Interhaltungsblatt des Vorwärts ?er. 10. Mittwoch den 15 Januar. 1902 'Nulbdruck virdoten.! io] Go»?djejetv. Noinon von M a x i in G o r k i. Deutsch von Klara Brauner. „Ach. so ein Hund!" sagte Jgnat.„Sieh, was es für Menschen giebt: nian bestiehlt ihn, und er verneigt sich noch und versichert einen seiner Hochachtung! Ha— ha! Man. hat ihn ja vielleicht um eine Kopeke' bestohlen, aber diese Kopeke bedeutet ihm so viel wie mir ein Rubel! Und es handelt sich ja nicht um die Kopeke, sondern darum, daß sie mir ge- bört und niemand das Recht hat, sie anzurühren, wenn"ich sie nicht selbst fortlverfc. Ja. nun lassen wir das I Erzähle einmal, wo Du warst und was Du gesehen hast." Der Knabe setzte sich neben den Vater und erzählte ihni 'ausführlich die Eindrücke seines Tages. Jgnat hörte zu und beobachtete aufmerksam das lebhafte Gesicht des Sohnes, und seine Augenbrauen zogen sich nachdenklich zusammen. „Bei Dir ist noch alles auf der Oberfläche, Bruder. Du bist noch ein Kind... ja, ja!" „Wir haben in der Schule eine Eule aufgcschencht," erzählte der Knabe.„Das war ein Spaß! Sie ist auf- geflogen und ist im Schwünge gegen einen Baum geprallt— ftach! Aufgeheult hat sie sogar, und das war so kläglich. Und wir haben sie wieder aufgeschencht, sie ist wieder in die Lust gestiegen, und es war wieder so— sie flog eine Weile und stieß an irgend ctivas au. Die Federn stoben nur so! So hat sie sich in der Schlucht abgequält, und eS gelang ihr mit Mühe, sich irgendwo zu verstecken. Wir haben sie nicht mehr gesucht, sie hat uns leid gethan, sie war ganz zer- schunden. Ist sie ganz blind bei Tag, Papa?" „Ja." sagte Jgnat.„Mancher Mensch wirft sich im Leben ebenso herunr wie die Eule bei Tag. Er sucht und sucht seinen Platz, zappelt so, daß seine Federn stieben, und es führt doch zu nichts. Er zerschindet sich ganz, wird kraft- los vor Schmerz, verliert alle seine Federn und verkriecht sich auf einmal, nur um von der Plackerei auszuruhen. Wehe solchem Menschen, Bruder!" „Wie weh es thun muß," sagte Foma leise. „Ebenso wie dieser Eule!" „Und wanun ist das so?" „Wannn? Das ist schwer zu sagen. Bei manchem, weil er durch seinen Hochmut verblendet ist, viel will und nur eine wiuzige Kraft hat. Bei manchem, weil er dumm ist— und noch ans vielen Gründen. Du kannst's nicht verstehen." „Kommt zum Thee!" rief sie Ansissa. Sie hatte schon lauge mit verschränkten Händen an der Thür gestanden und hatte gerührt die riesengroße Gestalt des Bruders, der sich freundschaftlich zu Foma neigte, und die nachdenkliche Stellung des Knaben, der sich an die Schulter des Vater schmiegte, beivundcrt. So entrollte sich vor Foma langsam, Tag für Tag ein Leben, das im allgemeinen nicht reich an Aufregungen, sondern friedlich und still war. Starke Eindrücke, die die Seele des Knaben eine Stunde oder einen Tag lang erregen, hoben sich manchmal sehr scharf von der Folie dieses eintönigen Lebens ab, doch verblaßten sie bald. Die Seele des Knaben war nock ein stiller See, der vor dem Stnrmwehen des Lebens verborgen war, und alles, was die Oberfläche des Sees de- rührte, auf den Grund fiel, nachdem es das schläfrige Wasser für eine Weile erregt hatte, oder über seinen Spiegel glitt— das alles schwamm in lveite» Kreisen auseinander und ver- schwand. Nachdem Foma fünf Jahre in der Schule verbracht und mit Mühe und Not vier Klassen absolviert hatte, trat er als ein hübscher, schlvarzhaariger Bursche nnt gebräuntem Gesicht, dichten Brauen und dunkelm Flaum auf der Oberlippe aus. Die großen, dunkeln Augen blickten nachdenklich und naiv, und die Lippen waren kindlich halb geöffnet! wenn er aber in seinem Wunsche auf Widerspruch stieß oder irgend etwas ihn reizte, erweiterten sich seine Pupillen, die Lippen preßten sich zusammen und das ganze Gesicht nahm einen entschlossenen, eigensinnigen Ausdruck an. Der Pate sagte von ihm, indem er skeptisch lächelte: „Für die Weiber wirst Du süßer als Honig sein, Foma— aber vorläufig ist noch nicht viel Verstand in Dir zu sehen!" Jgnat seufzte bei diesen Worten. „Du solltest Deinen Sohn bald in Umsatz bringen, Ge» votier!" „Wart noch ein wenig!" „Was hat man da zu warten? Laß ihn zwei, drei Jahre an der Wolga herumwandern, und dann geht's zum Altar. Sich Dir doch einmal meine Ljubowj an!" Ljubolvj Majakin besuchte damals die fünfte Klasse einp Pension. Foma begegnete ihr oft auf der Straße, wobei ne ihm immer mit dem dunkelblonden Köpfchen in der eleganten Kappe herablassend zunickte. Sie gefiel Foma, doch ihre rosigen Wangen, die lustigen, braunen Augen und der rote Mund konnten in ihm den kränkenden Eindruck ihres herablassenden Grußes nicht vermischen. Sie war mit Gymnasiasten bekannt, und obgleich sich unter diesen auch Jeschow, sein alter Kamerad, befand, zog dieser Kreis Foma nicht an, und er