Hnterhaltungsblatt des Horwärts 23. Sonntag, den 1 Februar. 1902 (Nachdruck verboten.! 23] Govdjejvtn. Nomon von M c> x i m G o r k i. Deutsch von Klara Brauner Die Frühjahrsgeschäfte nahmen ein paar Tage in Anspruch, und Fomas empörte Gefühle beruhigten sich. Die Trauer über den Verlust des Menschen stumpfte den Zorn auf die Frau ab, und der Gedanke an die Erreichbarkeit dieser Frau verstärkte ihre Anziehungskraft. Und unmerklich begriff er plötzlich und faßte den Entschluß, zu Soffa Pawlowua hinzu- gehen und ihr geradeheraus und einfach zu sagen, was er von ihr wollte. Er empfand sogar eine gewisse Freude bei diesem Entschluß und ging dreist zu Medinskaja. Die Dienerschaft der Medinskaja war seine Besuche ge- wohnt, und das Mädchen sagte aus seine Frage, ob die gnädige Fran zu Hause sei:„Bitte, in den Salon einzu- treten. Die Gnädige ist dort allein." Er erschrak ein tvenig; doch als er seine vom Rock tadellos umspannte stattliche Gestalt und sein gebräuntes, von einem flaumigen schwarzen Bärtchen umrahmtes, ernstes Gesicht mit den großen dunklen Allgen ini Spiegel erblickte, hob er die Schultern und ging mit sicherem Schritt vorwärts durch den Saal. Leise, sehr seltsame Saitentöne schwammen ihm entgegen; sie schienen leise und trauiig zu lachen, sie beklagten sich über etwas und berührten das Herz so zart, als bäten sie um Gehör und hofften doch nicht, es zu erlangen... Foma hörte Musik nicht gern— sie rief stets Traurigkeit in ihm hervor. Selbst wenn die Drehorgel im Gasthaus etwas Trauriges zu spielen begann, fühlte er banges Sehnen in der Brust und bat manchmal, die Orgel abzustellen, oder ging fort, da er fühlte, daß er diese Sprache ohne Worte, doch voll Thränen und Klagen nicht ruhig anhören könnte. Und jetzt blieb er bei der Salonthür unwillkürlich stehen. Die Thür war mit langen Fäden bunter Perlen ver- hängt, die so aufgereiht waren, daß sie ein phantastisches Pflanzenmustcr bildeten; die Fäden bewegten sich leise, und in der Lust schienen bleiche Blumenschatten zu fliegen. Diese durchsichtige Scheidewand verbarg das Innere des Salons nicht vor Fomas Augen. Medinskaja saß auf der Couchctte in ihrer Lieblingsecke und spielte Mandoline. Der große japanische Schirm, der an der Wand befestigt war, beschattete die kleine Frau im dunkeln Kleide mit der Buntheit seiner Farben. Die hohe Bronzelampe mit dem roten Schirm um flutete sie mit dem Schein des Abendrots. Die zarten Töne der feinen Saiten zitterten traurig in dem engen Zun mer, das von der weichen, duftigen Dämmerung erfüllt war. Jetzt ließ die Frau die Mandoline auf ihren Schoß sinken und schien starr auf etwas vor sich hinzuklicken, indem sie die Finger wieder durch die Saiten gleiten ließ. Foma seufzte auf. Der leise Klang der Musik schwebte um Medinskaja, und ihr Gesicht veränderte sich in einem fort, als senkten sich von irgendwo Schatten darauf herab, die vom Glanz ihrer Augen zergingen. Foma blickte sie an und fand sie so allein Iveniger schön als in der Anwesenheit andrer,— jetzt war ihr Ge- ficht ernster und älter, in den Augen fehlte der Ausdrrick von Freundlichkeit und Sanftheit, und sie blickten gelang- weilt und müde. Auch ihre Haltung war müde, es schien, als wolle sie sich erheben und könne es nicht. Foma merkte, wie das Gefühl, mit dem er zu ihr gekommen war, in seinem Herzen durch ein andres ersetzt wurde. Er scharrte mit dem Fuß auf dem Boden und hüstelte... „Wer ist da?" fragte die Frau, indem sie erschrocken zu- sammenfuhr. Auch die Saiten erzitterten und gaben einen bangen Laut von sich. „Ich bin es," sagte Foma. indem er die Perlcnfchnüre mit der Hand auseinanderstrich. „Ah l Wie still Sie sind... Ich freue mich, Sie zu sehen... Setzen Sie sich l... Warum waren Sie so lange nicht da?" „Sie streckte ihm die eine Hand hin und zeigte mit. der zweiten auf einen kleinen Sessel neben sich, wobei ihre Augen freudig lächelten. „Ich war in der Bucht und habe meine Dampfschiffe an- gesehen," sagte Foma mit übertriebener Unbefangenheit, indem er den Sessel an die Couchette heranschob. „Liegt noch viel Schnee auf den Feldern?" „So viel Sie wollen... Es taut aber schon tüchtig... Auf den Straßen ist überall Wasser." Er blickte sie an und lächelte. Medinskaja schien die Un- gezwungenheit seines Betragens und das Neue in seinem Lächeln bemerkt zu haben— sie ordnete etwas an ihrem Kleid und rückte von ihm fort. Ihre Augen begegneten sich und Medinskaja senkte den Kopf.