Mnterhaltungsblalt des Morwärls Nr. 22. Freitag� den 31. Januar. 1902 (Nachdruck verboten.) 223 Fonttt Govdjejetv. Koma» bon Maxim G o r k i. Deutsch vo» Klara Brauner „Ich kann sie nicht ausstehen!" antlvortete Fama mit Bestimmtheit. „Und mich?" fragte Lofja leise. Foma wandte die Augen ab und sagte seufzend: „Zum»vicvielten Male fragen Sie das „Ist es Ihnen peinlich, das zu sagend" �„Es ist mir nicht peinlich, aber tvozu?" „Ich muß es wissen." „Sic spielen mit inir", sagte Fonia diistcr. Uud sie öffnete die Augen weit und fragte im Ton der höchsten Verwunderung: „Wie spiele ich? Was heißt da?, spielen?" Sie hatte dabei ein so engelhaftes Gesicht, daß er ihr glauben mußte. „Ich liebe Sie, ich liebe Sie l Kann man denn das, Sie nicht lieben?" sagte er leidenschaftlich und fügte gleich mit gesenkter Stimnie traurig hinzu:„Sie brauchen das ja nicht!" „Ieht haben Sie's gesagt!" seufzte Mcdinskaja befriedigt auf uud rückte von ihm fort.„Es ist mir immer so an genehm zu hören, wie Sie das sagen, so jung, so ursprünglich, »vollen Sie mir die Hand küssen Er griff schweigend nach ihrer feinen, Iveißen Hand, beugte sich vorsichtig darüber und küßte sie heiß und lange. Sie entriß ihm lächelnd und graziös die Hand, war aber durch seine Leidenschaftlichkeit nicht im mindesten erregt. Nachdenklich, mit jenem Glanz in den Augen, der Jvoma stets verlegen machte, betrachtete sie ihn, wie etivas Seltenes und äußerst Interessantes, und sagte: „Wie viel Gesundheit, Kraft und Seelenfrische Sie be- sitzen l Wissen Sie— Ihr 5iaufleutc seid ein Volk, das noch gär nicht gelebt hat, ein ganzes Volk mit originellen Traditionen, mit einer riesigen Energie de?.Körpers und der Seele. Zum Beispiel Sie! Sie sind ja ein Edelstein, und wenn man Sie abschleifen Iviirde... o I" Wenn sie sagte ��ei Euch, ans Eure Art. auf die kauf- mäunische Art,— war es Foma immer, als stoße sie ihn mit diesen Worten gleichsam von sich. Das war traurig und kränkend. Er schivieg und sah auf ihre kleine Gestalt, die stets ans eine besonders schöne Art gekleidet war, stets wie eine Blume duftete und mädchenhaft zart war. Manchmal stammte in ihm der wilde, brutale Wunsch ans, sie zu fassen und zu küssen. Doch ihre Schönheit und die Zart- hrit ihres feine», biegsamen Körpers erregte in ihm die Furcht, sie zu zerbrechen und zu verstümmeln,»nährend die ruhige, freundliche Stimme und der klare, aber gleichsam lauernde Blick scineu Drang abkühlte: ihm war, als schaue sie ihm in die Seele hinein uud verstehe alle seine Gedanken. Doch diese Gefühlsexplosionen waren selten, und gewöhnlich äußerte der Jüngling Medmskaja gegenüber nur seine Anbetung und bewunderte alles an ihr— ihre Schönheit, ihre Worte und ihre Kleidung. Und neben dieser Anbetung lebte in ihin stets das quälende, scharfe Beivußtsein der Entfernung zwischen ihnen und ihrer Ueberlegenheit über ihn. Dieses Verhältnis setzte sich sehr bald zwischen ihnen fest: nach zlvci, drei Begegnungen hatte sich Medinskaja des Jünglings ganz bemächtigt und begann ihn laugsam zu foltern. Ihr gefiel augenscheinllch die Macht über den ge- sunden, starken Burschen, ihr gefiel es, mit der Stimme und dem Blick allein daS Tier in ihm zu ivecken und eS zu zähmen, und sie vergnügte sich mit diesem Spiel, überzeugt von der Unüberwindlichkeit ihrer Macht. Er verließ sie halb krank vor Erregung und nahm das. Gefühl des von ihr angcthanen Unrechts und den Zorn auf sich selbst mit Hein», — viele schwere, ihn berauschende Empfindungen. Und nach ein Paar Tagen kam er»vieder, um sich foltern zu lassen. Einmal fragte er sie schüchtern: „Sofja Pawlowua! Haben Sie Kinder gehabt?" „Nein." „Das wiißte ich I" rief Foma freudig aus. Sie blickte ihn mit den Augen eines ganz kleinen, naive ir Mädchens an uud sagte: „Woher wußten Sie denn das? Und ivoz» brauchen Sic zu wissen, ob ich Kinder gehabt habe?" Foma errötete, senkte den Kopf und begann ihr mit dumpfer Stimine zu antworten, gerade als stieße er die Worte aus der Erde heraus und als»vöge jedes Wort einige Pud: „Sehen Sic,, wenn eine Frau, die... das heißt, ge- boren hat, dann hat sie... ganz andre Augen.", „So— o? Was für»velche denn?" „Schamlose!" platzte Foma heraus. MedinSkaja lachte ihr silberhelles Lachen, und auch Foma lachte bei ihrem Anblick. „Verzeihen Sie!" sagte er endlich.