fühlte sich darin beengt. Ihm schien, daß sie alle mit ihrer Gelehrtheit vor ihm prahlten und üs'.er seine Unwissenheit spotteten. Sie versammelten sich bei Ljubowj und lasen dort; wenn er sie bei der Lektüre oder bei den Debatten antraf, schwiegen sie bei seinem Anblick. Das alles stieß ihn ab. Als er eines Tages bei Majakin war, schlug ihm Ljuba vor, im Garten spazieren zu gehen, und als sie dort neben ihm herschritt, fragte sie ihn mit einer leichten Grimasse: „Warum siehst Du so finster drein und sprichst nie etwas?" „Wovon soll ich sprechen, wenn ich nichts weiß!" sagte Foma einfach. „Lerne— lies Bücher l" „Ich habe keine Lust." „Die Gymnasiasten wissen aber alles und können über alles sprechen— zum Beispiel Jeschow." „Ich kenne Jeschow... er ist eine Plaudertasche." „Du beneidest ihn einfach. Er ist sehr klug, ja. Er ist bald mit deni Gymnasium fertig und fährt dann nach Moskau, um dort die Universität zu besuchen. „Nun, was ist denn dabei?" sagte Foma gleichgültig. „Und Du wirst immer ein Flegel bleiben!" „Nun, und wenn?" „Wie schön das ist!" rief Ljuba ironisch aus. „Ich werde, auch ohne zu lernen, auf meinem Platz sein," sagte Foma spöttisch,„und werde es noch mit einem jeden, der gelehrt thut, aufnehmen. Laß die Hungrigen lernen, ich hab's nicht nötig!" „Pfui, wie dumm, boshaft und schlecht Du bist!" sagte das Mädchen verächtlich und ging, indem sie ihn allein im Garten zurückließ. Er blickte ihr übellaunig und gekränkt nach, furchte die Stirn und ging mit gesenktem Kopfe in die Tiefe des Gartens. Er begann schon den Reiz der Einsamkeit und das süße Gift der Träume kennen zu lernen. An Sommerabenden. wenn alles auf der Erde in feurige, die Phantasie an- regende Farben getaucht war. drang in seine Brust eine vage Sehnsucht nach etwas Unbekanntem. Wenn er in irgend einem dunkeln Winkel saß oder im Bett lag, ließ er die Gestalten der Märchenprinzessinnen vor sich auftauchen, sie erschienen mit dem Gesicht von Ljuba.oder von an- dern bekannten Mädchen, schwammen im abendlichen Dunkel lautlos an ihm vorüber und schauten ihm mit rätselhaften Blicken in die Arigcn. Manchmal erregten diese Erscheinungen einen mächtigen Andrang von Energie in ihm und schienen ihn zn berauschen,— er erhob sich, reckte sich und sog die duftende Luft mit voller Brust ein: doch manchmal wehten diese Gestalten ein trauriges Ge- fühl an ihn heran, er bekam Lust zu weinen, schämte sich jedoch seiner Thräncn, er wollte an sich halten, mußte aber trotzdem leise weinen. Oder sein Herz erzitterte plötzlich von dem Wunsch, Gott seine Dankbarkeit auszudrücken, sich vor ihm zu beugen; Worte von Gebeten tauchten in seinem Ge- dächtnis auf, und auf den Himmel blickend flüsterte er lange eins nach dem andern, und sein Herz erleichterte sich, indem er den Ueberschnß seiner Kraft ins Gebet ergoß. Der Vater führte ihn geduldig und vorsichtig in den KmS seiner Geschäftsinteressen ein, nahm ihn zur Börse mit, er zählte ihni von den übernommenen Liefeningen, von seinen Kollegen, beschrieb ihm, wie sie Carriere gemacht hatten, was für ein Vermögen sie jetzt besaßen, wie ihre Art war. Foma begriff das Geschäft bald, da er sich allein gegenüber ernst und nachdenklich verhielt. „Unser Kraut blüht wie roter Mohn auf!" sagte Majakin lächelnd und zwinkerte Jgnat zu. Und doch hatte Foma. selbst als er sein neunzehntes Jahr vollendete, etwas Ktndliches, Naives in sich, das ihn von seinen Altersgenossen unterschied. Diese verspotteten ihn, da sie ihn für diimm hielten; er blieb ihnen fern, weil ihn ihr Verhalten ihm aegenüber kränkte. Aber dem Vater und Majakin, die ihn nicht ans den Augen ließen. flößte die Unbeständigkeit seines Charakters ernste Befürchtungen ein. „Ich verstehe ihn nicht!" sagte Jgnat betrübt.„Er führt ein solides Leben, hat, glaube ich, mit den Weibern nichts zu schaffen, ist mir und Dir gegenüber ehrerbietig, läßt sich alles sagen.— er ist ein sittsames Mädchen und kein Bursche! Und er scheint doch nicht dumm zu sein." „Es ist keine auffallende Dummheit an ihm zu sehen," antwortete Majakin. „Wie soll man ans ihm klug werden? Er scheint auf ettvas zu warten, es ist. als hätte er einen Schleier vor den Aügcn. Seine verstorbene Mutter ging ebenso tastend auf der Erde herum. Der Afrika» Smolin ist ja nur zwei Jahre älter, und sieh' ihn Dir einmal an! Es ist sogar schwer zu sagen, wer bei ihnen jetzt das Oberhaupt ist. der Vater oder er. Er will in eine Fabrik gehen, um dort zu lernen, und schimpft:„Ihr habt mich schlecht gelehrt, Vater." sagt er.... Ja— a I Und der meine zeigt nichts dergleichen. O Gott!" „Weißt Du," riet Majakin,„versenke ihn ganz in irgend ein dringendes Geschäft! Das wäre was! Gold wird durch Feuer erprobt. Wenn wir ihm volle Freiheit lassen, werden wir sehen, was er für Anlagen hat. Schicke ihn allein an die Kama." „Soll ich's versuchen?" „Wenn er Schaden anrichtet, wirst Du etwas verlieren, dafür wirst Du aber erfahren, was in ihni steckt." „Das ist wahr— ich werde ihn hinschicken," beschloß Jgnat. lFortsetzung folgt.) «Nochdruli verbolcn.