?cr. 24. Dienstag, den 4. Februar. 1902 tltciltidiuck verboten.! 24].Xonist Gotdjojen». Roinon von Mnxim Gorki. Deutsch vo» Klara Brauner „Warten Sie. Tätlichen. gehen Sie nicht!" sagte MedinSkaja eilig und streckte Fonia die Hand entgegen.„Wann» denn so düster? Zürnen Sie mir nicht! Was bin ich Ihnen? Sie brauchen eine andre Freundin, die ebenso einfach ist Und eine so gesunde Seele hat, lvie Sie selbst. Sic mns; lustig und frisch sein. Ich, ich bin ja schon alt. Ich sehne mich iinmer... mein Leben ist so leer und lang- wcilig... so leer! Wissen Sie, wenn der Mensch sich daran gewohnt, lustig zu leben, und sich nicht freuen kann, dann geht's ihm schlecht! Er will freudig leben, will lachen... er lacht aber nicht, sondern das Leben lacht über ihn... und die Menschen... Hören Siel Ich rate Ihnen, wie eine Mutter, ich bitte, ich flehe Sie au, hören Sie auf niemand glS auf Ihr Herz! Leben Sic so. wie es Ihnen vorschreibt. Die Menschen wissen nichts, sie können nichts Wahres sagen... hören Sie nicht ans sie!" Da sie sich bemühte, einfach und verständlich zu sprechen. wurde sie aufgeregt, und die Worte ergossen sich eilig und unzusammenhängend eins nach dem andern. Um ihre Lippen spielte die ganze Zeit ein klagendes Lächeln, und ihr Gesicht war unschön. „DaS Leben ist sehr streng... Es will, dah alle Menschen sich seinen Forderungen unterordnen, und nur die sehr Starken dürfen sich ihm ungestraft widersetzen... Ob sie's dürfen? O. wenn Sic wüßten, wie schwer es ist. zu leben... Der Mensch kommt so weit, daß er sich selbst zu fürchten beginnt... Er zerfällt in den Richter und den Verbrecher, er richtet sich selbst und sucht nach Rechtfertigung... und er ist bereit, bei Tag und bei Stacht mit denen zusammen zu sei», die er verachtet, die ihm unausstehlich sind— nur um nicht mit sich allein zu sei»!" Foma erhob den Kops und sagte mißtrauisch und er- staunt: „Ich kann unmöglich begreifen, wnS das ist! Auch Ljnba sagt dasselbe." „Welche Ljnba? Was sagt sie?" „Meine Milchschwester... Dasselbe.— sie klagt immer über das Leben. Sie sagt,»iait kann nicht leben." „O, sie ist noch jung! lind es ist ein großes Glück, daß sie schon jetzt davon spricht." „Ein Glück!" sagte Foma spöttisch.„Ein schönes Glück, bei dem man stöhnt und klagt!" „Hören Sie ans die Klagen... in den Klagen der Menschen liegt immer viel Weisheit.... o! darin liegt mehr Weisheit, als in allem andre».... Hören Sie zn. das wird Sie Ihren eignen Weg finden lehren." Foma hörte die überzeugte Stimme der Frau und blickte verblüfft um sich. Alles ivar ihm längst bekannt, aber heute sah alles anders ans: eine Menge von Kleinigkeiten füllte das Zimmer, alle Wände waren mit Bildern und Konsolen bedeckt, schöne bunte Nippessachen fielen überall ins Auge. Das rote Lampenlicht stinnnte traurig. Auf allem lag eine Dämmerung, und hier und da glänzten darin das Gold der Rahmen und die weißen Flecken des Porzellans matt ans. Schwere Stoffe hingen unbeweglich vor den Thürcn. Das alles beengte und bedrückte Foma, und er hatte das Gefühl eines Verirrten. Die Frau that ihm leid. Doch sie reizte ihn auch. „Hören Sie. lvie ich zu Ihnen spreche? Ich möchte Ihre Mutter, Ihre Schwester sein. Noch nie hat jemand in mir ein so warmes, verwandtschaftliches Gefühl hervorgerufen lvie Sie. Und Sie... sehen mich... so feindselig an. Glanben Sie mir? Ja? Stein?" Er blickte sie an und sagte seufzend: „Ich weiß nicht mehr... Ich habe Ihnen geglaubt." „lind jetzt?" fragte sie rasch. „Und jetzt ist'S am besten, wcim ich gehe! Ich verstehe nichts... und ich will verstehen... Ich verstehe auch mich nicht. Ich ging zu Ihnen und wußte, was ich sagen wollte. Und eS ist eine Konfusion entstanden. Sie habe» mich ans den Spieß gesteckt, haben mich aufgereizt... lind dann sagen Sic: Ich bin Deine Mutter! Das heißt: Mach, daß Du fortkommst!" „Begreifen Sie— Sie thnn mir leid!" rief die Frau leise ans. Die Gereiztheit ihr gegenüber Irnichs bei Foma, und je länger er sprach, desto spöttischer wurden seine Worte... Beim Sprechen schüttelte er immer die Schultern, als zerreiße er etwas, das ihn gefesselt hielt. „Ich thue Ihnen leid? Warum denn? Das brauche ich nicht... Ach, ich kann nicht sprechen! Es ist schlimm, keine Worte zu haben. Ich würde Ihnen aber sagen... Sie waren nicht gut zu mir,— lvarnm haben Sie einen Menschen verführt? Bin ich Ihnen ein Spielzeug?" „Ich wollte Sie nur in meiner Nähe haben." sagte Mcdinskaja einfach, mit schuldbewußter Stimme. Er hörte diese Worte nicht. „Und als es dazu kam, haben Sie Angst bekommen und haben sich vor mir verschanzt. Jetzt thnn Sie Buße... ha! Das Leben ist schlecht! Warum klagen Sie immer das Leben an? Was für ein Leben? Der Mensch ist das Leben, und außer dem Menschen giebt es gar kein Leben. Und Sie haben sich ein Ungeheuer ausgedacht, und das thnn Sie, um Sand in die Augen zu streuen, um sich zu entschuldigen. Sie stellen etwas an oder verwickeln sich in allerlei Geschichten und Dummheiten und stöhnen dann l Ach. das Leben! O. das Leben!. Und haben Sie es denn nicht selbst gemacht? Sie verstecken sich hinter den Klagen und verwirren dadurch die andren... Nun, Sie sind vom Wege abgekommen, warum wollen Sie auch mich irre führen? Ist daS vielleicht die Bosheit in Ihnen? Wenn es mir schlecht geht, soll es auch Dir schlecht gehen.