„Ich habe das viel- leicht nicht schön, nicht anständig gesagt." „O»lein, nein! Sie können nichts Unanständiges sagen. Sic sind ein reiner, lieber Junge. Ich habe also keine schäm- losen Augen?". „Sie sind bei Ihnen wie bei einem Engel!" erklärte Foma begeistert, indem er sie mit strahlenden Augen anblickte. Und sie sah ihn an, wie sie ihn bisher noch nicht an- gesehen hatte,—»nit den» Blick einer Frau»lnd Mntter, mit dem traurigen Blick der Liebe, die mit der Sorge»in» den Geliebten vermengt ist. „Gehen Sie,»nein Täubchen. Ich bin müde und will ausruhen", sagte sie, ohne ihn anzublicken, indem sie sich erhob. Er ging gehorsain. Einige"Zeit»ach diese»»» Vorfall verhielt sie sich ihm gegenüber strenger und ehrlicher, als schonte sie ihn. doch dann nahmen die Beziehungen die alte Form deS Katze- und MauS- spielS an. Fomas Beziehungen zu Medinskaja kouilten seinein Paten nicht verborgen bleiben, und eines TageS fragte der Alte, in- dem er eine höhnische Miene anfsetzte: „Fonia! Betaste öfters Deinen Kopf, damit Du ihn nicht durch einen Zufall verlierst." „Was»ueinei» Sie?" fragte Foma. „Ich meine die Sofia... Du gehst gar so oft zu ihr." „Was geht das Sie an?" fragte Foma ettvaS grob. „Und was für eine Sonjka ist sie Ihnen?" „Mir»»acht das nichts,»»»ir geschieht nichts, wem» man Dich aussaugt. Daß sie Sofja heißt, das ist allen bekannt. und daß sie mit fremden Häuden Kastanien aus dem Feuer zu holen liebt, ist auch bekannt." „Sie ist gescheit!" erklärte Foma bestimmt, machte ein finsteres Gesicht und steckte die Hände in die Taschen.„Und gebildet." „DaS stimmt, daß sie gescheit ist! Wie gescheit hat sie das letzte Mal de»» Abend arrangiert: die Einnahme bctnig zweitausendvierhundert Rubel und die Ausgaben tausend' neunhundert Rubel. ES dürsten aber noch nicht tausend Rilbcl gewesen sein, denn alle machen ihr alles umsonst. Gebildet ist sie. Sie wird Dich schon bilden... und besonders die Nichtsnutze, die»un sie herum sind." „Das sind keine Nichtsnutze, sondern kluge Menschen!" entgegnete Foma gereizt ui»d widersprach sich selbst.„Und ich lerne von ihnen. Was bin ich denn? Ich kann gar nichts. Was hat»nai»»„ich gelehrt? Dort spricht man über alles, und jeder hat etwas zu sagen. Hindern Sic»nich nicht, einen» Menschen ähnlich zu»verde»." „So»vaS! Wie Du sprechen gclerut hast! So zornig, wie der Hagel auss Dach schlägt! Nun gut...»verde einen» Menschen ähnlich... es»väre aber ulischädlicher, deswegen ins Gasthaus zu gehen: die Menschen dort sind doch besser als bei Sofia. Du solltest aber die Menschen unterscheiden lernen und verstehen,»ver etwas wert ist, Bursche.... Zun» Beispiel Sofja... Was stellt sie vor! Ein Infekt zur Ver- schöueruug der Natur und sonst nichts!" Bis ins Tiefste der Seele enipört, ging Foma mit auf- cinnndergeprcßten Zähneu von Majakin fort»lnd schob, die Hällde noch krampfhafter in die Taschen. Doch der Alte kam bald»vieder auf die Medinskaja zurück. Sie kehrten qils der Bucht nach der Besichtigung der Dampfschiffe zurück, saßen in dem sehr geräumigen, bequeme» Schlitten nnd sprachen freundschaftlich und lelchaft von den Geschäften. Es war im März; unter den Schlittenkufen klatschte das Wasser auf, der Schnee war schon mit einer Schmutzschicht bedeckt, und die Sonne strahlte lustig und warm am klaren Himmel. „Wenn wir da sind, gehst Du gleich zu Deiner Dame?" fragte