UnterhaltungsSlatt des Vorwärts Nr. 7. Freitag, den 10. Januar. 1S0Ü tNachdniik verboten.» ?] Foma Govdjejeiv. Roman von Maxim Gorki. Deutsch von Klara Brauner. „O— o I" ertönte aus der Ferne ein gedehnter Schrei und schloß wie ein Schluchzen... Jetzt ging jemand vom Deck an das Bord des Dampfschiffes heran. „O I" klang es wieder, aber schon irgendwo in der Nähe. „Jefim 1" rief jemand halblaut auf dem Deck.„Jefimka I" »Iri— a?" „Steh auf, Teufel I Nimm die Hakenstange'" „O— o!" stöhnte es irgendwo in der Nähe, und Foma prallte erzitternd vom Fenster zurück. Der seltsame Laut schwamm immer näher heran, wuchs in seiner Kraft, schluchzte und zerschniolz im schwarzen Dunkel. Und auf dem Deck flüsterte mau aufgeregt: „Jefimka I So steh doch auf, ein Gast schwimmt I" „Wo?" ertönte die eilige Frage; dann schlurrten nackte Füße über das Deck, nian hörte hin und her laufen, und am Gesicht des Knaben vorbei senkten sich von oben zwei Hakenstangcn herab und drangen fast lautlos in das dichte Wasser ein. „Ein Ga— ast!" stöhnte es irgendwo in der Nähe, und ertönte ein leises, sehr seltsames Plätschern des Wassers. Der Knabe zitterte bei diesen: traurigen Schreien vor Ent- setzen, konnte aber weder seine Hände vom Fenster lösen noch seine Augen von: Wasser losreißen. „Ziind die Laterne an... man sieht nichts l" „Gleich I" Auf das Waffer fiel ein trüber Lichtfleck... Foma sah das Wasser sich leise bewegen, es kräuselte sich, als erzitterte es vor Schn:erz. „Schau, schau!" flüsterte jemand erschrocken auf dem Deck. Zugleich erschien in den: Lichtfleck auf den: Wasser ein großes, furchtbares Menschengesicht mit weißen, fletschenden Zähnen. Es schwamm und schaukelte sich auf dem Wasser, die Zähne waren gerade auf Foma gerichtet, und es schien mit seinem Lächeln zu sagen: „Ach, Du Kleiner... kalt ist's... leb wohl!" Die Hakeuftaugeu erbebten, hoben sich in die Luft, senkten sich dann wieder ins Wasser und begannen darin etwas vorsichtig zu stoßen. „Schieb ihn... schieb ihn nur... gieb acht, daß er nicht unter das Rad kommt!" „Stoß doch selber I" Die Hakenstangen glitten am Bord entlang und kratzten es n:it einem Geräusch, das an Zäh>:eki:irschen erinnerte. Foma konnte kein Auge abwenden. Das Füßcstampfen, das auf dem Deck über seinen: Kopfe ertönte, entfernte sich all- mählich gegen das Hinterteil des Schiffes. Und dort ertönte wieder derselbe klagende Laut. „Ein Ga— ast I" „Papa l" schrie Foma mit lauter Stimme.„Papa I" Der Bater sprang ans und stürzte zu ihm hin. „Was ist das? Was thun sie?" schrie Foma. Jgnat lief in großen Sprüngen und mit wildem Brüllen aus der Kajüte. Er kehrte bald zurück, früher als Foma wankend und sich unffchauend das Bett des Vaters erreicht hatte. „Man hat Dich erschreckt... nun. das macht nichts!" sagte Jgnat und nahm ihn ans den Arm.„Leg' Dich zu mir!" „Was ist das?" fragte Foma leise. „Das ist nichts. Söhnchen. Das ist ein Ertrnnkener... jemand ist ertrunken und schwimmt... das ist nichts; fürchte Dich nicht, er ist schon fortgeschwommen I" „Warum haben sie ihn weggestoßen?" fragte der Knabe Weiter und schmiegte sich mit vor Angst geschlossenen Augen fest an den Bater. „Ja, das muß so sein. Das Wasser könnte ihn uns ins Rad schwemmen... morgen sieht's dann die Polizei, und dann geht die Schererei und das Bcrhör los... nian würde uns hier aufhalten. Darum stößt man ihn weiter. Was macht's ihn:? Er ist schon tot... ihn schmerzt und kränkt das nicht... und die Lebendigen hättei: seiuctwegei: Unannehmlichkeiten. Schlafe, Söhnchen l" „Er wird also weiterschwimmen?" „Ja, er wird weitcrschwimmen... irgendwo wird man ihn herausziehen und begraben." „Werden ihn nicht die Fische aufessen?" „Fische essen kein Menschenfleisch. Das thun die Krebse. Sie lieben es." Von der Körperwärme des Vaters schmolz Fomas Angst, doch vor seinen Augen schaukelte sich das furchtbare Gesicht mit den fletschenden Zähnen noch immer auf dem schwarzen Wasser. „Und wer ist das?" „Wer weiß das! Bete zu Gott für ihn, sag: Herr, schenke Frieden seiner Seele!" „Herr, schenke Frieden seiner Seele I" wiederholte Foma flüsternd. „Nun also... Jetzt schlafe, fürchte Dich nicht... Er ist jetzt schon weit! Er schwimmt fort... Sei vorsichtig und geh' nicht an Bord heran, sonst wirst Du auch ins Wasser hinuntersallen, Gott behüte uns davor!" „Ist er auch hinnntergefallen?" „Wahrscheinlich ist er hinuntergefallen, vielleicht war er betrunken... da war's zu Ende mit ihm! Vielleicht hat er sich selbst herabgestürzt. Es giebt auch solche... da stürzt sich einer ins Wasser hinab und ertrinkt. Das Leben ist so eingerichtet,»nein Lieber, daß manchmal der Tod für den Sterbenden selbst ein Feiertag ist, und