Anterhaltungsblatt des Horwäris ?d-. 14. Dienstag, den 21. Januar. 1902 (Nachdruck verboten.! 14] Foinn Sioman von M a x i n, Gorki. Deutsch von Klara Brauner Foma wurde von feinem Paten empfangen, der sich neben fein Taufkind in den Wagen setzte und ihm auf seine un- ruhigen, eiligen Fragen erklärte, während seine grünlichen Augen erregt glänzten: „Dein Vater hat seinen Verstand ganz verloren I" „Trinkt er?" „Noch schlimmer... er ist ganz verrückt!" „Wirklich? O Gott, sprechen Sie!" „Verstehst Du: eine Dame ist bei ihm aufgetaucht 1" „Was ist denn mit ihr?" rief Foma aus, der sich an seine Palageja erinnerte, und fühlte auf einmal Freude in seinem Herzen. „Sie hat sich an ihn festgeklammert und saugt ihn ans." „Ist sie still?" „Sie? Still... wie eine Feuersbrunst. Fünsnnd- fiebzigtausend Rubel hat sie ihm>vie ein Stäubchen aus der Tasche geblasen." „So I Wer ist sie denn?" „Sofja Mediuskaja. die Frau des Architekten." „Mein Gott! Ist das möglich? Hat denn der Vater... ist's möglich, daß sie feine Geliebte ist?" fragte Foma leise und erstaunt. � Der Pate taumelte vor ihm zurück und sagte überzeugt, mit konnsch glotzenden Augen: „Du bist auch von Sinnen, mein Lieber! Bei Gott, Du bist von Sinnen l Komm zu Dir! Sich mit dreinnd- sechzig Jahren eine Geliebte anzuschaffen... noch dazu um einen solchen Preis! Was fällt Dir ein? Nun, das werde ich Jgnat erzählen." Und Majakiu ließ ein abgerissenes, eiliges Lachen er- tönen, wobei sein Zicgenbart häßlich zitterte. Foma konnte lange nicht aus ihm klug werden; der Alte war gegen seine Gewohnheit unruhig und erregt, seine stets fließende Rede stockte, er schinipfte und spuckte beim Erzählen aus, und Foma konnte mit Mühe darauf kommen, um was es sich handelte: Es ergab sich, daß Sofja Pawlowna Mediuskaja, die Frau des reichen Architekten, die in der ganzen Stadt durch ihre Unermüdlichkeit in der Realisierung verschiedener Wohlthätigkeitsideen bekannt war, Jgnat bewogen hatte, für die Errichtung eines Nachtasyls und einer Volksbibliothek mit Lesehalle in der Stadt fünf- undsiebzigtausend Ruhel zu spenden. Jgnat hatte das Geld gegeben und war schon in alle» Zeitungen wegen seiner Frei- gebigkeit gelobt Ivordcn. Foma hatte diese Frau oft auf der Straße gesehen; sie war klein, und er wußte, daß sie zu den schönsten Frauen der Stadt gezählt wurde und daß man ihrem Betragen Nebles nachsagte., „Sonst nichts?!" rief er aus, als der Pate zu Ende war. „Und ich dachte Gott weiß was 1" „Du? Du dachtest?" sagte Majakin, auf einmal zornig werdend.„An nichts hast Du gedacht, Du Milchbart!" „Warum schimpfen Sie?" fragte Foma verwundert. „Sag', hältst Du fünfiludsiebzigtausend Rubel für viel Geld?" „Das ist viel!" sagte Foma, nachdem er es sich überlegt hatte. „So— o I?" „Der Vater hat aber doch viel davon, warum thun Sie denn so?" Jakow Tarassowitsch fuhr zusammen; er blickte den Jüng- ling verächtlich an und fragte ihn mit schivacher Stimme: „Das sagst Du?" „Wer denn sonst?" „Das ist nicht wahr! DaS sagt Deine junge Dummheit, ja I Und meine alte Dummheit, die eine Million Btal vom Leben erprobt ist. sagt Dir: Du bist noch ein junger Hund, es ist zu früh, daß Du im Baßton bellst!" Foma war auch schon früher oft von der allzu bildlichen Ausdrucksweise des Paten verletzt worden— Majakin sprach mit ihm gröber als der Vater—, doch jetzt fühlte sich der Jüngling durch den Alten sehr beleidigt und sagte zurück- haltend, aber bestimmt: „Sie sollten nicht ohne Grund schimpfen, ich bin kein 'Kind mehr!" „Wc>s Du nicht sagst?" rief Majakin aus, indem er spöttisch die Brauen in bic Höhe zog und seitwärts schielte. Foma hielt nicht länger an sich. Er blickte dem Alten fest in die Augen und sagte mit Nachdruck: „Ich sage, daß ich Ihre grundlose Schimpferei nicht'utr»-?- hören will... Es ist genug!" „Hm... ja... so I Verzeihen Sie I" Jakow Tarassowitsch kniff die Augen zu. kaute an den Lippen, wandte sich von seinem Taufkind ab und schwieg eine Weile. Die Droschke bog in eine schmale Straße ein, und als Foma ans der Ferne das Dach seines Hauses sah. beugte er sich unwillkürlich mit dem ganzen Körper vor. Der Pate fragte ihn jetzt schelmisch und freundlich lächelnd: „Sag, Foma, an wem hast Du Dir die Zähne ab- gewetzt?" „Sind sie scharf geworden?" fragte Foma, durch die Art des Paten erfreut. „Es geht. Das ist gut, Bruder... das ist sehr gut l Ich und der Vater haben gefürchtet, daß Du eine Schlaf- mütze würdest. Nun, und hast Du das Schnapstrinken ge- lernt?" „Ich Hab' getrunken!" „Das ist aber schnell gegangen! Hast Du viel ge- trunken?" „Wozu denn viel?" „Und schmeckt's?" „Nicht sehr I" „So! Das schadet nichts, das alles ist nicht übel. Nut das eine, Du bist