> Vevlinev Vildvv ««ö dcut vvriHigjäszLigett Nvreg. Unter allen deutschen Laiidcstcilcn hat die Mark mit am meisten unter den Verwüstungen, den Räuvereien und blutigen Bestialiiäten dcS dreitzigjährigen Krieges gelitten. Sie lag böllig ungeschützt da und der Besitz des Bürgertums in den einzelnen Städten, so namentlich in Berlin, zog bald die Söldnerheere a», die unter der Kricgsfahne gierig dem Raube nachgingen. Die Kriegszeilen machten sich den Berlinern zunächst nicht durch heranziehende Hcereshaufen bemerklich. Bis zum Jahre 1627 hatten sie nur durch das Stocken ihres bcdenteudeu Handels gelitten; zivar waren auch diese Schädigungen schon schlimm geling, aber sie er- reichten doch nicht die Brandschatzungen, die kaiserliche Generale an andren Landesteilen geübt hatten. Der Kurfürst beobachtete eine ängstliche Neutralität und hoffte dadurch, daß er sich iveder nach dieser noch nach jener Seite ein- mischte, dem Schicksal zu entgehen, als der schivache Dritte im Kampfe der�beidcn Starken zermalmt zu werde». Diese ängstliche Neutralitätspolitik nützte aber der Mark und den Berlinern gar nichts. Lag die Mark den iviisten Kriegsbanfen bequem, so kümmerten sie sich den Teufel um des Kurfürsten Neutralität. Sie raubten und plünderten, daß es eine Art hatte. Im Herbst 1627 brachen zum erstenmal die Kaiserlichen uuter Wallenstein in die Mark ein. Der Kurfürst ivcilte in Preußen und seine Märker konnten unterdessen Betrachtungen anstellen,>oie groß des Kurfürsten Macht sei. Wallenstein kam bon seinem Haupt- quartier Bernau nach Berlin, stieg im Schloß ab und ließ sich'S wohl sein. Als der neutrale Kurfürst aus der Ferne eine Bitte um Schonung sandte, erhielt er von dein neutralen Wallenstein die höhnische Antivort: der Krieg sei kein Kinderspiel und seine Soldaten müßten leben. In Berlin war damals das Torquato Contischc Regiment ein- marschiert und lag bei den Bürgern in Quartier. Hatte bisher schon das Daniederliegen des Handels die Berliner Bürger schiver geschädigt, so begann jetzt erst recht eine schwere Zeit für sie. Denn � diese Einqnarlicrnng fraß alle Vorräte mitsamt ihren Besitzern weg, , und wen» diese Söldnerhorden uuiter zogen, sah es in den Bürger- j Häusern so kahl aus, als habe sich ein Hciischrcckeiischivacm auf einem Getreideacker niedergelassen. In den Straßen und Gasse» Berlins herrschte damals ein wüstes Leben. Bald stampften die schiveren Rosse eines Reiterhaiifens daher, bald zog eine betrnnkeuc Rotte johlend an den Häusern dahin, um einzubrechen und zu plündern, wo es lohnend erschien und kein stärkerer Arm sich zur Wehr erhob. In den Trinkstuben, Ivo sonst die Bürger und Handwerker zusammen saßen, sah man jetzt nur noch die trunkenen Söldner- hänfen sitzen, die die Bürger längst durch ihre rohen Späße ver- trieben hatte». Was der Söldner im Bürgerhause ergalterte, ver- kaufte er unmittelbar an den Trödler, der im Troß eines jeden Heerzuges zu finden war. Das Tuch verkauften die Söldner nach Schwertlängen und auch bei den zusammengeraubten goldene» und silbernen Kostbarkeiten wurde nicht groß nach dem wirklichen Werte gefragt. Meist jagte der Söldner das erhaltene Geld ja sofort in der nächsten Trinkstube wieder durch die Gurgel. Der Trödler vom Hcerhaufen aber lief eilend zu dem Bürger, dem das Gut geraubt, um es ihni gegen hohes Anslösegeld wieder zum Kaufe anzubieten. Auf das Beuten, achen verstanden sich die Söldner des kaiser- liche» Heeres wie keine andern. Im Keller, im Ranchfang, in ver- steckte» Kisten, miter den Treppen und Dielen wußten sie die ver- borgenen Lebensmittel und Habseligkeiten des Wirtes anfznspüren. Mancher Berliner Bürgersmann glaubte besonders klug zn sein und vergrub seine Kostbarkeiten in den, schmutzigen Gange, der zu jener Zeit die einzelnen Grundstücke von einander trennte und als Kehricht-, Kot- und Küchenablagerungsstelle diente. Aber die scharfen Blicke dieser Söldner, die das Stauben als' Handwerk betrieben und aus der Erfahrung wußten, daß ganz bestimmte Plätze immer wieder zum Vergraben und Verbergen benutzt wurden. fanden die Kostbarkeiten, daS Geld, die Lebensmittel immer ivieder heraus. Nichts war vor ihnen sicher. Die Hauptleute dieser Haufen gingen den Söldnern mit be- rüchtigtem Beispiele voran. Während die Bürger um ein Stück trocken Brot betteln mußten, lebten sie in Saus uns Braus. Als der Oberst Graf Montecncnli im Lande hauste, forderte er für seine Tafel täglich dreißig bis sechzig Essen und die Hanptlcute, die in Berliner Bürgcrquartiercn lagen, thatcn