Hlnterhaltungsblatt des Horivärks fix. 20. Mittwoch den 29 Januar. 1302 �Nachdruck verbotene 201 Font« Golrdjejett». Romnn von M a xi m G o r ki. Deutsch von Klara Brauner „Woran kannst Du denn denken?" sagte Ljuba zu Foma und zuckte die Achseln. „So I Erstens bin ich allein. Zweitens muß ich leben. So wie ich jetzt bin, kann man nicht leben— versteh' ich das denn nicht? Ich will von den Leuten nicht verspottet werden. Ich kann mit ihnen nicht einmal sprechen. Ich versteh' auch nicht zu denken," schloß Foma seine Auseinandersetzungen und lächelte verlegen. „Man muß lesen, man muß lernen," riet Ljuba ein- dringlich, indem sie im Zimmer herumging. „In meiner Seele bewegt sich etwas," sprach Foma weiter, ohne sie anzusehen, wie zu sich selbst,„doch ich kann es nicht verstehen. Ich sehe, daß alles, was der Pate spricht, sachlich und gescheit ist. Doch das lockt mich nicht. Jene Menschen sind mir viel interessanter." „Die Aristokratie?" fragte Ljuba. «Ja." „Dort bist Du auch am rechten Platz I" sagte Ljuba. verächtlich lächelnd.„Ach Du I Sind das denn Menschen? Haben sie eine Seele?" „Woher kennst Du sie? Du bist doch niit ihnen nicht be- kannt." „Und die Bücher? Habe ich denn nicht gelesen?" Das Mädchen brachte den Samowar, und das Gespräch wurde unterbrochen. Ljuba goß schweigend den Thee auf. Foma schallte sie an und dachte an Mcdinskaja. Mit ihr würde er gern gesprochen haben. „Ja— a," begann dasjinige Mädchen sinnend,„ich überzeuge niich mit jedem Tag mehr davon, daß es schwer ist zu leben. WaS soll ich thun? Heiraten? Wen denn? Einen Kaufmann, der das ganze Leben hindurch die Menschen ausrauben, trinken und Karten spielen wird? Einen wilden Menschen? Ich will nicht I Ich will eine Individualität bleiben, ich bin eine, denn ich verstehe schon, wie schlecht das Leben eingerichtet ist. Soll ich stusieren? Wird niich der Vater denn fortlassen? Mein Gott! Soll ich fliehen? Dazu reicht uiein Mut nicht aus. Was soll ich denn thun?" Sie preßte die Hände zusammen und senkte den Kopf über den Tisch. „Wenn Du wüßtest, wie ekelhaft alles ist I Keine lebende Seele ist um mich hcruln. Seit die Mutter tot ist, hat der Vater alle fortgejagt. Manche sind fortgegangen, um zu studieren. Lipa ist fort. Sic schreibt mir:„Lies." Ach, ich lese! Ich lese!" rief sie mit Verzeiflnug in der Stimme aus, schwieg eine Weile mid sprach traurig weiter: „In den Büchern giebt es das nicht, WaS das Herz braucht, und ich verstehe vieles darin nicht. Endlich lang- weilt es mich, es langweilt mich, immer allein, ganz allein zu lesen! Ich will mit einem Menschen sprechen, und es giebt keinen! Ich kann es nicht ertragen. Man lebt nur einmal; es ist schon Zeit zn leben, und es ist noch immer memand da, niemand! Wozu soll ich leben? Lipa sagt:„Lies, dann wirst Du's verstehen". Ich will Brot, und sie giebt mir einen Stein. Ich verstehe, was nötig ist; es ist nötig, das zu ver- teidigen, was man liebt, woran man glaubt, man muß kämpfen." Und beinahe stöhnend schloß sie: „Ich bin aber allein! Mit wem soll ich kämpfen? Es giebt reine Feinde, keine Menschen l Ich lebe ja im Ge- fänguis!" Foma hörte ihr zu, indem er die Finger seiner Hand genau musterte, er hörte einen großen Schmerz in ihren Worten, doch er verstand sie nicht. Und als sie bedrückt und traurig schwieg, fand er nichts, was er ihr hätte sagen können, als die Worte, die einem Vorwurf ähnlich sahen: „Du sagst ja selbst, daß die Bücher Dir nichts wert sind, und mir rätst Du zu lesen." Sie blickte ihm ins Gesicht und in ihre»! Augen flammte Zorn auf. „O, wie sehr wünsche ich, alle jene Qualen, mit denen ich lebe, möchten in Dir erwachen, daß auch Du, wie ich, die Nächte vor Gedanken nicht schläfst, und Dir alles verekelt wird, und daß Du selbst Dir verekelt wirst! Ich hasse Euch alle, ich hasse Euch!" Sie blickte ihn mit hochrotem Kopf so zonng an und sprach so boshaft, daß er erstaunt und nicht beleidigt wau Sie hatte noch nie so mit ihm gesprochen. „Was hast Du?" fragte er' sie. „Auch Dich hasse ich. Du, was bist Du? Du bist tot und leer, wie wirst Du leben? Was wirst Du den Menschen geben?" fragte sie halblaut und mit einer gewissen Schaden- freude. „Nichts werde ich ihnen geben, sie sollen sich nur selbst bemühen," erwiderte Foma und er wußte, daß er sie durch diese Worte noch mehr erzürnen würde. „Du Unglücklicher!" rief das Mädchen verächtlich aus. Die Bestimmtheit und Kraft ihrer Vorwürfe zwang Foma unwillkürlich, ihren bösen Worten zuzuhören; er fühlte einen Sinn darin. Er rückte ihr sogar näher, doch entrüstet und zornig, wie sie war. wandte sie sich von ihm ab und