Anterhaltungsblatt des Horwärks S>r. 26. Donnerstag, den 6� Februar. l902 (Nachdruck verboten.) 201 Isoma Gordjejv»v. Roman von Mnxim G orki. Deutsch von Klara Vranner Nachdem der alte Ananij diese Worte deutlich und mit NachdruÄ ausgesprochen hatte, klopfte er mit dem Finger viernial auf den Tisch. Sein Gesicht erstrahlte vor boshaftem Triumph, die Brust hob sich hoch, und die silbernen Bart- haare bewegten sich lautlos darauf. Es wurde Foma un- heiinlich, ihn anzusehen und seine Worte anzuhören, denn in ihnen erklang ein unerschütterlicher Glaube, und die Macht dieses Glaubens verwirrte Foma. Er hatte schon all' das vergessen» was er von dem Alten wußte und was er noch vor kurzem für»vahr gehalten hatte. „Wer dem Leib die Freiheit giebt, verdirbt die Seele!" sagte Ananij und blickte Foma so seltsam an. als sähe er hinter ihm noch jemand, den seine Worte schmerzten und erschreckten, und dessen Schmerz und Angst ihn freute. „Und Ihr alle, die Ihr von heute seid, werdet durch die Freiheit zu Grunde gehen. Der Teufel hat Euch gefangen und hat Euch seine Maschinen und Depeschen untergeschoben. Und die Freiheit frißt schon an den Seelen der Menschen. Sage nur, warum sind die Kinder schlechter als die Väter? Von der Freiheit, ja! Darum trinken sie auch und führen ein lasterhaftes Leben mit den Weibern und haben weniger Gesundheit, weil sie weniger Arbeit haben, und haben keinen frohen Mut, weil sie keine Sorgen haben. Die Froh- lichkeit kommt während des AusruhenS, und jetzt wird niemand müde." „Nun," sagte Foma leise,„man hat auch früher wohl nicht weniger als jetzt mit dem Laster und dem Trinken zu thun gehabt." „Weißt Du denn das? Du solltest schweigen!" rief Ananij aus, und seine Augen funkelten.„Damals hat der Mensch auch niehr Kraft gehabt. Die Sünden haben der Kraft entsprochen. Und bei Euch, bei den Menschen von heute ist weniger Skraft und mehr Sünde, und die Sünde ist haß- licher. Damals waren die Menschen wie Eichen und das Gottesgericht wird ihrer Kraft angemesien fein. Ihre Leiber werden gewogen werden und die Engel werden ihr Blut messen, und die Engel Gottes werden sehen, daß die Schwere der Sünde das Blut und den Leib nicht überwiegt. Verstehst Du? Gott wird den Wolf nicht verdammen, wenn der Wolf ein Schaf frißt, wenn sich aber eine ekle Ratte an dem Schaf vergangen hat, wird er die Ratte verdammen!" „Woher kann man wissen, wie Gott den Menschen richten w ird V" fragte Foma sinnend.„Es ist ein sichtbares Gericht nötig." „Wozu ein sichtbares?" „Damit die Menschen es verstehen." „Wer außer Gott ist mein Richter?" Foma blickte den Alten an und senkte schweigend den Kopf. Er dachte wieder an den entlaufenen Zuchthäusler, de« Schtschurow getötet und verbrannt hatte, und er glaubte wieder daran, daß es so war. Auch seine Frauen und Ge- liebten hatte er sicher durch seine schweren Liebkosungen ins Grab gebracht, er hatte sie mit seiner knochigen Brust erdrückt, hatte ihren Lebenssaft mit diesen dicken Lippen getrunken, die noch jetzt rot waren, als sei das Blut der Frauen, die in der Umarmung seiner langen sehnigen Arme gestorben waren, noch nicht getrocknet. Und jetzt, in Erwartung des Todes, der schon irgendwo in seiner Nähe war, zählte er seine Sünden, ging über die Menschen und wohl über sich selbst zu Gericht und sagte: Wer außer Gott ist mein Richter?" „Fürchtet er sich oder nicht?" fragte sich Foma uud sann, indem er den Alten von der Seite anblickte. „Ja, Bursche l Denke nach," sagte Schtschurow und wiegte den Kopf,„denke nach, wie Du leben sollst. Du hast ein kleines Kapital im Herzen und nimmst dabei einen großen Anlauf. Sich zu, daß Du nicht vor Dir bankrott wirst I Ha— ha— ha I" „Woher wissen Sie, Ums ich im Herzen habe?" sagte Foma düster, durch sein Lachen beleidigt. „Ich sehe es I Ich weiß alles, weil ich lauge lebe I Ach ja i Wie lange ich lebe! Die Bäume sind giMachsen, man hat sie abgehauen und hat Häuser daraus gebaut. Selbst die Häuser sind alt geworden, und ich habe das alles gesehen und lebe immer noch I Und wenn ich manchmal mein Leben überschaue, denke ich: Ist's denn möglich, daß ein einziger Mensch so viel thun konnte? Ist's denn möglich, daß ich das alles� erlebt habe?" Der Alte blickte Foma strenge an, wiegte den Kopf und schwieg. Es war still. Vor dem Fenster, auf dem Dach des Hauses knisterte etwas leise; das Rollen der Räder und das dumpfe Sprechen der Menschen drang von unten, von der Straße herauf. Der Samowar auf dem Tisch summte ein trauriges Lied. Schtschurow blickte starr auf da? TheegloS, glättete sich den Bart, und man hörte es in seiner Brust rasseln, als wälze sich dort eine Last. „Ist es Dir schiver, ohne den Vater zu lebeil?" ertönte seine Stimme. „Ich gewöhne mich daran," erwiderte Foma. „Du