— da hast Du es: ich werde Dir daS Herz mit meiner giftigen Thräne benetzen! Ist das so? Ach Sic l Gott hat Ihnen eine cngelglciche Schönheit gegeben, und wo ist Ihr Herz?" Er zitterte ganz, während er ihr gegenüber stand und sie vom Kopf bis zu den Füßen vorwurfsvoll musterte. Jetzt kamen ihm die Worte frei auS-der Brust, er sprach nicht laut, aber mit Kraft, und es war ihm angenehm zu sprechen. Mcdinskaja blickte ihm mit erhobenem Kopf und iveit offenen Augen ins Gesicht. Ihre Lippen bebten, und in den Mundwinkeln erschienen scharfe Furchen. „Ein schöner Mensch muß auch entsprechend leben. Und von Ihnen erzählt man..." Foinas Stimme brach ab, und er schloß tönlos mit einer hoffnungslosen Geste: „Leben Sic wohl!" „Leben Sie wohl!" sagte Mcdinskaja leise. Er reichte ihr nicht die Hand, wandte sich schroff um und ging von ihr fort. Doch schon an der Saalthür empfand er Mtleid mit ihr und blickte sie von der Seite an. Sie stand dort allein in der Ecke, ihre Arme hingen regungslos am Körper herunter, und der Kopf war gebeugt. Er begriff, daß er so nicht gehen konnte, wurde verlegen und sagte leiser, doch ohne Reue.- „Ich habe vielleicht etwas Kränkendes gesagt,— verzeihen Sic! Ich liebe Sie ja... trotzdem." und er seufzte tief. Und die Frau lachte leise und seltsam. „Nein, Sie haben mich nicht gekränkt... gehen Sie mit Gott." „Nun, leben Sie denn wohl!" wiederholte Foma noch leiser. „Ja!" antwortete sie ebenso leise. Foma warf die Perlcnschuüre mit der Hand zurück: sie schaukelten sich, raschelten und berührten seine Wange. Er fuhr bei dieser kalten Berührung zusammen und ging, ein vages. schweres Gefühl in der Brust mitnehniend! daS Herz schlug darin, alS sei es in ein weiches, aber festes Netz eingeschlossen. Es war schon Nacht, der Mond schien und der Frost be- deckte die Pfützen mit Hüllen von mattem Silber. Foma ging über das Trottoir und zerschlug mit seinem Stock diese Hüllen, die traurig krachten. Die Schatten der Häuser lagen als schlvarze Quadrate auf der Straße, und die der Bäume als phantastische Muster. Einige davon glichen dünnen Händen» die hilflos nach der Erde griffen. „Was thut sie jetzt?" dachte Ferna und stellte sich die einsame Frau in der Ecke des engen Zimmers inmitten der rötlichen Dämmerung vor. „Ich sollte sie lieber vergessen," dachte er. Doch er konnte Nicht vergessen, und sie stand vor ihm, indem sie bald tiefes Mitleid, bald Gereiztheit und selbst Zorn in ihm hervorrief. Ihre Gestalt war so grell und die Gedanken an sie so schwer, als trüge er diese Frau in der Brust mit. Eine Droschke kam ihm entgegen, die die Stille der Nacht mit dem Rasseln der Räder auf den Steinen und mit ihrem Knarren auf dem Eis erfüllte. Wenn sie in den Streifen des Mondlichts kam, wurde ihr Lärm lauter und lebendiger, während er im Schatten schwerer und dumpfer klang. Der Kutscher und der Insasse wiegten sich in der Droschke und wurden darin emporgeschnellt; sie hatten sich beide vorgeneigt und bildeten zusammen mit dem Pferd eine große, schwarze Masse. Die Straße war mit Flecken von Licht und Schatten besät. aber in der Ferne war das Dunkel so dicht, als sei die Straße durch eine Mauer versperrt, die sich von der Erde in den Himmel erhob. Foma kam auf einmal der Gedanke, daß diese Menschen nicht wußten, wohin sie fuhren, und daß auch er selbst nicht wußte, wohin er ging. Er stellte sich sein Haus vor— sechs große Zimmer, in denen er allein lebte. Tante Anfissa war ins Kloster gegangen, sie würde vielleicht von dort nicht mehr zurückkehren und bald sterben. Zu Hause war Iwan, der alte, taube Hausbesorger, die alte Jungfer Sekleteja, die Köchin, das Stubenmädchen und der zottige, schwarze Hund, mit einer Schnauze, die stumpf war wie bei einem Wels. Und auch der Hund war alt. „Vielleicht sollte ich wirklich heiraten I" dachte Foma seufzend. Doch der Gedanke, daß er so leicht heiraten könnte, war ihm unbehaglich und selbst komisch. Er konnte gleich morgen dem Paten sagen, er möchte ihm eine Braut suchen, es würde dann kein Monat vergehen, und mit ihm zusammen würde im Hause schon eine Frau leben. Sie wird Tag und Nacht bei ihm sein. Wenn er ihr sagt:„Gehen wir