Hlnterhaltungsblatl des Dorivärls Nr. 21. Donnerstag, den 30. Januar. 1902 (Nachdruck verbotene 21] Fonttt Govdjejv»»». Siouicm lio» M n x i m G o r k i. Deutsch t>o» Klara Brauner „Mir ist um das Geld nicht schade," antwortete Foma dein Paten. „Du solltest versuchen, wenigstens den zehnten Teil da- voir zn verdienen, dann hättest Du das Recht zu sprechen." „Darf ich hinein?" ertönte Ljubas Stimme hinter der Thür. „Du darfst meinettvcgcn hereinfliegen," antwortete ihr der Vater. „Wollt Ihr gleich essen?" fragte sie, als sie hereintrat. ..Ja." Sie ging znm Buffett und klirrte mit dem Geschirr. Jakow Tarassowitsch blickte sie an, kaute an seinen Lippen, kl.''•--' M'( lopftc auf einmal Foma uut der Hand aufs Knie und sagte zu ihm: „So ist's recht, Foma! Denke nur nach..." Foma antlvortetc ihm mit einem Lächeln und dachte sich': „Er ist klug, klüger als der Vater..." Und er gab sich sogleich gleichsam mit einer andren Stimme zur Autwort: „Klüger, aber schlechter..." Fünftes Kapitel. FoniaS zwiespältiges Gefühl seinem Paten gegenüber ver- stärkte sich mit der Zeit: indem er seine Worte aufmerksam und mit gierigem Interesse anhörte, fühlte er, wie jedes Zu- sammensein mit Majakin seine Antipathie gegen den Alten verstärkte. Manchmal erregte Jakow Tarassowitsch) in seinem Taufkind ein Gefühl, das der Furcht ähnlich war, manchmal sogar einen physischen Ekel. Dieser stieg in Foina gewöhnlich dann auf, wenn der Alte mit etwas zufrieden war und lachte. Vom Lachen zitterten die Runzeln des Alten und veränderten jede Sekunde seinen Gesichts- ausdruck; seine trockenen, dünnen Lippen hüpften, zogen sich in die Breite und entblöfften schwarze Zahn- stumpfe, und der rote Bart flammte wie im Feuer. Der Ton seines Lachens, ähnelte dem Quietschen von rostigen Thür- angeln, und der Alte selbst erinnerte an eine spielende Eidechse. Da Foma seine Gefühle nicht zu verbergen verstand, äußerte er sie vor Majakin oft und sehr grob in Worten und Gesten, doch der Alte schien das nicht zu bemerken, ließ sein Taufkiud nicht aus den Augcu und leitete jeden seiner Schritte. Er kam fast gar nicht mehr in sein Geschäft, ver- tiefte sich gänzlich in die Angelegenheiten des jungen Gord- jejew und ließ Foma viel freie Zeit übrig. Dank der Stellung Majakins in der Stadt und den verbreiteten Bekanntschaften an der Wolga ging das Geschäft glänzend, doch Majakins Eifer im Geschäft verstärkte FomaS Meinung, der Pate sei fest entschlossen, ihn mit Ljuba zn verheiraten, und das stieß ihn noch mehr von dem Alten ab. Ljuba gefiel ihm und erschien ihm zugleich verdächtig und gefährlich für ihn. Sic heiratete nicht, und der Pate sprach nichts davon, veranstaltete keine Gesellschaftsabende, lud nie- mand von der Jugend zu sich ein und ließ Ljuba nirgends hingehen. Und alle ihre Freundinnen lvaren schon ver- heiratet. Foma bewunderte ihre Reden und hörte sie ebenso gierig an wie die Reden ihres Vaters; wenn sie aber mit Liebe und Sehnsucht von Taraß zu sprechen begann, kam es ihm vor, als verberge sie unter diesem Rainen einen andern Menschen, vielleicht Jeschoiv, der nach ihren Worten aus irgend einem Grunde aus der Universität austreten und Moskau verlassen mußte. Es war viel Einfachheit und Güte in ihr, die Foma gefielen, und oft rief sie durch ihre Worte Mitleid in ihm her- vor: sie schien ihm nicht zu leben, sondern in wachem Zn- stände zu träumen. Sein Benehmen bei der Gedächtnisfeier des Vaters wurde unter der Kaufmannschaft bekannt und schuf ihm einen ungünstigen Ruf. Wenn er zur Börse kam, bemerkte er, daß alle ihn spöttisch und feindselig anblickten und auf eine besondere Art mit ihm sprachen. Einmal hörte er sogar hinter seinem Rücken den leisen, aber verächtlichen Ausruf: „Der Gordjcjew ist ein Milchbart!" Er fühlte, daß es. ihm galt, doch er wandte sich nicht um und sah nicht hin, wer ihm diese Worte hingeworfen hatte. Die Neichen, die ihm früher Schüchternheit eingeflößt hatten, verloren in seinen Augen den Reiz des Reichtums und der Klugheit. Schon mehr als einmal hatten sie ihm die eine oder die andre einträgliche Lieferung aus den Händen ge- rissen! er wußte mit Bestimmtheit, daß sie es auch in Zukunft thun würden, und sie erschienen ihm alle gleich geldgierig, immer bereits einander zu betrügen. Als er seine Beobach- tung deni Paten mitteilte, sagte der Alte: „Wie sollte es anders sein? Der Handel ist wie der Krieg... eine gewagte Sache. Hier kämpft man um den Geldbeutel, und das Herz ist im Geldbeutel." „Das gefällt mir nicht," erklärte Foma. „Auch mir gefällt nicht alles, es ist viel Falschheit dabei. Man kann aber bei Geschäften nicht offen sein, man braucht Politik dabei! Da muß man zu einem Menschen gehen und dabei in der linken Hand Honig und in der rechten ein Messer halten, mein Lieber. Jeder will für eine halbe Kopeke fünf Kopeken kaufen." „Das ist aber gar nicht gut," sagte Foma nachdenklich. „ES