bist reich, und wenn Jakow stirbt, wirst Du noch reicher, er wird Dir alles vermachen-" „Ich brauche es nicht." „Was soll denn sonst damit geschehen? Er hat eine einzige Tochter, und diese Tochter solltest Du heiraten. Es thut nichts, daß sie Deine Taufschwestcr und Milchschwester ist. Das läßt sich machen! Es wäre besser, wenn Du hei- ratetest, wie sollst Du sonst leben? Du hast ivohl immer mit Frauenzimmern zu thun?" „Nein." �„Was Du sagst! Ach ja l Die Kaufmannschaft stirbt aus. Mir hat ein Förster gesagt— es ist einerlei, ob das wahr ist—, daß früher alle Hunde Wölfe»varen und in Hunde ausgeartet sind. So ist es auch in»nsrem Stand— auch»vir alle werden bald zu Hunden werden. Wir werden die Bildung annehmen, werden moderne Hüte auf die Köpfe stecken und werden alles thun, was dazu nötig ist, um unser Aussehen zu verlieren. Und manwirduns durchnichts von andren Menschen unterscheiden können. Man hat die Mode eingeführt, alle Kinder ins Gymnasium gehen zu lassen. Die Kauf- leutc, der Adel und die Kleinbürger, sie alle werden gleich gemacht. Man zieht ihnen graue Kleider an und bringt ihnen allen dieselbe Bildung bei, man zieht die Menschen wie Bäume. Wozu ist das? Das weiß niemand. Auch ein Holzscheit unterscheidet sich wenigstens durch seine Fasern vom andern, und hier will man die Menschen so abhobeln, daß sie alle dasselbe Gesicht haben. Bald geht's mit uns allen zu Ende, ja— a l Vielleicht glaubt in fünfzig Jahren niemand mehr daran, daß ich, Ananij, Sawwas Sohn, mit dem Bei- namen Schtschurow, auf der Welt gelebt habe.— so ist'S? Und daß ich, Ananij, außer Gott niemand fürchtete. Und daß ich in der Jugend ein Bauer war und zwei und ein Viertel DjesjatiuSn Boden besaß, im Alter aber clftausend Djcsjatinen, alles Wald, und vielleicht zwei Millionen Rubel Geld gesammelt habe." „Man spricht immer von Geld!" sagte Foma unzufrieden. „Welche Freude hat der Mensch davon?" „Hm", brummte Schtschurow.„Du wirst ein schlechter Kaufmann'-Wethe«, wenn Du die Macht des Geldes nicht verstehst." „Wer versteht sie?" fragte Foma. „Ich!" sagte Schtschnrow überzeugt,„und jeder kluge Mensch. Jakow versteht es. Geld? DaS ist viel, Bursche t Halte es Dir vor Augen und bedenke, was es in sich enthält. Dann wirst Dil bogreifen, daß das alles menschliche Kraft und menschlicher Verstand ist. Taufende von Menschen haben in Dein Geld ihr Leben gelegt, und Taufende werde» es noch thun. Uud Du kannst das ganze Geld in den Ofen»verseil und zuschauen, wie es brennt. Und in diesen» Moment tvirst Du Dich für mächtig halten." „Das thut man nicht." „Weil die Dummköpfe kein Geld haben. Man steckt das Geld in Geschäfte, die Geschäfte geben vielen Menschen ihr Brot, und Du bist der Herr aller dieser Menschen. Wozu hat Gott den Menschen erschaffen? Damit der Mensch zu ihn» bete. Er>var allein und langweilte sich allein; nnu, und da bekam er Lust, mächtig zu sein. Und da es heißt, daß der Mensch nach GotteS Bild und Ebenbild geschaffen wurde, will auch der Mensch Macht haben. Rud>vas giebt Macht außer Geld? So ist's.— Nun, hast Du mir Geld mit- gebracht?" „Nein," antwortete Foma. Von den Reden des Alten war ihm schwer und trübe im Kopf, und er war froh, daß das Gespräch endlich eine geschäftliche Wendung nahm. „Warum nicht?" sagte Schtschurow mit strenge gefurchten Brauen.„Der Termin ist da— Ihr müßt zahlen." „Sie bekommen morgen die Hälfte." „Warum die Hälfte? Gieb alles her I" „Wir brauchen jetzt das Geld sehr notwendig." „Und Ihr habt keins? Ich brauche es aber auch." „Warten Sie damit!" „Nein, Bruder, ich werde nicht warten! Du bist nicht wie Dein Vater. Grünschnäbel Deinesgleichen sind ein un- zuverlässiges Volk. Du kannst in einem Monat das ganze Geschäft zu Grunde richten, und ich habe dann den Verlust zu tragen. Gieb mir morgen alles zurück, sonst lasse ich die Wechsel protestieren. Bei mir geht das schnell!" Foma blickte Schtschurow an und wunderte sich. Das war nicht mehr jener Greis, der noch vor kurzem mit der Miene eines Hellsehers vom Teufel gesprochen hatte. Das Gesicht sowie die Augen waren damals ganz anders gewesen; jetzt blickte er hart, seine Lippen lächelten unbarmherzig, und die Aederchen auf den Wangen, bei den Nüstern, zitterten gierig. Foma sah, daß, wenn er nicht zum Termin bezahlen würde, der Alte ihn wirklich nicht schonen und die Firma sofort durch den Protest der Wechsel in Verlegenheit bringen würde. „Die Geschäfte scheinen schlecht zu gehen?" lächelte -Schtschurow.„Nun, sage die Wahrheit,— wo hast Du das Geld des Vaters verstreut?" Foma wollte den Alten auf die Probe stellen. Das Geschüft geht nicht glänzend," sagte er düster,„es kommen keine Bestellungen. Wir haben keine Angabe be- kommen, und so geht es etwas schwer." „So— o? Soll ich helfen, ist's so?" „Haben Sie die Güte, verschieben Sie den Zahlungs- termin," bat Foma mit bescheiden gesenkten Augen. „Hm. also soll ich aus Freundschaft für den Vater helfen?