manchmal ist er für alle eine Befreiung." „Papa!" „Schlaf, schlaf, n:ein Liebling I" Drittes Kapitel. Gleich am ersten Tage seines Schullebens wählte Foma, vom lauten, ausgelassenen Lärm der tollen Streiche und der wilden Kinderspiele betäubt, ans der Mitte der Knaben zwei ans, die ihm interessanter erschienen als die andern. Der eine davon hatte seinen Platz vor ihm. Foma. der schüchtern nm sich blickte, sah einen breiten Rücken, einen dicken, mit Sommersprossen besäten Hals, große Ohren und einen glatt geschorenen Hinterkopf mit feuerrotem Haar, das wie Borste» in die Höhe stand. Als der Lehrer. ein kahlköpfiger Mensch mit einer herabhängenden Unterlippe. Afrika:: Smolin rief, erhob sich der rothaarige Knabe gemächlich, ging zun: Lehrer hin, richtete seine Augen auf dessen Gesicht, hörte die Rechenaufgabe an und begann sorgfältig große, runde Ziffern nut Kreide aus die Tafel hinzumalen. „Es ist gnt... genug I" sagte der Lehrer.„Nicolai Jeschow... weiter!" Einer von Fomas Nachbarn ans der Bank, ein unruhiger, kleiner Knabe mit schwarzen Mausangen, sprang von seinem Platz auf und ging durch die Bankreihen, wobei er überall anstreifte und den Kopf nach allen Seiten drehte. Bei der Tasel angelangt, stellte er sich auf die Fußspitzen, griff nach der Kreide, die innner abbröckelte und quietschte, und fuhr damit über die Tafel, die er mit kleinen, undeutlichen Zeichen zu bedecken begann. „Mach' keinen Lärm!" sagte der Lehrer und zog sein gelbes Gesicht:nit den müden Augen trankhaft zusammen. Und Jeschow sagte laut und schnell: „Jetzt wissen wir, daß der erste Hausierer siebzehn Kopeken Profit bekommen hat..." „Genug I... Gordjejew! Sag' nur, was muß man thun, um zu erfahren, wieviel Profit der zweite Hausierer bekam?" Die Frage kam Foma, der das Betragen der beiden so verschiedenen Knaben beobachtete, unerwartet, und er schwieg. „Weißt Du nicht? Hin, erklär's ihm, Smolin." Smolin, der seine mit Kreide beschmutzten Finger gründ- lich nut einem Fetzen reinigte, legte diesen hin, beendigte die Aufgabe, ohne Foma anzublicken, und begann wieder sich die Hände abzuwischen, während Jeschow lächelnd und im Gehe» hüpfend sich aus seinen Platz zurückbegab. „Ach Du!" flüsterte er, indem er sich neben Foma setzte und ihn bei dieser Gelegenheit mit der Faust in die Seite stieß.„Was verstehst Du da nicht! Wie viel Profit war im ganzen? Dreißig Kopeken... und es waren zwei Hau- sierer... der eine hat siebzehn gekriegt, nun, und der andere?" „Ich weiß," antwortete Foma flüsternd, er fühlte sich be- schämt und unterzog das Gesicht Smolins, der langsam zu seinem Platz zurückkehrte, einer genauen Musterung. Dieses Gesicht gefiel ihm nicht, es war rund, voll Sommersprossen und mit blauen Schweinsaugen. Jeschow kniff ihn schmerzhaft in den Fuß und fragte: „Wessen Sohn bist Du? Des„Tollen"?" „Ja." „So... Ich werde Dir immer vorsagen. Willst Du?" „Ja, ich will." „Und was giebst Du dafür?" Foma überlegte und fragte: „Weißt Du denn selbst alles?" „Ich? Ich bin der erste Schüler... Du wirst schon sehen." „Jeschow, Du schwatzsest schon wieder?" rief der Lehrer ge- kränkt und leise aus. Jeschow sprang auf und sagte dreist: „Das bin iai nicht, Iwan Andreitsch, das ist der Gordjejew." „Sie schwatzen beide," erklärte Smolin unverfroren. Der Lehrer zog ein klägliches Gesicht und gab allen einen Verweis, wobei er komisch mit seiner großen Lippe schmatzte; doch seine Worte hinderten Jeschow nicht, sogleich wieder zu flüstern: „Schon gut, Smolin I Du wirst schon an Deine Klatscherei denken." „Warum schiebst Du alles auf den Neuen?" fragte Smolin leise, ohne den Kopf hinzuwenden. „Schon gut. schon gut!" zischte Jeschow. Foma schwieg und blickte seinen beweglichen Nachbar, der ihm gefiel und in ihm zugleich den Wunsch erregte, von ihn: fortzurücken, von der Seite an. Während der Pause erfuhr er von Jeschow, Smolin sei der Sohn eines Ledersabrikanten und sei auch reich, während Jeschow der Sohn eines Dieners des Kameralhofes und sehr arm war. Letzteres war sowohl an dem grauen Barchent- anzug, der an den Knieen und Ellbogen mit Flicken geschmückt war, sowie an dem bleichen, hungrigen Gesicht und an der ganzen kleinen, eckigen, knochigen Gestalt des dreisten Knaben zu erkennen. Er sprach mit einer metallischen Altstimme und verdeutlichte seine Rede durch Grimassen und Gesten, oft gebrauchte er Worte, deren Sinn nur ihm bekannt war. „Wir wollen Kameraden sein," teilte er Foma mit. „Warum hast Du mich vorhin beim Lehrer verklagt?" erinnerte ihn Gordjejew und schielte mißtrauisch zu ihm hinüber. „Ach was! Was macht's Dir? Du bist ein Neuer und ein Reicher... Die Reichen bestrast der Lehrer nicht... Ich bin