Nnterhaltungsblatt des Jorwärls 28. Sonntag, den 9. Februar. 1902 «Nachdruck verbolen.! 28� Fom« Golvdjejvtv. Roman von Mnxim G orki. Deutsch von Klara Branner „Wie er ist!" sagte Foma. indem er mit dem Kopf auf den hinaustretenden Paten wies. „Wie denn?" „Er hat für alles einen Wiederhall, er will alles mit seinem Wort bedecken." „Ja— a... er ist klug. Er versteht aber nicht, wie schwer es nnr ist zzu leben," sagte Ljuba traurig. „Auch ich verstehe es nicht... Du denkst Dir viel aus." „Was denke ich mir aus?" schrie das Ljuba ge- reizt auf. „Ja, das alles sind ja nicht Deine eignen Gedanken, sondern fremde." „Fremde... fremde..." Sie wollte etwas Scharfes sagen, brach aber ab und schwieg. Foma blickte sie an, und nachdem er Medinskaja mit ihr verglichen hatte, dachte er traurig: „Wie verschieden alles ist... die Menschen, die Frauen... und man empfindet immer verschieden." Sie saßen sich beide gegenüber, waren beide nachdenklich und blickten sich nicht an. Es dämmerte auf der Straße, im Zinimer war es schon ganz dunkel. Der Wind schaukelte die Linden und ihre Aeste kratzten an der Mauer des Hauses, als sei ihnen kalt und als bäten sie um Einlaß. „Ljuba!" sagte Foma leise. Sie hob den Kopf und blickte ihn an. „Weißt Du, ich habe mit der Medinskaja einen Streit gehabt." „Weswegen?" fragte Ljuba lebhaft. „Es ist so gekommen, daß sie mich gekränkt hat." „Nun. es ist gut, daß Du einen Streit mit ihr gehabt hast," sagte das Mädchen beifällig,„sonst hätte sie Dir den Kopf verdreht... sie ist schlecht, sie ist eine Kokette, sie ist etwas noch Schlimnieres... ach, was für Sachen ich über sie weiß!" „Sie ist gar nicht schlecht," sagte Foma düster.„Und Du weißt auch nichts... Ihr lügt alle!" „Da muß ich aber bitten!" „Nein, weißt Du, Ljuba," sagte Foma leise,„sprich mir nicht schlecht von ihr, es ist nicht nötig. Ich weiß alles... bei Gott! Sie hat mir's selbst gesagt." „Sie selbst?!" rief Ljuba erstaunt auS.„Sie ist aber selt- sam! Was hat sie denn gesagt?" „Daß sie schuldig ist..." sprach Foma mit Anstrengung und lächelte schief. „Nur das?" und in der Frage des Mädchens klang Ent- täuschung; Foma hörte das heraus und fragte mit einer Hoffnung: „Ist denn das wenig?" „Nun, und was wird jetzt?" „Auch ich denke darüber nach." „Liebst Du sie... sehr?" Foma schwieg eine Weile, blickte durch's Fenster und antwortete verwirrt: „Ich weiß nicht. Es scheint mir aber... jetzt mehr als früher." „Bis zu dem Streit?" „Ja..." „Ich wundere mich, wie man so cine lieben kann," sagte das Mädchen achselzuckend. «So eine? Und ob man es kann 1" rief Foma aus. „Ich versteh' das nicht. Nein, Du liebst sie nur darum, weil Du keine besseren gesehen hast." „Ja, ich habe keine besseren gesehen!" gab Foma zu und sagte nach einer Weile unschlüssig: „Es giebt vielleicht auch keine besseren." „Bei uns..." benierkte Ljuba. „Ich habe sie sehr nötig I Denn stehst Du. ich schäme mich vor ihr." „Warum denn?" „So im allgemeinen... Ich fürchte sie... das heißt, ich will nicht, daß sie von mir schlecht denkt, wie von den andern. Manchmal ist mir so elend I Es fällt mir ein— soll ich nicht lustig leben, daß mir alle Adern klingen? Und dann denke ich an sie und kann mich nicht entschließen. Und so ist es mit allem, ich denke an sie: wie, wenn sie's erfährt? Und ich wage es nicht zu thun." „Ja— a," sagte das Mädchen sinnend,„Du liebst sie also... Wenn ich lieben würde, würde ich auch daran denken, was er sagen würde." „Und alles an ihr ist so besonders," erzählte Foma leise. „Sie spricht auf ihre Art, und wie schön sie ist, o Gott! Und so klein ist sie, wie ein Kind." „Was ist denn zwischen Euch vorgefallen?" fragte Ljuba. Foma rückte mit dem Sessel an sie heran, neigte sich vor und begann mit gesenkter Stimme zu erzählen. Er sprach, und in dem Maße, als die Worte, die er der Medinskaja gesagt hatte, in seinem Gedächtnisse auftauchten, erstanden in ihm auch die Gefühle, durch welche diese Worte hervorgerufen worden waren. „Und ich sagte zu ihr— ach Du? Du hast mit mir ge- spielt, und warum?" begann er zornig und vorwurfsvoll. Und Ljuba, die vor Neugier ganz rot war, nickte beifällig mit dem Kopf und spornte ihn an: „So! Das war gut! Nun, und sie?" „Sie schwieg!" sagte Foma gequält und zuckte die Achseln. „Das heißt, sie hat viel gesprochen... verschiedenes... aber was war darin?" Er ließ die Hand sinken und schwieg. Ljuba spielte mit ihrem Zopf und schwieg auch. Der Samowar war schon er- loschen. Und die Dunkelheit im Zimmer verdichtete sich immer mehr, etwas Trübes sah durch die Fenster herein, und die Aeste der Linden wiegten sich nachdenklich. „Du solltest Licht machen..." schlug Foma vor. „Wie unglücklidh wir sind. Du und ich," sagte Ljuba seufzend. Das mißfiel Foma. „Ich bin nicht unglücklich ," entgegnete er mit fester Stimme.