wird später gut sein... Wenn Du die Ober- macht gewinnst, dann ist es gut... Das Leben ist sehr einfach, Freund Foma: entweder Du würgst alle, oder Du bleibst im Kot liegen." Der Alte lächelte, und die Zahnstümpfe in seinem Mund riefen in Foma den scharfen Gedanken hervor: „Du hast wohl viele erwürgt." „Mit einem Worte, es ist ein Krieg!" wiederholte der Alte. „Und ist das denn das Richtige?" fragte Foma und blickle Majakin forschend an. „Das heißt, wieso das Richtige?" „Gicbt es nichts Besseres?" Ist das alles?" „Wo sollte außerdem etwas sein? Jeder lebt für sich. Jeder wünscht sich das Beste... Und was ist das Beste? Den Menschen voranzugehen, über ihnen zu stehen. Darum bestreben sich alle, den ersten Platz im Leben zu erreichen. Der eine versucht's so, der zweite anders. Doch alle»vollen unablässig, daß man sie>vie Kirchtürme schon aus der Ferne sieht. Dazu ist der Mensch auch bestimmt zur Erhöhung. Das ist sogar im Buch Hiob ausgedrückt:„Der Mensch ivird zun» Leiden geboren, um wie die Funken aufwärts zu streben". Sieh einmal: selbst die Kinder wollen einander beim Spielen übertreffen. Und jedes Spiel hat immer seinen Höhepunkt und ist dadurch interessant. Hast Du ver- standen?" „Das verstehe ich!" sagte Foma mutig und bestimmt. „Das mußt Du auch fühlen. Mit dem Begreisen allein kann man nichts erreichen, Dn mußt Dir etwas wünschen, so sehr wünschen, daß Dir der Berg wie ein Erdklumpen und das Meer wie eine Pfütze erscheint. Ach, ich habe in Deinem Alter spielend gelebt! Und Du zielst immer irgendwohin... Uebrigens reift eine gute Frucht nicht schnell." Die einförmigen Ermahnungen des Alten erreichten bald daS, worauf sie berechnet waren: Fama hatte sie sich gemerkt und hatte sich den Zweck des Lebens, klar gemacht. Man muß mehr sein als die andren,— das behielt er im Gedächtnis. und der durch den Alten erregte Ehrgeiz fraß sich tief in sein Herz ein. Doch er konnte ihn nicht ausfüllen, denn Fomas Beziehungen zu Medinskaja nahmen den Charakter an, den sie verhängnisvollerweise annehmen mußten. Es zog ihn zu ihr hin, er wollte sie immer sehen, und in ihrer An- ivesenheit tvurde er verlegen und plump und dumm. Er wußte das und litt darunter. Er war oft bei ihr, doch es. war schwer, sie zu Hause allein anzutreffen: um sie herum schwirrten immer wie über einenl Stück Zucker parfümierte Stutzer. Sie sprachen mit ihr französisch, sangen. lachten, und er schwieg und blickte sie voll Zorn und Neid an. Er saß mit eingezogenen Füßen in irgend einer Ecke ihres buntdckorierten SalonS, in dem es sehr schwer >var, sich zn bewegen, ohne an etwas anzustoßen oder etwas umzuwerfen,— er saß da und beobachtete finster. BhWkH Sie glitt lautlos auf den weichen Teppichen an ihm vor- Ober, warf ihm freundliche Blicke zu und lächelte ihn an; ihr folgten ihre Anbeter, und sie alle umgingen geschickt wie Schlangen die verschiedenen Tischchen, Stühle, Wandschirme und Blumenvasen— einen ganzen Laden von hübschen und zerbrechlichen Gegenständen, die in den Zimmern mit einer Nachlässigkeit verstreut waren, die für sie und für Foma gleich gefährlich war. Der Teppich dämpfte seine Schritte nicht, wenn er ging, und all diese Gegenstände hängten sich an seinen Nock, zitterten und fielen herab... Auf dem Klavier stand ein Matrose aus Bronze, der im Begriff war, den Rettungsring zu werfen, an dem Ringe hingen Stricke aus Draht, die Foma immer an den Haaren zerrten. Das alles erregte bei Sofja Pawlowna und ihren Anbetern Heiterkeit, kostete aber Foma nicht wenig Kummer, und ihm wurde bald heiß, bald kalt. Doch auch mit ihr allein war ihm nicht leichter. Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln, setzte sich mit ihm in eine der lauschigen Ecken des Salons und begann das Gespräch gewöhnlich damit, daß sie ihm über alles klagte: „Sie glauben nicht, wie ich mich freue, Sie zu sehen." Sie streckte sich wie eine Katze und sah ihm mit ihrem dunkeln Blick, in dem fetzt etwas Gieriges ausflaminte, in die Augen: „Ich liebe es, mit Ihnen zu sprechen," sagte sie singend, indem sie die Worte musikalisch dehnte.„Alle diese Menschen sind mir zuwider, sie sind so langweilig, so gewöhnlich und abgelebt. Und Sie sind frisch und aufrichtig... Sie lieben sie ja auch nicht?" