Anterhaltungsblatt des Horwärts 25. Mittwoch den 5 Februar. 1902 «Nachdruck oerbaren.! 2ö] JFattta Govdjojen?. Roinan von Maxim Gorki. Deutsch von Klarci Brauner Einmal des MorgenS auf der Börse sagte der Pate zu Foma: „Ananij ist gekommen. Er möchte Dich sehen. Geh am Abend zu ihm! Gieb aber acht, daß Deine Zunge nicht locker wird. Ananij wird daran zupfen, daniit Du die Geschäftsangelegenheiten ausplauderst. Er ist ein schlauer, alter Teufel... ein heiliger Fuchs, der die Augen zum Himmel wendet und die Tatze in Deinen Brustlatz steckt, um Dir den Geldbeutel herauszuziehen. Gieb acht!" „Sind wir ihm etwas schuldig?" fragte Foma. „Gewiß! Die Barke ist nicht bezahlt, und unlängst ist eine Menge Holz von ihni genommen ivorden. Wenn er alles auf einmal haben will, gieb's ihm nicht. Der Rubel ist ein klebriges Ding: je länger Dil ihn in der Hand herumwendest. desto mehr Kopeken bleiben daran haften. Der Rubel ist wie ein guter Täuberich— er fliegt eine Weile in der Luft, und che man sich umsieht, bringt er einen ganzen Taubenzug in den Schlag." „Wie kann man's ihm aber verweigern, wenn er es fordert?" „Wenn er weint und bittet, dann heule, gieb's ihm aber nicht." „Ich werde hingehen," sagte Foma. Ananij Sawitsch Schtschurow war ein reicher Holzhändler, besaß eine große Sägemühle, baute Barken und schickte Flöße aus. Er hatte mit Agnat geschäftlich verkehrt, und Foma hatte mehr als einmal den großen Alten gesehen, der gerade war wie eine Tanne, einen ungeheuren weißen Bart und lange Arme hatte. Seine große, schöne Gestalt mit dem offenen Gesicht und dem klaren Blick erregte in Foma ein Gefühl der Achtung, trotzdem er gehört hatte, dieser „Waldmensch" sei nicht durch ehrliche Arbeit reich geworden und führe bei sich zu Hause, in einem entlegenen Markt- flecken eines waldreichen Gouvernements, eine schlechte Lebens- weise. Auch der Vater hatte Foma erzählt, Schtschurow habe in der Jugend, als er noch ein armer Bauer war, in einer Hütte in seineni Gemüsegarten einen Zuchthäusler unter- gebracht, der falsches Geld für ihn prägte. Seitdem hatte Ananij reich zu werden begonnen. Eines Tages brannte die Hütte ab, und man fand in ihrer Asche eine verkohlte Menschenleiche mit einem zerschmetterten Schädel. Man erzählte im Orte, Schtschurow habe seinen Arbeiter selbst ge- tötet und ihn dann verbrannt. Aehnliche Vorfälle ereigneten sich mehr als einmal bei dem wohlgestalteten Greis; doch man erzählte solche Geschichten von vielen reichen Leuten der Stadt— sie alle hätten ihre Millionen auf dem Wege des RaubeS und Mordes, hauptsächlich aber durch den Umsatz von falschem Geld erreicht. Foma hörte diese Gerüchte von klein auf, dachte aber nie darüber nach, ob sie wahr seien oder nicht. Er wußte außerdem von Schtschurow, daß der Alte zwei Frauen überlebt hatte,— die eine davon war in der ersten Nacht nach der Hochzeit in Ananijs Armen gestorben. Dann hatte er die Frau seines Sohnes an sich gelockt, der Sohn begann vor Gram zu trinken und wäre dabei zu Grunde ge- gangen, wenn er nicht beizeiten zur Besinnung gekommen und in ein Kloster am Jrgis gegangen wäre, um dort seine Seele zu retten. Als die Schwiegertochter gestorben war, hatte Schtschurow ein stummes Bettlermädchen zu sich ge- nommen, mit dem er noch jetzt lebte, und das vor kurzem ein totes Kind geboren hatte.... Als Foma in den Gasthof ging, in dem Ananij abgesttegen>var, erinnerte er sich un- willkürlich an all das, was er vom Vater und den andren Leuten über den Alten gehört hatte, und er fühlte, daß Schtschurow ihn seltsam interessierte. Als Foma die Thür öffnete, blieb er au der Schwelle des kleinen Zimmers, aus dessen einzigem Fenster nian nur das Dach des Nachbarhauses sah, ehrerbietig stehen und er- blickte den alten Schtschurow. der soeben aufgewacht war, auf dem Bette saß, sich mit den Händen darauf stützte und auf den Boden blickte; er war dabei so zusammengcbückt, daß ihm der lange weiße Bart auf den Knien lag. Doch auch w dieser Stellung erschien er groß... „Wer ist hereingekommen?" fragte Ananij mit heiserer, unwirscher Stimme, ohne den Kopf zu erheben. „Ich bin es. Guten Tag. Ananij Sawwitsch l" Der Alte hob langsam den Kopf, kniff die großen Augen zusanimen und blickte Foma an. „Agnats Sohn, ist's so?" „Der bin ich." „Nun komm her. setz' Dich da ans Fenster, lvir wollen einnial sehen, wie Du geworden bist. Soll ich Dich mit Thce bewirten?" „Ich würde gern welchen trinken." „Kellner I" rief der Alte mit Anstrengung, faßte den Bart mit der Hand zusamnien und begann Foma schweigend zu beobachten. Foma blickte ihn von der Seite an. Die hohe Stirn des Alten war von Furchen öurchlvühlt und hatte eine dunkle Haut. Lockige, graue Haarsträhnen bedeckten die Schläfen und die spitzen Ohren; die ruhigen, blauen Augen verliehen dem oberen Teil seines Gesichts einen weisen, gefälligen Ausdruck. Doch seine Wangen und Lippen waren dick und rot und schienen nicht zu seinem Ge- ficht zu passen. Die lange, dünne, nach unten gebogene Nase schien sich in dem weißen Schnurrbart Verstecken zu wollen; der Alte bewegte die Lippen, unter denen kleine, gelbe Zähne hervorschauten. Er trug ein rosa Kattun- Hemd, das von einem Seidengürtel gehalten wurde, und schwarze Pumphosen, die in die Stiefel gesteckt waren. Foma schaute auf die Lippen und dachte, der Alte sei sicher so, wie man von ihm erzählte. „Als Knabe warst Du Deinem Vater ähnlicher." sagte Schtschurow plötzlich und seufzte. Dann fragte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte: „Denkst Du an den Vater? Betest Du für ihn?