Anterhaltungsblatt des Uorwärts Nr. 19. Dienstag, den 28. Januar. 1902 (Nulbdmck verboten.! i9] JTrmtfi Gordjejvn?. Nomon von Maxim G o r k i. Deutsch von Klara Brauner „Aber warum sprechen Sie so?" sagte die Frau vor- wurssvoll. und indem sie etwas an ihrem Kleide ordnete, strich sie wie zufällig über Fomas herabhängende Haud, in der er seinen Hut hielt, worauf dieser seine Hand ansah und der- legen und freudig lächelte. „Sie werden doch am Essen teilnehmen?" fragte Mediuskaja. ..Ja." „Und inorgen sind Sie bei meiner Sitzung?" „Gewiß!" „Vielleicht kommen Sie auch einmal so, einfach zu Be'uch, ja?" „Ich... danke Ihnen! Ich werde kommen!" Sie fchimegen. In der Luft schwamm die andächtige, leise Stimme des Erzbischofs, der ausdrucksvoll das Gebet sprach, indem er seine Hand über die Stelle der Grundstein- legung des Hauses ausstreckte. ..... Weder Wind noch Wasser noch sonst etwas soll es schädigen: walte über den Bau und behüte alle, die darin leben werden, vor jedem Leid..." „Wie inhaltsreich und schön unsre Gebete sind, nicht wahr?" fragte Mediuskaja. „Ja," sagte Foma kurz, ohne ihre Worte zu verstehen, und fühlte, daß er wieder errötete. „Sie werden immer die Gegner unsrer kaufmännischen Interessen sein." flüsterte Mnjakin, der mit dem Bürgermeister neben Foma stand, laut und überzeugend,„Was macht das Ihnen? Ihnen kommt es nur darauf an, von irgend einer Zeitung gelobt zu werden, und das Wesentliche können sie nicht verstehen. Sie leben nur fürs Aeußerliche und nicht um das Leben zu ordnen..'. Ihr Maßstab ist Schweden und die Zeitungen! Der Doktor hat mich gestern die ganze Zeit mit Schweden gestichelt; er sagt, die Volksbildung in Schweden und alles andre dort sei ein Muster! Was ist aber Schweden? Vielleicht ist dieses Schweden nur etwas Ausgedachtes und wird nur als ein Beispiel angeführt... und die Bildung und alles übrige existiert dort gar nicht. Wir leben ja auch nicht für dieses Land, und es kann uns keiner Prüfung unter- ziehen... wir müssen unser Leben unserm Leisten anpassen. Ist's so?" Und der Protodiakon stimmte mit zurückgeworfenen: Kopfe: „Ewiges Gedächtnis dem Gründer dieses HauseS!" Foma fuhr zusammen, doch Majakin stand schon neben ihm und fragte, indem er ihn am Aermel zupfte: „Gehst Du zum Essen hin?" Und das sammetweiche, warme Händchen der Medins- kaja glitt wieder über Fomas Hand. Das Essen war für Foma eine wahre Folter. Er befand sich zum erstenmal im Leben zwischen so eleganten Leuten und sah, daß sie beim Essen und Sprechen alles besser machten als er. und er fühlte, daß ihn von der gegenübersitzenden Me- dinskaja nicht der Tisch, sondern ein hoher Berg trennte, Zteben ihm saß der Sekretär des Vereins, in den Foma als Ehrenmitglied gewählt worden war— es war ein junger Beamter, der Üchtischtschew hieß. Er sprach mit einem hohen. klangvollen Tenor, und dick, klein, rundwangig, wie er war. und dabei ein lustiger Plauderer, erinnerte er an eine neue Schelle. „Das Beste in unserm Verein ist die Vorsitzende, das Vernünftigste, was wir darin thun, ist, unsrer Vor- sitzenden den Hof zu machen, das Schwerste ist, unsrer Vorsitzenden ein Kompliment zu sagen, das sie befriedigen könnte, und das Gescheiteste ist, die Vorsitzende schweigend und ohne Hoffnungen zu bewundern. So daß Sie eigentlich kein Mitglied des Vereins für Armenpflege und so weiter sind, sondern ein Mitglied des Vereins der Tantalusse, die im Dienst von Sofja Medinskaja stehen." Foma hörte dem Geplauder zu, blickte hie und da die Vorsitzende au. die eingehend mit dem Polizeimeister sprach, brummte seinem Nachbar etwas als Antwort zu, indem er sich den Anschein gab, mit dem Essen beschäftigt zu sein, und wünschte, das alles wäre schon zu Ende. Er kam sich arm- selig, dumm und lächerlich vor und war sicher, daß alle ihn beobachteten und ihn bekrittelten. Das legte ihm unsichtbare Fesseln auf und ließ ihn weder sprechen noch denken. Endlich geriet er in einen solchen Zu- stand, daß die Reihe der verschiedenen Gesichter, die sich ihm gegenüber den Tisch entlang zog, ihm ein langer, wellenartiger, weißer Streifen mit Tupfen von lachenden Augen zu sein schien, und alle diese Augen stachen ihn quälend. Majakin saß neben dem Bürgermeister, drehte die Gabel schnell in der Luft hin und her und sprach auf ihn ein, indem er seine Runzeln spielen ließ. Der Bürgermeister, ein grau- haariger, rotbackiger Mensch mit einem kurzen Hals, blickte ihn wie ein Ochse mit beharrlicher Aufmerksainkeit an und klopfte ab und zu bejahend mit dem Daumen auf die Tischkante. Die animierte Unterhaltung und das Lachen übertönten