arm. mich mag er nicht, weil ich immer etwas an- stelle und ihm noch nie ein Geschenk gebracht habe... Wenn ich schlecht lernen würde, hätte er mich schon längst fortgejagt. Weißt Du. ich gehe dann ins Gymnasium... Wenn ich mit der zweiten Klasse fertig bin, geh' ich. Ein Student bereitet mich schon für die zweite Klasse vor. Dort werde ich lernen, daß es eine Art ist! Wieviel Pferde habt Ihr?" „Drei... Wozu brauchst Du viel zu lernen?" fragte Foma. „Weil ich arm bin... die Armen müssen viel lernen, davon werden sie auch reich... sie werden Doktoren. Beamte, Offiziere... Ich»verde auch so klimpern... Der Säbel an der Seite. Sporen an den Füßen— Klirr, klirr I Und was willst Du»verde«?" „Ich weiß nicht," sagte Foma nachdenklich und blickte den Kameraden an. „Du brauchst nichts zu werde»»... Magst Du Tauben?" „Ja-" „Was Du für ein langweiliger Kerl bist! U— u! E— e!" parodierte Jeschow Fomas langsame Art zu sprechen.„Wie viel Tauben hast Du? „Ich Hab' keine." „Ach Du t Bist reich und hast keine Tauben... So- gar ich Hab' drei.. einen Täuberich, eine gefleckte Taube und einen Tüinmler. Hätte ich einen reichen Vater, würde ich hundert Tauben kaufen und sie den ganzen Tag herum- jagen. Auch Sinolin hat schöne Tauben. Er hat vier- zehn... den Tümmler hat er»nir geschenkt. Er ist aber trotzdem gierig... alle Neichen sind gierig... bist Du auch gierig?"(Fortsetzung folgt.) l MarZdruck verboten.) Cavbovnnd. Der große Wert, diirdi tvelchen sich der Diamant gegenüber den andern Steinen anszeichnet, ist die Ursache gewesen, daß sich fort» gesetzt die Bemiihungen erfinderischer Menschen darauf richten, dieses seltene Naturerzeugnis durch Kunstprodukie zu ersetzen. Wenn nun auch diese Bestrebungen bisher von nicht besonders großen Erfolgen gekrönt»varen, indem die bis jetzt auf künstlichem Wege dargestellten Diamanten nur in äußerst kleinen Formen erhalten würde», so haben diese Bemühmigen doch ein anderes Produkt gezeitigt, Ivelches von größter Bedeutung für viele Zlveige der Technik geivorden ist. Im Jahre 1831 geivann nämlich der Änierikaner E. G. Acheson bei seinen Versuchen zur Darstellung künstlicher Diamanten das Carborund als harte Krhstalle von etiva grünlich-blauer Färbung. Wenn nun auch Acheson das Carborund als Zufallsprodukt seines Experimentierens mit Kohle und Thonerde im elektrischen Ofen fand, so gebührt ihm doch das nicht zu unterschätzende Verdienst, sofort und mit Ausdauer an die methodische Darstellung dieses neuen Körpers gegangen zu sein. Bei den Versuchen zur Darstellung von Diamanten machte sich Acheson eine» elektrischen Ofen aus einer eiserneu Kelle, die er l»it Kohle ausfütterte und sie dann mit einer Mischung von Lchin und Kohle füllte. Die nach Abstelleu des elektrischen Stromes ge- »vonnenen Carborund-Krystalle»varen aber zuerst so klein, daß be- schlössen»vurde, dieses Experiment unter günstigeren Umständen zu Iviedcrhole». Durch Vergrößerung des elektrischen Schmelzofens kam nian bald dahin, aus der verhältnismäßig innner noch kleinen Vorrichtung täglich 125 Gramm Carborund erzeugen zu können. Acheson war zunächst der Meinung, daß das neue Produkt eine Mischung von Kohlenstoff und Alumininn» sei; es zeigte sich jedoch, daß sich dieser neue Körper aus Kohlenstoff und einein andren Bestandteil zusammensetzt, der zunächst als Cornud gedacht wurde, bis endlich die Untersuchungen von Dr. Mühlhäuser die wahre Natur dieses andren Bestandteiles als Silicium feststellten. Carborund, das ein specifisches Gelvicht'von 3,12 bis 8.23 hat, steht au Härte dem Diamanten wenig nach; man zerkleinerte daher in der ersten Zeit der Fabrikation in Mouoiigahela in Penusylvanien die gewonnenen Carbornnd-Krystalle und verkaufte das feine Pulver als geschätztes Schleifmittel an die Edelsteinschleifereien. Der schnell zunehmende Bedarf veranlaßte die Verlegung der Carborund-Fabril nach den Riagarafällen, Ivoselbst durch die großartigen Kraftanlagen der nötige elektrische Strom billig und mit genügender Lcistuugs- fähigkeit zur Verfügung steht. Die modernc(Carboruiid-Darstelllnig geht nun im fabrikmäßigen Betriebe in großen Schmelzöfen von etiva 5 Meter Länge, 1.50 Meter Höbe und gleicher Breite in der Weise vor sich, daß man das geeignete Material etwa vierundzwanzig Stunde» der Einwirkung eines elektrischen Stromes von 100, 185 oder 250 Volt aussetzt. Da durch die erivähutcn Untersuchungen festgestellt ivurde, daß Carborund Silicinm enthält, so benutzt man jetzt neben der Kohle nicht nichr Thon oder Lehm als Rohmaterial, sondern man verivendet guten GlaSsaud. der sich wegen des Kieselsäuregehaltcs gut für die Fabri- katiou eignet. Weil sich»vährend des Darstelluugsprozesies