es ihm nach. Während das Kricgsvolt mit jeiuen Frauen und Töchtern spaßte und an seinem Tische schwelgte, stand der Bürger zitternd beiseile. Ein Wort konnte ihm ja das Leben kosten. Als das Regiment endlich aufbrach, hatte seine Verpflegung der Stadt Berlin bare dreinialhuudcrttauscnd Thaler gekostet. WaS geraubt worden war, blieb dabei noch nnbercchnct. Mit seiner Neutralitätspolitik geriet der Kurfürst, als der Schwcdcnkönig Gustav Adolf in die Mark einbrach, als Magdc- bürg gefalle» und zerstört worden war, gänzlich in die Brüche. So- wohl die Kaiserlichen als die Schwedischen betrachteten jetzt die Mark nlö feindliches Land. Der erste Einbruch der Kaiserlichen war nur das Vorspiel gewesen; die Tage des Leidens und des Schreckens brachen nu» erst n». In, November 1633 stand der kaiserliche Oberst Wiuß mit einem Teile des Wallenstcinschcn Heeres vor de» geschlossenen Thoren, den verschütteten Gräben und widerstandsunfähigen Mauern Berlins, und begehrte Einlaß. Die brandenburgische Vcrteidigungs- mnnnfchaft hatte es für ratsam gefunden, sich hinter die festeren Wälle Spandans zn flüchte». Die Bürger waren in ratloser Angst und der Probst George Lilien flehte um himmlische Hilse, während bereits die kaiserlichen Reiter ans den Ställen der Schäfergasse vor den, Köpnicker Thore die Schasheerdcn wegtrieben. Gesandte des Rates unterhandelten mit Winß, der bei Androhung der Plünderung 2600(1 Thaler von der Stadt erpressen wollte. Die Natsgefandlen boten 2000 Thnlcr, aber während sie noch verhandelten, erschienen sächsische Heereshaufcu und trieben die Kaiserlichen in die Flucht. Fortan ging es Berlin nicht mehr so gut. Seit 163ö war die Mark der Schauplatz der Excesse der verrohte» Söldncrhanfcn von „Freund" und Feind. Auf die Dauer dcS Krieges wurden die Heere zn organisierten Räuberbanden, der„Kampf um de» Glauben" und die Herreninteressen zn organisierter Räuberei. Wehe de», Landstrich, den die wüste Rotte irgend eines Heeres heimsuchte. Berlin zog die in der Mark hausenden bewaffneten Banden ver- lockend an. Berlin galt als reich, und es ließ sich viel hdransholen. Dazu war es fast wehr- und waffenlos. Der Kurfürst hatte sich wohl- weislich aus der Mark begeben und sah von Preußen aus den Dinge» zu. Ii» Januar 1636 hatte er von Spandau aus seinen „feste» und gelahrten Verordnete» sc. zu Cölln n. d. Spree" eine Verordnung zugesandt, in Ivelcher er die beiden Residenzstäote Berlin und Cölln„sicherte", indem er Löhnung und Verpflegung seiner Leibcoinpagnie den Bürgern auferlegte und ihnen enipsahl, sich ab- zuteilen und„die Stadt zu defendieren". Das war alles... „und wir bleiben Euch in Gnaden gcivogen." Darauf reiste er nach Preußen. Aber mit den des Krieges ungewohnten Bürgern wurden die Söldner bald fertig. Bereits in, Oktober 1636 fiei Oberst Jcnß von HaderSlcff mit 12 000 Mann in die Stadt. Die Berliner konnten sich noch einmal durch Zahlung von 30 000 Thalern bar retten. Dem folgenden General Wrangel konnten sie nur noch 1000 Thalcr in barem Gelde gebe»; dafür aber entblößte dieser Räuber die Hand- werkcrstubc» und Kanshnuser von ihre» VorrAe», i»dei» er 3000 Paar Schuhe, 3030 Paar Strümpfe und 15 000 Elle» Tuch erprejzte. Und Räuberschar folgte auf Näuberschar. Vour sicheren Küstri» aus verordnete zwar der Kurfürst, dasi der Oberst v, Rocholv Berlin und Cölln befestige» und»rit Hilfe der Bürgerschaft verteidige» solle. aber es fehlte hierzu a» Mittel» und an Energie. Berlin bot zur Zeit des dreißigjährigen Krieges äußerlich ei» überaus klägliches Bild. Die Häuserbanten ivarcir uieist armselige Hütte», hölzerne Baracken. Selbst das Schloß mar verfalle» und »rußte durch Holzpfähle vor denr gänzlichen Zusanrmenbruch geschützt lverden. Der Lustgarten Mar ei» vermildetcr Busch, der in einen stinkenden Sumpf auslief. In den Straßen standen die Kram- und Fleischscharren; Kot, Kehricht. Löcher im Pflaster»lachten die Straße» fast unpassierbar. Dazu gesellte sich der Gestank der Schivcine, mclchcr die Luft verpestete. Schmcinckoben standen vor allen Häusern, und die Schivcine, die sich in den Straßen heruurtricben, zerivühltcn die schadhaften Straßenslellen oder mälzten sich in den Kanäle». Die Stadtnrauer Mar verfallen, und da an ihrer Innenseite Häuser angebaut morden waren, boten auch ihre gut erhaltenen Stelle» keinen genügenden Schutz mehr. Diese Stadt konnte sich der Ränberscharen nicht erlvehren»nd so brandschatzten die durchziehenden Haufen dieselbe bald zu Tode. Die Raubgier, die sittliche Vermorfenheit, die Bestialilät über- Muchcrtc in diesen räubernde» Banden bald den letzten Rest alles menschlichen Gefühls. Man kennt die Scheußlichkeiten, die von diesen Rotten augelvcndct mnrde», um das Versteck des letzten Groschens zu erfahre». Die Geschichte Ivimmelt von