spazieren I" wird sie mit ihm spazieren gehen. Wenn er sagt:„Gehen wir schlafen!" wird sie auch das thun. Wenn sie Lust bekommt, ihn zu küsien, wird sie ihn küssen, selbst wenn er nicht will. Und wenn er ihr sagt:„Ich will nicht, geh' I" wird sie be- leidigt sein. Wovon wird er mit ihr sprechen können? Und was wird sie ihm sagen?... Er dachte nach und stellte sich die ihm bekannten Kaufmannstöchter vor. Manche von ihnen waren sehr hübsch, und er wußte, daß jede von ihnen ihn gern heiraten würde. Doch er wollte keine einzige davon als seine Frau neben sich sehen... Wie peinlich und unangenehm es sein niuß, wenn ein Mädchen zur Frau wird! Und was sagen die Neuvermählten zu einander nach der Trauung, im Schlafzimmer?... Foma versuchte darüber nachzudenken, was er in solch' einem Fall sagen würde, und lächelte vcr- legen, da er keinerlei passende Worte fand. Tann fiel ihm Ljuba Majakina ein. Diese würde sicher zuerst spreche« und irgendwelche ihm fremde, unverständliche Worte sagen. Ihm kam es immer vor, als ob alle ihre Worte ihm fremd seien und als ob sie das nicht sage, was ein Mädchen von ihrem Alter, ihrem Aeußern und ihrer Herkunft sagen sollte. Hier blieben seine Gedanken an den Klagen Ljnbas haften. Er ging langsamer und wunderte sich, daß alle Menschen, die ihm näher standen und mit denen er viel sprach, ihm immer vom Leben erzählten. Der Vater, die Tante, der Pate, Ljuba und Sofja Pawlowna,— sie alle lehrten ihn entweder das Leben zu verstehen, oder klagten über das Leben. Ihm fielen die von dem Alten auf dem Dampfer gesprochenen Worte vom Schicksal und viele andre Bemerkungen über das Leben, Vorwürfe und bittere Klagen ein, die er flüchtig von allerlei Menschen gehört hatte. „Was heißt das?" dachte er,„was ist das Leben, wenn nicht die Menschen es bilden? Und die Menschen sprechen immer so, als ob nicht sie es seien, als gäbe es noch etwas außer den Menschen, was sie zu leben hindert. Ist das vielleicht der Teufel?" Ein banges Angstgefühl erfaßte Fonia, er fuhr zusammen und blickte rasch um sich. Auf der Straße war es leer und still; die dunkeln Fenster der Häuser blickten trübe in das nächtl'che Dunkel und hinter ihm bewegte sich sein Schatten die Mauern und Zäune entlang, Schritt für Schritt. „Kutscher I" rief er laut und beschleunigte seinen Schritt. Der Schatten zuckte zusammen und kroch ihm nach, ängstlich, schwarz und schweigend. Foma war es, als fühle er hinter sich einen kalten Atem und als hole ihn etwas Ungeheures, Unsichtbares und Entsetzliches ein. Vor Angst lief er beinahe ans die Droschke zu, die mit lautem Gerassel aus dem Dunkel hervorkam, und nachdem er sich hineingesetzt hatte, konnte er nicht zurückblicken, obgleich er es wollte. Siebentes Kapitel. Seit dem Gespräch mit Medinskaja war eine Woche vergangen. Ihre Gestalt stand bei Tag und bei Nacht beharrlich vor Foma und rief ein quälendes Gefühl der Bangigkeit in ihm hervor. Er wollte zu ihr gehen und sehnte sich so nach ihr, daß ihm vom Wunsch seines Herzens, bei ihr zu sein, alle Glieder schmerzten. Doch er schwieg trübe, machte ein finsteres Gesicht und wollte seinem Wunsch nicht nachgeben, indem er sich eifrig in seine Geschäfte versenkte und den Zorn gegen diese Frau in sich aufstachelte. Er fühlte. daß. wenn er zu ihr ginge, er sie nicht mehr so sehen würde, wie er sie verlafien hatte; nach dem Gespräch mit ihm mußte sich in ihr etwas geändert haben, sie würde ihn nicht mehr so freundlich empfangen wie früher und ihm nicht das helle Lächeln schenken, das in ihm ganz besondere Gedanken und Hoffnungen hervorrief. Da er fürchtete, es würde nicht mehr so. sondern anders sein, hielt er sich immer zurück und quälte sich. Die Arbeit und die Sehnsucht nach dem Weibe hielten ihn nicht davon ab, auch über das Leben nachzudenken. Er philosophierte nicht über dieses Rätsel, das in seinem Herzen schon ein banges Gefühl erregte; er verstand nicht zu philo- sophieren, doch er begann wachsam aufzuhorchen, wenn die Menschen vom Leben sprachen, und gab sich Mühe, sich ihre Worte einzirprägen. Sie klärten ihin nichts auf. vergrößerten nur sein Nichtbegreifen und ließen in ihm ein mißtrauisches Gefiihl ihnen gegenüber aufkeimen. Die Menschen waren geschickt, schlau und klug— das sah er; wenn man mit ihnen im Geschäfts- Verkehr stand, mußte man immer vorsichtig sein; er wußte schon, daß in wichtigen Fällen niemand von ihnen das sagte, Ivas er dachte. Er beobachtete sie aufmerksam und fühlte, daß ihre Seufzer und Klagen über das Leben in ihm keinen Glauben fanden. Er sah ihnen schweigend, mit einem miß- trauischcn Blick zu, und eine feine Furche durchschnitt seine Stirn. iFortsetznng folgt.) Es lebe das Sebent (Deutsches Theater.) Sndcrinliim hat in seinem neue« Drama, dessen Premiere am Sonnatieild im Deutschen Theater stattfand, die Erwartungen, die man von seinen letzten Stücke» hegen durste, weit übertroffen.