„Ich habe mich einfach noch nicht daran gewöhnt, zu leben." „Ein Mensch, der nicht weiß, was er morgen thun wird, ist' unglücklich I" sagte Ljuba traurig.„Ich weiß es nicht, auch Du... Und wohin sollen wir gehen? Und man muß doch irgendlvohin gehen. Warum ist mein Herz nie ruhig... immer zittert darin irgend ein Wunsch." «Das ist auch bei mir so", sagte Foma.„Ich habe an- gefangen zu denken... woran aber? Das kann ich mir nicht erklären, und auch mir ist es bange ums Herz. Ach I... Ich muß jetzt aber in den Klub." „Geh nicht!" bat Ljuba. „Ich muß, mich erwartet dort jemand. Ich gehe. Leb wohl!" „Auf Wiedersehen!" Sie streckte ihm die Hand hin und blickte ihm traurig in die Augen. „Gehst Du schlafen?" fragte Foma und drückte ihr kräftig die Hand. „Ich werde ein wenig lesen." „Es drängt Dich dazu, wie den Trinker zum Schnaps," sagte Foma bedauernd. „Was giebt es denn Besseres?" Als er über die Straße ging, blickte er auf die Fenster des Hauses und sah in einem davon Ljubas Gesicht. Es war ebenso undeutlich wie alles, was das Mädchen ihm sagte, wie ihre Wünsche. Foma nickte ihr zu und dachte mit dem Gefühl der Ueberlegenheit: „Auch sie hat sich verirrt... wie jene." Bei dieser Erinnerung schüttelte er den Kopf, als wollte er den Gedanken an Medinskaja verschenchen, und beschleunigte seine Schritte. Die Nacht sank herab, und es war kühl. Ein kalter, er- frischender Wind stürmte durch die Straßen, jagte den Mist über die Trottoirs und wehte den Vorübergehenden den Staub ins Gesicht. Es war finster, und unbekannte Menschen schritten eilig durch das Dunkel. Foma verzog das Gesicht vor dem Staub, kniff die Augen zu und dachte: „Wenn ich jetzt einer Frau begegne, bedeutet das, daß Sofja Pawlowna mich freundlich, wie früher, empfangen wird.... Ich gehe dann morgen zu ihr. Ist es aber ein Mann, gehe ich morgen nicht hin, ich warte noch." Ein Hund kam ihm entgegen, und das reizte ihn so, daß er Lnst bekam, mit dem Stock nach dem Tier zu schlagen. Im Büffettraum des Klubs begegnete ihm der lustige Uchtischtschew. Er stand an der Thür und unterhielt sich mit einem dicken bärtigen Mann; als er aber Gordjejeiv erblickte, ging er ihm lächelnd entgegen und sagte: »Guten Tag, bescheidener Millionär!" Foma hatte ihn wegen seiner guten Laune gern, und er freute sich stets, wenn er ihn sah. Foma drückte Uchtischtschew gutmütig und fest die Hand und fragte ihn: .-„Woher wissen Sie denn, daß ich bescheiden bin?" „Er fragt noch! Ein Mensch, der wie ein Einsiedler scbt, weder trinkt, noch spielt, noch die Frauen liebt. ach ja I Wissen Sie schon, Foma Jgnatjewitsch? Unsre unver- gleichliche Patronesse verreist morgen für den ganzen Sommer ins Ausland." „Sosja Pawlowna?" fragte Foma leise. „Nun ja! Die Sonne meines Lebens, vielleicht auch des Ihrigen, geht unter..." Uchtischtschew machte eine komische, hinterlistige Grimasse und blickte Foma ins Gesicht. Dieser stand vor ihni und fühlte, wie der Kopf ihm auf die Brust sank, ohne daß er es hindern konnte. „Ja, die strahlende Aurora." „Medinskaja verreist?" ertönte eine fette Baßstimme. „Das ist gut! Das freut mich." „Erlauben Sie— weshalb?" rief Uchtischtschew aus. Foma lächelte etwas dumm und blickte den bärtigen Mann, Uchtischtschews Bekannten, verwirrt an. Dieser glättete sich bedeutsam den Schnurrbart, und auf Foma flössen die schweren, fetten, ekelhaften Worte herab: „Wissen Sie deshalb, weil es dann eine Kokotte lvcnigcr in der Stadt giebt." „Pfui. Martin Nikititsch!" rügte Uchtischtschew mit ge- runzelten Brauen. „Woher wissen Sie, daß sie eine Kokette ist?" fragte Foma düster, indem er dem bärtigen Herrn näher rückte. Dieser warf ihm einen geringschätzigen Blick zu, wandte sich ab und.' sagte gedehnt, indem er ein Bein hin und her bewegte: „Ich habe nicht Kokette gesagt." „Martin Nikititsch, man darf nicht so von einer Frau sprechen, welche..." begann Uchtischtschciv mit überzeugender Stimme, doch Foma unterbrach ihn: „Erlaliben Sie! Ich möchte den Herrn fragen, was... was für ein Wort er gesagt hat?" �. Nachdem Foma das bestimnit und ruhig gesagt hqtte, steckte er die Hände tief in die Hosentaschen und preßte die Brust heraus, was seiner gailzen Gestalt