« „Es taut I" sagte sie nachdenklich und betrachtete den Ring an ihrem kleinen Finger. „Ja— a... es sind überall Bäche..." teilte Foma mit, indem er seine Schuhe bewunderte. „Das ist gut... Der Frühling wird kommen." „Jetzt wird's nicht lange dauern..." „Der Frühling wird kommen," wiederholte Medinskaja leise und schien dem Klange der Worte zu lauschen. „Die Menschen werden sich verlieben," sagte Foma lächelnd und rieb sich aus einmal kräftig die Hände. „Haben Sie das vor?" fragte Medinskaja trocken. „Ich brauche das nicht... ich bin schon längst ferflg... ich bin fürs ganze Leben verliebt..." Und Foma rückte näher, indem er breit und verlegen lächelte. Sie blickte ihn flüchtig an und begann wieder zu spielen, indem sie auf die Saiten blickte und sinnend sagte: „Der Frühling... Wie gut das ist, daß Sie erst jetzt zu leben beginnen... Das Herz ist voll Kraft... und es ist nichts Finstres drin..." „Sosja Pawlowna!" rief Foma leise ans. Sie hielt ihn mit einer freundlichen Bewegung auf. „Warten Sie, Täubchen I Heute kann ich Ihnen etwas Schönes sagen.,. Wissen Sie, bei einem Menschen, der viel gelebt hat, giebt es Momente, wo er in sein] Herz blickt und dort nnerlvartet etwas längst Vergesseues findet. Es lag jahrelang irgendwo auf dem Grund des Herzens, hat aber den Duft der Jugend nicht eingebüßt, und wenn die Er- innerung es berührt,>veht einem der Frühling entgegen... die belebende Frische des Lebensmorgens. Das ist schön, aber sehr traurig..." Die Saiten zitterten und weinten unter ihren Fingern, und es war Foma, als ob diese Töne und die leise Stimme der jungen Frau zart und freundlich sein Herz kitzelten. Er beharrte aber noch auf seinem Entschluß, lauschte ihren Worten und dachte, ohne ihren Inhalt zu verstehen: Sprich nur zu! Jetzt glaube ich keinem Deiner Worte... Dieser Gedanke reizte ihn. Und er bedauerte, daß er ihren Worten nicht so aufmerksam und vertrauend wie früher zuhören konnte. „Denken Sie daran, wie man leben muß?" fragte sie. „Manchmal denkt man daran... und dann vergißt man's wieder. Ich habe keine Zeit I" sagte Foma und lächelte.„Was giebt's da auch zu denken? Das weiß man ja... man sieht, wie die Menschen leben, man muß ihnen also nachahmen." „Ach, thun Sie das nicht! Es ist schade um Sie. Sie sind so gut! Es ist etwas Besonderes in Ihnen... was denn? Ich weiß nicht I Man fühlt das aber. Und mir scheint, es wird Ihnen sehr schwer werden, zu leben. Ich bin überzeugt, Sie werden nicht den gewöhnlichen Weg der Menschen Ihres Kreises gehen... nein I Ihnen kann ein Leben, das ganz dem Profit, der Jagd nach dem Rubel... diesen Geschäften geweiht ist, nicht angenehm sein... o nein I Ich weiß, Sie werden etwas andres wollen... ja?" Sie sprach schnell, mit Unruhe in den Augen. Foma dachte, indem er sie anblickte: „Wo will sie damit hinaus?" Und er antwortete ihr langsam: «Vielleicht werde ich wollen... vielleicht will ich's schon.. Sie rückte ihm näher, blickte ihm ins Gesicht und sagte überzeugt: «Hören Sie I Leben Sie nicht wie alle! Nichten Sie sich das Leben irgendwie anders ein. Sie sind stark und jung. Sie sind gut!" „Wenn ich gut bin, nmsi es mir auch gut gehen," rief Foma aus und fühlte,>vie die Erregung sich seiner bemächtigte und wie sein Herz zitternd zu schlagen begann. «Ach, das ist nicht so! Aus Erden geht es den Guten schlechter als den Bösen I" sagte Mcdinskaja traurig. Und zwischen ihren Fingern sprangen wieder die zitternden Maudolinentöne hervor. Fonia fühlte, dasi, wenn er jetzt nicht gleich mit dem, was er vorhatte, beginnen würde, er ihr später nichts mehr sagen könnte. „Gott helfe mir!" sagte er im Geiste und begann nüt gesenkter Stinime und mit Spannung in der Brust: *„Sosja Pawlowua! Es ist gut genug! Ich muß sprechen. Ich bin gekommen, um Ihnen folgendes zu sagen: es ist genug! Man muß gerade und offen handeln. Erst haben Sie mich zu sich herangezogen, und jetzt verschanzen Sie sich vor nur. Ich verstehe nicht, was Sic sprechen, mein Ver- stand ist taub, ich fühle aber— Sie wollen sich Verstecken ... ich sehe ja— verstehen Sie, warum ich gekommen bin!" Seine Augen brannten immer niehr, und die Stimme wurde niit jedem Worte heißer und lauter. Sic neigte sich mit dem ganzen Körper vor und sagte bange: ,,O, hören Sic auf!" „Nein, ich werde jetzt sprechen!" „Ich weiß. Ivas Sie sagen wollen." „Sie wissen nicht alles!" sagte Foma drohend und erhob sich.„Ich weiß aber' alles von Ihnen, alles!" „So(■ Um so besser für mich ," sagte Mcdinskaja ruhig. Auch sie hatte sich von der Couchctte erhoben, als wollte sjc hinausgehen, nachdem sie aber einige Sekunde» gestanden hatte, ließ sitz sich wieder ans ihren Platz sinken. Ihr Gesicht war ernst, sie preßte die Lippen fest aufeinander, die Augen waren aber gesenkt, und Foma konnte ihren Ausdruck nicht sehen. Er hatte geglaubt, sie würde bei den Worten:„Ich weiß alles von Ihnen!" erschrecken. sich schämen und ihn verlegen um Verzeihung bitten, weil sie mit ihm gespielt hatte. Dan» wollte er sie fest umarmen und ihr verzeihe». Es kam aber anders; ihre Ruhe machte ihn selbst verlegen, er blickte sie an und suchte nach Worten, um seine Rede fortzusetzen, konnte aber keine finden. „Um so besser," wiederholte sie trocken und hart.