die laute Rede des Paten, und Foma konute kein einziges Wort davon hören, um so mehr, als in seinen Ohren unablässig der Tenor des Sekretärs klang: „Sehen Sie, jetzt hat sich der Protodiakon erhoben und lädt seine Lunge nnt Luft... er wird gleich Jgnat Blatwjeitsch eine Seelenmesse halten." „Könnte ich nicht fortgehen?" fragte Foma leise. „Warum dem: nicht? Das werden alle begreifen." Die schallende Stimme des Diakons übertönte und zer- drückte gleichsam den Lärm im Saal; die angesehene Kauf- Mannschaft starrte entzückt in den großen, weiten, offenen Mund, aus dem sich die tiefen Töne ergossen. Foma be- nützte diesen Moment, erhob sich vom Tisch und verließ den Saal. Nach einer Minute saß er, frei aufatmend, in seinem Wagen und dachte besorgt daran, daß er zwischen diesen Herren nicht an seinem Platz sei. Er nannte sie im Geists geleckt, ihr Glanz mißfiel ihm, ihm mißfielen ihre Gesichter, ihr Lächeln, ihre Worte, aber die Freiheit und- Geschicklichkeit ihrer Bewegungen, ihre Fähigkeit, über alles und viel zu sprechen, ihre schöne Kleidung, das alles erregte in ihm ein Gemisch von.Neid und Achtung ihnen gegenüber. Das Be- wußtsein, daß er nicht so leicht und so viel zu sprechen ver- stand wie alle diese Menschen, drückte ihn und machte ihn traurig, und er erinnerte sich dabei, daß Ljuba Majakiua ihn mehr als einmal deswegen ausgelacht hatte. Foma liebte Majakins Tochter nicht, und nachdem er von Jgnat von dem Vorhaben des Paten, ihn mit Ljuba zu verheiraten, erfahren hatte, begann er sie selbst zu meiden. Doch nach dem Tode des Vaters kam er fast täglich zu Majakins, und eines Tages sagte Ljuba zu ihm: „Ich schaue Dich an, und weißt Du was? Du siehst einem Kaufmann gar nicht ähnlich." „Auch Du siehst nicht wie eine Kanfmannstochter aus I" sagte Foma und blickte sie mißtrauisch au. Er begriff den Sinn ihrer Worte nicht; wollte sie ihn dadurch kränken oder sagte sie das einfach so. „Gott sei Dank!" erwiderte sie und lächelte gut und freundschaftlich. „Worüber freust Du Dich?" fragte er. „Daß wir unfern Vätern nicht ähnlich sehen." Foma blickte sie erstaunt an und schwieg. „Sag aufrichtig,"" fragte sie mit gesenkter Stimme,„Du liebst meinen Vater nicht? Er gefällt Dir nicht?". „Nicht... besonders," sagte Foma langsam. „Nun. und ich liebe ihn gar nicht." „Warum?" „Für vieles... Wenn Du gescheiter bist, wirst Du es selbst verstehen. Dein Vater war besser." „Und ob!" sagte Foma stolz. Nach diesen: Gespräch bildete sich bei ihnen fast plötzlich eine Neigung zu einander aus, die sich von Tag zu Tag ent» wickelte und bald den Charakter einer etwas seltsamen Freund- schast annahm. Ljuba war im selben Alter wie ihr Taufbruder, sie be- handelte ihn aber wie eine Erwachsene einen Knaben. HiS sprach mit ihm herablassend, zog ihn oft auf, und in ihren Reden kamen immerfort Worte vor. die Foma nicht kannte und die sie mit einem besonderen Nachdruck und mit ficht- barem Vergnügen aussprach. Sie liebte besonders von ihrem Bruder Taraß zu sprechen, den sie nie gesehen hatte, von dem sie aber aus eine solche Weise sprach, daß er den mutigen, edlen Räubern der Tante Anfissa ähnlich wurde. Oft. we>m sie sich über ihren Vater beklagte, sagte sie zu Foma: „Du wirst ein ebensolcher Filz werden." Das alles war Foma unangenehm und verletzte seine Eitelkeit sehr. Doch manchmal war sie aufrichtig, einfach und auf eine besondere, freundschaftliche Art liebenswürdig zu ihn:,' dann öffnete sich ihm ihr Herz und beide vertrauten einander lange und offen ihre Gedanken und Gefühle. Sie sprachen beide viel und innig und verstanden ein- ander nicht; Foma schien es, daß alles, worüber Ljuba sprach, für ihn fremd und für sie überflüssig sei, und zugleich sah er deutlich, daß seine ungekünstelten Worte sie nicht im geringsten interessierten, und sie dieselben nicht verstehen wollte. Wie lange eine solche Unterhaltung auch dauern mochte, so gab sie ihnen doch nichts als das Gefühl von Un- behaglichkeit und Unzufriedenheit. Eine unsichtbare Wand von Mißverständnissen schien sich Plötzlich zwischen sie zu stellen und sie zu trennen. Sie wagten nicht, diese Wand zu berühren, einander zu sagen, daß sie dieselbe fühlten, und sie setzten ihre Gespräche fort, indem sie sich dunkel bewußt waren, daß in jedem von ihnen etwas enthalten war, was sie näher bringen und vereinigen konnte. Als Foma in das Haus des Paten kam. traf er Ljuba allein. Sie kam ihm entgegen, und man sah, daß sie entweder unwohl oder verstimmt war: ihre Augen glänzten fieberhaft und waren von dunklen Ringen umgeben. Sie hüllte sich frierend in einen Shawl ein und