— Man muß für ihn beten, man muß!" sprach er weiter, nach- dem Foma ihm kurz geantwortet hatte.„Jgnat war ein großer Sünder und ist plötzlich gestorben, ohne Buße zu thun. Ein großer Sünder!" „Er war wohl nicht sündiger als andre Leute," er- widerte Foma düster und fühlte sich für den Vater be- leidigt. „Als wer, zum Beispiel?" fragte Schtschurow streng. „Giebt es denn wenig Sünder?" „Nur ein Mensch aus Erden ist sündiger als der der« storbene Jgnat— es ist... der gottvergessene Heide, Dein Pate Jakow," sagte der Alte mit Nachdruck. „Wissen Sie das sicher?" erkundigte sich Foma lächelnd. »Ich? Ich weiß es l" sagte Schtschurow überzeugt, nickte mit deni Kops, und seme Augen verdunkelten sich. „Auch ich werde nicht fündenlos vor das Antlitz des Herrn kommen. Ich werde vor seinen heiligen Thron eine schwere Last bringen. Auch ich habe dem Teufel gedient, ich glaube aber an GotteS Gnade, und Jakow glaubt weder an den Himmel noch an die Hölle. Jakow glaubt nicht an Gott, das weiß ich! Und weil er nicht glaubt, wird er noch aus Erden besttaft werden!" „Auch das wissen Sie?" fragte Foma. „Auch das. Bilde Dir nichts ein— ich weiß auch, daß das, was ich sage. Dir komisch vorkommt. Du denkst Dir: „Wie allwissend der ist!" aber der Mensch, der viel gesündigt hat, ist immer klug. Die Sünde lehrt. Darum ist Jakow Majakin auch ausnehmend klug..." Foma horchte auf die heisere, überzeugte Stinune des Alten und dachte:„Er spürt ivohl den Tod." Der Kellner, ein kleiner Mensch mit einem bleichen, gleichsam abgewetzten Gesicht brachte den Samowar herein und eilte mit schnellen, kleinen Schritten aus dem Zimnier. Der Alte suchte etwas in den Bündeln, die auf dem Fenster- brett lagen, und sagte, ohne Foma anzublicken: „Du bist frech. Auch Dein Blick ist dunkel. Früher gab es mehr helläugige Menschen, weil früher die Seeleu Heller ivaren. Früher war alles einfacher— die Menschen und die Sünden— und jetzt ist alles kompliziert geworden, ja, ja l" Er goß den Thee ans setzte sich Foma gegenüber und begann wieder: „In©einem Alter war Dein Vater Wasscrschöpfer und stand mit einer Adkiterpartie bei unsreni Dorf. In Deinem Alter war Jgnat für mich durchsichtig wie Glas. Wenn man ihn anschaute, wußte man gleich, was das für ein Mensch war. Und ich schaue Dich an und weiß nicht, was Du bist, wer Du bist l Auch Du weißt das nicht, Bursche. Darum wirst Du auch zu Grunde gehen. Alle jetzigen Menschen müssen zu Grunde gehen, denn sie kennen sich nicht. Das Leben ist ein Sturmwind, und man muß sich darin seinen Weg finden können. Wo ist er aber? Alle irren herum. Der Teufel aber freut sich. Bist Du verheiratet?" „Noch nicht," sagte Fonia. „Auch das. Du bist nicht verheiratet und bist doch wohl schon lange nicht mehr rein. Nun, und arbeitest Du viel in Deinem Geschäft?" „Ich muß das. Vorläufig bin ich mit dem Paten zu- sammcn." „Was habt Ihr jetzt für eine Arbeit?" sagte der Alte kopfschüttelnd, und dabei spielten seine Augen und wurden bald dunkler, bald wieder Heller.„Ihr braucht Euch nicht zu plagen. Früher fuhr der Kaufmann mit Pferden, um seine Geschäfte zu besorgen, im Schneegestöber und in der Nacht fuhr er. Die Räuber erwarteten ihn auf der Landstraße und mordeten ihn, er starb als ein Märtyrer und wusch seine Sünden mit seinem Blut fort. Jetzt fährt man mit der Bahn, schickt Depeschen aus, und zu guter Letzt haben sie's gar so ausgedacht, daß man zu Hause in seinem Comptoir spricht und es fünf Werst weit gehört wird. Das geht nicht ohne den Teufel zu! Der Mensch sitzt da, bewegt sich nicht und sündigt, weil er sich langweilt und nichts zu thun hat: die Maschine thut alles für ihn. Er hat keine Arbeit, und ohne Arbeit geht der Mensch zu Grunde! Er hat sich Maschinen angeschafft und denkt, das sei gut! Damit fängt Dich der Teufel, bei der Arbeit bleibt keine Zeit für die Sünde, bei der Maschine ist man aber frei! Durch die Freiheit geht der Mensch zu Grunde, wie der Wurm, der Bewohner des Erdgeschosses, in der Sonne zu Grunde geht. Der Mensch wird durch die Freiheit zu Gnmde gehen 1" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Vic Dovlstttfcv ves SnrzkKttttls. Zu einem Gemeinplätze