Gase eulwickel», so begünstigt,»uan deren Abzug durch Zusetzen von Säge- spänen, die das Gemisch porös machen z außerdem pflegt man noch Salz zuznictze», da dieses die Thätigkeit des elektrische» Schmelz- ofciis günstig beeinflußt. Von den zur Carborimd-Fabrikation beniitzten Rohmaterialien sind Sägespäne, Sand und Salz ohne ivcitere Vorbereitungeit ver- »vendbar.»vährend Coaks noch einer Behandlung mrtenvorfen werden muß. Der Coaks nniß nämlich, soiveit er den Kern des Ofens, um de» dam» die andren Materialen gelagert»Verden, bilden soll, aus Stücke» von geivisser Größe bestehen, die den elektrischen Strom infolge des dichte» Aneiuaudcrreihens fortleiteu. Ei» Teil des Coaks »vird als Pulver dem Gemisch der Rohmalerialicu zugesetzt. Au den Queriväiide» des rechteckigen, aus Backsteinen errichteten cleltrischcu Schmelzofens sind eiserne Ständer von viereckiger Ge- stall zur Aufnahnie der Enden der Elektrodeir vorgesehen; mit den Ständern sind dicke Platten verbünde», die je sechzig Löcher zur Auf- nähme der Endstücke der Elektroden ausiveiseu. Die Elektroden selbst bestehen aus sechzig Kohlestiften von etiva 75 Ceutimeter Länge und 3 Ceutimeter Durchmesser sie sind mit einer Aushöhliiug versehen, in die etlva 20 Millimeter starke Kupferstäbe gesteckt iverdcn, Ivelche mit den andre» Enden i» die Löcher der Elektrodenplatte müiideii. Die Kabel für die Zuführung deS elektrischen Stromes siud an der Elektrodenplatte mittels Schrauben befestigt. Soll ein Ofen beschickt werden, so bringt man zunächst in einer Entferiiulig von etwa 10 Centimetern von den Elektrodenspitzen Blechtafeln an: nunmehr schüttet mau den Ofen etwa bis zur Hälfte mit dem vorbereiteten Gemisch an. Damit dann ans den größeren Coaksstückcn der leitende Kern hergestellt ivecdeu kann, entferut man ans der Mitte das Rohinaterial, bis ein Coakskern von ungefähr 55 Ceutimeter Durchmesser Platz gefunden hat,»vorauf die leitende Verbindung zivischen diesem Kern und den Elektroden nach Eni- fernung der Bleche durch Aussüllen mit CoakSpulver hergestellt»vird. Zum Schluß bedeckt man den Kern vollständig mit einer dicke» Schicht aus de» erwähnten Rohmaterialien. Der elektrische Strom, der von de» Kraftlverken des Niagara- falles mit einer Spannung von 2200 Volt geliefert»vird, muß durch einen großen Transformator auf die für den Schmelzofen geeignete Epaummg, die, wie bereits erwcihnt, zwischen IM ii»d 250 Sott schwankt, rranssornliert cherabqemmdert) werden. Da bei dieser Um- forirmug durch Stromverluste der Transformator, der für IlM Pferdestärken vereckmet ist, stark erwärmt wird, so nuifz er durch eine besondere Kühlanlage vor zu großer Erhitzung bewahrt werden. Nachdem der elektrische Strom eingeschaltet ist, tritt während der ersten dreißig Minuten keine Veränderung ein; je länger aber der Strom auf das Gemisch einwirkt, umsomchr machen fich die Gerüche von Gasen bemerkbar, die ans der Mischung aufsteigen. Nach Verlauf von fast vier Stunden bilden die Kohlenoxydgase auf dem Schmelzofen em loderndes Flanunenmeer. Je mehr der Prozeß fortschreitet, um so mehr sinkt der Ofen zusanune» und aus den sich alsdann bildenden Rissen und Spalten steigen durch die blauen Flammen des Kohlenoxydgases gelbliche Natrinmdämpfe empor. Es liegt im Interesse einer guten Produktion, den Prozeß der Gasentwicklung langsam und beständig vor sich gehen zu lassen; treten nämlich die Gase an einzelnen Stellen so stark auf, daß sie größere Spalten er- zeugen können, so werden auck größere Mengen des Gemisches mit cmporgeschlcndcrt und man ist in solchen Fällen gezwungen, den elektrischen Strom abzustellen und durch Nachfüllen von neuen Roh- Materialien die Oefsnungen zu verstopfen. Hat der elektrische Strom vicnindzwanzig Stunden auf das Gemisch irn Schmelzofen eingewirkt, so ist der Fabrikationsprozeß des Garborunds meist beendet; mitunter ist es auch nötig, während 36 Stunden die Stromznfiihrung ausrecht zil erhalten. Weim der Schmelzofen nach Abstellung des elektrischen Stromes während einiger Stunden genügend abgekühlt ist, reißt man die ge- mauerten Seitcnwände fort, nimint die unverändert gebliebene äußere Beschickung herunter und bricht alsdann die nun folgende Schicht des amorphen Carbornnds ab. Bevor man jedoch auf den eigentlichen Carborundteil des Ofens stößt, muß man noch eine wenige Centiuieter starke zweite Schicht amorphen Carbornnds ent- ferne». Die etiva 30 Centimeter starke Carbornndumhüllnug des Coakskerns besteht ans Carbornndkrystallen von geringer Größe. Eine Beschickung des elektrische» Schmelzofens liefert bis 4 Tonneu sa 10M Kilo) Carborund. Das Carborund, welches im elektrische» Ofen einer Temperatur von 2000— 