Interhaltungsblatt des Vorivärts 9tr. 13.«Sonntag, den 19. Januar. 1902 (Nachdruck»erboten.! i3] JTmtm Govdjejetv. Romcin von Maxim Gorki. Deutsch von Klara Brauner Jefim hatte recht: in diesen paar Tagen hatte sich Foma rasch verändert. Die in ihm aufflammende Leidenschaft hatte ihn zum Gebieter über die Seele und den Leib dieser Frau gemacht, er trank gierig die feurige Süße dieser Macht, und sie nierzte in ihm all das Plumpe aus. was ihn mürrisch und etwas einfältig erscheinen ließ; nachdem sie das alles in ihm vernichtet hatte, tränkte sie sein Herz mit jungem Stolz und mit dem Bewußtsein seiner menschlichen Persönlichkeit: die Liebe zum Weibe ist für den Manu immer fruchtbringend, wie ihre Beschaffenheit auch sei, selbst wenn sie ihm nur Leiden bringt— auch darin ist stets viel Kost- bares enthalten. Während die Liebe für die kranke Seele ein starkes Gift ist, ist sie für die gesunde dasselbe, was das Feuer für das Eisen ist. das zu Stahl werden will. Fomas Liebe zu der dreißigjährigen Frau riß ihn nicht von der Arbeit los; er verlor sich weder in den Liebkosungen noch in der Arbeit und setzte hier und dort sein ganzes Ich ein. Die Frau erregte in ihm wie guter Wein mit gleicher Kraft Durst nach Arbeit und nach Liebe, und sie selbst ver- jüngte sich, indem sie die Küsse der Jugend in Empfang nahm. In Perms erwartete Foma ein Bnef vom Paten, der ihm mitteilte, Jguat habe sich vor Sehnsucht nach dem Sohne dem Trünke ergeben, und es sei in seinen Jahren schädlich, so zu trinken. Der Brief schloß mit dem Rat, sich mit den Geschäften zu beeilen und möglichst schnell nach Hause zu komnien. Foma ftihlte in diesem Ratschlag etwas Banges, das die helle Freude seines Herzens trübte, doch in der Sorge um die Geschäfte und in den Liebkosungen Pala- gejas schwand dieser Schatten. Sein Leben schlvamm mit der Schnelligkeit der Flußwelle dahin, und jeder Tag brachte immer neue Eindrücke und entfaltete in ihm neue Gedanken. Palagcja verschwendete an ihn die ganze Leidenschaft einer Geliebten, die ganze Macht des Gefühls, die die Frauen ihrer Jahre in die Liebe legen, indem sie die letzten Tropfen aus dem Kelch des Lebens trinken. Doch manchmal erwachte in ihr ein andres Gefühl, das nicht minder heftig war und das -Foma noch mehr an sie kettete,— ein Gefühl, das dem Streben der Mutter ähnlich war. den geliebten Sohn vor Fehl- trntten zu bewahren, ihn die Weisheit des Lebens zu lehren. Oft in der Nacht, wenn sie mit ihm auf dein Deck saß und ihn umfaßt hielt, sagte sie zu ihm freundlich und traurig: „Höre auf mich wie auf eine ältere Schwester. Ich habe gelebt und kenne die Menschen... ich habe in meinem Leben vieles gesehen! Wähle Dir Deine Kameraden mit Ueberleguug aus, denn es giebt Menschen, die ansteckend sind wie eine Krankheit. Zuerst merkst Du nicht, wer es ist, es scheint ein Mensch wie alle zu sein... und plötzlich sängst Du au, ohne.es zu nierkekl.' ihm im Leben nachzuahmen. Und ans einmal sind seine wunden Stellen auf Dich übergegangen. Ich habe durch eine Freundin alles ver- loren... ich hatte einen Mann... zwei Kinder... es ging uns gut... mein Mann war Gemeindeschreibcr." Sie schwieg»rnd blickte lang über das Bord auf das vom Schiff aufgewühlte Waffer, und dann begann sie wieder seufzend: „Mit unsrer Sippe, den Weibern, nmßt Du vorsichtig sein, die heilige Mutter Gottes beschütze Dich! Du bist noch weich. Dein Herz ist noch nicht gestählt. Auf solche, wie Du es bist, sind die Frauen lüstern. Du bist stark, schön, reich... Nimm Dich am meisten vor den Stillen in acht, sie klammern sich wie Blutegel an den Mann und saugen und saugen an ihm und sind dabei so freundlich und zärtlich. Sie wird Dein Blut trinken, und ihr selbst wird's gut gehen... und Dir bricht dabei das Herz. Halte Dich mehr an solche, die luftig sind wie ich. Solche sind selbstlos." Sie war wirklich uneigennützig. In Pcrmj kaufte ihr Foma verschiedene Kleider und Kleinigkeiten. Sie freute sich darüber; als sie es aber genau besehen hatte, sagte sie besorgt: .„Verschwende nicht so viel Geld... daß Dein Bater nicht bös wird.... Ich liebe Dich auch so... ohne das alles." Sie hatte ihm schon früher erklärt, sie würde nur bis Kasans mit ihm fahren, dort hatte sie eine verheiratete Schivester. Foma glaubte nicht, daß sie ihn verlassen würde, und als sie eine Nacht vor der Ankunft in Kasans ihre Worte wiederholte, wurde er düster gestimmt und begann sie zu bitten, nicht von ihm fortzugehen. „Gräme Dich nicht vor der Zeit," sagte sie.„Wir haben noch eine ganze Nacht vor uns... Wenn wir Abschied nehmen, dann kannst Du Dich grämen... wenn es Dir leid thun wird." Doch er überredete sie nnt immer größerem Feuer, ihn nicht zu verlassen, und zuletzt erklärte er ihr, wie zu erwarten Ivar, er werde sie heiraten. „Ja, ja... so ist's I" sagte sie und lachte.