Schilderunge» der Grausam- leiten der Schmede» wie der Spanier, vom„Schmedciitriink" und von den gräßliche» Vcrstümmclungspraktikcn der Spanier, bis zu den Müstcn Rotzuchtaktcn herab, denen die meibliche Bevölkerung der Städte erlag. Der Bürger Ivar geschickter im Verstecke» und hart- nackiger inr Leugnen geworden, als er das Letzte verteidigen mußte. Desto grausamer wurde der beutesucheudc Söldner, den vielfach auch der Hunger zu seinen bestialischen Verbrechen trieb. Infolge der Ausraubungcn Maren in Berlin bereits 1037 108 Häuser ganz von ihren BcMohncr» verlassen, viele andre Murden nur von hungernden WitlMcn und Waisen bewohnt. Ein Bild des Berliner Elends jener Zeit erhält»»an, wen» man die im VI. Heft des„Vereins für die Geschichte Berlins"(1872, Decker) gesammelten Aklcnslücke, Eingabe» und Klagen des Rates lieft. Ter Rat konnte kann» mehr die Stadtthore bewachen, so sehr Mar die mänulichc Bevölkerung teils durch den Krieg, teils durch die von dem KrirgSgesindel eingeschleppten Krank- heitcn ruiniert morden.„Die Pest reißet dergestalt ivicderum ein und ergreifet bald diesen, bald jenen; der Soldat stecket den Bürger, der Bürger den Soldaten au, daß fast niemand mit dem andern sicher reden oder»inigehe» darf." Die Zügcllosiglcit der knrfürst- licht» Reiter sei so groß, daß kein Pferd, keine Kuh, kein Ochse und selbst kein Mensch vor denselben gesichert sei. Berlin habe 1038»nd 1039 monallich zum Unterhalt der kurfürstlichen Völker bald 3000, bald 2711, bald 1800, bald 2100 Thalcr und Cölln nach Verhältnis gegeben und das, Ivos die Schmede» geraubt hätten. Viele hälten gccilct durch Wasser, Strang und Messer ihrem elenden Leben ein Ende zu machen und der Rest sei im Begriff, mit Weib und Kind ihre Wohnungen zu verlassen und ins bitterste Elend zu gehen. Wirklich erhielten denn die Söldnerheere auch ans Berlin und aus der Mark so gut Ivie ans andren Orten und Landesleilen den Zuzug der proletarischen Elemente, die nun selbst Kriegsdienste thatc» und nun selbst raubten,»achden» sie ausgeplündert worden ivarcn. Aber den „behden Residentien" wurde weder vom Kurfürsten noch von seinem braven Staithalier, dein berüchtigten Grafen Schwartzenberg Hilfe. Sie erhielten nnincr recht freundliche Antworten, aber mit papierenen Briefen konnte man sich schlecht gegen die Söldnerhanfen zur Wehr setzen. In diesen Zeiten ging auch der letzte Rest von socialer Wider- staudskraft, den das ehedem so mächtige Handel- und geivcrbtreibende Bürgertum Berlins besas� verloren. Nie waren die Trinkstuben so besucht, ivie in dieser wüsten Zeit. Was nützte es auch, die Thalcr anfznspare», da morgen vielleicht ein Söldnerhanfen sie erränberte. So wurde denn das letzte verpraßt und in der Folge herrschte das Elend. Auch die Unfittlichkeit erreichte ihren Höhepunkt undfcicrte in dcnBürger- Häusern ofl wahre Orgien. Während die Masse der Bevölkerung Hunger litt, während die Pest ihre verwüstende Bahn schritt, während fremdes Kriegsvolk die Stadt bedrohte, feierte Berlin ausgelassene Feste. Es war die Lustigkeit der Verzweiflung, die, de» Tod vor Augen, dem Leben noch ein Lächeln abringen will. Heute ist beut I Schließlich aber fand auch diese schreckliche Zeit ihr Ende und ans Blut und Thräuen konnte sich Berlin langsan» zu neuer Entwicklung erheben.—' E. K. Kloines �ouillekon» ee. Der Garte». Trotz des Januartagcs war das Wetter linde. Eine weiche warme Luft strich über Gärten und Felder. Wenn die Sonne hinter den Wolken hervorkam, konnte man glauben, es wäre März. In ihrem klare»», goldnen Schein lag die junge Saat grün und frisch, wie an einem ersten Frühlingstag. Iii der Villa stand die Terrassenthür offen. Die beiden alten Leute waren herausgekommen, der Mann stieg i» den Garten hin- unter, die Frau blieb oben stehen; stc hatte ei» schwarzes Mohair- tuch über die Schultern geworfen; sie rieb sich die Hände:„Wenn der Wind geht, spürt man den Winter doch, kalt ist es!" „Ob es kalt ist!" Er lachte auf.„Aber in der Sonne ist es prachtvoll. Ueberhaupt so'»» Wintertag auf'»» Lande, da geht nichts drüber!" „Nein! Und daß wir das noch mal so für»ms haben können!" Sie sog die frische Luft in vollen Zügen ein und beugte sich über die Brüstung. Gedankenvoll sah sie dem Mann zu, der in der wannen Mittagssoime zivischen den Sträuchern auf und nieder schritt. Er griff in die Zweige des einen und bog sie auseinander:„Wie weit der Flieder schon ist, dicke Knospen iin Januar." „Das niacht die milde Witterung!" „Nein, er ist immer so weit im Januar, ich Ivciß noch, wie ich'» kleiner Junge war, in Großniutters Garten, da war's gerade so." „Ja, das verlernt niaii alles in der großen Stadt!" Sic seufzte leicht. „Aber nun lernen wir's wieder!" Er schlug etwas Sand von den Händen ab und schmunzelte vergnügt:„Daß wir den Garten