3000 Grad ausgesetzt war, ist nicht schmelzbar, wird von Master und Säuren nicht aufgelöst und ist an Härte den, gebrauch- lichen Schmirgclmaterial Coruud wesentlich überlegen. Um das Roh- fabrikat für die mannigfachen Zweige der Industrie und des Ge- werbcs für Schlcifzlvccke geeignet zu machen, bringt man es zunächst in ZerNcinennigsmaschinen, die es»ach verschiedenen Korngrößen zerbrechen, und nntcnvirft es einem Reinignugsprozeß durch BeHand- Inng mit verdünnter Schivesclsnnre in Holzgefäßcu. Nachdem die uucrwiiuschteu Beimischungen entfernt, das Carborund gewaschen irnd getrocknet ist, wird es als Schleistnittel teils direkt als Pulver in den Handel gebracht, teils wird es aber»och weiter durch geeignete Behandlung und Formengebung für bestimmte Schleifzwccke besonders hergerichtet. Umfangreiche Anwendnng haben namentlich in der Metall- indnstrie die sogenannten Schleifscheiben ans Carborund gesunden; diese werden �uiitcr Beimischung von Thon als Bindemittel mit Hilfe von Pressen in die verschiedensten Formen gepreßt und dann im Ofen gebrannt. Für manche Zwecke Iverden die Schleifwerkzeuge anS Carborund auch durch Mischling mit Porzellanerde oder auch mit Schellack und darauffolgendem Formengebrn und Brennen inr Ofen fabriziert. Die zu diesem Brcmiprvzeß verwendeten Oefen gleichen den Heiznngsvorrichtnngen in der Porzellanfabrikation. Die Carbornndfabrikate iverden in den geschlossenen Oefen nngcfähr eine Woche der Hitze ausgesetzt. Nach langsainer Abkühlung der Heiznugs- Vorrichtung»innirt man die gebrannten Carboruud-Schleifiverkzenge heraus und dreht sie mittels Diainanien ab. Wenngleich Carborund teurer als Schmirgel ist, so hat es sich doch in verhältnismäßig kurzer Zeit als Schleifmittel eingeführt, da es wesentlich leistungsfähiger als das Coruud ist. Bei Einkauf nach Gewicht ist zu berücksichtigen, daß nian eine größere Menge Carborund als Schmirgel pro Gewichtscinheit erhält, weil erPeres um ein Viertel leiäilcl ist als Coruud. Die bei den Schleifpiozessen austretenden Erwärnunigen hält das Carborund ohne jeden Schaden aus; man kami daher z. B. mit derartigen Schlcifrüderll das Schleifen der häriesten Metallsäge- blättcr bequem vollführen, und dieses hat den Vorteil, daß man nicht mehr bei der Herftellniig dieser Sägeblätter nnf die Härte der früher zum Anschärfcn benutzten Feilen Rücksicht zu»ehmeir braucht, sondern daß man die Sägeblätter bedentcnd härter erzeugen kann. Außer in Form von Schleifwerkzeuge»»nd von Pulver wird das Carborund auch noch als Schinirgelleinen hergestellt, indem das Leinen oder Papier init dem Conind durch ein geeignetes Binde- mittel fest verbunden tvird. Derartiges Corundpapier findet z. B, auch in der Schuhmacherei zum Glätten der Sohle» Verwendmig, wobei hervorgehoben werden muß, daß hierbei nicht nur bessere Arbeit als bei Benutzung von gewöhnlichenr Schmirgel geleistet wird, sondern daß die Belvältignng der Arbeit auch in bedeutend kürzerer Zeit vor sich geht, iodaß heute eine Person mit Coruudschnürgel oft so viel leistet, als früher sechs Arbeitslräste i» der gleichen Zeit bei Benutzung gewöhnlichen Schmirgels fertigstellen konnten. Wenn so die Änweudmrg des Cornnd als Schleismittel eine hohe Bedeutung gewonnen hat, so ist aber die Vcrwcrtrnig dieses Materials hiermit nicht erschöpft, denn es eignet sich auch als Beimischung bei dem Herstellungsprozeß von Stahl, weil es meist über 60 Proz. Silicium enthält, ausgezeichnet. Die weitverbreitete Ansicht, daß Carborund»nr an den Niagara- fällen in Amerika fabriziert ivird, ist falsch, da dort wohl die älteste, aber nicht die einzige Fabrikationsstätte ist, indem in Europa zwei Carbornndsabriken bestehen, von denen die eine zu Bcnatek in Böhmen und die andre zu La Büthie in Frankreich gelegen ist. P. M. G r c m p e. Nleinss JTemllekon. — Gottfried Keller als Smidenbork. Man schreibt der .Fraiikstirter Zeitung": Im unlängst erschiene»?» ersten Bande seines Mcmoircnwcrkcö„Republikanische Wanderbilder und Porträts"(In Koniuüssion bei Th. Sckiröter in Zürich und Leipzig) erzählt der jetzt zweinndachtzigjährige bekannte Politiker und Advokat Dr. Friedrich Locher von einem Schulkrmvall, an welchem »ebst ihm selber auch Gottfried Keller beteiligt getvescu. In der „Industrieschule", die anfangs der dreißiger Jahre gegründet ivorde», amtete neben dem Junker Professor Ejchcr,' der in Mathernathik, rmd Julius Fröbel, der in Geographie und Ge- schichte unterrichtete, auch ei» gewisser Egli als Lehrer der Rechenkunst. Dieser letztere stammte ans dem nmveit Zürich ge- legenerr Küßnacht, von wo er. seiner liberalen Gesinnung wegen, von einflußreichen liberalen Gönnern i» die Stadt