— Gut, ich werde helfen." „Und für wie lange wollen Sie's ausschieben?" er- kundigte sich Foma, „Für ein halbes Jahr." „Ich danke vielmals." „Wofür denn? Du bist mir elftauscndsechshundert Rubel schuldig. Also höre: schreibe mir die Wechsel auf fünf- zehntausend um, zahle die Prozente für diese Summe im vorhinein, und zur Sicherheit mußt Du mir einen Pfandbrief auf Deine zwei Barken geben." Foma erchob sich vom Sessel nnd sagte lächelnd: „Schicken Sie morgen die Wechsel, ich werde Ihnen alles bezahlen." Auch Schtschurow erhob sich behäbig von seinem Platz und sagte ruhig, ohne bei Fomas spättischem Blick die Augen zu senken, indem er sich die Brust befühlte: „Es ist mir auch so recht." „Haben Sie Dank für die Gefälligkeit." „Was ist da zu machen! Du wehrst Dich, sonst hätte ich Dir die Gefälligkeit erwiesen!" sagte der Alte träge und zeigte seine Zähne. „Ja! Wenn man in Ihre Hände kommt..." „Dann wird einem warm." „Das glaube ich wohl." „Nun, jetzt ist's aber genug, Bürschchen l" sagte Schtschurow streng.„Wenn Du auch von Dir glaubst, daß Du nicht dumm bist, so ist es doch zu früh. Du hast bei mir nicht verloren und fängst schon an zu prahlen! Gewinne einmal bei mir, dann kannst Du vor Freude tanzen. Leb' wohl, und halte morgen das Geld bereit." „Seien Sie unbesorgt. Leben Sie wohl!" „Mit Gott!" Als Foma aus dem Zimmer trat, hörte er, wie der Alte lange und laut gähnte und dann mit heiserem Baß zu singen begann: „Eröffne uns die Thü— üren der Barmherzigkeit... gebene— edeite Muttergottes..." Foma nahm ein zwiespältiges Gefühl dem Alten gegen- über mit: Schtschurow gefiel ihm und war ihm zugleich widerwärtig. Er dachte an die Worte des Alten von der Sünde, an die Macht seines Glaubens an Gottes Bannherzigkeit und Schtschurow erregte in ihm ein Gefühl, das der Achtung ähnlich sah. „Auch dieser spricht vom Leben... er kennt seine Sünden und weint und klagt nicht... Ich habe gesündigt und werde Rede stehen... ja— a. Und Sie...?" Er dachte an Medinskaja, und sein Herz krampfte sich vor Sehnsucht zusammen. „Sie thut Buße... und man kann nicht ins Reine kommen, ob sie das mit Absicht thut. um nicht gerichtet zu werden, oder ob ihr wirklich das Herz schmerzt... Und er sagt: wer außer Gott ist mein Richter? So ist's.. sFortseyung folgt.) NakttvwilpMtfikzAftliifzv Lteborflchk. Bon Cnrt Grottewitz. Es ist nur erst wenige Jafjre her, datz man eine der eigen- artigste» Erscheinungen des tierische» Ledens, die Sinuesivahrnehninng, auch als Eigenschaft der Pflanzen erkannte. Man wiitzte zwar schon lange, daß die Mimosen bei Berührung mit dem Finger ihre Blatter zusammenfalten, daß Schlingpflanzen beim Antreffen an einen Stütz- Punkt sich um diesen winde», daß insektenfressende Pflanzen ihre Fallen schließen, wenn diese von einem Kcrbliec betrete» iverden. Aber man war doch von vornherein geneigt. die Reaktion der Pflanzen auf äußere Reize als einfachen Mechanismus hinzustellen. Bei den Tieren sind Sinnesorgane und Nerven so deutlich erkennbare Merkmale, und sie scheine» so im Dienste der Seele zu stehen, daß es im Gegenteil sehr Innger Zeit bedurft hat. um zn der Annahme zu gelangen, daß zwischen äußerem Reiz und der sinnlichen Wahrnebmung, zwischen Außen- weit und Geist ein mechanischer Parallelismns besteht. Bei der Pflanze hatte man nie etwas wie Sinnesorgane oder Nerve» be- merkt; es lag daher die Annahme viel näher, tdatz die Reize„rein mechanisch" ans den Pflanzcnkörper wirkte». Nun ließen sich aber bald sehr frappante Aehnlichkeiten in der Reizwirlnug bei Pflanzen und Tieren erkennen. Der Reiz brauchte bei beiden eine gewisse Zeit, um wahrgenommen zn iverden, die Wahrnehmung konnte nach gleichen Gesetzen verstärkt, verniindert oder aufgehoben werden. Der Sitz der Wahrnehmung war an ganz bestimmte Teile des Körpers gebunden, und es gab verschiedene Arten der Wahrnehmung sür verschiedene Rcizgruppen. Das alles hatte vor einiger Zeit' bereits Noll zu der Anschauung geführt, daß die Reaktion der Pflanzen auf einen Reiz sich nicht unmittelbar mechanisch vollziehe, sondern daß diese gleich den Tieren besondere Organe besitzen, durch welche die Aufnahme und Leitung des Reizes vermittelt würde. So schrieb er denn den Pflanzen eine sinnliche Wahrnehmnng, ein SinncSleben gleich dem der Tiere zn. Noll konnte freilich damals nur sehr unbestimmte Vcnnntnngen über die Sinnesorgane der Pflanzen äußern. Unterdessen ist die Forschung eifrig bestrebt gewesen, den Pflanzenkörper nach den vcr- muteten Organen zn durchsuchen. Zunächst ist es Nemec gelungen. eigentümliche Sinnesorgane für die Wahruebmnug