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Aus Vev Hoiumk des VtZMntinismns. Die Geschichte des byzantinischen Kaiserstaates, der sich aus dem Zerfall des römischen Weltreiches entwickelte und bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 bestand, findet durchweg weniger allgemeines Interesse, als ihr in mancher Hinsicht zukommt. Eins weih freilich jedermann: daß der in den gegen- wältigen Sprachgebranch übergegangene Ausdruck„Byzantinisinus" darauf hindeutet, dah die edle Kunst höfischer Schmeichelei und Volkssitte gelvordener Speichelleckerei vor gottbegnadeten Herrschern in jenem Teile der mittelalterlichen Welt zur größten unter Abend« ländern je erreichten Virtuosität ausgebildet worden ist. Darüber hinaus aber Pflegen die umfangreichen Jahrbücher von Byzanz de» meisten ein völlig Unbekanntes zu sein. Diese gänzliche Nichtbeachtiing verdienen sie aber schon deshalb nicht, weil sie uns den bomo sapiens in feiner tiefsten Erniedrigung kennen lehren. Ein hochinteressantes Monientbild, unmittelbar»ach der Natur, von de» Zuständen im mittelalterlichen Konstantinopel bietet uns ein diplomatisches Aktenslück aus dem 10. Jahrhundert, das uns der Zahn der Zeit gegönnt hat. Es ist das der authen- tische Gesandtichaftsbericht eines italienischen Geistlichen deutscher Abstammung, de» im Jahre 968 der deutsche König und römische Kaiser Otto I. nach Konstantinopel schickte, um für seine» Sohn Otto II. beim damaligen Kaiser von Byzanz, Niccphorus. um die Hand? einer Prinzessin anzuhalten. Die Mission schlug fehl, und außerdem wurde dem Gesandten, Biscbof Lintprand von Cremona, in Konstantinopel eine recht wenig liebenswürdige Behandlung zu teil, so daß er, von Natur ei» ungewöbnlich bissiger, jähzorniger und rachsüchtiger Diener der christlichen Liebe, seine Feder mit Gift und Galle getränkt bat, als er an Otto I. und seine Gemahlin Adelheid über das am Hof von Byzanz Erlebte berichtete. Seine Erzählung ist also ganz ungeschniinkt und voll Satire und Sarkasmus. Da- durch ivird sie zu einer gleichzeitig amüsanten und von höfischen Rücksichten freien Schilderung byzantinischer Kultur. BischosiLintprand war für seinen Auftrag, wenn man von seinem aufbrausenden Wesen absieht, gerade der rechte Manu. Denn einmal verstand er Griechisch, Ivos dazumal eine seltene Gabe war, und dann war er schon einmal in Konstantinopel als Gesandter geivesen. Als er ungefähr 20 Jahre früher im Auftrage des italienischen Markgrafen Berengar Byzanz aufgesucht hatte, war ihm das ziveifel- hafte Vergnügen geworden, vor dem damaligen Kaiser einen regulären Kotau machen zu müssen: dreimal hatte er sich zu Boden geworfen. Die Demütigung blieb ihm jetzt erspart; wenigstens schweigt davon des Sängers Höflichkeit. Im übrigen aber ging es ihm jetzt viel schlechter. Man muß freilich in Rücksicht ziehen, daß das Heer seines Auftraggebers eben erst ans den unteritalienischen Besitzungen der Byzantiner abgezogen und somit S. M. Niccphorus nicht bei bester Laune war. Jedenfalls gleich die Aufnahme war so schlecht wie möglich: am 5. Juni 968 ließ man ihn nach der Demütigung llstündigen Wartens am Thore in Konstantinopel ein, aber nur zn Fuß, das Reiten wurde ihm verboten. Untergebracht wurde er mit seiner Eskorte in einem einigermaßen ver- ärllenen Mnrmorpalais, das alle Beqneurlichkeiten, sogar des Wassers und der Betten, entbehrte, und von vornherein förmlich rvie ein Gefangener unter Aufsicht gehalten. Am folgenden Tage hatte Lintprand eine Unterredung mit des Kaisers Bruder, dem Kanzler und Hofmarschall Leo, die nicht über einen Streit um Cerenronien- fragen hinausgedieh, und wurde am 7. Juni, Pfingst-Sonntag, zur Audienz beim Kaiser zugelassen. Die Beschreibung von dessen Person, womit sich der vermeintliche fränkische Barbar für die ihm zn teil gewordene geringschätzige Behandlung rächt, ist klassisch: „Ich fand in ihm gleichsam ei» Ungetüni, einen Zwerg mit dickem Kopfe, kleinen Mnulwurfsaugen, einem kurzen, breiten, dichten und halbgrauen Barte, einem ganz kurzen Hals und sehr langen und struppigen Haaren, von Gesichtsfarbe gleich einem Mohr, kurz, man möchte ihm um Mitternacht nicht begegnen. Er ist sehr beleibt, die Hüften sind im Verhältnis zu seiner Größe lang, die Schienbeine aber und Füße kurz... Seine Redeweise ist polternd, aber er ist schlau wie ein Fuchs, an Lügen und falsche» Schwüren ein zweiter Odysscns." Die Unterredung bestand hauptsächlich ans heftigen, gegenseitigen, auch von Lintprand in den unparlamentarischten Ausdrücken vorgebrachten Vorwürfen und Drohungen, woran der Gesandte seine Brautwerbung»»vermittelt anhing; das Wortgefecht endigte, weil die Zeit zur Pfingstprozession gekommen war. .Der Festanfzug," sagt Lintprand,.war nicht eben glänzend. Eine große Menge von Krämern und gemeinem Volk, das zum Fest herbeigekommen war, stand zum feierlichen Empfang des Niccphorus vom Palast bis zur Sophien-Kirche, sie faßten die beiden Seiten des Wejjcs ein und waren mit dünnen Schildchcn und erbärmliche» Wurfspießen ausgerüstet, zum großen Teil aber barfuß.... Man führte auch mich zur Kirche, um die Prozession mitanzusehe», und gab mir auf dem Ebor bei den Sängern eine» Platz. Als nun jenes Ungctüin(der Kaiser) herankroch. stimmten die Sänger an:.Siehe, der Morgenstern kommt, Eos erhebt sich und verdunkelt durch seine» Schein die Strahlen der Sonne; der bleiche Tod der Sarazenen, Niccphorns, der Herrscher, ericheint".... Unter solche» speichellcckerischen Gesängen trat er, gewaltig sich auf- blähend, in die Sophien-Kirche