sagte lächelnd: „Es ist gut, daß Du gekommen bist I Ich sitze hier allein, es ist langweilig, ich habe keine Lust, irgend wohin zu gehen. Willst Du Thee trinken?" „Ja. Was ist mit Dir, ist Dir unwohl?" „Geh ins Speisezimmer, ich werde den Samowar bringen lassen," sagte sie, ohne auf seine Frage zu antworten. Er ging in eines der kleinen Zimmer des Hauses, das zwei Fenster nach dem Vorgarten zu hatte. In der Mitte stand ein ovaler Tisch, der von altertümlichen Ledersesseln um- ringt war. auf einer Zwischenwand hing die Uhr in einem langen Gehäuse mit einer Glasthür, in der Ecke stand ein Glasschrank mit Geschirr, und an der Wand gegenüber den Fenstern befand sich ein Büffett aus Eichenholz, welches die Größe einer geräumigen Kammer hatte. „Kommst Du vom Festessen?" fragte Ljuba. indem sie ins Zimmer trat. Foma nickte schweigend. „Nun, war es sehr nobel?" „Furchtbar!" lächelte Foma.„Ich saß wie auf Kohlen, alle sahen wie Pfauen aus, und ich wie eine Eule." Ljuba nahm Geschirr aus dem Schrank heraus und er- widerte ihm nichts. „Warum bist Du denn heute so traurig?" fragte Foma wieder, indem er ihr düsteres Gesicht anblickte. Sie wandte sich zu ihm um und sagte voll Entzücken und Bangigkeit: „Ach, Foma l Was für ein Buch ich gelesen habe l Wenn Du das verstehen könntest l" „Es scheint ein gutes Buch zu sein, wenn es Dich so aufgerüttelt hat," sagte Foma lächelnd. „Ich Hab' nicht geschlafen. Hab' die ganze Nacht ge- lesen. Versteh' doch: man liest, und es ist, als ob sich die Thüren in irgend ein andres Reich öffneten. Die Menschen sind anders und ihre Reden und alles I Das ganze Leben.. „Ich liebe das nicht." sagte Foma unzufrieden.„Das alles ist Erfindung und Betrug. Auch das Theater. Die Kaufleute sind dort zum Spott dargestellt, sind sie denn wirklich so dumm? Natürlich! Denke einmal an den Paten." „Das Theater ist eine Schule," sagte Ljuba belehrend. „Die Kauflente waren so. Und was für ein Betrug kann denn in den Büchern enthalten sein?" „Wie in Märchen. Es ist alles nicht wie in der Wirk- lichkeit." „Du irrst Dich l Du hast ja keine Bücher gelesen,— wie kannst Du denn urteilen? Gerade in ihnen ist die Wirk- lichkeit. Sie lehren zu leben." „Aber—!" und Foma machte eine wegwerfende Hand» bewegung.„Laß das. aus Deinen Büchern wird nichts Rechtes Herallskommen! Sieh' mal, Dein Vater liest keine Bücher, und er ist gescheit I Und ich Hab' ihm heute zugesehen und Hab' ihn beneidet. Er geht mit allen mit solchem Ver- ständnis und so frei um, hat für jeden ein Wort. Man sieht gleich, daß er alles, was er will, erreichen wird." „Was will er erreichen?" rief Ljuba aus.„Nichts als Geld. Und es giebt Menschen, die für alle auf Erden das Glück erstreben, und dafür arbeiten sie, leiden und kommen um, ohne sich dabei zu schonen! Kann man mit ihnen den Vater vergleichen?!" „Du brauchst nicht zu vergleichen. Ihnen gefällt wohl das eine, und dem Paten das andre." „Ihnen gefällt nichts!" „Wieso denn?" „Sie wollen alles ändern?" „Sie mühen sich also aus irgend einem Grunde ab?" erwiderte Foma.„Sie wollen etwas?" „Das Glück für alle!" rief Ljuba erregt aus. „Nun, ich verstehe das nicht," sagte Foma kopfschüttelnd. „Wer sorgt denn für mein Glück? Und dann, was können Sie mir für ein Glück verschaffen, wenn ich selbst noch nicht weiß, was ich brauche? Nein, Du solltest die Leute ansehen, die dort beim Essen waren." „Das sind keine Menschen!" erklärte Ljuba kategorisch. „Ich weiß nicht, wer sie nach Deiner Meinung sind, man sieht aber gleich, sie wissen ihren Platz. Es sind geschickte, anstellige Menschen." „Ach, Foma!" rief Ljuba betrübt aus.„Du verstehst nichts! Dich bringt nichts in Erregung! Du hast etwas Träges in Dir." „So, jetzt geht's los! Ich Hab' mich einfach noch nicht genügend umgesehen." „Du bist einfach ohne Inhalt," erklärte Ljuba bestimmt und fest. „Du warst nicht in meiner Seele," entgegnete Foma ruhig. „Du kennst meine Gedanken nicht." (Fortsetzung folgt.» Vir koke Skndk. (Gabriele d'A»i»»izio.) Bor einem großenteils geladenen Publikum wurde das Stück d'Auuulisios im.Nene» Theater" als Sonntagsmatinee gespielt. Die Lessing-Gesellschaft hatte die Vorstellung veranstaltet, aber die Er- Wartungen, die von dieser Seite auf das Experiment gesetzt sein mochten, wurden ziemlich unbarmherzig getäuscht. Es gab keinen Theaterskandal, keinen lauten Protest, ivie neulich bei der Erst- anfführnng von d'Aniiünzios.Francesca di Rimini" in Rom; indes die stille Ablehnung, das fast völlige Ausbleiben deS Beifalls sprach deutlich genug. Und der Mißerfolg läßt sich aus keinerlei äußeren Gründen erklären. Das