des Schivcrkraft- reizcs(Jahrb. f. wiss. Botanik 36, Heft I) aufzufinden. Die Pflanze» reagieren bekanntlich sehr stark auf die Einwirkung der Anziehnngs« kraft der Erde. Im allgemeinen streben die Hauptwurzeln dem Mittelpunkt der Erde zu, während der Stamm nach einer Richtung strebt, die derjenigen der Schwerkraft entgegengesetzt ist. Man nennt bekanntlich deshalb die Wurzel positiv, den Stamm negativ geotropisch. An Stelle des Schwerkraft- rcizeS kann auch die Centrifugalkraft treten. Denn legt man keimende Pflanzen auf eine Scheibe, die sich um eine Achse drebt, so wachsen die Wurzeln abwärts von der Achse nach außen hin, also in der Richtung der Centrifugalkraft. Wenn überhaupt, so mußte die Pflanze also für die Wahrnehmnng dieser Kraft Sinnesorgane besitzen, in denen Körperchen immer ihre Lage in demselben Sinne veränderten, wie sich ihr Schwerpunkt veränderte. Neniec fand nun in der That derartige Organe in der Pflanze. In den geotropisch reizbaren Teile» kommen Zellen vor. in deren Plasma Stärkekörner aufgespeichert sind. Da diese Körner schiverer sind als der Stoff, der sonst die Zelle erfüllt, so befinden sie sick a» der Basis der Zellhant, gewissermaßen auf den, Boden des ZellgefäßeS. Wird nun der betreffende Pflanzeuteil umgebogen, so daß etwa die Zellen nun zur Seite oder auf den Kopf zu stehen kommen, so rollen die Stärkekörner infolge ihrer Schwere ebenso zur Seite oder an die Kopfstelle, die jetzt physikalisch eben die nnterste, dem Erd- Mittelpunkt am nächsten liegende Stelle geworden ist. In einem Gummiball, in dem sich' eine Erbse befindet, wird diese immer nach der Basis des Balles rollen, wie man diesen auch immer drehen und weiidcn mag. Nun geht allerdings die Bewegung der Stärkekörner nicht so schnell vor sich wie die der Erbse im Gummiball. Denn der Zellball ist ja mit der zähflüssigen Maffe des Protoplasma erfüllt, in der die Bewegung der Stärke- körner nach unten nicht so schnell von statten gehen kann. Das Orgair ist geiviß sehr einfach und ziveckniäßig. Nun wissen wir freilich noch nicht, wie diese Bewegung der Stärkekörner sich weiterhin als Reiz im Körper der Pflanzen fort« pflanzt. Aber die Bedcutung!cS Simiescrj?aiiS ist trotzdem völlig elnleuchtcnd. Durch die Bewegung der Stärlekörucr wird ohne Zweifel der Schwerpunkt der Zelle verändert. Die Reaktion der Pflanze auf die Schwerkraft besteht in der Einhaltung einer be- stiminten Richtung im Wachstum. Aendert sich also infolge einer Biegung der Pflanze die Richtung der Schwerkraft, so ändert sich auch der Schwerpunkt der Zellen. Man kann es aber sehr begreiflich finden, dast. wenn sich der Schwerpunkt der Zellen ändert, auch die Wachstnmsrichtung des betr. Pflanzenteils eine andre und zwar eine der neue» Gleichgewichtslage, der»eiien Richmng der Schwerkraft ent- sprechende sein wird. Daß diese Stärkekönicr, an deren Stelle auch die Zellkerne treten könne», der wesentlichste Bestandteil des Sinnes- organes sind, und dah die Pflanze wirklich wiche Sinnesorgane besitzt, das geht daraus hervor, dast Wurzeln, die anf den Schwer- kraflreiz nicht reagieren, keine schweren jlörperchen in ihren Zellen besitzen. Die Pflanze reagiert auch auf den Reiz des Lichtes. Man weih, dah die Sonnenblume ihren Kopf nach den Strahlen der Sonne kcbrt, dah einseitig beleuchtete Pflanzen ihren Trieb der Lichtquelle zuwachsen lassen, dah die Wurzeln dagegen das Licht fliehen. Für die Wahr- nehmnng des Lichtreizes, der sich also in positiven oder negativen Heliotropismus äuhcrt, sind bis jetzt noch keine Sinnes- orgnne entdeckt worden. Dagegen hat G. Haberlmidt in seinem Buche.Sinnesorgane im Pflanzenreich' sLeipzig 1901) eine Menge von Organen beschrieben, welche die Wahrnehmmig chemischer Reize vermitteln. Letztere bestehe» in einer Berührung, in Stoh. Schlag. Druck usw. In Betracht kommen hier die Pflanzen, welche ans äutzere Berührung hin Bewegungserscheiniingen erkennen lasten. Das sind dann die Rankenpflanzen, dann die insektenfrestenden Pflanzen, dann die wenigen Pflanze». die, ivie die Mirnosa pudica, bei mechanischen Reizen ihre Blätter zusammen- klappen. Hierher gehören ferner die Pflanzen, bei denen die Staubfäden bei Berühnmg eine Bewegung ausführen. Eine bekannte derartige Pflanze ist der Sauerdorn(Berberis vulgaris). Andere Pflanzen führen ähnliche durch Reize ausgelöste Bewegungen mit ihren Fruchtblättern aus. Die Orgnne, welche die mechanischen Reize aufnehmen, sind nach vier verschiedenen Plänen gebaut. Danach kann man Fühltüpfel, Fühlpapillcn, Fühlhaare und Fühl- borsten unterscheiden. Als Fühltüpfel kennzeichnen sich kleine Höhlungen in der Membran der Zelle. Die Zcllhaut ist an diesen Stellen sehr dünn, offenbar soll der von anhen kommende und an die Zellmembran antreffende