ein unzweifelhaft herausforderndes Aussehen verlieh. Der bärtige Herr musterte ihn wieder und lächelte spöttisch. „Meine Herren!" rief Uchtischtschew leise ans. „Ich habe Ko— kotte gesagt," autivortete der bärtige Herr und bewegte die Lippen so, als genieße er jedes Wort. „Und wenn Sie das nicht verstehen, kann ich es näher er- klären." .lJa," sagte Foma tief aufatmend und wandte kein Auge von ihm,„erklären Sie' das!" Uchtischtschew schlug die Hände zusamlnc» und schlich zur Seite. „Eine Kokotte ist, tvcnil Sie es wissen wollen, eine käufliche Frau," sagte der Bärtige halblaut, indem er sein großes, dickes Gesicht Foma näherte. Foma heulte leise auf, und ehe noch der bärtige Herr zurücktaumeln konnte, fuhr er ihm niit der rechten Hand in das krause, graumelierte Haar. Mit einer krampfhafte» Hand- bewegung begann er seinen Kopf und den großen, fchlveren Körper zu schütteln, während ex die linke Hand erhoben hielt und ini Takte der Züchtigung init dumpfer Stimme sprach: „Schimpfe nicht... hinter dem Rücken... schinipfe ... gerade ins Gesicht... ins Gesicht... gerade ins Gesicht." Er empfand eine brennende Befriedigung, als er sah,>vie komisch die dicken Häilde in der Luft baumelten und wie die Füße des MailiieS, den er schüttelte, unter ihm einknickten und über den Fußboden scharrten. Die goldeile llhr>var ihm aus der Tasche geglitten und rostte an der Kette pendelnd auf deni runden Bauch herum. Durch seine. Kraft und durch die Er- niedrigung dieses angesehenen Mannes berauscht, vom brausenden Gefühl der Schadenfreude erfüllt, vom Glück der Rache erzitternd,. schleppte ihn Foma auf dem Fußboden hernpt und brüstte dumpf und boshaft in wilder Freude. Er durchlebte iu diesen Minute« ein überwältigendes Gefühl— das Gefühl der Befreiung von einer langweiligen Schwere. die seine Brust schon lange durch ihre Bangigkeit und Krankhaftigkeit beengt hatte. Er fühlte, daß man ihn von vorwärts um den Leib und an den Schultern faßte, daß man seineil Arm packte und ihn fast brach, daß ihm jemand die Zeheil zusammenpreßte. doch er sah nichts. und folgte mit blutunterlaufenen Augen der duickeln,. schwere» Masse, die sich stöhnend unter seiner Hand wand.(Fortsetzung folgt.) SonntAgsplattvever. Die Geschichte, die zu erzählen mich mein Gewissen drängt, hat sich, wie ich vermute, in Montenegro begeben; andre de- Haupte», wo anders, indessen es komiNt nicht auf die geographische Lage an. Die Hauptsache ist, daß sie wahr ist, und' währ ist sie, das schlvöre ich bei dem Haupte der Herren v. Tirpitz, Miiller-Fnlda und Barth. Also Wladika Petrowitsch Ljekosch, von dessen Schicksalen ich berichten will, ivar ein ganz ausgezeichneter Vertreter der Menschheil. Er war klug und unterrichtet, weise und gerecht, von seltener Herzeusgüte und strenger Redlichkeit. Rur hatte er eine Eigentümlichkeit, die bei manchen Leute» Anstoß erregte: er war nämlich ein— Hammel- d i e b. In Wirklichkeit verhielt sich die Sache anders. Wladika Petroivitsch Ljekosch besaß neben seinen übrigen Vorzügen auch de» der Sparsamkeit. Er hatte sich ein ganzes»ationalökonomisches System ans Grund dieser Tugend zurechtgezimmert. Man muß sich nach der Decke strecken, pflegte er zusagen: man dürfe nicht große,»»nötige Ausgaben machen. Damm versagte er sich die Ansschweifung, Hämmel zu kaufen. Weil aber nn» einmal Hämmel zum Lebensunterhalt notwendig sind, eignete er sich die Tiere, nach denen er Bedarf hatte, mit List und Entschlossenheit an. Das nannten dann urteilslose und inigebildete Leute, die keine Fachkenntnis von der feinen Mechanik dieses Ressorts menschlicher Belhätigung hatte», in beleidigender Roheit: Hammeldicbstahl. Besonders war diese Roheit in der Auslegung edler Handlungen den Leuten eigen, denen die Hämmel verschwanden und die mit ihrem eigenen Besitz die hervorragenden Tugenden von Wladika Petroivitsch Ljekosch bezahlen mnßten. Und als nun dem nächste» Nachbar» und guten Freund nnsres Helden wieder einmal ein Hammel ab- handcn gekommen ivar, ging er zum Staatsanwalt und erhob bitter- liche Klage. Der Staatsanwalt schlug das Strafgesetzbuch auf und erklärte nach einigem Nachdenken:„Ich finde, daß der Hammel- diebstahl gegen die Gesetze verstößt, er ist außerdem unanständig, schädigt die redlichen Lenle und untergräbt Treu und Glanben. Ich verspreche Euch, daß wir den Dieb hart bestrafen werden." Der Nachbar schied getröstet. Doch der Dieb war zunächst nicht zu ermitteln. Da eines Tages kain ein Unbekannter zmil Staats- anmalt und händigte ihm ein Hnmmelfell ein. in dem mit roler Farbe der Name des Besitzers, eben jenes Nachbarn, aufgemalt ivar. „Und Ivoher nahmst Du das Fell, mein Sohn", fragte der Staats- anwalt.