Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 4. Dienstag, den 7. Januar. 1902 »Nachdruck verboten.» 4] Fomtt GovdjejeiV. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Klara Brauner- Zu Mittag aß man„auf russische Art", wie Majakin sagte. Zuerst wurde eine große Schüssel von fetten Schtschi mit geröstetem Brot, aber ohne Fleisch, auf den Tisch ge- stellt. Dann gab es dieselben Schtschi mit Fleisch, das in kleine Stücke geschnitten war. dann einen Braten, junges Schwein, Gans, Kalbsbraten oder eine Fischpastete mit Brei, dann kam wieder eine Schüssel Suppe mit Eingewciden oder Nudeln. Das alles wurde mit irgend etwas Süßem abgeschlossen. Ms Getränk gab es Kwaß dazu, aus Preißelbeeren. Wacholderbeeren oder Brot— Antonina Michailowna hatte immer einige Sorten davon. Man aß schweigend und seufzte nur manch- mal vor Müdigkeit. Von den Kindern bekam jedes seine be- sondere Schüssel, alle Erwachsenen aßen aus einer. Von einer solchen Mahlzeit ermattet, legte man sich schlafen, und zwei, drei Stunden nacheinander war in Majakins Haus nichts als Schnarchen und schläfrige Seufzer zu hören. Nach dem Erwachen trank man Thce und sprach dabei von den Stadtncuigkeiten, von den Chorsängern, den Diakonen, von Hochzeiten und von dem unanständigen Betragen eines der Kmifleute. Nach dem Thee sagte Majakin zu seiner Frau:„Nun, Mutter, gieb mal die Bibel." Am häufigsten las Jakow Tarassowitsch aus dem Buch Hiob vor. Nachdem er die Brille in der schweren Silber- fassung auf seine große Naubticrnase gesetzt hatte, musterte er seine Hörer mit dcu Augen, ob anch alle auf ihren Plätzen waren. Sie saßen alle dort, wo er sie zu sehen gewohnt war, und auf ihren Gesichtern lag der ihm bekannte stumpfe äugst- liche Ausdruck von Frömmigkeit. „Es war ein Mann im Lande Uz..." begann Majakin mit heiserer Stimme, und Foma, der mit Ljuba in einer Ecke des Zimmers aus dem Sofa saß, wußte schon, sein Pate würde jetzt gleich schweigen und sich mit der Hand die Glatze streicheln. Er saß da, hörte zu und malte sich dabei diesen Mann aus dm jLandc Uz aus. Dieser Mann war groß und nackt, seine Augen waren so riesengroß lvie beim Christus auf dem Heiligenbild, und die Stimme war wie eine große Blcchtrompcte, auf der die Soldaten jn den Sominerzcltcn blasen. Dieser Mann wuchs mit jeder Minute, er erreichte den Himmel, versenkte seine dunklen Hände in die Wolken, zerriß sie und schrie mit furchtbarer Stimme: „Wamm ist das Licht gegeben dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen?" Fonia erschrak und fuhr zusammen: der Schlaf flog davon, und er hörte die Stimme des Paten, der an seinem Bart zupfte und mit feinem Lächeln sagte: „Schau, was der wagt..." Der Knabe wußte, daß der Pate daS von dem Manne aus dem Lande Uz sagte, und das Lächeln beruhigte ihn. Er wird nicht den Himmel zum Einstürzen bringen, dieser Mann mit seinen schrecklichen Händen wird die Wolken nicht zerreißen... Und Foma sieht wieder den Mann, er sitzt auf der Erde, sein Körper ist mit Würmern und staubigen Schwären bedeckt, seine Haut eitert. Er ist.'schon klein und bedauernswert, er ist einfach ganz wie die Armen vor der Kirchenthür... Und er spricht: „Und wie mag ein Mensch gerecht vor Gott sein? Und wie mag rein sein eines Weibes Kind?" „Das sagt er zu Gott..." erklärte Majakin eindringlich. „Wie kann ich gerecht sein, wenn ich schwaches Fleisch bin? Das ist eine Frage an Gott... Was sagt Ihr dazu?" Und der Vorlesende sah seine Zuhörer siegesgcwiß und fragend an. „Es ist ihm zu teil geworden, dem Manne Gottes," er» widerten sie seufzend. Jakow Majakin sieht sie lachend an und sagt: „Närrinnen... Legt lieber die Kinder schlafen." Jgnat kam täglich zu Majakins, brachte dem Sohn Spiel- Leug, nahm ihn stürmisch auf die Arme und preßte ihn an sich, doch manchmal sagte er unzufrieden und mit schlecht der- borgener Unruhe zu ihm: „Warum schaust Du drein wie der Wauwau? U— uh l Warum lachst Du so wenig?" Und er klagte dem Paten: „Ich fürchte, daß der Foma der Mutter nachgerät. Er hat auch so traurige Augen." „Du beunruhigst Dich zu früh," gab Majakin lächelnd zur Antwort. Auch er liebte seinen Taufsohn, und als Jgnat eines Tages erklärte, er würde Foma zu sich nehmen, war Majakin aufrichtig betrübt. „Laß ihn hier," bat er.