Anterhaltungsblatl des Horwärts ffix. 2. Freitag, den 3 Januar. 1902 lNachdruit verboten.! 2] Fonttt Govvjejenr. Nomon von Maxim G o r l i. Deutsch von Klara Brauner. In den neun Jahren seiner Ehe gebar ihm seine Frau vier Töchter, doch sie starben alle. Jgnat erwartete mit Herz- klopfen ihre Geburt und betrauerte ihren Tod nur wenig — er brauchte sie so wie so nicht. Seine Frau schlug er schon im zweiten Jahre nach der Hochzeit, zuerst schlug er sie in betrunkenem Zustande und ohne Zorn, einfach nach dem Sprichwort„liebe deine Frau wie deine Seele, und schüttle sie wie einen Birnbaum", aber nach jeder Geburt, die ihn um seine Hoffnungen betrog, flammte in ihm Haß gegen seine Frau auf, und er schlug sie jetzt mit Vergnügen, indem er sich an ihr dafür rächte, daß sie ihm keinen Sohn gebar. Eines Tages, als er sich geschäftlich im Samarer Gouvernement befand, erhielt er von zu Hause von den Verwandten ein Telegramm, das ihn vom Tode seiner Frau benachnchtigte. Er bekreuzte sich, sann eine Weile nach und schrieb seinem Gevatter Majakin: „Beerdigt sie ohne mich, gieb' acht aufs Geld...." Dann ging er in die Kirche und hielt dort eine Seelen- messe; als er für den Frieden der verstorbenen Akulina ge- betet hatte, begann er daran zu denken, daß er möglichst bald wieder heiraten müsse. Damals war er dreiundvicrzig Jahre alt; er war groß und breitschultrig und hatte einen tiefen Baß wie ein Proto- diakon; seine großen Augen blickten dreist und klug unter den dunklen Brauen hervor; in seinem gebräunten Gesicht, das von einem dichten schwarzen Bart umrahmt war, und in seiner ganzen mächtigen Gestalt war viel rein russische, gc- suude, ordinäre Schönheit; in seinen gemessenen Bewegungen und dein stolzen, behäbigen Gang lag ein Gefühl von Straft und von großem Selbstbewußtsein. Er gefiel den Frauen und mied sie nicht. Kaum war ein halbes Jahr seit dem Todestage seiner Frau vergangen, als er schon um die Tochter eines ihm ge- schäftlich bekannten niolokanischen Kosaken im Ural anhielt. Der Vater des Mädchens gab ihm seine Tochter, ungeachtet dessen, daß Jgnat auch im Ural als ein„toller" Mensch berüchtigt war. und im Herbst kehrte Jgnat Gordjejew mit seiner Frau, der jungen Kosakin, nach Hause zurück. Sie hieß Natalja. Groß, schlank, mit weit offenen, blauen Augen und eineni langen, dunkelblonden Zopf, war sie eine des schönen Jgnat würdige Erscheinung. Er war hochbeglückt, war auf seine Frau sehr stolz und liebte sie mit der leidenschaftlichen Liebe eines gesunden Mannes. Doch bald begann er, sie nachdenklich und scharf zu beobachten. Selten erschien ein Lächeln auf dem ovalen, streng regel- mäßigen Gesicht seiner Frau,— sie dachte immer an ettvas, was dem Lebe» fremd zu sei» schien, und in ihren blauen Augen, die stets kalt und ruhig waren, leuchtete manchmal ctwaS Dunkles, Menschenscheues. In der freien Zeit, die ihr die Beschäftigung mit der Wirtschaft übrig ließ, setzte sie sich im größten Zimmer des Hauses aus Fenster und blieb hier regungslos und schtveigend zwei, drei Stunden sitzen. Ihr Gesicht war der Straße zugewandt, doch der Blick ihrer Augen verhielt sich allem gegenüber, was dort hinter dem Fenster lebte und sich bewegte, so teilnahmslos und war zugleich so tief, als blickte sie in sich hinein. Auch ihr Gang war seltsam— Natalja bewegte sich in den geräumigen Zimmern des Hauses lang- saui und vorsichtig, als ob etwas Unsichtbares die Freiheit ihrer Belvegungen beengte. Das Haus war niit einem schweren, ordinär prahlerischen Luxus eingerichtet, alles darin glänzte und schrie von dem Reichtum des Besitzers, aber die Kosakin bewegte sich an den teuren Möbeln und den aufgetürmten Silbergeräten scheu vorüber, als fürchte sie. all' diese Sachen könnten sie packen und ersticken. Das lärmende Leben der großen Handelsstadt interessierte diese schweigsame Frau Wohl»licht,»»nd wenn sie n»it ihren» Main» spazieren fnhr, waren ihre Augen auf de»» Rücken des Kutschers gerichtet. Wenn ihr Man»» ihr vorschlug, mit ihin Besuche zu machen, ging sie und benahin sich dort ebenso seltsam wie zu Hause; wenn Gäste zu ihr kamen, bewirtete sie sie eifrig, ohne das grringste Jlrtcresse daran zu äußern. wovon sie sprachen, und ohne einen von ihnen den andren vorzuziehen. Nur der kluge und witzige Gevatter Majakin rief manchmal auf ihrem Gesicht ein Lächeln hervor, das blaß wie ein Schatten ivar. Er sagte von ihr: „Das ist ein Baum und kein Frauenzimmer. Doch das Leben ist wie ein nie verlöschendes Feuer, wir alle flammen darin auf, auch diese Molokanin wird Feuer sangen, wart' nur, laß ihr Zeit. Dann werden wir sehen, was für Blumen auf ihr blühen werden..." „He, Du Heidin!" sagte Jgnat scherzend zu seiner Frau. „Worüber sinnst Du? Sehnst Du Dich nach Deinem Kosaken- dorf? Lebe lustiger!" Sie schwieg und blickte ihn ruhig an. „Du gehst gar oft in die Kirche... warte doch damit! Du wirst noch Zeit haben. Dich von den Sünden los- zubeten... Du inußt ja zuerst sündigen. Du weißt: wenn»nan nicht sündigt, hält man nicht Buße, und wenn man nicht Buße hält, rettet man sein Seelenheil nicht... Sündige also, solang Du jung bist. Wollen wir spazieren fahren?" „Ich Hab' keine Lust dazu." Er setzte sich zu ihr, umarmte sie, die kalt blieb und mit der Erwiderung seiner Liebkosungen geizte, sah ihr in die Augen und sprach: „Natalja! Sag. warum bist Du so wenig froh? Lang- weilst Du Dich»nit mir?" „Nein," erwiderte sie kurz. „Also»vas ist's?