„Ich soll Dich heiraten, da ich einen lebenden Mann habe? Du mein lieber Sonderling! Heiraten Ivillst Du mich? Heiratet man denn solche? Du wirst noch viele, viele Geliebte haben. Heirate dann, wenn Du Dir die Hörner schon abgestoßen hast, wenn Du der Süßigkeiten satt bist und nach Roggen- brot Lust trägst..'. Dann ist's Zeit zmn Heiraten. Ein gesunder Manu sollte um seiner Ruhe willen nicht früh heiraten... eine Frau ist ihm zu wenig, und er geht dann zu andern. Und auch Du mußt, Ivenn Du glücklich sein willst, erst dann heiraten, wenn Du siehst, daß Dir auch eine Frau genügt." Doch je länger sie sprach, desto beharrlicher und ent- schlossencr wurde Foma in seinem Wunsch, sich nicht von ihr zu ttennen. „Hör einmal ans mich," sagte die Frau ruhig.„In Deiner Hand brennt ein Kienspan, Dir ist aber auch ohne ihn hell: tauche ihn auf einmal ins Waffer, dann wird es keinen Dunst geben, und Du wirst Dir Deine Hände nicht verbrennen." „Ich verstehe Deine Worte nicht." „Gieb Dir Mühe, zu verstehen... Du hast mir nichts Schlechtes gethan, und ich meine es auch gut mit Dir... darum geh' ich." Es ist schwer zu sagen, womit dieser Streit geendet hätte, wenn nicht ein Zufall dazwischen gekommen wäre. In Kasans erhielt Foma ein Telegramm von Majakin, der seinem Taufkind kurz befahl:„Reise unverzüglich mit dem Passagier- dampfcr hierher." Fomas Herz kranipfte sich schmerzlich zu- sammen, und nach einigen Stunden stand er mit aufeinander- gepreßten Zähnen, bleich und düster auf der Galerie des Dampfschiffs, während es die Landungsstelle verließ, hielt das Geländer fest mit den Händen umfaßt und schaute starr und ohne zu blinzeln in das Gesicht seiner Geliebten, das zugleich mit der Landungsbrücke und dem Ufer in die Ferne schwamm. Palageja winkte ihm mit dem Tuch und lächelte inimerzu, doch er wußte, daß sie schwere, große Thränen weinte. Bon ihren Thränen war Fonias ganze Hemdbrust naß, und von ihnen war es in seinem von düsterer Bangig- keit erfüllten Herzen schwer und kalt. Die Gestalt der Frau wurde immer kleiner, als schmölze sie, Foma wandte kein Auge von ihr und fühlte außer der Angst um den Vater und der Trauer um diese Frau in seiner Seele ein neues heftiges, bitteres Gefühl aufsteigen. Er konnte es nicht nennen, doch schien es ihm dem Gefühl der Kränkung über ein ihm von jemand zugefügtes Unrecht ähnlich zu sein. Die Menschenmenge am Landungsplatz verschwamm in einen einzigen dunkeln, toten Fleck ohne Gesichter, ohne Formen und ohne Bewegung. Foma ließ das Geländer los und begann düster ans dem Deck auf und ab zu gehen. Die Passagiere machten sich laut sprechend ans Thee- trinken: die Kellner huschten durch die Galerie und deckten die Tische; irgendwo unten, auf dem Hinterteil des Schiffs in der dritten Klasse, lachte ein Kind und weinte eine Harmonika, der Koch hackte eifrig mit den Messern, und das Geschirr klirrte niit einem spröden Laut. Das riesige Dampf- schiff durchschnitt die Wellen, machte sie aufschäume« und schlvamm schnell, vor Anstrengung zitternd und schlver seufzend, gegen den Strom. Foma blickte auf den Streifen der zertrümmerte», stürmenden wütenden Wellen hinter dem Schiff und empfand in sich den wilden Wunsch, etwas zu zerbrechen, zu zerreißen, sich auch mit der Brust gegen den Strom zu stemmen und dessen An- drang an seiner Brust und seinen Schultern zerschellen zu lassen. „Ja. das Schicksal!" sagte jemand neben ihm mit heiserer, müder Stimme. Dieses Wort war ihm bekannt: die Tante Anfissa hatte damit oft FomasFragen beantwortet, und er verband mit diesem kurzen Wort die Vorstellung einer Macht der die Macht Gottes ähnlich war. Er blickte die Sprechenden an: der eine davon war ein grauhaariger, alter Mann mit einem gutmütigen Gesicht, der andre war jünger und hatte große, müde Augen und einen schwarzen Spitzbart. Seine große, knorpelige Nase und die gelben, eingesallenen Wangen erinnerten Foma an seinen Paten. „Das Schicksal!" wiederholte der Alte mit Bestimmtheit den Ausruf seines Nachbars und lächelte.„Er steht über dem Leben, wie ein Fischer über den: Fluß: es wirft in unser Getümmel eine Angel mit Köder aus, und der Mensch schnappt gleich mit gierigem Mund nach dem Köder... da zieht es auf einmal den Angelstock in die Höhe— und nun zappelt der Mensch auf der Erde, und wenn man hinschaut, ist sein Herz zerrissen... so ist's, mein Lieber!" Foma schloß die Augen, als hätte sie ein Sonnenstrahl getroffen, und sagte laut, indem er mit dem Kopf nickte: „Stimmt! Ja, das stimmt!" Die beiden, die das Gespräch führten, blickten ihn scharf an: der Alte mit einem feinen, klugen Lächeln, der Groß- äugige unfreundlich und �abweisend. Das machte Foma ver- legen, und er trat errötend beiseite, indem er über das Schicksal nachdachte und nicht begreifen konnte, wozu es ihn durch das Geschenk einer Frau erfreut hatte und dann ihm das Geschenk so ohne weiteres und so