gar zu offenherzig... und bist bereit, jedem Popen alle Deine Sünden zu beichten... überleg Dir das— das ist nicht immer nötig, mein Lieber... wenn man manchmal schweigt, thut man den Menschen einen Ge- fallen und sündigt dabei nicht. Ja— a. Die Zunge ist beim Menschen selten nüchtern. Da sind wir ja. Der Vater weiß nicht, daß Du gekommen bist... ob er auch zu Hause ist?" Er war zu Hause: aus den offenen Fenstern der auf die Straße mündenden Zinuuer drang sein lautes, etwas heiseres Lachen. Das Rollen der Droschke, die vor dem Hause hielt, veranlaßte Jgnat, durchs Fenster zu schauen, und er rief beim Anblick des Sohnes freudig aus: „Ah I Da bist Du also!" Nach einer Minute preßte er Foma mit der einen Hand an seine Brust, stemmte ihm die Handfläche der andern in die Stirn, bog den Kopf des Sohnes zurück, blickte ihm dabei mit strahlenden Augen ins Gesicht und sagte befriedigt: „Du bist gebräunt und kräftig... ein Hauptkerl 1 Gnädige Frau, wie ist mein Sohn?" „Nicht übel!" ertönte eine freundliche» silberhelle Stimme. Foma blickte über die Schulter des Vaters hinüber und sah in der Vorderecke des Zimmers eine kleine Frau mit reichem, blondem Haar sitzen, die sich auf den Tisch stützte. Auf ihrem bleichen Gesicht hoben sich die dunkeln Augen, die feinen Brauen und die vollen, roten Lippen scharf ab. Hinter ihrem Sessel stand ein großer Phllodendroubaum, dessen große, gezackte Blätter über ihrem goldigen Köpfchen in der Luft hingen. „Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Sofja Pawlowna,' sagte Majakin mit Rührung, indem er sich ihr mit vor- gestreckter Hand näherte.„Fordern Sie uns Armen noch immer Kontributionen ab?" Foma verneigte sich schweigend vor ihr, ohne das, was sie Majakin antwortete, noch was der Vater zu ihm sagte, zu hören. Die Dame blickte ihn fest an und lächelte ihm freund- lich und hell zu. Ihre kindliche Gestalt, die in einen dunkeln Stoff gehüllt war, verschmolz beinahe mit dem karmesinroten Bezug des Sessels, so daß ihr welliges, goldiges Haar und das bleiche Gesicht auf einer dunkeln Folie zu leuchten schienen. Wie sie dort in der Ecke, unter den grünen Blättern saß, sah sie einer Blume und zugleich einem Heiligen- bild ähnlich. »Cchcm, Sosja Pawlowna, wie er Dich ins Auge gefaxt hat... der reinste Adler, was?" sagte Jguat. Ihre Augen wurden schmäler, die Wangen bedeckten sich Mit einem schwachen Rot, und sie lachte, als ertönte ein Silbcrglöckchen. Sie erhob sich gleich und sagte: „Ich will nicht störeti,— auf Wiedersehen 1" Als sie lautlos an Foma vorbeiging, wehte ihn ihr Parfüm an, und er sah, daß ihre Augen dunkelblau und die Brauen fast schwarz waren. „Jetzt ist der Hecht fortgeschwommen," sagte Majakin leise, ihr boshaft nachblickend. „Nun, erzähl' uns, wie Du gereist bist t Hast Du viel Geld durchgebracht?" tonte Jgnats Baßstimme, während er den Sobn auf den Sessel zu drängte, in dem soeben die Äe'oinskaja gesessen hatte. Foma schielte hin und setzte sich auf einen andern. „Das Frauenzimnier ist schön, was?" sagte Majakin lächelnd und betrachtete Foma mit seinen schlauen, kleinen Augen.„Wenn Du vor ihr den Mund aufreißt, wird sie Dir Dein ganzes Eingeweide aufessen!" Foma fuhr zusammen und begann, ohne ihm zu ant- Worten, im geschäftlichen Tone dem Vater von der Reise zu erzählen. Aber Jgnat unterbrach ihn: „Wart, ich werde Cognac bestellen!" „Man sagt, daß Du immer trinkst," sagte Foma miß- billigend. Jagnat blickte ihn erstaunt und neugierig an und fragte: „Darf man denn mit einem Vater so sprechen, he?" Foma wurde verlegen und senkte den Kopf. „Na, also!" sagte Jgnat gutmütig uud verlangte einen Cognac. Majakin blickte die Gordjejews mit zusammen- gekniffenen Augen an, seufzte auf und ging, nachdem er sie für den Abend eingeladen hatte, bei ihm im Obstgarten Thee zu trinken. „Wo ist denn Tante Anfissa?" fragte Foma, der sich jetzt, da er mit dem Vater allein war. ungemütlich fühlte. „Sie ist ins Kloster gefahren. Nun, erzähle mir, und ich werde trinken." Foma erzählte dem Vater in ein paar Minuten von den Geschäften und schloß mit dem offenherzigen Bekenntnis: „Ich habe viel Geld für mich ausgegeben." „Wieviel?" „Sechshundert Rubel." „In anderthalb Monaten! Das ist nicht wenig. Ich sehe, Du bist ein zu teurer Geschäftsführer für mich. Wo hast Du denn das Geld verthan?" „Ich Hab' dreihundert Pud Getreide geschenkt." „Wem? Wie?" Foma erzählte, „Hm... nun, das macht nichts!" lobte der Vater. „Das heißt, man soll wissen, wer wir sind. Die Sache ist klar— für die Ehre des Vaters und der Finna. Es ist auch kein Verlust dabei, denn es verschafft guten Ruf, und das ist die beste Reklame fürs Geschäft; nun, und weiter?" „Ja... das