— Willst Du nach Haufe zurück?" „Nein... das ist nur so.. „Woran denkst Du?" „Ich denke an»lichts.. „Also was ist's?" „So..." Einmal gelang es ihm, eine wortreichere Antwort von ihr zu erlangen: „Bei mir im Herzen... ist etwas Banges. Auch in den Augen... Und es schemt mir immer, daß das alles nicht das richtige ist." Sie zeigte mit der Hand auf die Wände, die Möbel, auf alles mn sich. Jgnat dachte über ihre Worte nicht nach und sagte lachend: „Da hast Du unrecht! Da ist alles ganz echt... alle Sachen sind teuer»nid haltbar... Wenn Du aber willst, werde ich alles verbrennen, verkaufen, verschenken und neue Sachen anschaffen! Nun, willst Du?" „Wozu?" sagte sie ruhig. Endlich begann es ihn zu wundern, daß sie, die so jung und gesund war, so lebte, als ob sie schliefe, nichts wünschte, nur in die Kirche ging und allen Menschen gegenüber scheu war. Und er tröstete sie: „Wart nur, bis Du mir einen Sohn gebierst, dann wird für Dich ein ganz andres Leben beginnen. Du bist deshalb traurig, weil Du»venig Sorgen hast, und er»vird Dir schon Sorgen verschaffen... Du wirst ja einen Sohn gebären?" „Wie Gott»vollen wird," antwortete sie und senkte den Kopf. „Nun, Molokanin, warum läßt Du die Nase hängen? Sie geht»vie auf Glas... und blickt, als hätte sie jeinand umgebracht! Ach ja! Bist ein so saftiges Frauenzimmer »»nd hast zu nichts Lust... Närrin Du!" Einmal kan» er betrunken nach Hanse und begann sie mit seinen Liebkosungen zu verfolgen. Sie wich ihm aus. Da wurde er zornig und schrie: „Laß die Possen, Natalja I Gieb acht!" Sie»vandte ihin ihr Gesicht zu und fragte ruhig; „Was»vird dam» sein?" Jgnat machten diese Worte und ihr furchtloser Blick ganz»vild. „Was?" brüllte er und»»äherte sich ihr. „Willst Du mich vielleicht schlagen?" fragte sie, ohne sich zu rühren»»nd ohne mit dem Auge zu blinzeln. Jgnat war gewohnt, daß man vor seinem Zorn zitterte. und es tvar für ihn seltsam und kränkend, ihre Ruhe zu sehen. »Da hast Du!" schrie er und holte mit der Hand nach ihr aus. Sie wich langsam, doch zur rechten Zeit seinen! Schlag aus, faßte ihn dann bei der Hand, stieß sie von sich und sagte, ohne die Stimme zu heben: „Wenn Du mich anrührst, sv komm nie wieder zu mir! Ich»verde Dich nie mehr zu mir lassen!" Ihre großen Augen»vurdeu schmal, und ihr scharfer. schneidender Glanz ernüchterte Jguat. Er las auf ihren» Gesicht, daß auch sie ein starkes Tier»var, und daß sie,»venu sie wollte, ihn nie zu sich lassen würde, auch»venu nian sie totschlüge. „Ach, Tu Heidin!" brüllte er und ging. Doch wenn er ihr auch das eine Mal nachgegeben hatte, so wollte er es kein ztveites Mal thun; er hätte es nicht gelitten, daß ein Weib und noch dazu seine Frau sich vor ihm nicht beugte: das würde ihn erniedrigt haben. Er fühlte sofort, daß seine Frau ihm dann in nichts und niemals gehorchen würde und zwischen ihm und ihr sich ein hartnäckiger Kampf um die Ober- Herrschaft entspinnen müßte. „Gut! Wollen»vir sehen,»ver den andern unterkriegt," dachte er am nächsten Tag, indem er seine Frau mit finsterer Neugierde beobachtete, und in seinem Herzen flammte schon der stürmische Wunsch auf, denKanipf zu beginnen, um»nög- lichst bald den Sieg auszukosten. Aber nach vier Tagen erklärte Natalja Dominischna ihrem Manu, sie sei schwanger. Jgnat erzitterte vor Freude, umarmte sie fest und sagte: „Du bist ein Prachüvcib, Natalja! Natascha... wenn's ein Sohn ist! Wenn Du einen Sohn gebierst,»verde ich Dich vergolden! Mehr als das! Ich sag's Dir grad' heraus, ich»verde Dein Diener sein, ich sag's vor Gott! Ich Word' mich Dir zu Füßen legen, und Du kannst auf mir herumtreten. so viel Du willst I" „Das steht nicht in unsrcr, sondern in Gottes Hand!" sagte sie leise und überzeugend. „Ja, in Gottes Hand 1" rief Jgnat bitter aus und senkte traurig den Kopf. Von diesem Augenblick an begann er seine Frau»vie ein kleines Kind zu pflegen. „Warum hast Du Dich ans Fenster gesetzt? Gieb acht, daß Du nicht in den Zugtvind kommst, sonst»virst Du noch krank!" sagte er streng und freundlich zu ihr.