Majakin unerwartet, indem er die geschäftliche' Unter- redung unterbrach. „Ja, ich geh' hin," antwortete Foina kurz und unzufrieden. „Hm... Sag' einmal, bringst Du ihr oft Geschenke?" fragte Majakin einfach und mit einer gewissen Herzlichkeit. „Was für Geschenke? Wozu?" fragte Fonia erstaunt. „Dn schenkst ihr nichts? So was... Lebt sie also nur so, ans Liebe mit Dir?" Foma flammte vor Zorn und Scham auf, wandte sich schnell zu dem Alten um und sagte vorwurfsvoll: „Ach I Sie sind ja ein alter Mann, und es ist eine Schande, anzuhören, was Sie sprechen! So etwas zu sagen!... Wird sie sich denn... zu so was herbei- lassen? l" Majakin schmatzte mit den Lippen und sagte mit singender, eintöniger Stimme: „Was Du für ein Klotz bist! Was für ein Narr!" Und auf einmal wurde er ärgerlich und spuckte aus: „Pfui über Dich! Jedes Vieh hat aus dem Topf ge- trunken, es ist nur die Neige geblieben, und der Dummkopf hat sich aus dem schmutzigen Topf einen Gott gemacht... Teufel! geh einfach zu ihr hin und sag ihr:„Ich will Ihr Geliebter sein... ich bin ein junger Mensch, rechnen Sie nicht zn viel dafür."" „Pate l" sagte Foma düster drohend.„Ich kann das nicht mit anhören... Wenn das jemand anders wäre..." „Wer außer mir wird Dich denn warnen?" Meine Herren!" schrie Majakin auf und schlug die Hände zusammen. „Sie hat Dich also den ganzen Winter an der Nase herum- gesührt? Ist das aber eine Nase! Ach, so ein Luder!" Der Alte war empört; in seiner Stimme klang Aerger, Zorn und selbst Thränen. Foma hatte ihn noch nie so ge- sehen und schwieg unwillkürlich, indem er ihn anblickte. „Sie wird Dich verderben! Ach, mein Gott! Ach, diese babylonische Sünderin!" Majakins Augen blinzelten schnell, die Lippen bebten, und er begann niit groben, cynischen Worten, leidenschaftlich, zornig quietschend von Medinskaja zu sprechen. Foma fühlte, daß der Alte die Wahrheit sprach. Er atmete schwer'und empfand Trockenheit und einen bitteren Geschmack im Munde. „Laß gut sein, Vater.. bat er leise und gequält und wandte sich von Majakin ab. „Ach, Du mußt bald heiraten l" rief der Alte erregt aus. „Um Christi willen, sprecht nicht!" sagte Foma tonlos. Majakin blickte seinem Taufkind ins Gesicht und schwieg. Fomas Gesicht erschien länger und bleicher, in den halb geöffneten Lippen und dem sehnsüchtigen Blick war viel schweres, bitteres Erstaunen... Rechts und links von der Straße lagen Felder, die mit den Fetzen der Winterbekleidnng bedeckt waren. Auf den schtvarzen, vom Schnee entblößten Stellen sprangen geschäftige Saatkrähen. Unter den Kufen spritzte das Wasser auf, und schmutziger Schnee flog unter den Füßen der Pferde hervor. „Wie dumm der Mensch in seiner Jugend ist!" rief Majakin leise aus. Foma blickte ihn nicht an.„Vor ihm steht ein Baumstumpf, und er sieht eine Tierschnauze... er erschreckt so sich selbst... ach ja!" „Sprecht ohne Umwege," sagte Foma düster. „Was ist da zu sagen? Es ist klar: Mädchen sind Rahm, Frauen sind Milch; die Frauen sind nah, und die Mädchen sind weit... geh also zu Sofja, wenn Du nicht anders kannst, und sag ihr gerade heraus... es steht so und so da- mit... Närrchen l wenn sie eine Sünderin ist, kannst Du sie ja leichter erreichen... Warum machst Du also ein böses Gesicht? Warum schmollst Du?" „Sie verstehen das nicht," sagte Foma leise. „Was ver-stehe ich nicht? Ich verstehe alles I" „Das Herz... der Mensch hat ein Herz.. und der Jüngling seufzte. Majakin kniff die Augen zu und sagte: »Er hat also keinen Verstand." Sech st es Kapitel. Foma kam von sehnsüchtigem und rachedllrstigem Zorn erfüllt in die Stadt. In ihm loderte der leidenschaftliche Wnnsch, Medinskaja zu beleidigen, sie zu verhöhnen. Mit fest ans einander gepreßten Zähnen und tief in die Taschen gesteckten Händen ging er im Laufe einiger Stunden in den leeren Zimmern seines Hauses