habe» allgemein bekannte Vorgänge der siiiigsten Vergangenheit den Satz gemacht, daß auch große Kanal- bamen ihre Geschichte haben und für die politischen Geschicke der Völker von schiveriviegender Bedeutung zu sein vermögen, manchmal noch ehe überhaupt an ihre Aussührnng gegangen wird. Der preußische Mittellandkanal harrt noch iiiimer der Inangriffnahme. Wie dieser Plan schon eine tolle Tragikomödie hinter sich hat, so mögen ihm noch merkwürdige Schicksale beschieden sein, che er ver- Ivirtlicht wird. Und wenn gegenwärtig diesem Stadium näher gerückt ist die Idee einer Durchstechung der Landenge, die Nord- und Südamerika verbindet, so ist doch unvergessen, daß vor der Nicaragua- Linie der Panamakanal in Aussicht genommen und begonnen worden war, was dann zu jenem großen Krach führte, der in Frankreich noch jetzt seine Nachtvirkungen auf das politische Leben äußert. Eine Vorgeschichte von ganz andrer Ausdehnung aber hat der maritime Kanal an der Grenzscheide zweier Weltteile, der heute bereits seit einem Menschen- alter im Betrieb ist: der Suezkanal. Reiche» doch seine ältesten Vorläufer zurück bis in die Zeiten der neunzehnten ägyptischen Pharaonendynästie, d. h. mehr denn drei Jahrtausende voir der Gegenwart znrückgerechnet. Von da an läßt sich eine Reihe von freilich nicht immer zur Vollendung gediehenen Kanalbantcu, die eine Berbindnng zwischen Mittelnieer und indischem Ocean her- stellten, verfolgen durch die Zeiten der ägyptischen Pharaonen,(der persischen Herrschaft, des griechischen Ptolemäerhanses. der römischen Kaiser und schließlich der arabischen Eroberer: so daß sich ein gut Stück von den wcchselvollcn Geschichten des vielbegchrten Pyramidenlandes in der Geschichte dieser bemerkenswerten Kanalbantcn wieder- spiegelt. Der heutige Suezkanal erstreckt sich bekanntlich von dem Ort an seinem Südende, der ihm den Namen gegeben hat, über die Bitterseen und den Timsahsee, an dessen nördlicher Spitze Jsmailia liegt, nach Port Said am Mittelnieer. Der nämlichen Linie folgten die Vorläufer des heutigen Kanals von Suez bis zum Timsahsec, der im Alterlunr Krokodilsce hieß. Auch von da aus hat zeit- weilig im Altertum ungefähr auf der heutigen Linie ein Kanal, der «in wenig südöstlich vom heutigen Port Said beim alten Pelusium piündete, direkt nordwärts zum Mittelnieer geführt. Von wem und toann dieses Stück angelegt worden ist, wissen ivir nicht, und es scheiilt nur vorübergehend in Betrieb gewesen zu sei». Jedenfalls die Kanalbantcn. von denen lvir geschichtlich Kunde haben, liefer» voni Timsahsec nicht aufs Mittelnieer zu, sondern nach dem Ril, der dann freilich die Verbindimg mit dem Mittelmeer bewerk- stclligte. Der Hauptgrund hierfür wird klar, wenn man bedenkt. daß zu den Zeiten, ans denen die ersten Anfänge dieser Anlagen datieren, Aegypten so gut ivie gar keinem internationaleii Handels- verkehr zum Durchgang diente, daß bei dem Kanalbau folglich nicht irgendwelche Wclthandcls-Jntcressen in Frage kamen, sondern es sich nur darum handelte, dem Nillande eine direkte Wasser- Verbindung mit seinen Besitzungen auf der Sinai-Halbinsel und mit den Küsten des roten Meeres zu verschaffen. Ins 14. Jahr- hundert v. Chr. fallen die ersten derartigen Bauten. Die Pharaonen Seth I. und Rainscs II. führte» nach Ausweis von Hieroglyphcn- texten und bildlichen Darstellungen einen Kanal„ta tenät", der Durchstich, genannt, von Bubasus am pelusischen Arm I>eS Nils(in der Nähe der heutigen Eisenbahnstation Zagaziz) ostwärts bis zum Krokodilsee. AnS unbekannten Gründen sind die Arbeiten damals nicht weiter gediehen. Sie wurden erst wieder aufgenommen über ein halbes Jahrtausend später unter König Necho(610—534 v. Chr.). Er ließ den alten vom Sand verschütteten Kanal wieder aufgraben und setzte ihn fort auf der Strecke vom Krokodilsee bis zu den Bittersten. In solchen Dimensionen angelegt, daß zivei der größten Schiffe darauf aneinander vorbeifahren konnten, war das Werk für jene Zeit ein gigantisches, und bei den geringen technischen Hilss- Mitteln mußten sich gewaltige Schwierigkeiten entgegentürmcn: nach Herodot sind mehr als 120 000 Arbeiter dabei an Seuchen zu Grunde gegangen. Indes scheiterte die Vollendung nicht daran, sondern an einem Orakelsprnch. der dem König Necho verkündigte, er arbeite ftir die Barbaren. Das Werk hätte weitergestecklcn Zielen dienen sollen. als das frühere; denn einerseits war unter Necho Aegypten bereits griechischen und phönizische» Kanffahrern zugänglich gemacht Ivorden. iind andrerseits unternahmen zu seiner Zeii und auf seinen Befehl phönizische Seeleute jene denkwürdige Umschiffung Afrikas, die die einzige vor dem Zeitalter der Entdeckungen blieb. Wen jenes Orakel mit den„Barbaren" gemeint hat, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Möglich, daß es hat sagen ivollen. die phönizischen und griechischen