schwieg. Es war noch hell auf der Straße, und aus den Linden- zweigen vor den Fenstern lag noch der Wiederschein des Abendrots, aber das Zimmer war schon von der Dämmerung erfüllt, und das Büfsett, die Uhr und der Glasschrauk, die von ihr umschleiert waren, erschienen gleichsam vergrößert. Der riesige Pendel sah jede Sekunde aus dem Glas des Ge- häuses heraus, und nachdem er matt aistgeleuchtc� hatte, ver- steckte er sich mit einem dumpfen, müden Laut bald rechts, bald links. Foma blickte ans den Pendel, und ihm wurde langweilig und unbehaglich zu Mute. Ljuba erhob sich und zündete die über dem Tisch hängende Lampe an. Ihr Gesicht war bleich und streng. „Du hast mich angefahren," begann Foma zurückhaltend, „weswegen? Es ist mir unverständlich I" „Ich will nicht mitDir sprechen!" nnllvortete Ljuba unUürsch. „Das ist Deine Sache. Aber doch, was habe ich deu» verbrochen?" „Du?" „Ja. ich." „Versted doch, ich kann nicht atmen! Ich kann mich nicht bewegen. Ist das denn ein Leben? Lebt man denn so? Wer bin ich? Esse das Gnadenbrot beim Vater, er behält mich der Wirtschaft wegen,— dann heiraten— wieder die Wirtschaft! Das ist ein Sumpf. Ich ertrinke, ich ersticke." „Was habe denn ich damit zu schaffen?" sragte Fvma, „Du bist nicht bester als die andern." „Und darum bin ich schuldig vor Dir?" „Du bist schuldig I Du mußt besser sein wollen." „Will ich es denn nicht?" rief Foma aus. Ljuba wollte ihm darauf etwas antworten, doch in dem Augenblick ertönte irgendwo ei» Läuten, und sie sagte halb- laut, indem sie sich auf die Stuhllehne zurücksinken ließ: „Der Vater." „Ich würde nichts dagegen haben, wenn er mit dem Kommen noch gewartet hätte," sagte Foma.„Ich habe Lust, Dir noch zuzuhören, das ist gar so interessant." „Ah! Meine Kinderchen, meine Täubchen!" rief Jakow Tarossowitsch aus, der jetzt in der Thür erschien.„Ihr trinkt Thee? Gieb mir auch welchen, Ljuba!" Süß lächelnd und sich die Hände reibend setzte er sich neben Foma, stieß ihn scherzend in die Seite und fragte: „Wovon habt Ihr gegirrt?" „So... von allerlei Dummheiten," antwortete Ljnba. „Frage ich denn Dich?" sagte der Vater mit einer Grimasse.„Sitz' und schweig bei Deiner Weiberarbeit." „Ich Hab' ihr vom Festessen erzählt," unterbrach Foma den Paten. „Ah I So... Nim, ich werde auch vom Essen sprechen. Ich Hab' Dich dabei beobachtet. Du benimmst Dich un- vernünftig." „Das heißt wieso?" sragte Foma und zog unzufrieden die Brauen zusammen. „Das heißt, ganz einfach unvernünftig, das ist alles. Zum Beispiel der Gouverneur spricht zu Dir, und Du schweigst." „Was soll ich denn zn ihm sagen? Er sagt, daß eS ein Unglück sei, den Vater zu verlieren... nun, das lveiß ich ja. Was kann man ihm daraus sagen?" „Da cS mir von Gott auferlegt ist, murre ich nicht, Excelsenz." Das hättest Du sagen sollen, oder etwas Aehn» liches. Die Gouverneure lieben sehr die Demut in einem Menschen, mein Lieber." „Soll ich ihn denn wie ein Schaf anstarren?" sagte�Foma lächelnd. ,,Dn hast wie ein Schaf dreingesehen,— das solltest Du nicht. Man mnß iveder ein Schaf noch ein Wolf sein, sondern man muß ihm das so vormachen:„Ihr seid unsre Väter, wir sind Eure Kinder. Da wird er gleich windelweich werden." „Wozu braucht man das?" „Auf jeden Fall. Ein Gouverneur kann einem immer nützen, mein Lieber." „Was wollt Ihr ihm beibringen, Vater!" sagte Ljnba leise und entrüstet. „Was denn?" „Leisetreterei..." „Das ist nicht wahr, Du gelehrte Närrin I Ich will ihm Politik beibringen und nicht Leisetreterei,— die Politik des Lebens... Geh lieber! Wende Dich vom Bösen ab und mache uns einen Imbiß zurecht. Geh' mit Gott!" Ljuba erhob sich schnell, warf das Thcehandtuch ans den Händen ans die Stuhllehne und ging. Der Vater sah ihr mit zusammengekniffenen Augen nach und begann: „Ich Coerde Dein Lehrer sein, Foma. Ich»verde Dich die richtigste, wahrste Wissenschaft und Philosophie lehren, und wenn Du es begreifst, wirst Du ohne Fehler leben." Foma sah,»nie sich die Furchen auf der Stirn des Alten bewegten, und sie erschienen ihn» den Zeilen der altslawischen Schrift ähnlich. „Vor allem, Foma, tvenn Du schon auf dieser Erde lebst, hast Du die Pflicht, über alles, was um Dich vorgeht, nach- zudenken. Weshalb? Damit Du von der Unvernunft nicht selbst leidest, und durch Deine Dummheit die Menschen nicht schädigst. Jetzt noch eins: Jede menschliche An- gelcgcnheit hat zwei Gesichter, Foma. Eins ist allen ficht- bar, das ist das falsche, das andre ist versteckt, und das ist das richtige. Dieses muß man finden können, um den Sinn der Sache zu verstehen... Zum Beispiel die Nacht- asyle, die Arbeits- und