kränkend aus den Händen entriß? Und er begriff, daß das unklare, bittere Gefühl, das er in sich trug, die Empörung über das Schicksal, über sein Spiel mit ihm war. Er war vom Leben zu sehr verwöhnt, um den ersten Tropfen Gift in dem eben an die Lippen gesetzten Kelch ruhiger hinzunehmen, er verbrachte die ganze Zeit der Reise ohne Schlaf, dachte an die Worte des Alten und zog seine Empörung groß. Doch sie erregte in ihm keine Niedergeschlagenheit und Trauer, fondern ein zorniges, rachedurstiges Gefühl. (Fortsetzung folgt.) Sonnksgsplerndevet. Und eines herrlichen Tages, wenn alle Knospen springen, wird der Grunewald zum Berliner Volkspark gelvorden sein. Nicht mehr wird er zu 09/100 verbotener Weg und zu 1/100 Stullenpapier sein, nein, überall werden in voller Freiheit und Ungebundeicheit die Straßenbahnen fahren, Leitungsstangen sich erhebe», Anschlagssäule», fesselnde Bilder gewähren und patriotische Denkmäler das Volk erheben. Um Verkehrsstörungen zu vermeiden, werden die Kiefern sauber eukfernt werden, und damit den mit recht unbeliebten Knöchclbrilchen vorgebeugt werde, wird der jetzt so holprige gefahrvolle Boden elegant asphaltiert werde». Nichts, gar nichts wird dann die sonntäglich in den Park hinaus- strömende Menge von den weltstädtischen Genüssen entbehren, mittels künstlicher Raucherzcuger wird sogar peinlich genau die Berliner Atmosphäre in allen Einzelheiten nachgeahmt. Kurz, der Grunewald wird zum Paradies werde», und in ihni werden hochgesinnte junge Liebespaare selig wandeln, versunken in die Erhabenheit der civili- fierten Natur, und wenn sie Glück haben, wird ein abgerissener Leitungsdraht sie beide innig umschlingen und in das dem Vernehmen der„Kreuzzeitung" nach bessere Jenseits befördern. In solcher nicht mehr fernen Zukunft wird nur noch eine Stätte 4ln die barbarischen Zeiten erinnern, da eS im Grunewald noch Bäume statt Leitungsstangen, Rehe statt Straßenbahneir Eichkätzchen statt stubenreine Seidenpinscher gab. Wie ani Nordpol in der Welt ewigen Eises, so wird es in» Stadtpark Grunewald— den Namen kann man ruhig beibehalten: denn auch in der Ackerstraße wächst ja kein Roggen~ eine stille, einsame, hochberühmte Aug» st-Scherl- Insel geben. Mit dem znkunftsdurchdringeuden Weitblick, der den Präceptor Germaniens auszeichnet, hat August Scherl die Entwicklung des Grunewalds zum verkehrsgesegnsten Stadtpark vorausgeahnt, und es lvar ihm ein tiefes Bedürfnis, den Urenkel-Abonnenleu des „Lokal-Anzeigers" dereinst zu zeigen, ivas die Urgroßväier-Abonuenten des damals erst zweimal täglich erscheinenden Blattes unter einem Wald verstanden. Am Frühlingsanfang des Jahres 1900 hat August Scherl in der Kolonie Gruneivald eine Waldinsel angekauft, zu dem Zweck, daß sie unbernbrt erhatten bleibe. Dem Landtage ist kürzlich ein Bericht über Forstverkänfe vor- gelegt und daraus ergiebt sich, daß dem Verleger August Scherl in Berlin durch Vertrag vom 21. März 1900 6,0071 Hektar des als stelle Hundekehle in der Oberförsterei(Grunewald für 1 300 000 M. verkaust worden find.„p. Scherl will", so heißt es in dem Akten- stücke,.durch den Ankauf des Grundstückes dessen Bebauung ab- Ivenden, um sich die Annehmlichkeit des Aufenthaltes in der ihm gehörenden, nahe an der Grenze er- richteten Villa auf die Dauer zusichern. Scherl hat sich verpflichtet, den größeren Teil des Grundstückes ohne Genehmi- gung des Ministers für Landwirtschaft usw. weder zu verkaufen noch sonst zu veräußern, widrigenfalls er einer Vertragsstrafe von 300 000 M. verfällt." Man kann ohne weitere? annehmen, daß August Scherl nicht bloß durch seine Abneigung gegen nachbarliche Konkurrenten zu diesem Kauf veranlaßt worden ist, sondern daß ihn auch die große Idee leitete, ein Stück Grunewald in seiner jetzigen Gestalt zu erhalten. Und außerdem mag er noch durch ein praktisches Beispiel haben be- weisen wollen— er ist ja auch der Erfinder eines PatcntsparsysteinS — wie der Teii der socialen Frage, den man Wohnungsfrage nennt, einfach und vollkommen zu lösen sei. Man beklagt die gesundheitlichen, ästhetischen und moralischen Nachteile des engen Massenquartterwohnens. August Scherl zeigt uns, wie kinderleicht Abhilfe zu schaffen ist. Jeder kanfe sich um seine Villa sechs Hektar Land und verpflichte sich, die steie Fläche nicht zu bebauen, und niemand wird mehr Klage erheben, daß die Menschen zu dicht aneinander Hausen. August Scherl ist in jeder Hinsicht ein Bahnbrecherl » Außerdem hat jener Kaufvertrag den großen Vorteil für August Scherl, daß er Rudolf Mosse für alle Zeit der Möglichkeit beraubt, sich neben ihm anzubauen. Es ist schon schlimm genug, daß die beiden in Berlin in unmittelbare Nachbarschaft geraten find. Masses Betrieb in der Jerusalemerstraße ist allzu nahe der Zimmerstraße, und wennScherl privatim in derBellevuestraße ivohnt, so ist der Moss epalast am