Publikum, in dem die Bewunderer d'Annunzios zahlreich vertreten waren, folgte der Entwicklung der Scenen mit größter Ruhe und Aufmerksamkeit. Sogar die gefähr- lichsten Stellen des Dialogs, wo das Erhabene der Diktion unwillkürlich ins Lächerliche unizuschlagen droht, wurden mit respekt- vollem Ernst entgegengenommen. Man wollte offenbar gern er- griffen werden und gab sich ehrliche Mühe. Und ebenso lvenig trifft die Schauspieler eine Verantwortung, daß die erwünschte Wirkung sich nicht einstellen tvollte. Verdorben wurde keine Rolle, und die Hauptfigur fand sogar eine Darstellung, wie sie der Dichter selbst kaum besser hätte wünschen können. Die dramatische Form, um welche dÄnnunzio mit solchem Eifer ringt, ist eben etwas dem Eigensten seiner persönlichen Beanlagung durchaus Fremdes. Sein Dichtertemperaiuent widerstrebt im innersten der konzentrierenden Verstandesknnst, mit der der wirkliche Dramatiker seine Stoffe meistert, und ebenso ividerstrebt es der nüchternen Be» obachtnng und realistisch nachbildenden Wiedergabe des psychologischen Mechanismus. Seine eigentliche Kraft— die merkwürdig originellen Romane, durch welche er weit über die Grenzen seines Vater- landes berühmt geworden, beweisen das— ist lyrischer Art. Seine Prosa ist versteckte Poesie; in langhinrollendem begeistertein Pathos, mit unerschöpflich strömender Bilderfülle besingt er immer dasselbe: Die verzehrenden Bluten einer künstlerisch ver- klärten Liebesleidenschaft, die Wälder, die Berge, das Meer und den Himmel Italiens, die majestätische Größe Roms, die Kunst der Renaissance und der Antike. Hierin ist er Meister. Jedem leisesten Wunsche der Phantasie gehorcht die Sprache. Die Worte leuchten und funkeln wie im festlichen Glänze. Freilich, am Ende betäuben und ermüden sie. In dem sich unaushörlich er- neuernden Farbenrausch verwischen sich die festen Konturen der - 7 Charaktere. Es ist, als ob in ihnen nichts als Liebcsleidenschaft, als Kunst- und Natnrempfinden existierte. Jeder andre Inhalt, der nach der käinpfenden und arbeitenden Welt der Wirklichkeit hinüber- deutet, ist in ihnen ausgelöscht. Sie verschtveben und verschivimmen in den» gleichniägig glanzenden Lichtineer, in das der Dichter sie hinein- taucht. Das Gefühl der Leere stellt sich im Fortgang der Erzählung immer stärker ein: um so mehr, da keine straffere Konipositioii, keine zielsicher fortschreitende Entivicklung die erlahmende Aufmerksamkeit festhält. Aber ivenn jene lyrische Stimmnngskunst, über die d'Annunzio als sein Eigenstes verfügt, für den Roman, in dem sie fich doch völlig frei entfallen kann, nicht hinreicht, so natürlich noch nn» vieles weniger für das Drama. Man spürt den Hauch seiner Poesie hier nur wie cius der Ferne. Dax der Dichter nicht selber reden darf, dafc er alle die feinen und zarten Eindrücke, die seine Phantasie uns»nitteilen ivill, nur durch den Mund fremder Personen und den Bedingungen des Dialogs entsprechend äuffern darf, ist eine lästige Fessel. Der an- geborene kühne Schlvung der Sprache gerät so in fortwährenden Konflikt � mit der gegebenen Situation und der ihr gemäsje», viel bescheideneren Ausdrucksweise des gewöhnlichen Lebens. Und doch, die r i s ch e n Töne, wie seltsam sie sich im Munde der sprechenden Personen manchmal arlsuehme», sind das Schönste in den Dramen, das ivas an den Dichter d'Aniiuiizio erinnert. Mehr noch wie in der.toten Stadt" trat das in der.Gioconda", dem d'Auuuuzio-Draina, das die Trrippe der Dnse hier vor einem Jahre aufführte, hervor. Es gab da Schilderungen, die sich an Kraft der Anschauung mit den schönsten Stellen ans den Romanen meffen konnte». Aber nn» so übler sticht von diesem Feineu und Zarten dann die ganz äußerliche Geivaltsamkeit der«Handlung" ab, der krasse Effekt. zu welchen» er, wo die tiefere Kunst der psychologischen Entivicklung ih»»» versagt ist. seine Zuflucht nimmt. Der armen Silvia in der«Gioconda"»verde» im Streit mit einer Nebenbuhlerin durch eine fallende Statue die Hände abgequetscht, und Bianca Maria in der«Toten Stadt" wird zur Erhöhnng der Tragik gar von einem halb verrückten Bruder in der Quelle des Perseus ersäuft.