„Sich, der Junge hat sich an uns gewöhnt, er weint ja," „Er wird schon aufhören... nicht für Dich ist mir ein Sohn geboren worden. Bei Euch ist hier eine dumpfe Luft... es ist langweilig wie in einem altgläubischen Kloster. Das schadet dem Kind. Und mir ist auch nicht froh zu Mute ohne ihn. Wenn ich nach Hause komme, ist's leer. Ich möchte am liebsten nicht um mich schauen. Ich kann doch nicht seinetwegen zu Euch übersiedeln... ich bin nicht für ihn da, sondern er für mich. So ist's. Jetzt ist meine Schwester Anfissa gekommen— er wird also Aufsicht haben..." Und man brachte den Knaben in das Haus des Vaters. Dort empfing ihn eine komische alte Fran mit einer langen, gebogenen Nase und einem großen, zahnlosen Mund, groß und untersetzt, in einem grauen Lkleid und mit grauen Haaren, die mit einem schwarzen seidenen Kopfputz bedeckt waren. Sie mißfiel zuerst dem Knaben, sie erschreckte ihn so- gar. Doch als er auf ihrem gefurchten Gesicht die schwarzen Augen entdeckte, die ihn freundlich anlächelten, schmiegte er sogleich seinen Kopf an ihre Knie. „Mein armes Waisenkindchen." sagte sie mit einer sammctartigen Stimme, die vor Fülle des Tones zitterte, und fuhr ihm leise mit der Hand übers Gesicht.„Wie er sich anschmiegt... niein liebes Kindchen I" Es war etwas besonders Süßes und Weiches in ihrer Liebkosung, etwas, was Foma ganz neu war, und er blickte mit Neugierde und Erwartung im Gesicht der Alten in die Augen. Diese Frau führte ihn in eine neue, ihm bisher unbekannte Welt ein. Gleich am ersten Tag. als sie ihn zu Bett gebracht hatte, setzte sie sich neben ihn und fragte ihn. sich zu ihm beugend: „Soll ich Dir ein Märchen erzählen, Fonmschka?" Und seitdem schlief Foma immer unter den Sammet- tönen der Stimme der Alten ein, die vor ihm ein zauber- Haftes Leben entrollte. Helden, die Ungeheuer besiegten, weise Prinzessinnen, Narren, die klug waren— ganze Scharen von neueti,' seltsamen Menschen gingen an der bezauberten Phantasie des Knaben vorüber, und seine Seele nährte sich gierig- von der gesunden Schönheit der Volkspoesie. Die Schätze des Gedächtnisses und der Erfindungsgabe dieser Alten waren unerschöpflich, sie erschien ihm oft beim Ein- schlafen bald der Hexe im Märchen ähnlich, aber einer guten und lieben Hexe, bald der schönen Wassilissa der Weisen. Mit weit offenen Augen und angehaltenem Athcm blickte der Knabe ins nächtliche Dunkel, von dem das Zimmer erfüllt war, und sah es beim Licht des Lämpchcns, das vor dem Heiligenbild brannte, leise erzittern. Und Fvma erfüllte es mit wunderbaren Bildern des Märchenlcbens. Lautlose, aber lebendige Schatten krochen über die Wände und den Fuß- boden; der Knabe liebte es und fürchtete sich, ihr Leben zu beobachten. ihnen Formen und Farben zu verleihen. und nachdem er sie zuni Leben berusirn hatte, es in einem Augen- blick, mit dem bloßen Zwinkern seiner Wimpern zu zerstören. Jn seinen dunkeln Augen erschien etwas Neues, das kind- licher, naiver und weniger ernst war; die Einsamkeit und die Dunkelheit, die ihm das bange Gefühl einer steten Erwartung erzengten, erregten und entwickelten seine Neugierde und bestimmten ihn dazu, in eine dunkle Ecke zu gehen, um nachzuschauen, was dort in den dichten Hüllen des Nebels verborgen war. Er ging hin und fand nichts, verlor aber nicht die Hoffnung, etwas zu finden... Den Vater fürchtete und achtete er. Jgnats Riesengestalt, seine posauncnähnliche, schmetternde Stimme, das bärtige Ge- ficht, der Kopf mit dem dicken Wald von grauen Haaren, die ftrttTcit, langen Arme und die leuchtenden Augen— das alles verlieh ihm für Foma Aehnlichkcit mit den Räubern in den Märchen. Fonia fuhr zusammen, wenn er seine Stimme oder die schweren, festen Schritte hörte; wenn ihn der Vater aber gutmütig lächelnd und freundlich zu ihm sprechend zu sich auf den Schoß nahm, oder ihn mit den breiten Handflächen hoch in die Luft schwang, verschwand die Furcht des Knaben. Einmal, als er schon ini achten Jahr war, fragte er den Vater, der eben von einer längeren Reise zurück- gekehrt war: „Papa, wo warst Du?" „Bin auf der Wolga gewesen..." „Warst Du aus Raub aus?" fragte Foma leise. „Wa— as?" rief Jgnat aus, und seine Brauen zogen sich zusammen. „Du bist doch ein Räuber. Papa? Ich weiß schon," sagte Foma mit schelmisch blinzelnden Augen, sehr befnedigt, daß er in das vor ihm verborgene Leben des Vaters so leicht eingedrungen war. „Ich bin ein Kaufmann," sagte Jgnat streng, doch dann lächelte er gutmütig und fügte hinzu:„Und Du bist ein Närrchcn I Ich handle mit Korn, arbeite mit meinen Dampf- schiffen!... Hast Du den„Jermak" gesehen? Nun, das ist also mein Dampfschiff... es gehört auch Dir.. „Es ist gar so groß," sagte Foma seufzend. „Ich werde Dir ein kleines kaufen, so lange Du klein bist... willst Du?" „Ja!" willigte Foma ein, dann schwieg er nachdenklich eine Weile und sagte voll Bedauern: „Und ich glaubte. Du seiest auch ein Räuber... oder ein Held..." «Ich sag' Dir ja. ich bin ein Kaufmann!" wiederholte Jgnat eindringlich, und in seinem Blick auf das enttäuschte Gesicht des Sohnes war etwas Unzufriedenes, fast Furcht- sames. „Wie der Bäcker Fjodor?" fragte Foma nach einigem Nachdenken. „Ja. so wie er... nur bin ich reicher, ich habe mehr Geld als Fjodor." »Viel Geld?" „Nun. man kann auch noch mehr haben." „Wieviel Fässer hast Du?" „Womit denn?" „Mit Geld." „Närrchen! Mißt man denn Geld mit Fässern?" „Wie sonst?" rief Foma eifrig aus, wandte sein Gesicht dem Vater zu und begann ihm eilig zu erzählen.