auf und ab, zog die Brauen finster zusammen und preßte die Brust heraus. Er stampfte gleichmäßig und schwer mit den Füßen auf den Fuß- boden, als schmiede er seinen Zorn. „Die Niederträchtige... hat sich als Engel verkleidet!" Palageja erstand wie lebendig in seinem Gedächtnis, und er flüsterte schadenfroh und bitter: „Die ist eine Gefallene und ist doch Keffer... Sie hat nicht geheuchelt... Die hat gleich die Seele und den Körper geschenkt.. und diese hat wohl ein solches Herz wie ihre Brust ist— weiß und hart." Manchmal sprach die Hoffnung mit schüchterner Stimme dazwischen: „Vielleicht ist das alles über sie erlogen.. Er erinnerte sich aber an die leidenschaftliche Gewißheit und die Kraft der Worte des Paten, und der Gedanke ver- schivand wieder. Er preßte die Zähne noch fester aufeinander und drängte die Brust noch mehr vor. Böse Gedanken drangen wie Holzsplitter in sein Herz ein, und er verspürte einen stcchendeu Schmerz im Herzen. Indem Majakin Medinskaja mit Schmutz beivarf, hatte er sie für Foma erreichbar gemacht, und dieser begriff das bald. lstortietzung foiqty (Nachdruck verboten.) Nomnno wif J�tJVvalcn. Seit Anfang November ist das unendlich verzweigte Berliner Gelverbslebe» imi eine„Spccialität" reicher. Es handelt sich diesmal natürlich um eine bnchhändlerische Speknlation, die, ganz davon abge- sehen, dah sie zur Kolportage auf den HailptverkehrssNatzen und Plätzen dersNeichshanptstadt ihre anfdringlicheZnflncht nimmt, znrZeit wohl alle Rekords deutscher, besonders geiviffer Berliner Buch- und Zeitnngs- Verleger iveit übertrumpft, ja als Unikum, wenn nicht gar als Monstrosität bezeichnet iverden darf. Das Unternehmen nennt sich „Kons m a n» S moderne Z e h n p f c n n i g- B i t> l i v t h e k'. Der Verlag bringt allmonatlich einen„kompleleu Roman in der Stärke von zehn, elf eventuell mehr Bogen" zum Preise von nur zehn Reichspfennigen für das broschierte Exemplar heraus. Die„garantierte" Auflage jedes Bandes beträgt 50 000 Exemplare. Diese Ziffer wird stimmen. Ich erinnere nur daran, daß auch in der Akeclam-Bibliothek einmalige Auflagen von mindestens 6000 bis zu 40 000 Exen-.plaren seit je gebräuchlich sind. Mit Zuhilfenahme rationellster Stragenkolportage dürfte es nach meinen gelegentlichen Beobachtungen in der Friedrich- straffe ziemlich leicht fallen, die wenn auch riesige Auflage innerhalb kürzester Frist an den Mann zn bringen. Das schließe ich auch daraus, daff die„fliegenden" Verkäufer nur immer ivenige Tage beim Monatsbeginn in den Abendstunden geschäftig zu sei» pflegen. Dann wird der kolossal anschwellende Strom der Passanten auf einer verhältnismäffig kurzen Wegstrecke, etiva Behren- straffe bis Babnhof Friedrichstraffe und Weidendammer Brücke von einer Anzahl Kolporteuren inil süffen Flvtcntvnen oder schnarrenden Baff- und schmetternden Trompctenstiunuen eingeladen, die Eriverbnng eines Exem- plars des. nllerncnesten Berliner Sittenrvi»anövoree»enJroschen"doch ja nicht zn verpassen. In der Bezeichnung.Sittenroman" liegt zunächst das mystische Geheimnis des Erfolges— cS läfft sich so vielerlei vermuten. Wenn man aber in das Buch hineinsieht, wird die Täuschung bald klar. Bis jetzt liegen mir die drei ersten Bände vor. ES find „Lydia" von Max Schönau,„Gift" vom verstorbenen Max Ring und„Der Spion" von„Theo von Gersegg", einem offenbar psc»donyn>en Autor. Auf reichshanptstädtischem Boden spielt nur der erste.Roman". Ist auch der Ringsche Kriminalroman noch als der bessere von allen dreien an- zusehen, so hat er, obivohl in sprachlicher und technischer Be- ziehung nicht so roh, mit den beiden andern doch dieselben Merk- male gemein. Fast alle„Helden" nnd„Heldinnen"� der drei Bücher sind Schwindler, Schurken, Mörder und Selbstmörder aller Art und Gattung. Vitriol, Gift, Revolver, Ersäufen zc. bilden die dankbarsten