„Warum springst Tu über die Treppe? Du»virst alles in Dir auf- rütteln... Du solltest mehr essen, iß für zivei, damit auch er genug hat.. Die Schivangerschaft machte Natalja noch in sich gekehrter und schlveigsamer; sie schien noch tiefer in ihr Inneres ein- gedrungen zu sein und»var vorn Pulsieren des neuen Lebens unter ihrem Herzen ganz in Anspruch genommen. Doch das Lächeln ihrer Lippen»vurde heller, und in dm Augen flammte manchmal eüvas Neues, Schivaches und Scheues auf,»vie der erste Schimmer des Morgenrots. Als endlich die Geburt kam— es war früh des Morgens an einem Herbsttage— erbleichte Jgnat beim ersten Schmerzensschrei, der sich seiner Frau entriß,»vollte ihr etivas sagen, machte nur eine abwehrende Geste mit der Hand und ging aus dem Schlafziminer, Ivo die Frau sich in Krämpfen wand, in das kleine Gemach hinunter, das seiner verstorbenen Mutter als Betzimmer gedient hatte. Er ließ sich Schnaps bringen, setzte sich an den Tisch und begann finster zu trinken, inden» er auf den Tumult im Hause und das Stöhnen der Gebärenden, das von oben drang, lauschte. In einer Ecke des Zimmers hoben sich undeutlich die dunkeln und teilnahmslosen Gesichter der Heiligenbilder ab, die vom slackernden Lichte der Oellampe schivach beleuchtet waren. Dort, über seinein Kopfe, stanipfte und scharrte man niit den Füßen, schob etwas Schiveres über den Fußboden hin. klapperte mit Geschirr und lief geschäftig die Treppe hinauf und herunter... All das ging schnell und eilig vor sich, doch die Zeit zog sich langsam hin. An Jgnats Ohr drangen gedämpfte Stimmen: „Es»vird»vohl so gar kein Ende nehmen... man sollte in die Kirche schicken und die Altarthüren öffnen." In das anstoßende Zinnner trat die im Hause wohnende Verlvandte Wassnschka herein und begann laut zu beten: „Du unser Herrgott... der Du so gütig warst, vom Himmel zu uns zu kommen, und den die heilige Muttergottes geboren hat... der Du die Schwäche des menschlichen Fleisches kennst.., verzeih Deiner Sklavin Und Plötzlich erklang, alle Laute übertönend. ein un- menschlicher Schrei, oder ein gedehntes Stöhnen schwamm. leise durch die Zimmer des Hauses und erstarb in den Ecken, die schon von der Abenddämmerung erfüllt waren... Jgnat»varf den Heiligenbildern finstere Blicke zu, seufzte tief und dachte: „Wird's wieder eine Tochter sein?" Manchmal erhob er sich, blieb ohne Zweck in der Mitte des Zinimers stehen und bekreuzte sich schlveigend, sich tief vor dm Heiligenbildern verneigend, dann setzte er sich »nieder an den Tisch, trank Schnaps, der ihn in diesen Stunden nicht berauschte, dröselte vor sich hin und verbrachte so den ganzen Abend, die ganze Nacht und den Morgen bis zum Mittag. lFortsetzuug folgt.) SrhornsÄttlrs rvptes Vebük in der Genosse F. I. Ehrhart erzählt in der Beilage der„Pfalz. Post": In dem Matze,»vie sich das Socialistengesctz für seine Väter»virknngSloS er- »vies, steigerte sich die brutale, alles Recht mit Fützen tretende Anwendung desselben. Den Höhepunkt erreichte die Vergeiualtigung der socio- listisch gesinnten Arbeiter Milte der achtziger Jahre. In Preiltzen herrschte das System Pnttkainer,»vie dieser sich räusperte, so spuckte die grötzere Anzahl der Polizciminister der deutschen Einzelstaaten. Datz der zivcitgrötzte deutsche Bundesstaat davon keine Ausnahme macheu konnte, versteht sich am Rande. Gewissenhaft folgte Bayern allen nach dieser Richtung gegebenen Anregungen ans Berlin. Herr v. Fcilitzslli»var der' Mai!» dazu, die' preußische» Befehle anfs pünktlichste z» erfülle». Der bayrische Vcrivaltnngs- apparat bis hinüber zum Rachttvächter»vurde mobil gemacht und aufs.Rotivild" förmlich dressiert. In der als liberal verschrienen Pfalz fand der Fcilitzsch-Puttkamerliche Geist die gelehrigsten Schüler. Regierungsorgane»vettciferten mit dem bis auf die zlnoche» liberale» Bürgertum in der Ausübung der Polizeigetvalt. So bildete sich beispielsweise in Lndwigshafen eine ans den „besten" Bürgersöhiicn" rckrnlicrte sogenannte freiwillige Hilfs- Polizei, sie zählte ellva hundert Manu und mntzte jeweils bei Hanssuchnngcn oder sonstigen Razzias in Dienst treten. Ei»»veitz- blaues Armband»var ihr einzig äußerlich Ab- zeichen. Manche Nacht harrte die edle Garde in den Polizei« lokalen zusammengepfercht auf eine lohnende Arbeit, stets inutztc» sie»ach stnndenlangcnr Harren erkennen, datz sie von den boshaften Sozzeu gefoppt waren und mit abgesägten Hosen suchten sie in den guten Bürgerlneipen ihren berechtigten Aergcr in den ordnungstreuen Bauch zu spielen. Versammlungen jeglicher Art,»venu sie auch nur nach einer „socinlistischen" Verivandtschaft rochen,»varen im voraus verboten. Mancher Ordnnngsmann bedauerte aufrichtig, datz die Ausuahniefuchtel das Stöstc» und Braten der soviel geHatzte» Ümstürzler auf