ein; die jungen Kaiser folgten ibin weit hinten nach und beugten sich vor ihm beim Friedenskuß bis auf die Erde. Bei dem folgende» Festmahl erhielt Lintprand. wie er sich beklagt, erst die fünfzehnte Stelle vom Kaiser und nicht ein- mal ei» Tischtuch. Während der Mahlzeit,.bei der es schmutzig zu- ging, wie unter Trnnkenen, Ivo es von Oel troff und abscheulicher Fischlake", unterhielt der Kaiser seinen Gast damit, daß er sich über Ottos gefräßige und versoffene Soldateska lustig machte und den Deutschen ihre baldige Zerschmetterung ankündigte. Der Bischof antwortete im nämlichen Stile,«vorauf der Kaiser in höchstem Zorne die Tafel aufhob. Zwei Tage später wurde Lintprand krank, teils ans Acrger, teils, wie er behauptet, infolge der ansgestandenen Entbehrungen. So ging es auch mit seine» Begleiter», denen das Wasser fehlte und der „mit Pech, Harz und Gips" verfälschte Wein der Griechen nicht bekam. Der Bischof bat also den Hofmarschall Leo brieflich um Er» laubnis zur Rückkehr, Iveun aus seiner Mission nichts«verde» könne, «vurde dann aber zu einer Beratung geladen, an der der Hofniarschall, der Oberkannnerherr, der Staatssekretär, der Obergarderobciinicister und zwei Geheimräte tcilnahnien. Die Verhandlungen führten zn nichts, tveil die Griechen nicht«veniger als ganz Italien als Preis für die Braut forderten. So«vnrde Lintprand in seiner Wohnung bis zum 29. Juni unter Bewachung gehalten. An diesem Tage sollte er«vieder eine Hoftafel mitmachen. Da man ihn aber neben einen ungeschorenen und ungewaschenen Vnl» garen-Gesandten setzen lvollte, verließ der Bischof in höchstem Zorne das Lokal und«vurde dann in einem Gasthaus mit dem Hofgesinde zufanimcn abgespeist; zur Versöhnung schickte der Kaiser ihm.von seinen Leckerbissen einen fetten Haninielbraten, von den, er selbst gegessen hatte, der nrit Knoblauch, Zwiebeln und Lauch gefüllt«var und in einer Fiscbsance schwamm". Acht Tage später mußte der Gesandte«vieder bei Tafel erscheine«,, wo der Kaiser ihn mit theologischen Fragen zu verulken versuchte, und am nämlichen Tage nochmals seine Aufwartung machen,«vas ihn nicht wenig verdroß.„Dennoch mußte ich damals nicht«venig über ihn lachen. Er saß nämlich auf einem«vilden und scheuen Pferde, das sehr groß«var, obschon er recht klein ist. Da kam er mir vor«vie eine jener kleinen Puppen, welche die Slaven bei Euch auf ein Füllen setzen und dies dann ohne Zügel der Mutter nachlaufen lassen." Drei Wochen später«vurde Lintprand trotz immer schlechterer Gesundheit nach einen, Ort in der Nähe Konstantinopels vor den Kaiser besohlen und, oblvohl die Verhandlungen«vieder resultatlos verliefen und in der ruppigsten Tonart geführt wurden, nachher zur Tafel geladen.„Bei Tisch saß neben Niccphorus sein Vater, der mir «vie ei» Greis von 150 Jahren erschie«,. Dennoch empfing er dieselben Glückivünsche«vie sein Sohn: daß Gott sein Leben noch vielmal so lange ausdehnen niöge. Hier konnte man recht sehen,«vas für Narren und Schmeichler die Griechen sind, da sie einem Greis eine Lebensdauer«vider alle Gesetze der Natur wünschen... Wieder priesen sie Niccphorus als den Friedensbringer und Morgenstern. Aber den Hilflosen stark. den Narren weise, den Zlverg einen Riesen, den Mohren weiß und den Sünder einen Heiligen nennen, das ist wahrlich kein Lob, sondern Hohn." Lintprmid benutzte die Gelegenheit, den Kaiser un, Erlaubnis zur Abreise anzugehen. Die Bitte«vurde ihm gewährt; dann aber mußte er bis zum 20. Juli in seinem Gelvahrsam bleiben, ohne den Kaiser inzwischen zn sehen. Er brachte aber zu dieser Zeit in Erfahrumi, daß ein griechisches Geschwader nach Italien in See gehe,»in Ottos Feind Adalbert zn unterstiitzen, und lvurdc auch mit den äußerst modern anniutendeN Juftruktioncn bekannt, die der Admiral. ein Kastrat, hatte.»Rice- phonis gab dem Verschnittenen eine große Geldsumme mit, zugleich aber den Auftrag, nur dan», wenn Adalbert wirklich 7000 Gewappnete oder mehr ihm zuführen sollte, ihni das Geld zu übergeben; auch sollte dann Adalberts Bruder Kuno nüt seinem eignen und dem griechischen Heer Euch angreife», Adalbert aber zu Bari in sicherem Gelvahrsam bleiben, bis Kuno siegreich zurückkehre. Hätte dagegen Adalbcrr nicht 7000 Gelvappnete. so sollte der Verschiiitteiie ihn sogleich in Ketten legen inid ihn Euch, wenn Ihr nach Bari kämet, überliefern, auch jene Geldsumme Euch aushändigen. Welche ab- scheuliche Treulosigkeit! Aber so sind diese Grieche».