gezogen worden war. Die Mehrheit der Stadtbürger stand aber der liberalen Idee, die in den Orten am See ihre festesten Stützpunkte hatte, noch feindlich gegenüber, und daraus erklärt es sich denn, daß der neue Landschnlmeister, der gleichzeitig die Stelle eines Sekretärs im neu- geschasseiien Erziehnngsrate bekleidete, sich vielerlei Anfcindnngeu ansgesetzt sah. Die Bube», die er unterrichten sollte, nahmen sich ihm gegenüber die größten Frechheiten heraus. Als er eines Tages mit Strasnote» drohte, hieß es:„Was? Der Küßnachtcr soll Gott danken, wenn er nicht bestraft wird!" Und ohne weiteres machte sich die Gesellschaft daran. den guten Mann jännnerlich durchzuhauen. Kurze Zeit darauf rächte sich dieser letztere aus eine originelle Weise. Er hatte die Schnlhefte der Schüler behnfs Durchsicht mit in seine Wohnung nnf den„Lindenhos" genommen und stellte mit der Rückgabe der- selbe» die Geduld der schlimmsten Radaubrüder ans eine harte Probe. Die Hefte abzuholen, machte sich eines Nachmittags die ganze Klasse ans de» Weg. Egli ließ eine Anzahl der Schlller, die sogenannte„Deputation", eintreten, verriegelte dann die Thür hinter ihnen»nd min wurden sie von den beiden erwachsenen Söhnen des Lehrers gründlich durchgeprügelt und dann an die Lust befördert, lieber diese Verletzung des Gesandtenrcchts erhob sich ei» großes Geschrei bei den übrigen. Steine flogen in die Fensterscheiben der Eglische» Wohnnng; bald jedoch rückte die Polizei heran und machte dcui Skandal ein Ende. Die vom Lehrerkonvent eingeleitete Disciplinar-IIntersnchnng endete damit, daß Egli von seinen beiden Aemtcrn die Lehrerstelle aufgab, und daß von den rebellierenden Schülern ein einziger mit Schimpf und Schande ans der Klasse ausgestoßen wurde: Gottfried Keller. Nach Locher war Keller bei der ganzen Krawallaffäire bloßer Zu- schauer gewesen; aber sein kurz zuvor gestorbener Vater, der Drechsler- meiftrr war— er hatte jahrelang seine Werkstatt im Locherschen Hanse— hatte der kleinen Gemeinde der Liberale» angehört und ivar dann» den Rcgcntenfnmilie» verhaßt. An dem Sohn des „Hintersäßcn" statuierte man nun ein ivarncndes Excmpek.— In seinem.Fähnlein der siebe» Aufrechten" hat der nachmals � von seinen Mitbürgern so gefeierte Dichter daS Patrizier-Regimcnt jener Zeit gebührend gekennzeichnet und seinen Vater glänzend gerecht- fertigt.— n. Fuselöl in Frnchtsäfte». Die Anti-Alkoholiker von der nicht volikommcn strenge» Observanz pflegen als Ersatzgctränk für die verpönten Weine, Biere oder Liqueure die Fruchtsäfte zu empfehlen; sie wissen nicht, daß sie dabei den Teufel mit Beelzebub austreiben. Denn erstlich sind auch die ans Johannisbeeren, Pflaumen, Mirabellen, Kirschen, Acpfeln und dergleichen hergestellten Geiränke nicht nur nicht frei von Alkohol, sondern ent- halte» ihn vielfach sogar in iveit höherem Prozeutgehalt als die meisten Biere und Weine. Hauptsächlich aber ist z» bedenken, daß das eigentlich Schädliche weniger der Alkohol selbst ist. als vielmehr die ihm stets beigemengten Fuselöle; sie berauschen, sie ruinieren die Nerven, aber sie sind es auch, tvelche dem Getränk im wesentlichen den eigenartigen aromatische» Charakter geben. Gerade deswegen ist es nnthuulich, die vergorenen Gelränke völlig von den Fuselölen zu befreien— bis zu eine», gewisse» Grade geschieht es. Nun hat sich aber herausgestellt, daß die anscheinend so harmlosen Fruchtsäfte nach der Vergärung einen ganz konstanten Gehalt von Fuselöl enthalten, nämlicv etwa 1 Proz., während der Gehalt der Tranbeniveine an Fuselöl zwischen �/ro Proz, und 3/roo Proz. schwankt, in jedem Fall also beträchtlich geringer ist, als der der gegorenen Fruchtsäfte.— Theater. Lessing-Theater. Das schlvarzeSchäfchen. Schan- spiel in 5 tlltm von R. Skowronnck.— Ein rechter Satiriker . i SIL i.'.. h litte ciiis bicfcm Stoff schon ctlunS machen können. Geleqenkieitkii j,n sarkastisch- ironischer Sittennialerci und beibend epigrammatische» Ausfällen gieltt er in Hülle und Fülle. Um so ärgerlicher ist es, dag dies alles i» dem Skowronnekschen Stück so»»genützt vorüberstreicht. Nicht daß es hier au satirischer Absicht fehlte, aber sie bleibt ganz im allgenleinen stecken. Statt sinnvoll origineller Ausprägung des Allgemeinen znm lebendig Konkreten, ivodnrch allein der Dichter zünden kann, wird nur eine breit auseinandcrfliestcnde Exemplifikation gegeben, bei ivelchcr man auf Schritt und Tritt die Absicht herausnierkt. So ver- puffte die Schilderung des Aufruhrs, den das schivarze Schäfchen, eine junge leidlich aufgeklärte bürgerliche OfstzierZfrau, die sich der herrschenden Kasinoschabloue nicht ohne weiteres fügen will. nntcr den Herren und Damen der