Stoh(der Berührnngsreiz) die Haut erschüttern und diese Wirkung tritt um so vollkonimeuer ein. je dünner die Wandung ist. Möglich, dah sich diese Erschütlernng von der Zellbaut anf das Plasma überträgt und von Zelle zn Zelle fortpflanzt; doch darüber läht sich noch nichts sagen und die Erörternug dieser Frage ist auch kür die Beschreibung des Sinnesorgans von keinem Belaug. Wir wissen den Mechanismus der Lichlwirknng im Auge sehr genau, trotzdem ist es nns noch ganz unbegreiflich, wie das entstandene Bild durch den Nerven zum Gehirn geleitet werden kann. So sollen auch hier nur die Sinnesorgane für Wahnichmnng mechanischer Reize an sich beschrieben werden. Die Fühlpapillen bestehen i» Borivölbungeu der Anhenwände von Zellen. In der Regel stülpt sich ein Stück der Auhcnwand solcher Zellen fühlcrartig hervor. Die Wand der Papillen ist meist sehr zart. Jedenfalls hat der von außen komniende Stoß an den Fühlpapillcn eine gute Handhabe, durch welche er die ganze Zelle in Erschütterung bringen kann. Acbnlich ist auch die Wirkung bei den Fühlhaarcn und Fühlborsten, die, wenn ein Reiz sie trifft, verbogen werden und dadurch hebclartig auf die Zelle drücke», so dah in ihr Zug- und Druckspannungen austreten. Ueberraschend ist die große Acbnlichkeit zwischen den pflanzliche» Sinnesorganen für nlechanische Reize und den Tastorganen der Tiere. Hadcrlandt zeigt, dah die Sinneszellen in den Fühlern, ja in der Haut der Tiere ganz merkwürdige Uebereinstinnnnng in ihren Bauprinripien aufweisen mit den Wahrnehmungszellen der Pflanzen. Der Forscher konunt sogar zn den, Schluß, dah die voll- tommcner gebauten Sinnesorgane der Gewächse denjenigen der Tiere kaum nachstehen, so dah eö fraglich ist, ob es im Tierreich ein so vollkommen gebautes Tastorgan gicbt wie es die Fühlborste der Fliegenfallc(Dionaea rnuscipula) ist. Diese Zug- und Druckspannungen müsten doch wohl min in ihrem weiteren Berlaufe die Beivegnng des gereizten Pflanzenteils zur Folge haben. Wie aber der Prozeh der Reizleitung zu denken ist, dafür fehlt nns bis jetzt nocb jeder Anhalt. Trotzdem braucht man»och nicht den pessimistischen Standpunkt Haberlandts zu teilen: «Was für Veränderungen durch Zug und Druck in der jenseits der mikroskopischen Wahrnehmbarkeit liegenden feinsten Struktur der sensiblen Plasniahäute bewirkt werde», entzieht sich wohl für immer unsrer Erkenntnis.' Wir haben um so weniger Ursache, über die Zukunft, welche der Erforschung des Sinneslebens der Pflanze bevorsteht, skeptisch zu denken, als gerade jetzt auch Nemec wieder mit seiner sehr bedeutsamen Entdeckung von einer Art Nerven bei den Pflanzen einen glücklichen Griff gethan hat. Wird eine Wurzel durch Verwundung gereizt, so treten an den getroffenen Zellen beftimnite Veränderungen ein, die sich sehr schnell von Zelle zn Zelle weiter fortpflanze». In solchen Zellen entdeckte nun Nemec Plasinastränge, welche aus ein- zelnen länglich verlaufenden Fasern. Fibrillen bestehen. Eine gewisse äußerliche Aehnlichkeit mit den Nerven bestände also von vornherein. Die Plasinastränge reichen»un von Zellwand zu Zellwand, ja sie sowohl lvie die einzelnen Fibrillen finden in den Nachbarzellen in korrespondierenden Fasern eine Fortsetzung. Allerdings beruht die Verbindung der benachbarten Stränge nicht auf einem totalen Ver- schmelzen, aber immerhin Ivürden die Plasmastränge mit ihren Fibrillen durch weites Pflanzengewebe hin Leitungsdrähte bilden, welche einen von außen kommenden Reiz weiterführe» könnten. In der That stimmten bei den Versuchen die Richtung der Fibrillenstränge mit der Richtung überrin, in welcher sich ein von außen zugeführter Reiz fortpflanzte. Die Leitung des Wund- rcizes war von der Existenz, von dem Ausbildungsgrad und der Richtung der Fibrillenbündcl abhängig. Es ist daher sehr wahr- scheiulich geworden, dah die entdeckte» Fibrillenstränge wirklich Leitungsdrähte sind, welche Reize von einer Stelle zur andren trans« Portieren. Dadurch würde die Aehnlichkeit zwischen vegetabilischein und animalischem Organismus um ein Bedeutendes vermehrt. Sicherlich ist die Entstehung und die innere Struktur der Nerven bei Pflanzen und Tiere» ganz verschieden, und man darf des» halb auch in dieser Aehnlichkeit der beiden Reiche von Lebewesen nicht anf gemeinsame Abstanunung der beiden schließen. Aber es würde sich auch hier wieder zeigen, dah unabhängig von einander verschiedene Lebewesen zur Ausbildung gleicher Organe gelangen können. Die Erde stellt an alle Wesen geiviste große All- gemeinbedingungen, denen jedes nubedingt gerecht werden muh. DaS eine anf diese, das andre auf jene Weise. So ergeben sich viele Aehnlichkciten in dem Gebrauch von Organen, niag auch das Material, aus dem sie bestehen, und die ursprüngliche Form, die sie besitzen, noch so verschieden sein.