„Es lebe das Leben!' ist trotz der sehr gekünstelten Konstrnklion in den beiden letzte» Auszügen jedenfalls eines der inter- effantcsten Dramen, die der Dichter überhaupt geschaffen. Das Stück spannt selbst da noch, Ivo es in seiner Motivierung unwahr wird, durch den' Reichtum geschickt vorbereiteter Kontrast- wirknngen. Die Figuren heben sich klar und deutlich gegen einander ab und find in maiinigfach interessante Beziehungen gesetzt. Der Dialog ist charakteristisch und, wo es die Situation zuläßt, mit feinem Witz pointiert. Scharfe satirische Schlaglichter falle»— zu- mal in den Eesellschastssceucn des zweiten Alles— auf die Politik der agrarisch-konscrvativcn Adelskreise, in deren Mitte sich die Hand- lung abspielt. Aber die Milieu-Schildernug ist mir der Hintergrund für den persönlichen Konflikt zwischen Graf Kellinahansen, seiner Frau und Baron völkerlingk. Beate ist unter diesen drei, sehr fein gegen einander kontrastierten Charakteren der weitaus überragende: eine heitere, klare und gütige Natur, deren Liebe, bei allem Glücksgefühl, mit welchem sie am Leben bängt, zu jedem Opfer bereit ist. Ihrem Gatten, einem liebenswürdige», harmlosen Mcuschc», der ihrer überlegenen Klugheit gerne folgt, ist sie in dankbarer Zuneigung ergeben. Aber das Band, das sie mit ihm verbindet, hat der Zufall der Ehe geschlungen. Das Innerste ihres Herzens gehört dem andern, den sie zu spät gefunden hat. Als sie und Völker- lingk vor langen Jahren einander trafen, da hat ein kurzer Rausch alles vergcffeuder Leidenschaft übermächtig die beiden fortgerissen. Dann haben sie entsagt, der Edelsinn ihrer Naturen bäumte sich gegen die betrügerischen Heimlichkeiten einer ehebrecherischen Liebe auf. Sie, die ihm nicht gehören konnte. ist seine und seines Sohnes treueste und völlig selbstlose Freundin geworden. Nur helfen will sie. daß die Kräfte, die sie in ihm verborgen glaubt, sich frei ent- falten. So schwer sie hat ringen müssen, kein Tropfen Bitterkeit ist in ihrem Wesen. Auch die Bürde einer unheilbaren Herzkrankheit, die drückende Gewißheit des nahen Todes vermag nichts über diese Frau. Mit lächelnden Lippen verbirgt sie ihr Leid. All' ihre Gedanken gehören denen, mit denen sie lebt, die sie aus der Fülle ihrer heiteren Natur heraus zu erfreuen und zu fördern strebt. Eine große. strahlende HaffimW verklärt sie: der Sohn des Freundes liebt ihre Tochter. In dem Los der Kinder soll sich jeuer harmonische, auf tiefe innere Seelengcineinschaft gegründete Bund, der ihr und dein Freunde versagt war, erfüllen I Ihr Verhältnis zu diesen beiden jungen, reinen Beelen ist mit zartester Innigkeit vom Dichter gezeichnet, Ganz plötzlich steigen da die dunkeln Schatten der Vergangen- hcit beranf. Auf Beates Betreiben ist Völkcrlingk in dein frühere» Wahlkreis ihres Mannes als Kandidat der konservativen Partei auf- gestellt. Er hat gesiegt. Aber im Wahlkainpfe sind Verdächtigungen gefallen. Ein socialistischer Agitator, ein ehemaliger Theologe und Sekretär Völkcrlingks, hat, um das Privatleben der Stützen von Thron und Altar zu charakterisieren, auf die eigcntiiinlichen Beziehungen angespielt, in denen der Kandidat zu der Familie Kellinghausen stehe. Das Parteiblatt mit dem Bericht der Rede ist an die Beteiligten verschickt worden. Nur Graf Kellinghausen und Beate, die, um den Wahlsieg des Freundes zu feiern, große Gesellschaft geladen haben, wissen noch nichts. Die GesellschaftSscenen dieses zweiten, mit leichtem satirischen Geplänkel einsetzenden Aktes, sind musterhaft in ihrem Aufbau. Wie der harnrlos vergnügte Kellinghausen den unsichtbaren Druck, die peinliche Verlegenheit, die auf den andern lastet, zu spüren beginnt; wie er dagegen ankämpft; wie in der theoretischen Duelldistnision seine Leidenschaft aufflammt; seine Betroffenheit, als ein Zufalls- tvort ihm das Geheimnis, das nran vor ihm hütet, verrät; sein Zorn gegen den Verleumder; das rührend felscnsichere Vertrauen auf den Freund— alles das ist Zug um Zug mit echt dramatischer Scblagkraft auf die Bühne gestellt. Der dritte Akt bringt dann die große Auseinandersetzung. Beate sieht voraus, daß ihr Gatte, wenn die erste Erregung sich gelegt hat. von Bölkcrlingk eine Versicherimg auf Ehremvort verlangen wird, daß zwischen ihm und ihr nichts vorgefallen sei. Sie weiß, der Freund wird, um sie zu schonen, die Versicherung geben, aber sie weiß auch, daß sie dieses Opfer von dem Geliebten nicht annehmen darf. Die Lüge, die er damit auf sich lüd, würde ihn vennchtc». Sie ist es, die, mitten zwischen die beiden Männer tretend, um des Geliebten willen die lang