haben, ist das beste; Hab' ich mir all mein Lebtag gewünscht, so'» Garten!" „Er ist nur zu vernachlässigt." „Ja, das ist er." „Ich weiß nicht, wie man'n Garten so vernachlässigen kann," sie schritt gleichfalls die paar Stufen hinunter und hing sich an seinen Arm,„'»» Garten muß einem doch sein wie'n Kind und man putzt ihn raus, als wäre alle Tage Sonntag I Aber sich bloß, da am Zaun hat sogar Kohl gestanden. Das find verfaulte Kohl- strunke!" „Ja, das sind sie!" Sie rümpfte verächtlich die Nase:„Kohl im Vorgarten, na ja, es ivar ein Maurer, der hier gewohnt hat, die Art hat keinen Sinn für Poesie; aber weist Du, dies Jahr»miß der Garten werde» wie ein Schuiuckkasteu!" „Ja. das soll er, und das ganze Dorf soll stanuen!" Er wurde innner Iiistiger.„Haben wir uns das Haus rausgcpntzt und aus 'ncr Spelunke zu'uer Villa gemacht, den Garten putzen wir»us erst recht heraus. Da in die Milte kommt'n Teppichbeet hin!" „Wie sie in Potsdam bei den Schlössern sind! Ach ja!" Sie war offenbar sehr erbaut von seinem Vorschlag:„'»» Teppichbeet sieht so vornehm aus, aber in die Ecken nehmen wir Geranien, recht viel breuncud rote Geranien, das gicbt so eine Farbenpracht und um die Ränder blaue Lobelien, das wird prächtig lverden." „Aber auch'n Stück Geld kosten." „Na ja.'n Garten ist teuer; die Blumen können wir wohl an sechzig bis hundert Mark rechnen." ,'lliid dann noch das Graben und Rajohlen und das Gießen während des Sommers." „Das wolltest du ja allein machen, Männe.' Weißt dn noch, Ivie d» geschwärmt hast, im Garten zu arbeiten, das Land zu bestellest: ein zweiter Cincinatus." Sic lachte. „Na ja", brummte er,„na ja, man denkt sich das so. Aber hast Dn 'ne Ahnung! Das Umgraben und Wasscrschleppe»,. und das Bücken beim Jäten! Anordnen und mal'n welkes Blatt abpflücken, na ja, aber das andre, wo man seine Sechzig bald auf'»n Rücken hat? Nee dazu ist man zu alt." „Siehst Du. was ich gesagt habe!" Sie lachte noch lauter.„Na dann uchmcii wir uns'u Gärtner, wir löunen ja mal mit dem am Kirchplntz rede», was er berechnet!" „Dreißig Rlark bloß fürs in Ordnung bringen, ich Hab' ihn schon gefragt. Wer soll denn das geben?" Sie schwieg und sah den Tauben nach, die oben in der Luft ihre Kreise zogen:„Gott schließlich, dann iichmen wir weniger Blumen, die Hyazinthen können ja fehlen." „Nee, können sie nicht. Das ist gerade's schönste," er brnin- Hielte,„Hyazinthen wuchsen in Großniutters Garten, die will ich wieder haben; nee, wir müssen bloß'n Gärtner sparen und einen suchen, der's billiger macht." „Na, den werden wir schon finden, hier ans dem Lande sind doch viele solche. Weißt Du, es kann doch auch'ne Frau sein. Wir können ja die alte Richter nehmen aus'm ArmeuhanS, die Ver- wachsene. Sie hat mich schon gefragt, ob wir nicht mal Arbeit für sie haben." „Ja, hat sie?" Es nickte bedächtig.„Ja, ja, die olle Richter, sie versteht ja die Landarbeit, man kann's ihr auch noch zeigen." „Die niacht uns das gerade so gut wie'n Gärtner und wenn sie fünf Mark kriegt, küßt sie»och die Hand." Sic lachte wieder. „Die Alte nimmt ja doch keiner mehr, da ist sie froh über jeden Groschen. Ja, Männe, wir nehmen die alte Richter, mit der fnnzeln wir alles zurccht." „Und im Dorf nennen sie eine» noch wer weiß wie gut, daß man dem ollen Wurm Arbeit giebt!" Er nickte wieder. „Na natürlich das auch noch, und für das, was wir an Lohn sparen, können wir ja mehr Blumen nehmen, da in der Ecke ein paar Rosen- sträuchcr. Ach Du Männe, das machen wir, dann wird unser Garten wirklich wie ein Schmuckkasteu!"— Theater. Schauspielhaus. C o q n e l i n in S a n d e a u S„F r ä u» lein von Seiglier e."— Constaut Coquelin, der neben der Sarah Bernhardt berühmteste Schauspieler Frankreichs, der, seitdem er vor etwa anderthalb Jahrzehnten ans dem Verbände der Comectis franijaise ausgetreten, als Wandernder fast die ganze Welt durch- streift hat. ist jetzt zum erstenmal nach Berlin gekommen, Sollte er sich darum so lange gesträubt haben, weil er fürchtete, man möchte in Deutschland ib» als den Vertreter national- französischer Knust mit chauvinistischem Mitztraue» empfangen? Das scheint kaum denkbar. So schlimm es auch in Sachen des Chauvinismus bei uns bestellt sei» mag, soivcit, dost solche Negnugen die Freude au fremder Knust und die Empfänglichkeit für sie zu trüben vermöchten, ist es denn doch noch nicht gekommen. Der festliche Empfang, der ihm bei der Eröffuuug seines Gastspiels von dem dichtgedrängten Hause beaunvortet tvurdc, ivird ihm— wenn das notiveudig war— jede» Zweifel benommen haben. Schade nur. daß das Stück, mit ivelchcm Coqnelin begann, selbst so weit hiulcr der feine» Charakterkunst, die der groste Schauspieler in ihm eutivickelte, znrückblieb. ES ist ein Jutriguenspiel im alten Scribcschcn Geschmack, in ivelchem die Personen