Hab' ich so... ausgegeben." „Sprich grab'' heraus, ich frage nicht nach dem Geld, ich will wissen, wie Tu gelebt hast," sagte Jguat beharrlich und blickte den Sohn aufmerksam und streng an. (Forlsetzimg folgt.» WluMdvnmKkifdie Vegungen. Die Gerüchte, daß endlich dies und das gethan werde, um die Vorteile unsres Musiklebens weiteren Kreisen in wahrhaft volks- tümlicher Weise zugänglich zu machen, begleiten fortwährend das Interesse der Oesfentlichkeit an den Musikdingen. An der Frage nach wirklichen Volkskonzerten wird immer wieder herumgekaut, ohne daß cS doch in Berlin zu etwas Rechtem käme. Schüchterner ertönt der Ruf nach einer„Volksoper"; beantwortet wird er bisher nur von de» vcrschiedentlichen Opernstationen des Sonimers, so weit deren billige Preise und ehrenwerte Bemühungen, bei dürftigen Mitteln, in Betracht kommen. Am fühlbarsten wird das Unzürekchciide der gegeiuvärtigcn Verhältnisse durch die Ab- geschlossenheit der königlichen Oper. Schon die Beschaffung der Billette— umständlich Ivie das Orchester eines modernen Musik- dramas— ist eine stadtbekannte Kalamität. Selbst der teuersten Plätze wird nian nicht leicht habhaft. Die teuren dagegen(die .billigeren", wie man sie gewöhnlich nennt) sind nur unter Aufgebot gewaltiger Mühen zu erlangen, besonders natürlich bei den viel- begehrten, also zumal den Waguerschen Opern; der verlockende Ver- kauf von Billetten in einem bekannten Warenhans beschränkt sich-» was in der Ankündigung uwhliveislich verschwiegen wird— auf jene teuersten Sitze. Und daß das vestdotierte und mit vorzüglichen Mitteln so- tvie einem weitgehende» Respekt des Publikums ausgestattete Opernhaus der Oeffentlichleit durch zugänglichere Vorführungen in irgend einer Form entgegenkäme, davon ist keine Rede. Wir' sagen: in irgend welcher Form; es ist ja Sache der Leitung des Hauses, die günstigste Form dafür zu finden, auch»venu wi- k"-m Augenb'-� ,l1�1 vor Augen haben. m � Bekommen wir aber einmal ein- Volksoper, so werden die ersten Anforderungen an die an ein- Oper überhaupt fein: einheitliche u»o nnabyangig,- lünstleriiche Leitung niit Fürsorge für die Funk- tionc» nicht nur eines Kapellmeisters und Regisseurs, sondern auch eines Gesangmeistcrs; Anwendung der im niodernen Musikdrama gewonnenen Fortschritte der Darstellung auch auf die älteren Werke, womöglich mit Ersetzung des Dialogs durch Sprechgesang; gerechte Gleichmäßigkeit gegen die verschiedenen Partien und Persönlichkeiten der Musikgeschichte. Daran wird es natürlich ganz besonders so lange fehlen, als ein bevorzugtes Institut, wie unser altes Openi- haus innerhalb der Stadt das einzige Aufführungsrecht zahlreicher Opern besitzt— ivodurch namentlich Richard Wagners Werke für die Mehrzahl des Publikunls einfach nicht existieren. In dem Gesagten liegt aber nun auch der Anspruch an Pflege der modernen Produktion. Bei den großen Kosten des Einstudierens und Aufführens einer Oper sind begreiflicheriveise die Direktionen noch spissiger als gegenüber den andren Schauspielen. Die ,k ö n i g- liche" hat uns seit undenklicher Zeit mit ivirklichen Novitäten ganz und mit Halbnovitätcn fast ganz iin Stich gelassen. Nun endlich geschieht etwas wie eine Aufraffimg. Am neulichen Sonnabend wurde A lfre d S o rm a nns ziveiaktige Oper. D i e Sibylle von Tivoli" aufgeführt. Schon der Text(frei nach R. Boß von A. S ch u l tz- H c n ck e) deutet ans eines der gegen- ivärtig üblichen rnsticanischen Cavalleristeustückchen. Er handelt von einer Familie, die zu Unrecht verrufen ist; ihre„Sibyllen" gelten als Hexen. Wüßte inan nur, worin denn der auf ihr lastende Fluch eigentlich besteht I Allein, was man sieht, ist weder tageshelle Klar- heit noch auch geheimnisvolle mystische Tiefe: und an einem solchen springenden Punkt ivird ein Werk immer kranken, mag nun der beste Komponist und die besten Bühuenkünstler darüber kommen. Der beste Komponist ist denn auch Herr Sormann nicht. Er hat die moderne Ausdrucksfähigkcit der Musik im allgemeinen inne uud bc- müht sich. auf den Gesang das Schivergewicht zu legen, so daß sein Orchester meistens weit hinter dem darin heute Ge- bräuchlichcn zurücksteht. Auch nach Einfachheit strebt er mehr als andre, die man in der Hauptsache seinesgleichen nennen mag. Die Größe, die leidenschaftliche Glut, die reichliche Charakteristik mancher von diesen besitzt er nun freilich nicht.