— Die«Tote Stadt", das ist der Trümmerhaufen des goldreichcn Mhkene, in der drirstigeu Ebene von Argus. Dort, in einer ein- sameu Villa Ivohut Alesfandro mit seinem wunderschöne»», plötzlich erblindeten Weibe Au»ia und das Geschlvisterpaar Bianca Maria und Leonardo. Alessandro ist ganz dieselbe schlvankende und egoistische Mannesnatur,»vie Lricio Setlala in der«Giocanda". Er weiß, mit wie unendlicher Hingabe sein Weib an ihm hängt, daß sie nicht leben kann ohne ihn, und er weiß auch, daß die wunderbare Fcinsühligkeit der Blinden jede Untreue rasch erraten ivird. Aber seine Leidenschaft wirft alle Bedenken zu Boden. Widerstandslos ergiebt er sich dem Zauber der jugcudfrisch erblühenden, seiner Frau aufs engste befreundeten Maria Bianca. Wie Lucio die Giocanda. in deren herrlichen» Körper er alle Träume seiner Phaiitafie verivirklicht findet, als Künstler braucht,»vie er ein Versiegen seiner schöpferische» Kräfte fürchtet, Ivenn er nicht diese prangenden Formen innner»vieder in Marmor nach- bilden kann,'o meint ailch Alessandro eine Art von Künstlerrecht auf Marias Biancas Liebe zu haben. Nur in der Verbindung mit ihr, in der er das Bild altgriechischer Anniut verehrt,»werde er die Schlvingen seiner Dichtung frei entfalten können. Nicht diese Liebe— die Figur des Alessandro bleibt ganz im Uirbedeuteuden stecken— Ivoht aber der Reflex derselben in der Seele der Blinden ist das menschlich Interessante in diesem Drama. Das Weib Alessandros ist. gleich dcrSilvin in der„Giaconda", eine stille, edle Dulderin, nur noch rührender und größer»vie diese. Als ihre bangen Zlveifel zur Geivißheit iverden, da will sie aus den, Leben scheide», aber ohne Groll gegen die Fmindin und den geliebten Mann. Der Tod. der sie von aller Qual erlösen ivird, soll jene beiden, die sröblichcn, jungen und gesunden, von dem lebendigen Gespcnste, das sich ihrem Bunde so laug entgegenstellte, befreien. In ihre schmerzlich entsagende Liebe mischt sich kein Tropfen eifersüchtigen Hasses. Eine weiche und zugleich erhabene Stimmung geht von ihr aus. Der erste Akt, der in vielerlei feinen Zügen sich um diese Haupt- gestalt heruuigruppiert, erweckte eben darum bedeutende Er- Wartungen. Aber dann liefen von Akt zu Akt die Fäden immer verworrener durcheinander. Leonardo, der Bruder Biancas Marias, leitet die Ausgrabungen in der„toten Stadt". Endlich ist da« große Werk ge- lungen, ein Grabgelvölbe bloßgelegt, wo»nit goldenen» Schmuck be- deckt, mit Schilden und Schlvertern vermoderte Griecheuleicheu ruhen. Ein Fund von unschätzbaren» Werte. Er glaubt in den Gestalten die Helden der alten Sage wiederzu- erkennen. In fiebernder Extase stürzt er zu den Freunden. und mit allen» Pomp einer echt d'Annunzioschen Rede wird ihnen das Große verkündet. Die Arbeit in dem glühenden Sonnenbrand scheint seine Kraft gebrochen zu haben, seine Knie wanken, Gehirn und Augen schmerzen ihn. Schon denkt man, die«tote Stadt" solle fich an dem Störer ihrer Ruhe rächen, und ihn von der Höhe seines Ruhmes ins Grab hiuabziehen. Aber plötzlich schlägt der Wind um. Von der„toten Stadt" ist nicht weiter die Rede, Leonardos Krankheit fließt aus einer andren Quelle. Wie aus der Pistole geschossen komint im zlveiten Akte sein Ge- ständnis, daß er»nit einer widerwärtigen Begierde, die der Anblick der eignen über alles verehrten Schwester in ihm»veckt, Tag und Nacht zu ringen habe, und daß dieser innere Kampf seine Kräfte 5 verzehre. Diese Beichte legt er vor Alessandro ab, nicht ahnend, daß dieser selbst in Liebe zu Bianca Maria entbrannt ist. Erst aus einigen Worten, welche die blinde Gattin Alessandros an ihn richtet, erfährt er davon. Je besudelter er sich selber erscheint, um so unerträglicher ist ihm der Gedanke, daß die Schwester ihre Reinheit je verlieren könne. Sie muß ihm schlvören, Alessandro zu entsagen.— Der letzte Akt ist eine Totenklagc. Leonardo, durch den Schwur noch nicht befriedigt, hat die Schivester in die Wasser der Perseusqnelle hiuabgestoßen. Er und Alessandro knien vor dem Leichnam,>md die Blinde, die in furchtbarer Ähnung heran- tastet, ivird an den» Leichnam der geliebten Freundin plötzlich sehend. Mit einem Schrei bricht sie zusammen, und— derVorhang fällt. Nichts ist hier mit überzeugender Seelenlunst eutivickelt, alles gewaltsam herbcigezerrt. Auch an jeder symbolistischeil Vertiefung, die Über die Mangelhaftig- keit der Psychologie vielleicht hätte himveghelfen könen, fehlt es. Was hat die Begierde und die Wahnsinnsthar des Leonardo mit der«toten Stadt" oder mit der Opferthat, die die Blinde vollbringen wollte, zu thnn? Wo sind hier geheimnisvolle Zusammenhänge, denen nachzusinnen, sich irgendwie verlohnen»vürde? Weit flattern die Fäden, die der Dichter zur Einheit hat verbinden»vollen, auseinander. Die großen Worte verstärken nur noch den Eindruck peinlicher Zer- fahrenheit. Vortrefflich war in der Aufführung R o s a B e r t e n s, die die blinde, entsagende Gattin des jungen Alessandro gab. Keiner der stimmungsvollen Züge, mit denen der Dichter diesen»veiblichen Charakter