Garniso» hervorruft, ohne rechte Wirkmig. Nirgends weder in der Charakteristik, noch in derJntrigne, noch iin Dialog eine lustig überraschende, schlagende Wendung, die sich dem Gedächtnis hätte einprägen können. Journalistenarbeit und Journalistenausfälle gegen den boruiertcu kleinlichen Hochmut militärischen Kastengeistes, die aber— auf daff die Kühnheit nicht zn grojj erscheine— durch mancherlei zierliche Verbeugungen vor des Königs Nock, sofort auch Ivieder thunlichst gemildert werden. Was von Handlung iiv dem Stücke ist, drängt sich in den letzten zwei Akten zusamnien. Frau v. Disnack, das»schwgrze Schäfchen", hat einen alten Jugendfreund, der vor viele» Jahren um ihre Hand ge- worden, aber damals abgelviesen wurde, in der Nachbarschaft der Gar- uison iviedergefunden, einen echten Theatcrhelde», der allen Ansprüchen genügt: Großgrundbesitzer, Reserve-Offizier bei den gelben Ulanen, und, Iva? die Sache doppelt pikant macht, ein halber Demokrat und Gegner der Gelreidezölle I Ihre Zusammenkünfte, obwohl unter strengster Neserve beider Teile verlaufend, scheinen der schlechten Welt verdächtig und geben Stoff zu unerschöpflicher Klatscherei. Sobald der Herr»ud Gemahl, der Rittmeister von Disnack, ein roher. jähzorniger Bursche, von der Geschichte Wind erhält, steht es für ihn fest, daß seine Frau ihn mit dem andern betrogei» habe, lind wen» das auch nicht der Fall wäre, man hat geklatscht und dieser Schimpf auf seiner blitzeblanken OffizierSehre kann nur mit Blut abgewaschen iverden. Vergebens, daß die Frau ihre Unschuld beschwört, daß sie Beweise liefern will. Das steigert»nr noch seine Wut. I» tödlicher Angst eilt die Bedrängte nun zn dem Freunde, um ihn zu be- schwöre», die Forderung nicht anzunehmcn. Umsonst. Auch er ist es seiner.Ehre" schuldig, sich zu schlagen! Da endlich in der Furcht, ihn zu verlieren, bricht die verborgene Liebe ans ihrem Herzen hervor, die Liebe, nach der er immer sich gesehnt und die er nie mehr zn erhoffen gewagt hat. Und um für sie zu lebe», Iveil.eine neue Lebensaufgabe in dieser Slundc ihn» gestellt ist", schlägt er. den Hohn der Staudesgenossen nicht länger fürchtend, die Forde- rung ans. Die Schauspieler, denen freilich Ivenig dankbare Aufgaben zu- gefallen waren, thaten ihr möglichstes; sehr gut waren insbesondere Frau Sauer als Frau von Disnack, Patry als ihr Freund und Herr v. W i n t e r st e i n, der die rohe, blutdürstige Eifersucht des innerlich verlumpten Rittmeisters in jedem Zuge echt heranszn- bringen wußte. Das Publikum applaudierte lebhaft.—, dt. Musik. Einen in jugendlich frischer Entwicklung begriffenen Künstler wie Günther F r e u d e n b e r g hört man. auch wenn mau sich über ihn schon ausgesprochen hat, gern zuin zweiten oder dritten Male. Er besitzt in seinci» Klavierspiel eine ivohlthncnde Klarheit, zumal was das Herausspinnen des inclodischen Fadens betrifft. Gerade einem solchen Künstler sagt man dann mit besondrer Vor- liebe, ivas ihm eben auf seinem eigensten Gebiete noch zur Aus- rcifuug fehlt. Jenes Herausspiuuen des melodischen FadeuS ist noch nicht die letzte Kunst in der Hernnsgestaltiing des motivische» und sonstigen Tonfolge- Gehaltes. Auch dazu nimmt Herr Frendenberg einige Anläufe; doch das wenige »schmeckt nach mehr". Heraus mit dem.Rubato" und mit der Abstufung der Acccute je nach dem Formbau I So könnte es schon in Schuberts Impromptu S-dur geschehen, einem Urbild zahlloser ähnlicher Stücke. Der Betrag von Sentimentalität, den der Interpret dahineinlegte, mag bleiben: die etwas biederineierische Taktstrcnge, von der er nur wenig abging, braucht in nnsrcr Zeit Ivahrlich nicht bleiben. Auch das andre Impromptu Schuberts, das dahinperlende in Es-dur— entweder man macht daraus ein Vir- tnositäts-Tenfelei, wie es seiner Zeit Rubinstein gethan hat, oder man trägt es mit eindringlicher Gliedernng vor. ' Herr Frendenberg hatte lam vorgestrigen Mittwoch im Beethoven- Saals den Mut. ei» Klavier-Konzert ohne jede fremde Mitwirkung zn geben, mit Beschränkung auf eine ziemlich enge Art von Stücke»— vorwiegend Chopin und Chopin» Achnliches. Dazu gehört, namentlich wenn der Konzertgeber nicht gerade einer der lieber- wältigenden ist, ein gut fachmännisches oder auch gut dilettantisti- sches" Publikum, das sozusagen mitarbeitet. Den Kritiker führt schließlich ein solches Konzert zu mancherlei Besinnungen über Konzertwesen überhaupt. Bor einiger Zeit wurden in Darmstadt und in Mannheim Versuche einer Verdunkelung der Konzerträmne gemacht, anscheinend mit gutem Erfolge. In siidwestdeutschcn Zeitungen war denn auch entsprechend viel darüber berichtet und gestritten worden. Beim Anblick solcher Berichte und StreitfenillctonS