„Schöne Stellen," wie das Sterben der alten Sybille, der Eingang zum zlveiten Akt und dann besonders die Gesamtscenen gegen Ende sind ehrenwert, aber keine Entschädigung für Wich- tigereS. Sunrma: aucb ein Komponist, der Anspruch auf eine wür- digere dramatische Dichtung hat. Die Regie ivar eine der ersten Leistungen des neuen, Herrn Tetzlaff ersetzenden Regisseurs Herrn Dro escher, und war jeden- falls ein gut Stück Arbeit, zumal iu den Volksscencn des zweiten Aktes. Und da man nun bei keinem solchen Institut, am wenigsten einem höfischen, wissen kann, wie weit dem einzelnen Funktionär durch allerlei Rücksichten die Hände gebunden sind, so ivird man auch in der Kritik seiner Thätigkeit immer den Vorbehalt mache» müssen, daß Unvollkonnnenhcitcn nicht unbedingt ihm alleig zur Last fallen. Unvoll- kommen, gelinde gesagt, ist es jedeusalls.daßzuBeginn derzlveiten Scene das„lärmende Getön" nicht wirklich gehört wird, von Lein die Alte singt. Bei deren Tod läßt die Regie ein paar Blitze vonr Himniel los. Soll das ein Wagnerscher Mystiklvitz sein? Zur Mystik zu wenig, uud zur Klarheit zu viel I Sollte ferner in der ersten Hälfte des zlveiten Aktes der große Platz im Dorfe wirklich so lange leer von„Volk" sein? Daß ei» paar Duette u. dgl. gestrichen wurden, mag als dramatischer Purismus ein achtungswürdigcr Standpunkt sein; daß aber im ersten Akt eine Volksscene vor dem Sterben der Alten wegfiel, eine für das Verständnis des Treibens im zlveiten Akt»nentbehrliche Scene, ist jedenfalls kein solcher Purismus. Das Werk lvar eben für einen ganzen Abend zu kurz und für die Kam- bination mit einem zweiten Werke zn lang. Ebenso ivie darin mag die Regie in der Tanzscene des zweiten Aktes durch„allerlei Rücksichten" verhindert gewesen sein, neue Wege zu bahnen. Nach den Worten „Jetzt laßt uns fröhlich sein und tanzen", fangen nicht ctiva die „wir", d. h. das Volk, den vorgeschriebenen„Sallarello" zu tanzen an, sondem es springt ein veritables Ballett wie in der richtigen „großen Oper" herein und ivird zuletzt sogar vom Volk auf der Bühne beklatscht. Fräulein d e l l' E r a wäre wohl die letzte gewesen, die den Regisseur gehindert hätte, den Tanz ans dem Volk selber heraus zn entwickeln.— Die sonstigen Mitwirkenden in diesem Stück und dem darauf folgenden„neu einstudierten" Ballett „Coppelia" von Delibes gaben so eifrig ihr Bestes, daß wieder eine Anerkennung in Bausch und Bogen gerechter sein dürfte, als eine Hervorhebung Einzelner. Nur dem neuen— mit zahl- reichen Namensvettern nicht zu verwechselnden— Kapellmeister E. von Strauß sei ebenso unsre Reverenz für seine Leitung der neuen Oper dargebracht Ivie Herrn Kapellmeister S t e i» m a n n unser Zweifel, ob denn die DclibcS'schc Musik nicht weniger trocken vorgeführt werden kann. Von dem Sltcflen Träger des Strauß-Nnmens. von de», Walzer- Meister Johann Strauß, haben wir nun auch— im Theater des Westens— eine nachgelassene Operette zu hören bekommen, die unvollendet geblieben und, wenn wir die öffentlichen Notizen recht verstehen, von dem vor kurzen, wieder häufiger genannten ver- storbenen Adolf Müller jun. mit Strauß'schem Material ergänzt worden ist,„So a Hetz war nö net dal' Das richtige Wien,' wie es zum Teil in der Wirklichkeit, zun, Teil in der Phantasie, zum Teil in der Operette leibt und lebt! Die richtige Stranßsche Operette, mit ihrem endlosen Walzerdrehen auch in den tnnzlosesten SangeSdialogen. mit ihren dazwischen verstreuten künstlerischen Fein- heiten— und was eben all dieser xmal gesagten Dinge mehr ist! Auch hier möge eine summarische Anerkennung, insbesondere des flotten Spiels' der Meisten, genug sein. Wahrscheinlich geht ein guter Teil dieses Spiels anf die Regie des Herrn Jacques Gold- erg zurück, die aller Ehren wert, allerdings auch wohl weniger schwierig war, als die �jener ernsten Oper. Ist es aber Ivirklich»nr übergroße Schwierigkeit, daß dort Herr Droescher über die alt- gewohnten geraden und Halbkreislinien nicht hinauskommt, mit denen die Scenen gebaut, die Plätze und Gassen in den rechtesten Winkeln konstniiert und die Volkshaufe» aufgestellt werden?— «2. Klsittvs Feuillekon. — Der„Schwimmer" und seiuc Kollege». Aus der Wiener Theater weit plaudert ein Mitarbeiter des„Neuen Wiener Journals'. Ein amüsantes Wort hat diese Woche ein Schauspieler gesprochen. der unter seinen Kollegen als „Schwimmer' berühmt ist. So nennt nia», wie man weiß, die Schauspieler, welche ihre Rollen nicht lernen und über diese Unkenntnis mit großen Gcberden. sSchwimnibcwegunge») hinwegzu- täuschen suchen, bis sie geschickt in die Nähe des Souffleurkastens gelangen und das Wort erhaschen. Es gicbt geradezu geniale Nichtlerner, die mit Virtuosität»ach dem Souffleur spiele». Die Kollegen foppen fie aber nicht. Die merken im ersten Augenblick, wieviel eS geschlagen hat. Der Nichtlerner weiß immer Ausreden z» finden. Bald schlägt der Souffleur nicht ordentlich an, bald war die Rolle schlecht geschrieben. Er hat sie nnr nicht zur Hand, um das beweisen zu könne». Die Kollegen sagen ihm dann:„Wo hast Du denn die Rolle?"