„In eine Stadt ist der Räuber Mailimka gekommen und hat dort bei einem Reichen zwölf Fässer Geld und verschiedene Silbersachen fortgenommen, dann hat er eine Kirche aus- geraubt und hat einen Menschen mit einem Säbel nieder- gestochen und vom Kirchturm hinuntergeworfen... und er. dieser Mensch, hat zu läuten angefangen." „Hat Dir das die Tante erzählt?" fragte Jgnat, der sich über den Eifer des Sohnes freute. „Ja, warum fragst Du?" „So?" sagte Jgnat lachend.„Darum hast Du auch den Vater zu einem Räuber gestempelt." „Vielleicht warst Du's früher einmal?" kehrte Foma wieder zu seinem Thema zurück, und nian sah seinem Ge- ficht an. daß er sehr gern eine bejahende Antlvort gehört hätte. „Nein, ich war es nie... laß das.. „Du warst's nicht?" „Nun, ich sag' Dir ja, daß ich's nicht war! Wie komisch Du bist!... Ist's denn gut, ein Räuber zu sein... Alle Räuber sind ja Sünder. Sie glauben nicht an Gott... plündern Kirchen... Sie werden alle in der Kirche verflucht. Ja, so ist's... Weißt Du, mein Sohn, Du mußt schon zu lernen anfangen l Es ist Zeit, mein Lieber. Du wirst ja schon bald neun Jahre alt. Fang mit Gott an. Du wirst den Winter durch lernen, und im Frühling werde ich Dich auf meine Reise die Wolga hinunter mitnehmen." „Werde ich in die Schule gehen?" fragte Foma schüchtern. „Zuerst wirst Du zu Hause bei der Tante lernen." Und bald darauf setzte sich der Knabe schon des Morgens an den Tisch und sprach, mit dem Finger den Buchstaben des altslawischen Abc folgend, der Tante nach: „As... Buki... Wjedji..." Als sie bei„bra, wra, gra, dra" anlangten, konnte dcr l Knabe diese Silben lange nicht ohne Lachen lesen. Diese ganze Weisheit eröffnete sich Foma ohne jede Anstrengung. und nach kurzer Zeit konute er schou den ersten Psalm im Psalurbuch lesen: „Wohl dem, der nicht wandelt... im Rat der Gott- losen..." „So, mein Liebling, so! Richtig. Fomuschka!" sagte die Tante gerührt, die von seinen Fortschritten entzückt war. „Sehr brav, Foma!" sagte Jgnat lobend und ernst, nach- den? er sich nach den Leistrlngen des Sohnes erkundigt hatte. Im Frühling fahren wir nach Astrachanj, und im Herbst kommst Du in die Schule." Das Leben des Knaben rollte vorwärts wie eine Kugel vom Berg. Die Tante, die seine Lehrerin war, war auch seine Spiclkameradin. Ljuba Majakin kam auf Besuch, und die Alte verwandelte sich fröhlich in ein eben solches Kind, wie die beiden es waren. Man spielte Verstecken und Blindekuh; es war den Kindern lustig und angenehm, zu sehen, wie Anfissa mit zugebundenen Augen und weit vorgestreckten Händen vorsichtig durch das Zimmer schlitt und doch auf Stühle und Tische stieß, oder wie sie suchend in alle verborgenen Ecken kroch und dazu sprach: „Ach, ihr Spitzbuben... ach, ihr Schelme, wo habt Ihr Euch nur versteckt?" Und die Sonne leuchtete zärtlich und freudig dem alten. abgenützten Körper, der eine junge Seele bewahrt hatte, dem alten Leben, das nach Kräften und Können den Lebensweg der beiden Kinder verschönte... Jgnat fuhr früh des Morgens zur Börse und kehrte ma??chmal bis zum Abend nicht zilrück, abends ging er zu einer Gemeinderats- Sitzung, auf Besuch oder sonst irgend- wohin. Manchmal ka?n er betrunken nach Hause. Zuerst ging ihm Foma in solchen Fällen aus dem Wege u?ld ver- steckte sichf, dann gewöhnte er sich daran und fand, der be- trunkene Vater sei Keffer als der nüchterne; er sei freund- licher, einfacher und ein wenig komisch. Wenn es in der Nacht vorkam, erwachte der Knabe immer von seiner Donner- stim?ne. „Anfissa! Meine leibliche Schwester! Laß mich zu meinem Sohn hinein... zu meinein Erben— laß niich!" Und die Tante redete mit vorwurfsvoller und weinender Stirnme auf ihn ein: „Geh, geh, leg Dich schlafen, Du ruchloser Mensch, Du. Wie er sich vollgegossen hat! Du bist ja schon grau..." „Anfissa I Kam? ich den Sohn sehen? Mit einem Auge wc??igstens?" „Wenn Dir nur Deine beiden vor Betrunkenheit Platzten..." (Fortsetznng folgt.) UcJjendigv Sknttden. ,(Deutsches Theater.) Keines der