„Sie haben also alles erfahren, ja? und haben mich natürlich ver- urteilt... wie es auch sollte.... Ich verstehe... ich bin vor Ihnen schuldig. Doch... nein, ich kann mich nicht rechtfertigen." Sie schivieg, griff plötzlich mit einer nervösen Hand- bewcgung nach ihrem Kopf und begann sich das Haar zu ordnen. Foma seufzte tief. Die Worte der Medinskaja hatten in ihm eine Hoffnung getötet, von deren Existenz in seinem Herzen er erst jetzt erfuhr, da sie getötet war. Und er sagte mit bitterem Vorwurf, indem er den Kopf wiegte: „Ich habe Sie oft angeschaut und habe gedacht: wie schön, wie gut sie ist, das Täubchen l Und Sie sagen jetzt selbst, daß Sie schuldig sind... ach I" Die Stimme des Jünglings stockte. Und die Frau lachte leise. „Wie gut und wie komisch Sie sind... Und wie schade ist es, daß Sie... das alles nicht verstehen können!" Foma blickte sie an und fühlte sich durch ihre freund- lichen Worte und ihr trauriges Lächeln entwaffnet. Das Kalte und Harte, das er im Herzen gegen sie hatte, zerschmolz in ihm bei dem warmen Glanz ihrer Augen. Die Frau erschien ih?n jetzt klein und schutzlos wie ein Kind. Sie sprach etwas mit freundlicher Stimme, als redete sie ihm zu, und lächelte immer, doch er hörte ihre. Worte nicht. .„Ich kam zu Ihnen ohne Mitleid," unterbrach er sie. „Ich dachte: ich werde ihr alles sagen! Und ich habe nichts gesagt,, ich habe keine Lust. Mein Herz ist mir eingesunken. Sie atmen so besonders... Ach, ich hätte Sie nicht sehen sollen! Was sind Sie mir? Ich muß wohl gehen!'•' lForisctznng folgt.) SontttttgSplÄudever« An die Stcidtverordiietcnversomiiilung in Beelin z. H. ihres Vorstehers Dr. Langerhans. Mit zerrissenem Herzen und blutendem Gewissen gewahre ich tief betrübt, dah Ihr Väter der größten Stadl noch immer Kamele beziehungsweise, sofern Ihr zur roten Rotte gehört, Rhino- zerosse seid. I» Eurer verstockten und verjudeten Gottlosigkeit fahrt Ihr fort, das Heiligste zu lästern und alle christlichen Gefühle zu verhöhne». Das krankt mich schiver in meiner vorsorglichen Liebe für Euch, und ich kann nicht umhin. Euch meinen Zorn zu künde» und die Erwartung ansznsprcche», daß Ihr in Euch gehen möget, und endlich ablasset von Eurem lästerlichen Lebensivandel, der Euch geradeswegs in des Teufels Feuerpfuhl führen muß. Nicht genug, daß Ihr keine Kirche» baut, so verhindert Ihr auch noch gewaltsam, daß in dem verruchten ungläubigen Berlin sich irgend welche Besserung durchsetze. Mit großer Seelenfrendc Vernahin ich, daß man nun auch in Berlin, ivie schon zuvor in Potsdam, sich der heiligen llebung des Gesnndbctens ividmet und damit endlich anfängt. seine Sünden zu bereuen und zurückzukehren in den Schoß des Christentums. Es war nnsrer hehren Amerikanerin Eddh, zu der deutsche Schiffe jetzt ivall- fahren, gelungen mit der strahlenden Waffe der rhristian science, der christlichen Wissenschaft, einzudringen in die Metropole der Un- gläubigkcit. Und es lvar mir eine besondre köstliche Genugthuung, daß gerade in der Schule, die den Namen Falks trägt, des schreck- lichen Urhebers der preußischen Irreligiosität, zuerst eine Stätte er- baut wurde, an der frommer Sinn und schlichte Einfalt ivieder zu Ehren kam. Es lvar mir ein ivohlgefälligcr Anblick, wie hierher die Kranken und Krüppel strömten, Ivie die Lahmen sich gehend, die Buckligen sich gerade, die Schwindsüchtigen sich Inngenstark»u� die Diphtcriebehaftctcn sich bacillenrcin beteten. Und da kommt Ihr, schmäht das heilige Werk, und lv.erfet Kot ans den tapferen Direktor Schellbach, der das erhabene Gesundbeten unter seinen Schutz nahm. Aber ich sage Euch, wer das Gesnndbeten lästert, der höhnt daS Christentum selbst, der verspottet Gott, der treibt Kirchcnschändnng. Alle Krankeit ist, so lehick»»ins der Glaube, eine Folge der Erbsünde. Die Erbsünde aber wird überivunden durch Buße und Gebet,»md darum ist das Gesnndbeten tief be- gründet in der christlichen Wissenschaft, vnld ivcr den heidnischen Aberglauben der Medizinpfujchcrci— die nichts ist als eine Gottes- lästernng und eine Lcugnnng der ehvigen Wahrheit deS christlichen Glaubens— vorzieht, der erschüttert die Grundlagen des Staates, der unterlvühlt Thron und Altar. Und darauf lvollt Ihr hinaus, Ihr Kamele und Rhinozerosse der gröszten Stadt. Ueberdies thue ich Euch zu