—„Zu Hanse vergessen l'— „Geh', Du wirst sie zerlernt haben.' Er lacht dann mit den Kollegen, die ihm hinter den harmlosen Schwindel gekommen sind. Der benihnrtc Nichtlerner also kam auf eine Probe und konnte wieder einmal nicht seine Nolle. Aber gründlich I Die erste Parineri», welche fürchtete, daß er ihr eine wichtige Scenc verdirbt, iven» er nicht die Stichworte bringt, trat nach dem ersten Akt an ihn heran und sagte: „Gelt. Du thust mir den Gefallen und lernst mir zu Liebe die Scene. Meine Schlager verpuffe» sonst.' Er ist ein guter Kerl und sagt ihr zu. Nach de», zweiten Akt naht ihm ein Kollege: „Wirst nicht böse sein, wenn ich Dich bitte, die große Scene im zweiten Akt aufs Wort zu bringen. Weißt, ich Hab' da ein paar sehr gute Pointen, die mir abfallen, wenn Tu mir daS Stich» wort nicht genau nach der Nolle bringst.' Der Künstler erividert«chselznckcnd: „Na ja, lverdcn ivir's halt machen.' Nach einer Scene des dritten Aktes kommt ein andrer Schau- spieler, der nichts von den Unterredungen seiner andren Kollegen wußte, anf den Schtvinnner zu, nimmt ihn unter den Ann, führt ihn zur Seite und sagt: „Lieber Freund, ihn' mir den Gefallen und halte Dich in der Scene mit mir ein bißchen uichr ans Wort. Es ist mir daran gelegen, daß die paar Spaße, die ich in meiner Nolle habe, nicht ganz abfallen.' „Wenn mir jeder kommt, dann muß ich am End' noch die ganze Rolle lernen.'— Theater. C o q n e I i n'in Moliöres„Tartüffe!" Unter den verschiedenen Rollen, die Coqnelin in der letzten Woche gespielt hat, war der Tarlüffe die litterarisch weitaus bcdentcndste. Denen, die bei dem außerordentlichen Andrang zu der Vorstellung im Schauspiel- Hanse dort keine» Platz mehr erhalten hatten, bot die Freitag- Aufführung im Krollschcn Opernhause Gelegenheit, den Schauspieler in der berühmtesten der Moliöreschen Komödien zu sehen. Seine Darstellung weicht in dem typischen Vorstellnngs- bilde, das sich mit den Namen Tarlüffe verbindet, in wesentlichen Zügen ab. Er nimmt dem heuchlerischen Pfaffen seine vergnügliche Korpulenz und die unbedachte täppisch zugreifende Sinnlichkeit, überhaupt alle irgendivie komischen Züge, um aus ihm eine verwegene Verbrechcrnalur höheren Stils zu machen. Die MaSke, in der er die Rolle spielt, erinnert an Richard III. Eine wilde Energie und feste Entschlossenheit prägt sich in den grotesk-häßlichen Zügen aus. Die Gestalt ist sehnig, die Stimme ohne jeden Beigeschmack süßlicher Salbaderei, klang- voll»nd doch, ivie durch gelvaltsnme Selbstbeherrschung ge- dämpft, als ob er überall verborgene Feinde spüre. Gleich einem geduckt lauernden, immer zum Sprung bereiten Raubtier schleicht er umher. Auch in den Scenen, als er um OrgonS Frau wirbt und dabei in die listig aufgestellte Falle läuft, ist, so wie Coqnelin den Tartüffe spielt, keine Spur von Komik. Der Ausbruch der sinn- lichen Begierde ist von so unheimlich dänionischer Leidenschaft, daß man darüber das Lustspielmäßige der Silualion. den Spott der gelungenen Fopperei völlig vergießt. Vorzüglich gelang bei dieser Auffassimg des Charakters die Schlnßwendung des vierten Aktes, wo Tartüffe, vom Orgon überrascht, nach einer Minute der Ueberlegung die Maske der Demut abwirft und, mit herrischem Tone. Vergeltung androht. Hier hob das Spiel sich zu der höchsten Wirkung; und hierauf, anf diese Verwandlung des heuchlerischen Schleichers zum unversöhnlich rachsüchtigen Feinde, war offenbar von vornherein die ganze Färbung der Rolle abgetönt.— So interessant die eigentümliche Auffassung und Durchführung dcS Charakters ivar, so vermochte sie doch nicht recht zu überzeugen. Durch die tragisch angehauchte Stilisierung umrde der Tartüffe, der doch ein Typus sein soll. zum ganz exceptionellen Sonderfall und büßte so ein gut Teil dessen, was ihn gerade bedeutsam macht, ein. Schließlich hat doch der Dichter zu entscheiden und Moliöre selbst läßt keinen Ziveifel darüber, Ivie sein Tartüffe in Wirklichkeit ausschaue. Als Orgon, von seiner Reise zurückgekehrt, sich nach dem Befinden seines geliebten Schützlings erkundigt, da giebt Dorine von ihm ein sehr genaues Konterfei: „Und Herr Tartüffe? Der ist gesund und kräftig, mit roten Backen, dick und fett... Er aß allein für zivei! und ließ gar fromin ein Reb- huhn nach dem andern, nebst Hammelbraten in den Magen w mdern.'usw. Eine ordinäre, heuchlerische Schmarotzeniatur, mit kleinen fleisch» lichen Gelüsten, die seine streberischen Ziele immer wieder kreuzen, dabei boshaft und frech, so tritt der unbefangenen Auffassung daS Bild TartüffeS aus der Dichtung selbst entgegen, bei aller Nieder» tracht mehr verächtlich als furchtbar. Coqnelin, diese Empfindung wird man nicht loS, greift den Ton für die Figur zu hoch. Er thnt dem Herrn zu viel Ehre an, indem er ihn so ernst ninnnt. Im Nahmen dieser seiner Anffassimg aber spielte er, wie zn erwarten war, vortrefflich, mit all seiner feinen, jede Nuance abwägenden Knust.