— Kleines Feuilleton. ss. Die Zwerge der Kongowälder. Schon Stanley hatst Mitteilungen über Zwergvölker gemacht, die in den großen Wald- gebieten Jnner-Afrikas Hansen sollten. Diese Nachricht hat ihre Be- stätignng gefunden, und jetzt hat der englische Afrikaforscher Harry Johnstone, dessen Name weiteren Kreisen unlängst infolge der Ent- deckung einer unbekannten Säugcticrgattung in Afrika bekannt ge- worden ist,«ine genauere Beschreibung von affenähnlichen Menschen und Pygmäen im Grenzlandc von Uganda veröfseirtlicht. Die mittler» Körpergröße beträgt bei diesem Volksstamm für die Männer mn � Fuß 7 Zoll, für die Weiber 4 Fuß 2 Zoll. Es sind 2 Typen zu unterscheiden, ein roter und ein schwarzer. Bei vielen bleibt die Be- haarnng des Körpers, wie sie das Kind im jüngsten Lebensalter auf« iveist, dauernd erhalten, und außerdem zeigt sich ein dicker WrichS von grobem schwarzem, wollige» Haar an den geivöhnlichcn Stellen unter de» Achseln, aus der Brust usw. Die Menschen haben etivaS entschieden Affenähnliches, ivas sich hauptsächlich in der Form der Nase ausdrückt. Diese ist ungewöhnlich abgeplattet, die Nasenflügel sind weit aufgebläht und stehen ebenso weit vor wie die Nasen- spitze. Auffallend ist bei vielen Vertretern des Ztvergvolkes daS hervorstehende Gesäß, das an die sonderbare Entwicklnng dieses Körperteils bei den Buschmännern und Hottentotten erinnert, sie aber nicht ganz erreicht. Diese Eigenschaft, sagt Johnstone, ist beim Menschen kein besonderes Abzeichen vom Affengeschlccht her, da die großen Affenarten im Gegenteil eine nierkwürdig geringe Ent» Wicklung dieser Muskelpartie aufweisen. Johnstone ist bei diesem Vergleich aber in eiucn Irrtum verfallen, denn die eigen- tiinüiche Gestalt der Rückseite bei den Hottentotten und einigen andern Rassen ist nicht durch eine übermäßige Entwicklung der Muskel», sondern durch abnorme Fettablagerungen unter der Haut an jenem Körperteil bedingt. Johnstone geht dann weiter auf die Frage ein. ob dieses afrikanische Zwergvolk und ähn« liche Nassen, die einstmals in Europa gewohnt haben dürsten, die Quelle aller Sagen und Bkärchen von Gnomen, Elfen, Feen und dergleichen gewesen sind. Nach seinen Erfahrungen über die afrikanische' Sagenbilduiig ist er diesem Glauben geneigt. Die Ziverge der Kongo- Wälder halten mit den umwohnenden Negervölkern gute oder schlechte Nachbarschaft, je nach- dein sie selbst behandelt werden. Wenn ihnen kleine Diebstähle»ach» gesehen werden, und wenn sie außerdem noch Geschenke an Nahrungs« mittel» erhalten, so bleiben sie gut Freund und erweisen sich dank- bar, indem sie an Stelle der Geschenke wertvolle Felle oder Elfen- bei» niederlegen. Zinveilen stehlen sie Kinder andrer Stämme und lassen ihre eigne Siachkommcnschaft an deren Stelle zurück. ES kommt vor, daß Zivcrgweiber Männer aus den großen Negervölkern heiraten, aber Johnstone weiß keinen günstigen Erfolg solcher un- gleichen Eheschließungen zn berichten, obgleich die Volkssagen voll von Erzählungen sind, nach denen viele von den Zwergen der Unter- Welt gestohlene Weiber der oberen Welt unter dieser Bevölkerung zu finden sein müßten.— Musik. Der Tod von Solomon JadaSsohn am 3. Febniar d. I. hat uns zwar keines Großen beraubt(dazu findet sich heute Über- Haupt wenig Gelegenheit), wohl aber eines Musikers von weit- tragendem Einfluß und von einem Specialkönnen, das sich nicht häufig wiederholt. Geboren 1831, in seinen Studien durch weite Gebiete deS Altbewährten und des Fortschrittlichen hindurchgegangen, fand er seine hauptsächlichste Wirksamkeit als Lehrer der Musiktheorie und der Komposition am Leipziger Konservatorium. Seine dazu ge» hörigen Lehrbücher reichten in Bezug auf weite Verbreitung an die Richterschen heran, die chronologisch älter sind, an AlterlümUchkrn jedoch von de» Jadassohnschen wohl»vtli iilicrtrofseii»-erde», doS kiinst- liche Vorschriften- und Verbote-Systeni der letztere» könnte als Beispiel eines kraftverschwendcnden Kunstuntcrrichts gclteir Man hatte es aber nicht leicht, sich in einer musikalischen Gesellschaft so zu nnszern! gleich fand sich ein Jadassohn-Schnler, der von seinem Lehrer als solchem schwärmte. Seine„Methodik des mnsiktheoretischen Unter- richts"(von 1898), eines der ganz lvenigen derartigen Bücher, bc- fiätigt diesen Eindruck eines sorgsamen Lehrertnms, obschon es— wie das schon einmal üblich ist— doch noch etwas niehr von der Sache selber als von deren Uebermiitlung handelt. Der Komponist Jadassohn besaß eine Specialität. die mit seiner lehrhaften Wirksamkeit eng zusammenhing, und in der ihm kaum einer Konkurrenz»lachte: die Wiederverwendung des strenge» alten Stiles in Formen, die dem gegenwärtigen Geschmack angepaßt