Hlnterhaltungsblatt des Horwüris Nr. 33.- Sonntag, den 16. Februar. 1302 (Nachdruck verboten.! s3i Ftfnm Gordjejetv. Nomon von Maxim Gorki. Deutsch von Klara Brauner „Ich werde ihm... den Kopf abbeißen, Närrin l" ent- gegnete der alte Ljubow.„Was kann ich ihm denn thun? Diese Schriftsteller sind nicht dumm und sind darum auch eine Macht, eine Macht sind sie, diese Teufel l Ich bin ja nicht der Gouverneur, und auch er kann ja einem weder die Hand verstauchen noch die Zunge binden. Sie nagen an uns langsam wie die Mäuse, und man vergiftet sie nicht mit Zündhölzern, sondern mit Rubeln... ja, ja! Nun, wer ist es also?" „Erinnern Sie sich, als ich noch in der Schule war, kam ein Gymnasiast, Jeschow, zu uns? So ein kleiner, schwarzer..." „Hm! Gewiß, ich habe ihn gesehen I Ich weiß schon. Also der ist es?" „Ja. der.. /' „So eine MauSl Man konnte schon damals sehen, daß ans ihm nichts Siechtes würde. Er tvar schon damals allen im Wege. Ein aufgeweckter Knabe I Ich hätte mich damals mit ihm befassen sollen, vielleicht wäre ctivas aus ihin ge- worden." Ljubowj lächelte spöttisch, indem sie den Vater anblickte, und fragte herausfordernd: „Ist denn der nichts, der in Zeitungen schreibt?" Der Alte antwortete lange nicht, trommelte mit den Fingern auf den Tisck und betrachtete sein Gesicht, das sich im blank geputzten Kupfer des Samolvars widerspiegelte. Dann erhob er den Kopf und sagte eindringlich und mit Eifer: „Das sind keine Menschen, das sind Geschwüre! Das Blut der Russen ist gemischt und verdorben, und von diesem schlechten Blut stammen alle diese Bücher- und Zeitungs- schreiber, diese grimmigen Pharisäer. Sie schwären überall auf, und zwar inmrer mehr. Woher kommt diese Fäulnis des Blutes? Von der langsamen Belvcgung. Woher komnien zum Beispiel die Mücken? Vom Sumpf. In stehendem Wasser entsteht allerlei Gewürm. In einem untergeordneten Leben ist's ebenso." „Das ist nicht richtig, Papa l" sagte Ljubowj weich. „Wieso ist das nicht richtig?" „Die Schriftsteller sind die uneigennützigsten Menschen. Das sind edle Naturen! Sie wollen ja nichts für sich, sie streben nur nach Gerechtigkeit... nur nach Wahrheit l Sie sind keine Mücken!" Ljubolvj lvurde lebhaft, während sie die ihr nahe- stehenden Menschen lobte; ihr Gesicht flammte und ihre Augen blickten den Vater mit einem Ausdruck an, als bäte sie ihn, ihr zu glauben, da sie nicht im stände sei, ihn zu überzeugen. „Ach, Du!" unterbrach sie der Alte seufzend.„Du hast Dich vollgclescn l Du hast Dich vergiftet. Sag' mir, wer sind sie? Das weiß nian nicht! Zum Beispiel Jeschow... was ist er? Ein Lamm Gottes I Sic streben nur nach Wahrheit,— was soll man dazu sagen? So ctivas Bescheidenes l Und wie ist's, wenn die Wahrheit das Allerteuerste ist? Wenn vielleicht jeder schweigend nach ihr sucht? Glaube mir, ein Mensch kann nicht uneigennützig sein... er wird sich nicht für etwas schlagen, das ihm fremd ist... und wenn er es thut, ist er ein Dummkopf und wird niemand nützen I Der Mensch muß sich selbst verteidigen können... das, was sein eigen ist... dann wird er es zu ctivas bringen! Auch ctivas! Die Wahrheit I Ich lese fast vierzig Jahre eine und dieselbe Zeitung und sehe gut... Da ist mein Gesicht vor dir, und vor mir im Samowar ist auch niein Gesicht, aber ein andres... Diese Zeitungen verleihen alleut eine Samowar- fratze und sehen nicht das wahre Gesicht... Und du glaubst ihnen... Ich iveiß aber, daß mein Gesicht im Samowar verzerrt wird... Man kann niemand die echte Wahrheit sagen: der Mensch hat eine zu dünne Kehle dafür... sie ist auch nieniand bekannt, die echte Wahrheit..." „Papa!" rief Ljuba wehmütig ans.„In den Büchern und Zeitungen werden doch die gemeinsamen Interessen aller Menschen verteidigt." „Und in welcher Zeitung steht, daß Dich das Leben lang- weilt, und daß Du längst hättest heiraten sollen! Deine Interessen werden also nicht verteidigt! Ach. Du! Auch meine Interessen werden nicht verteidigt. Wer weiß, was ich will? Wer außer mir versteht meine Interessen?" „Nein, Papa, das alles ist nicht das Nichtige, nein! Ich kann Ihnen nichts envidern, doch ich fühle, daß es nicht so ist l" sagte Ljubowj fast verzweifelnd. „Das ist doch so!" sprach der Alte bestimmt.„Rußland ist voller Wirren, es giebt nichts Festes darin: alles wankt. Alles lebt schief, geht auf einer Seite; es giebt keine Harmonie im Leben... Jeder brüllt auf seine Weise. Und niemand versteht, was der andre benötigt! Alles ist im Nebel, alle atmen den Nebel ein, darum ist das Blut der Menschen faul, daher kommen die Geschwüre. Den Menschen ist viel Frei- heit zu denken gegeben, es ist ihnen aber nicht erlaubt, etwas zu thun—' darum lebt der Mensch nicht, sondern er fault oder stinkt..." „Was soll man also thun?" fragte Ljubowj, indem sie ihre Ellbogen auf den Tisch stützte und sich gegen den Vater neigte. „Alles!" schrie der Alte voll Eifer auf.