——dt. Lcssing-Theater.„Amphitryon" und„Der Ein» gebildete Kranke' von M o l i ö r e.— Beide Stücke wurden in der neuen Uebertragnng von Ludwig Fulda gegeben. Gegen« Über der Prosa des„Eingebildeten Kranken" hatte der Ucbersetzer ein verhältnismäßig leichtes Spiel. Hier kam es nur darauf an, kleine Unebenheiten»nd Schwerfälligkeiten in der bisherigen Verdeutschung auszumerzen, sowie hier und dort im Dialog die Pointen noch spitzer znznschleifen. Die Netonchiernng. die er vorgenommen, ist dankens» wert und fein, aber natürlich von keiner irgendwie entscheidenden Bedeutung für die Bühnenwirksamkeit des alterprobten Werkes. Diese ruht vor allem auf der Fülle drolliger Charakterzüge und Situationen, deren Komik auch durch die mangelhafteste Uebersetznng nicht wesentlich beeinträchtigt werden kann. Ganz anders ist es um daS zweite -Stück bestellt, um die mythologisch» parodistische Komödie Amphitryon. die ihren Rang nicht zum geringsten Teile aus dem anmutig leichten Spiele Moliorescher Vers- und Reimkunst schöpft. War es überhaupt möglich, das Werk für die deutsche Bühne zu erobern, so nur durch eine jenen Reiz mit feinster Sprachempsindung frei»achbildende Dichtung. Fulda hat die Aufgabe mit derselben Kunst, die er bei Ueberträgung Molierescher Vcrskomödien auch sonst bewiese», gemeistert. Rhythmus und Reim füge» sich bei ihm wie von selbst zusammen, sjede Spur des Gewollten»nd Beabsichtigten ist dabei ausgelöscht. Trotzdem der engste Anschluß an den Text' des Originals erstrebt wird, erinnert nichts an diese Gebundenheit. Nickt eine fremde Fessel, der die Sprache gehorchen soll, sondern ein Fröhlich-Wechsclvollcs der Worte, dem man in angenehmer Spannung folgt, ist hier der Reim. Er vereinigt Glätte mit Lebendigkeit. Die Komödie„Amphitryon' weist mancherlei verwandte Züge mit Shakespeares„Komödie der Irrungen' anf. Das Eigenartig- Pikante in diesem Verwechselungsspiele aber ist, daß cS Götter und Menschen in buntem Uebermut durcheinanderwirft. Dabei hat Molivre übrigens den hohen Olympiern nicht übler mitgespielt, alS es die respektlosen griechischen Komödicndichtcr selbst gethan. Wie mit so vielem anderen ans der Mythologie ihres Volkes haben fie auch mit der ehrwürdigen Sage vom Jupiter, der, in AmphitryonS Gestalt verwandelt, dessen junger Gemahlin nachstellt und in ihrer Umarmung den gewaltigen Herakles zeugt, ihren Spaß getrieben. Das Amphitryon-Lustspiel des Plautus, durch welches Möliäre zu seiner eignen Schöpfung angeregt wurde, weist ebenso wie die andren Lustspiele des alten Lateiners auf griechische, uns leider ver- lorene, Originalstücke zurück. Sehr munter wird MoliöreS Götterkomödie durch einen Prolog im Himmel eingeleitet. Merkur erscheint anf einer Wolke thronend bei der Göttin der Nacht, um sie in allerhöchstem Auftrag zu er- suchen, wenn Jupiter bei Alkmcne weilen werde, die Stunden der Dunkelheit wohlthätig über das sonst gebräuchliche Maß hinaus- zudehnen. Sie sagt es, nach einigen kleinen Ausfällen gegen des Gollcs lästerliches Treiben, zu. Schließlich muß es aber auch um Anvhitryons Palast hell werden. Die Stunde der Trennung schlägt. Jupiter nimmt zärtlichsten Abschied, aber nur. um, von neuer Sehnsucht ergriffen, schleunig wieder zu der Geliebten zurückzukehren. Inzwischen ist der richtige Amphitryon, der Feldherr aus dem Lager dir Thebaner, gleichfalls auf dem Plane erschienen. Kein Auge, auch das AlkmenenS nicht, kann die beiden unterscheiden. Bald ist's der Mann, bald ist's der Gott, mit dem sie redet. Die feine Ironie dieses Ver» lvechselun�Sspiels findet in den Instigen Verwirrungen, die Merkur. als Diener Amphitryons verkleidet, übermütig anstiftet, ihre drastisw parodierende Ergänzung. Endlich, als der Streit auf die Spitze getrieben, löst Jupiter das Geheimnis, und zwar in verbindlichster Weise. Durcki einen Gott betrogen worden sein, kann dem Gemahl keine Schande bringen. und um so weniger, da dieser Gott nicht anders Alkmencs Herz hat gewinnen könne». als indem er des geliebten Gatten Züge angenommen hatl Und ein Sohn werde dem flüchtigen Bunde eutspriefjen, von dessen Ruhm der Erdkreis wiederhalle» wird I„Herr Jupiter vergoldet seine„Pillen" meint mißtrauisch der nüchterne Menschenverstand des Dieners Sosians. Rur für eine äußerliche Betrachtung deckt sich das heiter- unbekümmerte Satirspiel Moliöres mit der Kleistsche» Nachdichtung. die