Leipziger Platz nur wenige Schritte von ihm entfernt, wenn allerdings auch der Verkehr auf dem Potsdamer Platz einen fast unübersteig- baren Grenzwnll zlvischen den feindlichen Lagern türmt. Im Grüne- wald also ist Scherl sicher. Sechs Hektar Waldbodens trennen ihn auf jeden Fall für alle Zeiten von Rudolf Mosse, er hat auf einer undurchdringlichen Insel sein Königreich der öffentlichen Meinung etabliert. llebrigens bin ich den Lesern noch Nachricht über den Fortgang des Scherl-Mosse-Krieges schuldig. Er wird in der That mit äußerster Grausamkeit. Verschlagenheit und Hinterlist weiter geführt. Mosse begann das neue Kriegsjahr mit einem furchtbaren strategischen Einfall. Tag für Tag brachte das.Tageblatt" von empörten Lesern lange Listen(über Druckfehler und Irrtümer im Scherlschen Adreßbuch. Masse bewies, daß dieses Adreßbuch«ine Quelle ent- setzlicher Verwirning sei. Niemand in Berlin und Vororten wüßte mehr, wie er richtig heiße und wo er wohne. Das„Tageblatt" er- zählte von Bankerotten, die infolge falscher Adrctzbuch-Angaben ent- standen, von schauderhaften Familientragödien. Ehebrüchen, Wahnsinns- anfüllen und Selbinorden, die alle veranlaßt feien dnrcii Fehler des Adreßbuchs. Kurz. August Scherl stand da vor der Welt als Stifter allen Unheils, als gewissenloser Zerstörer der Gesellschaft, als Tod- feind der Kultur und liederlicher Geschäftsmaiui obendrein. Aber August Scherl nahm fürchterliche Rache. Er erklärte in großen Inseraten, daß das Moffesche Druckfehlerverzeichnis nicht der Bülowschen Rücksicht auf das Gesamttvohl, sondern uielinchr durchaus böswilliger Absicht entsprossen sei. Und triumphierend ver- kündete er zugleich, daß er die Gelegenheit beimtze, um künftig statt eines zwei Nachträge zum Adreßbuch erscheinen zu lassen. Mosses Angriff war abgeschlagen. Er soll am Busen Lcvhsohits sich ausgeweint haben, als er die neue Bosheit seines Feindes er- fuhr. So viel Schlechtigkeit hatte Mosse der Menschheit doch nicht zugetraut: Zwei Nachträge k... «» Indessen von einer andre» Seite droht Scherl jetzt schlimme Gefahr: von dem Gesetz gegen Verunstaltung landschaftlich hervorragender Gegenden durch Reklamen. Anfangs glaubte ich, es sei gegen die Siegesallee gerichtet. Aber Begas be- ruhigte mich; jeder, der die Denkmäler ansehe, erkenne sofort, daß sie nicht als Rellanie für die brandcnbmgijch-prenßischen Fürstlich- leiten beabsichttgt seien. Dann erfuhr ich, daß der Entwurf bestimmt sei, August Scherls Macht zu brechen. Es soll ihin künftig nicht mehr gestattet sein, beispielsweise die landschaftlich hervor- ragende Gegend zlvischen Friedenau und Großgörfchcustraßc durch Lokalanzciger-Reklameu zu verunstalten. Ich erlaubte mir, Scherl meine Besorgnisse schriftlich mitzuteile», und er geruhte daraufhin mich in Audienz zu empfangen. Nachdem ich ihm meine Meinung auseinandergesetzt, nahm der gewaltige Mann das Wort und mit einem träwnerischen Ausdruck, der i» die Rätsel der Zukunft und Vergangenheit verjeukten Augen, sprach er ungefähr das Folgende: „Sie glauben also, daß das Gesetz sich gegen mich richtet? Ich kann nicht annehmen, daß man meine Absichten maßgebendeuOrts so mißverstehen könnte. Ja früher, als ich noch ein arnrer Teufel ivar, da verkannte nian mein Streben. Wenn ich noch daran denke, wie man einst mir Hindernisse i» den Weg legte I Ich fing meine Mission auf Erden an, indem ich versuchte, Kunst und Litteratur im ganzen Volke zu verbreiten. Herr dcS Himmels, Ivar das eiu Meisterwerk dieser.Roman:»Pistole«nd Feder", mit dessen Ver- trieb ich anfing I Er erschien m Heften. Auf jedem Heft befand tch eine Nummer, und die Hefte stellten so gewifienuafien ose dar. Ich veranstaltete dann auf Grund dieser Nummern eine Lotterie. Jeder Abnehmer eines Heftes hatte die günstigste Chance, einen gediegenen Wertgegenstand zu gewinnen. So machte ich den Leuten die Litteratur mundgerecht. Der Roman ging rasend- Aber vie Behörde erklärte mein ideales Stteben für die unberechtigte Veranstaltung einer Lotterie und verbot die Sache. .Ich ließ mich jbdoch nicht abschrecken. In einem vorurteilslosen Bundesstaat fand ich Schutz und ich verbreitete nun auf die gleiche Weise die hehre Wissenschaft. Ich kaufte Piercrs Konversationslexikon und setzte es dann in Verbindung mit einer Lotterie ab. Jedoch die Konkurrenten wurden neidisch über meinen Erfolg. Schließlich wurde mir auch das untersagt, und ich war sehr froh, ivenn ich ein vollständiges, neues, elegant gebundenes Lexikon für W M. bei einem Buchhändler absetzen tonnte. Das waren böse Zeiten. Niemand war da, der meine hohe Krttturmission verstand, förderte..." „Aber heute, Wetter Herr, kennt man mich. Ich laim gar nicht olle Gönner befriedigen, die mich zu fördern wünschen. Und heute ist es unmöglich, daß man Gesetze gegen August Scherl macht. Man wird nicht wagen, von de» Anzeigen