„Alles soll man thun können! Jeder soll das thun, was er kann l Und darum muß man den MgiMen die volle Freiheit geben, die volle Freiheit! Wenn die Zeit schon einmal so ist, daß jeder Grünschnabel glaubt, er könne alles und sei geschaffen, um über das Leben ganz zu verfügen— dann soll man dem Galgenstrick die Freiheit geben! Lebe dich nur aus, du Luder I Lebe nur! Ach! Dann würde eine Komödie folgen: wenn der Mensch fühlt, daß er keine Zügel niehr hat, dann wird er über seine eignen Ohren hinaus wollen und wird wie eine Feder hin und her fliegen... Er wird sich für einen Zauberer halten und wird sich aufzublasen suchen..." Der Alte machte eine Pause und fuhr mit eiuem sardonischen Lächeln und mit gesenkter Stimme fort: „Er hat aber keine große Fähigkeit, etwas zu schaffen! Er wird einen oder zwei Tage wichtig thun, wird sich nach allen Seiten hin spreizen und wird bald schwach werden, der Anne! Denn sein Inneres ist durchfault... Ha, ha, ha! Da werden die echten Menschen das Täubchen fangen, ha. ha, ha!— jene würdigen, echten Menschen, die die wahren Herren über das Leben sein können... die das Leben nicht nnt dem Stock und nicht mit der Feder, sondern mit der Hand und mit der Vernunft regieren werden. Sie werden sagen: Nun, seid Ihr müde, Ihr Herren? Sie werden sagen: Nun, Eure Milz verträgt wohl kein richtiges Feuer? So— o l.. Und der Alte schloß seine Auseinandersctzungeil mit erhobener Stimme, in ge- bieterischem Ton: „Nun, Ihr Gesindel, schweigt und muckst nicht! Sonst iverden wir Euch von der Erde schütteln, tvie Würmer vom Baum! Schweigt, Ihr Täubchen! Ha. ha, ha! DaS wird geschehen, Ljuba. Ha, ha, ha!" Der Alte war guter Laune. Seine Gesichtsfurchen be- wogten sich, er zitterte, sich an seinen Worten berauschend, schloß die Augen und schmatzte mit den Lippen, als koste er seine Weisheit auS. „Und dann werden diejenigen, die im Wirrwarr die Ober- Herrschaft gewinnen, das Leben auf ihre Art weise einrichten. Die Sache wird dann nicht aufs Geratewohl vor sich gehen, sondern wie nach Noten! Wir werden das nicht erleben, schade!" Die Worte des Vaters fielen eins nach dem andern wie Maschen eines großen, festen Netzes auf Ljuba herab; sie fielen herab und umstrickten sie, das Mädchen konnte sich da- von nicht befreien und schwieg, durch die Rede des Vaters betäubt. Sie blickte ihm angestrengt ins Gesicht und suchte in seinen Worten nach einer Stütze für sich: sie hörte auS ihnen etwas heraus, was sie auch in den Büchern gelesen hatte, und was ihr als die echte Wahrheit erschien. Doch das schadenfrohe, triumphierende Lachen des Vaters stach sie ins Herz, und diese Furchen, die lvie kleine, dunkle Schlangen über sein Gesicht krochen, flößten ihr Angst vor ihm ein. Sie fühlte, daß er sie fort von de�i, waS ihr in ihren Träumen so eittfach und licht erschienen war. irgendwohin in die Weite führte. „Papa", fragte sie auf einmal den Alten, einem plötzlich erwachten Gedanken und Gefühl gehorchend,„Papa I und was... was ist Ihrer Meinung nach Taratz?" Masakin fuhr zusamnien. Seine Brauen bewegten sich zornig, er richtete seine scharfen Augen fest auf das Gesicht semer Tochter und fmgte sie trocken: „Was ist das für ein Gespräch?" „Darf man denn nicht von ihm sprechen?" fragte Ljuba leise und verlegen. „Ich will von ihm nicht sprechen... Ich rate auch Dir nicht dazu l" Der Alte drohte der Tochter mit dem Finger, machte ein finsteres Gesicht und senkte den Kopf. Er hatte sich selbst wohl nicht recht verstanden, als er sagte, er wolle von seinem Sohn nicht sprechen, denn nach einer Minute des Schweigens begann er düster und übellaunig: „Taratz ist auch ein Geschwür... Das Leben haucht Euch an, Ihr Milchbärte, Ihr könnt aber seine wahren Gerüche nicht unterscheiden und schluckt jeden Schmutz hinunter, davon ist es dann in Euren Köpfen trübe... Und darum seid Ihr zu nichts fähig und seid deswegen unglücklich... Taratz... ja— a l Er ist jetzt schon gegen vierzig... er ist für mich verloren I Ist ein Sträfling mein Sohn? Das stumpfsinnige Ferkel... er wollte nicht mit seinem Vater reden und ist ertappt worden.. (Fortsetzung folgt.) Sonntsgsplttuderei. Das glücklichste Reich der Erde ist ohne Ziveifel gegenwärtig die Union. Nicht weil Amerika das Land ohne Ruinen, ohne Ber- gangenheit, dafür aber mit unennetzlicher Zukunft ist. Auch nicht deshalb, weil die Vereinigten Staaten«ine demokratische Republil d, in der das Mittelalter überwunden ist, weil politische Freiheit tt Polizei und Staatsanwalt ungehemmte EnNvicklung gewährt, weil jeder dort reden und schreiben kann, was er