vor zivei Jahren im Berliner Theater aufgeführt wurde. Kleist verweilt eben da,>vo Molidre rasch vorübereilt. Seine schein- bar unbedeutenden Verändernngeu und Zusätze prägen der Dichtung schließlich einen wesentlich andren Stempel auf. Die leichte Maskerade erhält unter seinen Händen etwas Jnnerlich-Ernstes, Mystisch-Bcdeutsames, eben darum aber auch etwas Zwicgeipaltenes. Befremdendes. Als Bühnenwirksamer dürfte sich jedenfalls wohl das Moliercsche Originalstück erweisen. Die Aufführung war frisch und lebendig, besonders in den rein possenhaften Scenen. Zumal Herr W a l d o w. als Diener Sosians. wirkte unividcrstehlich komisch. Der eingebildete Kranke wurde in derselben Besetzung, wie neu- lich, bei der Aufführnng der Freien Volksbühne, mit demselben flotten Humor und demselben durchschlagenden Erfolge gespielt.— dt. —oe— Thalia-Theater.„Seine Kleine". AnS- stattnngsposse mit Gesang und Tanz in 3 Akten von I. Kren, A. Schön feld und L. E l y. Musik von Julius Einöds- h o f e r.— Anfangs schien es. als wollte das neueste Werk der be- kannten Possenfirma in die Bahnen des alten Volksstnckes einlenken. Ein granbärtiger Droschkenfuhrherr, der mit brüderlicher Liebe an seinem Zossen hängt, soll infolge eines mit seinem Better und Nach- bar» geführten ErbschaftSstrcitcs von dem Fnhrhof exmittiert werden, der seit hundert Jahren im Besitz seiner Väter gewesen. Herr H e I m e r d i n g gab de» alten Knaben mit rührender Portraittrene und Fräulein W a n n o w i u s war ihm alS Hausiererin in Kutscherartikeln ein braver Partner. Aber das war nur lose Fopperei der Herren Verfasser. Bald setzte der tollste AnsstattunftHunsiun ein und Guido T i e l s ch e r als nachbarlicher Vetter des Droschkenkutschers und Tattersalldirektor schwelgte förmlich in seiner Specialität von Wort- Witzen. WaS sinnig und gemütvoll begonnen hatte, breitete sich nunmehr nngemessen ans in fabelhafter Trikotprackit. und schon der Schluß des ersten Aktes zeigte, daß die Herren Baruch n. Co. von neuem Helden de? Tages waren. Diese Kostümschneider müssen bei allem Genie doch plebejische Naturen sein und nichts von Autoren- stolz in sich trage», denn sonst würde die Firma sich ausbediugc». daß ihrem ersten Geschäftsführer ebensogut das Recht der Verbeugung vor offener Scene zustehen müsse, wie den übrigen Vätern des Stückes. War an sich un» niit der Posse„Seine Kleine" wahrlich nichts Neues und an dieser Stätte Ungetvohntes gegeben worden, so verhalfcn doch noch einige Umstände, die außerhalb des Bereiches der Firma Baruch zu liege» scheine», dem Stück zu einem über das normale Maß hinaus- gehenden Erfolg, nnd diese Umstände lagen in der Geschicklichkeit. mit der die Herren Kren. Schvnfeld und Ely verstanden, das Publikum nicht zur Besinnung kommen zu lassen. Es überstürzte sich alles, Kalauer stolperlen über Couplers und Trikotparaden über lebende Bilder, nnd als die Situation einmal wirtlich kritisch war, trat Herr Tielschcr so weit als möglich vor die Rampe nnd setzte das neueste geflügelte Wort in die Welt:„Haben Sie nicht den klciiicu Cohn geseh'n?" Dieser finnige Conpletvers erschien so nusbenlungS- fähig, daß er zum Schlnßrefrain des letzten Aktes erHobe» wurde, was insoweit besonders sinnig nnd schön war. als das Schlnßbild als eine Gruppierung von lebenden Bildern aus der deutschen Märchenwelt gedacht war nnd eS sich zu gemütvoll ausnahm, als Rotkäppchen, Schneewittchen und Blaubart ihre ganze Gefühlspoesie in die Worte ausströme» ließen:„Haben Sie uicht de» lleiuen Cohn geseh'n?" Daß jedes Mitglied der Bühne in der Ansstattmigsposse seine gebührende Nolle zugeteilt erhielt und namentlich die Damen nicht zu kurz kamen, versteht sich. Paula W o r m und Gerda Walde überboten sich selbst und waren in Spiel und Tanz gleich gottvoll. Alles in alleni werden die Leiter des Thalia-Theatcrs a» dem neuen Stück nur das eine bedaneim. daß es nicht schon zu Beginn der Saison auf die Bretter gebracht war. Was»u» der Inhalt des Stückes ist und woher es seinen Ranien erhielt? Ja, darauf wissen wir eben so wenig«ine Antwort als das Publikum sich Rechenschaft darüber zu geben vermochte. warum cS denn eigentlich den ganze» Abend nicht aus dem Lachen heraus gekominen war.