wie Schachfiguren hin und her geschoben iverdeu. Nur eine Rolle, die des Herrn Scigliöre, inachl beim Lesen auch heute noch einen lebendigere» Eindruck. Sie erinnert in ibrcr Tendenz an Beraugers berühmtes Spottlied auf die unverschämte aristokratische Emigrantensippe, die, als Napoleon gestürzt ivar, nach Frankreich zurückströmte, um hier all' ihre verstaubten, durch die grotze Revolution längst annullierten Rechtsansprüche wieder gellend zu mache»:.Hut ab. der Herr Marquis von Carabas!" Die Arroganz, die Gros;- sprcchcrei. der Leichtsinn, die Univissenheit, die bornierte Selbst- sucht dieser fossilen Herrschaften ist in dem Thpus des Marquis Seiglisre von Sandeau sehr pikant und lustig karikiert. Durch eine Schenkung ist der Herr in das„Schlos; seiner Väter" wieder ein- gesetzt. Da ericheint der totgeglaubte Sohn de» früheren Besitzers, der unter Napoleons Fahnen gefochteir, um das zn Unrecht verschenkte Gut zurückzufordern. Und nun beginnt ein ausgeklügeltes Intrigncn- spiel. Die Sache des jungen Mannes wird von dein pfiffigen Ad- vokatcn Destonrnelles, die des alten Barons von der Marqnisc Vanbert vertrete», einer Dame, die spekrilativen Sinnes die Verlobung ihres Sohnes mit der Tochter des Barons eingefädelt hat. So egoistisch berechnend die Alten, so überschwenglich delikat rmd gros;- mütig sind die Jungen. Der von den Schlachtfeldern Rntzlands zurückgekehrte Störenfried verliebt sich in die Tochter des BaronS, die von seinen Ansprüchen an den Herrensitz der SeiglioreS nichts ahnt. Doch da das Fräulein einem andren schon versprochen ist, und da er keinen Adelstitcl ihr zu biete» bat, ivagt es der kühne Krieger nicht, a» Gegenliebe zn denke». Er tvill Abichied nehmen und schweigend auf sein Recht verzichten. Herr DestonnrclleS. der für alte Bosheiten der Baronin ivie des Herrn von Seigeliere noch Revanche zn nehmen hat, tveifi aber die Enlsagnngspläne seines Klienten zn kreuzen. Er spielt Vorsehung für die jungen Lcnte, führt eine Liebeserklärung herbei, und versteht eS. indem er eine früher in dem Prozesse ihm ertbcilte Vollmacht ausnutzt, den ivindigcn Baron so zn erschrecken, das; dieser in die schreckliche Mesalliance zu willigen bereit ist. Eine Reihe neuer GrotznintsauSbrüchc unter den jungen Leuten,— der Liebhaber, die Tochter des Barons, und ihr Verlobter lvctteifern gradezu darin— stellt alles wieder in Frage. Keiner tvill cttvas von dein andren annehmen. Doch schlicszlich triumphiert Herr Destonrnelles auch über diese Hindernisse. Die Jntriguc der Baronin ivird zerrissen, Bernhard bekommt seine Helene und der Marquis von Seigliere kann als glücklicher Schwiegervater bis ans Ende seiner Tage das„Schloß seiner Väter" zieren. Coqnelin als Advokat, entschädigte für die vielen toten Stellen des Stückes. Die kleine Rolle ivurde mit wahrer Meisterschaft ge- spielt. So oft«lau sein« kurze elastische Gestalt mit dem dünnen, in schwarzen Advokatenstrümpfcn steckenden Beinen und dem mächtigen, bei aller Häßlichkeit so misdmcksvollei» Kopfe auf der Bühne sah, bekam alles Spannung und Leben. Jede Geberde, jedes Lächel». jede Neigung des Kopfes, Tonfall. Klang und Tempo der Rede, alles zeigte von der absoluten Sicherheit, von den» klaren Verstände, mit ivclcher der Künstler seine Mittel beherrscht. Wie ein Fechter mit der geschmeidigen Klinge, so spielte dieser Advokat— freilich mit der Waffe des Wortes. Es gab da nichts, ivas eindringlicher zum Herzen hätte sprechen können. Die Nolle selbst schließt jeden tieferen Naturlaut aus. Die Bewunderung war Beivunderuug des Verstandes, aber als solche echt und aufrichtig. Prächtig vor allem ivirkte die schalkhaft durchtriebene ileberlegenheit, mit welcher Coquelin im letzten Akte, auf den Gcrichtöbcfchl gestützt, den kindisch aufbrausenden Baron Schritt vor Schritt in die Enge treibt und ibm lropfemveis als einzige Rettung den verabscheuten Gedanken der Mesalliance suggeriert. Welches Spiel des ganze» Körpers! Man sah es seinen Arm- belvegungen förmlich an, ivie er den alten, eitlen Tropf einwickelte, wie er Faden um Faden straffer anzog! Sehr munter spielte auch Jean Coquelin, wen« wir nicht irren. ein Sohn des großen Coqnelin, de» Marquis; freilich etwas allzu falstasfmäßig, mehr als reichgewordenen. dicken Bourgeois, ivie als blaublüligcn Aristokraten. Tie Jagdpaisioncn, die in dem Stücke die größte Leidenschaft des Herrn Sigliöre sind, ließen sich diesem korpulenten Herr» nicht wohl zuzutrauen. Frau Durand, die bc- kannte Gründerin der„Fronde", einer der Vorkämpferinnen der fran- zösischen Franenbewegung, die sich der Coqnelinschen Truppe an- geschlossen hat, schien— wie nur natürlich— anf der Bühne»och nicht recht heimisch. Die jugendliche Rolle der Helene paßte nicht für sie. DaS ivar um so schlimmer, als eine außerordentlich laute Reklame künstlich die höchsten Erwartungen erregt hatte. Frau Bouchetal sprach die Rolle der Baronin Vanbert mit vieler Verve, doch ohne besonderen Reiz des Mienenspiels. Den Abschluß bildeten zwei Coqnelinsche„Monologe": ein kleiner. die Sprachverlcgcnheiten des Ausländers persiflircnder Scherz und ein effektvolles Dcklnmationsstück, die Erzählung eines Schiffbrüchigen. Die Geschichte hätte nicht malerischer, nicht lebendiger vorgetragen iverdeu können. Aber cS waren zu viel der Effekte. Zumal irach der Sandeanschen Komödie hatte man Hunger nach etwas Substantiellerem, nach Seelcntiefen und einfacher Natur.