wissen, daß Ihr nicht nur Verräter am Heiligsten seid, sondern auch ganz verfluchte Esel und Feiglinge. Ihr, die Ihr Euch freisinnig nennt, bildet Euch ein, daß wider die Verminst sei,>vas ü b e r E n r e Verrinnst ist. Und iveil Ihr es nicht ivagt, geradezu, wie cS deutschen Dkfänncrn ziemt. Eure Angriffe gegen die christliche Religion zn richten, darum vergreift Ihr Euch an einem schivachen Weibe und versoffst das aus dem tiefsten Christentum erzeugte Gesnndbeten der Miß Eddy. Mit Recht hat mein ivackerer Freund,.der Direktor Schellbach, auf Eure unflätige» Angriffe Euch Eure grobe» Jnkonsequeliz schneidig vorgeritten. Ihr selbst bezahlt doch zahllose Lehrer, damit sie die Kinder in den Wundern der biblischen OffeilV'.grung unterweisen und sie Gebete lehren. Ihr selbst tauft oder beschneidet und konfir- miert Eure Kinder, lasset Euch kirchlich trauen»chid kirchlich einsegnen und lvähnt, dadurch höherer Weihe teilhastig �.u werden, Ist es leichter zn glauben, so hat Euch mit schörienps Freimut der Dr. Schellbach gesagt, daß die wunderbare Heilungen), von denen die Bibel erzählt, wirklich stattgefunden haben, als'daß der in Eddhs Geiste christlich Wirkende sich gesund beten körnte fv In allen Schulstnben, auch des Falk-Rcal-Ghmnasiums, so hat E-nich sein Direktor gesagt, werden die Kinder angehalten, das Rätssstvollste gläubig hinzunehmen— und Ihr Ivehrt Euch nicht dagegen?» Ihr duldet, daß Eure Kinder lernen, daß der Mann ans einem Eöoden- kloß und das Weib ans des Mannes Rippe geschaffen sei. Ihr lcstjjt Eure Kinder davon überzeugen, daß in sechs Tagen das ganze-.' llniversun» erbaut sei. Und doch behaupten Eure atsti- christlichen After- Gelehrten, daß der Mann von einem Affen und das Weib von einer Aeffin stamme, daß die Welt sich in Jahrmillionen selbst entivickelt habe, dah die Krank- heiten von Bacillen herrühren tmd nicht, ivie eS unsre Religion erklärt. voit der Erbsünde. In alledem laßt Ihr Eure Kinder uuterweise» und tausend wunderbare Dogmen und mystisch-tiefsinnige, für den armen Menschenverstand unbegreifliche Ofsenbarungs-Sätze müssen sie glaube». Ist das Gesnndbeten etwa rätselhafter und Iveniger be- greiflich als das, ivas mit Eurer Genehmigung und Eurem Geld die Kinder in allen Schulstuben lernen? So habt doch den Mut Eurer Gottlosigkeit und erklärt mannhaft: Unser Geschimpf ans das Gesund- beten ist nur ein Vorivand! Was wir wirklich meinen, ist ganz etwas andres. Wir ivollen den groben Naturalismus und Materialismus in die Schule' einführen: lvir Ivollen Religion und Christentum ächten und zerstören und damit auch das nicht minder tvintderbare Gottesgnadentnm der Monarchie mit frecher Hand antasten. Wahrlich, Ihr seid von Sinnen, wenn Ihr Eure Kinder Gebete aiiswetidig lernen laßt»md das Gesnndbeten verfolgt. W a S sollen den» Gebete, tu e n n s i e nichts nützen! Wozu beten wir, wenn wir u»S keine» Erfolg davon erhoffen I Nein, das Gebet ist die Grundlage unsres Glaubens, und iver uns das Wunder des GebetS raubt, nimmt uns unsre Religion. Was würde aus nnserm tapfere» Heer, wenn es nicht vor der Schlacht in brünstigem Gebet um den Sieg flehte! Wen» das Gebet keine Wirkung hat, so ist es überflüssig, ist es Betrug und Lüge. Ich selbst bete jeden Morgen für das Wohl unsres herrlichen Vaterlandes, das; es errettet werden möge vor den Dämonen des Umsturzes. Glaubt Ihr, datz solch frommes Beten nutzlos bleibe» wird? Wer in dem Gebete die höchste Kraft des Menschen einmal erkannt hat. für den ist auch das Gesundbete» kein Aberglauben sondern tiefste Wahrheit. Ein einziges Wort a us dem Schatze der Miß Eddy ist niehr Ivert, als eine Bibliothek von atheistischen Lehrbüchern der Medizin und ein Waren- Hans von chirurgischen Jnstrumenteu und chemische» Schmieragen. Eins aber hoffe ich»och immer, daß auch Euch einst die Stunde der Erkenntnis schlagen möge. Wen» der rote Drache des Umsturzes erst Euch Freisinnige von Euren Sesseln faucht, dann werdet Ihr auch durch Gebete in Eddhs Geist flehe», daß Eure bresthnfte Partei gesunde. Daß es dann nicht zu spät sein möge! Meine Sleligio» bestehlt mir, daß ich den Nächsten liebe. So will ich auch Euch nicht Iveiter anklagen, sonder» vielmehr mich be- mühe». Eure verhärteten Herzen zu erleuchten. In diesem Gefühle beschwöre ich Euch: verfolgt nicht weiter die Gemeinde Eddhs I Ich gebe Ench mein Ehrenwort, daS Gesnndbctcn hilft, sosern es nur in ehrlich gläubiger Ueberzcngnng geschieht. Nur zwei Beispiele seien Euch ans meinen Potsdamer Erfahrungen, Ivo wir alle fleißig der erhabenen Christian science obliegen, zur Belehrung erzählt. War da neulich ein junger Kamerad, der unvorstchligerweise bei