kleinen, unter diesem Namen vereinigten Stücke Schnitzlers erhob sich zu jener Höhe, die er im Vorjahre mit seinem„Grünen Kakadu", dem wunderbare», phantastischen Stinimungsbilde aus de» Ansängen der großen Revolution erreicht hatte. Aber daß ihm der größere Wurf gelungen, darf einen gegen das vielerlei Feine, Interessante und Nach- denkliche, das der Dichter in diesem neuen Einakter- Abende bot, nicht undankbar machen. So breit der Ab- stand ist, der die Kleinkunst dieser Bilder von der virtuosen Treffsicherheit jener historischen„Groteske" trennt, so breit ist auf der andern Seite auch der Abstand zwischen ihnen und der Fabrikivare der üblichen Theaterproduktion. Es>var nicht immer ein künstlerisch voll befriedigender Eindruck, der einem, wenn der Vorhang fiel, verblieb, immer aber eine starke Anregung, welche nicht so bald die Gedanken zur Ruhe kommen ließ. Man hatte die Empfindung, daß man in guter Gesellschaft gewesen, daß man jemandem zugehört, der, ivenn er redet, auch wirklich innerlich Erlebtes und mit ehrlichem Bemühen Diuchgearbeitetes zu sagen hat, irgend etwas, dem es nachzusinnen verlohnt. Und wie selten ist das heute im Theater l Meist wird mit abgegriffenen Rechenpsennigen der billigsten Allerwcltsweisheit und Rontine gezahlt; und wenn man einmal.originell' sein lvill, da Pflegt an Stelle des trivialen Sinnes der bare, verworren stammelnde Unsinn zu treten, ein peinlich impotentes Sichhinaufschrauben»vollen, bei welchem Kopf und Herz»voinöglich noch leerer ausgehen. Die Reihenfolge, in welcher die drei ernsten Einakter— eil» fröhlicher Schwank machte den Abschluß— aufgeführt wurden, entsprach der Stufenfolge und der Steigerung ihres Wertes. Das erste Stückchen, die„Lebendige» Stunden", steht hinter den folgenden bedeutend zurück. Es wirkt durch den Ernst und die Tiefe der angeschlagenen Probleme, aber die Figuren bleiben allzusehr Schattenriß, um lebhafter zu interessieren. Eine Frau, die von töd« lichem Siechtum befallen ist, hat heimlich Gift genommen, nicht weil fie selbst ihr Leiden nicht länger ertragen mag— denn noch immer findet sie Stunden der Tröstnng in der treuen Liebe eines alten Freundes—, sondern weil ihr Leiden als furchtbarer und entnervender Gram auf der Seele ihres Sohnes lastet. Er ist ein Künstler, aber seit ihre Krankheit die furchtbare Wendung nahm, ist seine Schafsenskraft, von der die Freunde viel, das Über- schwenglich liebende Mutterherz alles erwartet hat, gebrochen. So reiste der Entschluß eines stillen, vor aller Welt verborgenen Opfer- todes in ihr. Nur dem alten Freunde hat sie in der letzten Stunde geschrieben, daß sie freiwillig, daß sie aus Liebe für den Sohn ein Ende machen Ivolle; er soll das als unverbrüchliches Geheimnis be- wahren. Und nun stößt— das ist der Inhalt des Schnitzlerschen Drnmoletts— die abgrundtiefe Verzweiflung und der zornige Gram des Alten, dem jene Frau das höchste Gut des Lebens war, mit dem jugendlich leichtere» Schmerz des Jünglings zusammen. Ein unbezwingliches Bedürfnis packt ihn, an dein, den er als ahnungslosen Mörder jenes Höchsten haßt, furchtbare Strafe zu vollziehen. So giebt er ihm den Brief der Mutter. Ihre Opferthat soll dem, für welchen sie gebracht lvard. zum Fluche Iverden. Aber der lehnt mit der Kraft des Lebens sich dagegen ans. In den engen Formen des Einakters konnte die psychologische Fülle des Stoffes naturgemäß nicht zur freien Entwicklung kommen. Die Hauptperson, die Mutter, deren Charakteristik erst alles Weitere lebendig und verständlich hätte machen können, schied hier von vornherein aus. Gespielt ivnrde, vor allem voil N e i n h a r d t, der die Nolle des Alten hatte, vor- trefflich. Schon viel mehr dramatischen Nerv hatte das zweite Stück: .Die Dame mit d e in Dolche." In ihm lebt etivas von jener eigeiitünilichcn Phantastik, von jenem Jneinanderspielcn von Schein und Wirklichkeit, wodurch der„bunte Kakadu" so eigenartige Stinimungs- reize erzielte. Freilich reichte auch hier, wie in den.lebendigen Stunden", die Aussührnng nicht an die Größe der Idee Hera».— Traumbilder sind schon oft dem Rahme» eines größeren dramatische» Ganzen eingefügt, aber Ivohl noch nie mit jener eigen- artig pointierten Wendung, wie in diesem Schnitzlerschen Stücke. Das Traumbild erscheint hier ivie eine Nückerinnerung an frühere Existenzfonnen der Seele. Wem wäre es nicht schon ciinnal be- gegnet, daß ihm in irgendtvclchcn Sitnationen plötzlich der Gedanke aufdämmerte, das Gegenwärtige sei nicht ein Neues, sondern irgend- wnnil und irgendivo schon cininal durchlebt? So lächerlich es iväre, aus solchen nervösen Zuständen, die eine ganz natürliche Erklärung zulassen, in> Ernste mystische Folgerungen ziehen zu wollen, so ivenig kann es doch der dichterischen Phantasie verwehrt sein, dem Zauber dieses Geheimnisvollen nachzugehen, und dabei die dunklen und uralten Gc- danken der Seeleuwanderung und eines Vorausbcstinimtseins alles unsres Thuns durch frühere Geschlechter lcis mitanklingen zu lassen.