Requisite für jene, die entweder andre oder sich selbst umzubringen trachten— kurz, es geht gruselig her. Die Sprache dient nicht dazu, Gedanken zu verbergen, sondern abgeleierte Reporter- stil-Phrase» zu dreschen und das unselige Andenken Claurens herauf- zubeschwören. Man sollte meinen, das wäre des�„Schönen" für eine» Reichsnickel genug. Der lukrative Geschäftsfinn des Verlegers schlug aber jeder billigen Denkweise ein Schnippchen. Ahnungslos schneidet der Käufer Bogen um Bogen des Buches auf und liest. Plötzlich. nachdem er einige fünfzili Seiten tiberlvunden hat, fällt sein Blick auf— eine Geschäftsanzei�e mitten im Text! Die anfängliche Verwunderung weicht gar bald dem Un- willen, der Entrüstung, dem Aergcr. Alle paar Seiten kleine und gröbere Inserate in Fett- und Perlschrift, mit und ohne Cliches I Daß die Anzeigen für deren Auftraggeber kostspielige Spätze, für den Verleger jedoch eine sehr vergnügliche Einnahmequelle sein mögen, leuchtet ohne weiteres ein. Nun wundert man sich nicht mehr über den fabelhaft billigen Preis der Bücher, deren fragliche ErwcrbuiigS« und Herstellungskosten sicherlich auS dem Ertrag der Inserate mit einem jedenfalls recht ansehnlichen Ueberschnb bestritten werden. Wie die betreffenden.Autoren" über den.Schmuck" ihrer jeweiligen Opera dnrck Anzeigen von Weinstuben und VergnügnngSetablissementS, von Caviar und Leberthran, von künstlichen Zahngebissen und Schön- heitsmitteln, von Aktphotographien.„pikanter" Lektüre. Seife, Cigarctten, Fett- oder Magerknren, hygienischen Bedarfsartikeln, Haarstärkern, Sprechmaschinen nslv. denken möge», ist ja ihre Privat- jache. Vom ästhetischen Standpunkt ans inusj aber gegen solche Ge- schmacksverwildernng protestiert werden. Daß der Verlag bestrebt ivar, die Inserate möglichst»zweck- nlästig" auf geschäftliche.Wirkung" in den Text zu verflechten, will ich gern anerkennen. Auf die Weise hat er sein un- freiwillig komisches Talent belviesen und dem aufmerk- sainen Leser allerlei kurzweilige ja oft zwerchfellerschütlernde Momente bereitet. Einige Textprobe» mit nachfolgendem Inserat als Satzvollender, letzteres hier stets in Parenthese gegeben, mögen meine obige Behauptung beweisen. .Lydia", von Max Schöna», pwa. 50/51:„Einen Augenblick wollte es unnmtig in ihr aufwallen über diese Indiskretion, aber dann lächelte sie in sich hinein. Was schadete es schlietzlich. dast der hübsche Mensch glaubte, sie interessiere sich vielleicht für(Schmerz- loses Zahnziehen ohne Narkose ec.— pag. 52/63: .Sic haben recht, der junge Mann ist ein bedeutendes Talent. Man mub ihm vorwärts helfen, und ich will(Lukas-Li cht, Laternen- S y st e m.Halter", G a s i n t e n s i v l a in p e von e i r c a 500 Kerzen Leuchtkraft zc.:c.)."— pag. 54/55:»Sie können von Glück sagen, die schöne Frau hat angebissen(Winter- Garten Zc.).— pag. 60/61: Sie lieh sich lieben, während sie sich selbst nur einem flüchtigen Rausch der Sinne hingab, so dah sie jedes Band, so leicht, wie es geknüpft war, auch wieder löse» konnte.(Victoria z u Berlin zc. zc.).*— pag. 66:»Das wäre herrlich, aber Du weistt doch, ich inng leider jeden Abend—(Atelier für k ü n st l i ch e n Zahnersatz zc. zc.)."— pag. 76:»Wir lieben uiiö und wir sind glücklich, damit bastal(Schmerzloses Zahnziehen ohne Narkose zc. zc.)."— pag. 86:»Und Lydia war die tollste von allen (VonKaufniannS moderner Zehnpfennig-Viblio- t h e k zc. zc.)."— pag. 90:»Mit einem Schlage war er eine Beriihmtheit Berlins geworden.(Nichts ist süßer, als der Schlaf in Steiners Reformbett zc.)."— pag. 100:.Ich finde sie hübsch und verführerisch— ihre Augen machen mir heiß(Schmerz- loses Zahnziehen zc. zc.)."— pag. 102:„Als er nachmittags erschien, begrüßte Sonneberger ihn in der zuvorkommendste» Weise ( B ü l o lv- A k a d e in i e Berlin zc. zc.).