einem Liebesmahl vier Flaschen Ehnni- pagner und drei Flasche» Coguac getrunken. Das konnte der Un- glückliche nicht vertragen, und da wir wußten, daß er auf dem Heim- ivege unweigerlich einen Offizier tödlich beleidigen und dadurch ein Duell heraufbeschwören würde, improvisierten wir schnell eine Uebung in clmstiau science. Binnen fünf Minute» war der Unvorsichtige völlig gesund und nüchtern gebetet, so daß er noch zwei Flaschen Champagner und eine Flasche Coguac trinke» konnte, ohne daß es ihm etwas schadete. Wir hatten ihn nämlich so heftig gesund gebetet, daß der junge Mann noch einen Vorrat für die glückliche Ueberwindung zukünftiger Anfälle aufgespeichert hatte. Das zweite Gebetwnnder habe ich a» mir selbst erlebt. Eines Tages merkte ich, daß die Gesundheit der Sandenpapiere, in denen ich große mir zur Verwaltung anvertraute Summen angelegt hatte, stark zu kränkeln anfing. In meiner Not veranstaltete ich sofort eine Eddy-Sitznng, deren Ergebnis war, daß ich die Papiere sofort verkaufte. Die Finanzen waren herrlich genesen. Acht Tage darauf war Sauden in Moabit... Das sind nur zwei Beispiele aus Hunderten gleichwertiger. Mögen sie Eindruck auf Eure Seelen machen I Alsdann— das hoffe ich zuversichtlich— iverdet Ihr die edristian science in allen Schule» lehren und die hochbegnadeten Damen Eddh und das gött- liche Blumenmedium Rothe— die auch gegen sie gerichteten Echmnhnngei! und Verläumdnngen berühren nicht den Saum ihrer Astralleibwnschc zu Ehrcnbürgerinncn Eurer Stadt erncimen. Alsdann werde ich Euch wohl affektionieret sein.— Frhr. v. Mirbach, Oberhofmarschall-Potsdam. Verantwortlich gezeichnet J o c. Kleines Feuilleton» go. Ohne Ehrgefühl.„Ich habe Aerger gehabt", sagte Herr Stobitzcr. Mit großen Schritten ging er in seinem Arbeitszimmer ans und ab. Seine Stinte lag in Falten und seine Augen funkelten. Dazu knallte er mit Daumen und Mittelfinger; das that er immer, wenn er wütend war. Die Schwester schien den Zorn nicht ernst zu nehmen. Gleichmütig streifte sie die Handschuhe ab. nahm den Hut vom Kopf und warf Handschuhe und Hut auf den Tisch, dann ließ sie sich gleich- mütig in einen Sessel fallen:„Was ist denn nun eigentlich über- Haupt loS? Ist Dir einer mit der Miete durchgebrannt, oder ist Lotten das Mittagessen verbrannt?" „Du brauchst mich nicht auch noch zu ntzen!" Herr Stobitzcr blieb stehen und stemmte die Hände in die Seiten:„Fehlt ja noch, will zuni Besuch kommen und mich utzen." Seine Stirnader schwoll. „Na, ich mein' ja auch bloß so!" Sic lenkte ein.„Was hast Du denn aber eigentlich?" Er antwortete nicht, wie ein Wilder schoß er im Zimmer umher. Dann schien ihm plötzlich die Bcfinnnng zu kommen. Etwas ruhiger, aber doch noch immer wie ein bissiger Röter fuhr er zu ihr herum: �Hans will heiraten." „So?" „Weiter hast Du dazu nichts zu sagen, als„so"?" „Alt genug ist er dazu." „Alt genug? Ja wohl, alt genug!" Er äffte ihre Stimme nach.„Weiter braucht es ja auch nichts, alt genug." „Gott nun! Errege Dich doch nur nicht so! Ist denn die Sache so gefährlich? Du hast es selbst ja schon lauge gewollt!" „Habeich? Gewiß habe ich I ApothekcrsGrcte soll er nehmen. DaS Hab' ich gewollt!" '„Rein aber ist es denn die nicht auch?' Er überhörte ihre Frage:„Geld hat sie und der Alte ist Stadt» rat und der Bruder gehört zu nnsren Kunden I" Er zählte die Vor- teile an den Fingern' her.„Und so«ine Verbindung, so'ne vorteil, hafte Verbindung, die will er fahren lassen I" „Aber wen will er denn sonst nehmen?" Sie war ganz konsterniert:„Etwa eine von Rechnungsrats? Hübsch sind sie ja, aber doch ganz ohne Geld." „Wenn es noch eine von denen wäre I" Sein Zorn flammte von neuem empor:„Aber was meinst Du? Von Rechnungsrats? Ein Ladenmächeu ist es. Eine aus'm Aroßbazar?—" „Um Gottes willen, wo hat er denn die her? Sie sing offenbar an, seinen Zorn zu begreifen. Sie wurde gleichfalls lebhaft: „Na, so wird HanS doch nicht reinfallen I Das wäre ja schrecklich l Er nahm seine Wanderung von neuem auf und erzählte:„In 'nem Konzert hat er sie kennen gelernt, in so'nein gewöhnlichen Groscheu-Konzert. Sie hat mit ihrer Mutter an einem Tisch nnt ihm gesessen. Ist es denkbar? Und er will sie heiraten. Gar keine Ehre bat er im Leibe!" „Kennt er sie denn schon lange?" „Zwei Monate glaub ich, ist öfter da gewesen, die Mutter is»e Witwe—" „Was für Familie?" Sic war jetzt sehr interessiert. „Familie?" Er lachte höhnisch.