— Vorzüglich stimniunasvoll ivar die Umrahmung der Vision, die schwüle Liebessceiie in dein Kunslsalon und dann der Schluß. Ein junger Mann wirbt um die Gattin eincS großen Künstlers. Sie iveist ihn ab. ihr Gatte würde sie töten, wenn sie die Treue ihm bräche, und mit allen Fasern, ob er sie auch hundertmal betrüge, hängt ihr Herz an ihm. Nur eine flüchtige Wallung ivar es. wenn sie in dieses Stell- dichein gewilligt hat. Da fällt ihr Blick auf die alten Florentiner Bilder. In Florenz ist sie geboren und plötzlich in der nervösen Erregung, in welche sie das Drängen ihres Begleiters bringt, kommt es über sie, sie müsse die Gestalten dort alle schon gesehen haben und die eine Figur,„Die Frau mit dem Dolche", das sei sie selbst. Erschöpft sinkt sie auf eine» Sessel. Und nun zieht die Vision einer um Jahrbunderle entlegenen Vergangenheit an ihr vorüber. Der kleine helle Salon verioandelt sich in einen alten Florentiner Prunksaal. Sie selbst, ihr Werber, ihr Gatte sind alte Florentiner. Aber das veränderte Kostüm birgt gleiche Leidenschaften. Sie sieht sich, wie sie den junge» Liebhaber in der flüchtigen Lust eines Augen- blicks erhört, und wie sie dann, von ihrem Manne kalt zurück- gestoßen, den Jüngling in grenzenloser Wut der Verzweiflung mit dem Dolche— so wie das alte Bild es darstellt— niedersticht. Wieder hebt sich der Vorhang und zeigt die verfängliche Scenerie. Langsam erwacht sie aus der Ohnmacht. Der Traum hat ihre Kraft gebrochen; die Vergangenheit, die sie in wenigen Sekunde» geschaut hat, birgt eine fatalistische Vorausbcstinnnung ihres eigne» Schicksals in sich. Besinnungslos, in nnerllärlichem Drange, wie jene Florentinerin, ihr andres Ich, verspricht sie dem ungeliebten Anbeter Erhörung. Was war, muß in dem Ringe des Geschehens wiederkehren mit unerbittlicher Notwendigkeit.— Dem wunderbaren Spiele von Irene T r i e s ch gelang es, all die feinen Uebergänge einander wider- streitender Empstndnngen und so auch diesen letzten, aus den Tiefen eines rätselhaft Unbewußten hervorquellenden Entschluß völlig natürlich erscheinen zu lassen. Freilich hätte, wenn die rechte spnkhaft-phantastische Wirlimg festgehalten iverden sollte, in dem visionären Zwischenspiel noch viel geändert und stark gestrichen werden müssen. In seiner jetzigen Gestalt fehlt ihm die über- zeugende Kraft. Ein voller Erfolg aber waren die. I e tz t e n M a s k e n'. Da gab es keine toten Stellen. Idee iind Aussührung deckten einander. Die schneidende Ironie, die verhaltene Spanninlg, das schiveniiütig Grüblerische i» diesen Scencn rief fast eine Erinnerung an Jbsensche Kunst wach. Ein armer Teufel von Journalist, der einsam im Spitale stirbt, will vor dem Tode noch einen alten Schulfreund sprechen, eine» hohlen, flache» Streber, dem alle die Erfolge, nach denen er selbst gerungen, mühelos in den Schoß gefallen sind. Wilder Neid und ziellose Bosheit schütteln den Sterbenden. Er ivill sich rächen, und da er selbst nicht hat glücklich sein können, das Glück des aiidern in Trüuimer schlagen. Jener soll höre», daß seine Frau ihn betrogen,' daß er, der Arme und Verachtete, ihre Liebe genossen hat. Aber Ivie mm der Gehaßte ersckieint, ivie er mit oberflächlich ge- Heucheiter Teilnahme zu reden anhebt, und im selbstzufriedenen singenden Tone am Lager drs Sterbenden all seine armseligen kleinen Eitelkeiten wohlgefällig zur Schau stellt, da bringt der kranke Mann kein Wort über die Lippen. Wie aus uueudlicher Entfernung klingt das fade Gerede an sein Ohr. So jammervoll»nd kleinlich ist das alles, daß fast ein Mitleid mit dem andern sich ihm im Herzen regt. Das Gefühl der Majestät und der befreienden Größe des Todes erwacht bei diesem Anblick zum erstenmal in ihm; und Staunen faßt ihn, daß er so hat hassen können. Er schweigt; und ahnmigslos, welch' tödliche Verivnndimg ihm zngedachi ivar, trollt das bedrohte Glückslind— B a s s e r m a u u war schlechthin meisterhaft in dieser Rolle— selbstgefällig weiter. Noch lauter als dieser Erfolg war der des kleinen Schwankes .L i t t e r a t» r", niit dem der Abend abschloß. Der Dialog sprühte und fiinkelte von Munterkeit. Es ivar der leicht tändelnde, etivas frivole Stil der„A>iatol"scenen, aber durch einen völlig neuen Inhalt iveit über das frühere Niveau herausgehoben. Ein Dämchen und ein Herr, die eine» Liebesroman mit einander erlebt, haben. jeder für sich. ihre Sensationen. samt allen dazumal gewechselten Liebesbriefen zu», Roman verarbeitet. Da die Poctcndaine jetzt einen aristokratischen Liebhaber und Bräutigam in Spa gewoimen hat. ergeben sich bei dem Zusammentreffen der beiden Ronianciers die lustigstell Situationen. Launiger ist die liebe Litteraten-Eitelkeit kaum jemals von der Bühne herab ver- spottet worden. Gespielt wurde auch hier ivieder ganz vortrefflich.