Versorgungshäuser und ähnliche solche Einrichtungen. Ucberleg Dir, wozu sind sie da?" „Was ist denn da zu überlegen?" sagte Foma mißmutig. „Das w eiß ja ein jeder... für die Arme», Kranken." � „Ach, Bruder! Manchmal weiß jeder, daß ein gewisser Mensch ein Schurke und ein Schuft ist, und trotzdem nennen ihn alle achtungsvoll Jwa» oder Pjotr und fügen den Namen des Vaters hinzu..." „Wo soll denn das hinaus?" „Das gehört alles zur Sache. Du sagst also, daß diese Einrichtungen für Arme und Bettler da sind, al'so zur Erfüllung des Gebotes Christi. Gut I Und wer ist ein Bettler? Der Bettler ist ein Mensch, der durch das Schicksal genötigt wird, uns an Christum zu erinnern, er ist der Bnider des Heilands, er ist seine Glocke und läutet ins Leben, um unser Gewissen zu wecken und die Sattheit des nienschlichen Fleisches auf- zurütteln... Er steht vor dcni Fenster und singt: Um Christi willen! und durch dieses Singen erinnert er uns an Christum, an sein heiliges Gebot, dem Nächsten zu helfen... Doch die Menschen haben ihr Leben so ein- gerichtet, daß sie die Lehre Christi unmöglich erfüllen können, und Jesus Christus ist für uns ganz überflüssig geworden. Nicht einmal, sondern hnnderttansendmal haben wir ihn kreuzigen lassen, doch wir können ihn: noch immer nicht aus dem Leben vertreiben, so lange seine armen Brüder auf den Straßen seinen Nanien singen und uns an ihn erinnern... Und da haben»vir uns jetzt etlvas ausgedacht: wir sperren die Bettler in abgesonderte Häuser, dnnüt sie nicht über die Straße gehen und unser Gewissen nicht wecken." „Das ist gut ausgedacht!" flüsterte Foma erstaunt und starrte den Paten mit weit offenen Augen an. „Na also!" rief Majakin aus, und seine kleinen Augen leuchteten triumphierend. „Wieso ist denn der Vater nicht draufgekommcn?" fragte Foma unruhig. „Warte nur! Höre zu, weiter ist's noch schlimnier. Wir sind also darauf gekommen, sie in verschiedene Hänser einzu- sperren, und damit uns ihr Unterhalt nicht zu viel kostet, zwingen wir alle die Alten und Kranken zu arbeiten... Wir brauchen jetzt kein Almosen zu geben, und nachdem wir «nsre Straßen von den: Lumpenpack gesäubert haben, sehen 8.~-- wir das entsetzliche Elend und Leid nicht mehr und können also glauben, daß alle Menschen auf Erden satt, beschuht und bekleidet sind... Dazu sind also diese verschiedenen Anstalten da, zur Verbergung der Wahrheit sind sie da. zur Vertreibung Christi aus unserm Leben! Ist das klar?" „Ja— a!" sagte Foma, der von der gewandten Rede des Alten betäubt war. „Und doch ist das noch nicht alles... Die Pfütze ist noch nicht bis auf den Grund ausgeschöpft!" rief Majakin aus, indem er begeistert die Hand in der Luft schwang. Die Furchen auf seinem Gesicht zuckten, die lange Raub- tiernaie bebte, und die Stimme hatte Töne der Begeisterung und Rührung. „Wollen wir jetzt die Sache von einer andern Seite betrachten. Wer giebt am ineisten für alle die Hänser, Asyle und Anstalten zum Nutzen der Armen? Die Reichen, die Kaufleute, unsre Kaufmannschaft... Gut! Und wer führt das Kommando im Leben und teilt es ein? Der Adel. die Beamten und allerlei Menschen, die nicht zu uns gehören. Von ihnen kommen auch die Gesetze, die Zeitungen und die Wissenschaft— alles konmit von ihnen. Früher waren sie Gutsbesitzer. jetzt hat man ihnen die Erde weggenommen. und sie sind in den Staatsdienst gegangen... Auch gut! Wer sind aber jetzt bie mächügsten Menschen? Der Kaufmann ist die erste Kraft im Staat, denn bei ihm sind die Millionen! Ist's so?" „Ja!" gab Foma zu, der schon das Unausgesprochene, das in den Augen des Paten leuchtete, hören wollte. „Also merke Dir's," fnhr der Alte deutlich und eindringlich fort,„das Leben ist nicht von uns, den Kanfleuten, ein- gerichtet worden, wir haben auch bis jetzt keine Stimme bei seiner Ordnung und dürfen dabei nicht mit Hand anlegen. Das Leben ist von den andren eingerichtet worden, sie sind es, die darin die Rände gezüchtet haben, all' die Faulenzer, Armen und Unglücklichen, und da sie's gezüchtet haben, haben sie das Leben beschmutzt und verdorben, sie müßten es auch reinigen, wenn man nach Gottes Gebot urteilt. Wir aber reinigen es, wir geben den Armen, wir sorgen für sie.... Also überleg' es Dir, bitte: wozu solleinoirfremdeLumpen flicken, wenn wir sie nicht zerrissen haben? Wozu sollen wir das Haus ausbessern, wenn wir darin nicht gewohnt haben, und es uns nicht gehört. Wird es nicht gescheiter sein, wenn wir beiseite gehen und eine Zeitlang dort stehen und zuschauen, wie allerlei Gezücht sich vermehrt und die uns fremden Menschen erstickt? Sie können damit nicht