* Von den Geheimnissen der höheren Realpolitik hatte der gute Lintprand augenscheinlich keinen Schimmer. Man begreift aber, daß unter solchen Umständen die weiteren Verhandlungen zwischen Nicephorns und dem Gesandten zu keinen Ergebnissen führen konnten, sondern allemal in gegenseitige Be- leidignngen und Kriegsdrohungen ausliefen. Der Bischof wünschte also immer sehnlicher, abreisen zu dürfen, znmal man ihn einmal 5 Tage lang ohne Nahrungsmittel ließ und er bei der gerade herrschenden Teuerung jede Mahlzeit für seine 30 Köpfe starke Gesell- schaft mit 3 Gvldstiiclen bezahlen mußte. Nicephorns wollte aber seinem barbarischen Gaste noch emeii tiefen Eindruck geben von den Herrlichkeiten des byzantinischen Reichs. Er ließ ihm nämlich'einen Tiergarten zeigen, auf den er sia> hauptsächlich wegen der darin e»t- haltenen Waldesel viel zn gute thol. Der Bischof indes fand den Park zivar sehr ausgedehnt, aber«hügelig, voll struppigen Gebüschs und durchaus nicht anmutig�. Und gar die vielgeriihmten Walde'cl ließe» ihn kühl bis ans Herz hinan:„Wie kann man i'ovielAnfhebens von diesen Tieren machen, die nicht anders smd als die zahmen Esel zn Cre- mona. Farbe und Gestalt ist gleich, sie haben ebenso die langen Ohren, eine ebenso ivohliöneude Stimme, sind nicht größer, nicht schneller und fressen ebenso gern Lupinen." Zudem eud'gle auch der Besuch dieser Sehenswürdigkeit wieder vorzeitig infolge eines Zusammen- stoßes über eine Etikett«»frage. Limprand wurde nämlich darauf anfmerksani gemacht, daß es nicht erlaubt sei, tvenn der Kaiser sich im Tiergarten befinde, darin zn reite» und den Hut auf dem Kopfe zu halten. Davon tvollte der Bischof aber nicht abgehe», indem er sich darauf berief, daß auch die Griechen, wenn sie nach Italien käme", bei ihren Sitte» blieben;«mit lange» Aermeln, Bändern und Schnallen, Schleppkleidern und Haarlocken konunen sie zu uns". Er zog es also vor, den Tiergarten wieder zu verlasse». Tags darauf, am 28. Juli 908. ging Kaiser RicrphornS zn seiner Armee nach Syrien ab, um die Araber zn bekämpse». Lintprands Mission war endgültig gescheitert, und er hatte auch die Ertanbnis zur Abreise. Des Kaisers Stellvertreter, der Emmcti Chrislophorus, wußte diese»uter faulen Vorivändeii immer weiter m die Länge zu ziehen. Am 17. September fand zwncheii ihm und dem Ge- sandten eine letzte AnSeinandersetzung statt, ans der sich wieder ergab, daß aus der projektierten Heirat nichts werden könne, sondern im Gegenteil ei» WiederanSbrnco des Krieges zn erivarten stehe. Der Eunuch nahm die Gelegenheit ivabr zn einer letzten Cbikanieruin! Lintprands, die ein äußerst interessantes Licht ivirfl auf dir Handelspolitik von Bhzanz. Der Eunuch remerkte nämlich:„Da wir glauben, daß Du einige Gewänder gekauft bast. befehlen wir Dir. sie uns vorzulegen, und diejenigen, die sich für Euch ichicke». sollen dann mit einem Blei- fiegcl bezeichnet und Euch be.asseu weiden, die nbriae» aber, die allen Völkern außer uns Römern zn tragen verboten sind, iverden gegen Eistattiiiig des Preises Euch wieder abgeiiommen iverden." Lintprand mußte sich fügen, und man itabm ibm tiinf kostbare Pnrpnrgetvänder ab mit dem B enterten:„Es schickt sich nicht für Euch und alle Italiener. Snc« e», Franlen, Bayer». Schwaben solche Kleider zu tragen." Lintprand machte dazu die entriistete Bemerkung:„Wie abscheulich und schmählich, daß solche Weichlinge und Weiberhelden mit ihren laiige» Aeimel», Turbanen und Schleier», solche Lügner, Ziviltcr und Fanllenzer im Purpur einhergehen dürfen, nicht aber die tapfren und kriegslnndigen Helden, die, von Glauben und Liebe erfüllt, Gott die Ehre geben und in allen Tugenden strahlen I Wenn das nicht eine Schmach ist, giebt es keine!" Seine Berufung auf die ausdrückliche Erlaubnis des Kaisers Nicephorns. zn kaufen was er wolle, wurde mit der Erwiderung abgewiesen:„Es ist einmal eine verbotene Ware... Da wir uns durch Reichtum und Bildung vor allen andren Völkern aus- zeichne», müssen wir es auch in der Kleidung thmi." Da ließ der Bischof seiner scharfen Zunge freien Lauf:„Und doch kann diese Kleidung nicht so ettvas Besondres sein, da sie bei uns selbst ge- meine Weibsbilder und Gaukler tragen."«Woher bekommt ihr sie denn?"„Von den Kaufleuten von Anialfi und Venedig, die sie gegen unser Getreide umtauschen, das sie zu ihrem Unterhalt be- dürfen."„Das soll ein Ende nehmen: man wird die Äauflcute fortan genau untersuchen, und findet man etwas derartiges, dann sollen sie zur Strafe gegeißelt und geschoren werden." Am 2. Oktober 908 koiinte Bischof Lintprand endlich dem ver« haßten Konstantinopel den Rücken kehren und langte nach längeren Irrfahrten 909 wieder in Italien an. Seinem kaiserlichen Gast« geber, der übrigens im nämlichen Jahre durch Mörderhond fiel, hat der bissige Geistliche durch seinen nicht eben von christlicher Feindes- liebe, wohl aber von'richtiger Wertschätzung byzantinischen Treibens zeugenden Gesandtschaftsbericht ein wenig beneidenswertes Denkmal gesetzt. o. Kleines Feuilleton. — Gedächtnis und Jnstiukteutwirkluug der Gchildkröten. Professor R. M. D e r k e s beschreibt in„Populär Science Monthly« eine Reihe von Versuchen, die er angestellt hat, um die geistigen Fähigkeiten einer Schildkröte(CKelopus guttatus) zu untersuchen. Er hatte ihr als Wohnung eine Art einfache» Labyrinthes angewiesen, welches durch