„Hat'n solvas Familie? Buchbinder ist der Vater gewesen, aber anständig, natürlich hoch- anständig,'s ist überhaupt'n hochanständiges Mädchen!" Er sagte es in beteuerndem Tone, man hörte ihm an, daß er seinem Sohne nachmachte. Sie schüttelte nachdenklich den Kopf:„Der Hans I Nein der Haus! Solche Sachen zu machen! lvian muß mit ihm reden, ich werde ihn mir mal ernsthast vornehme» I" „Nimm ihn nnr! Jatvohl, ninun ihn nur 1" Er knallte wieder mit Daumen und Mittelfinger. „Als ob er sich noch dreinreden läßt. Zu meinem Geburtstag tvollte er sie sogar einladen I Ist es denkbar: sie und ihre Mutter— in unser Hans! Er hat gar kein Ehrgefühl." „Ja die jungen Leute I" Sie nickte vor sich hin. Er wurde immer wütender:„Wenn meine Frau das erlebt hätte! Wahrer Segen, daß fie'S nicht erlebt hat! Ich Hab' ihin.aber den Standpunkt klar gemacht. Keinen Groschen kriegt er von mir. Compagnon im Geschäft I Steht gar nichts davon drin! Soll sich sein Brod suchen, wo's ihm paßt, mitsamt dem Frauen, zimmcrl" „Na so Iveit wird's ja doch nicht kommen!" „Sei nnr sicher, daß es soweit kommt I Er treibt's auf die Spitze. Ich sage Dir ja, er hat keine Ehre im Leibe I" Es enlstaud eine Pause. Herr Stobitzer trat an seinen Schreib- tisch und kramte in seineu Papieren. Die Schtvester sah vor sich hin, dann ivaudte sie sich plötzlich zu ihm herum:„Du Fritz, wcnn's nun im Ernst ein anständiges Mädchen ist?" „Ist sie ja! Kann sie ja sein I Meinetwegen I" Er brummte vor sich hin. Sie gab sich einen energischen Ruck:„Auf Geld braucht Hans doch eigentlich nicht zu sehen, eigentlich haben wir doch selbst genug und..." ihre Stimme wurde weicher,„und— und wenn er sie nun ernstlich liebt, es ist doch eigentlich etwas Rührendes um die Liebe I" Jetzt schluchzte sie fast, sie hatte offenbar in ihrem Herzen einen roman- tischen Zug entdeckt. Aber der Bruder schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, daß der Briefbeschwerer in weitem Boge» herunterflog; seine Stimme schnappte beinah über vor Wut:„Liebe? Kommst Du mir auch so wie die Lotte?"„Vater, tveuu er sie doch nu aber liebt?"„Hab' ich was dagegen, daß er sie liebt? Mag er sie lieben, so lange es ihm paßt, er soll sich's auch noch Ivas kosten lassen! Darin gönn' ich ihm doch jedes Vergnügen! Muß er denn das Mädel aber gleich heiraten? Wenn man'» Mädel auch mal liebt, zu heiraten braucht man sie doch nicht gleich!"— Theater. Schauspielhaus.„ M i ß H o b b s".— Lustspiel in 4 Akten von Zerome. Was diesem englischen Lustspiel zur Ehre einer lieber- setznng vcrbvlscn, blieb einigermaßen unverständlich. L'Arronge und Lubliner hätten der Miß Hobbs ganz ebenso zur Verlobung mit irgend einem vortrefflichen Manne verhelfen können wie der englische Dichter; und auch die Widerlegung der HobbSschen Damenphilosophie wäre dem tiefgründigen Geiste dieser deutschen Männer wohl geglückt. Ob Ncwhaven oder Hamburg, Berlin und die mit Recht so beliebte„kleine deutsche Residenzstadt",— daS ist anscheinend völlig einerlei. Es sind immer dieselben, unmöglichen Herrschaften, denen man hier wie dort im Lustspiel be- gegnct: eine Internationale der Komödie, die. über Raum und Zeit erhaben, sich mit den ehrwurdig-ältesten Spaßen crlustigt. Die „Handlung" des Jeromeschen Stückes ist ein typisches Beispiel. MißHobbs,— dieser siunig gewählte Name, mit den verschiedensten Accentcn des Abscheus ausgesprochen, wirkte im ersten Akt als einer der vornehmlichsten Hcitcrkeitserrcgcr— soll vermutlich so etwas wie ein„modernes Weib" sein. Sic verachtet die Männer, sucht Ver- lobungen und Heiraten ihrer Freundinnen auseinanderzubringen, verführt sie zur Anlegung der revolutionärste» Radfahrkostüme und beklagt im allgemeiuen die„Sklaverei" ihres Geschlecht?. Gleich in den ersten Sceueu zeigen sich die verhängnisvollen Folgen ihrer Thätig- feit. Ein großes Zaufe» ist zwischen Herr» nnd Fron Bessy Kingseal, der Freundin und begeisterten Anhängerin der Miß, ausgebrochen. Eine gutmütige Tante, die die erhitzte» Gemüter zum Frühstück und dadurch zum Frieden zu bewege» sttcht, hat keinerlei Erfolg. Frau Bessy schlägt die Thür zu»»d eilt in— die Freiheit, z» ihrer Freundin. Alsbald erscheint ei» Europafahrer nnd Jugendgenosse deS verlassene» Gatten, dem dieser alles Leid klagt, und kurz»ach ihm ans irgendwelchen Gründen auch Miß HobbS im Kingsealschen Hause. Sie hält den Reisenden für Herr» Kingseal, den Gatten der Ge- flohene»; er stellt sich als Klavierstimmer vor nnd thut, als ob er sie für eine Kanimerjnngfer halte. Was kann einfacher nnd natürlicher sein? Außerdem verliebt er sich beim ersten Blick in sie und wettet mit dein jttngen Kingseal, daß er in einem Monat die Miß geküßt haben werde, eine Welte, die wohlweislich ins Notizbuch, das dann bei einer späteren Gelegenheit verloren und von der Miß gefunden werde» kann, aufgeschrieben wird. Im zweiten Akt daS Kriegslager der Miß! Fran Ringsenl und eine