ausgestattet hat, ging hier verloren. Die Schauspielerin brachte die höchste Sensibilität der Nerven, ivenn sie lauschte und tastete, mit eben solcher Sicherheit zum Ausdruck, wie das schöne ruhige Gleichmaß dieser gefaßten Seele. Etivas Feierliches und doch ein freundlich liebenswürdiger Schein war über die ganze Figur ge- breitet. Den Alessandro spielte Herr Böttcher, die junge Bianka Maria Fräulein Sophie Wach n er. Des Unglücksmenschen Leonardo hatte sich Max Pohl vom Schauspielhanse angenominen. Aber selbst seinem reichen Können gelang es nicht, die für diese pathologische-exaltierte Person, die in den» Stücke selbst nur mit ganz verschivommcnen Striche» gezeichnet ist, irgend ei» stärkere? Jntereffe zu eriveckcn.— Conrad Schmidt. Kleines Isenillelon. rc. Ein Specialist für das perpetiaum mobile. Für die betrübende Thatsache, daß die Bekainitschaft selbst mit den fl»n» damentalsten Naturgesetzen noch lange nicht Gemeingut ist, stellt einen schlagenden Beiveis dar, daß eS noch immer Leute giebt— und zwar nicht»venige, worunter manchmal anschlägige Köpfe—, die Fleiß. Zeit und Geld an die Sisyphusarbeit verschivenden,' das sogenannte korpotuum mobils zu erfinden, d. h.«inen mechanischen Apparat, der ohne Krafizufuhr von außen her im stände sein soll, beständig in Gang zu bleibe» und Krastleistnngen zu vollbringen. Erfreulich ist immerhin, daß die Ueberzeugung von der Unvereinbar- keit dieser fixen Idee mit den nnwandelbaren Naturgesetzen heute un- endlich verbreiteter ist, als vor noch gar nicht so weit zurückliegender Zeit. Ist es doch keine zwei Jahrhunderte her, daß Zar Peter I. in» Namen des nisfischen Reiches allen Ernstes einen erklecklichen Preis aussetzte auf die Erfindung des xsrxetuum mobile(1713). Zur sesben Zeit war auch ein deutscher Landcsvater ein eifriger An- Hänger dieser wissenschaftlichen Verirrung. Der Landgraf Karl von Hessen-Kassel(1670— 1730) wird in der Geschichte der Technologie geivöhnlich rühmlich envähnt»vegcn der Protektion, die er den, großen Franzosen Denys Papin, dem'Konstrukteur des ersten, von den nn- »vissenden Weserschiffern zerstörten Dampsbootes, angedeihen ließ. Daß er aber»vegen des einen Falls doch nur jenem sprichlvörllichen blinden Hnhn zu vergleichen ist, das auch eiumnl ein Körnchen findet, daß dieser Potentat, der zu den'iinangeuehmsteii Vertretern des deutschen Sonnenfürsteiitnms zählt und als der verschwenderische Erbauer von Wilhel>„shöhe berüchtigt ist, auch als Mäcen nicht von lauteren», zielbelvnßtcm Wissensdrang geleitet war, beweist am besten sein plumper Hereinfall auf einen raffinierten Ganner. der ihn mit dem perxetuum mobile beglückte. Der Jndustrieritter, der den Landgrafen Karl als leicht zu fällendes Qpfer ausbaldowerte, Johann Ernst Elias Beßler oder mit feinem nachherigen Spitzbubennamen Orffyre,»var ein heller Sachse aus der Gegend von Zittau(geb. 1680). Nach buntbeivegteu Jugend- schicksalen, aus denen der vollständige Besuch des Zittauer Gymnasiums hervorzuheben ist, verlegte er sich auf das berufS- mäßige Erfinden und suchte sich bald als besondere Specialität das Vielgeivüuschte Perpetuum mobile aus. Nachdem er durch eine Wunderkur zweifelhaften Charakters die Hand der vermögenden Jungfer Schumann in Annaberg ergattert hatte, konnte er sich ganz seiner Lieblingsidee widinen und brachte, zuerst im Jahre 1712, zu Gera ein Perpetuum mobile zur Ausstellung, das 2Vs Leipziger Elle» im Durch« »neffer hatte, 4 Zoll dick»var und etliche Pfund heben konnte, bald aber auf 5 Ellen und 6 Zoll Dicke vergrößert wurde, in der Minute fünfzigmal umlief und 40 Pfund einige Klafter hoch hob. Hiermit nicht zufrieden, zerschlug er den Apparat und baute einen neuen von 6 Ellen Durchmeffer, der ain 31. Oktober 1715 in Merseburg von einer herzoglichen Sachverständigen-Koiuinission geprüft»vurde. Die Expcvtcu f.,»de» alles i» schöuster Nichtigkeit mid stellte» ihn, ei» günstiges Zeugnis ans. Dagegen äusterte» sich einige Miteefinder auf dem»ämiichc» Gebiet abfällig. Ein Leipziger Advokat meinte, es müsse ein verkleideter Bratenwender in der Maschine stecken, und ein andrer Neider stellte gar die freundliche Anfrage, ob er als Christ auf die Erfindung gekommen und sie ihm nicht durch böse Geister eingegeben sei. Das war natürlich blasser Brotneid: Befilcr- OrffyrS hatte näinlich bei der groszen Zahl der zuströmenden Neugierige», die sein Mach- werk besichtigten, eine Büchse für die Armut mit ausgestellt i deren Verkörperung war aber er selber. Unlauterer Wettbewerb des Mcrse- bnrger Magistrats, der die ausgestellte Erfindung mit 6 Pf. Accise besteuerte,'brachte den arme» Entdecker zu dem Entschlüsse, seinen Apparat zu zerstöre»: vorher ließ er jedoch einen„Gründlichen Be- richt von dem glücklich invcntiertcn perxewo mobiU, nebst dessen accnrater Abbildung" sLeipzig. 