fertig werden... sie haben keine Mittel. Da wenden sie sich an uns und sagen:„Bitte, meine Herren, helfen Sie!" Und wir antworten:„Gebt uns Raum für die Arbeit! Schließt uns als Baumeister in dieses Leben ein!" Und sobald sie uns einlassen, werden wir das Leben mit einem Schlag von allem Uebel und allen Mängeln reinigen müssen. Dann wird der Zar mit seinen eignen hellen Augen sehen, wer seine wahren Diener sind, und'wie viel Verstand sie sich während der Unthätigkeit ihrer Hände gesammelt haben... Hast Du verstanden?" „Wie könnte man da nicht verstehen l" rief Foma aus. Als der Pate von den Beamten sprach, dachte Foma an die Personen. die beim Essen gewesen waren; ihm fiel der gesprächige Sekretär ein, und durch seinen Kopf huschte der Gedanke, daß dieser rundliche Mensch sicher nicht mehr als tausend Rubel jährlich bezog, während er, Foma, ein Ein- kommen von einer Million hatte. Aber dieser Mensch lebte so leicht und frei, und er verstand nicht und schänite sich zu leben. Dieser Vergleich und die Worte des Paten riefen in ihni einen ganzen Wirbellvind von Gedanken hervor, doch er hatte nur Zeit, den einen davon zu erfassen und zu ge- stalten. „Arbeitet man denn wirklich nur um des Geldes willen? Was hat man davon, wenn es keine Macht verschafft?" „So!" sagte Majakin und blinzelte mit einem Auge. „Ach!" rief Foma gekränkt aus,„wie war's denn mit dem Vater? Haben Sie mit ihm gesprochen?" „Zwanzig Jahre Hab' ich mit ihm gesprochen." „Nun, und ivas hat er gesagt?" „Meine Rede ist nicht zu ihm gedrungen... Der Ver- storbene hat einen etwas dicken Schädel gehabt. Das Herz hielt er weit offen, und der Verstand war tief versteckt... Ja— a, er hat einen Fehler gemacht,.und um dieses Geld ist es jannnerschade." tFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) S�hlikkvnvvifvtt. Während der Winter in den ineisten Ländern Enropus auf vielen Gebieten deS Ertverbslebcns einen völlige» Stillstand, äuf andern wenigstens eine bedeutende Einschränkung herbeiführt und daher in weiten Kreise» der Bevölkerung gefürchtet ist. wird sein Erscheinen im hohe» Norden mit Freuden begrüstt und bildet sei» Höhepunkt zugleich anch den Höhepunkt der HandclSthatigkeit. Einen Beweis für diese Behauptung bildet die Thatsache, dasj gerade in der kältesten Jahreszeit, Ende Januar und Anfang Februar, die grosten Märkte und Messen stattfinden, von denen besonders die berühmten Pelzivarcn- messen zu Jrbit in Sibirien und Nischnij-Noivgorod in Rnszland auch von deutschen Händlern besucht zn werde» pflegen. Viele Hunderte von Meilen bringen die Bewohner des Nordens zu ihnen ihre Produkte; aber auch von Niederlassung zii Niederlassung, von Dorf zu Dorf entwickelt sich zur Winterszeit in jenen Gegenden ein lebhafter Handel, um im Warenanstansch unchznholc», ivaS ihnen die Verlältnisse des SommerS nicht gestaltete». Lappland, das nördliche Rutzlaud und Sibirien sind im Sommer nämlich von üngebenrcn Sümpfen durchzogen, und der durchweichte Boden bildet eine Masse, die jeden Verkehr unmöglich mächt. Die Kälte des Winters festigt aber den Boden und bedeckt ihn mit einer Eismasse, über die dann der Schnee eine zweite Lage bildet. Nunmehr kann der Ein- gcborne daran denken, seine Thätigkcit aufziniehnieu. Die gewaltige» Entfernungen, die er dabei zurückzulegen hat, bilden für ihn keine» Gegenstand der Furcht, da die uns primitiv erscheinenden Transportmittel es ihn» ermöglichen, mit einer erstaunlichen Schnelligkeit über die iveiten Sckinccfelder dahinznsaujcn. Das einzige Transportmittel des hohen Nordens ist der Schlitten, zu dessen Bespammng, da in den dem Nördlichen Eismeer bcnach- bartcn Gegenden das Pferd ans Mangel an Nahrung nlcht leben kann, ausschließlich das Renntier und der Hund Verwendung finden. Die in de» weite» Gebiete» vom Nordkap bis zur Behruigstraße zerstreuten Völkerschaften haben für ihre Wintervchikcl sehr ver- schicdene Formen adoptiert. Am originellsten ist der Schlitten der Lappländer, Pulk genannt. Der Pulk läßt sich am besten mit einem Nachen mit plattem Boden in Gestalt eines Schuhes vergleichen, in ivelcheni der Reisende der Länge nach sich ausstreckt, indem er sich gegen eine nicht gerade weiche Rückseite lehnt. Wie die Boote mit glattem Boden leicht von Sturzwelle» übergössen werden, so kentert auch dieser Schlitten mit der größten Leichtigkeit, so daß der Reisende häufig mit dem Schnee»»erwünschte Bekanntschaft macht. Zwei italienische Forschnngsreisende, Ciiii und Sonnnier, die mitten im Winter Lappland vom Nördlichen Eismeer bis zum Baltischen Meere durchquert haben, schildern uns recht anschaulich