verborgene Wnbrbcit sagt. Eine wilde Wut faßt den Betrogenen. Das ist Schande, die»ach dem Ehrenkodcx seines Adels nnr mit Blut abgespult iverdeu kann. Aber ein Duell zwischen ihm und dem Frennde, das wäre der öffentliche Skandal, die Be- stätignng jedes Verdachts. Da aber einer sterben muß, so will der Freund sich selbst, zur Sühne jener alten Schuld, das Leben nehmen. Und Kellinghausen, der zuerst statt des Zivcikampfs ein.amerikanisches" Duell, wo der vom Los Bestimmte sich zu töten bat, vorgeschlagen, findet den Entschluß ganz in der Ordnung. Mit solchem Geschick ist in dem Drama die Wendung vorbereitet— besonders durch die jugendlichen Theorien, die Völkerlingks von Kellinghausen herbeigerufener Solm, zum besten gicbt—, daß diese völlig groteske, den Duellwahn- sinn noch durch zehnfache Unnatur überbietende Abmachung dem Zuschauer als psychologisch ganz ivohl möglisch suggeriert wird. Ein Selbstmord Völkerlingks, ans den alle Blicke in der kon- scrvativcn Fraktion gerichtet sind, würde— diese Erwägung scheint Graf Kellinghausen gar nicht in den Sinn gekommen zu sein— ähnlich wie ein Duell wirken. Da alle andern Erklärnngsgründe für eine solche Tbat fehlen, würde man sie mit jener gehcininis- volle» Affaire, auf die im Wahlkamps angespielt war. in Verbindung bringen. Ein Skandal, den der Graf eben verhindern will, wäre damit unvermeidlich.— Er wäre aber doppelt groß in dem Fall, daß Brate zufällig vor Vvlkerlingk sterben sollte! Dan» hieße es. Völkerlingk sei der geliebten Frau in den Tod gefolgt I Das ist die überaus frostige spekulative Kasuistik, durch welche der Opfertod Bratens in den beiden letzten Akten motoviert wird.— Bor seinem Tode hat Völkcrlingk ein der Fraktion gegebenes Versprechen einlösen wollen und im Reichstag bei der Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuches eine fnlminame Rede über die Unverletzlichkeil der Ehe gehalten. Das Bewußtsein, daß er die eigne Verfehlung„sühnen" werde, bat seinen Worten einen wunderbaren Schwung verliehen. Es war ein brausender Erfolg, die Freunde beglückwünschten ihn, der Kaiser, heißt es, sei aufmerksam geworden und wolle ihn ins Ministerium berufen. Alles vereinigt sich, NM ihn den Atnchied vom Leben niög- lichst schwer zu machen. Umsonst. Da erscheint Beate in seinem Zimmer. Die Scene ist groß und ivirknngsvoll. Jene Liebe, die der Freund als Schuld empfindet und mit dem Tode büßen will, war ihr der herrlichste Inhalt ihres Lebens. Jubelnd, noch in den Schauern dieser schiversle» Stnnde bekennt sie sich dazu. Völkcrlingk muß ihr ver- sprechen, noch einmal in ihr Haus zu kommen. Sie hat Kellinghausen überredet, den Freund in einem kleinen Kreise nächster Bekannten zu empfange». Eine Freundschaftskomödie vor Zeugen soll dort gespielt loerden, um den Verdacht, welchen der Selbstmord Völkerlingks sonst erregen würde, vorgreifend zu zerstören. ES ist ihr Todesmahl. Mit zitternder Stimme bringt sie an der Tafel einen Toast auf das Leben aus, dann wankt sie hinaus und bricht sterbend zusammen, Sie hat Gift genommen, nicht aus Verzweiflung, sondern um Völkcrlingk am Leben zu erhalten. Nun darf sich— das sagen ihre letzten, an Kellinghausen gerichteten Zeilen— der Freund nicht töten l Der Graf sieht ein, daß allerdings ein Selbstmord Völkerlingks unter solchen Ilmständen sehr kompromittierend wäre, und giebt ihm sein Wort zurück. Ein wertloses Geschenk für Völkerlingk; aber er wird weiterleben, Iveil der Wille der Gestorbenen es so bestimmt hat. ES ist schade, daß das Stück, welches in dem zweiten und dritten Akte voller dramatischer Bewegung war und auch in den beiden letzten Akten noch nianche äußerst'stimmungsvolle Scenen enthielt, durch diesen kalt erklügelten Schluß venmstaltet wird. Der Opfcrtod, der das Bild der Frau verklären soll, wirkt durch die kalte Berechnung, mit welcher er geslbicht, ivie ein Schachzng in irgend einem beliebigen Jntriguenstück. Die lebendige Aktion erstarrt zum Ncchcnexcmpel. Und das Exempcl stimmt nicht einmal I Wenn Kellinghausen wirklich aus der Monomanie seiner Rachsucht durch nichts zur Selbstbesinnung aufgerüttelt ivcrden kann, wenn nnr die Furcht vor dem Skandal Ein» druck auf ihn zu machen vermag, dann bleibt es unverständlich, warunr er nach dem Tode der Frau seinen Plan aufgeben sollte. So wie der Mann in diesenr letzten Akte noch gezeichnet ist. dürfte er Völkerlingk gar nicht das Wort zurückgeben, sondern nur, um dem Anstand zu genügen, ihm eine längere Frist zur Ansführnng des Selbst» inordcs gewähren. War schon die Prämisse— jene Vereinbarung des Selbstmordes— von starker psychologischer Bedenklichkeit, so fällt die Lösung des Konfliktes ganz und gar ins unwahr Theatralische. Das Spiel war trefflich. In erster Reihe