Händler wurden allein aus dem Kanal Vorteil ziehen. Wie dem auch sei. bald erschienen in Aegypten „Barbaren", an die das Orakel steilich nicht gedacht haben kann, und machten sich die Kanalanlagen aus der Pharaonenzeit zu Nutzen. Die Perser hatten unter ihrcin König CyruS(558—530 v. Chr.) Babylonien erobert und sich zu Herren von Vorderasien gemacht. Unter seinen» Sohn Cambyses(523—522 v. Chr.) siegten die Perser bei Pelusium über die Aeghpter und er- oberten das Nilland. Von dem ziveiten persischen Ge- bieter Aegyptens, das unter ihm vergeblich einen Auf- stand versuchte, Darius(521— 486 v. Chr.). haben sich an den- Grenzgebiete» von Asien und Afrika an verschiedenen Stellen Denk- steine und Inschriften in persischer, mcdischcr, babylonischer und ägyptischer Sprache gesunden. Die meisten der letzteren sind ganz kurz und enthalten nichts als Namen und Titel des Perserkönigs: eine aber, die bei den Arbeiten für den Suezkanal zn Schaluf el terraba am Südeudc der Bittersten ausgegraben lvurde, enthält in ihrem persischen Teil sachliche Angaben von größten» Interesse. Es heißt da nämlich,»achdcin der Lichtgott Auramazda als Schöpfer des Hininieis und der Erden und Schutzpatron des Perserreiches ge- priesen nud die Titulatur des Großkönigs mitgeteilt ivorden ist:„ES spricht Darius, der König:„Ich bin ein Perser, n»it den Persern habe ich Aegypten erobert. Ich habe befohlen, diesen Kanal z»» graben, von dem Fluß Nil an, der in Aegypten fließt, bis zn dem Meer, das von Persien ausgeht. Dann lvurde der Kanal gegraben. so wie ich befahl.. Hier bricht der Keilschrifttcxt ab, da der Rest zerstört ist. DaS unversehrt Gebliebene genügt aber,»m» fest- znstellc», daß zn Darius' Zeiten, zweifellos»mter Bemitznng beztv. Wiederherstellung des unter Ncchss Geschaffenen die Wasserstraße ztvischen BubastiS und den» Roten Meere vollendete Thatsache geworden ist: was»ins außerdem noch von Herodot berichtet ivird. Und dies- inal war. da es sich nicht mehr um ansschließlich ägyptische Zlvecke, sondern um hie Handelsintcrcsscn eines Reiches bandelte, das sich vom Nil»nid der syrischen nud klcinasiatischen Küste im Westen bis zum Indus in» Osten erstreckte, nicht bloß die Herstellung einer Wasser- straße ztvischen Nil und Rotem Meer beabsichtigt, sonder» es handelte sich un» nicht tveniger, als eine Verbindung des Mittelmeercs mit dem Indischen Oceän, um den Seetveg nach Ostindien. Daran kann um so weniger gezweifelt werden, als Ivir iviffen, daß unter Darius eine persische Flotte unter dem griechischen Seefahrer Scylax ans Caryanda von Pencaleotis, den» heutigen Pnschkalaivati, de» Indus hinabgeschickt ivnrde, Arabien umsegelte und schließlich im Busen von Suez ihre Entdeckmigsreise beschloß. Unter den späteren Perserkönigen muß der Kanal wieder ver- fallet» sein. Wir hören erst wieder von ihn» gegen die Milte des 3. Jahrhunderts v. Chr. Aegypten hatte iiizivischen große Ver- ändernngen erlebt. Alexander der Große von Macedonien(336—323 v. Chr.) hatte das Perscrreich erobert und ivnr auch in Aegypten er- schienen, wo er die neue Hauptstadt Alexandria begründete. Als nach seinen» Tode das macedonischc Weltreich alsbald zerfiel, lvurde einer seiner Generale»nd Nachfolger, PtolemäuS, König von Aegypten, über das die Ptolemäerfaniilie nun fast drei Jahrhunderte herrschte. Unter Ptoleniäus Philadelphus, der 247 v. Chr. starb, wurde der Kanalgedanke wieder aufgenommen: das alte Werk uwrde wieder hergestellt njid dermaßen crlveitert, daß der neue Kanal,„Fluß Ptolemäus" genannt, eine Tiefe von 40, eine Breite von 100 Fus; gehabt haben soll. Er scheint bis knrz vor der Ver- Wandlung Aegyptens in eine römische Provinz(30 v. Chr.> in Betrieb gehalten worden zu sein, litt aber vielfach unter Wassermangel, da der pelusische Nilarm, aus dem er gespeist wurde, nicht immer ergiebig genug war, um den Kanal für grvtzere Schiffe fahrbar zu erhalten. Darin lag denn auch der Grund, warum in der römischen Kaiserzeit, unter Kaiser Trojan(03—117». Chr.), nachdem schon früher die alte Linie wieder in stand gesetzt worden war, wenigstens bis zum Krokodilsee, außerdem eine ganz andre Route neu angelegt wurde. Dies Werk der Kaiserzeit begann nämlich weiter stroinauf, als das ältere, nicht weit vom heutigen Kairo, also da, wo der Nil noch ungeteilt und wasserreich ist. Der neue Kanal führte den Namen„�UAustns unmis", Kaiserflust. In der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts war er noch in Betrieb. Dann aber ließ man ihn verfallen, und er ist während der spätere» Kaiscrzeit und unter byzantinischer Herrschaft nicht wieder in stand gesetzt worden; das geschah erst, als der Islam in Aegypten seinen Einzug hielt. Im siebenten Jahrhundert traten die Geschicke Aegyptens unter das Zeichen des Halbmondes: mit dem Fall Alexandriens im Jahre 642 war die Eroberung deS Landes durch