eine solche Pulkrcise. Nachdem sie daö Nordkap unter furchtbaren Schiicestürmen er- stiegen halten, kamen die beiden Reisenden nach Bossekop, wo der große Markt Lapplnnds abgehalten wird. Bossekop besteht aus einem Dutzend Hütten, um die herum die zn verkaufenden Waren auf den, Sämee ausgebreitet liegen. Ein Verderben der Waren ist nicht zu befürchten; sie bestehe» ans Holz, gefrorenem Rennticrflcisch, trockenem Fisch, Pelzwerken, und alles das wird aus weiter Ferne auf bou Remitieren gezogenen Schlitten herbei- geführt. Hundert, ja zweihiiiidert Meilen aus der Runde kommen die Lappen, um die Erzeugnisse ihrer Industrie gegen Manufaktur» und Kolonialwaren auszutanschen;— denn auch sie siiiv große Verehrer von Kaffee, Zucker und Tabak geworden. Das Thermo- metcr weist 40 Grad unter Rull ans; das einzige Mittel, sich gegen die Kälte zu schützen, ist die Gepflogenheit der Eingeborenen, über die Kleider ein langes Gewand anö Reuntierfellcn zu legen, das nur am Halse für den Kopf eine Ocffnung läßt, und darüber ein Klagen aus Varensell; ebenso zieht mau Schuhe und Gamasche» aus Reuiliicrfell au, während der Kopf durch eine mit Eiderdaunen gefüllte Mütze geschützt wird. „Auf diese Weise ausstaffiert," erzählt Sonnnier,„nehmen wir Platz in unsren Schlitten. An der Töte befindet sich natürlich das Gespann des Führers; hinter diesem Pulk ist das Nenntier des- jcnigeu gespannt, den mein Gefährte besteigt, und au der Rückseite dieses wieder das Tier, das meinen Schlitten zieht; hinter meinem Gespann endlich ist ei» Nenntier mit den Hörnern angebunden; es zieht keinen Schlitten.„Wen» Sie kentern, so werfe» Sic sich nach der andren Seile, indem Sie die rechte Hand und das linke Bei» nach außen strecken," empfiehlt uns unser Führer. Anfangs geht alles gut; von Zeit zn Zeit schwankt der Schlitten; aber dank der ilns von uiisrem Lappen angeratenen-Gymnastik gelingt es uns, das Gleichgelvicht zu behalten. Aber später, als die Oberfläche immer hügeliger wird, giebt cS'keinen Augen- blick der Ruhe; fortwährend müssen wir bald die Beine rechts, bald die Arme links und umgekehrt werfen. Bisweilen ist fast der ganze Körper außerhalb des Pulks.' Mit dem Rücken streifen Ivir den Schnee, während Arme und Beine arbeiten als ob wir auf dem Rücken schwimmen würde»; angenehm ist solche Lage nicht. Aber das ist nichts gegenüber den Stößen, die wir beinr Herabfahren fühlen müssen. Da erst offenbart sich der Nutzen des hintersten Nenntieres. Es dient dem Zuge zum Hemmen. Wenn an den Abhängen die Schlitten eine zu große Schnellig- keit annehmen, so widersteht das an den Hörnern sich fortgezogen fühlende Tier mit den Füßen und mäßigt so den Lauf. Bald steigen wir wieder die Plateaus hinan. Von oben eröffnet sich ein Schau- spiel von unvergleichbarer Zaubergeivalt. Soweit das Auge schweift, eme weiße, glänzende vügelige EbKne,' ein zn Eis erstarrter Ocean' Mit gewaltiger Schnelligkeit eilen wir den Rücken einer dieser Wogen hinab und verschivinden unten am Abhänge in das bewegte Meer. Geblendet und betäubt durch den Stoß, haben Ivir nicht einmal Zeit, uns«mzuschauen; und schon klettern die Remitiere wieder de» entgegengesetzten Abhang hinan, uns grausam hin- nnd herschaukelnd." Auf solchen Expeditione», nacht die Karawane, gewöhnlich um Mitlag, Halt, um die Zugtiere ihr Futter einnehmen zu lassen. Gerade dieser Umstand, daß man sich weder um sein Futter vorher kümmern nock für dasselbe schwerwiegende Vorräte mitnehme»»»iß, bildet eilte» der Vorzüge in der Verwendung des Renntiers als Zugtier i» dem unfruchtbaren Lande. Im Winter nährt eS sich von einer in der ganze» nördlichen Zone sehr reichlich vorkommenden Flechte, die fast den ganzen Boden der Wälder bedeckt. Macht die Karawane Halt, so scharrt der Führer mit einem Stocke den Schnee auf, legt ein Stück Boden frei, und sofort beginnen die Reuntiere nnt ihren Hufen den Schnee weiter zn entfernen und wie Maultiere in ihm z» wühlen, bis sie schließlich die ersehnte Flechte erreiche». Sehr häufig machen die Reisenden in einem Lappeulager Rast. Diese Lager sind zugleich Herbergen und Stationen inmitten der Schncegefilde. Man kann sich in ihnen an einer Tasse Kaffee, ein Getränk, das die Eingeboruen sehr lieben, erwärmen oder, wenn die Tiere ermüdet sind, andre anspannen. Die Dressur deö Reuntieres ist sehr unvollkommen. Es galop- piert nach eignem Gutdünken, und das primitive Geschirr erlaubt keine regelrechte Zügelung; eS trägt keine Kantnre, sondern einen Halfter. Wenn man einen Wald durcheilt, so ist der Reisende manchen Gefahren ausgesetzt. Während daS Tier in eilendem Lauf