geschiedene Braut, die Zuflucht bei ihr gesucht haben, langweilen sich borten ehrlich nnd fangen daher wiederum zu lieben an. Die friedenstiftende Tante, die, zur Erhöhung des Humors, über einen Zann hat klettern iniissen, stellt sich ein nnd bringt den Bräutigam wie den Gatte» mit. Um- armungen und Flucht bei dem Erscheinen der Miß. Dann eine Liebesscene zwischen dieser und dein pünktlich erscheinenden„Klavier- ftiimncr* zu dem Zweck, in ihm den ungetreuen Gatten zu ent- larven nnd dadurch die Freundin von aller Liebe z» heilen I Der Irrtum wird nach längerem Knicen aufgedeckt, der Herr verab« schiedet sich, die Miß ist beschämt! das Notizbuch mit den ominösen Zeile» Ivird gefunden, und die beschämte Miß ist wütend. Sie be- schließt, als Rache,— ihm das Notizbuch selbst zurückzugeben! Natürlich liebt sie ihn bereits im stillen, und so steht dem üblichen Schlußakt, in dem die Mädchen einen Mann bekommen, nichts Rechtes mehr im Wege. Nur bedarf Miß Hobbs, damit die Ber- lobnng nicht hinsichtlich der Zukunft zu Befürchtungen Anlaß gebe, noch einiger Erziehung zur Ehe. Daher vor der BerlobirngSfeier noch ein dritter Akt, in Ivelchem sie das Fehlende— höchst einfach und natürlich— rasch hinzulernt 1 Die beschämte und wütende Miß, mit dem Notizbuch in der Tasche, macht dem Europafahrer auf seiner Bergnügnngs- Docht einen Besuch. Es ist dicker Nebel, das Land außer Sicht. Der junge Mann behauptet nun, die Anker seien gelichtet, das Schiff treibe ins Meer, kein andrer außer ihnen beiden sei am Bord. Die Miß, die ihr Notizbuch bis auf weiteres vergessen hat, empfindet— ganz natürlich bei einer solchen Gelegenheit— vor allem Hunger. Und siehe da, als jede andre Hilfe ausbleibt, muß sie selbst— ein Haupteffektl— de» Kajntenherd anfeuern, die Koteletten braten und den Kaffee mahlen. So macht der überlegene Wille des weitgereisten Mannes ihr den Segen der Arbeit klar und unterstützt zugleich die Praxis durch die' Theorie. Er beiveist ihr, daß die Männer ebenso, ja eigentlich noch viel mehr zu arbeiten haben, als die verwöhnten, miitziggängerischen Damen der seinen Welt, daß Kinder aufziehen segensreicher als Romane schreiben ist und manche andre schöne Wahrheit von der- selben Art. Erst als die Kur zu Ende, kommt das Notizbuch an die Reihe, wodurch das freudige Ereignis der Verlobnng auf den nächsten Akt vertagt und für die Füllung des Theaterabends wohl ge- sorgt wird. Wenn nur das Glück der Beiden durch das Anhören all der vier Akte nicht so teuer hätte erkauft werde» müssen 1 Indes das Sublikum fand dieses Opfer nicht zn groß und klatschte eifrig Beifall. in mildernder Umstand war das äußerst frische Spiel, vor allem von Frau Anna Schräm in als Tante rind von Frl. Poppe als Miß Hobbs.—-dt. Medizinisches. t. Auge ir Verletzungen durch Licht. Obgleich unser Ange zur Aufnahme von Lichtstrahlen eingerichtet ist, kann es außer durch mechanische Eingriffe kaum durch eine andre Kraft in ähn- lichem Grade verletzt werden, wie durch da» Licht selbst. Wenn ivir fühlen, daß die Menge des in das Ange dringenden Lichts im- angenehm wird, so sagen wir: es blendet, und die aktive Bedeutung des Wortes.blenden" und fein Znsammen- haug mit dem Eigenschaftswort.blind" beiveist, daß das Bewußtsein der unseren Augen durch übermäßige Belenchlung drohenden Gefahr auch im Sprachgebrauch zum Ausdruck gekomme» isi. Da die Beobachtinigc» über Äugenverletzungen durch Licht nicht gerade häufig in zuverlässiger Art beschrieben worden sind, so hat ein Bericht eines Gelehrten der Cornioll-Universttät an die Wochenschrift.Science" auf Beachtung zn rechnen. Es iverdeii zivei Fälle geschildert. Der erstere bezieht sich auf einen Professor der Physik, der eines Tags in einer ziemlich dunklen Ecke seines Labornlorhims arbeitete, als plötzlich eine Leitung von geringem Widerstand, in der ein elektrischer Strom mit einer Spannung von 500 Volt floß, durch irgend eine Ursache zerriß. Es entstand im Abstand von nur einem Fuß von den Augen des Gelehrten ein elektrischer Licht- bogen, der ihm wie ein Feuerball von mehr als einem halben Fuß Durchmesser erschien. Unmittelbar darauf hatte er ein Gefühl, als ob er irgend eine Einbuße in seinem rechten Auge er- litte» hätte. obgleich er keinen Schmerz spürte. Etivas später bemerkte er. daß ein Teil der Netzhaut dauernd den Dienst versagte, und zivar hatte der verletzte Teil im Gesichtsfelde die Gestalt eines Vierecks, dessen eine Ecke im Mittelpunkte des Gesichts- Lerantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. feldes lag. Die scharfen Umrisse dieses Feldes konnten deutlich »iiterschiedeii werden, und beim Schließen des Auges entstanden