— Physikalisches. — Heber die Ocean-Fnntentelegraphie Ma r- c o n i S spricht sich Postinspeltor O. I e n t s ch in der„Deutschen i LerkchrSzeitnng" sehr kritisch ans. Bekanntlick» soll eS Marconi gc-> Beraiinvortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. lnngen sein, den Buchstaben S(im Morse-Alphabet durch 3 Punkte bezeichnet) über den Oeca» ohne Draht zu senden. Jentsch sagt nun:.Wen» es Marconi wirtlich gelungen ist, in regelmäßiger Folge und Gruppierung drei Punkte des Morie-Alphabetes durch Funkemvelle» über den atlantische» Ocean zu befördern, so mußte es ihm zu derselben Zeit auch möglich sein, andre Zeichen, die ja ebenfalls nur aus Gruppierungen von Pimkten bezw. Strilben bestehen, zu über« mittel», zumal die Striche bei der Funkentelegraphie auch nur durch Zusammenziehen von Punkten gebildet werden. Marconi bat bisher belviesen, daß er ein geschickter Experimentator ist, es wäre daher kaum verständlich, memi er bei Versuchen von solcher Trag- weite sich ans die funkentclegrnphische Beförderung eines und des- selben Bnckstabeus beschränkt hätte. Es bleibt so nur die Annahme übrig, daß er entweder durch elektrische Einflüsse der Atmosphäre oder aber auch durch eine in der Nähe der E m p f a n g s st a t i o» arbeitende Fu»ke uteleg raphen- Anlage getäuscht ivorden ist." Der Verfasser schließt:„Ein erfolgreicher allgemeiner Wettbewerb der Fuukeutele» g r a p h i e mit der Kabeltelegraphie dürfte voranssichtlich für alle Zeiten ausgeschlossen sei n. Ei» schnelles Telegraphieren ist bei der Fimkeiitelcgraphie nicht möglich; es läßt sich kaum die Geschwindigkeit erreichen, mit ivelcher die geivöhnlichen Morse-Leitimgen betrieben werden. Zudem liegt bei der Funkentelegraphie noch eine Schwierigkeit vor. die namentlich bei der Telegraphie über Meer eine gewichtige Rolle ipielt. Wenn es wiikliw gelingen sollte, eine Funkentelegraphie für regelmäßigen Betrieb über den atlantische» Ocean beqnstelleri, so werden durch dieselbe zimällist höchstens so viel Telegramme befördert werde» können, als jetzt über eine einzige Kabelleitung gehen. Man dält zwar die Ausgabe, mehrere Fnukentelegrnphen- Systeme so auseinander abzilstiunnen. daß nur für einander bestimmte Apparate iusolge Beriveudung genau ab- gemessener Wellenlängen auf einander ansprechen. theoretisch für gelöst, indes ist der praktische Nacbweis hierfür erst aus kleine Ent- feninngen geführt. Bei den gewaltigen Kräften, die für eine Fmikciitclegraphie über die Weltmeere benutzt werden müssen, bei den vielfachen Defonnaliotien, ivclchc hier die Fimkenwellcii auf ihrem Ivette» Wege durch elektrische Einflüsse der Atmosphäre und Refiexlvirkmigcii der Wolken zu erleiden haben werden, dürfte es kaum möglich sein, durch Abstimiumig der Apparate eine gleichzeitige Mchrfachtelegraphre einzurichten; hieran wird also auch eine Massen- beförderung von Telegrammen durch die Funkentelegraphie über das Meer scheitern. Dasselbe dürfte für die Finiken telegraphie ans weite Entseninngen über Land gelte». Es ist also keine AnSstckt vor« Händen, daß die Drahttelegrnphie je durch die Fmikeiitelcgraphie beseitigt werden wird."— Önmonftiiltied. — Kunstfertigkeit und K n n st. Serenisstmns ging spazieren. Als leutseliger Fürst pflegte er die Spaziergänger an- zureden. Nnd so that er es auch a» diesem Tage, als ihm ein altes kleines Rkäniilein begegnete.„Was sind Sie? Was find Sie?" fragte der gntberzige Fürst.„I bin a Künstler," antwortete dos Männ- lein.„So? So? hoffentlich kein moderner? Was machen Sie für Sachen?"—„Regenschirm mach i," nntivortcte das Bkäimlein. „Regenschirme? Aber das ist doch keine Kunst."—„Machen S' amal oan. Ivenn's loa Kunst is," antivortete das Männlein. Sereiiissiinns war betroffen und vcriank in tiefes Nachdenken, als er sich entfernte.„Sollte wirklich Kimst dasjenige sein, was wir nicht können?" fragte er sich. Abends ließ er noch den Mliiistcr kommen und legte diesem die Sache vor.„Durchlaucht", sagte dieser. „Sie müssen unterscheiden zwischen Kunstfertigkeit und Kmist. Bei der ersteren, der Kunstfertigkeit, kann nur derjenige mitreden, ivelcher was gelernt hat; bei der Kunst ist das nicht notwendig. Sie ist Gemeingut."—(„Simpl.") Notizen. — C o q n e l i n wird mit seiner Truppe vom 5. bis zum 10. März ein zweites Ga st spiel im Schau spiclhause geben; n. a. wird er dann auch den Cyrano in Rojtcmds„Cyrauo de Bergerac" spielen.— — M a r g a W a ld e g g S litterarisches Damen- Brettl beginnt am 27. Jamiar seine Borsiellunge».— — Ivette Guilbert eröffnet am 5. Februar ein Gastspiel im Central-Theater.— — Shakespeares„ T r o i l n S und Crefsida" in der Bearbeitung von Adolf Gelber fand bei der Aufführnng im Wiener Burg-Theater eine geteilte Aufnahme.— — Der holländische Maler Josef Israels nnd der französische Bildhauer Auguste R o d i n sind zu Ehren- ,n i r g I i e d e r» der Berliner S e c e s s i o u ernannt worden.— c. S t ra ii ß e n f a r m e» hat man ueilerdingZ an geeigneten Plätzen der Riviera angelegt. Die Tiere, die a»S Afrika und Kalifornien stammen, haben sich gut eingelebt.— Druck und Verlag von Max Bading iu Berlin.