Teilung einer Kiste hergestellt war, die durch zwei parallele und eine dritte schiefe Wand in vier Räume zerlegt wurde, Ableilnngen oder Kannneru, ans denen je eine Oeffnung in den Nachbarraum führle, so aber, daß sich nirgends zwei Oeffnungen gegenüber lagen. Das Tier mnßte, tvenn es in die äußerste Abteilung links gesetzt wurde, ein W im Laufe beschreiben, wenn es zur äußersten Abteilung rechts komme» wollte, woselbst sich sein Lager befand, ivclches im Schatten lag. Ehe nun das Tier den direkten Weg dahin sand, brauchte es anfangs eine ziemlich lange Zeit, da es viele Umlvege machte, aber es lernte den- selbe» schnell genug, und kam mit jedem neuen Versuch schneller dahin. Die Ergebnisse der Wiederholungen ivaren lehrreich: 1. Versuch: Das Tier irrte ruhelos 3S Minuten lang nach allen Richtungen umher, bis«S das Nest fand, Ivo es zwei Stunden belassen wurde. 2. Versuch: Die Schildkröte fand sich in 15 Minuten zurecht. 3. Versuch: Die Reise dauerte 5 Minute». 4. Versuch: Nur noch eine Verirrung in eine Sack- gaste; das Nest wurde in 33/i Minuten erreicht. Von diesem Versuche ab kameu nur noch kleine Verirrnngen vor; es wurden i» der Folge täglich 0 bis 3 Wiederholungen an» gestellt. Beim 20. Male wurde das Nest in 3.45 Minuten, beim 30. Male in 3,40 Minute» ohne Irrtum und beim 50. Male in 3,30 Minuten ebenfalls ohne Irrtum erreicht. Man kann also sagen, daß der Instinkt des kürzesten Weges da» mit vollendet war. Es wurde nun ei» etwas komplizierteres Labyrinth konstruiert, bei welchem geradezu irreführende, in Sackgassen endigende Thüren vorgesehen ivaren, auch ein dunkler Korridor eingeschobeil wurde, der passiert iverden mußte. Hier dauerte die erste Erforschung bis zum Ausfinden des Nestes anderthalb Stunde», der fünfte Ver- such 10 Minuten, aber schon beim zehnten wurde das Ziel in vier Mumien erreicht, eine Dauer, die auch beim fünfzigste» noch nicht iveientlich abgekürzt ivar, obwohl der Weg schon früher einmal in 3 Minuten gesunde» wurde. Die Fortschritte ivaren aber so schnell, wenn auch nicht ganz regelmüßig, und das Tier brauchte später nie mehr als 3—4 Minuten, um sein Nest zu erreichen; es beivies also deutlichst Gedächtnis und Lernfähigkeit; auch wurden kleine Vorteile, wie z. B. die Ueberklelterung einer schräg gestellten Wand, schnell er» faßt und nachher regelmäßig benutzt, um schneller zum Ziele zu ge» langen.—(«Prometheus.") Musik. Man wird sich tvohl noch der hiesigen Erstaufführnilg von Wilhelm K i e n z l s Tragikomödie„Don Quixote" vor etiva drei Jahren entsinnen Der geränschvollen Aufnahme war eine geräusch» lose Abnahme gefolgt. Es handelte sich um ei» Werk in großem Stil, mit großem Wollen, zumal in den die Folie zur Hauptsache bildenden Nebendingen, mit kleincrem Können, mit einigen sehn- süct'tigcn Herzeusiöneit. mit einem Don Qnixoteschen Zug im Ganzen. Ten Komponisten hatte iuan bereits von seinem„Evangeliniann" her gekannt, einein vielbeliebten Stück, das gerade einer solchen Beliebtheit durch seine gefällige, leichttviegcnde Mache würdig war. linier zivei andren. noch älteren Opern befand sich auch eine,«Heilmar der Narr", die 1892 zu München heraus- gekounneu ivar. Inzwischen(1900) hat der Komponist diesem Werk eine«neue Fastung" gegeben und es schlechtweg„Heilmar" ge» nannt. Auch ohne jene erste Fassung zn kennen, darf inan nach der Titelverschiedeubeit und nach Kieiizls ernstem Entivicklungsstreben vermuten, daß hier die Figur des Helden eine Erhöhung gefunden habe. Der Hille Heilmar wird in seiner Hingebung an die leidende Menschheit bestärkt durch eine Tranmerscheiimng, die ihm Heilkräfte verleiht unter der Bedingung des Verzichtes auf eigne Lust. Als eine Art von Uhdeschcm Christus zieht er heilend umher; er macht ein krankes Mädchen gesund, verfällt aber irdischen Gefühle» zn ihr, sieht seine heilende in eine totbriugende Kraft verivandelt und wird erst durch das freiwillige Opfer der Geliebten zn neuer Segens» thätigkeit erlöst. Was der Dichter und Komponist— in Einer Person— aus dieser Wiederanfuahme eines alten Sujets durch Anwendung aller ästhetischen Fürsorge und aller gefälligen DiirchfüHrmig machen konnte, ist hier gemacht ivorden. Es klappt alles so recht hübsch, eS geht alles dem Hörer so gut ein, es ist ivohlklingend, die musikalische Deklamation des Textes zeigt sich auf moderner Höhe, die konzerl- artigen Teile des Stückes und die Belebung mancher Chor- und Ensemblepartien durch strenge Stimmführung sind beachtenswert. Wäre mit Verstand und Geschicklichkeit ein Knnstiverk fertig— wir könnten zufrieden sein. Bleibt nur noch die Hauptsache: die Wider» spicgcliiiig der dichterischen Borlage in einer wirklich gestalwiigs» kräftigen, nicht btofe chnrokteriftisch ninrffercntwit Thonphantäsic mit «ignrr, nicht traditioncNcrAusdr»«ckSweise. Daran fehlt es nun allerdings, trvtz vieler schöner Einzelheiten. Am reichlichsten entfalteten