geseylichein Wege nicht zuließ. Aber all die Widerivärtigkeileu und Peinigungen verstärkten die Lust und den Eifer der verhältnismäßig kleine» Schar der Geächteten. Wohl»vissend, daß ihre Bersninmluugen verboten »verde», beschäftigten sie die hohe Obrigkeit stets mit neuen An- Meldungen von solche». Heute noch»vollen»vir dankbar die Mit- ivirkung jener Gastivirte anerkennen, die sich nicht einschüchtern ließe»,' uns immer wieder ihre Unterschrift als Saalbesitzer zu den polizeilichen Versaminlungsanmeldniigen zu geben; es war zu jener Zeit kein gering anzuschlagendes Opfer. Im schöne» Monat Mai 138lj hatten»vir»vieder einen Besuch von auswärts zu erivarten. Der„rote Doktor", wie unser Schoen- lank bezeichnet»vurde, hatte eine Tournee von mehrere» Versa»»»- lnnge» in der Pfalz zugesagt. War er dein Gros der Partei noch »veuig bekannt, so ging ihm für die Eingeiveihte» doch der Ruf eines schneidigen Kameraden voraus, eine» solchen konnten»vir unter den gegebenen Umständen am besten gebrauchen. Sein erstes Debüt sollte in Kaiserslautern stattfinden. Die Polizei»nd Gendarmerie des ganzen Distrikts»var aufgeboten, um eine Versammlung unmöglich zu machen, Das»var ein Rennen und Jagen um das Verininmlungslokal. Schoenlank verduftete aus dem Knäuel, um schließlich, nachdem die Polizei glücklich auf ein totes Geleise gebracht ivar, vor den Genossen auf freiem Felde ohne polizeiliche Ueberlvachnng eine zündende Ansprache zu halten. Als er abdampfte, konnte et sich an den verblüfften polizeilichen Gesichtern amüsieren,»vas er auch ohne alle Schranken that. In Lambrecht harrte seiner ein fürstlicher Empfang. Wohlgczählte 20 Gendarmen mit ihren Häuptern und Oberhäuptern nebst dem Ortspolizistc», der sich in den dein festlichen Tage entsprechenden Wichs gesteckt hatte, waren nnr Bahnhof aufgestellt. Im Zug giugs durch die belebten Gassen der alten Sozzcnburg. Eine Rede konnie der so hochgeehrte Gast hier nicht halte», das war auch gar nicht die Absicht der Arrangeure. lvußten diese doch, daß eine' solche Demonstration ihnen ungleich »vcrtvoller»var als der beste Vortrag. Das Bürgertum selbst empörte sich über die rücksichtslose Unterdrückung der doch sonst friedlichen und fleißigen Arbeiter. I» Neustadt»viederholte sich dasselbe Spiel. Endlich gelangte der so gut Belvachte nrit seinem bunten Gefolge in Ludwigshafen ait.. A»> gleiche»! Abeyd trat die bürgerliche Hilfs? Polizei in Aktion. Die Kantons- und Disirikisxiendarincrie war Her- fanimelt. Auf einem Spaziergang, den Schocnlaiik in Bcglcitinig der Frau eines Genosse» in'der Stadt machte, versuchte die ihm ans den Fersen folgende Gendarmerie mit ihm zu karamboliere» und ihn dingfest zn machen, aber das entschiedene Auftreten der Vc- glciterin vereitelte das Vorhaben. Selbsiverstäudlich war auch hier die Versammlung schon im voraus verboten, die üudlvigS- hasener Genossen arrangierten nun eine gründliche Hätz. Die ganze Nacht wurde die hochinögendc Polizei von einem Ende der Stadt nach dem andern gesprengt, alles vollzog sich aber in einer herzerfrischenden Gemütlichkeit, alles geschah' ans fried- tichcm und gesetzlichem Wcge� Unser Gast konnte sich schließlich von seinen Strapaze» ausruhen, wußte er doch, daß ein halbes Dutzend Augen das Palais, in dem er zn nächtigen geruhte, aufs strengste bewachten. Dafür dankbar, begann dann des andren Morgens— es war ein Sonntag— die Hetz von neuem. Die Polizei„erhielt Wind", schon um die erste Morgenstunde findet eine„geheime" Versammlung an den oberen Ufern des Rheines statt, richtig schon ans unsrein Wege dahin tvimmelte es förmlich von Polizeiern, Volk war keins zur Stelle. Ganz oben lagen zwei Nachen bereit, in den einen stieg Schoenlank mit einigen Genossen, um über den Rhein zn setzen, boshaft luden sie die am Ufer stehenden Beschützer ein, der Versammlung„drülve" beiznivohncu. Schnellstens sprangen einige besonders schneidige Gendarmen in de» zweiten Nachen, kaum aber vom Ufer abgestoßen, mußten sie schleunigst wieder dem Lande zusteuern, denn ihr Fahrzeug hatte ein Loch; hätte» sie nicht hurtig den Strand erreicht, so waren sie gezwungen, ei» Schwimmbad zu nehmen. Aber sie ächzten freudig auf, den„roten Hund" hatten sie los, ihn nach Baden vertrieben, mochten diese sehen, wie sie mit ihm fertig werden. Schon nach ivenigen Stunden trieb sich der Flüchtling zum Schrecken der Polizei wieder in den Straße» Lndivigshafens herum. Bei unsrein Mittagsmahl stellte sich ein fein geschniegelter, tadellos gemusterter, mit einer knallroten Kravatte gc- zierler„Genosse" ei». Er>var über das Vorgehen der Polizei in heiliger Entrüstung entbrannt und bot uns seine Dienste an, ihm Ivar daran gelegen, �n erfahren, Ivo wir den Abend zu vcr- bringen gedenken. Vertraue» bedingt