sind. Der„Canon", d. i. die Nachahmung von Tonfolgen in verschiedenen Stimmen nacheinander, war JadassohnS eigenstes Gebiet. Welche Seichtbeiveglichkeit, welche entzückenden, oft packend fröhlichen Wirkungen' er in dieser Weise der Stinnnfiihrimg abgewinnen konnte, zeigen z. B. seine beiden Klaviersercnaden op. 35 und 125, die letztere eine Arbeit von erstannlicher Bereinigung subtilsten Könnens mit frischem Wohlklang. Ihnen schließen sich mehrere ähnliche Orchesterwerke und eine reiche Menge von Kammennnsik- Werken an; unter diesen gilt das Klavierqnintctt C-rnoll als das seit Schumanns Quintett auch geschäftlich erfolgreichste Werk dieser Art. JadaSsohns Beziehungen zu Chorvereinen zeitigten eine Reihe beliebter Chorgesang-Werke; mehrere Kompositionen für Frauen- stimmen sind darunter wohl daß wegen der Seltenheit dieser Litteratnr bemcrkcnSivertcste.- Jm letzten Augenblick trifft uns die Nachricht von dein Hin- scheiden eines ganz anders gearteten Mannes, eines auf seinem uiilüiisticrifchcii Gebiet wirklich Großen, des KonzerldirektorS Her- mann Wolff(geb. 1845). War vor einem und mehreren Jahrhunderten die Musikpflege ahhängig von dem Belieben und Ber- ständuis des Adels, so ist sie es jetzt von der bürgerlichen Industrie; und H. Wolff Ivar Ivohl der gewaltigste Vertreter dieser Abhängigkeit. Deutschlands größter Konzertagent! Seine Macht förderte, was ihm paßte, und vernichtete, was ihm nicht paßte; seine Feindschaft konnte durch bewährte Mittel wie Saalabtreiberci und dergleichen überall niederhalten, was er niederhatten wollte, und was nicht schon in be- sonderer Weise eigeukräftig war. Im Besitz einer, wie es heißt, tiefgehenden Mnsikbildung und einer raschen Intuition für künstle- rischen Erfolg, durch mancherlei Praxis wie z. B. durch ein Sekretariat bei Rnbinstein reich an Routine in allein Anffeitwefen der Musik, be- herrschte er die Technik dieses Außenwesens imd des groß- industrielle» Egoismus in einer Weise, daß er sich's vermutlich leisten konnte, ohne Verstöße gegen Gesetz und Moral zu arbeiten. Das trug wohl auch dazu bei, daß ihn manche großen Künstler als Freund behandelten: und jenes Aiißenweseu auf sichere Schultern abladen zu können, ist ja wohl ein Fraternisieren mit der Künstlerindnstric »vert. In der einen Hand die Tausender, die ihm die kleine» Konzertgeber zu zahlen hatten, in der andern die Tausender, mit denen er die großen philhnrnionischcn Konzerte ans ihrem der- einstige» künstlerischen Erdeiiweh zu einer Stätte gesellschaftlichen Glanzes machte, rücksichtslos wegstoßend, was dawider war— so wird sei» Bild wohl nicht weniger dauernd bleiben als das andrer Helden des Erfolges. Die kleine»,„populären" philharmonischen Konzerte andren Händen zu überlassen war vielleicht einer von den kluge» Griffen, nnt denen er eS zuwege brachte, mi seinen Namen nur das Großbürgerliche, nicht das Kleinbürgerliche zu knüpfen, daS Führende, nicht das Geführte, die Regel, nicht die Anwendung. Ans dem derzeit Gelteuden eine Kost für die Masse z» machen, da« ist ja die Funktion dieser Konzert?. Ist schon an führender Stelle die Vortragskuust heute nicht viel mehr als ein piaao-Spielcn, Ivo „piano" steht, und korte-Spielen, wo„tbrtv" steht, usw.. so läßt sich von den sogenannten„Populären" bestenfalls eben das erwarten. Wo wäre denn auch Zeit zu mchrl Der Dirigent, Herr Nebicek, findet anscheiuend nicht einmal die Zeit, den Haupttcil deS ersten Satzes von HaydnS Sinfonie D-dur Nr. 6 z» wiederholen— eine Formvorschrift, ohne die derartiges schlechtweg unvollständig ist. Im zweiten Teil des Menuetts derselben Sinfonie sowie in Schumanns Sinfonie B-dur— an Stellen, die ein Abgehen davon noch eher er- laubc» möchten— hat er sich nun wieder an die Borschrift des Repetierens gehalten. Mehr wüßten wir nach unsrem vorgestrigen Besuch eines solchen KonzeRes schwerlich zu rühmen.— sr,' Ans dem Tierleben. — D i c Flngfähigkeit des Goldhähnchens(lle- gulus cristatus) ist im Volksmund seit alter Zeit anerkannt, denn dieses und nicht der damit verwechselte Zaunkönig des deutschen Märchens ist der Vogel, der es im Wcttfliegen am höchsten brachte und dafür zum König der Vögel ausgerufen' wurde, worauf sich die lateinischen, französischen und englischen Namen i-cgulas, roitelet und kinglet beziehen. ES geht dies auch deutlich ans dem Parallel- Märchen hervor, i» welchem der bis zur Sonne fliegende Vogel, der de» Menschen das Feuer brachte, davon die fenerfarbeue Haube bekam, welche die Goldhähncheu-Arte» auszeichnet.' I» allen diesen Volkserzählungen wird also der kleine„König der Vögel" als der bette Flieger bezeichnet, der den Adler besiegt hatte. In dieser Be- Ziehung ist Iiiiii folgende Mitteilung besonders iutcreffant. Ein Mit- arbeiter de?