fächerartige Blitze von violetter Farbe aus dem einen Angenivinkel über den verletzten Teil und wiederholten sich regelmäßig in Abstände» von einigen Sekunden. Nachdem der Ver« »»glückte sich einige Zeit im Dunkeln aufgehalten hatte, hörten diese Farbenblitze a»f. Die Untersnchnng erivies, daß im allgemeinen ein Mangel an Färbung über diesem Teil der Netzhaut eingetreten war, begleitet von einem Verlust der Fähigkeit einer richtigen Farbenunterscheidiiiig. vorzugsweise von grün. Die Umrisse der Gegenstände schienen verwischt, auch ihre Ausdehnung »m etwa die Hälfte verkleinert. Gedruckte Buchstaben konnten iinr auf einen halb so großen Abstand»erkannt iverde» ivie mit dem unverletzten Äuge. Parallele Linien schienen sich ans dem verletzten Teil des Gesichtsfeldes zu nähern. Beim Gehe» nnd Nadfahren hatte der Gelehrte immer in kurzer Ent- fernnng einen Fleck vor dem Ange, der ihn so störte, daß er ihm oft linivillkiirlich durch»ine Wendimg zu entgehen suchte. Das be- schädigte Auge hatte auch in hohem Maße die Fähigkeit zum Schätzen von Entfeniungen verloren. Der Zustand dauerte mehrere Wochen mit»»verminderter Stärke an, verschivand dann aber allmählich ohne weitere Folgen. Der zweite Fall bezieht sich auf einen Mann, der eine teiliveise Eonneiifinsternis mit im- beschütztem Ange eine Zeit lang beobachtet hatte. Bis spät am Tage stellten sich keine beinerkeiisiverte» Folgen ei». Am Abend, als er ins Freie hinausschaute, erschien ihm vor den Augen eine Gruppe von 8 bis 10 Vögeln, die ganz merkwürdige Bewegnngen ausführten. Wo er auch hinsah, überall hatte er die Vögel vor den Augen. Er unterzog nun die Ange» einer genauen Beobachtung nnd bemerkte, daß das Licht der unvorsichtig beobachteten Sonne ein halbmondförmiges Bild in der Mitte der Netzhaut des linken Auges hinterlassen hatte. Die Farbe dieser Stelle war grün mit einem schmalen roten Rande. Die verletzte Fläche schien ganz blind zu sein, parallele Linien liefen über diesem Teil des Gesichtsfeldes zusammen ivie im vorigen Fall. Die Ber- letzung besieht jetzt schon 1>/e Jahr iniverändert fort, ist stets be- merkbar und sehr lästig nnd ganz besonders beim Lesen. Wenn der Betreffende, von Beruf ebenfalls Physiker, im Laboratorium genaue Beobachtungen anstellen ivill, so darf er das linke Auge überhaupt nicht benutzen. Es ist ein Fall dieser Art bekannt, in dem eine solche Augenverletzung 10 Jahre bestanden hat. Humoristisches. — Die junge Hausfrau. Hausfrau sznr Metzgers- fran):... Ich uinß mir schon verbitten, daß Sie immer meiner Köchin Knochen für Fleisch aufhängen! Geben Sie mir jetzt einen schönen Hirschbraten— aber ohne G e w e i h I"— — Hin aus gegeben. K o n z e r t s ä n g e r:... Ich versichere Sie, meine Damen, ich bin so— nervös... ich möchte am liebsten keinen Menschen seh'n 1* Dame:.Run, da geben Sie doch ein Konzert I"— — Mißverstanden. Der Herr Oberamtsrichter hat den Treibersepp angesibossen, die Sache aber, ehe sie ruchbar ivurde und zn Sticheleien Anlaß gebe» konnte, durch ein Stück Geld ans- geglichen. Bald darauf ist der Sepp in eine Schöffensitzung als Zeuge vor- geladen, erscheint aber nicht rechtzeitig, sondern verspätet sich beim Wirt um eine halbe Stunde. „Ja. tvas ist denn das?" donnert ihn der Oberamtsrichter an. „Wißt Ihr nicht, was sich gehört, wenn man vor Gericht komme» soll? Eine solche heidenmäßige Schlamperei ist ja doch noch nicht da- gewesen!... Wo habt Ihr denn Eure Ladung?" Da lächelt der Sepp vertraulich und flüstert:.Aber dös müss'n S' doch noch iviss'n, Herr Oberamlsrichter I D a h i n t e n h a b' i''S I' (.Fliegende Blätter.") Notizen. — Die Aufführung des Björn so nsche» Dramas.Maria von Schottland" wird im Berliner Theater vor- bereitet.— —„Schall und Ranch" bringt in der nächsten Woche „Verstörtes Fest" von Louis Marselleau und Stri» d- bergs„Fräulein Julie" zur Aufführung.— — Ger hart H a u p t m a n n s Tragikomödie„Der rote Hahn" hatte bei der Aufführnng im Münch ener Schauspiel- Hause anfangs freundlichen Beifall, stieß jedoch am Schluß auf lebhaften Widerspruch.— — Wein gart n ers Musikdrama„Die Orestie" wird erst am 15. Februar erstmalig im Leipziger Stadttheater in Scene gehen.— —„Aschenbrödel", die nette Märchenoper von Wolf- Ferrari. hatte bei ihrer Erstanfführiliig im Bremer Stadt- t h e a t e r Erfolg.— — B ö ck l i n s Gemälde„Der Krieg" ist von der Dresdener Gemäldegalerie für 38 000 Mark erivorben worden.— — Der T r i e r s ch e K n n st v e r e i n veranstaltet vom 10. Mai bis 15. Juni eine ausschließlich zur Verherrlichung der E i s e l bestimmte K n n st a u S st e l l u n g.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.