ivill, auch nicht der tausend andren Vorzüge wegen, die man gemeinhin der neuen Welt nachrühmt. Nein, die Vereinigten Staaten befinden sich deshalb zur teil auf der Sonnenhöhe seligsten VölkergtückeS, weil in diesen ogcn eine Dacht getauft werden soü. und ein deutscher Prinz, deutsche Offiziere, deutsche Minister sich an diesem in die fernsten grsten hinauSleuchtenden Ereignis beteiligen werden. Zweimal täglich lese ich jetzt in,„Berliner Tageblatt" frisch vom Kabel, wie der Natioualjubel in Amerika von Stunde zu Stunde lawinenartig anschwillt. SelbstBarnum beginnen die Ausdrücke zufchlen, um den Erad der Begeisterung angemessen zu benennen, nachdeui er neu« sich von einem umgekehrten Riagarasall, der anS der Tiefe gen Hinmiel steigt, unter großartigem Erfolg geredet hat. Such in Deutichland inter- esfitrt man sich selbstverständlich für nichts andre» wie sür die Taufsahrt. Solche gleichgültigen, geringfügigen Vorkonminifse wie etwa die Erscheinung, daß Hunderttausende von Mensche» arbeitslos darben, müsicn natürlich vor einen» welthistorischen Alt,>vi« ihn die Dacht- Taufe darpellt, zurücktreten. Ja. ich enwfinde es geradezu als takt- los, daß man die Herrlichkeit des dentsch-amerikanische» Festjubcls durch die Erinnerung an derlei kleine Unebenheiten in den Wirtschaft- lichen Zuständen Deritschlands boshaft z» stören sucht. Unter diesen Umständen muß ich cS nur für eine grobe Unterlassungssünde und schwere Pflichtwidrigkeit erklären, daß die Redaktion des „Vorwärts" bisher nicht das kleinst« Kabeltelegränimchen über die unerhörten Begeisterungslrämpfe in Amerika gebracht hat. Nicht einmal die glänzenden Meldungen des„Berliner Tageblatts" hat sie nochgedruckt. Meines Erachtens muß das Tentrnlorgau der social- demokratischen Partei Deutschlands immer und überall führend vorangehen. Statt dieser Anfgabe zu dienen, vertuscht eS und schweigt es tot. Ich klage den„Vorwärts" an. daß er die Auf« merksamkrit seiner Leser geflissentlich ablenkt auf umveientliche Dinge. wie ArbritSIofigleit. Zolltarif. Marine« Erlaß, Mißstände in der Justiz usw., und nur zu dem Zwecke, um seine» arme» bethörten Lesern die Wahrheit über die«merikafahrt vorenthalten zu können. Angesichts einer so erschreckenden Gewissenlosigkeit der politischen Redaktion des Blattes habe ich mich entschlossen, sür meine Person wenigstens das Versäumte nachzuholen. Ich habe mir einen droht- losen Chiffrier-Spccial-Kabel-Tauf-Berichterstntter geworben, der dank semer erstklassigen Vcrbi» düngen bereits heute in der Lage ist, den Parten, enoffe» zu melden, welche Ausbrüche des Hochgefühls dir dentsch-amerikanische Verbrüderungstanfe die nächste Woche hervorrufen wird. Indem ich noch betone, daß mein Gewährsmann nicht identisch ist mit dem Kabnliften des„Berliner Tageblattes" und auch für seine Vorschüsie nicht auskommt, laste ich die dechiffrierten Freuden- rausch- und Jubelwonne-Telcgramme meines vorzüglichst informierten Gewäfjrnimuies, Mr. Joele, folgen: Sonntag. Um die Sicherheit schönen Wetter» zu haben, hat der Kongreß heute eine Milliarde bewilligt, um in ganz Amerika mittels neu konstnnerter Dynamit-Kanonen alle Wolken wegzuschießen. Das ist der Gesetzentwurs betr. Herstellung von Hohenzollenrivetter. Die Küste entlang werden in Entfernungen von 1000 Metern Wachtposten errichtet, die dafür zu sorgen habe», daß nicht Wolkenzüge aus dem Ausland passieren. Alle Knaben, die in der nächsten Woche da? Licht der Welt erblicken, sollen den Namen Heinrich erhalten. Mädchen dürfen in dieser Zeit überhaupt nicht geboren iverden. Die Anarchisten entfalten«ine unheimliche Thätigkcit. Bei einem besonders gefährlichen Individuum, namens Patterson, fand man ein kleines Taschenmesser. Nach dem Ziveck befragt, erklärte der Mensch stech, er brauche eS zun, Bleistift-Anspitzen. Der Wer- dächtige ist eingesperrt worden. Es besteht die Absicht, alle An- archistcn für einen Monat nach den Philippinen zu schassen. Emma Goldmann ist unsichtbar vcrschivunden. Die Polizei ist unruhig. Ein Ladeninhaber in New Dork, der heute vor Zeugen erklärte, er würde an dem Tage der Ankunft sein Geschäft nicht schließen, wurde gelyncht. Er würde mit echt preußischem Fusel übergössen und dann angesteckt. Montag. In allen Schulen Übt man gegenwärttg die preußische Nationalhymne ein. I» Hundcrttausendeii von Tafeln werden die Denkmäler der Siegesallee verbreitet. Ein bekannter Spekulant hat riesige Masten von Bücher» über die preußisch- brandenbnrgische Geschichte in Berlin aufgekauft; sie werden mit Gold aufgewogen. Neber die Spalierbildung sind jetzt endgültige Bestimmungen getroffen worden. Es wird immer ein Neger, ein Weißer und ei» Indianer abwechseln, so daß die Straßen gleichsam endlose