— pag. 110:„Was soll das heißen? Mein Sohn ist tot und ich treie seine Erbschaft an.—(Kein Bartwuchs bei Dame n mehr zc.)." pag. 110/11:„Dann können Sie auch die Erbschaft nicht antreten (Schaps'sche Schnh-Qnelle zc. Zc.).'— pag. HO:»Abgemacht", rief Lydia(Garderoben-Rein ig ungs- und Reparatur-Anstalt Oskar Scharf Nach f.' zc.)— pag. 119:.Wir sehen uns wieder(M ö b e l- K r e d i t- H a u s Julius Elle zc. zc.)."— pag. 127/28:„Wenn Du mich liebst, gieb mir den Brief", bat Lydia.„Du sollst ihn überhaupt nicht lesen, nur ich will erfahren, was darin steht (M. U n g e r s F r a u e n s ch u tz zc. zc.)."— pag. 127:»Wie sie schon die Tbürklinke in der Hand hielt, hörte sie sich von rückivärts angerufenvär: die gemütlichere Befricdigimq mit den Thal- suchen»nireS Daseins, die darauf folgte»ud dis knapp vor nnsre Zeit reichte; daS nun iviedcr in andrer Weise cingctrcteuc kritischere Aufnehmen der Welt— in der Geschichte der Musik tritt dies nlleS ebeufalls zu Tage. Wie Bach seine Dissonanzen mit aller Herbheit hinstellt>vic dann Spätere sie ins Weiche gezogen haben(Chopin!); ivie nnsre Modernen iviedcr den grimmigen Ernst auch in ihnen lieben: da? ist ei» Abbild jener geistigen Wandlungen. Doch selbst nationale V-rschiedenheUeil prägen sich derart aus. Der gründliche, langsame Deutsche bereitet die Dissonanzc» sorgfältig vor und führt sie gehäuft weiter, bis er erst spät ihre Anflösnug bringt, vergleichbar den langen, verivickelten, das Zeitwort erst am Schlnsi vollendenden Sähen seiner Spracht. Der Italiener lnszt sich überhaupt nicht tief in Dissonanzen ein und lost sie bald wieder auf. Der Franzose bietet weit mehr Dissonanzen dar als der Italiener, lägt aber seinen Wih oder selbst seine Frivolität auch hier spielen: er bereitet sie nicht so vor wie der Deutsche und bricht sie gerne rasch und scharf ab. Und der verschiedene Geschmack der Menschcnllasscn prägt sich in den Erfolgen der Tomverle ans. Victor Hugo sagt einmal(in der Vorrede zu „Ruh Blas"), ein Dichtwerk mit fein gearbeiteten Charakteren gefalle dem Kenner, eines mit„Handlung" dem großen Publikum, eines mit„Leidenschaft" den Frauen. So zieht in der Musik die künstliche Durcharbeitung der Motive den Kenner an, die schone Melodie den großen Haufe», die Leidenschaft die Frauen. Diese Grimdgedanken führte Herr Richard I. E i ch b e r g in einem im„Berliner T o n l ü u st l e r- V e r e i n" gehaltenen Vortrag näher durch, betitelt:„Die K u n st. insbesondere die Musik, ein Bild des seelischen Empfindens, v 0 m h i st 0 r i s ch e» n n d ä st h e t i s ch c n S t a u d p n n k t a u s betrachtet". Ninr subjektive Ansichten sollten es sein, lvas er gab. Vielleicht zu bescheiden; anschauliche Beispiele, an denen es hier fehlte, hätte» ivohl eine stärkere Evidenz erzeugt. Möglich. daß den Vortragenden davon seine Abneigung gegen daS„Erklären" von Kunstwerken abhielt, seine Vorliebe dafür, in einem Kunstwerk das„verschleierte Bild von Sals" zu sehen. Etwas anders Hugo R i e m a» n. Die Analhsc von Meister- werlen sei des Kompositionsstudiuins bester Teil. Mit diesem Haupt- gedanle» führt Riemann in seinem neueste» Werk, der„ G r o ß e n Kompositionslehre"<1. Band: Der homophone Satz. Berlin und Stuttgart, Spemann. 1902). den werdenden Komponisten durch eine auch historisch interessante Fülle vorbildlicher Beispiele hindurch zum eigenen Schaffen. Nicht als ob dem Schüler vorgeschrieben werden sollte, lvas er. zu ihnn hätte. Vielmehr ist die gerade in «nsrer Zeit erst so recht erfaßte Einsicht, daß es einen ivahrcn und wahrhaften Unterricht in der Knust(nicht bloS in ihrer Technik) ganz ivohl giebt. und daß er in einer geschickten Führung dessen besteht. lvas sich aus dein Innern des Zöglings heran? naturgemäß entwickelt, kam» jemals so tief und für den Wert der Kunstpädagogik so beweiskräftig entfaltet morden wie hier. Der Lehrer richte sein Hanvtangemnerl fortgesetzt darauf, daß der Schüler empfinde, was er schreibt. und daß er s i ch s e l b st treu bleiben lerne."