„O Herr", enviderre der Unbekannte,„ich nahm es ans dem' Hanse des Wladika Petrowisch Ljekosch. Es reizte meinen Zorn, daß dieser Petroivitsch so biedermännisch sich spreizt und bestichll doch seine beste» Freunde." Da erhob der Staatsanwalt Anklage gegen Wladika Petroivitsch Ljekosch und beschuldigte ihn des Hainmeldiebsiahls, der unwiderleglich bewiesen sei durch das Fell. Eine große Erregung brach im ganze» Lande ans, als die Knude ruchbar wurde. Alles fiel über den nngliickliche» Wladika Petroivitsch Ljekosch her. Ei, wer das gedacht hätte.' Und so»»vorsichtig zu sei», das Hammelfell mit dem Zeichen liegen zu lassen! Erzürnt ivaren vornehmlich auch die, denen er selbst, sich brüstend, von der schlauen Entivendnug erzählt, und die sogar mit ihm am selben Tische den gestohlenen Hammel verzehrt hatten. Jetzt in der Not verließen sie ihn alle und drohten, gegen den Hammeldieb vor Gericht zu zeugen, der dermaßen seine besten Freimde betrüge. Petrowisch aber gab die Hoffnung nicht auf. Er ging der Reihe nach zu den drohenden Zeugen und entivickelte ihnen seine Anschanniigen. Zni» ersten sagte er:„Freundche», ich iveiß noch mehr Leute, die Hämmel stehlen— ivenn ich reden wollte 1"... Dem ziveiten erklärte er:„Mein Lieber, Du hast mit mir von dem Häinmel gegessen, Du bist also iiiitschnldsg." Gegen den dritten äußerte er:„Es schädigt den Ruf des ganzen Landes, wenn ein so angesehener Bürger ivie ich als Hammeldieb entlarvt tvird. Ich nehme an, daß Du ein Patriot bist und die Ehre des Vaterlandes ivahrsl." Dem vierten machte er hochpolitische Andcnilmgcn:„Das ist eine heimtückische JiitrrgUe gegen mich. Man will unsere Partei treffen, nns bei dem Fürsten anschivärzcn. Mein Sturz soll nnsre Feinde an die Herrschaft bringen." Zum fünfteir sagte er:„Was hilft's schon, tvenn ich eingesperrt werde. Dann tritt ein andrer an meine Stelle, der noch mehr Hännnel stiehlt." Den sechsten fragte er:„Weißt Du nicht, wer der Schurke ist, der mir das Hainmelfcll gestohlen. und dem Staatsainvalt ge- bracht hat?" Als die Zeugen solches vernahmen, gingen sie in sich und er- kaiinte», bofe niemand unschuldiger sei als ihr teurer Wladika Petro- witsch Ljekosch und niemand verruchter als der Dieb des Hammel- fells und der Hehler, der Staatsanwalt. Und sie thaten sich zusammen und tuschelten miteinander und beriete», was sie vor Gericht aus- sagen sollten. Der Tag der Gerichtsverhandlung kam heran. Ganz Montenegro war in dem Saal versammelt. Mit edlem Anstand erhob sich»ach Verlesung der Anklage Wladika Petrowitsch Ljekosch und sprach etwa ivie folgt:„Ein nichts- würdiger Bursche hat mich verleumdet, daß ich einen Hammel ge- stöhlen, und man hat zum Beweise mir gewissenlos das Hammelfell «ntivendet. Ich erkläre offen und laut: Ich habe den Hnmiuel nickt gestohlen. Ich habe den Haumiel meines Freundes überhaupt niemals gesehe», geschiveige, dag ich ihn gestohlen und aufgezehrt hätte. Wie sollte ich auch meinen liebsten Freund bestchleu.seiu Vertrauen so gröblich täuschen! Außerdem lag die Sache so: Ich hatte erfahren, daß jemand den Hammel meines Freundes zu stehlen beabsichtigte. Da hielt ich es für eine Pflicht der Freundschaft, ihn vor diesem Schaden zu belvahren. Ich nahm den Hammel vorläufig in mein Haus, so war er vor den Nachstellungen des Diebes gerettet. Endlich erkläre ich noch, daß es eine Ehrensache jedes redlichen Staatsbürgers ist, sparsani zu sein, keine Schulden zu machen, Hännnel sind aber für mich Armen unbezahlbar teuer, und so aß ich den Hammel, den ich umsonst erlangt hatte. So handelte ich, ein Ritter ohne Schuld und Fehle, ein kernhafter Sohn Montenegros. Während ich aber dermaßen lügenhaft verfuhr, haben meine An- kläger sich der schlimmsten Missethat schuldig gemacht. Der Elende ist ja leider nicht zu ermitteln gelvesen, der mir das Fell verbreche- risch gestohlen hat. Muß dieser schamlose Schuft aber auch deshalb straflos bleiben, so ist noch schlimmer als der Dieb der Hehler, der ein ans solche Weise gestohlenes Gut gegen mich zur Anklage zu verwenden wagt. Ich kehre die Anklage wider meinen Feind. Der größte Lump ist der Hehler des Hannnclfclls. Ihn müssen wir zur Verantwortmig ziehen. Damit spuckte Petrowitsch entrüstet vor dem Staatsanwalt ans und setzte sich unter dein tosenden Beifall des