lebendige deutsche Fahnen darstellen werde»: schwarz-weiß-rote Menschenwälle. Der Sicherheit halber werden die spalierbildendeu Personen mit Handfesseln an die Laternen gebunden. Auf allen Straßen hört man nichts andres mehr als„Hurra" rufen. Der ganze amerikanische Sprachschatz ist in diesen, eine» Wort aufgegangen, das ganze amcritamjche«Seelenleben in diesen, Begriff geronnen. Die Anarchisten entfalten eine unheimliche Thätigkcit. Emma Goldmann ist noch immer verschivnnden. In New Dork wurde hexte ein Mann, der behauptete, die Namen der zur Zeit lebenden deutschen Prinzen nicht zu kenne», ans fürchter- liche Weise gelyncht. Dienstag. Präsident Noosevelt hat soeben eine Vcrfügnng erlassen, derzufolge jeder Amerikaner gegen eine«ininnlige Zahlung von S00 Dollar den Charakter eines Reservelientenants erhalten kann. Alle Postämter stellen diese Berelbtigungssckieitte aus. Der Zudrang zu den Postämtern war infolgedesien heute so stark, daß einige tausend Menschen erdrückt wurden. ES ist beschloffen worden. sie mit Reservelieutenants-Ehren zu begraben, auch wenn sie noch vor der Zahlung der 500 Dollar ihr Ende fanden. Ein schöner Tod! Alle Deutsche» in den Vereinigten Staaten spreche» in den nächsten vier Wochen nur englisch,»m die Gäste zu ehren. Die Indianer studieren den Berlinischen Dialekt. Die Anarchisten sind rühriger den» je. Die Polizei ist siebcr- hast thälig. Einuia Goldman» ist unauffindbar. Hente wurde in Nein Dork ein Kind gelyncht, iveik es plötzlich die Zunge herausstreckte. Es behauptete zwar, es hätte sich nichls dabei gedacht, man erkannte aber wohl die Demvilftraliou und zerriß das Scheusal in Stücke. M i t t>v o ch. Fünfzig amerikanische Orden wurden soeben ge- stiftet, jeder zu vier Klassen. Jeder Amerikaner kann die von ihm gewünschte Ordenssortc gegen die Erlegung des tarifmäßigen Satzes erhalte». Die sreinden Gäste brauchen nur die Hälfte zu bezahle». Die Neger und Indianer sind von den 10 höchsten, die Chinesen von den 15 höchsten, die Deutschen von den 20 höchsten Orden ans- geschlossen. Hundert Fabriken sind Tag und Nacht thälig, nin die Orden hcrznstellen, die sehr gediegen und künstlerisch geschmackvoll in durchiveg echte», p»pier mache mit abwaschbare» Linoleum-Einlage» ausgeführt iverden. Die Nachfrage ist ungeheuer. In Erwartung de« Ansbnichs einer Magenkatarrh-Epidemie ist Ms. Eddt) nach New Dork berufen worden. Die Anarchisten riilfalten eine furchtbare Thätigkcit. Bei mehreren wurden heute große Mengen von Streichhölzern, Stecknadel» und ähnlichen gefährlichen Materialien gesundeil. Die Polizei weiß nicht, wo Einum Goldmann gegenwärtig weilt. Ein Abstinenzler, der sich weigerte, einen Liter Cognac ans das Wohl des Herrn v. Tirpitz zu trinke», wurde von der entnisteteu Menge unter einen Straßenbahnwagen geworfen, der ihn bis zur Unkenntlichkeit zermalmte. Donnerstag. Die Bevölkerung der Bereinigten Staaten hat endlich ein« standesgemäße Rangordninig erhalten. Wir branchen inis jetzt nicht mehr vor Europa, insbesondre vor Dentschland zu schäme». Ein heute publiziertes Gesetz verleiht folgende Titel: Kaiser. König, Grotzherzog. Herzog. Markgraf. Fürst. Graf, Freiherr. einfacher«tdel. Alle Billionare haben das Anrecht auf den Kaiser- titel. Bis zun» lOfnche» Milliardär herab wird der König verliehen (mit und ohne von Gottes Gnaden), einfache Milliardäre erhalten den Großherzog. In dieser Weise geht es herab bis zum bloßen Adel, der schon bei einem Vermöge» von 100 000 Dollar erworben werden kann. Zu jeder Würde gehört«in« entsprechende Uniforrn. Den Kaisern, den Königen, Großher�ögen und Herzöge» werden Throne«»d Szepter z>l den Selbstkosten geliefert. Der Adel ist rückwärts erblich, und je nach der Zahl der ver- Uehenen Ahnen abgestuft. Verlust des Vermögens zieht den Verlust deS Titels nach sich, indessen können bei betrügerischein Bankrott unter gewissen Bedingungen die bisherigen Würden erhalten bleiben. Di« Befriedigung über dies« Neuordnung ist allgemein. Nur vermißt man Bestimmungen, in welcher Weise die einzelnen Ränge mit einander auf dem Wege der Heirat in Verbindung treten dürfen. Man befürchtet Mesalliancen. Die nationale Begeisterung ist zum Taistm angewachsen. Zehn Anarchisten wurden deS Landes verwiesen. Man ist Ennna Goldmann auf der Spur. Eine Krau, die deutsch sprach, wurde von dem erregte» Volke erwürgt. Man will eine solche Verhöhnung der deutschen Gäste mit Recht nicht dulden. Freitag. Präsident Roosevelt hat die letzte Hand an seine letzte Ansprache gelegt. Er ist ziemlich erschöpft, aber unendlich Eliicklich und enihusiastisch gestimmt. Er wird zunächst etwa 5 Lnsprocken halten, u. a. über Joachim II., das Jntareich, die rauchfreie Verbrennung, Goethe und Marc