scheint e? mir nun wahrlich überflüssig, die dort vorgebrachten Für und Wider, die man sich wohl ohne viel Mühe denken kann, dem Leser zu rcproducieren. Ohne» hin geht ja Probieren über Studieren und Raisonnieren. und einiger sorgsam variierter Versuche dürfte die Sache wohl auch für Berlin ivert sein. Indessen darf doch auf eine Seite der Sache aufmerksam gemacht iverden, die anscheinend noch nicht berührt ivorden ist. Emnncipieren lvir«nS nämlich von den be- kannten äußerlichen Eindrücken prosaisch störender Art, indem wir bloß lauschend zuhören, so wird uns. wie ich fürchte oder hoffe, das Unvollkommene nnsres Konzerttreibens erst recht zum Bewußtsein kommen i ivir werden dann den Mischmasch noch weniger vertrageil, und es ivird uns vielleicht sein, als müßte jetzt und jetzt auS dem Dunkel heraus eine Bühne sichtbar iverden, mit all dem vollen Bild von Menschlichkeit, das uns ein musikalisches Drama gebe» kann. Ich glaube, wir würden innerlich schreien nach einer echten, wahren Oper. Wir in Berlin vielleicht ganz besonders. Täglich und täglich lesen, was draußen in der Provinz und in andre» Landen an Opernkunst geleistet ivird, und was die Berliner königliche Oper nicht leistet; wie sie ivieder ein Jahr niit 2, 3 kümmerlichen Halbnovitäten dahingebracht hat; wie sie jetzt thnt, als ivollte sie mit einem Riesenprogrämm kommen, ans dem voraussichtlich gerade noch ein Wilhelm Kicnzl in die Wirklichkeit springen wird: das würde nachgerade tragisch sein, wäre es nickt verivünscht komisch. Man ehrt eine kleine, mit Dürftigkeit ringende Bühne wie das Carl Weiß- Theater, indem man, ohne Scheu vor einem Kehethun, ihre neuen Leistungen nach streiigen Maßen mißt; welche Maße sollen dann für die Depositenbank Unter den Linden bleiben? I— sz. Notizen. — Die Suder mann-Premiere findet bereits am 24. Ja- nuar statt.— — Grillparzers.Sappho" geht am Freitag nächster Woche im Schauspielhaus n e u e i» st u d i c r t in Scene. Di« Sappho spielt Rosa Poppe, den Phaon Rudolf Christians.— — Die Eröffnung des Charivari-BrettlS(Alte Jakob« straße 37) ist auf de» 11. Januar angesetzt.— — H e r m a n n B a h r S neues Lustspiel.Der Crampus" geht am 18. Januar im Deutschen Tchauspielhause zu Homburg in Scene.— — Die Aufführung von Otto ErnstS Schauspiel.Die größte Sünde" am Deutsche» V o l k s t h e a t e r in Wie» ist von der C e n s u r verboten worden.— — Die Wiesbadener Anfführnng von dem neiieu Laiissschen Drama.S t u r m h u t" ist vorläufig verschoben worden.— — ,O d y s s e n s Tod", der letzte Teil deS B u n g e r t scheu Mnsikdranicn-Chklns„Homerische Well" ist vollendet. Die Klavier- auszüge des Werkes sind bereits zum Versand gelangt; über die Erstaiifsührmig steht noch nichts fest.— — Zn dem Konzert des P h i l h a r m o n i s ch e n Chores am Montag findet keine öffentlich« Hauptprob« statt.— — Im 3. P h i l h a r in o ii i s ch e n Konzert(Dirigent Arthur Nikisch), das am 20. Januar stattfindet, gelangt u. a.. A l s o sprach Z a r a t h ii st r a", eine sinfonische Dichtung von R. Strauß, zur Aufführung.— —.Die Perle von Jberien", ein Ballett der Wiener Tänzerin Irene Sironi, wird im Februar in der Wiener H o f o p e r gespielt werden.— — V o m S i m p l o n t n n n e l lanten die Nachrichte» außer- ordentlich ungünstig. Das Wasser, ivclckcs auf der italienischen Seite des TininelS in denselben unanfhaltiam eindringt, die Arbeiten hindert und die Maschinen verdirbt, scheint sich noch immer zu ver- mehren. Die Hoffnung, daß inan durch ein Ablenken des WildbachcS Cairaso den Wassermassen, welche fast t000 Liter in der Sekunde betragen, Einhalt thnn könne, hat sich als eine verfehlte erwiesen. Jetzt glauben die Fachleute, daß alles Unglück vom Wildbach Ncmbro komme, welcher ebenfalls oberhalb dcS Tunnels sein Bett hat.— — Schwarze Beize, die von Säuren und Langen nicht angegriffen wird, stellt man, nach der„Leipz. Ztg.", her, indem man 1 Teil Aniliuschwarz mit 30 Tropfen lonzcutriertcr Salzsäure und 6 Teilen Alkohol verreibt. Die so erhaltene tiefblaue Lösung wird mit einer süßen Lösung von l1/» Teilen Gummi arabicum in zehn Teilen Wasser verdünnt. Diese Beize greift nicht an und kann auch weder durch konzcnlricrte Mineralsänreii noch durch starke Laugen zerstört werden. Verdünnt man die Anilinschwarzlösiing nicht mit Gullimiwasser, sondern mit einer Lösung von IV» Teilen Schellack in 4 Teilen Weingeist, so erhält mau einen Anilinlack, der sich durch eine außerordentlich tiefe Schwärze auszeichnet.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattcs erscheint am Sonntag, den 12. Januar. Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von itztax Babing in Berlin.