die Araber unter Amru vollendet. Dieser erste arabische Statthalter am Nil beschrieb dem Beherrscher der Gläubigen, dem Kalifen Omar, die neue Er- Werbung in einem Schreiben, worin es u. a. heißt:.Durch das Thal fließt ei» Strom, ans dem der Segen des Allerhöchsten am Morgen, wie am Abend ruht, und der mit den Umwälznnge» von Sonne und Mond steigt und fällt. Wenn alljährlich die Anordunng der Bor- sehung die Quellen und Brunnen eröffnet, die das Erdreich nähren, wälzt der Nil seine anschwellenden und rauschende» Wasser durch das Reich Aegypten; die Felder werden von der heilbringende» Flut bedeckt, und die Dörfer verkehren miteinander auf ihren bemalten Barken. Beim Zurücktreten der lleberschwemmung bleibt ei» fruchtbarer Schlamm zur Aufnahme der verschiedenen Saaten zurück. Die Scharen von Ackerbauern, von denen das Land ganz schwarz erscheint, können einem Schwärm betriebsamer Ameisen verglichen werden; und ihre angeborene Trägheit wird angefeuert durch die Peitsche des Aufsehers und die AussichtaufdieFrüchtenndErträgeeiner reichen Ernte. JhreHoffmnig wird selten enttäuscht; aber die Reichtümer, die sie gewinnen aus Weizen, Gerste und Reis, aus Gemüse. Obstbäumen und Viehzucht, werden ungleichmäßig geteilt zwischen denen, die arbeiten, und denen, die besitze».- Das wurde beileibe nicht geändert; im Gegen- teil erwiesen sich die neuen arabische» Herren als wahre Meister in der Kunst des AuSfangens: unter einer schwere» Kopssteuer und unter beständigen Getrcidelieferungen hatte Aegypten mehr denn je zu seufzen. Dem Kalifen Omar, der einmal von sich selbst gesagt hatte:.Ich bin ein Kaufmann zum Vorteil der Muselmänner", war die Verwaltung Amrns noch nicht ergiebig genug, schrieb er ihm doch:.Ich habe über Dich und Deinen Zustand nachgedacht. Du desindest Dich in einem großen, vortrefflichen Lande, dessen Be- wohner Gott durch Zahl und Macht zu Lande und zu Wasser ge- segnet hat: in einem Lande, das schon die Pharaonen trotz ihres Unglaubens durch nützliche Arbeiten in einen blühenden Zustand gebracht habe». Ich bin daher höchst erstaunt, daß es nicht die Hälfte des früheren Ertrages einbringt, obschon diese Abnahme nicht durch Hungersnot und Mißivachs entschuldigt werde» kann. Auch hast Du früher von vielen Abgabe» geschrieben, die Du dem Lande auferlegt. Nun hoffte ich, sie würden mir zufließen. Statt dessen bringst Du Ausflüchte vor, die mir nicht zusagen. Ich werde durchaus nicht weniger annehmen, als ehedem entrichtet ivorde». Schon im verflossenen Jahre hätte ich dies von Dir fordern können; doch ich hoffte, D» würdest von selbst Deine Pflicht erfüllen. Nun sehe ich aber, daß Deine schlechte Verwaltung es Dir nicht gestattet. Aber mit Gottes Hilfe besitze ich Mittel. Dich z» zwinge», mir zu gewahren, was ich fordere." Zu den Mittel», deren man sich bc- diente, um Aegypten intensiver auszubeuten, vor allein eine Korn- kaminer für das unfruchtbare, häufig von Hungersnöte» heimgesuchte Arabien daraus zu»räche», gehörte nun auch die Wiederherstellung des Kanals zwischen Nil und Rotem Meer. Von dessen ehemaligem Bestehen hatte Anirn Kenntnis erhalten lind schrieb deshalb an Omar, der sich über die Not in Arabien bellagt hatte:.Was willst Du, Herr der Gläubigen? Ich habe erfahren, daß vor dein Islam ägyptische Kauflente ans Schiffen zu uns gekommen sind. Als wir aber Aegypten eroberten, wurde dieser Kanal nicht mehr befahren. WennDu willst, so lasse ich ihn ivieder ausgraben." Omar ging ohne weiteres ans den Plan ei», deffe» Vorteile für die herrschenden Araber ja auch auf der Hand lagen. Bisher hatten die ägyptischen Getreidezufuhren Mekka und Medina nur durch den langsamen,»in- sicheren und kostspieligen Kärawanentransport durch die Wüste auf den» Rücken von Kamelen erreichen können. Der Kanal dagegen rückte Arabien die Reichtümer Aegyptens in greifbare Nähe. Somit waren alle Einwendungen von ägyptischer Seite vergeblich, wo man in der Befürchtuiig,»ach der Eröffnung des Kanals möge Aegypten ganz ruiniert werden, das llnteniehinen als nnauSfiihrbar hinzu- stellen suchte. Auf des Kalifen Befehl nahm Amru das Werk 642 in Angriff und vollendete es. da es sich im wesentlichen nur um Wiederherstellung des Alten handelte, in weniger als einem Jahre. 