stand Fräulein D u m o n t, die eine wundervoll feine und überlegene Beate schuf, und Herr B a s s e r m a n n. Sein Kellinghausen mit deni breiten, leis ostpreußisch gefärbten Accent, den schlenkeniden Armen, dem nnbedentenden gutmütigen Gesicht und den Pntt» kamerisch wehende» hellblonden Bartenden wirkte geradezu verblüffend echt. Von der harnilosen Vergnügthcit bis zur wildesten Leidenschaft des Zornes gelaug ihm jeder Ton mit gleichmäßig überzeugender Geivalt. Völkerlingk, die dritte Hauptrolle, die aber wenig dankbare Momente bietet, wurde von Herrn Sauer würdig und diskret gespielt. Auch die Neben- rollen waren gut, zum Teil ausgezeichnet: so Frl. Heims als Tochter BentenS, Herr K a i ßl e r als Völkerlingks Sohn, und Hanns Fischer als Vollblutagrarier ans der Kcllinghansenschen Gesellschaft. Das Publikum nahm daS Werk mit starkem Beifall auf, der Dichter wurde wieder und ivieder gerufen. Einige Opposition nach dem vierten Akte verstärkte nur das Klatschen.— Conrad Schmidt. Kleines Iseuillekon» — Tie Zahl Sieben im Geistesleben der Völker. Bald als heilige, bald als böse Zahl spielt die Sieben in der Volks- anscbammg und Sage eine hervorragende Rolle, imd die Frage nach der Herkunft dieser Vorstcllungswcise ist ein interessantes Problem. Mit seiner Lösung vom ethnologischen Standpunkt ans beschäftigte sich unlängst F. v. Andrian in den.Mitteilungen der Wiener anthropologifckicn Gesellschaft". AIS die ältesten und rührigsten Ver» treter der.heiligen" 7 erscheinen die Babylonicr, und es kann nicht zweifelhast sein, daß die ihnen bekannten 7 Planeten als Träger der nnivandelbnren Ordnung des Himmels dafür den Änsgangspiulkt gebildet haben. Auch die 7 tägige Woche ist bei ihnen entstanden, angeblich nm IbOO vor Christi, au Stelle der bis dahin gebräuchlichen btägigen. Auch im Schöpsnngs» bericht der Babylvnier spielt die 7 eine Rolle. Eine besondere Rolle war 7 böse» Geistern zugedacht und der 7., 14., 21., 23. jedes Monats waren»böse Tage", an denen der König getvisse Opfer bringen mußte. 1 ei den Inden spielte die 7 eine nicht minder große Rolle, offenbar weil sie diese Borstellnng von den Babyloniern an» genommen halten. Moses verteilte die Schöpfung auf 6 Arbeits» tage und 1 Rnbetäg; waS im 7. Jahre wächst, wird freigegeben; der Sklave ist nach einer Dienstzeit von 7 Jahren frei. Die Bibel erwähnt an vielen Stellen die Siebenzahl und deren Vielfache: 7 X 7. 70, 77. Nach der Apokalypse gicbt es 7 Geister Gottes, es stehen 7 Engel vor Gottes Thron, 7 Leuchter vor Christus und 7 Sterne auf dessen Hand. Das Lamm hat 7 Augen, es kommt ein mit 7 Siegeln versehenes Buch zum Vorschein, ferner ei» Drache mit 7 Köpfen, es giebt 7 Schalen des Zornes Gottes usw. Die Rabbiner lehrten, ans der Otter werde nach 7 Jahren ein Vampyr, ans diesem nach 7 Jahren ein Distel» stranch, woraus nach weiteren 7 Jahren ein Tornstrauch entstehe, der sich nach abermals 7 Jahren in einen Dämon verwandle. Wäre der Planet Uranus den alten Bewohnern Mesopotamiens bekannt gewesen, so würde vermutlich die Woche 3 Tage umfassen, es würden 8 Engel vor Gottes Thron stehen und aus der Otter erst nach 8 Jahren ein Vampyr werden. Im einzelnen schildert v. Andrian die mythische und mystische Rolle der 7 bei zahlreichen Völkern und kommt zu dem Schlaffe,.die kosmisch- mystische Sieben strahlt von den ältesten Kulriirsitzeii in Meso- potamicu nach den verschiedensten Weltrichtungcn ans. Die Grenzen und die Intensität ihres Auftrcteus sind an den Verkehr mit den asiatischen Kuliurvölkern, erst in zweiter Linie an die Berührung mit europäischem Christentum geknüpft". Ans jüdisch-gnostische und christ- lich-gnostische Einflüsic führt er die mystische 7 im Neuen Testament, in den katholischen Riten, Gebeten, Bußen, sowie in den West- europäischen Volksanschannngc» zum großen Teil zurück. In den Volkstraditionen hat indessen die� 7 nicht immer eine koö- mische oder magische, das heißt abergläubische, Bedeutung, sondern hier kommt häufig ein gewohnheitsmäßiger oder sprichwörtlicher Gebrauch der 7 vor. Allerdings erweckt ein solches Gewohnhcitsverhältnis von vornherein den Verdacht, daß einst mystische Vorstellungen vorhanden gewesen seien; aber wie v. Andrian hervorhebst kann es auch innerhalb sehr enger Grenzen — 06— nur auf Import au? der Fremde deruheu. da uul'cstrciiUar solche Erzeugnisse rein mechanischer Nachahmung sich ofl ans lange Ueit hinan? lebenslähig erhaltcir Für den Zahlenabcrglaul'e». der sich au die 7 knüpft, ergiebt sich daher dein genannten Forscher zufolge nachstehende Entwicklungsreihe: kosmische Zahl, magische Zahl. Ulogc Gebrauchs- oder Liedliugszahl. Eine ähnliche Entlvicklung Iäs;t sich mich für andre Zahlen nachweisen, so besonders für