Twain, Beethoven und Eouza, die religiöse Entwicklung Berlins und der Vororte in den letzte» drei Jahrhunderten, die Zukunft der Schiffsschraube, die Fabri» lation von Lanolin, u. s. w. Heute wurden alle Blätter kousisciert, weil sie ihre Begrnsznngs- artikel irrtümlich mit der Wendung:»Es lebe die Republik!" ge- schlössen hatten. Dieses scharfe Vorgehen wird allgemein gebilligt. Wir dürfen keine derartige Verhöhnung des monarchischen Gefühls dulde». Man hat schwere Besorguiffe wegen der Anarchisten, die sich dreist auf der Straße zeigen. Die Spur Emma Goldmanns ist wieder verloren. Eine junge Dame, die außerehelich heute ein Mädchen gc« boren hatte, wurde samt dem Kinde sofort erschlagen, obwohl sie sich dazu bereit erklärt hatte, das Mädchen Heinrich zu taufen. Die Strafe ist streng aber gerecht. F r« i t a g m i t t e rn a ch t s. Erfahre soeben, daß die llnion den Antrag stellen wird, als Bundesstaat den» deutschen Reiche ein- verleibt zu»verde». Die Begeistennig wächst immer noch. Heute wurden 1200 Menschen voin Herzschlag getroffen, weil sie die Aufregungen des ungeduldigen Wartens nichl»»ehr ertragen konnten. Emma Goldmann»vird verfolgt. Gelyncht wnrde letzthin ein alter Man», der ein grimmiges Gesicht schnitt(aiigeMitti wegen Zahnschmerzen— aber wer glaubt das!) und ein sechszehnjähriges Kränlein, das höhnisch lachte langeblich über ihren Geliebten, aber wein kann man das einreden!) Sonnabend.(Dringendes Kabeltclegrannn.) Hurra, hurra. hurra I •• • vier Wochen später. Heute wurde das Gesetz publiziert, das gegenüber den deutschen Waren Zollzuschläge zivischen 200 und 300 Proz. verfugt. Diese Zollsätze treten in Kraft,»vc»»» der delitsche Zolltarif Gesetz ge- worden ist.— Joe. Kleines �euillekon. so. Winterfahrt. Winterfahrt l Wißt Ihr eigentlich, ivas das bedeutet, Ihr da drinnen in der große>r..Sladt? Winterfahrt über knirschenden Schnee, durch verschneite Heiden, dein Wind entgegen bei Schlittenglockeutlang I Ihr wißt ja noch nicht einmal,»vas Schnee ist, Ihr da drinnen in der großen Stadt. Wenn Ihr mit der Stadt» bahn nach Halensee fährt und ein paar»veiße Felder sich vor Euch austhun, denkt Ihr schon, Ihr habt den Winter gesehen. Ach ja, der Winter I Wundervoll ist der Winter, wenn mau ihn draußen trifft, ganz weit draußen, da wo die Stadt nichl hinkonunt mit ihren» Lärur»ind ihrer Lust. Nach Halensec, nach dem Grunetvald kommt sie! Aber hier draußen... Die Schlittenglocken klingeln und die Pferde greifen aus. Das ist eine Fahrt. Endlos dehnt sich die Chaussee ins Weile. Die langen Baunireihen laufen zusammen, öffnen sich und laufen wieder znsammeii, es ist eine Schlange ohne Ende. Und rechts und links Wald. Märkische Kiefernheid« ist eS, eintönig, elvig gleich. Eivig gleich? Drüben, wo die Sonne zu Mittag über den Föhren steht, ist der Schnee schon lang- von den Aesten verschivunden. hier und da»wch «in»venig, au schattiger Stelle,»venu der Wind durch die Wipfel streicht, sinkt auch er; durch das fliunirernde Sonnengold sinkt er»vie eine Flut funkelnder Diamanten. Grün und frisch hänge»» die Nadeln oben an den Ziveigen, saftvoll und kraftvoll. Es ist eil» Schivellen und Keimen darin, eil» Gruß vom Frühling. Der Haselstrauch ain Wcgesrand hat seine Lenzfahnei» auch schon herausgehängt: lange, grüne Kätzchen flattern in, Wmde. lleber de» Birken hängt ein roter Dnft. Rur kurze Zeit noch, dann werden die kahlen Aeste wieder grün. Drüben an der Nordseitc ist davon freilich noch nichts zu merken. Da liegt die Heide„och im Schnee. Blaulveiß breiten sich Hänge nud Halden; auf allen Ziveigen, auf allen Aesten drückt die schimmernde Last. Wo sie zusammen einlaufen mit den Stämme»», Ivo ein Knorpelchen, ein Höcker sich bietet, überall glänzt es>»>id gleißt und funkelt. In das eintönige Einerlei der schwarzen Stäunne hat der Schnee ein Gcivirr leuchtender Linien gezogen. Sie fließen ineinander und verschlingen sich, sie streben empor und»eigen sich nieder: der ganze Wald ein Märchenland, ein zauberhaft verschnörkelter»veißer Korallenstei». Uud durch all die funkelnde Herrlichkeit saust der Schlitten. Manchmal kommen niedere Schonungen, da stehen die Taunen im Schnee»vie Weihnachtsbäume, auf dcnen»veiße Glimi»icrlvatte glänzt; niauchnial öffnet sich eine Schueise, da schaut man»valdein in ein Iveißcs Schneeland. Drüben hinter den Hügeln steht der Eispalast der Schneekönigin. Wollen»vir hin? Vorüber saust der Schlitten. Und lichter»vird der Wald, und rechts nnd �links dehnen sich Felder. In endlose Weiten gehl der Blick, über Becker»»nd Wiesen, über Hügel und Niederungen. Hier und da eiu Erlenbnsch, eine Pappelallee, ein verlornes Gehöft iin Schnee vergraben. Durch Slrauchiverk und Hecken»vindet sich ein Fließ. Krähen