Publikums auf seinen Platz. Die Zeugen wurden ausgerufen: Der e r st e erklärte: Bei Gott. Petrolvitsch ist nnschnldig. Er hat die Wahrheit gesagt. Hier giebt cS nur zwei Schurken, der leider unbekannte Dieb des Felles und der noch schlimmere Hehler. Damit spuckte er vor den» Staatsanwalt heftig aus. Der zweite beschwor: Niemals hat der Himmel eine größere Gemeinheit gesehen, ivie diesen Versuch, mittelst eines infam ge- stohlencu Felles einen Ehrenmann ins Nnglück zu stürzen. Der Dieb ist nicht zu ermitteln. Aber den Hehler haben ivir. Ihn treffe die Schärfe des Gesetzes. Damit spuckte er vor dem Staatsanwalt heftig ans. Der dritte sagte ans: Wie können ivir»och in Rnhc nnsree Hännnel essen, wenn.ivir nicht sicher sind, daß uns das Fell gestohlen wird, nm darauf eine falsche Anklage zu begründen! Pfui über den Hehler, der mit solchen Mitteln ehrliche Leute verleumdet I Damit spuckte er vor dem Staatsanwalt heftig aus. Der vierte sprach: Ich sehe hier nur c i u e n Missethäter— das ist der Hehler des gestohlenen Hammelsells. Rieder mit ihm! Damit spuckte er vor dem Staatsanwalt heftig ans. Der fünfte deklamierte mit geriihrtcr Slinune: Es ist tvahrlich ein Zeichen von der Zeiten Schmach, daß es so tief gesunkene Menschen giebt, die sich nicht scheuen, Hammelfelle stehlen zu lasse», um den Unschuldigsten aller Sterblichen zu verfolgen. Damit spuckte er vor dem Staatsanwall heftig aus. Der sechste schrie nur aus heiserer Kehle: Pfui! und spuckte vor dem Staatsanwalt seine ganze Galle aus. Das Zengenverhör war beendigt. Jetzt richtete sich der Staatsanwalt stolz und zoniig auf und begann zu sprechen:„Man fälscht hier die Wahrheit. Nicht handelt es sich um das gestohlene Hammel seil, sondern um den gestohlenen Hammel. Das Fell ist nur das notwendige Be- weisstück, nm den Schuldigen des Hammeldiebstahls zu überführen. Der Mann, der mir das Fell brachte, hat sich ein hohes Verdienst um den Staat, um Recht und Gesetz erworben. Das Fell zeugt nuentrinnbar wider den HannNeldieb. Also halte ich meine Anklage in vollem Umfange aufrecht: Wladika Petrowitsch Ljekosch ist über- fuhrt des Diebstahls eines Hammels..." Weiter konnte der StaatSamvalt nicht reden. Die Menge im Saal brach in ein furchtbares Toben aus. Tausende Menschen schrien zugleich: Hehler, Hehler, Hehler! Dann stürzte sich die Menge auf den Staatsamvnlt, nnd das eingeschüchterte Gericht konnte nichts andres thun, als in rasch ge- änderteni Verfahren den Staatsanwalt wegen Hehlerei eines g e st o h l e n e n H a in in e l f e l l s z n verurteilen. Wladika Petrowisch Ljekosch verließ im Triumph den Saal. Aus seinem Gefniiguis petitionierte der Staatsanwalt an das Parlament. Vergebens! Das Parlament ging einstimmig über die Petition zur Tagesordnung über: Eine Person, die sich eines offen- kundig gestohlenen Hammelfelles bediene, um- den Diebstahl eines Haninieis festzustellen, verdiene keine Milde.... » Das ist meine montenegrinische Geschichte. Ich füge erläuternd hinzu, daß sie keine Moral hat.— Joe. Kleines Feuillekon» eg. Die schwere Last. Auf dem letzten Absatz blieb sie noch einmal stehen und rang nach Atem. Ihre kleine gebückte Gestalt brach fast zusammen unter der schweren, hochgetürmten Kiepe. Sie griff nach dem Geländer, als brauchte sie einen Halt, aber der Billeteur schrie sie an:„Na man rasch, rasch! Wie lange wollen Se'n stehen und'u Weg versperren?" Da fuhr sie znsanimeu, gab der Kiepe ciiien Ruck und stieg die Treppe hinauf. Hastig, mit kleinen Trippelschritten eilte sie über den Perron nach der nächsten Bank. Da ließ sie die Kiepe mit einem Seufzer vom Rücken gleiten und stellte sich daneben. Zu setzen wagte sie sich offenbar nicht, es saßen auch so viel seine Damen auf der Bank.„Sie" Ivar ein kleines altes Baueniweibel, dicht an die sechzig, vielleicht auch schon drüber. Die Haut gelb wie Pergament, voll tiefer Runzelii; Sonne und Wind hatten ihre Runen hineingegraben. Unter dem bunt geblümten Kopftuch sah nur spärliches Haar hervor. Sie seufzte noch einmal ans tiefster Brust nnd rieb die Hände, beim Halten der dicken Kiepenbänder waren sie ihr ganz erklommt. Die feinen Damen betrachteten sie voll Neugierde. Sie hatte so etwas andres, als die Menschen, die man hier alle Tage sah. Sie kam offenbar weit her, das bunte Kopftuch, die weite Jacke, der tief gefältete kurze Nock verrieten noch ein Stückchen Volks- tracht. Die junge Frau nnt dem kleinen Knaben sagte:„Ach lieber Gott, solche schwere Kiepe!" Mau hörte es aber ihrer Stimme an, daß sie mehr ans Neugierde, als ans Teilnahme anzuknüpfen suchte. Die Alte schien das nicht zu empfinden, sie lächelte beinahe erfreut: „Dat soll woll sinn." Mit der Redseligkeit der Landleute fing sie gleich an zu erzählen.