sich diese dort, Ivo der Komponist das Milien der entscheidenden Vorgänge in einer Breite auseinanderlegt, die interessante Gegensätze zn jenen Vorgängen, noch mehr aber Gelegenheit darbieten zu Evolutionen, auf den Geschmack der grvhen Liebhabermcnge eingerichtet. Die volle Ueberwindiing der Nebendinge zum Dienste der Hauptsache— was nicht»nr R. Wagners sondern auch manches Jüngeren Leistnnge» vollkomincncr macht— ist nicht eben Kienzls Sache. Das Opernhaus, das vorgestern(Dienstagj den„Hcilmnr" herausbrachte, ivird diesen Schritt in seinem jetzigen Ans- paffungsgang schwerlich zu den erfolgreichste» zählen können. Der jibliche Premiercnerfolg ivar ersichtlich mehr von einer Minorität erkämpft als ans einer gemeinsamen Hvrerstinnnung herauSgeivachsen und galt ivohl in erster Reihe den grosien Verdiensten der Anfführnng. Und doch haben diese gerade hinwidrr dem— sage» wir: Pnbli- luinston des Werkes viel zn danken. Man sehe z. B., wie Herrn Droeschers Regicknnft die Aktschlüsse, zumal den ersten, zn so prächtigen lebenden Bildern benützt hat. ivie sie für die Reproduktion in illustrierten Journalen Im»« besser zn finden sind. Jedenfalls ist das Chorvolk nmnnehr stramm eingcdroeschcrt. Heben wir unter den Darstellern die Hauptperson und eine Nebenperson hervor! Als Heilmar ivar Herr H o f f in a n» gut bei Stimme(er könnte nur noch schärfer aussprechen)»nd leidenschaftlich im Spiel. Als ein aus der Volksmenge herwortretendeS Weib machte Frl. V a r e n n aus ihrer kleinen Rolle eine anziehende Figur. Da- zwischen bewährte sich der übrigen Reigen bekannter Kräfte so, wie wir es wohl nicht zum so und so vielten Mal wiederhol«! brauchen.— 82. Klinsthandwcrk. k. Wer ist der Erfinder d e S Holzschnittes? Bisher hat man allgemein die Ersindung dcS Holzschnittes Deutschland zu- geschrieben; infolge der Entdcckimg eines Holzschnittes aus dem 14. Jahrhundert in Saüne et Loire nehmen jedoch jetzt die Frau- zoscn die Ehre dieser Erfindung für sich in Anspruch. Dieser wieder- gefundene Holzschnitt, der demnächst in der retrospektiven und tcch- Nischen Ausstellung des Holzschnitts in der Pariser.'Eeols do« bsaux" arts" zu sehen sein wird, ist mir ein Brnchstiick; der ursprüngliche Holzstock in Nnstbaum hatte etwa 80 Ccutiineter bis 1 Meter Länge und 40 Centimetcr Höhe i er stellte eine Kreuzigung dar. Der »vicderaufgcstmdcne Teil beginnt mit dem linken änszersten Ende dcS KrenzeS: ein mit einer Laiize bewaffneter Soldat schickt sich an, die Seite des Christus zn durchbohren, der auf dein ehe- maligen Teil dargestellt Ivar; hinter diesem Soldaten halten sich zwei andre Personen. Die ziemlich gut beob- achteten Verhältmsse zeugen von einem Künstler, der für seine Epoche sehr ausgebildet ist. und dessen erste Arbeit dies sicherlich nicht ist. Henri Bouchot, der Konservator des Pariser Kupferstich- Museums, äußerte sich über diesen Holzschnitt:„Sehr lange kostii- Mierten die Künstler ihre Personen mit den von ihnen selbst ge- tragcnen Kleidern ihrer Zeit. Dadurch bin ich aufmerksam geworden! denn dieser Holzschnitt war auf der AnSstellimg von 1000. ohne daß jemand sein Alter ahnte. Er wurde vor 2'/z Jahren von M. Protat, einem Drucker in Maeon, gefunden, aber erst nach langen und sorg- fältigcn llnterstichmigen habe ich den Ursprung iimvidcrlcglich auf die Zeit zivischcn 1340 und 1350 feststellen können. Jedenfalls ivird diese Thntsache Aufsehen in der wissenschaftlichen Welt Deutschlands erregen, denn nach der Anficht der deutschen Gelehrte» blühte die Holzschneidekunst in Köln und Oberdeutschland zn einer Zeit, Ivo sie in Frankreich noch unbekannt war. Die auf»nS gelaugten Drucke stammen teils ans den Niederlanden, zum größten Teil aber aus Deutschland, z. B.„der heilige Christoph", datiert von 1423.„das Martyrium des heiligen Sebastian", datiert von 1437, usw. Wie ist eS nun möglich, da man einen französischen Holzschnitt vom Jahre 1340 besitzt, daß die Entdeckungen i» Frankreich im folgenden Jahrbnndert gleich null waren, während sie sicki bei unsren Nachbar» vcr- vielfältigen? Seit der Erfindmig der Holzschneidekunst machten die Abteien den Bilderhändlern Konkurrenz. Die Bilderhnndlcr bildeten ein Syndikat und erhielten das ausschließliche Vorrecht der Stecherkunst. Alle Bilder ohne Stempel eines Syndikats wurden beschlagnahmt und zerstört, während in Deutschland alle Stiche, woher' sie auch kamen, geachtet waren. Nichts beweift übrigens, daß nicht die französischen Abteien nach Deutschland gewisse Bilder geschickt haben, die seitdem dort wiedergefunden worden sind. Ich habe festgestellt, daß die sogenannten xylographischen Zeichen, die man als die Fabrikmarke der Holz- fchneider ansah, nur Stempel dcS Eigentümers waren, die mit beweglichen Lettern nachher aufgedruckt wurden. Gntenbcrg hat die Form und wahrscheinlich, die Presse erfunden, aber die beweglichen Lettern gab es lange vor ihm. ES befindet sich in Notrc-Dame eine Inschrift, die vor der Ersindung der Bnchdruckerknnst datiert, und die nur vermittelst beweglicher, in Blei gegossener Formen er- halten werde» konnte."