zwischen de» Bäumen dahinstürmt, streift es sie oft, un- bekümmert um de» Schlitten, den es zieht; ihm genügt es, Platz zur Passage zn haben, und da sind denn Kopf- und Rippenstöße nicht selten, so daß der Reisende die Wohlthat der mit Eiderdaunen geftillteu Lappenmütze schätzen lernt. Außerdem hat das so fried- fertig erscheinende Renutier bisweilen seine bösen Launen und Tücken, ftiud wenn sein Führer es antreibt oder seine Be- weguugcn zu ändern sucht, so drückt es seine Unzufrieden- heil durch einen Augriff mit den Hörnern aus. Auch kennt das Tier wenig Geduld. Ein Reisender, der auf de» unglücklichen Gedanken käme, seinen Schlitten zu ver« lassen, ohne das Gespann zn befestige», wäre, da das Tier ohne weiteres weiter laufen würde, inmitten der Schneewüste, in welcher er bei der schweren Kleidung kaum einen Schritt gehen lönnte, rettungslos verloren. Die Lappen haben keine genaue Borftellung von Längenmaßen, fo daß es ihnen schwsr fällt, Aiigabcu über die Schnelligkeit der Remitiere zu machen. Aber nach den von dem Forschungsreisenden Piirtcl gemachten Beobachtunge» soll das Tier 200 bis 300 Meter in der Minute zurücklegen, also etwa 10 Kilometer 1 in 35 bis 50 Minuten. Nach andren Autoritäten ist seine Schnelligkeit aller- dings etwas geringer; andrerseits ist es nicht sehr stark; ein Schlitten, in der ein einziger Mann sitzt, bildet für das Renutier schon eine genügende Last. Als Zugtier wird das Remitier nur im Norden Europas und im westlichen Sibirien benutzt; die übrigen sibirischen Völkerschaften nnd Bewohner der arktischen Zone, die Eskinws, die Indianer Kanadas und nach deren Beispiel die Trapper bedienen sich des Hundes; die zur Bespannung eines Schlittens nötige Anzahl von Hunden ist sehr verschieden. In Grönland verwendet man acht, in Kanada vier für den„Tobbogen", im östlichen Sibirien zwölf und selbst bis vierundzwanzig, wenn der Schlitten schwer beladen ist. An den Ufern der Leun vermögen zwölf Hunde einen Schlitten mit einem Gewicht von 180b is 225 Kilogramm zu ziehen. In einigen Ländern ist die Meute frontweise angespännt, in andren zu je zweien. Wenn der Schnee stark gefroren ist, so weist er sehr harte Stellen auf, n» denen sich die Hunde die Pfoten verletzen würden; um sie gegen solche Verletzungen zu schützen, ziehen ihnen die Eskimos Hand- schuhe, kleine, dicke Fcllsäcke an. In Grönland werden die Gespanne durch einen„Chefhund" ge- leitet, der seine Hundegesellschaft korrigiert, wenn sie nicht gut die Richtung halten. Der Führer des Schlittens ist außerdem mit einer laugen Peitsche mit kurzem Stiel bewaffnet, die er mit bewundcrns« würdiger Geschicklichkeit handhabt. Unter der Drohung mit diesem Instrument ziehen die Hunde, wie man sagt, sehr ruhig und friedlich ihre Last. Wenn sie aber irgend ein Wild aufspüren, so bleiben sie allen Befehlen gegenüber taub und rebellisch. Sofort machen sie sich in rasendem Lauf an die Verfolgung des aufgespürten Wildes. Kein Hindernis hält sie bei dieser Jagd auf;' über Berge und Thälcr eilen sie dahin, rasen an Abhängen hinunter nnd erklinimen die eis- und schneebedeckten Hügel. Schwere Verletzungen und selbst tödliche Stürze der Schlitteninsassen sind in solchen Fällen nicht selten. Der Hund begnügt sich nicht wie das Renutier mit Flechten. Dennoch bekümmert auch sein Besitzer sich wenig um seine Ernährung. Der Hund frißt die Abfälle der Haushaltung, und diese' sind mir kärglich, da die Eskimos, Tunguje» und Jakuten von einem Vogel oder Fisch nichts übrig lassen. Aber die Not macht erfinderisch, und die Hunde des Nordens erhalten in der Ausübung des Diebstahls eine hohe Geschicklichkeit. Um die Vorräte während ihrer Abwesen- hcit gegen die Diebesgelüste zu schützen, internieren die Eskimos de» Sommer über ihre Hunde auf Insel». Sie lösen damit zugleich ohne Kosten die Ernähruugsfrage. Vom Hunger gelrieben, iverden diese Tiere fischen; sie iiberwachen auf» inerksam die Wogen, die gegen das User prallen, und sobald sie Fische bemerken, stürzen sie sich in das Wasser und haschen nach den kleinen Fischen, die sie heidbuugrig sofort verzehre». I» demKainpfe, de» der Bewohner des Nordens mit den Elemente» zu bestehen hat. leiste» ihm Schlitten, Renntier und Hunde nnver- gleichliche Dienste. Sic allein gestatten es ihm, über die Hindernisse der Natur zu triumphieren und selbst zu einer Zeit, wo i» misten mit so vorzüglichen Transport« und Verkehrsmitteln aller Art ans- gestatteten Gegenden Stockungen durch Eis- und Schneeinassen nicht kelle» sind, sein Dasein zu fristen.