—»ät. Aus dem Tierreiche. en. Leuchtende Tausendfüßler kommen auch in Europa vor, wenigstens hat ein Mitarbeiter der„Nature" in Süd- England ein solches Tier beob�htet. Er sah eines Abends unter der Thür seines Hauses im Ki�«cin Licht von glänzender grünlich- blauer Färbung. Es bewegte sich vorwärts und ließ einen Lichr- schweif hinter sich, der sich nllmäblich in verstreute, leuchtende Punkte auflöste. Das bleibende Licht hatte die Form eines faden- artigen Körpers. Der Beobachter zünderc ein Streichholz an und stellte nun fest, daß die zerstreuten Lichtpunkte im Gefolge des leuchtende» Körpers etwa ein Dutzend roter Ameisen waren, und dieser selbst eine Erdassel, die von jenen verfolgt wurde. Der kleine Tausendfüßler mußte ivohl eine leuchtende Flüssigkeit ausgesondert und auf seine Feinde übertragen haben. Das Tier wurde auf- genommen und in em Glas gesetzt, wo es zn leuchten fortfuhr. Als sein Beobachter es zufällig anfaßte. nm es auf der Flucht zurück zn halten, fühlte er plötzlich ein heftiges Prickeln in den Fingern, wie es etiva bei der Berührung mit einem schwächen elektrische» Strom entsteht, so daß er die Hand hastig zurückzog. Er rief dann einen Freund, um fest- znstellcn, daß dieser ganz dieselbe Empfindnng bei der Berührung des Tausendfüßlers halte. Der Leuchtstoff schien in ciiizrinen blau- grünen Blitzen aus dem Tierkörper hervorzugehen. Bald hörte übrigens die Erscheinung auf. da die Erdassel wabricheinlich im Kampf gegen die Ameisen ihre Leuchtkraft bereits erschöpft hatte. Es muß ivobl angenommeu ivcrden, daß diese Ausscheidung auch eine giftige Eigenschaft besitzt, vermöge derer sich das kleine Tier gegen seine Feinde zn schützen sucht.— öiimonftiimcs. — Prosaisch. Freundin:„Ich sah Dich diesen Nach- mittag mit einem fremden Herrn auf der Garteubank sitze»: hat sich zwischen euch etwas entiponneii?" Backfisch:„Ach nein, der Anfang ist gemacht worden.. aber später hat sich jemand zwischen unsere Herzen gesetzt!"— — Protz:„Marie.. hör' sofort auf, das Lied zu singen, ei iS ä Volkslied!"—(„Megg. hum. 9)1.") Notizen. —„Der goldene Schlüssel", ein Drama von Rudolf P r e s b e r, ist vom Schauspielhaus iu Frankfurt a. M. zur Aufführung angenommen worden.— — Die„Elf Scharfrichter" sind von der M ü n ch e n«3 Polizei für eine öffentliche Bühne erklärt worden: sämtliche zum Vortrag kommenden Seeneu und Lieder müsseu fortan der Censur vorgelegt werden.— —.Seine Kleine", eine große Berliner AuSstattungsposse. wird am Sonnabend im Thalia-Theater zum erstcumale gegeben.— — W e i n g a r t n c r S neue Oper„Orestes" wird Mitte Februar im Leipziger Stadtlheater die Erstaufführung erleben.— —„Das Glück", eine Märchenoper von Nudohf v. P r o ch a S k a, fand bei der Erstaufführung im Düsseldorfer Stadtlheater eine frenndliaie Aufnahme.— — Möhlers vierte Sinfonie hatte bei ihrer Auf- führung durch die W i e n c r Philharmoniker einen bestrittenen Erfolg.— — Die AuSstellmig der Berliner Secession„Zeichnende K ü n st e" wird bis zum 20. Januar geöffnet bleiben.— — Die von Wer n erBegas geschaffene Portrailbüste R e i n- hold BegaS' ist vom KnltnSininisterinm für den Staat angekauft worden: sie wird im neue» Gebäude der aladcmijchen Hochschule für die bildenden Künste a»fgestellt werden.— — Henry van d e Velde überuimmt die Leitung der Weimarer K u n st schule.— — Ein Thermometer f ü r tiefe Temperaturen hat der Franzose B a u d i n konstruiert, indem et statt Quecksilber oder Alkohol einen leichten P e t r o l e u m ä t h e r von der Dichte 0.li47 bei 15 Grad Celsius anwandte. Dieses Therniometer gefriert selbst bei der Temperatur flüssiger Luft, also bei— 220 Grad Celsius, nicht. Graduiert wurde es bei vier festen Punkten, bei dem Siede- puukt des Mcthhlchlvrids und bei dem Schmelzpunkt des Eises.— — In der Rühe des Hafens von Zengg(bei Fiuiue) wurde dieser Tage ein ö1,'» Meter langer und liOOt) Kilogramm schwerer Haifisch gefangen. Im Magen dieses Sec-Ungehcuers wurden ein Paar Hose», meuichliche Ucberrejte, dann eine Kuhglocke und ein Stiesel vorgefunden.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid m Berlin. Druck und Verlag von Ä)tax Bading in Bcrlm.