„Vnii de Halle kam ick raff, is bannig schwer det all, joa! joa!" Die Dame lachte gleichfalls' die originelle Sprache amüsierte sie:„Haben wohl tüchtig eiiigckanft, Mntterche», was? Ja, dann hat man zu tragen!" Die Alte nickte:„Jnköpt, joa, joa!" Sie hob das rosa Tuch, das über die Kiepe gedeckt war, ein wenig hoch; es lagen viele Packcte darin, zwischen leeren Marktkörbcn nnd einer Holztomie aller- Hand Zeugrolle»; eine Pnppenwiege und ein Stoß Teller, ans einer schweren Rolle stieg ein pikanter Duft, es waren offenbar feine Würste darin. Die andern schauten auch, der Herr lachte:„DeS is ja'n janzes Warenlager, Mnttcrten, da tvoll'N Se hvvhl Hochzeit feiern in Buxtehude?" Die Alte verstand den Spott kaum. Glückselig plapprig erzählte sie weiter:„Jnlöpt, joa allcns inköpt fors Schloß. bloS dat, dat. dat Tellcrzeigs, dat is for Pastorsch und dat, dat fors kleene Frölen." Sie hob das Pnppeubett an:„for Euspekters kleenet Frölen." „Sie sind wohl Botenfrau?" fragte die Dame. Die Alte sah sie einen Moincut verständnislos an; dann schien sie zu begreifen, sie schüttelte lebhaft den Kopf:„No, no,»ich dat sien. No, dat iS mau, dat ick all Sonnabend nach der Halle fahre, zu mein Dochter Kräuter bringen, nn dat ick dann mitbringen muß, ini de Frn hett nfschriebeii im de Pastorsch, im denn köp ick dat in." „Aber schwer zu trage» haben Sie," meinte eine Dame.„Ist Jhucn denn das nicht zu schwer?" Die Alle warf einen nach- denklichen Blick auf die Kiepe:„Nu joa, dat soll woll sie»! Abcrsch nee und da heraus, da hebb ick noch zu loofen eene janze jute Stunde über die Heede." „Mit der große» Kiepe?" Die Dame schlug die Hände zu- sammeu. Die Alte seufzte:„Joa, nn mannichmal da is datt.so naß, nn man kann nich vorauf vor oll Modder, nn der Wind plnschtert een all.jroad ins Jesichte." Sie nickte vor sich hin. „Daß Sie das noch so können, Mütterchen!" bewunderte die junge Frau.„Herrgott— solche schwere Kiepe, nnd die schleppt sie einfach ans'ni Rücke». Wenn ich mal bloß drei Pfund Fleisch nach Hause tragen soll, thnt mir der Arm schon weh!" „Rein das könnte ich auch nicht," stimmte eine andre bei,„so schwere Lasten ist unsereins gar nicht gewöhnt! Die Alte nickte:„Iva, joa, die feinen Frölens, die Hebbel» nich Kraft nich, und wenn je wat heben, denn sallen's schon nm. Und unser Frölen von't Schloß, de is so schwak, de dragt nich'11 Stuhl nich-- von's Schloß in'» Garten." Es trat eine Pause ein. Der Herr fing zuerst wieder an:„Na Mutterchen, da kriegt Ihr wohl aber'» Heidengeld? Was bringt denn so jede Fahrt nach Berlin?" Vom Schloß'» Dahler. von Pastorsch'n Dahler, was?" Aber sie fiel ihm rasch ins Wort:„Ach ja,'n Dahler! Un de Pastorsch hält ina blo'n Dopp Kaffee warm und de Frn jiebt'n Füitsjroschenstück und'ne Stulle für zu Hanse." „Dafür würde ich's nicht machen," sagte die junge Frau. „Nu joa, ich bring doch bloß mit, weil ich all Sonnabcndsch nach de Halle fahr'." Die Alte schien die Empörung der andren nicht zii begreifen.„Ach aujeh, da kiinmt er!" Sie wies auf den Zug, der eben hercinbranste. Mit einem raschen Rnck riß sie die Kiepe auf den Rücken nnd hastete nach der vierten Klasse, die auf der Bank sahen ihr nach:„Sie ist ganz krumm gezogen," sagte die junge Frau.„Eigentlich ist es ein Skandal: Fünf Groschen'n Topf Kaffee und'n Busierbrot, und dafür läßt die Gesellschaft das alte Müiterche» sich puckeln." — 112— „Ich versteh'»ur nicht, wie sie es luishült," meinte dns„feine Frölcn".„Ueberhanpt diese gewöhnlichen Leute, ivas die so für Lasten schleppen, das ist unglaublich I" „Gott, Kindchen!" Der Herr, der offenbar zu ihr gehörte, Ivarf ihr einen mitleidigen Blick zu:„Gott, Kindchen, diese gewöhnlichen Leute, die sind doch auch nicht wie unsereins. Sieh mal, die sind da? Lastentragen schon von Kindheit an gewöhnt 1"— k. Ei» chinesischer Nietzsche. In der„Ncvne Blanche" mach Alexandre Ukar ans die überraschende Achnlichkeit der Gedankenwelt eines alten Chinesen mit denen Nietzsches aufmerksam. Es war Lao-Tse; wenigstens hatte man ihm diesen Spitznamen, der„das alte Kind" bedentet, gegeben— ein hübscher Name für einen Philo- sophcn. Er ivar der Lehrer Konfutses und ein so tiefer Metaphysiker, das selbst Konfutse ihn nur halb verstand. Er schrieb ungefähr zur Zeit der ersten griechischen Philosophen. Sogar der Ton. in dem der alte chinesische Philosoph seine Gedanken aus- zudrücken pflegte, erinnert an Nietzsche. Lao-Tse spricht mit feierlichem Stolz, liebt prachtvolle Bilder und ist nicht ohne eine gewisse überlegene Ironie. Bei ihm findet sich dieselbe Unter- scheidung zwischen„autonomen und Herdenmenschen", dieselbe Vor» stcllung des Uebermenschen, des Vollkommene», der sagt:„Ich bin anders als die ganze Welt; aber ich bin ich", und der seine» ganze» geistigen Stolz darein setzt, seine Individualität als ein Absolutes hinzustellen nsw. Ucbrigens hatte Lao-Tse auch Schüler, ei» Ivcnig mehr sogar als nötig.