— Dr. I. Wiese. Kleines Feuilleton» ie. Mehr Nu he! In London hat sich seit kurzem ein besondrer Kamps gegen den Straszenlärm entwickelt. an dem sich eine Reihe von Behörden, von bedeutenden Persönlichkeiten sowie die politische und ärztliche Presse beteiligen. Vor alleni richtet sich das Bestreben auf die Unterdrückung allen Rufcns und Schreiens ans den Strasien, wie es durch die Verkäufer von Extrablätter», Zeitungen oder andren Waren noch innner recht häufig»nd im Uebcrmast zu geschehen pflegt. In den deutsche» Groststädten> Verden solche Dinge, soweit sie überhaupt Beachtung finden, ge» wöhnlich ans dem Wege von Polizei» Verordnungen gebessert. In Berlin z. B. hat der durch Ausrufer verursachte Länn bedeutend abgenoniinen, so dast selbst ein Exlrablattvcrkäufer einen tvirllichen Skandal nur noch in den Rebenstrasien zu voNstthrcn wagt. Ans die Zeit, da die Marktfrauen in den Strahen mit sonderbar inelo» dischcm Gesang ihr Gemüse usw. ausriefen, wissen sich jetzt in den meisten Städten nur noch Leute zu besinnen, die wenigstens in das vierte Jahrzehnt ihres Lebens hineingegangen sind. In den Höfen hat sich dieser Brauch sogar bis ans den heutigen Tag erhallen, wo auf den Slrahcn schon längst Ruhe geschaffen ist. Das ist aber erst eine Seile des Strasten» lärms, noch dazu diejenige, der man am ersten einen ge» wissen Grad von Poesie zuspreche» kann, tvie jeder bestätigen wird, der noch aus früherer Zeit die Litanei einer uinherziehendc» Gemüsefrau im Ohr klingen hört. Von weit gröberer Roheit ist der Lärm des groststädtische» Verkehrs und im besonderen der Strasienl'ahueu. und gegen diese zieht ein Mitarbeiter der«Blätter für Volks» Sesundheitspflege" zu Felde. Allerdings steht man hier einer inrichtung gegenüber, die ein Ergebnis notwendiger Eni- Wicklung ist und sich daher nur verbessern, aber nicht bc» seifigen lästt, jedoch darf man wohl fragen, ob die Berech- tigung der Forderung nach möglichster Geräuschlosigkeit des Straßenverkehrs auch nur innerhalb ausführbarer Maßregeln auerlaimt wird. Vornehmlich in Deutschland interessiert den Städter die Aenderuug, die sich durch die ivcite Verbreitung elektriilber Straßenbahnen als Neuheit oder als Ersatz sür die älteren Pferde- bahnen vollzogen hat. Die Pserdebahneu mir ihrer Klingelei und ihrem Pferdcgctrappel waren ganz getviß nichts Schönes, und mau mochte wohl erivarlcn, daß die elektrische» Bahnen demgegenüber un- bedingt einen Fortschritt bedeuten würden. Das Pferdegelrappel ist mm allerdings fortgefallen, aber ist nun wirklich eine Besserung eingetreten? Die Benntzimg größerer Wagen für die elektrischen Slraßenbahnen hat auffallende llcbelständ« mit sich gebracht, und auf sie ist das Schlagivort„Dvmicrwagen" gemünzt worden; das Klingel» ist das- selbe geblieben, es hat höchstens noch von seinem wenig- steuS individuellen Charakter verloren, und als nuangeuehmste Zugabe habe» wir das Sausen der Drahtleilung erhalten. Wenn außerdem berücksichtigt wird, daß die Führung eines elektrischen Wagens mehr dauernde Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit verlangt als die eines Pferdebalm- Wagens, und daß erfahrnngSmäßlg infolge zu hastigen Bremsens ge- legeiitlich der Lärm bedeutend gesteigert wird, so kann mau vom hygienischen Standpunkt die elektrischen Straßenbahnen ivohl geradezu als einen Rückschritt bezeichne». Dabei ist nicht einmal der Ein- Wirkung auf das Nervensystem gedacht, die durch das schnellere Fahren und das wenigstens zcittvcilig verstärkte Stoßen der Wagen veranlaßt wird, ganz abgesehen von den bei elektrischem Betriebe häufiger vorkommenden Ilnglückssällen durch lieberfahren. Die Forderung, daß das Geräusch der Straßenbahnen durch die Bauart der Wagen und der Schiciicn auf das Mindestmaß gebracht werden muß, ist daher ganz unabwcislich.— Auö dem Tierleben. — U e b e r d e n K a m p f z to e i e r K r ä h« n mit einem Fuchs-Eichhörnchei, schreibt I. F. Goß. Ohio, der Wochen- schrift.Rerthus". An einem sonnigen Jnuiiiachmittage radelte ich zum Vergnügen im Garficld-Park. einem der öffentlichen Parks von Cleveland. Ich fuhr ans dem Hanpt-Spazierweg. der mit große» Eichen. Cedern und Ahornbäume» bepflanzt war, als ich über mir ein lautes Gekreisch hörte. Ich stieg von meinem Stade ab»nd schaute umher. um zu sehen, woher das Geräusch kam, als ich plötzlich eine große Krähe sah, welche von einer Eiche aufflog, ffich umwandte und dann auf etwas in der Spitze des Baumes niederstieß. Eine zweite Krähe that gleiiH darauf dasselbe. Ich ging um den Baum herum und sah endlich durch eine Lücke im Laubwerk des Baumes ein Nest, welches die Krähen scheinbar gegen eine» Eindringling verteidigen