— Conrad Schmidt. Kleines Feuillekon. b. Die Bremcrsche Bogenlampe. Seit einigen Wochen ve» merkt man auf verschiedenen Plätzen und Straßen, z. B. am Pols- damer Thor, einige elektrische Bogenlampen, die sich recht vorteilhaft von dem geivöhnlichen elektrischen Bogenlicht abheben. Zunächst sind diese neuen sog. B r e m e r s ch e» B o g e n l a ni p e n bedeutend Heller als die bisher der Beleuchtung dienciiden; ganz überrascht ist jeder, der eine solche Lampe zum erstenmal erblickt und in ihren Lichtkreis tritt. Unfre hellsten Bogcnlanipen erscheinen daneben geradezu ivie die primitiven Lampen ans alter Zeit und nicht wie die hellsten, modernen Lichtquellen. Dazu komnil aber noch ein sehr wesentlicher Vorzug des Bremer-Lichtes. Das elektrische Bogenlicht zeigt bekanntlich ebenso wie das Gasglllhlicht einen auffallenden Mangel an roten und gelben Strahlen, es ist ein kaltes grüulich-bläiilicheS Licht, an das wir uns ja allmählich etivas gcivöhnt haben, bei dem jedoch der Gegensatz zum hellen Tages- und Sonnenlicht immer von neue»! unangenehm hervortritt. Die neuen Lampen strahlen dagegen ein Licht ans, das durch seinen ivarmen, goldgelben Farbenton äußerst angenehi» auf das Auge wirkt. Der Erfinder der»eue» Lampen ist der Ingenieur Bremer in Neheim an der Ruhr; auf der Pariser Weltansstellung wurden seine Lampen zum erstenmale in größerem Maßstabe vorgeführt. Der gelbe Farbenton des Lichtes wird dadurch erreicht, daß man den Kohleiistiften bestinimte Beimengiingen giebt; Bremer giebt an, daß er seinen Stiften 20—30 Prozent schwer schmelzbare Oxyde, wie Calcium-, Magnesiinn-, Silicium-Oxyde u. a. zusetzt. Diese Körper sprühen im Lichtbogen ab, dadurch wird derselbe um mehr als das Doppelte vergrößert, und etiva die dreifache Helligkeit erzeugt. Außerdem wird durch diese ins Glühen geratenen Stoffe die schöne Färbung hervorgerufen, die beim ge- wöhnlichen Bogenlicht fehlt. Somit wird hier ein sehr viel größerer Teil der elektrischen Energie in Licht umgesetzt, als bei den geivöhnlichen Bogenlampen; sie erscheinen daher ökonomischer als die letzteren. Besonders dürften sie sich für den Signaldienst auf See und bei Eisenbahnen eignen; die bläulichen Strahlen deS geivöhnlichen Bogcnlichts dringen durch Nebel be- kanntlich»ur sehr schlecht hindurch iiiid versagen daher bei Ncbelivetter fast vollständig; die rötlich-gelben Strahlen des Bremer- Lichtes dagegen werden hier weit vollkommener wirken. Als Nachteil der Bremer- Lampe wäre das starke Zucken deS Lichtes zu betrachten, das recht uiiangenehm wirkt. Ferner ver- brauchen die Stifte sich doppelt so schnell als die bisherigen; das öftere Auswechseln derselben, das dadurch»otwendig wird, bildet für die praktische Anwendung noch einen lästigen Uebelstand.— Litterarisches. — n. Knut Hamsun:„Die Stimme des Lebens". Skizzen. München. Albert Langen.— Kleine Erlebnisse, wie sie der Alltag bringt, schildert Knut Hamsun in seinem Buch. Dinge und Ercignisie, die man sonst unbeachtet vorübergleiten läßt, sind hier festgehalten; Scenen von rein persönlicher Bedeutung ver- tieft und ausgearbeitet zu Bildern, die mau gern und lange be- trachtet. Mes, wns uns Hamsun liorführt, fclilmmmt auf der Oberfläche des Lebens, allen sichtbar, allen erreichbar. Die Sprache ist schlicht und einfach und erpeht sich nirgends in modern-litterarischen Extravaganzen. Und doch ist jedes Wort mit Bedacht gewählt. Etivas Unheimliches geht durch alle diese kurzen Skizzen: eine überwundene Lebcnsangft, ei» versöhntes Lachen über alle Kleinheiten und Klein- lichkeiten der Alltäglichkeit. Und doch nirgends Ironie, nirgends ein aufdringliches Spötteln über menschliche Schwächen. Hainsun liebt, gleich Edgar Allen Poe, das Gespenstische, Visionäre(„Ein Gespenst",„Todesangst"): er versteht es, den Leser „zappeln" zu lassen, die Pointe mit raffinierter Langsamkeit Zeile um Zeile hinauszuschieben. Oder er beleuchtet Mord und Totschlag, Not und getäuschte Hoffnung mit einem kalten, grausanien Humor, der das letzte Mitleid tötet und die Gegenstände unsrcr Teilnahme zur Karikatur umprägt.