643 begab sich Omar nach Djar, dem Hafen von Medina, um die ersten ägyptischen Getreideschiffe dort einlaufen zu sehen, Das Werk ivar ein Erzeuguiö nationalen Eigennutzes, aber es mußte doch auch wahrhaft lulturfördernd wirken, indem es dem friedliche» Handel diente. Voraussetzung dafür Ivar freilich, daß der Kanal fortdauernd vor Verfall geschützt ivurdc, vor allen» vor der ständigen Gefahr des Versandens. Das aber geschah nur bis zur Regierung des Omar Abd Alaziz, biS gegen 720. Dann geriet der Kanal außer Betrieb nud wurde weder unter den späteren arabischen Herrschern,»och gar unter der türkischen Mißwirtschaft wieder in stand gesetzt. Zu Anbruch der Neuzeit tauchte dann vorübergehend der Gedanke auf, das Mittelmeer mit dem indischen Oeenn durch einen Kanal zu verbinden, wodurch die Venetianer ihrem infolge der Entdeckung des Seewegs nach Ost- indien mächtig beeinträchtigten Handel wieder auf die Beine zu helfen gedachten. Zur Durchführung aber gelangte dieses Projekt nicht, ebensowenig wie entsprechende Pläne türkischer Machthaber. Erst nach der Mitte des zur Rüste gegangene!» Jahrhunderts wurde der Snezkanal nach dem Entivurf des französischen Ingenieurs Lesseps in Angriff genommen und im Jahre 1869 dem Betrieb übergeben. Auf dies Knltunverk und seine Bedeutung für Welthandel»»nd Wellverkehr einzugehen, gehört nicht hierher, ivohl aber muß erwähnt werden, daß auch beim Suezkanal die Reste des alten Kanalsystems benutzt worden sind. Einmal nämlich ist auf der Strecke von den Bitterseen bis Suez der vom Sand be- freite alte Kanal dem heutigen, freilich viel breiterei» und tieftren Werk zu Grunde gelegt worden. Weiter aber hat auch jene älteste Linie von BnbastiS bis zun» Krokodilsee eine Rolle gespielt. Da nämlich der Suezkanal durch eine Trinkwasser so gut wie völlig entbehrende Wüste führt, mußte zu dessen Beschaffung ein Süßwasser- kanal von» Nil hergeleitet werden, und dazu wurde die alte Linie, wie sie zuerst in den Zeiten Seth I. und Rainses II. angelegt worden war, vom Sande befreit und wieder in stand gesetzt; sie erfüllt auch gegenwärtig noch die Funktionen einer Wasserleitung. Das ist freilich eine bescheidene Rolle, aber doch sicher keine geringe Anerkennung für die Dauerhaftigkeit des altägyptischen Werkes.— Kleines Feuilleton. ab. Kriegsdienste in frühere» Zeiten. Dem interessanten Schriftchen von Theodor Knapp„Der Bauer im heutigen Württem» berg nach seinen Rechtsverhältnissei» vom 16. bis ins 19. Jahr- hundert"(Württembcrgische Nenjahrsblätter. neue Folge, Blatt 7, Stuttgart 1902) entnehmen wir das Folgende über den Kriegsdienst in früheren Jahrhunderten. Zum Kriegsdienst gehörte in erster Linie die Fühnnig der Waffen gegen den Landesfeind. Dazu war im Grundsatze jeder waffenfähige Lc,ndesuntcrthai, verpflichtet. Wenn auch das allgemeine Landesansgebot mit der Zeit mehr»n»d mehr zur seltenen Ausnahme wurde, so mußte doch jeder mit Wehr und Waffen versehen sein, um sofort, wenn das Bedürfnis eintrete, sich gerüstet stellen zu können. Einen Rest dieser Sittel» finden»vir übrigens auch noch in der Gegemvart. Auch in der Schweiz hat jeder Soldat sein Gelvehr bei sich zu Hanse, auch wenn er nicht im Dienste steht, und in der serbischen Milizarmee herrschte diese Sitte gleichfalls, bis die Mißregierinig den Oppositionsgeist der Be- Völker»»»»,) so stärkte, daß man die Sicherheit der Dynastie für gefährdet hielt,»venn jeder waffenfähige Mann sein Milizgcivehr bei sich habe. Doch kehre»»»vir zum alte»» Württemberg zurück. Zur Ucbung in den Waffen»vor die Einrichtung ge- troffen, daß von Zeit zn Zeit auf die Scheiben geschossen wurde; übrigens auch eine Einrichtung, die heute»och in» schiveizerischen Wehrwesen für die nicht zum Militärdienst eingezogene» Bürger Geltnng hat. Unter die Verpflichtung ziim Kriegsdienste fiel in den vergangenen Jahrhunderten auch die Beförderung des Kriegsbedarfs, »vozu Reiswagen, d. h. Kriegsivagen zu stellen waren, ferner die Arbeit bei der Anlage von Schanzen und andren Befestigungei», unter Umständen auch die Aufbringung des für de» Kriegsdienst »ölige» Geldes, des Reisschadens durch Reis- oder Kriegssteuern. Zu allen diesen Kriegsleisluligen wurden auch solche Gemeinden herbeigezogen, die etlva wie Kirchheini an» Neckar von Frohnen und von der Teilnnhnie am Lrnrd- und Aullsschaden durch einen Frei- brief entbunden»varen.— Litterarisches. •n. Carl Hauptmann las am Montag im„G i o r d a n o Bruno-Bun d" sei»» neues Drama„Die B e r g s ch m i e d e" vor. Zum Reeitator seiner eignen Werke eignet sich Carl Haupt» mann nicht besonders: seine Stimme ist nicht modulationsfähig genug, um die einzelne» Personen des Stückes äußerlich kenntlich zu inachen; auch gingen durch die monotone Vortragsweise lyrische Stellen von hoher Schönheit vielfach verloren. „Die Bergschmiede" ist ein symbolistisches, in Versen geschriebenes Drama. Obei» auf den» Kamm des Gebirges lebt der Bergschmied und bei ihm Katrina, ein junges Mädche»», über die et eine dämonische Macht hat. Ilm sie in seine Gelvalt z» bekommen, hat er selbst das HauS ihres Großvaters in Brand gesteckt und sich das Mädche» ans den Flammen herausgeholt. Das Feuer sollte sie von den Fesseln des Großvaters erretten und ihr die Welt der„Wahrheit »nd der Freiheit" anfthui». Der Bergschmied hält sich selbst für: »vahr und frei. Aber dem ist nicht so. Kleinliche Eifersucht auf seinen Altgesellen, der eine stille Neigung zu Katrina gefaßt hatte� trieb ihn