steigen aus dem dürren Riedgras und streichen krächzend dem Walde zu. Das einzige Leben auf der gairzen Fläche. Nein, doch nicht das einzige I Fernher klinge» Schlittenglocken, und nun konnnt es heran- gebraust: einer, zivei, immer»»ehr. Dorfschlitte» sind es, ungeheuer- liche Dinger, die meiste» Holzkufen mit Stroh umflochten, bemalt nach Urgroßväterart. Es ist aber«in Jubeln darin, sie kennen sich alle, oder doch die nicisle», und lachen nnd»vinken und rufen ein- ander zu. Und dann kommt ein ganz eleganter, zierlich gebai»t mit präch« tigen Decken, die feurigen Rappe» habe» abgestiminles Geläut. Fein und silbern,»vmiderlicblich zittert es durch die Winterluft. Aber die Dame» in den eleganten Pelzen lachen und rufen und winken nicht mit. Stliinin»nd stolz fahren sie vorüber. Der Kutscher»virst ihnen einen Blick nach:»Die sind vom Gut." Aber die Pferde setzen sich in Trab und nun noch eine Biegung »im den Eichenkamp, da liegt das Dorf im Soniieuschehl. Solch' ein märkisches Dorf, ein»virklichcs Dorf. Gott. Ihr Berliner,»vas wißt Ihr davon? Keine stolzen Villen, wie in Halensce, keine statt- lichen Gärten; niedere Häuser aus Lehm und Fachiverk; man kann das Dach mit der Hand erreichen. Wenn die Hauöthür aufgeht, zieht Rauch heraus,»ritten auf dem Hausflur liegt die Küche. Und der Herd ist aris Ziegelsteine»; Steine decken den Boden, harte Steine. Uud die lange Front hat nur wenig Fenster, nnd die Fenster sind niedrig und schmal. Wer vorübergeht, kaiu» hincinschauen. Armseliger Hausrat steht in der engeu dumpfen Stube, arme Leute »vohuen darin, Tagelöhner drüben von» Gut. Das Gut ist prächtig. Hoch und stolz blickt da? Schloß aus den» iveiten Park. Schloß ist cige>»tlich zu viel gesagt, aber eiu Herrenhaus ist es,»veit nnd stattlich urit großen Sälen»nd hohe» schimmernden Spiegelfenstem mit Ballons und Ecken» und Tjjürniei». Und der Park hat»veite Alleen»»nd freie Plätze, und das Fließ geht mitten hiudurch, da»n»d es sich gut träuineu,»venu der Sommer koniurt,»venu auf den Feldern die Sonne brennt,»veiui die Tage- lvbner keuchen in der Hundstagsglut und hier das Eichlaub grüne Däininernug spinnt. Aber jetzt liegt alles im Schnee. Im Schnee liegt die Kirche, nnd sie ist groß und stattlich»md trägt an der Thür ein herrliches Schild, darauf steht in goldne» Letten» verzeichnet,»vaS die Gutsherrschaft für die Kirche gethai». Im Schnee liegt auch die Schule. Sie ist klein und erbärmlich und hat nur eine Klasse, darin A-b-c-Schntzen und Konfirmanden zu« sammei» LebenSlveisheit lernen. ES ist aber auch nur die Schule für Togclöhuerkinder. es meldet auch kein Schild in Goldbuchstaben, daß überhaupt schon jemand etwas für die Schule gelha». Ueber Reichtum und Elend deckt seine Hülle weiß und lveich der Schnee. Aber der Wind geht scharf übers Feld und die Sonne sinkt; hinter den» hohen Turm des Schlosses glüht ein blutiges Abendrot. Der Kutscher»oendet den Schlitten zur Umkehr, er siebt in die rote Glut und hallcht in die Hände:.Ick glötv, dat will»vedder freren tau Nacht. Ick glölv,»vi krigen harte Tiden."— ss. Ueber den Nährwert deS EicS plaudert ein Mitarbeiter der»Blätter für Voltsgesuiidheitspflege". Es ist gar nichts Uu- geivöhnliches, daß einen» Kranken da? Eigelb in der Snppc ver- rührt, das Eiweiß aber vorenthalten wird. Das ist ziemlich das Verkehrteste,»vas man mit einein Ei thuu kann, denn sein ivcrtvollster Bestandteil ist im Eilveiß in«»cheblich größeren Mengen enthalten als im Eigelb. Das Eidotter hat allerdings auch einen sehr bedeutenden Nährivert, aber Haupt- sächlich»vcgen seines Fettgehalts. Das Eilveiß. tvie es als Bestandteil des EieS vorkommt, ist in seiner Zusammeusetzung keineswegs dasselbe»vie das Eilveiß nach den» Sprachgebrauch des Chemikers, denn es besteht mir zu etlvas über 13 Proz. auS eigentlichem Eilveiß und zu fast 87 Proz. ans asasser. Immerhin verhält sich der Eilveiß- gehalt im Eiereiweiß zu dem im Eigelb»vie 5:8. Da»un daS Eilveiß als der»vichtigste Nährstoff und als die hauptsächlichste Quell« der LebenSenergie angescheu»vird, so kann das Urteil über das Wert- vcrhälülis der beitze» Bestandteile des Eies nicht ziveifelhaft seilt. UebngcnS wird der Nährwert des einzelnen EieS ebenso oft über- schätzt wie unterschätzt. Eine Redensort wie: ein Ei ist ebenso viel wert Ivie ein halbes Huhn, ist wohl mehr um eines Scherzes willen entstanden, zum mindesten nicht ernst zu nehmen. Ein Pfund Fleisch ist nach dem heutigen Preise billiger als diejenige Anzahl Eier, die denselben Nährwert an Eiweis und Fett geben würden, denn ein Ei wiegt in dieser Beziehung mir' etwa 40 Gramm Fleisch oder 150 Kubikcentimeter Milch auf. Ändrerseits ist die Verlvendung der Eier von hohem Wert überall da, wo eine