(S. 87.)„Die Hauptjache ist. daß der Komponist etivas zu sagen hat. daß ihm der musikalische Ausdruck Bedürfnis ist."„Deshalb ist es auch durchaus nicht angängig, daß d e r L e h r e r dem Schüler einen Text zu komponieren giebt". usw.(S. 298k.)„Jnnner lvieder die lebendige Tonphantasie selbst arbeiten zu lassen"(S. 239),„mir nicht Note» kompoivere», sondern Töne".(S. Ilist). Ei» Werk, wie diese reife Abrundmig zahlreicher früherer Arbeiten des Verfassers, will»veniger lritisiert werden, als seine Früchte im Geist der Mitstrebend«» allinnhlich sich entivickeln lassen. Für zu- stimm«, de und ziveifelnde Citierungen ist hier am allerioenigsten Raum: den Wunsch hingegen. daß jene Entwickelnug in alle Tiefe inid Breite gehe, dürfen ivir ivohl um so nachdrücklicher ans- sprechen.— sz. Kunst. ce. B ö ck l i n über antike S k n l p t n r. In der„Neuen Zürcher Zeitung" setzt Albert Fleincr die Veröffentlichung seiner Böcklin-Erimierunge« fort nnd erzählt unter anderm folgendes: Bei einem Besuch der ,..A.cc««lemia� in Florenz gab eine Sann,»lnng von etrnSkischen Aschenkisten, Sarkophagen nnd' Grabnrnen ,nit Hand- werksmäßig hergestellten Reliefs nnd Resten noch erkennbarer Be- nialnng Böcklin erwünschten Anlaß, von der polychromen Sknlptnr zu reden. Für ihn war es gewiß, daß alle antiken Sknlptnren. die Man heilte finn- und verständnislos als iveiße Männer und in Mehl getaucht? Frauen beivnndere. farbig nnd bemalt waren, wenn anch »nr in leichten Lasuren. Ein Grieche würde, wiederkvniinend nnd unsere Museen sehend, vor Aerger krepieren nnd gerne zuni.Hades ziiriickkehren. Böcklin erimierte sich, die bekannte Aiiqnstusswtue in, Vatikan kurz nach ihrer Ansgrabmig(l8tZ3) bei der Villa Livia vor den Thoren Roms noch in ihrer ursprünglichen, reichen-lind großartig ivirkcnden farbigen Bemaklng gesehen zu haben. Aber diese hllitigcu Vandalen putzten und fegten das Standbild von allen tarb en n b er b le i b sein rein, bis es ganz tveiß nnd blank dastand.— öcklin, der sich, wie man weiß, mit den, Problem der polychromen Plastik lange und eifrig beschäftigt hat. geriet bei dem bloßen Ge- danken an diese Ilnthat i» lodernde Entrnstnng.— Physiologisches. ss. B l u t c r f l» Ni i l i e II. Die Medizin berstchi nntcr der Be- zcichiumg Bluter einen Menschen, der an einer cigeiltnmlichen Krank- heit leidet, nänilich an einer ttcbcrsülle bon Blut, die sich i» merk- würdigen Erichehnnigen äußert. Die Krankheit selbst Ivird niit dein wiffenschastlichen AnSdrnck Hämophilie genannt. In der erst kürzlich begriilideten Gesellschaft für innere Medizin in Wien stellte Dr. Türk eine an dieser Krankheit leidende Frau vor. deren KranlheitS- gcschichtc als ei» Beispiel dafür gelten kann, ivie die fragliche Eigen- schaft sich innerhalb einer Familie vererbt. Man spricht in dieser Bczichnng gcradcz» von Bliiterfamilien. In den, vorliegenden Fall ivar die Krankheit bereits durch fünf Geschlechter nachweisbar. Der Staininvater übertrug die Blnierkrankheit auf zwei Söhne nnd eine Tochter, die beide» Söhne iviedcr anf einen männlichen nnd sechs iveibliche Enkel, so daß in der dritten Generation bereits unter elf Familicninitglicdern sieben mit dem Leiden behaftet wäre», deren Zahl sich in der vierten Generation ans fünf, in der fünften auf eins verminderte. Der Urenkel des Stammvaters litt darunter bis zu seinem vierzehnten Jahre, wurde danach aber von der Krankheit befreit. Diese glückliche Ausicheidnng ivar ivohl darauf zurück- zuführe,>. daß die durch Heirat in die Familie gelangten Personen sämtlich aus Familien stanimten, die nach der betreffenden Richtung hin gesund ivare». Dr. Türk macht»un besonders daraus anf- incrlsani, daß nach