selbstverständlich ivicder Vertrauen, so teilten wir ihm denn unsre Absichten mit, uns, ivenn das Tageslicht entflohen, bei Schiffer in der Kanalstraße zusanunenzufiude». Bedaucrlichcrtvcise hatten wir etwas Verspätung und mußten zn unsrein Leidwesen erfahren, daß der neue Genosse schon stundenlang uns mit Ungeduld erivartc. Um so vergnügter aber leuchteten seine Augen, als er unsrer ansichtig wurde. Zunächst ließ er eine Batterie„mi- gczniicr.cn" Deideshcinicr auffahren. Immer vertrauter und auf- geräumter wurde er. die in übergroßer Anzahl anlvesenden Gen- darmcn und Pvlizistc» genierten ihn in keiner Weise, ja es wollte nnS scheinen, daß er gegen dieselben uns an Mut zu übertrniupfen suchte. Offenbar mußte sein parteigciiässischcs Herz aber noch etwas andres drücken, seine Gebärden dcnieten dies an. Bald hatte er de» Moment erhascht, mich zu einer Besprechung auf den Hof einzuladen, bereitwilligst leistete ich Folge und iinii offenbarte er sein ganzes brünstiges Empfinden. Wir waren ihm elende Stümper, Dreckseelcn, die sich von den polizeilichen Blut- buuden malträtieren ließen. Der ganze Jammer der ge- drückten mid gedrängten Arbeiterschaft hatte ihn aufs tiefste ergriffen, unbegreiflich ivar ihm unsre Eselsgeduld, mit der tvir uns alles bieten ließen. Aber was sollen ivir denn thun? ivar meine Frage. Die treue Seele wußte Rat. Dreinschlagen müßt ihr. Hier giebls nur ein Mittel. das ist— Dynamit—. Dabei kugelten seine schönen ehrlichen Augen wild und feurig im Kreise. Ich sollte ihm schwören, nichts zn verraten und seinen Anleitungen zu folgen, dann wollte er bereit sein, uns mit Rat und That an die Hand zu gehen. Ein solch schwerwiegendes Versprechen konnte ich als Demokrat selbstredend nicht eingehen, ohne wenigstens den„Partei- Wohlfahrtsausschuß" iuS Vertrauen zu ziehen, es waren ja nur fünf Mann, sie wäre» alle im Lokal, natürlich mußte auch der„rote Doktor" mit beigezogen lverde». Nach einigem Widerstreben ivilligte unser neugebackener Freund ein, der große Rat war feierlichst um ihn versammelt, unser Doktor zappelte schon lauge mit Händen und Füßen vor Ungeduld, Nunmehr wiederholte„unser Freund" in beredten Worten seine Anleitungen. Aus Darmstadt sollte das Dynamit bezogen werden und auch geeignete, der Taktik entsprechende Flugblätter wollte er besorgen. Schoenlank war Feuer und Flamme für den Herr- lichen Plan, er hatte sich im Sturm dnS grenzenloseste Vertrauen des „revolutionären Genossen" erworben. Uns allen schüttelte et krampfhaft die Hände, ehrbare Thränen traten ihn» in die Augen; de» Höhepunkt erreichte seine Begeisterung, als er Schoenlank umarmte und zu küssen versuchte. Schnellstens zog unser Doktor seine Renommaden-Backe» zurück, erst wollte er doch den Namen des braven Bruders, der uns eines solch riesigen Vertrauens beehrte, wissen und dann erst den Bruderschmatz austauschen. Etwas beklommen nannte unser Freund uns den Namen„Braun", aber noch hegten wir einiges Mißtrauen gegen ihir. Stürmisch verlangten wir, daß er sich legitimieren solle; als er sich sträubte, verlangten wir kategorisch, daß er seine Taschen entleere und uns Klarheit gäbe,' Nunmehr erkannte er die Situation für nicht mehr geheuer, protestierend gegen unsre Anmaßung Ivollte er uns verlassen, mit Blitzesgeschwindigkeit hatten wir ihn in unsrer Mitte, so wiederborstig er sich auch gebürdete, als ging es in die Hölle, es half ihm nichts, im Zuge gings in die Kopf an Kopf ge- drängt besetzte Wirtschaft; hier stellten ivir unsren Freund auf den Tisch und de» Versammelte» als den revolutionären Genossen Braun vor, ihn auffordernd, eine Anrede an das Volk zn halten. Er war leichenblaß, keines Wortes sähig. Die in vielen Exem- plaren anwesende Polizei versuchte ihn z» befreie», erst aber mußte er sich legitimiere» und siehe da, der schneidige Kamerad entpuppte' sich als der Geiidarmerie-Wachtrneister Zängerke. Wir ivnßten genug und hatten kein weiteres Bedürfnis, den lieben Kameraden weiter aufzuhalten, in Null Komma fünf war er verschwunden, er nahm sich nicht die Zeit, Hut und Stock mitzu- nehmen, im Galopp jagte er barhäuptig der Gendarmeriestation zn. seine rote Krawatte hatte er unterwegs verloren, sie wurde von uns gesunde» und bildete lange ein Andenken an den geriebenen Zängcrle alias Genossen Braun. Mit nnsrem Genossen war aber auch die ganze uns bewachende Polizei aufs höchste über- rascht, den» sie verduftete gleichfalls nach wenigen Minuten, »us rücksichtslos unsrein Schicksale überlassend. Es waren noch zwei herrliche Stunden, die wir da erlebten, unser Doktor konnte endlich ungeniert von» Lcder ziehen, er hat's vortrefflich gethan, allerdings war'S„nur ein Wirtshausgespräch", weShalb es auch nicht als eine nicht polizeilich