„Zoologist". F. Trumbull, sah im letzten Oktober ein Goldhähnchen bei starkem Südsüdost zu dem Schiffe, auf welchem er fuhr, geflogen kommen und sich für ein Viertelstündchen Rast auf einer Ecke der Kapitänsbrücke niederlassen, während das Schiff 729 Seemeilen von der nächsten Küste sFrlaud) entfernt war. Der kleine Vogel war keineswegs erschöpft, den» er erhob sich nach kurzer Rast zum weiteren Flug.— („Prometheus.") Astronomisches. ie. H e l I i g k e i t S s ch w a n k u n g e n der S a t u r n m o n d e. Auf eine merkwürdige Erscheinung macht Nudaux in dem letzten Bulletin der„Französischen Astronomischen Gesellschaft" aufmerksam. Aus de» seit 1892 ansgeführten Beobachtungen sollen sich eigciitüm- liche HelligkcitSschivaiikungen für die beiden Saturnmonde Titan und Japctns ergeben haben.' Bei dem ersten soll sich die Helligkeit um eine halbe Größenklasse(Vou8zu8'/ch verändern, überdies scheint die Veränderung regelmäßig an derselben Stelle der Bahn des Mondes um den Hauptplaneten einzutreten. Die Helligkeit wechselt rasch von ihrem größten zu ihrem geringsten Betrage. Die Erklärung wurde in der Aiinahme gefunden, daß dieser Trabant sich gerade wie der Erd- moud in gleicher Zeit um seine Achse und um den Hanptplaneten bewegt und daß seine Oberfläche bestimmte Gebiete von verschiedener Helligkeit aufweist. Weit bedeutender ist die HelligkeitSschivankung bei dem Japetus, sie reicht nämlich von der 9. bis zur 12. Größen- klaffe. Schon der alte Astronom Cassini wies darauf hin, daß dieser Himmelskörper in dem östlichen Teile seines Umlaufs fast unsichtbar wäre. Der amerikanische Astronom See, der sehr genaue Messungen für die Monde des Jupiter und Saturn ausgeführt hat, schreibt über sie:„Die Scheibe des Titan ist ziemlich dunkel, die des Japetus aber noch mehr; in der That giebt nur eine Seite dieses Körpers genügendes Licht, um den Beobachter zur scharfen Erkennung einer Scheibe zu befähigen. Die Scheibe ist sichtbar. wenn der Moud dem Planeten vorausgeht."— Humoristisches. — Schwere Passage. Herr Tnpferl zum Herrn Wa m perl(die vom Schützenfest mit einem g'waltigcn Brand heimkehren, nachdem sie schon die siebeute Telegraphenstange an- gerannt haben):„Woaßt, Sauer, wenn mir erscht a u S' n Wald heraus saun', nachha wird'S besser!"— — Bissig. Berüchtigter Plagiator: Sagen Sie. verehrter Kollege, könnru Sie mir nicht eine» Titel für mein neue» Drama vorschlagen? Schriftsteller: Herr, neiinen Sie'ö doch: Also sprach Ben Akiba.— — Ans Dresden. Schutzmann(zu einem l» ber Elbe Schwimmenden):„Da hcerd awer doch schon alles auf I Wollen Se gefälligst machen, daß Se ra»S kommen l Wiste» Se»ich, daß hier's Baden vcrboden is?!" „Awer ich thn' doch gariuch baden!" „So? Was dhun Se denn?" „Ich dhu' mir bloß m e i L ä b e n u ä h m!" („Lustige Blältcr".) Notizen. —„Frau Königs»'", das neue BerSlustspiel von Schön- t h a n imd Koppel-Ellfeld, geht Ende Februar erstmalig im S ch a n s p i e l h a n s e in Scene.— — Schall und Ranch bringt demnächst folgende Novitäten: „Die Grenze" von Axel Steen buch,„Die Bauern- k um e d i" von Kro«egg, Arthur S ch ni tz l e r S„lAbschiedS- s o u p e r" und Co n r telines„Das ruhige Heim".— — Das Charivari-Brettl wollte seinem zweite» Kapellmeister und Jnspicienteu eine tägliche Gage von 2 Mark bezahle». Für diese 2 M. pro Tag wurden folgende Leistungen verlangt: Mitwirkung bei der Probe von 9—4 Uhr täglich, bei der Vorstellung 7—11 Uhr abends. In der übrigen Zeit sollte sich der Unglückliche mit Orche st ratio« für da» Theater beschäftigen; er hat eS vorgezogen, die Stellung gar nicht anzutreten.— — Wein gart n er?„Zweite Sinfonie" hatte bei der Erstaufführung im 3. G ü r z e n i ch- K o n z c r t in Köln großen Erfolg.— — Strndellöcher aus der Eiszeit, die bisher nur in den RüdcrSdorfcr Kalkbrüchen bekannt waren, sind von Dr. M. Fiebelkorn auch in den G i p S b r ü ib e n bei S p r e m- b e r g nachgewiesen worden. Sie befinden sich an der Overfläche des Gipslagers, eins dicht neben dem andern, und haben eine sisch- reuscuähnlich« Gestalt. Die Scheidewände zwischen ihnen sind meistenteils glatt abgefchliffcu. Das Innere ist mit Mergel an- gefüllt, der das Gipslager unmittelbar überlagert.— — Der S i in p l o n t n n n e l« D ii r ch st i ch wird auf der Süd- feite durch große W a s s e r e r g ü s s e bedeutend gehemmt. Mau ist auf einen mächtigen Wasicrsack gestoßen, der sich im Lauf der Jahrhunderte durch Ei'iisickeruugeu gebildet hat. Der Wasierlauf befindet silb in durchlässigen Marmor- und Gipsschichten. und die geologische Lage dieser Schichten ist derart, daß der Wasserzufluß auch aus weit entlegenen Gebieten stattfinde» kann.— Verantwortlicher Redactem: Cart Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing i» Berlin.