meiner litterattschen Pro- dukte zu behaupten, daß fic die Landschaft veruirstalten» Glanben Sie etiva, daß ein Kuß, den ein Kaiser einer hübschen Tirolerin giebt, «ine Reklame für das Mädchen ist? Nein, er ist eine Weihe, und der Mann, der ein so geiveihtes Mädchen beiratet, verschwägert sich gewissermaßen mit dem Herrscherhans. Genau so verunstalten meine Farbenflächen nicht die Landschaft reklauiehaft, sondern sie idealisieren sie." „Denken Sie, was Sie am Königsee erblicken, wenn Sie auf ihnr fahren. Gleich eingangs ist die mächfige Felswand voll von Marterln, die nüchtern berichte», wie viel Menschen dort ertrunken seien. Erhebt das etwa den Menschen, ist das eine Verzierung der hervorragenden Landschaft? Ich bestreite das. Und nun stellen Sic sich vor, jene Felswand sei mit dem Umscylagsbild u reiner„Woche" riesenhaft geschmückt— ich würde natürlich die teuersten Oelfärben aufivenden— jeder urteilsfähige Mensch wird mir zugeben, daß solch ein Anblick die Landschaft geradezu erhaben inachen Ivürde. Die Menschen würde» bei der Erinnerung an die„Woche" in die höchsten Regionen des Geistes getragen, irr ein Reich edelster Gefühl« und feinster Empfindungen, sie würden größer rverden, reiner, glncklich«r. Kunst und Natur würden sich dann zu einem unermeßlichen Gesamt- eiudruck gestalten." „Nein, das was meine Feinde Reklamen nenucn, sind Aiiwcinmgeu auf die höchsten Güter der Civilisatio», sie heben die Beschauer moralisch, bilden sie und bereichern durch die Farbenfülle die an sich dürstige Natur. Meinem„Lokal-A>izciger"-Vlau verdankt es Berlin, daß es die schönste Stadt der Welt geworden ist. Also, lieber"Herr, das Gesetz richtet sich nicht gegen mich, sondern höchstens gegen den-- M o s s e..' Joe. Mleines Feuilleton. d Von« Kachelofen. Trotz aller Nencrniigen ans dem Gebiete der Heizung hat sich der alte Kachelofen bis heute nicht nur erhalte««, sondern er ist noch immer vorherrschend, er findet sich in der engen Arbeiterivohrning, aber ebenso auch noch in den prunkvoll ans- gestatteten Zinnner» der Wohlhabenden und Reichen. Zwar haben wir die verschiedensten Systeme der Centralheizung. Luftheizung, Warmlvasser- und Heißlvasserheizniig, Dampfheizung, ferner besitzen wir elektrische Heizmig, Gasöfen und eiserne Oefen in den ver- schiedcnstcn Ausgestaltungen, aber siegreich behauptet sich neben allen der Kachelosen,»eben de««« sich's gemütlich sitzt, ui«d der eine behagliche Wärine im ganzen Zimmer verbreitet. Dabei kann man nicht behaupten, daß der Kachelofen den neueren Oefen und Heizungsanlagen an Bequemlichkeit irgeudtvie über lege» ist oder auch mir gleichkommt, Ist z. B, eine Centralheizmig vor- Hände», sei sie nun Luft-, Wasser- oder Danipfhcizung, so kann man sicher sei», niemals eine Belästigung durch Ranch zu haben;»«an kann sie nach Belieben abstellen,«venu man genug Wärme im Zinnner hat. oder bei niangelnder Wärme in Gang setzen. Das Meal in diefer Bezichnng bildet die elektrische Heizmigsaiilage, bei der eine einfache Drehimg eines Schlüssels geniigl, um mich Belieben Heizkörper ein- und auszuschalten und so die Temperatur nach Wunsch zu reguliere». Nichts von alledein leistet der Kachelofen. Man«miß ihn tüchtig anheizen, wenn man es wann haben will, und dann vergeht eine geraume Zeit, ehe man seine Wirkung zu spüren beginnt. Aber das iväre noch das wenigste. Häufig zeigt er Rücken und Tücken, er will absolut nicht,«vozu er bestimmt ist. und der dauernde Wider- stand der trägen Materie kann den regsamen Geist schier zur ver« zlveiflung bringen. Mau hat ihn mit Kohlen vollgestopft, nachdem man mit Kien und Holz oder mit de» seit Jahren beliebt gewordenen Kohlenanzündern ein lebendiges Feuer entfacht hat. Sowie aber die Kohlen zu glimmen anfangen,«'chlagen dunkle Ruß- und Rauch- wölke» aus der Ofenthür heraus ins Zimmer; der Kohlenstaub, der sich dabei auf alle Geräte legt, ist noch nicht das schlimmste. Aber der brenzliche Geruch des Dunstes, der sich in der ganze» Wohnung verbreitet, ist oft tagelang nicht herauszubekommen,«vcnn man auch noch so lange und kräftig lüftet. Man reißt die Kohlen auseinander, nimmt sie heraus und sucht dem Feuer mehr Lust zu schaffen; aber es hilft nichts, sobald wieder Kohlen in den Ofen komme««, beginnt das Rauchen von neuem. Mancher Ofen zeigt diese aiigeiiehme Eigenschaft beim Be- ginn jede» Winters von neue»« und räuchert zu Beginn jeder kalte» Jahreszeit die Wohnung erst gründlich durch, ehe er eine«virkliche Heizthätigkeit beginnt. Eine andre Eigenschaft mancher Kachelöfen ist, daß sie zu rauchen beginnen, ivenn unter ihnen geheizt ivird. Sowohl im vorigen wie in diesem Winter lvnrde ich z. B. sehr von« Rauch geplagt, obivohl in meiner Wohnung noch gar nicht geheizt«vurde. Aber in der unter der meinigen belegenen Wohnung heizte man und deshalb schlvitzten die Oefen bei mir Rauch ans. Wenn