zum Mord. EhicS Morgens fand man die Leiche des Altgesellen n» Bergsec. Dadurch hatte sich der Bergschmied, der sich ivahr und frei ivähnte, unwahr und unfrei gemacht. In Katrina aber erwacht ein Haß gegen den Meister. Der „frische Wandrer", der an der Bergschmicde vorbeizieht, erweckt in ihr eine groß« Sehnsucht nach den Höben. Novanr. der Geselle, zu dem sie ihr Herz hinzieht, soll sie erlösen, sie befreien, sie hinauf» führen auf die Höben. In einer dunklen Stnnnnacht, als der Berg- fchmied hinansgezogeii ist. Schätze zu graben, ivill sie mit Novant entfliehen. Da kehrt der Schinied zurück. Sein Lachen tötet ihren Mut. Seine dämonische Gewalt über sie hat nichts an ihrer Stärke verloren. Worie des Hasses will sie ihm entgegen schleudern, allein sie wird schwach und feige:„Lieber Meister"... So tönt daS Stück ans. Eine Bühnenwirkung Ivird daS Drama mit seiner zerrissenen Handlung und seinen dnnklcn Sentenzen ivohl niemals erzielen. Besonders reich an sprachlichen Schönheiten ist der für die Handlung des Stückes gänzlich überflüssige, dritte Akt.— Theater. D v e t t e G« i I b e r t mit ihrer Truppe in, Central- Theater.— Lebende Liederl Unwillkürlich fällt einem das Schlagn>ort der Bierbaunischen Bühne ein, ivenn man die Uvette hört. Welch' ein wertloser Flittertand all' diese bunte» Kostüme, die kostbaren dekorativen und schillernden BcleuchrungSeffrkte, der ganze schwerfällige Apparat, durch den man dorr daS freie, flüchtige Element der Stimmung baimeu will l Daß eine ftnufh welcher wie der der Uvette in Wahrheit die Gabe des lebendigen Liedes zu teil wurde, sich je mit solchem Aufputz behängen lönute, erscheint absurd. Es wäre, als ob einer, der zu fliegen vermöchte, zu der Krücke griffe, um mühsam auf der Erde zu hmnpeln. DaS in ihrem Munde so unglaublich inodulations- fähige Wort, da» schnell hinhiischende Mienenspiel ihres Gesichts, die malerische Bewegung der Hände und Arme, das beschivört, ohne jedes äußere Mittel, die Bilder und die Stimnmngcn. die sie der Phantasie vermitteln ivill. in den Seelen der Hörer herauf. Das Repertoire, in welche», sie auftritt, ist gegenüber dem ihres vorjährige» Gastspiels wohl um einige Nummern vermehrt. In den Grundzngen ist es unverändert geblieben. Heiteres und Düstere» folgte in bunter Reihe. Bald ist sie der arme Soldat, der in einfacher Volk»- liedweise erzählt, wie er auS Eifersucht de» übermütigen Hauptinann enchossen, und der den Kameraden die letzten Grüße an da» geliebte Mädchen und die Mutter aufträgt; bald der frechblickende, an den FestnngSivällen entlang streifende Bursche, der sich rühmt, wie gut er von den, Geld der Dirnen lebe, der Dieb und Mörder, der gesträubte» Haare» daS Bild der Guillotine vor sich sieht! bald ein dürftiger Idiot, der mit duinpscm Singsang die Schlangen au» den Wäldern lockt und bändigt. Di« spitzbübische Schelmerei, mit der sie allerhand luftig« Abenteuer vorträgt, ebenio wie manches in der Art und Weife ihrer Charakicrisieningskunst, mag auch von andren erreicht werden könne»! ganz unnachahmlich aber erscheint sie in der Darstellung des Mystisch-Geheimnisvollen. Wer die Uvette da» Märchen vom heiligen Nikolaus oder.1» CJIu", die bretonische Legende, die von dem Herzen der gemordeten Mutter erzählt, hat vortrage» hören, dem wird das unvergeßlich bleiben E» sind Schauer, die das Innerste aufwühlen. Leider ivar die Auslvohl der Gedichte an dem ersten Abend derart, daß gerade dieses, ihr höchstes Kunstvermögeu sich nicht in klarer Weise entfalten konnte. Nur in den Worten und Bewegungen, mit denen sie die Schlangen schildert, wie dieselben, wenn der monotone Gesang des arnien Idioten erklingt, die Köpfe heben und in dunklem Trieb ihni folgen, blitzte etwas von jener visionären, in verborgene Tiefen dringenden Kraft hindurch. Interessant war eS. durch die Tnippe der Uvette Gnilbcrt einiges aus der Pariser Cabaretknnst kennen zu lernen. Sowohl Georg Fragerolle, wie auch Montoya und Legay haben früher in dem berühmtesten aller Pariser Cabarets und Künstlerkneipen, im Chat noir ans dem Montmartre gesungen, lleberraschend wirkte der Ton schmerzlicher Resignation, der durch alle Dichtnngen. die eignen und fremden, welche diese Künstler zum Vortrag brachten, hindurch ging. Alles ist eitel und vergänglich! Leben heißt Träumen, Lieben und um das Glück verlorener Jugend- liebe weinen, so klang eS mit sanfter Schwermut ans dem Liede' Montoyas.— Auch Du tvirst hingehen: Du König, Feldherr. Edel- mann und Richter, Du Reicher und Anner, Du Mann der Ordnung und Du Demokrat, und Du Geliebte, die mich betrogen. Du Priester, der bei meincin Leichenzuge singt. Euch allen ist daS gleiche Los bereitet, saiyz Legay. Und das Los des Einzelnen ist das der Völkerl Ein Schattenspiel, zu dem Fragarolle die Verse gedichtet, läßt Heere und Völker aller Jahrhunderte an den Pyramiden und der großen stillruhenden Sphinx vorübertvaudeni. Im Schlnßbild deckt eine glitzernde Eis- schickst alles Leben zu. Die Erde ist erkaltet, die Menschheit aus- gestorben, nur die Sphinx, das Symbol des ewig Rätselhasten, ragt zum Himmel. Außer den Vorträgen gab es noch ein paar kleine Dramen, die aber, trotz mancher Feinheit im Detail, nur wenig interessierten. Die Schlußkomüdie war zu lang für ihre satirische Pointe.