wollten, aber ich konnte die eigent- liche Ursache ihres sonderbaren Verhaltens und Lärms nicht entdecken. Ich ivolltc schon iveiter radeln, als ich sah, daß die Krähen von der Krone deS Baumes niedcrflogcn und auf etwas stießen, was den Baum heruntereilte. Ich dachte jetzt au eine Schlange, da ich oft gehört hatte, daß Schlangen den Vogelnestern nachstelle». Ich wartete und sah endlich ei» großes Fnchs-Eichhönichen an der Seite des Baumes niederrennen und auf einem niedrigereu Aste anhalten, der etwa 30 Fuß über dem Erdboden sich befand. Jetzt hatte ich den Grund für das Verhalten der Krähen. Das Eich- Hörnchen hatte den Eiern im Neste nachgestellt und die Vögel ver- suchten, das Nest gegen dasselbe z» verteidigen. Die Krähen waren mit der Vertreibung des Feindes nicht zufrieden, sondern stießen während der' Flucht fortwährend ans dasselbe. Das Eich- Hörnchen suchte sich zu verteidigen, verlor aber den Halt und stürzte zu Boden. Ich nahm an, daß es verletzt war und lief dorthin, wo es lag, um zu versuchen, es zu fangen und seine Wunden zu unter- suchen. Ich war schon nahe heran, als eö aufsprang und a»f einen nahestehenden Baum kletterte. Ich sah aber deutlich, daß die Krähen dem Horchen daS Fell an mcarere» Stellen dnrchgehackl und ein Stück des Felles abgerissen hatten. Die Stelle, an der das Tier niederfiel, lvar mit Blut getränkt.— Technisches. gr. Nene Signalfarbe im Eisenbahnwesen. Bisher wurde bei uns im Eisenbahnwesen durch das Signal bo» weißem Licht„Freie Fahrt" angezeigt, während das rote Licvt die nicht freie Strecke markierte. Wenn im» aber ans irgend einem Grunde die iardigen Signalscheiben zerbrachen, so tvare» nur noch ivciße Lichtsignale vorbanden, die dem Lolomotivführer freie Fahrt bedeuten mußte». Ans solche Weite sind viele Unglücksfälle entstanden, die dadurch beseitigt werden sollen, daß man auch bei uns dazu übergeht, wie in den Vereinigten Staaten von Nord- amerika. das ivciße Lichtsignal überhaupt aufzugeben. Das weiße Licht wird durch das grüne Licht ersetzt, das nunmehr „Freie Fahrt" anzeigt, während das neu zur Einführung gelangende gelbe Licht als Wariinngssignal dient. Sicht der Lokoniotivsiihrer neben einem grünen Lichte noch das gelbe Signal, so bedeutet dieses in der neuen Sprache der Eisenbabntechnik, daß der Zug langsam zu fahren hat. Bermche hierzu werden zur Zeit ans der Strecke Mitter- fendlMg-Großhesscloh« vorgenomnicii. Jedenfalls dürfte diese Reform des Eiiciibahnsignals bald im gesamten Eisenbabmvesen der Erde durchgeführt werden, ivcil dann bei zerbrochenen Scheiben das cnt- stehende weiße Licht keine Bedeutung mehr hat, also.aiich nicht mehr zu Unglücksfällen führen kann, da ja der Lokomotivführer darin eine Warnung sehe» muß.— HumoriMstdeS. — A» s r e d e. A.:„Sie haben mich angeführt; das von Ihnen gekauft« Tier ist ja gar keine echte Angorakatz-!" B.:„Ach ivissen Sie— alle Katzen sind falsch!"— — Eine M o d e m a g d. Bauer:„Wo haben S' Ihre Papier'?" D i e n st m a g d:„Hier san meine Zeugnis als Magd und hier— als Schon spieleriu!"— — Armer S ch e l m. Erster Freund:„Unser Freund August hat sich ja mit einer Schriftstellerin verlobt?" Z>v e i t e r Freund:«Ja, aber sie hat sich alle Rechte vor- behalten."—(„Meggeud. hum. Bl.") Notizen. — Ein neueS Werk über U n i v e r>' i t ä t s w c s e n und U n i v e r s i t ä t S b e t r i e b von Prof. Friedrich P a u l s e» ivird demnächst bei A. Ascher n. Co.. Berlin, erscheinen.— — Ferdinand Bonn, der am 1. Februar seilt Engagement im Schanspielhause aiiiritt, Ivird zunächst den„Richard III." und den König in der„Jüdin von Toledo" spielen.— — Die in Berlin verbotene Komödie„Die indische A m m e" von Hans B r e» n e r t ist von der Censnr sreigegeben worden; die Anfführnng des Stückes im Alexander-Brettl Ivird de- reits in den nächsten Wochen erfolgen.— — Erich Schlaikjers neues Stück„Des Pastors Ricke" ist auch im Münchner Schanspielhause zur Auf- führimg niigcnonimen worden.— —„Oraetlabora", ein neues Slück von Hermann H e i j e r m a n s, wird nächstens in A m st e r d a m aufgeführt werden.— — Im Wiener Volkstheater geht am I. Februar ein neues Schauspiel von Christof Jenny:„Die Sünden der Väter" zum erstenmal in Scene.— — D i e deutsche Gesellschaft von„Freltiiden der Photographie" beabsichtigt, im Laufe dieses Jahres eine Reihe von Projektions- rcsp. Experimenialvorträgen zu veranstalten, durch welche der Entivicklniigsgang der Photographie im 19. Jahr- hundert veranschaulicht iverden soll.— Verantwortlicher Redacleur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Atnx Babing in Berlin.