trotzdem der Kachelofen noch immer als Herrscher dasteht, so muß er doch wohl ganz unbestreitbare Vorzüge haben. In der Thnt ist er zunächst erheblich billiger, als die vorzüglichen modernen Heiznngsanlagen, die für geivöhnliche Sterbliche einfach nicht vor- Händen sind. Nicht nur für den Arbeiter, auch für den mäßig gut MniertcuBürger.dcr i» einem zicmlick behaglich ausgestatteten Mietshans wohnt, ist Centralheizung so unerreichbar, als ob die damit versehenen Häuser imMoude lägen. Nnrivenn er seiueeignc Wohnung verläßt, wenn er an öffentlichen Orten Zerstreuung«nid Erholung sucht, merkt er etwas von den Errungenschaften unsrer Technik ans dem Gebiete der Heizung; im Gewerkschaftshans z. B. ivird der Arbeiter über Rauch von Kachelöfen nicht zu klagen haben, dort ist eine gut fnnlnonierende Ceniralheizniigs-Anlage vorhanden. Auch die Gasfeuerimg«st noch innner erheblich teurer, als die Heizung mit Kohlen. Ueberdies haben die Gasöfen einen Ilebelswnd, den sie mit den eisernen Oese» gemein habe««, und der es ihnen unmöglich macht, den Kachelofen zu verdrängen. Das Leitnngsvermögcn für Wärme ist bei dem Eisen viel größer als bei dein Thon, ans welchem die Kacheln bestehen. Daher ertvärmt sich der eiserne Ose» bedeutend schneller, etwa 30 mal so schnell, als der Kachelofen. Aber ebenso schnell giebt er die Wärme auch wieder ab. Kanin ist das Feuer erloichen, so ist der Ofen auch schon«vicder abgekühlt. Infolge dessen muß man beständig nachfeuern, ivenn man eS warm habe» will. So liefern die eisernen Oefen die Extreme großer Hitze oder Kühle, während behagliche Wärme bei ihnen nicht aufkommen kann. Der Kachelofen dagegen erwärmt sich langsam; dann aber hält er die Wärme auch fest, er bildet ein Wärmereservoir, ans dem die Wärme nur langsam ausstrahlt, und dadurch eben wirkt er so eigen« tüiulich behaglich. Konnte man nun nicht dafür sorgen, daß der Kachekofen, den wir sicherlich noch lange behalten«verde««, ein«venig von seinen unaiigcuchmcn Eigenschaften verliert, so daß seine Vorzüge»och bester ins Licht treten? Es kommt doch nur darauf an, dafür zu sorge», daß ein guter Zug vorhanden i st, d. h. daß jederzeit reichlich frische Luft zur Verbrenunng den Kohlen zugeführt ivird. Wenn der Ofen raucht, so nur deswegen, weil nicht genügend Luft au die Kohlen heran kann. Sorgt man dafür, so müssen die kohle» verbrenne», und eS kann sich auch kein Raiich bilde». Es kommt noch hinzu, daß bei vollständiger Verbrennung auch die entivickelte Hitze eine größere ivird. Eine Erfindnug,«velche das Ziel erreichen soll, ist von unsrem Parteigenofseii Richard B a b i c l, der sicher vielen Ber» liner Genosien bekannt ist, gemacht worden; im Physiksaal der Urania in der Talibenstraße ist sie zur Ausstellung gebracht, und kann dort von jedermann besichtigt werden. Im wesentlichen besteht sie aus einer Gebläsevorrichtuiig, die mit Leichtigkeit in jede Ofenthür einzusetzen ist; die eintretende Luft umstreicht in zwei Kammern einen Lichtschacht und wird in diesen Kammern erheblich erwärmt, bevor sie in den Feuenuigsranm kommt. Dadurch ivird nicht mir ein besserer Luftzug, also bcffere Verbrennung nuter Venneidung von Ziaucheiitivicklung erzielt. sondern das Vorivärmcn der Luft trägt auch zur Temperatur-Erhöhliiig der Flaimne bei; die Kohlen«verde» also auch in dieser Hinsicht besser ausgenutzt, und der Ofen ist öko- nomischer. Hoffentlich belvährt sich die Erfindung und befreit den Kachel- ofen ftir immer von dem lästigen Stauch, dessen zeitweiliges Auf- trete» von vielen ftir selbstverständlich und unvermeidlich gehalten wird.— — Die Verkeilnng der Mundartei« unter den Harz» bewohneru ist sehr verschiedenartig. Es sind,«vie die„Hamb. Nachr." ausführen, zunächst der niederdeutsche und der oberdeutsche Dialekt zu unterscheide», von denen der letztere«viederum in das Nordthiittngische, das Unterharzische, das Mmisseldische und das Overharzische oder Erzgebirgische zerfällt. Nieder« deutsch sind namentlich Lauterberg, Braunlage. Bennecken- stein. Trnuenstein. Haffelfelde, Fricdrichsbrunn, Thale. Neinstedt, Suderode, Gernrode und Ballenftedt, im übrigen Teile des Gebirges herrsche» die oberdeutschen Dialekte vor, und zwar wohnen am Süd- rande des Harzes von Sachsa an östlich bis in die Gegend von Obersdors Thüringer, auf dem Unterharz derei« nahe Verwandte, die Unterharzer, am Ostrande Maiisselder und auf dem Oberharz Obcrsiichscn aus dem Erzgebirge. Diese Mannig- fnltiflleit tu StummcSherknnft und Spruche ist eine Folqe der Art der Bcsiedeluiig des Gebirges. Es war imiiirlich, daß die Ränder, Ausläufer und Thäler des Hnrzes iveit früher mit menschlichen Niederlassungen besetzt wurden als die unwegsameren, rauhen Höhen in der Mitte des Gebirges. So ging die erste Be- fiedelung des Obcrharzes erst um das Jahr 1200 von Goslar aus. Das dortige Reichsstist Simonis- Judä