Steigerung des Nähriverts und des Wohl- geschmacks gleichzeitig gewünscht wird, und da das beinahe immer der Fall ist, so folgt daraus die unvergleichliche Bedeutung des Eies in nnsrer Kost. Nun kommt es aber noch sehr auf die Art an, wie das Ei genossen wird. Daß es möglichst frisch sein muß, ist selbstverständlich, und von der Güte des Eies kann sich in dieser Beziehung jeder leicht überzeugen, da sich frische Eier durch ihre größere Durchsichtigkeit und durch ihr größeres Gewicht'auszeichnen. Frische Eier müssen in einer 5 bis Ivprozeutigen Kochsalzlösung zu Boden sinken. Mit den bekannten Mitteln, unter denen das Kalkwasser wohl die weiteste Verbreitung hat. lassen sich Eier lange aufbeivahren, ohne daß ihr Nährivert' beeinträchtigt wird, falls das Eindringen von Fäulniskeimen durch die Schale verhindert wird. Die Abnahme der Durchsichtigkeit und des Gewichts beruht nämlich ausschließlich auf einem Wasserverlust infolge der Verdunstung durch die Poren der Eier- schale. Die zweckmäßigste Art der Verspeisung eines Eies ist das Verquirlen des ganzen Inhalts, die unzweckmäßigste das Trinken roher Eier. In letzterem Fall ballt sich nämlich das Eiweiß im Magen z» einer kugeligen Masse zusammen und wird nur in ganz kleinen Teile» verdaut. Gekochte Eier sind rohen Eiern daher immer vorzuziehen, und selbst ein hart gekochtes Ei ivird niemand schiver verdaulich finden, wenn er sich zu einer Zcr- kleinerung iin Munde Zeit läßt, wie ja überhaupt die sogenannte schwere Verdaulichkeit von Speisen in vielen Fällen durch ein sorg- sameS Kauen zum mindesten teilweise aufgehoben ivird.— Theater. Berliner Theater.„Maria von Schottland.� Teil I:„Darnley", Schauspiel in vier Akten von Björn- st j e r» e B j ö r n s o n.— Ter große und unerivartete Erfolg, den Lindair mit der Aufführung von„lieber nnsre Kraft" erzielte, und die absolute Dürre in der gegenwärtigen dramatischen Produktion lasten d en Versuch, den er jetzt mit einein der historischen Jugend- dramen des Dichters gemacht hat. erklärlich erscheinen. Zum Ruhme Björnsons dürfte aber diese Ausgrabung ivcnig bei- tragen. Dem Stücke fehlt es an ausgeprägter Physiognomie, an Plastik, an Koncentration, an Uebersichtlichkeit und Schlag- kraft der Handlung, an jener Kunst, den geschichtlich gegebenen Stoff auf einen einfach klaren, menschlich interessanten Konflikt zu reducieren. Allen möglichen geschichtlichen Kleinkrani, der uns nicht im geringsten interessiert,»nisten wir mit in Kauf nehmen. ohne daß darum das Zeitbild uns lebendiger würde. In breiten Partien sinkt das Schauspiel, welches ein historisches Drama sein lvill, zur dramatisierten Historie herab. Nichts von dem Wirrivarr der Verschivörungen, Jntrignen und Berrätereicn, die sich um Darnley und Maria Stuart herumdrängen, Ivird uns erspart. Man bat Mühe, sich darin zurechtzufinden, lind die Fäden psychologischer Entwicklung, die angesponiien sind, reißen unter der Wucht dieses schiverlasteuden, toten Stoffes immer tviedcr ab. Maria Stuarts und zmn Teil auch Darnleys Charaktenstik bleibt in aphoristischen Ansätzen stecken. Der wirkliche Darnley, der neunzehnjährige Gemahl der jungen schottischen Königin, der, um ihre Hand zn erhalte», seine» pro- testantischen Glauben abgeschworen hatte, war ein roh-brutaler Wüstling. Um sich an Maria, die ihn, ihre Verachtung fühlen ließ, zu rächen, brach er mit seinen Spießgesellen in die Gemächer der Königin und tötete vor ihren Augen ihren vertrauten Sekretär und Günstling, den Italiener Rizzio. Und wie er gegen Maria mit den unzufriedenen Lords komplottiert hatte, so schlug er sich, als sie aus der Gefangenschaft befreit war, auf ihre Seite und lieferte die Mitverkchworeuen ans Messer. Die Streitmacht derselben wurde zerstreut, sie selbst, so weit sie durch die Flucht sich nicht zu retten vermochten, verhaftet und hin- gerichtet. Nach einer kurzen Zeit der Versöhnung ruft seine Roheit neuen Streit hervor. Maria trennt sich von ihm. Bothwell, der erste ihrer Heerführer, wirbt um ihre Liebe und erdrosselt den erkrankten Darnley. Die Heirat des Mörders mit der Witwe des Gemordeten facht den Aufruhr von neuem an. Maria wird zur Abdankung gezwnnge». In England, wohin sich die Flüchtige wendet, wird sie die Gefangene Elisabeths und endigt— trotzig, mit dem Ruf nach blutiger Vergeltung, ganz anders als das sanftverklärte Schillersche Nachbild— ihr Leben auf dem Schaffot. Der erste auf dem Berliner Theater aufgefiihrte Teil der Björusonschcn Maria Stuart- Tragödie schließt mit der Ermordung Darnleys. Der Darnley Björnsons verübt all die Grcuellhaten und Verrätercicn, von denen die Geschichte berichtet, aber doch ist er mehr unglücklich als schlecht. Es ist etwas Kindliches in ihm und