(„Eilte Strafieurevolution",„Ans der Prärie",„Auf der Tournee".) Nur in der einleitenden und abschliebenden Skizze ist Hamsun ein andrer: ein Elegant, ein Lebemann, der ein Blättlein Liebe zer- pflückt, eins der vielen Blätter, die ihm das Leben zugeweht hat. In diesen Skizzen klingt sein Lachen müde, ein ivenig blasiert; und doch fehlt auch hier nicht ein feiner Humor.— Theater. k. Nene Freie Volksbühne.„Dantons Tod". Ein Trauerspiel in 3 Akten von Georg Büchner.— Ein Drama, das 67 Jahre lang nicht für würdig gehalten wurde, das Licht der Bretter zu erblicken, ist am Sonntag ini Bclle-Alliance-Theater von der Neuen Freien Volksbühne aufgeführt worden und wird kommenden Sonntag eine zweite Aufführung durch die Freie Volks- bühne erleben. Eine gewaltige Geschichistragödie voll düsterer Bilder, in einer feurige», begeisterten Sprache geschrieben, entrollte sich vor den Zuschauern: die große französische Revolution aus ihrem Höhepunkt, Robespicrre auf dem Gipfel seiner Macht und Dantons Tod. Eine Tragödie im technisch- dramatischen Sinne ist„Dantons Tod" freilich nicht. Mehr eine Aneinanderreihung mir lose zusammenhängender Bilder, die uns einen Blick in das Pariser Straijenlebeii der Revolutionszeit, in die Kerker, ja selbst auf den Platz der Guillotine gewähren. Das Pathos der Sprache und die tragische Wucht des Stückes erdrückten zu einem großen Teil die schauspielerischen Leistungen. Der Danton Danny Gürtlers überragte die andern männlichen Rollen um ein gutes Stück: Gürtler verstand es, Teilnahme für de» Helden zu erregen, er gab ihn» Wärme. Selbstbewußtsein und»atür- liche Frische: nur gegen Ende des Stückes hin, iiniuentlich in den nächtlichen Kerkerscencn, verblaßte die Figur zu sehr. Robespierre, die zweite große Rolle des Stückes, lag vei F r i tz H e l in e r nicht in guten Händen; der„tugendhafte" Revolutionär ivurde im Spiel dieses Schauspielers zu hölzern, zu pedantisch, zu unglaubhaft. Else Schiff(Lucile) bot das Beste von allen Darstellern; sie spielte mit einer ausgezeichneten Kunst: in den Liebessceuen ganz hingebeubes Weib, beim Abschied von ihrem in Haft genommenen Maime trostlos, fassungslos und danu— als sie das Todesurteil ihres Mannes vernommen— in den WahnsinnSscencii vor dem Kerker und auf der Richlstätte von einem weichen, fortreißende» Liebreiz, den mir ein großes, schauspielerischcs Können zum Ausdruck bringen kann. Neben ihr verblaßte die Julie der Anna Hubert zu einer simplen Dilettantcnleistung. Zu erlvähneu iväre noch das fein abgetönte Spiel Cola O l i z a r s, die die Marion, eine Maitreffe Dantons, darstellte. Die Volkssceneu fielen gänzlich ob; den revolutionären Enthusiasmus ersetzte» rhetorische Interjektionen einer zusammen- gelaufenen Pöbelmasse; die Marseillaise, die verschiedentlich ge- jungen ivurde, klang recht flau und unbegeistert. Die Jnscenierung der einzelneu Bilder war geschickt und recht wirkungsvoll.— Musik. Im alltäglichen Trott unsrer Konzerte, zumal der von jüngeren Solisten gegebenen, stören»i. a. ganz besonders das Uebcrnchmen von Aufgaben, zu denen die Mittel des Konzertgcbers nicht reichen, und die Versteifung aus altgewohnte Programmstücke. Mary Münchhofs versteht es. gerade diesen Uuklugheiten ausweichen. Sie hat eine gut, gleichmäßig, mit schönen Kopftöucn ausgebildete zarte Stimme, die wie geschaffen ist zu heiteren, zierlichen Liedchcn — Nippsacheu der Musik. Und sie brachte in ihrem neulichen Konzert manche ältere Stückchen, die nicht auf der Heerstraße liegen. Der älteste von den dabei hervorgeholten Komponisten ist nicht Giovannini, der als Giovanni(1560 bis 1615) an- gegeben war, jedoch 1�/s Jahrhunderte später zumeist in Berlin lebte, sondern der französische Opernkomponist A. Camprä(um 1760). Sein graziöses Schmetterlingslied wirkte allerdings nicht so innig wie das Werkchen des Erstgenannten:„Willst du dein Herz mir schenken." das die Ehre genießt, uns durch eine Kopie von Bach's Hand erhalten zu sein. Aehnlich starken Erfolg hatte u. a.„Die tote Nachtigall" von Liszt; wir heben dieses Lied auch deswegen hervor, weil es zeigt, lvie sich selbst Wiederholungen und Coloraturen, die wir sonst gerade als Zeichen von Ausdrnckslosigkeit kennen, im Dienst eines Ausdrucks glänzend bewähren können. Kunst ist Ausdruck. Es genügt nicht, daß man dies e i n mal sagt, auch nicht— wenn wir ein schönes Pädagogenwort iveiter ver- wenden dürfen— daß man es zweimal, nicht, daß man es hundert- mal sagt; erst beim zweihundertsten Mal wird es vielleicht in diesem oder jenem Gehirn fest sitzen. Wem's nicht recht ist, der kann zum Tröste das Musikfeuilleton der„Neuen Freien Presse" lesen. Da heißt es z. B.:„Ausdruck" ist der Lieblingsausdruck der Musik-Modcrne, wenn auch kein sonderlich klarer."