— _ dt. Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid tu Verlin. Astronomisches. ie. Eine unerreichbare S onnenfinsterniS. Die Astronomen beschäftigen sich schon jetzt mit der Frage, wann die nächste vollständige Sonneiifiiisternis eine Gelegenheit zur Fortsetzung der dabei in Betracht kommenden llntersiichniigen geben wird. In den nächsten Jahren werden sie in dieser Beziehung recht wenig vom Glück begünstigt iverden. Erst am 9. September 1904 Ivird eine vollständige Verfinsterniig des Tagesgeftirns eintreten, die aber mit Beziig ans die Zone ihrer Sichtbarkeit gar keine Rücksicht auf die Wünsche der Astroiioiiicii nehmen wird. Die Gegend, innerhalb derer sie als vollständige Finsternis zu sehen sein wird, liegt nämlich iiimitten der Wasserhalvkugcl der Erdoberfläche im Pacifischcii Ocean. Als nun einzelne Ästronomen sich schon jetzt einen Platz aiisincheii wollten, auf dem sie zur Beobachtimg festen Fuß fassen könnten, stellte sich heraus, daß sie diesmal überhaupt auf den Genuß der Beobachliing würden verzichten niüffeii. weil es in dieser Zone kein festes Land gicbt. Auf den Karten finden sich in dem frag- liche» Gebiete freilich ein paar Punkte im Meere, die als Walker- Inseln verzeichnet find: aber sie sind nur auf der Karle vorbandcn, nicht aber in Wirklichkeit, wie neue Forschung»- reisen festgestellt haben. Außerdem giebt es dort noch ein inselartiges Gebilde, das mit dem Name» Kingman- oder Caldew- Riff bezeichnet wird und ganz bestimmt existiert, eS hat aber den Nachteil, nur bei starker Ebbe wasserfrei zu sein, kommt also als Ziel einer aftroiioniffche» Expedition ebensowenig In Betracht. E» bleibt»och die Insel Pnlmyra, die wieder»»!, falls die Karten die Lage genau angeben, etwa» z» weit»ach Süden liegt. Eine Insel der Marsball-Grnppe wäre zur Bcobachtnng gceignet, ivenn sie nur ein wenig nichr nach Osten verlegt iverden könnte. Die Aslrononieii werden nach diesen Erbebnngen darauf verzichten, die SomienfilisterniS vom September 190» einer Beobachtung zu würdige», lind wollen lieber bis zum Angnst 1905 warten. Ivo sie dann ihre Untcrinchnngen bequem in Knnada, Spanien oder Nordafrika werden vornehmen können. Humoristisches. — Fr« nn binnen-Bosheit.„Meinen Mann habe ich bei einer Somiciifinsteruis kennen gelernt." Freundin:„Das war geiviß eine totale."— — Im Eifer. Möbelbändler:„Ich rat' Ihnen, meine Herrschaften, nehmen Sie die Möbel, sie sind gut! Sehen Sie nur, ivie sein, wie glatt die poliert sind,... da hält kein Pfandsicgel dran!"— — Nach der Premiere! Er:„Na, wie war daS Stück» daS beule anfgeführt wurde Sie:„Denke Dir. da kommt ein Ehepaar vor, da? sich von Anfang bis Ende treu bleibt." Er:„Gott fei Dank! Endlich wieder einmal eine uene Idee!"— („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Leo T o l st o j soll wieder schwer erkrankt sein.— — S u kl y P r u d H o Iii m e hat auS dem Nobel-PrciS eine» jährlichen Preis von 1SV0 Fr. zur Herausgabe der erste» G e d i ch t j a m m l u n g cincS französischen Lyrikers gc- stiftet.— — Der Deutsche Urheberverein bat daS Theaterspieleu in Friedenan satt bekvniineii und will eS jetzt in Berlin ver- suche», wenn— sich Leute finde», die gern aufgeführt sei» wolle».— — Hermann H e i j e r m a n S neues Stück»Ora et 1 a b o r a" ging in A m st e r d a m erfolgreich in Sccne.— — Aus dem Vorstand der Berliner Secession sind a usgetreteii Oscar Frenzel, Skarbina, Kurt Herrinanu nnd Otto Heinrich Engel: darin verblieben sind Lieberman», Leistikou» und Fritz Klinisch: nengewählt wurde» Ludwig Hofman». Louis Coriuth und der Bildhauer August Gaul: eine Wahl steht noch aus. In der letzten Hanptversainniluiig wandte sich die Opposition auch gegen den Geschäftsführer, de» Bilderhändler Casstrer, dessen künst» lcrischer Einfluß nicht mit seiner Stellung harmoniere.— — Für Architekten wird demnächst ein Wettbelverb um Entwürfe für den Iiiiisi gemäßen Umbau Alt- D a n z i g e r Häuser nnd für Neubauten im alten Stile ausgeschrieben werden. DaS Ausschreiben geht vom„Verein zur Erhaltung und Pflege der Bau- und Knnstdeukniälcr Berlins" aus.— t. D i e künstliche Bewässerung Aegyptens Ivird in diesem Monat einen wichtigen Abschnitt ihrer Arbeiten vollenden: eS steht die Eröffnung der riesigen Wasserivcrke bei Aifint in den nächsten Wochen bestimmt z» erwarten. Bei diesen Bauten sind über 10000 Menschen beschäftigt.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.