Geschichts- lehrer in nnircn Schule» dein Volke ei» Schanergenüilde von der sranzösischcn Revolutio» rnlwerfc». während sie für die grohen socialen Ideen, welche in dieser Revolution gezeitigt wnrde», fast gar lein Verständnis erlennrn lassen. Gerade in nnsreu Zeiten der Arbeitslosigkeit muh es aufs lebhafteste interessiere», wie ganz anders daS Bürgertum in seiner Maie»- Jngendblüle zu diesen Fragen Stellung»ahm, als heute, wo es sich seinem Grcisenalter nähert.— Hnmoristtststes. — Modern.„Aber Sie hatten doch Vermögen, soviel ich weih?" „Ja. aber das habe ich alles V e r s ch r i s t st e l l e r t!"— — Tri» m p h der B i l d n n g. Eine„höhere Tochter" die ans dein Pensionat heimkehrt, möchte gerne dem kleinen Brüderchen eine Freude ninchc». Sic geht zu diesem Zwecke i» einen Vazar. um einen sogenannten Bajazzo(HaiiSivurstl zu erstehen. Da ihr aber der Ausdruck„Haiiswurfl" zu gemein nnd„Bajazzo" zu du»»» dünkt, spricht sie zu der erstaunten Verkäuferin:„Ach bitte l Ich möchte gern ein Johannes iv ü r st ch e»!"— — C i» liebender Gatte. Bncki Halter:„Herr Beigel- stock. Ihre Fran Gemahlin ist init dem Kassierer auf dem Antoniobil durchgebrannt...!" Prinzipal:„Schicken Se Ihr Benzin»ach, aber schnell!"— („Meggend. Hin». Bl.") Notizen. — Die Z i 0 ii i st e» planen die Gründnng eines modernen jüdischen Verlages. Eine Subskription ist bereits eröffnet worden.— —„Frau A» n e", ein vierakligeS Drama von Marx Möller wird noch in diesem Winter im S ch a n s P i e l h a» s e seine Erstaufführung erleben.— — Das Gastspiel C o q n e l i n- D n r a n d im Schauspiel- hause beginnl am 13. Januar, wird zmiächst imr drei Vor- stellmige» innfassen, eventuell aber bis zum 1i>. Januar ausgedehnt werden.— — Das Schiller-Theater weist für das Geschäftsjahr 1900 01 eine» Gewinn von 21244,28 M. aus. Di: T a n t i e in c n an die Autoren betrüge» 20275.07 M.— — I» G c ii u a ivnrde die Anffiihruiig von d' A n» n n z i o Z „F r a n c e s c a da R i in in i" ans„Gründen der Sittlichkeit" ver» boten.— — Eine Tropfsteinhöhle von 15 Meter Länge und einer Höhe, die zwischen 0,90 mid 5 Meter variiert, ist, nach dem „Bogt!. Anz.", in der Nähe des Kloschivitzer NittergntcS bei P laue n i. V. entdeckt wordeii. Die Färbung der Tropfstein- bildungeii ist gelblich-grün.— Druck und Bering von Max Padiug in Berlin.