„Die entlegenen Anspielungen, die Majestät des Tones, die vielfarbige Pracht des Aus- drucks, der individualistische Radikalismus in dem Aus- druck von Gedanken, die nur für Auserlesene Sinn haben, alles das muhte die Neugier derer erregen, die am Rande der konfntsistischen Gesellschaft lebten, und unter dem Schein, sich de» Vorschriften dieser ehrwürdigen, aber unverstandenen Lehre anzupassen, bildete sich eine ungeheure Gruppe von„Laotsisten". tchelsüchtige. deklassierte Individuen, die Schurkerei für Macht, Egoismus für Ueberlcgenheit, die Magie für Klugheit und die Macht, Naive zu täuschen, für Gröhe hielten...' Auch diese Schüler von nnttelmähiger Intelligenz, die eine Lehre ihrer Bequemlichkeit gemäß verunstalten, um ihren eignen Egoismus gutzuheißen, ihre Instinkte zu rechtfertigen, haben eine Sehnlichkeit mit gewissen„Nietzscheancrn", wie sie heutzutage wohl zu beobachten sind.— Litterarisches. —n. Knut Hamsun:„Sklaven der Liebe." Novellen. München. Albert Langen.— Die sechs Novellen des Buches sind sehr ungleich geschrieben, doch zeichnen sich alle durch jenen scharfen, oft roh Ivirkenden Humor ans, der Hanisuns Schriften eigen ist. Am schwächsten ist die Eingangsnovelle, deren Tflel auf die ganze Sammlung übertragen ist; sie ist stark gekünstelt und enthält viele unmögliche Situationen. Aehnlich ist die zweite Novelle„Der Sohn der Sonne". Die beste Arbeit dürfte die Prairiegeschichte „Zachäus" sein: ein tragikomisches Jiitrigucnfpiel zwischen dem Koch einer Farm und Zachäns, einem alten, halbblinden Arbeiter. Beide stehen einander wie zwei Kampfhähne gegenüber, stets bereit, einen Streit vom Zanne zu brechen. Der Koch besitzt eine Bibliothek, d. h. ein hnlbzerfctztes Gesangbuch«nid ein vergilbte« Zeitungs- blatt von Anno Tobak. ZachäuS aber ist ein eifriger Leser. Wo er nur irgend kann, beinächtigt er sich eines Teiles der Bibliothek seines Gegners, der ihm dafür bei Gelegenheit wieder einen Schabernack spielt. Die gegenseitigen Sticheleien steigern sich mehr und»nehr und nehme» einen immer ernsteren Charakter an. Das Ende ist, dah Zachäus seinen Feind, den Koch, totschießt. Trotz ver- schiedener, widerwärtiger Episoden ist doch alles bis ins kleinste hinein mit einem so sein abgetönten, über den Dingen stehenden Humor erzählt, daß«nan selbst einzelne Schroffheiten mit in den Kauf nimmt. Ernster gehalten ist die Spielergeschichte„Vater und Sohn"; grotesk wirkt„Ueber das Meer", eine prächtige Schilderung seekranker Zwischcndecks-Pasfagiere; im„Erzschelm" schliehlich zeichnet Hamsun einen Menschen, der mit sich selbst und der ganzen Welt fertig ist und dem nichts weiter als ein bcihcnder Cynismus, als ein lautes Lachen über die Wunderlichkeiten des Lebens ge- blieben ist.— Aus den» Tierreiche. eu. Ein seltener Fisch ist kürzlich in einem HeringSnetz an der Südknste von England gefangen und der Sammlung des großen Londoner Naturwisienschaftlichen Museums einverleibt lvorden. In den europäischen Geiväfsern ist sei» Vorkommen überhaupt selten, obgleich er an sich zu den Berühmtheiten unter der Be- völterung der Meere gezählt«verde» kann. Es lvar ein sogenamiter Angler oder Meerteufel, ein Fisch von sehr bclrächtlicher Größe und einem«nassigen, rochenähnlichen Ba««. Den Namen Meertenfel hat er von den« alten deutschen Naturforscher Gesner erhalten, der ihn als einen„sonder scheußlich, häßlichen Fisch" bezeichnete. Der andre Raine Angler bringt uns aber erst ans die eigentlich«ncrlwürdige Eigenschaft des Fisches. Er besitzt nämlich vorn auf der Oberseite des Kopfes in der Nähe der Ober- lippe einen langen Ausivuchs, den man mit einer Angel vergleichen kann. Sie hat das Aussehen eines laugen steifen Fadens, der an der Spitze umgebogeu ist und eine» troddelartigeu Anhang trägt. Mit dieser Troddel spielt das Ungetüm nun dauernd vor