angemeldete Versammlung aufgefaßt werden konnte. Alle waren wir so vergnügt. daß wir nnS am folgenden Montag noch eine kleine Nachfeier gestatteten. Des Nachmittags trafen wir uns in der Stammkneipe bei Liedy am Brückenaufgang. Das Lokal war von Polizei um- stellt, wie wir erfuhren, hatten sie Auftrag, Schoenlank zn verhaflen und damit dem Spiel ein Ende zu machen. Wußten wir auch, daß nnsrem Doktor dabei kein Bein ausgerissen werden konnte, so bestand doch der beiderseitige Wunsch, die Reise unsrcs lieben Gastes nicht im Gefängnis zum Abschluß bringen zu lassen. So schlüpfte Schoenlank dann schnellstens in einen Maurer- kiltel, stülpte eine Ballonmütze ans; während die Polizei von den Fcustcru uns beobachten konnte, wie man einen Mann hochrnfend in die Höhe hob, der selbstverständlich»nr Schoenlank sein konnte, ver- dustete dieser in seiner improvisierten Uniform gemütlich die Polizei passierend über die Rhcinbrückc nach Mannheim, Gern folgte er auf dem Maimemer Meßplatz der freundlichen Einladung des sogenannten„Aabbchr"*), sein Konterfei abnehmen zu lassen, um es als Andenken an die angenehmen lustigen Tage in der Pfalz uns zu widmen. Oft genug versichert er uns, daß jene Tage mit zu seinen schönsten Erinnerungen zählten. Aber was ist ans uuseri» Zängerle geworden? Den folgenden Tag berichtete die Tagespreise über den Vorfall. Zängerle rückte schon am andern Morgen in das Gendarmeriekommando nach Speyer ein. Roß und Reiter sah man als Gendarmen nie mehr wieder. Am nächsten Tage fand sich bei mir ein Offizier der köuigl, Gendarmerie aus Speyer ein. um höchst eigenhändig ein Protokoll über den Vorfall aufzunehmen. Der hohe Herr geruhte zu versichern, daß Zängerle eine kapitale Eselei gemacht habe, die ihm teuer zu stehen kommen werde. Wohl horten wir, daß er einige Zeit in dem bekannten Gcndarnienhotel tu Speyer unfreiwillig Quartier bezogen habe, aber schwere Folgen hat seine Schncidigkcit ihm offenbar nicht gebracht, denn er vertauschte alsbald seinen grünen Frack mit dem blauen Postkitlel; wir haben nie gehört, daß seine Kollegen eine besondere Freude über den ans dem sehr nngcwöhnlichen Wege zu ihnen gc- laugten Zuwachs empfunden hätten. Die Polizei und Regierung mochte selbst das Empfinden haben, daß sie auf dem seither gewandelten Wege schlechte Geschäfte mache, denn man ließ uns einige Zeit un- geschoren. Auch unsre„freiwillige Hilfspolizei" trat von da ab nicht iuehr in Aktion. Schwerlich dürste der Regierung und ihren Organen die Erinnerung an jene socialistischen Tage ebenso angenehm sei» wie uns.— Kleines Feuilleton» b. Von einer neuen elektrischen Qrnelksilber-Danipflaiitpc» einer Erfindung des amerikanischen Ingenieurs H e w i t t, wird gegenwärtig in einigen Zeitungen in etwas marktschreierischer Weise berichtet. Die Lampe ist gewiß recht eigenartig, und ihr Licht dient zu manchen wissenschaftlichen Untersuchungen, nur ist sie nicht jetzt und in Amerika, sondern vor neun Jahren in Berlin erfunden worden und wird in Deutschland seit Jahren benutzt. Dr. A r o» s, damals Privatdocent an der Berliner Universität, war mit Untersuchungen über die Vorgänge beschäftigt, die in einer luftleere» oder mit sehr verdünnter Luft gefüllten Röhre vor sich gehen, wenn elektrische Ent- ladungen durch die Röhre geschickt werden. Gelegentlich dieser Untersuchungen konstruierte er die Lampe, von der die Rede ist. Denkt man sich die luftleer gemachte Röhre so umgebogen, daß die Enden nach unten stehen, so hat man ein Bild von der äußeren Forin der Lampe, Die Schenkel dieser umgekehrten U-förmigen Röhre sind mit Quecksilber gefüllt; außerdem sind Platinstäbe in sie eingeschmolzen, die mit den Enden einer Stromquelle in Verbindung gesetzt werden können, wodurch der Strom zum Quecksilber geleitet tvird, Ist dies geschehen, so schüttelt oder neigt man die Röhre ein wenig, um zunächst das Quecksilber in den beiden Schenkeln zurBe- rührung zu bringen, was zum Schließen des Stromes notwendig ist; beim Zurückfließen des Quecksilbers bildet sich zwischen den ') Spitzilame ei|ieS bekannten Photogtophiebuden-Besitzers. Schenkeln der Lichtbogen ans. Das Licht ist ein sehr Helles, griines, in ivelchem die roten und gelben Strahlen mir sehr schivach vertreten sind; das Licht rührt nämlich von glühenden Quceksilberdämpfen her, welche die Rohre erfüllen. Wegen dieser Eigenschaft eignet es sich zur gewöhnlichen Belenchtnng gar nicht; denn alle roten und gelben Farbentvne verschwinden in diesem Lichte und werden voll- kommen dunkel. Diese Lampe wurde von Arons im Oktober 1882 der Physikalischen Gesellschaft in Berlin vorgeführt und in den Berichten dieser Gesell- schaft beschrieben. Im Jannar 1836 fand gelegentlich des Svjährigen Jubiläums der Physikalischen Gesellschaft eine Ausstellung physikalischer Apparate statt; hier wurde mich die Qnecksilberbogenlampe ausgestellt und vorgeführt. Arons untersuchte eingehend die Vorgänge ini Quecksilbcr-Lichtbogcn; eine ausführliche Abhandlung über die Lampe und seine Messungen,— es wurden solche an einem Queck- silbcr-Lichtbogen von 8/4 Meter Länge vorgenommen— veröffentlichte er 1896 in den Annale« der„Physik und Chemie".