gründete in jener Zeit das Kloster Mathiaszell, in dessen Nähe sich dann in de» Jahren 1240 bis 1243 Wald- und Bergleute ansiedelten, tvelche in dem abge- triebenen Oberharzwnlde'Kohlenbrennerei, Viehzucht und Bergbau trieben. Seit 1349 verödete, hauptsächlich infolge der Pest, der Oberharz iviedcr und 1431 tvnrde das Kloster Mathiaszell, nach- dem es längst verlassen worden, wieder aufgehoben. Seit dem An- sauge des 15. Jahrhunderts wurde sodann der Oberharz zum zweiten Male besiedelt. Da nun die Bergleute der obcrharzischen Orte Klausthal. Zellerfeld. Lackathal, Wildemann n. a. ans dem Erz- gebirge, die Goslarer zuerst aus Franken und die der Bergstadt St. Ändrcasberg aus der Grafschaft Hohenstein stanunen, so sprechen sie niederdeutsch und diese den oberdeutschen Dialekt redenden Orte bilden somit eine sehr interessante Sprachinsel im niederdeutschen Sprachgebiet, dem sonst der ganze Oberharz an- gehört. Gemischt oberdeutsch und nicdersächsisch spricht das Berg- städtschcn Altena». Diese Eigentümlichkeiten in der Sprache, die sich schon mehrere Jahrhunderte hindurch erhalten habe», tverden wohl für alle Zeiten erhalten bleiben, da der Charakter des Gebirges durch beträchtliche Höhenzüge und tiefe Thalgründe den Belvohnern der verschiedenen Teile natnrliäie Barriere» gesetzt hat, die stets eine ge- wisse Ab|chliej}»»g hervorrufe» werden.— Litterarisches. k. Manuskripte Leonardo d a Vincis. Aus Rom wird berichtet: In diese» Tage» ist im Verlage von Ronx und Biarengo der zweite Band der„Anatomia" von Leonardo da Vinci nach dem im Schloß zu Windsor aufbewahrten Manuskript veröffentlicht worden. Es ist die erste Publikation deS bedeutenden Mannskripts, die noch ihre Fortsetzung haben soll, und die ein typo- graphisches Meisterwerk bedeutet. Der Band enthält 79 Mann- skripte und 193 Zeichnungen im Facsimile, die genaue Kopie des Originaltextes mit erklärendem Text und die Ueber- setznng ins Französische. Jede Seite ist in klarer Helio- gravüre anfs sorgfältigste reproduziert. Diese Publikation be- deutet einen neuen, wichiigcn Beitrag zur Kenntnis der Manuskripte des großen Forschers und Künstlers überhaupt, die zum Teil ver- schollen, zum Teil»och gar nicht publiziert sind. Sie haben ein merkwürdiges Aussehen. Es sind täglich geschriebene Notizen. An- merkungen, Beobachtungen, Betrachtungen über alle von der Wissen- schaft behandelten Objekte. Sie sind immer von rechts nach links in schöner und minutiöser Kalligraphie geschrieben, die mau nur durchscheinend oder mit Hilfe eines Spiegels lesen kann. Leonardo ivar Linkshänder, ivie fein Freund Luca Paciolo berichtet; aber bielleicht leiteten ihn auch noch andre Motive bei einer derartigen Abfassung der Manuskripte. Vielleicht ivollte er den ersten Ansdrutk seiner Gedanken und Entdeckungen vor den Vielen, die ihn besuchten, verbergen, vielleicht auch zog er diese Kalligraphie ans ästhetischen Gründen vor. Die Manuskripte haben ein ivcchselreiches Schicksal gehabt, aus dem mir durch Zufall noch ein großer Teil uns erhallen geblieben ist. Leonardo ließ seinen künstlerischen Nachlaß seinem bevorzugten Schüler Francesco Mclzi. Die Familie Melzi, in deren Besitz dieser später überging. wußte nicht viel damit anzufangen und verschenkte ihn in leicht- sinniger Weise. Ihre Frcigicbigleit wurde bald so allgemein bekannt, daß viele sie mit Antographen, Plastiken, Ntelierreliqnien Leonardo? baten und solche erhielten. Der letzte Besitzer von zehn Manuskriptbänden Leonardos Ivar Pompeo Leoni, der Bildhauer Philipps R. der mit ihnen dem spanischen König ein Geschenk machen wollte. Damit sie sich besser ausnähmen, reduzierte er die zehn Bände auf drei oder vier größere, die er nach seinem Geschmack anordnete. Durch ihn wurden die Mannskripte für immer ihrer nr- sprünglichen Anordnung beraubt. Seit dem ist die Geschichte dunkel; zwei Bände wurden nach dem Tode Leonis von Don Juan de Espina erworben; der eine, der jetzt publizierte, wurde Eigentum von Windsor, der andre kam in die Ambrosiana.— -n. Anton v. Perfall:.Die M a l s ch u l e*. Novelle. München. Albert Langen.— Zwei Münchencr Kmistmaler, die an» an Geld, aber reich an Ideen sind, annoncieren in den größeren Tageszeitungen, daß sie eine Malschule eröffnet haben. Wie so viele Annoncen, bleibt auch diese wirkungslos: nur eine einzige Schülerin meldet sich, die Tochter eines reichen Amerikaners. Natürlich verliebt sich der eine Lehrer gleich auf den ersten Blick in seine anmutige, dock gänzlich talentlose Schülerin. Der andre Herr Lebrer ist gegen derartige Scherze gefeit. Sein Herz hängt schon seit langem an einer emancipiericn Blumenmalerin, die auf die Bitte ihres Anbeters gleichfalls als ,Pseudo"-Schülerin in die Malschule eintritt. Beide Mädchen werden rasch Kreundiunen und zwischen Kunstgespräcke» und Pinsclstricken gestehen sie einander ihre Herzensneigmige». Das eine Pärchen verlobt sich rasch, das andre will es ihnen nachmachen. — da geht die Thür ans und der amerikanische Herr Papa beginnt auch ein Wörtchen dreinzureden. Schließlich gicbt er seinen Segen. Große Freude. Tie Geschichte ist aus.