seinem geöffneten Maul hin und her und«vartet, bis kleine Fische oder andre Wasscrbeivohner auS Nengier zu den, sonderbar hin und her pendelnden Ding hin- schlvimmen. Die List gelingt«neist so vollkonnnen, daß der Fisch sein Maul einfach zu' schließen braucht. um seine Beute darin gefangen zu halten. Damit ihn« selbst kleinere Lebewesen nicht inehr' zwischen den Zähne» hindurch entwische» können, sind die Zahnlücken mit einer besonderen Bindehaut verschlossen. Alles. waS in das Maul des Fischriesen gerät, ist also unrettbar eingesperrt. Nur zuweilen mag es einem Opfer gelingen, der Gefräßigkeit des RäuberS zu entrinnen. So ist einmal ein Meertenfel gefangen lvorden, aus dessen Kiemenöffnung ein Meer- aal mit der Hälfte seines Leibes herausragte. Augenscheinlich«vor auch dieser Fisch von dein Teufel crangelt lvorden, aber er hatte sich so lange gesträubt, bis er die Kiemenöffnnng gefunden hatte, in die er sich nun sicherlich zum größten Unbehagen des Angler? hin- durchzlvängte. DaS Dazwischenkommen des'««renschlichen AnglerS machte dann beiden Kämpfenden ein Ende.— Technisches. se. Eine technische Kuriosität. Eine der größten Brücken der Welt ist bekanntlich diejenige über den Firth of Förth in Schottland. Un« den eisernen Riesenbau vor dem Einfluß der Witterung zu schützen, muß das Eisenwerk selbstverständlich dauernd mit einen« Anstrich verschen sein. Die Wochenschrift„Englisk Mechanik" macht nun darauf auftnerksain, daß diese Arbeit an der Förth- Brücke überhaupt niemals ein Ende nimmt. Seit 11 Jahre», seitdem die Brücke fertig geworden ist. wird mnmterbroche» daran geinalt. Es sind an diesen Arbeite» 35 Leute beschäftigt. Sie begannen«nit den« Anstrich an den« südlichen Ende der Brücke nnd haben Tag für Tag fortgearbeitet,«nit Ausnahine der Sonntage und der Tage mit»ngeivöhulich stünnischer Witterung. Da die Brücke a»S zwei Hanptbogen von 513 Meten« nnd zwei Uferbogen von 210 Metern besteht. so dauerte die Arbeit volle'3 Jahre, bis die Arbeiter ain nördlichsten Ende an- gelangt waren. Die Haltbarkeit der A>«strichfarbe kann aber nur auf 36 Monate veranschlagt werden. Daraus folgt, daß die Arbeiten an dem einen Ende sofort von neuem beginnen müssen,«venn sie am andren Ende aufgehört habe». Jetzt erhält dns ungeheure Bau- «verk bereits den vierten Anstrich. Um de» Malen« die Möglichkeit zu geben, ohne zu große Mühe zu jeden« Teil des Eiseniverkes der Brücke zu gelangen, hat der»nit der Aussicht der Brücke beauftragte Ingenieur ein besonderes System von Leitern und Aufzügen«nit Dampfbetrieb herstelle» lasten.— Hnmoristisches. — Erkennungszeichen. Fremder szu einein Bauer»- bubeitz:„Du. Kleiner, kann ich Deinen Vater sprechen?" Bub':„Ja. der is hiut' in« Stall bei die Säul" Fremder:»Führ'««ich zu ihn,— ich kenne Deinen Vater «««cht I" Bub':„O mein, de» kenna S' glei'I Der'«« Hut aus« h a t— der is's l"— Verkannte Ethik. Sie(auS der Zeitung vorlesend): „Siehst Du, Franz, da steht ein begeisternder Artikel über die Gründung des Vereins für Sociale Ethik; wenn ich ein Mann war', dem«vürde ich beitreten!" Er:„Jaivohl, die Sprüch' kenn' ich schon I Und falls ich bei- treten thät'.«vär's Dir anch gleich«vieder nicht recht, wenn'S dort a Spanferkelessen gebet oder a' maskierte Kneip' oder a' Strohkegelscheib'n oder sonst'was Derartiges!"— — Rührender Abschied. Fremder, der in ein miserables Hotel geraten ist. läßt bei seiner Abreise den Wirt komme». Er umarmt diesen, schluchzt und ringt nach Worten. Wirt:„Ader,«nein Herr, beruhige» Sie sich doch— was haben Sie denn auf den« Herzen?" Gast:„Ach— wir sehen uns»« i e n« a l s wieder!"— («Fliegende Blätter'.) Notizen. — Eine große Heln«holtz-Biog raphie wird von dem Matheinatiker Professor Dr. Leo&öiligSberger in Heidelberg vorbereitet.— — Ueber eine Million Abonnenten haben jetzt zwei Pariser Blätter:„Petit Parisien" und„Petit Journal".— — Das Schiller-Theater bringt ain 18. November Rudolf Lothars Maslenspiel ,K ö n i g H a r l e k i n" zur Auf- führung.— — S» d e r»n a n n s neues Stück„Es lebe das Leben" hatte trotz glänzender Darstellung in« Wiener Burgtheater keinen rechte» Erfolg.— — Geraldine Farrar ist von der nächsten Spielzeit au auf fünf Jahre für das Opernhaus engagiert«vorden.— — Das Opernhaus bereitet einen Verdi-Chklus mit einem italienischen Ensemble vor; nur eine einzige Oper, „Falstaff",«vird deutsch gesungen«verde».— Verantwortlicher Redacteur:(Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von ivtax Babing in Berlin.