(Bd 53.) Seitdem ist die Lampe i» vielen wisienfchaftlichcn und technischen Zeitschriften beslbricben ivorden und auch in die Lehrbücher über- gegangen. Auch ist sie im Handel als Aronssche Quecksilber-Bogenlampe erhältlich. Besonders wird mit der Lampe in der Physikalisch-technischen Reichsanstalt gearbeitet, wo ihr Professor L u m m e r eine für seine Untersuchungen geeignete Form gegeben hat. So wenig sie nämlich wegen des Fehlens des roten Lichtes zu gewöhnliche» Belenchtnngs- zwecken dienen kann, so sehr ist sie gerade wegen dieser Eigenschaft geeignet, bei Untersuchungen zu dienen, in welchen homogenes (einfarbiges) Licht notwendig ist; sie liefert nämlich das hellste homogene Licht, das ivir bisher zu erzeugen im stände sind. Wenn diese Lampe jetzt als amerikanische Erfindung gerühmt wird, so liegt ivohl ein Mißverständnis vor; Heivitt wird sie kaum als seine Erfindnng ausgegeben haben. Dagegen scheint er sich bemüht zu haben, die Lampe für gewöhnliche Belenchtnng nutz- bar zu machen; wenigstens schrieb die„Vossische Zeitung von Staats- und Gelehrten-Sachen":„Es ist gelungen, dem Licht durch Anwcndnng dunkelroter Blendschinne durchaus nonnale Färbung zu geben." Das ist natürlich vollendeter Unsinn, wie er derZcitnng von gelehrten Dingen zuweilen passiert. Blendet man Licht ab, so kann man ihm nur etwas fortnehmen, nichts hinzufügen; ein roter Blendschirm kann von dem grünen Licht einen beträchtlichen Teil zurückhalten, aber kein rotes Licht erzeugen. Das Licht würde also von seiner Hellig- keit viel verlieren, an Röte jedoch nichts gewinnen. H e w i t t behauptet allerdings, es sei ihm gelungen, dem Licht das fehlende Rot zuzusetzen, lieber die Mittel spricht er sich nicht ganz deutlich ans; es scheint, als ob er in die Röhre noch andre Gase hineingelassen hat. die ebenfalls ins Glühen kommen, und da- bei rotes Licht aussenden. Ob das stimmt,»ins; abgewartet ivcrdc», ebenso wie nähere Angaben über den Energieverbrauch im Strome und dessen Zusammenhang mit der Helligkeit abzuwarten sind, che man ein Urteil darüber abgeben kann, ob die elektrische Beleuchtung mit dieser Lampe einen wesentlichen Fortschritt gemacht hat Undenkbar ist es nicht; den» das Licht zeichnet sich durch große Stetigkeit ans, ferner verschlechtert eS die Luft in keiner Weise, weil es ebenso wenig, wie eine elektrische Glühlampe, Sauerstoff verzehrt, und weil die giftigen Onecksilverdämpfe in der Röhre eingeschlossen bleiben. Außerdem ist noch zu bemerken, daß kein Verbrauch des teuren Quecksilbers stattfindet; denn da die Quccksilberdämpse in der Röhre bleiben, so schlagen sie sich nach Abstellen des Stromes wieder nieder.— Musik. Es ist interessant, aber auch bekümmernd, mitanznschen, wie sich jemand eifrig einer Sache widmet, der ihren cigenklichc» Ansprüchen nicht getvachjen ist. und wie selbst alles lernende Vorwärtsstreben des unreif-reifen Mannes daran nicht viel ändert. Dr. Ludwig Wüllner galt seit langem als der berühmte„Sänger, der nicht singen kann" singen im echten Sinn des Wortes bezogen ans die kuustmäßige Vollkommenheit des Tones. Was dazu noch alles gc- hört, zumal das allgemein Musikalische, darüber verfügt Wüllner in reichlichem Maße— am reichlichsten über das kaum jemand so lvie ihm eigne, hier jedenfalls nicht künstlich gesuchte Kunst- Nuttel eines Ausdrucks durch den ganze» Körper. Auch die gewöhnlichercu Ansdrncksmittcl, wie der Wechsel in der Stärke, sind in WüllncrS Hand gut verwendet, ausgenommen das eine, gerade ans die Daner so dringend erforderliche: den Wechsel i» der Klangfarbe. Nu» hören wir denselben Sänger wieder, wie er in langer, hin- gebender Arbeit versucht hat, durch Studien beim Fachlehrer das nachzuholen, was ihm im wesentlichen fehlt. Im zweiten seiner vier für diesen Winter angesagten Liederabende sang er ausschließlich Lieder von Richard Strauß, und zwar so annähernd genau in der Reihenfolge der Opliszahlen, daß man sich eines solchen Einblicks in die Entwicklung des Komponisten ebenfalls freuen konnte. Das erste dieser Lieder(„Zneignnng" von H. v. Gilm, op. 10 I.) war noch gar kein rechter Strauß. Und eben dieses ruhigere Stück gab dem Sänger Gelegenheit, zu zeigen, daß er einstweilen wirklich mit Erfolg gelernt hat— daß er jetzt im stände ist, kunstmäßig schöne Töne zu produzieren. Je mehr es jedoch