1713, 4� ausgeben. Bcßler wuchs jetzt mit seinen höheren Zwecken. 1716 siedelte er nämlich an den Hof des Landgrafen Marl von Hessen-Kassel über. Im Schloß Weißenstei» stellte er' ein neues perpetnum mobile aus. Das Dings lief nun in einem mit Wachen besetzten Gemache seit dem 2. November 1717 beharrlich mit solchem Erfolge, daß der Landgraf am 27. Mai 1718 dem genialen Erfiuder ei»„Attestat" ausstellte des Inhalts, die Maschine sei in Karls und seiner Minister Gegen- wart ziveimal 6 Wochen laug verschlossen, Thiif und Fenster versiegelt worden und die Maschine doch, bei Wiedereröffnung des Zimmers, immer noch in ihrem alten,»»unterbrochen Motu iBe- wegung) befunden. Das hatte für Beßlcr die angenehme Folge, daß er zum Kommerzienrat ernannt und zu KarlShafen mit Haus und Hof ausgestattet ward. Er gewann dadurch den nötigen Mut, in Leipzig 1718„Nene Nachrichten" über seine„kuriose und wohl- bestellte Lauff-Perle" erscheinen zu lassen und gleichzeitig gegen die böswilligen Nörgler, die„ans Ziveifel der Nichtigkeit des psrxetui mobilis' eine Wette von 1006 Thalern ziemlich höhnisch ans- geboten", seinerseits einen Preis von 10 000 Ncichsthalern für den Widerleger ansznsetzcn. Um den vom Zaren Peter ausgeschriebenen Preis bewarb er sich übrigens bescheidentlich nicht, tind es traf sich merkwürdigerweise, daß allemal, wenn eine Untersuchung seiner Er- findlNig durch Sachverständige bevorstand, entweder die Maschine Neparatnren halber zerlegt oder er selber krank tvar. Weibliche Schlvatzhaftigkcit wurde der phänomenalen Entdeckung verderblich. Das Dienstmädchen Anna Rosine Manersberger konnte es, nachdem sie ihre langjährige Stellung bei Beßlcr verlassen, trotz wiederholter feierlicher Eidschwüre nicht übers Herz bringen, das interessante Geheimnis bei sich zu behalte», daß' sie selber oftmals und zwar häufig ganze Nächte hindurch mittels geheimer Berbindnng von einem Nebenzimmer aus das vermeintlich sclbstthätige pörpetuurn mobile gedreht habe: gegen 2 Groschen Lohn pro Drehstnndc. Es stellte sich dann iveiter heraus, daß Beßlers Frau auch gedreht hatte, und sei» Bruder hatte sich, nachdem er ein hübsches Sümmchen erorgelt hatte, nach England aus dem Staube gemacht. Er traute jedenfalls dem Frieden nicht. Indessen tvnrde Beßler kein Haar gekrümmt. Er ist nach weiteren epochemachenden Ideen gleiche» Kaliliers Anno 1743 im Besitze seines redlich erworbenen Gutes und Konnuerzienratstitels gestorben: die landgräflich hessische Regierung hatte halt kein Interesse daran, zu verraten, daß sie trotz göttlicher Begnadung zu den Personen gehöre, die nicht alle Iverden.— — Knisel contra Kniscl. Man schreibt der„Frankfurter Zeitung": »Nach einer vom„Herborner Tageblatt" veröffentlichten Probe ivar bei herzoglich n a s s a u i s ch e n Behörden um die Mitte der vierziger Jahre ein Verkehrston üblich, dessen tvohlthnende Sachlich- keit und Kürze mit unsrem berüchtigten„Amtsdeutsch" nichts zu thnii hatte. Es handelte sich in dem mitgeteilten Falle um die Be- schwerde eines Herborner Fabrikanten, der einen Dorfschulzen für einen R a d b r n ch ivegen schlechter Beschaffenheit des Weges Haft- bar machen ivollte. Auf Grund der Bcschtverde erließ der in der Sache fungierende Amtmann K n i s e I folgende Verfügung: „Der Schultheiß W e y e l zu Schönbach hat innerhalb 3 Tagen auf seine Kosten dem pp. Kempf ein neues Wagenrad machen zu lassen, außerdem sind Sie in eine Strafe von 3 fl. verfallen. Herzogt. Amt: Knisei." Der Schultheiß replizierte:„Ich lasse dem Kempf das Rad nicht machen nnd bezahle auch keine Strafe. Weyel, Schultheiß." Der Amtmann:„Oho! Wieso? Knisel." Der Schultheiß:„Bei der Einteilung der Wege wollte ich den Weg nach Amdorf als Vicinalweg gebaut haben, der damalige A m t nl a u n hat aber kurzweg entschieden, das bleibt ein Ver- biudnngsiveg. W e y e l, Schultheiß."— Der A m t m a n n:„Was ivar das für«in Amtnrann? K n i s e l." Der Schultheiß:„Der Amtmann Knisel. Weyel, Schultheiß." Der Amtmann:„Ganz recht. Sie brauchen dem Kenipf das Rad nicht machen zu lassen. Die Strafe ist erlassen. Knisel."