— Geologisches. — Ein f a st vergessenes N o r d s e e- C i l a n d. Der „SchleSwig-Holsteiiischen Volks-Zeitmig" wird anS Dithmnrschen ge- schriebe»: Aus dem Wattenmeere der schleswig-holsteinschen Westküste, das regelmäßig beb der Flut von den Wellen überschwemmt wird und bei den Ebben in ausgedehnten Flächen als Land hervortritt, steigen senkrecht mit stark zerklüfteten,'/e bis l'/e Meter hohen Wänden die Halligen empor. Obwohl Wellen und Eis unaufhörlich an der Zerstörung dieser Juselchen arbeiten, harren die Halligbeivohner auf ihrer Scholle ans. In den letzten Jahren hat' man damit begonnen. einige der Halligen gegen weiteren Landabbrnch zu bewahre». O l a n d«nd G r ö d e sind jetzt durch Stcindossicrungcn geschützt und die Sicherung von Langeneß ist in Angriff genonnnen worden. Aber weit draußen im Wattenmeer, den Stürmen und lleberschlvemniungen schutzlos preisgegeben, liegt das fast vergessene Nordsee-Eiland H o o g c. Als im harten Winter 1388 tvilde Eismassen die Watten und ihre Ströme bedeckten, war auch Hooge monatelang von aller Verbindung mit dem Festland abgeschnitten und die Bewohner erfuhren, wie schon so oft, nichts von dem, was in der Welt vorging. Diesem Eiland muß bald Hilfe kommen, wenn es nicht völlig dem Untergang geweiht sein soll. Der tiefe Flutstrom streicht unmittelbar längs der Hallig- kante,«»tcrivühlt sie und bricht immer neue Streifen Landes ab. Im Jahre 1873 war Hooge noch 080 Hektar groß: seitdem sind mehr denn 180 Hektar vom Meer fortgerissen und die Einwohnerzahl ist von 250 im Jahre 1850 auf 140 in der Jetzt- zeit zurückgegangen. Die Sicherung deS Strandes durch Steiudeckcn und Buschlahiinngen ist ein Gebot der Notivendigkeit, tveil mit ihr mitten im Wattenmeere ein wertvoller Stützpunkt für neue Land- gcwinnungSarbciten geschaffen würde. Je rascher die Halligen vor »«eiteren» Abbruch geschützt und je mehr Dämme vom Festland ins Meer hinansgebaut werden, desto erfolgreicher wird auch die weitere Landgewinniing vor sich gehen. Dem schleswig-holsteinischen Watten- mecre können riesige Flächen deö fruchtbarsten Marschbodens»nedcr abgerungen werden, wenn durch umfassende Dammbante» dem seind- lich zerstörendem Meere Halt geboten wird.— HumoriMscdes. — Ein M i ß v e r st ä n d n i S. Er:„Finden Sie nicht, gnädige Fran. daß mein alter Freund, der Sie zu Tisch geführt hat, eine mcrkwiirdigc Aehnlichkeit mit R o ch e f v r t hat?" Sic:„Ich Iveiß wirklich nicht... Ich Hab' de» Sch u upfeu!"— — Merk w ü r d i g. Pantoffelheld snach der Gardinen- predigt):„Das ist doch wirklich sonderbar: Je weniger Zähne eine Frau hat, um so bissiger wird sie!"— — Aufrichtig. G a st:„Kellner, Sie haben also nichts wie Eier und Eierkuchen, tvozu rate» Sic mir?" Kellner:„Eier würde ich nicht nehmen, die sind gclvöhnlich schlecht, aber nehmen Sic Eierkuchen, da sind keine Eier drin."— („Lustige Blätter".) Notizen. — Die Gottsched-Gesellschaft veranstaltet am 2. Fe- brnar(7 Uhr abends) in Rosches Fcstsälen(Wilhelinftraße 118) eine Gottsched-Feier.— — Erich S ch l a i k j c r S Komödie„D es Pastors 81 i c k e" ist als Auch im„Hciniat"-Verlage(Berlin, Georg Heinrich Meyer) erschienen.— — D i c Les sing- Gesellschaft veranstaltet von jetzt an an jedem Sonntagabend im großen Saale des ArchitcktcuhanseS volkstümliche Dichter- und T o n d i ch t e r a b e n d e.— — Helene Odilo n eröffnet am 15. Februar im„Neuen Theater" ein längeres Gastspiel.— — I» W o l z o g c n s„Bunte m Theater" findet Sonntag- nachmittag(3 Uhr) eine Vorstellung z u halben Preisen statt.— » f—„Zum siebenten Hin» m c l" nennt sich das n e u c st e ll c b e r b r e t t l, das an» 5. Februar im Etablissenicnt Colster (Kantstraße) eröffnet werden ivird.— — Gottschalls Drama„ R a h a b" erzielte bei der Erst- anfführnng in» Hamburger Stadttheater einen starken Erfolg.— —„De r H e r r H a n s h e r r". eine Posse von Richard Mauz, fand bei der Erstanfführmig im M ü u ch e n« r G ä r t n c r- platz-Thcater Beifall.— — Die Erstaufführung von Eugen d'Alberts neuer Oper „Der Improvisator" im Oper» h a n s e ist auf den 15. Februar angesetzt.— — Handels Chorwerk„ A c i S und G a l a t h e a", das in Berlin seit einer langen Reihe von Jahren nicht aufgeführt worden ist. Ivird im zweiten A b o n n e in e n t S- K o n z e r t der Singakademie zum Vortrag gelangen.— — Felix P i n n e r s einaktige Oper„Eine Dorf- g c s ch i ch t c" ging in, Mainzer Stadttheatcr an» Freitag bei der ersten Aufführung erfolgreich in Sccne.— — Die 74. V e r s a in in l u n g d e u t s ch e r N a t u r f o r s ch e r und A e r z t e wird vom 21. bis 28. September in Karlsbad tage».— Berantiv ortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.