die Zahl!l, der bei den Griechen eine mystische Bedeutung zugeichrietien ivnide. die dorthin wahrscheinlich in unbekannter Zeit uon Aegypten hergebracht wurde. Stach v. Andrian kennen primiübe Völker, wie z. B. die Inda- germanen, die von höheren Knltnrströmuugc» unberührt geblieben sind, überhaupt keine Zahlcumystik,— es. Bliyopfcr. Im allgemeinen herrscht ein ganz irriger Bc- griff von dem Schaden, der alljährlich durch Blitzschlag entsieht. Im Vergleich zu andren Arten von Unglücksfällen ist ein ivirklich erheb- licher Blitzschaden ja nicht häufig, und niemand wird mit einer Ans- kläruug über dessen Umfmig den Zweck verfolgen, die Gcivittcrfurcht zn vergrößern, Vorsicht gegen die elektrischen Entladungen der Alino- sphärc ist geboten, und ihre Nottvendigkeit lvird überall geivürdigt, aber die Angst vor dem Gewitter und den Blitz paßt sich nicht für ciucn verständige» Menschen, gerade weil die VorsichtSmafiregeln in den meisten Fällen genügen, um einer wirklichen Gefahr vor- zubengcn. Bon diesem Slandpnnkt ans kann man auch mit Nnhe eine solche Statistik zur ZlemilniS„ehnun, ivie sie sctzl der seit lL8t) destcheude Beobachtungsdienst für Gewitter in Belgien veröffentlicht hat. Die Zahlen beziehen sich auf die letzten zwei Jahrzehnte, vom Jahre 1882 an gerechnet. In diesem Zeitranni wurden vom Blitz getroffen: 1271 Wohnhäuser. 376 Farmen, 321 Scheune» und Ställe, 118 öffentliche Gebäude, 65 Kirchen, 71 Fabriken, 344 Mühlen, 250 Thürme. 53 Getreideschober, 142 Heuschober, 57 Schiffe. Bon 588 vom Blitz gclrossenen Menschen wurden 239 gctölct. 348 wieder hergestellt. Ferner wurden vom Blitz er- schlagen: 171 Schafe, 778 Rinder, 255 Pferde und 168 andre Bier- füffler. Ans be» Durchschnitt gerechnet wurden i» einem Jahre getroffen: 67 Wohnhäuser, 26 Farmen,- 17 Scheunen und Stalle, 6 öffentliche Gebäude, 3 Kirchen. 4 Fabriken, 18 Mühle». 14 Türme, 3 Getreide, 7 Heuschober, 3 Schiffe, 31 Mensche»(13 gctvtets, 50 Stück Bich, 13 Pferde. Die Beobachtungen über die Zahl und die Art der vom Blitz getroffenen Bannic sind unvollständig, jedoch ist auch i» Holland festgestellt worden, daß die Pappeln am häufigste» von der himmlischen Elektrizität heimgesucht werde», demnächst die Eichen«nd die Weiden.-- Theater. — n. Freie Volksbühne..Hau? Rose nh a g e n Drama in 3 Aufzügen vo» M a x Halb e.— Di« Aufführung fand im Le s fi n g- T h e a t er statt, Ivo„Hans Rosenhagen" im September vorigen Jahres auch zum eistenmal in Berlin gegeben wurde. Das Hauptverdienst der guten Llnsfiihrnng kann sich W i n t c r st e i» zuschreiben, der den jungen Rosenhagen spielte. Die Niifertigkeit, die Hilflosigkeit, die er'.vachendc und immer mächtiger sich entfaltende Lieb« zur hcimatlicheii Scholle, Schwärmerei und Haß, Liebe und Zorn: alles kam in fein ab- getöntem Spiel vorzüglich zum Ausdruck. Den alten Boß, den Tod- feind der Rosenhagen, den sein Haß schließlich zui» Mord treibt, gab Albert Patry: sein Spiel machte ans mich einen etwas zn schroffen und zu düster» Eindruck. Willy Peters bot als In- speltor Rathke eine prächtige Leistmig: auch der Agent Wegner, den Willy Grnnwald darstellte, war mit vielem Verständnis auf- gefaßt midebensogeichicktdiirchgeführt. GreteMeycrs Spiel hatte nnier ihrer nndmilbareii lllolle zu leiden: sie gab die Herinine, jenes liebcstollc, genußsüchtige Weib, das den jungen Rosenhagen der Scholle untren machen und ihn hiNaiis in die loeite Welt locken ivill. Der Dichter hat dieser Figur am wenigsten mitgegeben: sie läßt kalt und stößt ab. Trotzdem hatte die Schallspielerin alles das i» die Rolle hinein- gelegt, was überhaupt hineinzulegen war. Wärmer wirkte Elise Sauer als Martha Reimnnn: sie gab der heiße» Mädchensehnsncht nach Liebe einen starken Ausdruck, ließ dann diese Liebe, als sie sich verschmäht sieht, i» wilden Haß sich nnnvandelii, der schließlich zur stummen Rene wird, als die tödliche«»gel den Geliebten getroffen. Margarete A l b r e ch t fand als Größrnntler Rosenhagen reichen Beifall.— Musik. Von den ausländischen Komponisten haben es i» der deutschen Mnsikpflege einige wahrlich nicht schlecht. Bor allen der Russe T s ch a 1 l o w s l y. Er ist jetzt unter de» Ausländern bei uns fast ebenso i» Mode, wie c-3 unter den Inländern VrahmS ist. Allmälig tauchen Eriiinernngeu daran auf. was es seiner Zeit gekostet hat, ihn über- Haupt vorzuführen. Carl Halir erzählt, ivie in der ehemaligen Bilse- Kapelle 1879 für Berlin der erste Tichmkoivsky genagt wurde: es war„FranceSca da Rimini". Dös Publikum lehnte cS erst demon- slrativ ab, gab jedoch allmälig bei. Dem Komponisten die ersten Schritte zum Publikum überhaupt ermöglicht zu haben wird als da? Verdienst ziveier Wiener bezeichnet: zuerst des Johann Strauß, der im