— Mnsik. Was wohl in der Musikgeschichte das nächste Schicksal der Violin- wnate und ähnlicher Kanimermnsik sein wird? Die Einen mißachten sie überhaupt, wie de»» Richard Wagner von derlei, znnial wegen der angeblichen Ilnvereinbarkeit des Klaviertones und des BiolintoneS nicht viel tviffen ivollte: das moderne Interesse richtet sich auf andre Kunstarten als auf diese, so daß sie auch in der Stilentwicklung zurückbleibt(während in ihr sogar mehr Beweglichkeit steckt, als in manch Andrem), nnd in dem allbeliebten nnd einseitig bevor- zugte» Ausschnitt aus der Musikgeschichte, in der Linie von Beethoven bis Brahins, sind die Violinsonaten(gar nicht zu reden von den Violin- Konzerten) so spärlich' gesät, daß man bald um sie'rinn ist. Auf vernachlässigte Bekannte der älteren Zeit. auf Corclli und andre ihm ähnliche,' auf Mozart mit seinen 42, Dnsfek mit seinen 30 Violinsouaten usw. zurückzugreifen scheint meistens als kindisch verabscheut zu werden: und die würdige Auf- gäbe des Hervorbolcus Unbekannter— ich erinnere mir an Johann Stamitz(1711—1757) nnd andre„Mannheimer", die jetzt H. Riemann bekannt macht— würde wohl mehr Sclbsteutäußerung verlangen, als unsren reproduktiven Künstlern eigen zu sein Pflegt. Geben aber solche Künstler eine»„bloßen" Sonaten-Abend, so ist das schon viel; er verlangt eben ein eigenes Publikum. Ein solches reichte am neulichcn Freitag kaum ans, den kleinen Bechstein- «aal zu füllen, als die gegenwärtig berühmteste Violinistin, Wilma Reruda, mit Friedrich Gernsheim einen derartigen Sonaten-Abend(mit Ankündigung eines ziveiten für den 28. Februar) veranstaltete. Der G-dur Sonate op. 78 von Brahms folgte die O-moU-Sonate op. 121 von Robert Schumann— eine Zusammen- stcllnug, die wahrlich zeigen konnte, was ein so temperamentvolles Erklingen wie bei Schumann vor der kühlen, wenn auch noch so kunstvollen Factur eines Brahms voraus hat. Am Schluß kam Beethovens vielgespiclte G-moU-Sonate op. 30/11. Frau Neriida ist in der That eine Meisterin, die hören zu dürfen jeder Musikfreund froh sein kann. Ihre Stärke liegt wohl in der Kunst, mit der sie Ivahrhaft schöne Klänge nicht nur— gleich Sarasate— überhaupt hervorbringt, sondern in den Dienst der Gesamtwirkung stellt, und selbst das kräftigste Loslegen verderbt nichts von jener Schönheit. Was sonst dem Spieler an Ansdrucksmittelu zu Gebote steht, namentlich die temperamentvolle Bewegung innerhalb der einzelne» Formglieder. ist ihre Sache weniger. Noch weniger ist dies die Sache Professor Gernsheims. Daß wir ibm aber nicht unrecht thnn: er legt manchmal in seinen Vortrag sogar Ausdruck hinein. Besonders gerne dorthin, wo es sich um Untergeordnetes handelt. Wie manche Menschen den Anläufen und kleinen Hilfsmitteln zu etwas Wichtigem eine Riesenbedcntung beilege», so accculuiert Gernsheim bisweilen eine» Auftakt derart, daß man rein glauben muß. es nahe ein Weltslnrz. Gegenüber seiner sonst so vollendeten Beherrschung des Klaviers fällt manchmal ein„Mauscheln" ans, d. h. ein Nach- einanderspielcn von gleichzeitig zu spielenden Tönen— z. B. im 2. Satz jenes Beethoven: sollte das auf eine Unfähigkeit des Hervor- Hebens der Melodie zurückgehen? In demselben Satz bitte ich beide Spieler, die Takte mit den 128stel Septolen nochmal anzn- sehen, damit diese Takte nächstens nicht gar zu— ausdrucksvoll frei herauskommen.—' sz. Humoristisches. — Bürgerball. Mutter:„Das ist Ihr Glück, Herr Schatte, daß' Sie endlich mein Gustchen zum Tanz auffordern. Sonst hätten wir die längste Zeit das Petroleum bei Sie ge- kauft."— — Belehrung. Offizier(zum Burschen):„Wie kommst Du dazu, das Pferd ein Sauvieh zu nennen? Das Pferd ist ein edles Tier, Du Rindvieh!"— — Auf der Probe. Theater direkter:„Mein Fräu- lein, bringen Sie. bitte, diese etlvas schlüpfrige Stelle ganz diskret, ohne breite Betonung; ein sittliches Publikum findet die Unanständig- leiten gern selbst."—(„Siinplicissimns.") Notizen. — Erich S ch l a i k j e r s Komödie„DesPastors Nieke" hatte bei der Erstaufführung im Dresdner Schauspiel- hause einen guten Erfolg.— — Marx Möllers Märchendrama„Mutter Anne" Ivird gegen Ostern im Berliner S ch a n s p i e l h a n s e die Erst- aufführung erleben.— — Die„Neue Bühne" bringt am 3. Februar, nachmittags. im Neuen Theater Herbert Eulenbergs Draina „Münchhausen" als erste Vorstellung.— — Das Trianon-Theater hat schon wieder einen neuen Geschäftsführer in G. I o s e p h s o h n erhalten. Die k ü n st- lerische Leitung haben Musikdirektor Theodor Gerlach nnd Oberregissenr Max L a n r e n c e übernommen.— —„Der Clown", ein Versspiel von Hans Bethge, kommt in dieser Woche am Alexanderplatz-Brettl zur Auf- führuug.— — Franz S k a r b i n a ist ans dem Verbände der Berliner Secession ausgeschieden.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Lei». in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.