— Aus dem Tierlcben. — Neber die Kreuzspinne schreibt in der„Oestr.-ungr. Bienenzeitung' P. Schachinger: Vorige Woche spann in meiner Honigkammer eine Kreuzspinne ihr Gewebe; das Tierchen war so auffällig groß und hübsch gezeichnet, daß meine Magd sich nicht ent- schließen konnte, es zu töten, bevor sie mir'? gezeigt hatte. Ich aber hatte angeordnet, daß öS ungestört verbleibe und ihm kein Leid zu» gefügt werde, weil diese Spinnen eine wichtige Rolle spielen im anshalte der Natur, indem sie Fliegen. Mücken und dergleichen eschmeiß abfangen und verzehren. Ein klein wenig backte ich auch an den Aberglauben, daß die Spinnen Glück bringen, man sie also nicht töten solle. Wenige Tage darauf hielt ich Honigerute und wurden die vollen Waben in die gedachte Kammer gebracht, um ausgeschleudert zu werden. Aber zudringlich, wie die Bienen um diese Zeit schon sind, fanden die Rascher bald eine schmale Fuge im Fenster, durch die sie in die Kammer drangen, um dort von dem herrlich dufteuden Honig zu naschen. Ich beachtete sie anfangs nicht. da mich die Arbeil des EutdcckeluS und Schlenderns vollauf in An- spruch nahm. Zufällig fiel später mein Blick auf das Spinngewebe, aus dessen Centrum die schöne Kreuzspinne eben hcrvorschoß und eine in dem Ney hängende Biene rasch uniwickelte. Hier» durch auf den Räuber aufmerksam geworden, faßte ich das Netz näher ins Auge und fand in demselben noch weitere drei Biene», jede vollkommen umsponnen wie eine Mumie. Als ich sie von den Hüllen befreite, was nicht ohne Schivierigkeiten von statten ging, fand ich, daß sie alle drei noch zappelten, folglich erst im Lanfe der letzten Stunde cingesponneu worden waren. Da bört sich alles auf, dachte ich mir, und schon im nächsten Augenblick schleuderte ich die freche Ränberin auf die Erde und zertrat sie ohne Barmherzigkeit. In Zukunft aber werde ich die Kreuzspinnen stets töte», Ivo immer ich sie ersehen kann und wie schön und wohlgemästet sie auch sein mögen.— s.NerthnS.') Humoriftisedes. — RücksichtsloseVerwandtschaft. JungerZahn- arzt(zu seiner Frau):„Jetzt sind wir schon fünf Monate ver- heiratet und noch nicht ein einziger von Deiner großen Verwandt» schaft hat sich einen Zahn bei mir ziehen lassen!' — Erklärung. A.:„... AlS ick vor 20 Jahren hier durchkam, schien mir das Thal viel breiter!' B.:„Ganz natürlich— weil Sie damals nicht so dick waren!'— — Schöner Trau in.„Ach, Mama, mir hat heut so was Schönes geträumt I' „Nun, was denn, Lieschen?' „Ja, auf der Leberthranflasche stand„äußerlich I'— (.Flieg. Bl.') Notizen. — Karl Hauptmann wird in einer Versammlung des Gi ordano Bruno-Bundes, die am 3. Februar, abends 8 llhr, im Bürgersaale des Rathauses staltfindet, aus einem neuen Werke„Die B e r g s ck m i r d e' rezitieren.— — Die E r st a u f s n h r u n g von SttdermaunS neuem Slück„Es lebe d a S L e b e Ii' im Deutschen Theater ist auf die n ä ch st f o l g c n d e W o ck e verschoben worden.— — Ferdinand Bonn ist vom 1. Februar an für das Schauspielhaus verpflichtet worden.— — Agnes Sorma beginnt ihr Gastspiel am Lessing, Theater am 1. Februar.— — Da§ Schiller- Theater bringt anfangs Februar Emile A u g i e r S Schauspiel„Familie Fourchambanlt', in der Ilebersetznng von 91. Löwenfeld zur Anssnhrnng.— — Die Lessi n g-Ge seil schaft bringt am 26. Januar im Neuen Theater d'AnnunzioS Tragödie ,D i e tote «tadr als Mittagsvorstellung.— — Oskar Strauß und Bozena BradSky sind wieder zu W o l z o g c n zurückgekehrt.— Run singet und seid froh!— — Die Anffnhrnng von Kurt Ära m s Scene„Eine un» sittliche Ehe" im Neberbrettl„Die elf Scharfrichter' wurde von der M ü» ck e n e r Censnr verboten.— — Von den„M eisterbildern f ü r's deutsche Haus', herausgegeben vom Kunstwart(Preis jedes einzelnen Blattes 25 Pf.), ist eine neue Folge erichieuen; sie enthält DürerS zwei„Apostel- bildcr', H o l b e i n s„Aiiierbach"-Aildms, R e m b r a n d t s„Kreuz- abnähme mit der Fackel", B e l l i n i s„Von den Engeln beweinter Christus" und S i g u o r e l l i s„Anferslehung des Fleisches".— — Preise von 5000 M. 3000 M. und 2000 M. schreibt die Bauverwaltung für den Entwurf eines elektrische» Schiffs« z u g c s aus dem n c u c u T e l t o w- K a u a l aus. Ferner tverden je zweimal 1000 M. zum Ankauf geeigneter Entwürfe ver» wandt.— — Die K o st e n der sibirischen Bahn wurden beim Beginn des Baues anf 350 000 000 Rubel geschätzt. Bis auf allen Linie» der Betrieb wirklich im Gange ist, wird eine Milliarde Rubel ausgegeben sein.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Lei» in Berlin. Druck und Vertag von Vtax Bading m Berlin.