(Wäre doch alles so klar und wäre doch jeder Vergleich so schlagend wie der zwischen dem musikalischen Motiv und' dem Motiv der Geberdeukunst, d. i. der Geste, also dem allseits verständlichsten Ausdruckselement 1) „Ob denn nicht das„Tonmnterial" schon vor dem neuen Kunst- zustande, etwa in der Hand Beethovens, eine„größtmögliche Ausdrucksfähigkeit" bewiesen hat, ja schon in der Hand Mozarts, in der Hand Bachs? Ein Einwand, den der moderne Musiker schon principiell kaum gelten lassen wird." Wirklich? Er sollte in der That so wenig von Bachs und andrer Ausdrucksfähigkeit verstehen?! Wir sind hier nicht etwa der Aufgabe des musikalischen Tages« berichtes ansgeweichen. Den Eindruck, den uns in der sonntägigen Probe zum gestrigen Konzerte des Stern schen Gesang» Vereins einige kleinere Werke von Beethoven machten, können wir wahrlich nicht plastischer wiedergeben als durch das eine Wort: Kunst ist Ausdruck. Beethovens Kunst ist dies vor allem. Herr» Professor Gernsheims Dirigierkunst ist dies weniger. Gewiß versteht er die schwere Aufgabe, Musikermassen— auch wenn sie falsch singen— zusammenzuhalten und der„Neunten Sinfonie" manch Großes und Feines abzugewinnen. Aber keines Biedermannes Ohren beleidigt er durch einen moderneren„Ausdruck". So recht schön Ton für Ton! Rkan möchte ein bösartiger Wippchen werden und fragen:„Wo ist die Katz', fiir die Wagners und Bülows und andrer Wirken war?"— sz. Hulnorifrisches. — E i n praktischer Spiritist. Ein Spiritistcnklub veranstaltet zu Propagandazwecken eine öffentliche Versammlung, die in recht feierlicher Weise verläuft. Man hört einen gediegenen Vor- trag, in dem besonders die wissenschaftlichen Grundlagen des Spiritismus behandelt werden; sodann folgt die Demonstration einer Tischsitznng u. a. in. Zuletzt werden Fragen verlesen und be- antwortet, die einem während der Veranstaltung zur Verfügung des Publikums gestellten Vriefkasteu entnommen sind. Die eingelaufenen Fragen verraten zur Freude des Referenten reges Interesse, zum Teil sogar tieferes Verständnis der Zuhörer und werden mit gründlichem Ernst behandelt. Endlich gelangt der letzte Zettel zur Verlesung: „Ich muß am»ächstcn Ersten umziehen. Wie kann ich meine verstorbeneu Verwandten und Bekannten veranlassen, mir beim Umzug behilflich zu sein?"— — Deutsche Kunst.„Soeben ist der Intendant in die Hof- löge eingetreten." „Der will gewiß fragen, ob„Charlcys Tante" heute im klassischen Kostüm gespielt werden soll."— („Simpl.") Notizen. — Arthur Schnitzle i°§ vier Einakter, die unter dem Ge- samttitel„Lebendige Stunden" am Deutschen Theater zur Aufführung gelangten, sind soeben in Buchform bei S. Fischer er- schienen.— — Unter den a r a b i s ch e u H a u d s ch r i f t e n der T ii b i n g e r Universitätsbibliothek hat Prof. Ch. Seybold die viel- lcichl von Tausend und eine Nacht(enthält eine bis jetzt unbekannte Erzählung) entdeckt sowie einej d r u s i s ch e Handschrift, die das ganze Neligionssystem der Drusen darstellt.— — Striudbergs Schauspiel„O st e r n" fand bei der Auf- führung im M ü n ch c n e r S ch a u s p i e I h a u s e eine deutliche Ablehnung.— — Georg H i r s ch f e l d s neues Werk, die Märchendichtung „D e r W e g zum L i ch t", wird im Wiener Burgtheater die Erstauffiihrnng erleben.— — Karl G o l d m a r k, der Compouist der„Königin von Saba", hat eine neue Oper in sünf Akte»„Götz von Berlichingcn" vollendet; das Libretto schließt sich eng an Goethes Dichtung an.— — Das Preisausschreiben(10 000 M.) für eine gute deutsche Volksoper, das vor einuiideinemhalben Jahre Professor Walter Simon in Königsberg erlassen hatte, hat zu keinem Er- g e b n i s geführt. Von den etwa 500 Einsendungen wurde leine des Preises wert erachtet.— — Lcnbach malt im Auftrage der preußischen Regierung Rein hold Begas für die Berliner Nationalgaleric.— — Der Historienmaler Max Ada m o ist letzthin in München g e st o r b e n. Ein Bild von ihm:„Robespierres Sturz im Nalionalkonvciit" hängt in der Berliner Nationalgalerie.— — Einen Preis von 800000 M. für die besten Leistungen auf dem Gebiete der Herstellung lenkbarer Luft« schiffe bat nach dem„Berl. Tagebl." die Verivaltung der für das Jahr 1903 geplanten A u s st e l l u u g in St. Louis aus- geschrieben.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing tn Berlin.