seinen Nntersuchunge» die große Bctciligmig des weiblichen Geschlechls an der Bluterkrankheit auffallend ist, ferner daß zniveilen eine indirekte Vererbung eintritt. Es kommt vor. daß. ivie es ja anch bei andren Eigenschaften häufig ist, die Krankheit anf Kinder gesunder Eltern von den Großeltern her vcr- erbt Ivird. In der von Dr. Türk uachgepriifteii Familiengeschichte steht die Blntcrkrankbeit merkwürdigertvcise in Berbindniig mit einem ebenfalls erblichen GelenkrheumatiSnius oder gichtischen und nervösen Leiden. Mit Anfällen dieser Art ist immer eine Steigerung de? Bkntens verbunden, indem dann Blntnngen unter der Haut nnd ans der Mimdhöhte auftrete». Die der Wiener Gesellschaft vorgestellte Kranke leidet iin besonderen an unverkcniibnrer Hysterie, die sich in bestimmten, zniveilen von Fieber begleiteten Anfällen äußert. Die Nebei lerscheiminge« weisen eine gewisse Regelmäßigkeit mit Bezug ans die Körperstellen auf, ebenso ivie anch die Aeußmingeu des BlutenS. Dazu neigende Personen kömieu leicht zur Blutung gebracht werden. zmn Beispiel bei ganz geringfügige» Bcrletzniigen. Wenn aber die Kraulheit sich von innei, heraus äußert, so folgt anffälligerweise nach einer Blutung anf der einen Körperseite sehr bald eine solche an fast genau derjelben Stelle der entgegengesetzten Körperhälfte. Durch diese eigenartige Thatsache ivird die Vennntnng miterstiitzt. daß die Vliitmigen mit einem krankhafte» Zustand des Nervensystems in Zusanimeiihang stehen. Merkivürdig ist es ferner, daß der Blut- druck bei solchen Mensche» gar nicht besonders hoch zn sein braucht. obgleich gelegentlich ei» ganz ungewöhnlich hoher Blutdruck bei ihnen nachzinveisen ist. Die Bluterfaniilieii scheinen in gewissen Gegenden besonders zahlreich zn sein.— Notizen. —„Maria v o n M a g d n l a" von Paul H e y t e ist von der Berliner Ceiisnr nicht zur Änsfühnnig im Lessing-Theater zngelasse» ivorden.— —; Die Erstansführung des Angierscheu Schauspiel» .. Fa ini li e F o n r ch a>„ b»u l t. in der Bearbeitmig voitRapbael Löivenfeld, im Schiller-Tb eater fiiidet am 5>. Fvbrnar slatt� — Eine Ausfiihrniig von Schillers„Räuber»" wird Mitte April i» Paris vor sich gehe»; die Hauptrollen werden von Max Grube, MnUoivsty nnd Rosa Pappe gespielt.— —„F euer S ii o t", die»eue Oper von Richard Strauß. zu der E. v. Wolzogen den Text geschrieben, balle bei der Auf- fiihrnng in der Wiener H o f o p e r einen starten äußeren Erfolg, der zum Schluß bestrittrii wurde.— — I n der Berliner Se cessio» kriselt c S. Die Jungen sind mit der Lieberniannschen Geschäftsführung nnznfriedeu. Ans den Ansstellnngc» nehmen ihnen die berühmten Ansläuder den Platz, die Käufer und Besteller iveg. Als Haupt der Opposition gilt der Maler Fmizel. Die Sache steht so, daß es wahrscheinlich zu einem Bruche loiinnt.— Uns ivimdert nur, daß der Streit nicht schon früher losbrach. Lieberniaiiii kann es ja aushalten. Aber tvaS nützt den vielen jungen Kräften in der Secessioii die Ehre, schöne Ausstellungen init fremden Kunstiverken zn veranstalte», ivährend sie selbst gezivuiigcn sind, Hungerpfotc» zn sauge».— .— Für die G r o ß e Berliner K n n st apS st e l l u n g 1992 wird ein S k i z z c n- W c t t b e iv e r b für ein k ü n st l c r i> ch c s Plakat ausgeschrieben. Preise: 509, 399 und 299 Marl. Letzter Einliefcrnngstermin: 19. Februar.— — Ein ii t n ie biologisches L n b o r a t o r i n m. ein Institut für Gehirnsorschmig. das ai, das phtisiologischc Institut an- gegliedert werden soll, Ivird an der Berliner Universität errichtet. Für dieses Laborntorinin sollen die J»str»iii«ite und Saminluiigeu des Dr. O. Bogt für 59999 M. angekauft iverdeu.— Die nächste Nummer des UittcrhaltungSblattes ericheint am Sonnrag. den 2. Februar. Leranlivortlnyer Redactem: Carl Lei» m Berlin. Druck und Verlag von Max Bading m Oertiir.