glühendes Sehnen nach Liebe. Mit allen Fasern seines Herzens hängt er an Maria, hinter jeder Kränkung, die er ihr zufügt, steht das Verlangen, die ihm innerlich Verlorene zurückzugewinncn. Berannvortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. und die furchtbare Angst, daß alle? doch vergeblich sein wird. Unfähig jedes ruhigen Urteils und jeder Selbstbeherrschung ist er ein Spielbäll des flüchtigsten Eindrucks. Wie die Eifersucht eine solche Seele martert, wie der wahnsinnige Gedanke in ihm aufschießt, Rizzio vor den Füßen Marias niederzustrecken und durch das Fürchterliche der Rache den Trotz des Weibes zu brechen und ihre sich ihm versagendeLiebe zu erobern, das ist mit feiner psychologischer Kunst entwickelt. Sehr wirksam, wenn auch allzu wenig vorbereitet ist dann die Scene, in der er, der Abtrünnige des protestantischen Glaubens, als die letzten Hoffnungen der Liebe ihm zerronnen sind, John Knox, den strengen und gewaltigen Prediger des neuen Glanbens, aufsucht. Seine Seele ist wund geworden von den Qualen, die er erduldet hat, von Reue und Schani. Und plötzlich bei den gütig ernsten Worten deS Priesters bricht das überall zurückgestoßene Liebesempfinden i» die helle Flamme eines selbstlosen, religiös sich hingebenden Ge» fühles aus.„Ach ich habe ein so heißes Verlangen nach Liebe.' Und Knox weist ihn von sich zu dem„Höheren, der Hilfe senden wird, die niemand ahnt." Aber es war der Enthusiasmus weniger Augenblicke. Daun kehrt die Liebe, die sich zu höherem Schwünge zu entfalten schien, zum Weibe, zu Maria zurück. Der Gedanke an sie verklärt ihm seine letzte Stunde, als der Meuchelmord Bothwells fchon vor dem Thore lauert. Maria selbst ist in dem Stück bei weitem weniger interestant. Die Gestalt hinterläßt keinen irgendwie bestimmten Eindruck. Die vielerlei Züge runden sich zn keinem Bilde. Bor allem, auch Marias Verhältnis zu Darnley bleibt unklar. Man sieht nicht recht, wie Haß und Liebe hier ineinanderfließen. Das Allerwichtigste wird hier oft mit ein paar erzählenden Worten abgethan, während allerlei Verschwörer und Kronpräteudetiten mit weitgehendster Redefreiheit ihre gleichgültigen Pläne erörtern dürfen. Während sonst im allgemeinen gut gespielt wurde— Harry Waiden war sogar ganz ausgezeichnet als Darnlny, er brachte das Gemisch von Weichheit und Wildheit in dieser Figur wunderbar heraus—, wurde die unglückliche Schottenkönigiii auch in dieser Hinsicht vom Unglück verfolgt. Eine Darstellung, lvie sie ihr hier zu Teil wurde, hatte sie trotz aller ihrer Sünden nicht verdient.— — dt. Humoristisches. — Verraten.„Warum bist Du gestern nicht in die Schule gekommen, Pcpi?" „Das steht ja auf dem Zettel!' „Dummer Junge, ich will wissen. waS Dir gefehlt hat l' „Das hat mir mei' Mutter net g'sagt I"— — Arge Enttäuschung. Freundin:„Was ist Dir denn, meine Liebe? Du bist ja ganz aus dem Häuschen!" Frau:„Ach, mein Manu, der Barbar, hat mich vorhin, als ich wegen eines neuen KlcidcS ohnmächtig wurde, tief verletzt I" Freundin:„Das hält' ich von Deinem Gatten gar nicht er- wartet l... Was tbat er den»?" Frau: Denk' Dir nur, p h o t o g r a p h i e r t hat er mich!"— — Ein Schlancherl. Frau:.... DnS sag' ich Dir aber Alois, eingekehrt wird auf dem Heimwege nicht mehr!" M a n»:„Natürlich nicht l Wir wollen auch zur Vorsicht hier so lange sitzen bleiben, bis alle andren Lokale geschlossen find!— st.Fliegcude Blätter.") Notizen. — Herr I n l i u S Meier- Graefe, einst Redacteur deS „FAN", ist jetzt in Paris Direktor eines modernen K u n st g e w e r b e- B a z a r s.— —„ES lebe das Leben", Sudermanns ncncS Stück, hat im Deutschen Theater in zehn Vorstellungen eine Ein- nähme von 35 200 Mark gebracht.— — DaS„Nene Kinder-Theater" gastiert heute, nachmittags 4 Uhr, zum letztenmal in, Trianon-Theater.— —„Alt-Heidelberg" hat dem Berliner Theater, unter der Direktion Lindau, den größten bisherigen Er« folg gebracht. Während der ersten fünfzig Aufführungen wurden fünfzigmal ausverkaufte Häuser erzielt.— — DaS Deutsche S ch a n s p i e I h a» S in Hamburg hat einen k a n fm än n i s ch e» Beirat erhalte».— Nun wird man es wohl etwaS billiger machen!— — D' A l l> e r t s Oper„Der Improvisator" geht am 25. Februar im Opern hause erstmalig in Scene.— — Millöckers Operette„Gasparone" wird nächstens im Carl Wciß-Theater aufgeführt werden.— — Die Gruppe der Sechzehn, die aus der S e c e s s i o n a n S g e f ch i e d e n ist, ivird in der Großen B e r l i n e r K u n st- a u S st e l l u n g eigne Säle und eigne Jury erhalten.— — Bei W e r t h c i m wird am Montag ein neuer Ans- stellungs- Cyllns eröffnet, der Gemälde von Hamburger und jungen Berliner Künstlern bringen wird.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.