in den eigentlichen Sirnuß hineinging, zumal in die stürmischen und alle Höhen nnd Tiefen eines Slimmnmfanges scharf beanspruchenden Stücke, desto mehr verlor sich die Milde des Tones, desto mehr kam das klang- farbenarme Heulen heraus, und desto mehr zeigte es sich, daß ein wirklich guter Klang diesem Sänger nur eine kleine Tonstrecke weit— in der höheren Mittellage— eigen ist, in der Höhe und Tiefe und dann auch im Piano jedoch gänzlich fehlt. Alle sonstige» Vortrags- künste helfen nichts mehr, wenn der Sänger„sich übernimmt" und nun seine Tonmißgebilde mit Hilfe alier disponiblen Muskeln hinausschlendert. Daß Ivir den Komponisten abermals näher würdigen lernten, bedarf ivohl nicht erst einer Hervorhebung. Einen besonderen Ein- druck— zumal durch oder trotz Wüllners Pseudokunst— machte die Komposition des ivahrhaft gut gedichteten„Arbcitsmanues" von R. Dehme!(op. 39 III.), dessen Refrain, daß uns„nur Zeit" fehle, mit zur Vertonung ganz besonders herausfordert. Für gemischten Chor ist es von Jos. Scheu komponiert(Dresden, I. GüMhcr), in einer Weise, die sich bei ihrem Liedertafel-Rhythnins zwar nicht mit dem freien Ausdruck von Strauß messen kann, die aber ihren Eigen- wert auch demgegenüber behält. Verhältnismäßig matt erschien uns die Vertonung des Lilicncronschcn„Glückes genug" nnd selbst nicht frei von falschen Accenten in der kompositorischen Darstellung. Die Behandlung desselben Textes durch Hans Richard(Leipzig, W. Salzer) dürfte nach mehr als einer Seite wirknngsvollcr sein. Freudig überrascht waren wir durch drei Kompositionen von Gedichten Rückcrts. Wie sehr widerlegen sie doch die Legende, als handle es sich bei diesem Dichter nur um Verse. Gerade die geistige Fülle, die hinter den Rückertschen Formen steckt, kam unter der Be- Handlung durch diesen Komponisten machtvoll heraus.— sz. Notizen. — B i c r b a n m will, so heißt es, vom Ucberbrettl hüpfen. Dann hätte die Direktorherrlichkeit netto einen Abend gedauert.— — D' A n» n n z i o s. T o t e S t a d t" wird, dem„B. T." zufolge, in einer Mittagsvorslcllnng im Neuen Theater, die die L c s i i n g- G c s e l l s ch a f t vcranstaitet, zum crstcnmale in deutscher Sprache aufgeführt werden.— — Mit den Berliner Theatern wird es bald so weit sein, wie mit gewissen B e r I i n e r B n d i k c n: sie werden„neu eröffnet". Mit der T r i a n o n- B ü h n e soll es noch in dieser Woche der Fall sein; der„ F r est e n B ü h n e" in Friedenau wird das Glück Mitte des Monats Jannar zu teil werden. Der „Deutsche Urheber-Verein" will das Ding riskieren.— — Der„Herakles" des E n r i p i d e s, in der Uebersctznng von Wilamowitz. wird vom Wiener„Akademischen Verein für Kunst und Littcratnr" im Josef st ädter Theater am 6. Januar zur Aufführung gebracht werden.— — Charpentiers M n s i k r o m a n„Louise" erzielte, nach der„Voff. Ztg.", bei der Erstanfsührung in Elberfeld einen durchschlagenden Erfolg.— — Wagners„Siegfried" ist am letzten Tage des Jahres zum erstenmal an der Pariser Oper mit Erfolg in Sccne gc- gange».— — A l t e r t ü m e r f u n d im S n d a n. Ungefähr zehn Meile» südöstlich von Schendi in einem Wadi beim Dschcbcl Ardnn ist an« fangs Dezember, wie die„Köln. Ztg." berichtet, von zwei Engländern eine Gruppe von Tempeln der Ptölomäerzeit entdcckr worden.— — Eine L e i b l- R u m m e r hat die„L e i z i g e r I I l u st r. Ztg." herausgegeben.— Etwas ganz Feines!— — Preise von 5000, 3000 nnd 2000 M. schreibt das Ministerium der öffentlichen Arbeiten zur Erlangung einer Vor- r i ch t n n g z u m M e s s e n des W i n d d r u ck s ans. Die Vor- richtnng, die sich nach längerem Gebrauch am besten bewährt, wird außerdem noch mit einem Extra-Preise von 3000 M. ge- krönt werden. Zum Wettbewerb sind Inländer und Ans- l ä II d e r zngelaffeii. Letzter Einliefernngstermin ist der 1. April 1903. Die Entwürfe sind zu senden an die Deutsche Sccwarle in Hamburg.— — U r a n i e n b u r g. die einst weltberühmte Sternwarte T y ch o de Brahes ans der schwedischen Insel Hve», soll demnächst re- st a u r i e r t werden.— ie. Ein n u g e w ö h n l i ch starker R e g e n f a I l hat sich Mitte Dezember in einem Ort der englischen Grafschaft Somerset zugetragen. Es wurde nämlich im Verlans von 36 Stuiiden vom Abend des 11. bis zum Morgen des 13. Dezember 6.42 Zoll(etwa 170 Millimeter) Rcgcnhöhc gemessen, wovon der größere Teil im Verlauf von 24 Stunden niedergekommen war. Für unsre Breiten bedeutet eine solche Niederschlagsmenge etwa den ganzen Betrag, der sonst im Verlauf von 3—4 Monaten zu fallen pflegt.— Die nächste Nummer des Unterhaliungsblattes erscheint am Sonnrag. den 5. Januar. VeramworUicher Redacieuri Carl Lei» in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing m Berlin.