Fahre 1865 zn Paivlosk für den Komponisten eintrat, und dann des KlavicrmeistcrS Anton Door, dessen Tschailowsky- Erimiermigcn vor kurzem einiges Aufsehen machten. In Wien war es ungefähr zu gleicher Zeit mit jener Berliner Einkührnng nicht viel anders als. hier: man nannte den Namen mir mit einer gewiffen «chcn und nbie sich dabei im Zischen. Jctzi aber hört man— wie ein Wiener Referent schreibt—„oft in den sieben Tage» einer Woche mehr Werke des russischen Meisters, als früher in sieben Jahren". Die eigne Mode freilich hat der Komponist nicht mehr erlebt. Den Dramatiker lehrte uns im Scvtcmbcr 1898 die damals neue Hospanersche Direllion des W c st c n- T h c a t e r S kennen. Was jedenfalls ein Verdienst Ivar! Daß die„Lyrischen Seeneu". wie der Komponist seinen„Engen Onogin"(nach Puschkins Dichtung) nannte, wenig dramatisches Blut, viel Konservatives, aber viele vestc Musik enthalten, darüber ivar man leicht einig. Auch in Wien gefiel das Werk, mit einem von Gustav Mahler revidierten Text. An» hat unser Wesien-Theaker de»„Onögin" mit eve» dieser Revision neuerdings herausgebracht. Der Vergleich des iicncn mit dem alten Textbuch enltäuicht so sehr, daß man nicht recht begreift. ivaS dabei gerade Mahlers Hand zn thnn hatte. Ein Akt-Einschnitt mehr— noch dazu recht inigniistig gelegt— und die Kürzung eines breiten Ensembles: das ist fast alles. DaS viele Gewöhnliche im Text und znmal die falschen Betonungen in dem Verhältnis der lieversetznng zur Musik blieben bestehen: doch brachte die jetzige Aufführung an einigen solchen Stellen etliche Verbefferungen. Die Aufführung selber ivar nicht gerade glänzend. Was wir dort an gl ich- bleibenden Tüchtigkeiten kennen, stellt sich allerdings immer ivieder ein. Camilla G o e h l, die ivir schon früher zu den hervorragenderen.Jngendlich-Dramatischeii" rechneten, errang sich als „Tatjana" eine loohluerdiente Anerkennnug. Weit weniger leicht als ein Tscharkowsty und auch als. der Nor- weger Gricg(von dem älteren Svendse» ganz abgesebcnj hat es dessen Landsmann E h r i st i a n Sind! u g. ein in Dcntichlant» gevildeler Komponist vo» mancherlei Kammer- und Orchestermnsik. Seine„Rorwegischcn Rhapsodien" für Orchester oder Klavier, seine Älavier-Suite hl-clne und ähnliche Werke, ivie die GriegS an nn- geivohnten Harmonien reich, nimmt auch der Klavierspieler gern« zur Hand. Eine Suite für Klavier und Violine, ox>. 51, betitelt „Lebensbilder"(..Koeueso der letztere zwar ancti nicht viel hcransgehend. aber doch noch der synipatbi'ckeste. Mit Hansen spielte er Meiidelssohn'S Cetlo-Sonate op. 58 O-äni. ein Stück vom dankbarsten Effekt im guten Worlsinn »nd zum Teil von der bekannte» Elsengrazie. Die Spieler ließen sich aber geradezu alles entgehen, IvaS da herauszuschlagen war.— bi. Hniiioristischcs. — Zug n m Z» g. Neben einer auf Nen-Seeland schon seit längerer Zeit loirtenden protestantischen Mijsionsstation ließ sich in ziemlich geringer Eulfernmig eine katholisch« nieder. Die Konkurrenz fürchtend, verteilten die protestantischen Missionare an ihre Täuflinge zeitweilig Tabak. Darauf machten die Katholiken eine Eingabe an die Kolonial- behördc, in der sie ans da? nnchristliche eines derartigen Missions- vetriebes himvicsen. Ans Weisimg der Behörde werden die Tabaks- vcitcilimgc» eingestellt, und alsbald macht sich eine ausfallende Ver« mindermig des BibelsiundeiibejiichS bemerkbar. Eines Morgen? begegnet der Missionsvorsteher dem Häuptling dcS nächsten Dorfes n»d fragt bekümmert nach dein Grund der Lau- heil jeiuer Siamniesgeiioffeii. Die Antwort beschränkte sich ans die Worte:„Nix Tabak, nix Hallelnja".—(„Simplicissimns".) Notizen. — Der voigcsirige„Tag" brachte ein Bild Erich S ch l a i I j e r s: Das Gesichtcheu eines fünfzehn« bis sechzehnjährige» BürschlcinS.— Warum denn nicht gleich in de» Windeln?— — Der nächste Dichterabend des Schillertheaters ist dem französischen Liedersänaer Pierre Jean de B ä r a n g e r gewidmet. Sigmar Mehring hält den einleitenden Vortrag.— — F e l i x D ö r m a ii n s Drama„ D e r.H e r r von A b adessa" geht am l4. Februar im Schansp iel hause zum erstenmal in Sccne.— —„Die Sünden der Väter", ein Vokksslück von Rudolf Jenny fand vei der Anfsührnng im Wiener Bolls- Theater eine geteilte Ausnahme,— — Die fünfte K u n st a n s st e l l» n g der Berliner S e c e s s i o n wird Ende April eröffnet werden und vis zum Herbst dauern.— t. In verschiedenen Gärten Irlands ist der Mehltha« (Spaorodlioos mors uvae) nnfgelreten, der in den Vereinigten Staaten große Bestände von Stachelveeren vernichtet hat und drüben »och jetzt eine dauernde Gefahr für den Obstbau bildet.— Verantwortlicher Redaclcur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max BaSing tu Berlin.